Schlagwort-Archiv: fantastiques

In der Stille wächst das Vertrauen

I.

Sag, wann warst du dir das letzte Mal so nahe: Vor vier Jahren saß ich, Tobias Bonifatius Kotschitsch, Protagonist dieser Erzählung, hier in B. in einer dieser billigen Absteigen, von denen es schon allein in dieser Stadt viel zu viele gibt. Die Vorgeschichte: Flug verpasst, stattdessen eine halsbrecherische Fahrt mit einer versifften Karre von Taxi und dem Fahrer in seinem penetranten Ronaldo-Trikot. Abgelenkt von seinem ständigen Gelaber und dem seichten Plastikpop-Gedudel aus dem Radio wäre er fast in einen SUV gekracht. Bei mir hat andauernd das Handy geklingelt. Fast zu spät gekommen. Gepäck vergessen, kein Wechselgeld parat. Das Mittagessen in einem schäbigen Vorstadtrestaurant, völlig versalzen, fett und überteuert – eine Frechheit in diesem Land. Dazu das ewig gleiche arrogante Getue meiner Kollegen hier vor Ort. Und die Bullenhitze. Mir ist der Schweiß in Strömen heruntergelaufen. Na ja, da kannst du halt nichts machen.

Eigentlich ging mir diese ganze Reise schon jetzt gehörig auf den Zeiger, und ich sah schon viel zu lange keinen Sinn mehr darin, mich von meinen ausländischen Verhandlungspartnern regelmäßig übers Ohr hauen zu lassen. Eine Dienstreise ist nun mal kein Kindergeburtstag.

Aber jetzt zurück zur eigentlichen Geschichte: Nach drei gepflegten Single Malt in der Bar sitzt du hier in deiner Bude und weißt nichts mehr mit dir anzufangen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, du bist das Alleinsein ja schließlich gewohnt. Ziehst dir irgendeinen Film rein, aber nicht so Schwarz-Weiß-Zeugs mit Ingrid Bergman, vielleicht eher einen amerikanischen Psychothriller aus den Neunzigern. Liest ein paar Seiten im Schahname und fällst dann hundemüde in die Kiste, denn morgen ist wieder ein neuer Tag. Tja, aber diesmal war das nicht so. Und warum das diesmal nicht so war, kannst du dir auch nicht erklären. Und am Single Malt lag es höchstwahrscheinlich auch nicht.

Aber ich helfe euch mal auf die Sprünge:

Ich fühlte mich damals einsam und erschöpft. Ich blickte auf die Straße. Nichts Besonderes mehr um elf Uhr nachts, das Leben da draußen hatte sich davor abgespielt. Du sprichst die Sprache nicht und so fällt die Kultur für dich flach. Und ich überlegte, ob ich noch ein oder zwei Flaschen Bier und eine Dose geröstete Erdnüsse aus einem „Convenience Store“ – die ja hier bekanntlich 24 Stunden offen haben – holen sollte.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Ich ging hin und öffnete sie. Draußen stand ein hagerer älterer Herr mit Vollbart und Glatze, in Badelatschen, karierten Bermudas, einem ausgeblichenen Led-Zeppelin-T-Shirt und fragte mich, ob ich ihm zufällig eine Schachtel Aspirin oder ein Ladekabel für sein Handy borgen könne und: „ob ich nicht mal nach dem Deckenventilator schauen kann, der macht seit ungefähr ’ner halben Stunde so ein eigenartiges Geräusch, mach mir Sorgen, dass der bald den Geist aufgibt und mir auf den Schädel plumpst.“ Ich bejahte, fragte ihn zudem nach seinem Namen und er verriet mir, dass er Kevin McArthur hieß.

Ich ging mit in sein Zimmer, lieh ihm die Sachen, inspizierte den Ventilator, und er lud mich dann noch auf einen Gin Tonic ein, um ein wenig zu plaudern. Er erzählte zuerst so Sachen wie: „Im Leben kommt immer alles anders, als man denkt, und die schlechten Erfahrungen lehrten uns die guten zu schätzen, ob du es glaubst oder nicht.“ Oder „ An so was wie Gerechtigkeit glaube ich zwar schon lange nicht mehr, aber an der Sache mit dem Karma, da ist hingegen schon was dran.

Als er die Flasche Gin geköpft hatte und aus seiner Kühlbox ein paar Eiswürfel hervorkramte, sagte er zu mir: „Erzähl mir mal von dir. Aber dass das klar ist, komm gleich zur Sache und erzähl mir nicht so’n langweiliges Zeug, ja.“

Also fing ich an:

„Ich war schon als Kind anders. Was heißt anders, ich hatte halt keinen Bock auf das, was die anderen machten. Fußballspielen, Rollerfahren und den Kram. Auch wurde ich von den anderen nie zu Geburtstagen eingeladen. Aber besonders gestört hat es mich früher nicht oder nicht so, dass du es als Problem bezeichnen konntest. Noch einmal zurück zu dem, was ich vorhin gesagt habe: Ich wusste nicht, worum es im Leben wirklich geht, und gab mich schon mit guten Schulnoten, einem Himbeer-Stracciatella-Eis oder einer kompletten Sammlung von Star-Wars-Sammelkarten zufrieden. Andere Menschen waren mir zuwider oder bestenfalls gleichgültig. So war das eben.

Jedenfalls nahm dann alles seinen Lauf. In der Schule biss ich mich Jahr für Jahr so durch, war zwar nicht besonders faul, hatte aber auch nie so richtig für etwas Talent. Außer vielleicht für Jahreszahlen. Ich studierte auf Wunsch meiner Eltern Geographie, weil ich Lehrer werden wollte. Nicht dass ich das Studium besonders mochte, aber das ist ein anderes Thema. Später bekam ich als Quereinsteiger meinen Beruf in einem Unternehmen für Rasenmäher und verdiente ganz ansehnlich.

Warum ich das erzähle: Du hast es wahrscheinlich schon erraten, geneigter Zuhörer, mich machte mein Leben nun einmal nicht glücklich. Und das konnte mich wahnsinnig machen. So wahnsinnig, dass ich manchmal die Decke hochgehen wollte vor lauter Wahnsinn. Was hatte ich denn sonst schon in meinem Leben wirklich verbockt? Ich habe mit harter Arbeit alles kompensieren wollen, jeden Misserfolg. Es konnte doch nicht sein, dass ich in dieser Hinsicht ein Versager war.

Und warum war ich ein Versager?

Oder präziser gesagt: Warum wurde ich ein Versager und blieb auch einer?

In zwischenmenschlichen Beziehungen – wie bereits gesagt – hatte ich in meiner Schulzeit einfach keinen Erfolg. Und damit meine ich keine langanhaltenden Freundschaften – nein, das wäre auch nicht nötig gewesen, sondern irgendeine schöne Begebenheit. Vielleicht mal ins Kino oder auf ein Eis oder ins Schwimmbad. Aber auch schon ein Gespräch, ein Lächeln, ein Blickkontakt, eine Berührung, so etwas …“

„Quatsch, du warst vielleicht einfach nur mit dir selbst beschäftigt. Oder deine Eltern haben dir das mal verboten: ‚Spiel nicht mit diesem, spiel nicht mit jenem’, ‚Konzentriere dich auf den Schulstoff’, ‚Das andere kommt noch früh genug’, einfach idiotisch“, raunzte Kevin, als er gerade die Pappbecher mit dem Gin anrichtete. „Was waren deine drei bisher schönsten Erlebnisse, denk mal scharf nach“, fuhr Kevin weiter fort und reichte mir meinen Becher.

Ich nahm den Becher, sprach einen Toast auf die Sehnsucht und begann zu erzählen.
„Als ich Aniko kennenlernte, obwohl es eine flüchtige Bekanntschaft war. Erinnere mich noch genau, als ich auf dem Weg zur Schule meinen Regenschirm aufspannte und mit ihr zusammen in die Schule ging.“

„Aber gesprochen hast du mit ihr nichts, oder?“

„Kurz darauf hat sie die Schule gewechselt.“

„Was ist dir noch in Erinnerung geblieben?“

„Hast du später noch einmal was von ihr gehört?“, fragte Kevin, nahm einen Schluck von seinem Gin.

„Nein. Überhaupt nichts“, antwortete ich.

„Was kam danach?“

„Danach kam Christina“, sagte ich „aber das war über sechs Jahre später. Christina war ein Engel, so warmherzig, so reif für ihr Alter. Ich erinnere mich noch gut an den Tag in der Bücherei, als sie sich so darüber gefreut hat, dass ich das älteste Buch – das übrigens noch in Fraktur gedruckt war – gefunden habe. Oder sie half mir auch einmal, als ich während der Klassenarbeit Kopfschmerzen bekam und sie den Lehrer davon überzeugte, dass ich die Arbeit wiederholen konnte. Aber sie sagte auch einmal in Religion, dass sie verstehe, warum sich Menschen vor Engeln fürchteten – das war seltsam, nicht wahr?

Kevin hörte mir andächtig zu und sagte: „In der Tat“, dabei musste er kräftig husten. „Was ist mit dem dritten Erlebnis?“, fuhr er fort.

„Ich erinnere mich am besten an Nathalie, die ich im Sommer vor vierzehn Jahren in einem Portugiesischkurs traf. Zuerst saß sie in der letzten Reihe, und ich habe öfter zu ihr heimlich hinübergeblickt. Aber ich war nicht sicher, ob sie es gemerkt hat. In einer der folgenden Lektionen setzte sie sich unvermittelt neben mich und gab mir ihre Adresse, da ich für sie in der nächsten Woche mitschreiben sollte. Nathalie saß tatsächlich neben mir und kicherte, und ich war so perplex, dass ich es nicht einmal realisiert habe.“

„Das ist aber nicht gerade viel, was du über sie weißt. Und es ist außerdem schon verdammt lange her. Klar, danach machtest du noch mehrere Bekanntschaften, aber so intensiv wie bei den ersten drei wurde es nie wieder, nicht wahr?“

„Vielleicht hatte ich auch Angst vor Zurückweisung. Überlege dir mal, was passiert wäre, wenn irgendein Kontaktversuch danebengegangen wäre. Oder ich rot geworden wäre und um Worte ringen hätte müssen. Das ist in jungen Jahren schwer auszuhalten. Da ist es immer angenehmer, sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen, auch wenn einem etwas entgeht. Aber lange Zeit bereitete mir das Fehlen solcher Kontakte auch keinen großen Schmerz, und ich wäre einer Beziehung nicht gewachsen gewesen. Und ob mich mein Gegenüber auch so interessant gefunden hätte, das steht natürlich auf einem anderen Blatt.“

Kevin nahm noch einen letzten kräftigen Schluck von seinem Gin. Er inspizierte die Eiswürfel in seinem leeren Becher.
„Tja, da kann man eben nichts machen“, sagte Kevin. Aber ich kenne da einen Trick: Du musst nicht hoffen, dass du ein und denselben Menschen noch einmal im Leben triffst. Aber manchmal triffst du Leute, die erinnern dich an andere Leute und mit denen kannst du es versuchen. Vielleicht trifft ja auch die andere Person dich auf diese Weise noch einmal. Irgendetwas gibt dir schon die Antwort. Ansonsten musst du versuchen, die Stille auszuhalten, so schwer es dir auch fällt. Es reicht, sich auf die Suche zu machen. Ob man ans Ziel gelangt, ist natürlich eine andere Frage, aber man muss sich zuerst auf die Suche machen.“

Ich hatte jetzt auch meinen Gin Tonic ausgetrunken und war gerade im Begriff zu gehen, als Kevin fortfuhr:
„Und da wäre noch die Sache mit den Außerirdischen?“

„Außerirdische, komm mir doch nicht mit diesem Blödsinn!“, rief ich verdutzt.

„Ja, Außerirdische. Es wäre ja absoluter Topfen zu glauben, da kämen welche oder wir könnten jemals mit irgendwelchen Kontakt aufnehmen, man denke nur an die Relativitätstheorie. Einstein und so, das weißt du bestimmt. Aber die meisten Menschen glauben trotzdem an Aliens und das gibt ihnen eine gewisse Hoffnung. Dummerweise wird für die Astrophysik viel zu viel Geld ausgegeben. Damit könnte man genauso gut in Alaska nach dem Bernsteinzimmer suchen, genau the same fuckin’ shit. Das Geld fehlt dann an anderer Stelle, beispielsweise in der medizinischen Forschung, ist ja logisch.“ Kevin machte eine kurze Kunstpause und kratzte sich am Rücken, dann redete er weiter:
„Und doch denkt fast jeder, dass die Suche einen Sinn hat. Was für einen genau, kann er mir natürlich nicht verraten, aber er denkt trotzdem, dass alles nicht umsonst war.“

Dabei nahm er den Beutel mit dem Tabak aus der Hosentasche und drehte sich die erste von mehreren Zigaretten.
„Bei manchen Leuten ist das die einzige Hoffnung, um weiterzuleben“, sagte er. „Verstehst du: weiterleben“, fügte er hinzu.

Ich fragte Kevin nach einem anderen Beispiel und er antwortete mir, dann gab er mir drei Oliven in die Hand und sagte: „… Schließ jetzt die Hand und denk mal eine Zeit lang darüber nach.“

Aus dem Fernsehlautsprecher vernahm ich auf einmal, obwohl der Bildschirm nicht lief, eine tiefe, geheimnisvolle Männerstimme:
„Ein samisches Sprichwort: In der Stille wächst das Vertrauen.“

Da fiel plötzlich der Strom aus. Das ganze Zimmer wurde zu einer schwarzen, lautlosen Wüste. Auch Kevin war verstummt. Plötzlich wurde es ganz still in meinem Kopf. Ich wollte wieder zurück in mein Zimmer, doch als ich den Türgriff in der Hand hatte, brach dieser ab. Die Stunden wurden zu Tagen, zu Monaten, zu Jahren: Nichts passierte. Nada.

Als der nächste Tag anbrach, fand ich mich wieder in meinem Zimmer vor. Ich öffnete meine Zimmertür und ging in Kevins Zimmer. Er war spurlos verschwunden. Von den Oliven in meiner Hand waren nur noch die Kerne übrig. Diese warf ich in meinem Zimmer in den Papierkorb.

II.

Lange Zeit nach dieser Dienstreise war bei mir alles wieder beim Alten und über die Sache in B. war schon lange Gras gewachsen, so schien es. Manchmal dachte ich an Kevin zurück, aber sein Ratschlag hörte sich für mich in etwa an wie: „Geh nach Ich-weiß-nicht-wohin, bring mir Ich-weiß-nicht-was.“

Also versuchte ich, das Beste aus Kevins Worten zu machen: N. aus dem Sprachkurs schrieb ich eine freundliche E-Mail, in der ich ihr von meinem Erlebnis erzählte und auch davon, wie glücklich es mich gemacht hatte – natürlich auf Portugiesisch. Diese wurde aber nicht beantwortet. Weiters kaufte ich mir eine Geldbörse in der Pastellfarbe des Pullovers, den Christina in der Bücherei getragen hatte, und schrieb einer Regenschirmsammlerin eine E-Mail und erzählte ihr meine Geschichte mit Aniko. Das war nicht viel, aber immerhin etwas.

Dann, eines Tages im Februar, begegnete ich jemandem, der Aniko ähnlich sah, als ich die Porzellangasse in Wien entlangschlenderte. Ein kurzer Blick in die Augen. Ein paar hundert Meter später blieb ich an einem Schaufenster stehen. Darin eine Tasse mit der Aufschrift: „Ich so: Och bitte. Und dann mein Leben so: Nö.“

III.

In diesem Sommer erblühten in Island die ersten drei Ölbäume, was als kleines Wunder galt, und im tiefsten Süden Usbekistans wurde angeblich ein UFO gesichtet. Es stand jedenfalls so im Internet.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques| Inventarnummer: 21049

zählen

Er und die zwei Jugendlichen, einer davon war sein Sohn, gingen vom Badeplatz durch den Wald und die Siedlungen nach Hause. Bei einem Haus stand dieses seltsame schwarzhaarige Kind. Es sah sie an, jeden der drei einzeln, sagte aber kein Wort, reagierte auch nicht, als sie es grüßten. Es stand einfach nur da.

Beizeiten begegnete er dem Kind wieder. Eigenartigerweise stand es vor verschiedenen Häusern. Und immer sah es ihn genau an, und nie sprach es.

Später kam er dahinter, dass das Kind kein Kind war, sondern ein Zählautomat des Österreichischen Statistischen Zentralamtes. Er registrierte Menschen, Hunde, Katzen, Vögel, Eichkätzchen und Touristen – gut: auch Menschen, aber Auswärtige halt. Hinter seinen Augen liefen Zahnräder, die die Zahlen erhöhten. Eine Stimmausgabe war nicht vorgesehen.

Der Blick über das gelb-weiße Haus in Pritschitz und über Maria Wörth am 1. Dezember 2020

Der Blick über das gelb-weiße Haus in Pritschitz und über Maria Wörth am 1. Dezember 2020

Johannes Tosin (Text und Bild)
und
Michael Tosin (Text)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21046

 

REM

Der Traum gibt mich frei. Wenn ich die Augen aufschlage, ist es, als wäre ich gleich nach ihm erwacht, doch schlief ich danach erst richtig tief. Und in welcher der vielen Welten ich aufwache, kann ich nicht beeinflussen. Bin ich dann munter, wähne ich mich stets in derselben Welt, in der ich einschlief, doch das ist praktisch nie der Fall.

Bunte Lampions

Bunte Lampions

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21041

Die Sternenpflückerin

Es ist eine Winternacht. Im Garten steht eine silberne Frau, die Sterne vom Himmel pflückt wie Äpfel von einem Apfelbaum und sie in den geflochtenen Korb neben ihr legt. So wie der Himmel leerer wird, wird der Korb voller. Die Nacht erhellt sich zusehends, da die Sterne in der Nähe heller leuchten. Ich zwicke mich, und es tut weh.

Drei Sterne

Drei Sterne

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21030

Regenbogenmann

Als wären hundert Regenbögen gebrochen
und ihre Farben in den See gefallen.
Millionen Farben, alle, die man sich nur vorstellen kann.
Ich bade im See, schwimme durch seine Lichter.
Und steige ich aus dem Wasser,
habe ich selbst die Farben angenommen.
Meine Haut glitzert von Rot bis Violett.

Der Kleine See in der Nacht des 20. November 2020, bearbeitet

Der Kleine See in der Nacht des 20. November 2020, bearbeitet

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21022

Traum im Hof

Laufe dir hinterher
ich frage dich
rede auf dich ein
voller Zynismus
Groll
Trauer
Warum hast du ein Erdbeben ausgelöst?
Du ignorierst mich
bin wie ein Geist
gehst weiter
Alleine im Hof bleibe ich zurück

Beim Aufwachen
stelle ich fest
den Hof gibt es
ein Gespräch gab es nie

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21014

Besuch aus der Hölle

Plötzlich steht der Miniatur-Bocksfüßige vor mir. Aus dem Nichts geboren. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, sagt er. „Was machst du denn hier, Kleiner?“, frage ich. „Ja, es ist so: Eigentlich sollte ich dich ja mitnehmen, aber wenn du ein heißes Plätzchen für mich hättest, könnten wir darüber reden.“ Er steht direkt neben dem Sparherd, den ich tüchtig eingeheizt habe. Draußen ist es kalt, im Dezember. „Aber natürlich“, sage ich, „gib mir zehn Minuten!“ „In Ordnung“, sagt er, „hat du etwas dagegen, wenn ich mich hier ein wenig umsehe?“ „Nein, überhaupt nicht“, sage ich, „fühl dich hier wie zuhause.“

Schnell hole ich das rosarote Puppenbettchen, mit dem meine Nichte früher immer so gern gespielt hatte, vom Abstellkämmerchen. Sogar ein Deckchen und ein Pölsterchen sind dabei. Ich stelle das Bettchen neben den Sparherd. Zusätzlich einen ockerfarbenen Ohrensessel, den ich auf einem Flohmarkt erstanden habe. Darauf lege ich eine karierte Decke.

Der Kleine kommt gerade aus dem Bad. „Alles ziemlich sauber bei dir“, sagt er. „Na ja, es gibt ja auch reinlichkeitsliebende Bösewichte.“ „Schau mal!“, sage ich und weise mit der rechten flachen Hand zum Sparherd mit dem Puppenbettchen und dem Ohrensessel. Zum Glück habe ich eine Wohnküche, die sogar für eine Wohnküche groß ist. „Das kann sich wirklich sehen lassen!“, sagt er. „Ich bleibe, wenn es dir recht ist.“ „Aber freilich ist es mir das!“, sage ich. Wer will schon in die Hölle?

Seitdem sind 1189 Jahre vergangen. Ich lebe mein achtzehntes Leben. Der Miniatur-Bocksfüßige hat sich kein bisschen verändert. Er ist ja auch ein unterirdisches Lebewesen.

Das heilige Teufelchen

Das heilige Teufelchen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21005

Die Außerirdischen kamen

Die Außerirdischen kamen, und wir wussten es nicht. Ihr Schiff war riesig, und wir sahen es nicht – denn es war mit Millionen von Spiegeln besetzt. Sie waren die plündernden Krieger der fünften Dimension. Sie wollten die Rohstoffe der Erde. Die Menschen konnten sie nicht gebrauchen, zu fremd war ihre Biologie. Sie verbrannten sie unter so hoher Temperatur, dass sie als Dampf in die Atmosphäre stiegen. Dann förderten die Außerirdischen Flüssigkeiten, Metalle und Gase. Sie brachten sie in die Lagerräume ihres Schiffes und zogen weiter, zur nächsten Zivilisation einer anderen wenig entwickelten Lebensform.

Hinter dem Wald der Wörthersee mit Maria Wörth und dem Pyramidenkogel

Hinter dem Wald der Wörthersee mit Maria Wörth und dem Pyramidenkogel

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20100

Etwas Fell

Als ich des Nachts erwachte
Da lag ein Wesen neben mir
Ich hörte, wie es lachte
Das war so zwischen drei und vier

Es wirkt’ im Fell gepfleget
Und kicherte so vor sich hin
Die Löffel angeleget
Eindeutig, dacht’ ich, ein Kanin!

War’s eins, das ritt’ und schatzte?
Voll Frieden lag’s an meiner Seit’
Manchmal, dass es sich kratzte
So lag auch ich – die längste Zeit

Besah’s und da erfasste
Mich ein Gefühl der Dankbarkeit
Dies wusst’ nicht, wie man hasste
Kanin, doch nicht gewaltbereit

Ich staunte ganz gewaltig:
Vor mir entbrannte Feuer
Die Lohe menschgestaltig
Zwar Frau, doch nicht geheuer

Und Schreck durchfuhr die Glieder
Die Frau da, sie erwachte!
Sie öffnete die Lider
Gleich drauf, dass sie hell lachte

„Du lachst?“, hört’ ich mich raunen
Sie lächelt’ darauf ganz entspannt:
„Zum Lachen ist dein Staunen!
Hast du mich denn nicht erkannt?“

Sie kraulte meinen Barte
Ich zitterte vor Rührung
Da übernahm sie zarte
In der Erkenntnis Führung

„Du bist’s!“, rief ich beglücket
In des Begreifens Höhe
„Ich glaubt’, ich sei verrücket
– Du kennst ja meine Flöhe!“

„Mich wundert dein Gesichte
Mein allerliebster Tor!
Die Nacht hat wenig Lichte
Da kommt sowas schon mal vor!“

Ich schlief drauf ohne Sorgen
Die Nacht, wie sie doch Streiche spielt
Wie hätt sie sich verborgen
Die ich doch grad in Armen hielt

Später, sie war gegangen
Es war schon Tag und auch ganz hell
Das Bett hing über Stangen
Ich hielt in Händen – etwas Fell!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Für jene, die sich vielleicht gefragt haben, was ein Kanin ist … Das Kanin hier zum Nachlesen.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20087

 

Der Weisenrat

Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihrem gebrechlichen, mageren Leib hinunter. Die Löcher im Gewand gaben den Blick frei auf zahlreiche Wunden. Manche eiterten, andere waren stark gerötet und wollten nicht verheilen. Bei den Bewegungen ihrer Glieder machte sich Mief in der Umgebung breit, sie stank aus jeder Pore. Viele Knochenbrüche hatte sie schon erlitten, an den Bruchstellen, die nicht mehr zu gesunden schienen, entstanden Schwellungen.
Etliche Krankheiten hatte sie überstanden, für ihr Alter war es ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebte. Zäh war sie und an ein Aufgeben war nicht zu denken. Von Burn-out über Dehydration bis hin zu Sepsis und Beinahe-Organversagen, alles hatte sie einstecken müssen.
Ihre Freunde und Weggefährten machten sich unglaubliche Sorgen.
„Lang wird sie das nicht mehr machen, wir müssen jetzt einschreiten!“, schrieb der Chef des Weisenrates an seine Kollegen.

Eine Woche später trafen sich die Experten an einem warmen Frühlingstag und saßen auf der Wiese in einem großen Garten. In einem Fragenkatalog, der zuvor an die Mitglieder ergangen war, wurden etliche Punkte erörtert.
„Es wäre gut, wenn jeder für sich aus seinen Beobachtungen berichtet. Anschließend können wir Vorschläge einbringen, wie wir der Alten endlich zielführend helfen können. So wie es jetzt ist, steht sie kurz vor einem Kollaps, und niemand wird sie mehr auf die Beine bringen können.“ Der Vorsitzende sprach mit bedachter, gleichmäßiger Stimme und richtete den Blick seiner intensiv grünen Augen an jedes einzelne Mitglied in der Runde. Er war schon ein altes Semester, und zahlreiche Falten gruben sich in sein braungebranntes Gesicht. Die Haare an seinem Kopf waren spärlich und standen in kleinen, grauen Büscheln kreisrund ab, die Augenbrauen jedoch waren üppig und schienen, wie dicke Borsten aus Stroh, kaum zu bändigen zu sein.
„Magst du beginnen?“, fragte er seinen rechten Sitznachbarn.

Der Mann an seiner Seite hob träge seine alten Hände und räusperte sich. Seine Kleidung wirkte etwas schmuddelig, um nicht zu sagen schmutzig an manchen Stellen.
„Meine Beobachtungen? Es hat sich nichts geändert, muss ich sagen. Die kurze Verschnaufpause für die Alte, als sie auf Reha war, brachte nichts. Wenn wieder alle so weitermachen wie vorher, war das nur ein kurzes Abebben der Symptome. In meinem Ressort stehen schon wieder etliche der Spezies Schlange in den Häfen, um Kreuzfahrtschiffe zu besteigen, die Gewässer versinken schon wieder im Dreck, die Ressourcen werden knapp. Ich befürchte, der Countdown läuft, und die Tage sind gezählt.“

Schweigen in der Runde. Der zweite Redner hob die Schultern und schüttelte den Kopf, er richtete seinen Blick auf die Frau neben ihm und hob die Hand als Aufforderung, dass sie fortfahren solle.
Sie war eine bunte, kesse Erscheinung in grellen Kleidern. Ihre Haare glänzten in allen Farben des Regenbogens, vor langer Zeit waren sie jedoch noch viel prächtiger gewesen, man wusste nicht, war es Gefieder, Fell oder Haar. Ihr Gesicht hatte etliche unterschiedliche Züge, von katzenhaft über krötenähnlich bis hin zu einer schlangenartigen Spitzmündigkeit, alles in ständigem Wechsel.
„Leider muss ich auch Ähnliches berichten wie mein Freund hier. Die Fluchträume sind eingeschränkt, die Versorgung ist sehr schlecht. Es wird ausgebeutet und abgeschlachtet wie vor dem Shutdown, die Würde wird uns geraubt, und unser Lebensraum ist beinahe nicht mehr vorhanden.“

Wieder herrschte Unverständnis, bis ein kaum vernehmliches Krächzen von der nächsten Weisen in der Runde die Stille durchbrach.
„Habt ihr es nicht bemerkt? Die letzten Tage?“, flüsterte sie leise, und es schien, als hätte sie extreme Atemnot. Jedes Wort kam besonnen und mit großer Anstrengung über ihre spröden Lippen. Ihre Haut war fahl und farblos, die Augen von hellem Grau, das Haar hing in Strähnen über den krummen Rücken.
„Die Stadien sind wieder voll, Großveranstaltungen finden wieder statt, die Flughäfen sind auf Hochbetrieb, zahlreiche Flieger starten und landen. Die Spezies hat nichts verstanden. Ich denke, wir müssen zu unserem letzten Schritt übergehen, bevor uns die Alte krepiert.“
„Das Worst-Case-Szenario, wie wir das schon mal besprochen hatten? Ist das dein Ernst?“, fragte der Diskussionsleiter.
Ein Raunen und Schnauben ging durch die Runde.
„Wenn wir das jetzt nicht machen, bedeutet das auch unseren Untergang. Wir werden mit der Alten gemeinsam verrecken. Ist euch das klar?“, zischte die Atemlose ihre Freunde an.

Aus heiterem Himmel bog die Alte um die Ecke, sie stützte sich auf zwei Krücken und hatte große Mühe. Ein erbärmlicher Anblick bot sich dem Weisenrat. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.
„Komm, lass dir helfen“, der Vorsitzende erhob sich und begleitete sie zu seinen Kollegen.
„Ihr habt wohl gedacht, ihr könnt ohne mich einen Plan aushecken?“ Sie schmunzelte, und man konnte erahnen, dass sie einmal eine stolze, wunderschöne Frau gewesen war. Aber das musste vor sehr langer Zeit gewesen sein.

„Meine Liebe, was sind denn deine Wünsche in Anbetracht der Situation?“, fragte der Vorsitzende.
„Ihr kennt meine Meinung“, antwortete sie röchelnd. „Noch schlägt mein Herz, tagein, tagaus. Meine Organe funktionieren und tun gefügig ihren Dienst, aber lange werde ich das nicht mehr schaffen. Ich will keine Kriege mehr schicken, keine Epidemien, keine Pandemien. Ich habe an die Spezies geglaubt und habe ihr vertraut, aber scheinbar lässt ihre Intelligenz sehr zu wünschen übrig.“

„Du weißt aber, was unser Worst-Case-Szenario bewirken könnte? Wir haben das hundertmal durchbesprochen. Die Konsequenzen sind von großer Tragweite“, meldete sich ein Mitglied zu Wort.
„Wir müssen es versuchen. Um unser aller Überleben willen!“, zischelte die schlangenhafte Gestalt.
„Ich werde euch sagen, was passieren wird“, sprach die Alte weiter. „Eine Katastrophe wird über die Spezies hereinbrechen, die einzelnen Facetten würden hier den Rahmen sprengen. Millionen werden obdachlos, in den Hospitälern geht den Notstromaggregaten nach 48 Stunden die vorgeschriebene Treibstoffreserve aus, Beatmungsmaschinen schalten sich ab, lebenswichtige Medikamente gehen zur Neige. Ärzten bleibt nur noch, ihren Patienten Sterbehilfe zu leisten. Unruhen brechen aus, bewaffnete Banden überfallen Krankenhäuser und Supermärkte, um Vorräte zu rauben. Notunterkünfte werden errichtet, dort greifen aufgrund fehlender Toiletten und Medikamente Krankheiten um sich. Nach ein paar Tagen erhalten Polizisten das Recht, wie in einem Krieg Plünderer zu erschießen. Es wird ein Holocaust. Langsam, aber sicher, wird die Spezies aussterben.“
„Ja, ein Holocaust, aber für uns bedeutet es, dass wir überleben!“, setzte der Vorsitzende fort.

Nach kurzem Expertenaustausch wurde einstimmig der Blackout beschlossen. Für mehr als 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde fiel an diesem Tag der Strom aus, das Treiben rund um den Globus stand abrupt still. Genau die Spezies, die sich am intelligentesten glaubte, stieß völlig an ihre Grenzen.

Und alle Weisen aus dem Stab, die in Vertretung für Pflanzen, Ozeane, Tiere, Sonne, Himmelskörper und Luft den Blackout beschlossen hatten, feierten bald mit der alten Mutter Erde, die sich von ihren Gebrechen langsam erholte, einen zweiten Geburtstag.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20084