Schlagwort-Archiv: ärgstens

Die Vernichtung der Menschheit

Vielleicht werde ich am 31. März 2022, wenn die Atomraketen fliegen, denken: Ich hätte etwas tun sollen.
Dieser Zeitpunkt ist jetzt, am Morgen des 20. März desselben Jahres. Doch was soll ich tun? Ich habe keine Ahnung. Ich finde nichts.
Möglicherweise wird mir am 31. März etwas einfallen, die Lösung des Problems, die Rettung der Menschheit und der Erde. Aber dann wird es zu spät sein.

Die Zerstörung des Hauses der Österreichischen Draukraftwerke in Klagenfurt

Die Zerstörung des Hauses der Österreichischen Draukraftwerke in Klagenfurt

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22048

 

Aus Putins philosophischem Antiquariat

Putins historische Rumpelkammer

„Die Russen haben keine schönen Erinnerungen, keinerlei Tradition, keine Geschichte, die unser Volk erzogen hätte. Wir sind ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Isoliert von der übrigen Menschheit, fehlt uns jede eigene Entwicklung, jeder wirkliche Fortschritt. Von den Ideen der Pflicht, der Gerechtigkeit oder Ordnung, welche die Atmosphäre des Westens ausmachen, sind wir ganz unberührt (…) Konfusion ist ein allgemeiner Zug in unserem Volk (…). Die Vorsehung scheint uns Russen völlig übergangen zu haben. Wir besitzen ein riesengroßes Land, aber geistig sind wir vollständig unbedeutend, eine Lücke in der Weltordnung. “

Diese Zeilen stammen keineswegs von einem zeitgenössischen Russland-Verächter aus dem Westen, so aktuell sie auch klingen mögen, sondern aus dem Gänsekiel des russischen Publizisten Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew, der 1829 in seinem „Ersten philosophischen Brief“ über die Zustände in Russland nachdachte. Der anfangs nur auf Französisch veröffentlichte Brief rief einen politischen Skandal hervor. Zar Nikolaus I., der kurz zuvor die Dekabristen aufhängen ließ oder in die sibirische Verbannung schickte, ließ Tschaadajew für verrückt erklären und verbot ihm jede weitere Publikation. Dieser antwortete darauf mit der „Apologie eines Wahnsinnigen“, in der er seine Thesen über Russland noch vertiefte. Er wies darin Russlands nur halb verstandene und unverdaute Rezeption der deutschen Romantik eines Schelling auf und die Unmöglichkeit eines richtigen Verständnisses von Hegel nach, weil Russland schlicht und einfach die realen staatlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dazu fehlten. Kulturphilosophen wie Isaiah Berlin und Boris Groys zeigen in ihren Essays, dass die gleichen Missverständnisse auch beim ideengeschichtlichen Import von Marx und Nietzsche nach Russland passiert seien.

Tschaadajews Schrift ist der Anfang der bis heute andauernden Auseinandersetzungen zwischen den Strömungen der Slawophilen und der Westler. Wohin gehört Russland? Zu Europa, zu Asien oder ist es etwas Drittes? Präsident Putin, vormals halbgebildeter und von jeder moralischen zivilisatorischen Beeinflussung freier Mensch, KGB-Major, spielt sich neuerdings als Historiker und Philosoph auf.
Im Juli 21, und zuletzt gestern bei seiner TV-Rede zur Rechtfertigung seines kriegerischen Überfalls auf die Ukraine. Viele selbsternannte Russlandkenner schwafeln von der Lust Putins, die alte Sowjetunion wiederherstellen zu wollen. Alle schreiben voneinander ab, übernehmen Standards und Klischees für Redezeiten und Honorare.

Ich glaube aber, das ist anders. Ich stelle mir vor, dass er schon lange in irgendwelchen unterirdischen Verliesen des Kremls sitzt und auf großen Tischen ausgebreitete Karten des Zarenreiches studiert.
Das verfügte über eine viel größere Ausbreitung als die Sowjetunion je hatte, samt ihrem Vorfeld der osteuropäischen Satelliten- Staaten. Dazu dauerte das zaristische Imperium etwa 200 Jahre länger als die scheinbar unbesiegbare UdSSR. Ich kriege die Bilder von Chaplins Großem Imperator nicht aus dem Kopf, wie er tanzend am Globus dreht und sich in einen Rausch hineinsteigert.
Das Baltikum, Finnland, Teile Rumäniens, die Walachei und Bessarabien, Teile Polens, Teile Persiens gehörten damals zum Zarenreich. Das zaristische Russland kämpfte mit dem Britischen Reich um Indien bis nach China. Über solchen Karten brütet Putin und nicht über die Brösel der Staaten von Osteuropa. Im KGB aufgezogen, ist seine Devise immer noch: „Wenn du auf Stahl triffst, weiche zurück, auf Weiches stich ein und vernichte es.“

Der neo-faschistische Ideologe Alexander Dugin ist ihm so wichtig als sein Herzensphilosoph wie sein Beichtvater. Das Kerzerlanzünden, die Verneigungen und das Bekreuzigen – er beherrscht es übrigens noch immer nicht so perfekt, wie jemand, der von Kleinauf in der Orthodoxie aufgewachsen ist, nicht die richtigen Bewegungen beim Verbeugen, beim Ikonen-Küssen, beim Kniebeugen, alles angelernt, Camouflage und Propaganda, der neuerdings Gläubige. Ich schaue genau hin und erkenne Fälschungen.

Einige sind nun in der EU und Mitglieder der NATO. Er dreht am Globus und studiert die Landkarten. Zur Erholung legt er sich auf das Fell eines sibirischen Tigers und studiert seine Lieblingsphilosophen Ilja Ilin und Nikolaj Berdjajew, die Schriften der alten und neuen Eurasier wie Sergej Bulgakow, Putins lebender Leib- und Magen-„Philosoph“, ein lupenreiner russischer Faschist. Meine Moskauer Freunde erzählen mir, er beratschlagt sich mit ihm so viel wie mit seinem Beichtvater. Wie sich da die Kreise schließen, der atheistische KGB-Agent im Einfluss von ideologischen Extremisten. Vielleicht wird die vordergründige Irrationalität des Krieges Putins gegen die Ukraine verständlicher.

Wie alle Halb- und Viertel-Gebildeten frönt Putin dem Eklektizismus und der Geschichtsklitterung, kurzen, nicht zu Ende gedachten Parallelen und verführerischen Übertragungen von Vergleichen in die Gegenwart, mit zunehmender Leidenschaft und zunehmendem Realitätsverlust. Ich glaube, er ist ein armer Irrer. Allein in den Kasematten, in denen noch das Blut von Ivan, dem Schrecklichen, Boris Godunow und den von Peter, dem Großen hingemetzelten Strelitzen klebt, kratzt er sich die Glatze und die nackte Brust unter dem Judo-Kostüm, streichelt ein sibirisches Pferd und krault die Kehle eines Delphins aus dem Schwarzen Meer. Einige von ihm dort gefundene Amphoren wird er um sich aufgebaut haben. Niemand aus seiner Entourage wagt es, den Grill mit den fetten, selbstgeangelten Kamtschatka-Forellen anzuwerfen. Aber die Bilder davon, die er in seiner Selbstinszenierung in die Welt geschickt hat, haben alle Menschen im Kopf.

Dazu noch der Flottenführer und der Kampfpilot mit Ray-Ban-Brille und einer 25.000 Euro teuren Schweizer Uhr am muskulösen, braungebrannten Handgelenk. Vielleicht darf seine Langzeit-Geliebte Alina einmal in den Keller hereinspähen. Nein, er denkt. Aber seine Leidenschaft wird von etwas anderem als von der hübschen, halb so alten usbekischen Turnerin gespeist. Er dreht wieder den Globus und beugt sich über die Karten.
Ukraina, die Brüder, Malorossia, Kleinrussland, Belorossia, Weißrussland, das hab ich schon.

Es geht um die Ukraine, sie ist unser, wir sind eins, also ich selbst, also darf ich sie umbringen. Ich darf die Hälfte von mir töten, weil das bin ja ich.
Der schwarze Gürtel ist weg, ihm vom Judo-Weltverband abgesprochen, auch schon wurscht, bald gehört mir die ganze Welt. Er denkt kurz, keine langen Züge, von A nach B und was ergibt vielleicht C? Das hat er nie gelernt. Weder in den Leningrader Slums noch beim KGB. Jura – Jus hat er studiert, da muss ich immer lachen. Was war denn in der Sowjetunion „Recht“? Rechtswissenschaft in der KGB-Akademie?

Putin, der Jurist? Ich kriege Hirn- und Magenschmerzen und innerliche Wutanfälle, wenn ich so etwas von unbedarften Russland-Kommentatoren zu hören bekomme. Schild und Schwert, steht auf dem Wappen des KGB. Ursprünglich die Tscheka als Waffe gegen die Konterrevolution, aber nach dem Sieg der Bolschewiken ein „Schild und Schwert“ gegen den Westen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Unter Schild und Schwert (schit i metsch) ist Putin sozialisiert worden. Wenn man seinen aktuellen Reden zuhört, hat sich daran nichts geändert, bis auf die Ausweitung auf seine zaristischen Ambitionen.
Ich habe noch vor Augen die Bilder vom ersten Besuch eines wichtigen westlichen Gastes, des englischen Premiers Tony Blair in St. Petersburg mit seiner hochschwangeren Frau. Wie er in der Zarenloge des Mariinski Theaters saß, wie er seine triumphalen Blicke und Gesichtszüge kaum unter Gewalt bringen konnte. Da gingen viele Gewitter ab. Der räudige Straßenhund aus dem Hinterhof, ein schlechter Schüler, ein Rowdy, den nicht einmal der KGB aufnehmen wollte, am Ziel, so sah ich ihn, das war 2004, kurz vor seiner ersten Wahl.

Die ukrainische Bevölkerung sitzt in Kellern und U-Bahnstationen, Putin sitzt in den Kreml-Gewölben. Keller gegen Keller. Wer ist lebendiger? Wer hat mehr Zukunft? An welcher Seite sind wir?

Als der jüngste Vertreter des alten Slawophilen-Huts hat sich am 16. April 2014 der russische Präsident Putin geoutet. Während seiner vierstündigen „Ansprache zum Volk“ schwadronierte er von der Opferbereitschaft und der Leidensfähigkeit der Russen, was ihre moralische Überlegenheit gegenüber dem Westen ausmache. Die Kernbotschaft seines in allen großen Fernsehkanälen direkt übertragenen Schmierentheaters lautete: Der russische Mensch, der Mensch in der russischen Welt, das russische Volk ist bereit, für die russische Welt zu sterben. Opfer, Leiden, Sterben – das war immer schon ein beliebter Zynismus der Diktatoren. Er hatte wenige Tage davor die ukrainische Krim besetzen lassen und war gerade dabei, den Krieg in der Ostukraine anzufachen.

„Dulc(e) et decorum est pro patria mori“– Süß und ehrenhaft ist es, für das Vaterland zu sterben, dichtete schon Horaz in den Carmina III.2.13.
Putin hat das territoriale Russland ausgedehnt auf „die russische Welt“, und die ist laut Putin überall dort, wo russische Menschen leben und russische Interessen betroffen sind: die Krim, die Ukraine, das Baltikum, Transnistrien, Georgien, Ossetien oder weiter bis in 1. und 4. Wiener Gemeindebezirk, nach Nizza und London, Kensington Park? „Mir scheint, dass der russische Mensch, der Mensch der russischen Welt, vor allem daran denkt, dass es irgendeine höhere moralische Bestimmung des Menschen gibt“, sagte Putin, der frisch gebackene Philosoph auf dem Präsidententhron. Das ist Rassismus pur. Wusste er nicht: laut einer UNESCO-Definition aus dem Jahr 1995, der „Glaube, dass menschliche Populationen sich in genetisch bedingten Merkmalen von sozialem Wert unterscheiden, sodass bestimmte Gruppen gegenüber anderen höher – oder minderwertig sind.“

Was in westlichen Ohren wie befremdliches Gefasel von Nationalmentalitäten klingen mag, ist aber das Hintergrundgeräusch eines beinharten geopolitischen Kampfes, zu dem Putin angetreten ist. Während er in den Nuller-Jahren etwa bis 2007 im Westen noch wie ein Wolf im Schafspelz Kreide gefressen hatte – siehe seine viel bejubelte Rede vor dem Deutschen Bundestag – trat mit seiner Stiftung „Russki mir“ erstmals in der postsowjetischen Zeit die neue imperiale Ideologie von Eurasia auf. „Die russische Welt kann und muss alle vereinen, denen das russische Wort und die russische Kultur teuer sind, wo immer sie auch wohnen, in Russland oder außerhalb. Verwenden Sie diesen so oft wie möglich – russische Welt.“ Die Tragik besteht darin, dass im Russischen mir/Welt  und mir/Friede Synonyme sind. Warum, das hat mir bis heute noch kein Semiotiker zufriedenstellend erklären können, nicht einmal Noam Chomsky. Er kann trotz seiner russischen Herkunft kein Russisch.
(Zit. Nach Ulrich Schmid: Russki mir. Dekoder 2016.)

Zur Ideologie der „russischen Welt“ gehört wie ein siamesischer Zwilling das „nahe Ausland“. Gemeint ist damit die Einflussnahme auf die ehemaligen Sowjetrepubliken, deren Selbständigkeit in den Tiefen des Kreml nie anerkannt wurden. Georgien, die Ukraine, Moldawien haben es am eigenen Leib verspürt, für die anderen ist das eine ständige Bedrohung.
Mit der Gründung der „Eurasischen Wirtschaftsunion“ 2014 wollte sich Putin den langgehegten Wunsch nach einem Gegenprojekt zur EU erfüllen. Neben Belarus und Kasachstan konnten sich lediglich Armenien und Kirgistan zum Zusammenschluss durchringen. Sie ist aber eine wirtschaftliche und eine ideologische Totgeburt geblieben. Seit der Krim-Annexion und dem Krieg in der Ostukraine mit den nachfolgenden Sanktionen ist sie sicher nicht attraktiver geworden. Erst mit dem Einstieg in den Syrien-Krieg zur Unterstützung des Assad-Regimes konnte er sich auf die Weltbühne katapultieren und mit seinem Konkurrenten USA auf Augenhöhe stehen. Die „russische Welt“ hat er mit dem Siegerkonzert in die Ruinen von Palmyra getragen. Valeri Gergiev spielte am 6. Mai 2015 mit dem Orchester des Mariinski-Theaters Werke von Bach, was ungefähr so geschmackvoll war wie im besetzten Paris Wagner zu spielen. Ein Politporno, den man sich jederzeit auf YouTube reinziehen kann. Der Dirigent und das Orchester mit weißen Baseballkappen umringt von russischen und syrischen Militärs inmitten der Ruinen.

So wie Stalin in den 30-Jahren die Orientierung an einer ganzheitlichen, homogenen „sozialistischen Kultur“ erzwungen hat, so wird unter Putins Dirigat Russlands Geistesleben auf ein immer aggressiveres, einheitliches „russländisches Denken“ und seine „historische Mission“ eingeengt. Putins Monolog und das inszenierte Antwortspiel sollten als Einstimmung in eine Zeit kommender Opfer, der Wehrbereitschaft und des massenhaften Heldentums dienen, durch das sich laut Putin das russische Volk vor allen anderen auszeichne.
Auch wenn es in der heutigen Welt viel Austausch gäbe, auch von Genen, könne Russland von anderen Völkern so manches aufnehmen, die Russen würden sich aber immer auf ihre eigenen Werte stützen, so auch die Bereitschaft, für ihr Volk zu sterben. „Gene“ waren im 19. Jahrhundert noch unbekannt, aber von den „ursprünglich russischen Werten“, die den Rest der Welt erlösen sollten, schwafelten auch schon die slawophilen Schriftsteller angefangen bei Gogol, den Brüdern Aksakov, Dostojewskij, Solowjow, Trubetzkoi bis zu Solschenizyn. Auch der für die Vorbereitung des Ersten Weltkrieges so bedeutende wie verheerende Panslawismus kommt aus den finsteren Winkeln des russischen Slawophilentums.

Putins Banalitäten über eine russische „Volkspsychologie“ und das Verhältnis zum Westen gleichen dem Ödipus, der bei Freud über den Ödipus-Komplex nachliest oder einem afrikanischen Häuptling, der eine Kubistenausstellung besucht, schreibt Groys. Er verkauft die russische Kultur als Realisierung der westlichen Träume und gleichzeitig als ihre Überwindung, nicht als das andere neben einem gleichen, sondern als die absolute Alternative. Was Putin so wütend macht, ist, dass trotz aller Lockangebote Russland für den Westen bisher immer ein Ort der Bedrohung geblieben ist. Am russischen Wesen wird die Welt genesen. Dafür gibt es schreckliche Beispiele.

Der von Stalin ermordete Dichter Josip Mandelstam warnte schon früh vor der eurasischen Krankheit, an der Russland leidet. „Die Russen haben eurasische Geistesanfälle, aber nur das Europäische hilft uns weiter.“ Er fragt, was Russland ohne Europa wäre, wäre es dann Russland plus Asien? Nein, denn es gehört keinem dieser zivilisatorischen Kreise an und wäre eine Leerstelle.

Der ehemalige KGB-Major Putin hat seinen Stalin genau gelesen. Mit ähnlichen Worten und Gedanken richtete sich Stalins Radiostimme einige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 an sein Volk, aus dem Bunker, in den er sich wochenlang verkrochen hatte. Stalin mobilisierte sogar die orthodoxe Kirche, die er seit seiner Machtergreifung gnadenlos verfolgt hatte, und gab ihr weitgehende Freiheiten, um die Kampfbereitschaft der Massen zu erhöhen.
Das hat Putin jetzt nicht nötig, er ist schlauer als Stalin, er hat die ROK mit sich an die Macht gebracht. Er, der ehemalige, kleine, kommunistische Geheimdienstagent, hat nach einem angeblichen Nahtoderlebnis zur Mutter Kirche gefunden und diese in seinen absolutistischen Machtapparat einbezogen.
Aus den Insignien des KGB von Schild und Schwert ist so ein Dreigestirn mit dem Andreaskreuz geworden, das über Russland herrscht. Die ROK hatte vor dem Prozess gegen die Aktionskünstlerinnen von Pussy Riot in einem Kreuzzug der staatlichen Medien sieben Jahre Haft wegen „Blasphemie und Erzeugung von Hass auf die Religion“ gefordert, immer vom Staat und seinen Medien konzertiert. Auch das Anti-Homosexuellengesetz ist ein lange gefordertes Zugeständnis an die Kirche, die in der Legalisierung der Homo-Ehe im Westen Vorzeichen für die herannahende Apokalypse sieht. Putins scheinbare Neuerfindung Russlands hat den Russen nach dem „Opium fürs Volk“, der Religion, nun das berauschende Gift des Nationalismus beschert. Ein russisches Sprichwort war schon einmal klüger als die derzeitige Politik: Wenn die Trompete ertönt, ist der Verstand im Wind.

Die ROK dient Putin noch auf eine andere Weise. Sie, die von Anfang an gegen den Westen, die lateinische Welt, gerichtet war – das vierte Rom als Erbe von Byzanz und Rom – versteht sich als das wahre Christentum, das rechtgläubige, das universale Christentum, das andere ist das abgefallene. So wie in allen imperialen Staatsformen von den Zaren bis Putin versucht die ROK als Staatsideologie den universalen christlichen Anspruch in politische Herrschaft überzusetzen. Das hat Putin gemeint, als er von der Überlegenheit der russischen Werte sprach, er beansprucht nicht mehr und nicht weniger als die Anerkennung einer größeren Universalität als die gesamte westliche Kultur.
Im Übrigen zeigte sich in den 80 Jahren des russischen Kommunismus – eine aus dem Westen von Russland angeeignete Ideologie – der gleiche gegen die westliche, kapitalistische Moderne gerichtete Anspruch, sich das Westliche anzueignen, um es besser bekämpfen zu können. Russlands antizivilisatorische Rückwende zum großrussischen Chauvinismus verrät trotz seines zur Schau gestellten dummdreisten Triumphalismus aber mehr von Schwäche als von Stärke. Was wie ein Meisterstück seiner Geheimdienste aussieht, die Besetzung und Annexion der Krim, ist kein Sieg, sondern der erste tönerne Fuß, auf dem Putin einknickt. So dialektisch kann Geschichte funktionieren.

Die russischen Werte, Vorteile, Vorzüge, die Opferbereitschaft und das Leidenspotential bestehen darin, mehr Wodka zu vertragen und mehr Kalaschnikovs zu verkaufen als alle anderen, das hat sicher jeder Politiker, Diplomat, Manager, Journalist oder Tourist schon am eigenen Leib erfahren.
Mit Tschaadajew kann man heute noch sagen, dass die russischen Verhältnisse so sind, dass man sie bei klaren Sinnen nicht ertragen kann. Es ist aber auch möglich, dass in den Kreml-Küchen ein Gebräu aus anderen Töpfen als Slawophilentum und ROK, zaristischem Imperialismus oder Stalinismus gebraut wird. Der bei uns vergessene Autor Konstantin Leontjew behauptete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, „dass ausschließlich Unfreiheit und Unterdrückung eine geschichtliche Originalität eines Menschen oder einer Kultur hervorbringen (…). Ein befreiter Mensch oder eine befreite Kultur verlieren diese äußeren Grenzen und werden grenzenlos banal.“ Als Beispiel führte Leontjew, der längere Zeit auf dem Balkan verbracht hat, die Völker des heutigen Jugoslawiens und Griechenlands an, von denen er behauptete, dass sie nur im Zustand der Unterdrückung durch die Türken attraktiv waren. (Boris Groys, S 13).
Leontjew ist er jener Obskurant unter den Slawophilen, der meinte, wenn man Russlands Werte und Traditionen erhalten wolle, müsse man es einfrieren.

Die Selbstauflösung der Sowjetunion, für Putin die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts, hat in Russland exakt zu dem Zustand geführt, vor dem Leontjew gewarnt hatte. Putins Wende rückwärts in die Rumpelkammer der Geschichte wird weder Russland noch die Welt weniger düster machen. „Wir sind niemals mit anderen Völkern zusammengegangen, wir gehören keiner der großen Familien des Menschengeschlechts an, wir gehören weder zum Osten noch zum Westen, haben weder die Traditionen des einen noch des anderen. Wir stehen gewissermaßen außerhalb der Zeit, die allgemeine Erziehung des Menschengeschlechts hat uns nicht einbegriffen. “

Tschaadajews Klagen aus der Zeit des Dekabristen-Mörders Nikolai I. sind einhundertfünfundachtzig Jahre alt und klingen dank Putin leider wieder ganz aktuell.

26.4.14, 10 Tage nach der Annexion der Krim, ergänzt am 22.6.17, ergänzt am 25.2.22, 1 Tag nach dem Angriff auf die Ukraine

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22044

Jede Sekunde

Die Welt, genauer gesagt die Erde, wird binnen einer Woche untergehen.
Hast du Angst?
Das wäre verständlich.

Vielleicht sollten wir eine Party veranstalten, feiern, bis wir sterben.
Nur sollte sich niemand verlieben,
denn eine Liebe ohne Zukunft ist grausam.

Ich selbst habe keine Ahnung, was ich tun werde.
Dabei ist jede Sekunde jetzt kostbar.
Eigentlich möchte ich alleine sein.

Die Königin stirbt

Die Königin stirbt

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22043

Besuch bei den anonymen Katzenhassern

Ich: Hallo, ich bin Klaus. Ich bin Katzenhasser.

Alle: Hallo Klaus!

Ich: Also, ich tu mir jetzt schon ein bisserl hart, hier zu stehen und mit euch zu reden über etwas, das tief in mir drinnen ist, aber ich muss ja. Der Richter hat mich zu den Treffen der „Anonymen Katzenhasser“ verdonnert und, na ja, das ist halt neu für mich. Habt’s also bitte Geduld mit mir.

Mit dem Katzenhassen habe ich – ehrlich gesagt – schon in meiner Kindheit und Jugend angefangen. Meine Familie wohnte damals auf einem Bauernhof. Dort gab es immer Katzen. Eine, eine schwarze, war mir sehr ans Herz gewachsen. Ich streichelte sich, sie schlief in meinem Bett. Eines Tages überfuhr sie der Bauer mit dem Traktor, unabsichtlich, wie er sagte, und mein Vater befahl mir, sie zu begraben. Es war Winter. Es war schweinekalt und die tote Katze war steifgefroren, ich nahm sie am Schwanz und sie stand – so waagerecht von mir weg. Ich begrub sie im Misthaufen, die Erde war ja auch gefroren.

Nach diesem – wie ich heute weiß – traumatischen Erlebnis ließ ich lange keine Katze an mich heran, dann doch wieder, eine rotgestreifte, auch sie lebte nicht lange, ich begrub sie am Rande des Kartoffelfelds. Ich schwor mir, nie wieder eine Katze zu haben.

Das hielt, bis ich Student wurde in der großen Stadt. Mit der Freundin zog in unsere WG eine Katze ein, der das aber nicht gefiel. Sie schiss allen WG-Bewohnern in die Schuhe. Also wurde in der Runde  – mit Ausnahme der Katzenbesitzerin – beschlossen, das Tier, nun ja, wie soll ich sagen, zu entsorgen halt. Das Los fiel auf mich. Ich nahm den WG-eigenen Baseballschläger und begrub die Katze gegenüber in der Hundefreilaufzone.

Kurz darauf suchte ich zum ersten Mal psychologische Hilfe. Die Therapeutin – sie hatte eine Karthäuser-Katze, so eine edle, graue, die eines Tages spurlos verschwand –, sie riet mir jedenfalls zu einer Hyposensibilisierung. Ihr kennt das bestimmt von Allergien. Dabei setzt man sich langsam steigenden Dosen des Allergens aus, bis man sich an die Allergie gewöhnt hat. So ungefähr hatte ich das verstanden.

Ich begann mit einem Katzenfell, legte mir dann eine ganz kleine Katze zu und tauschte die Tierchen – immer häufiger auch lebendig – gegen immer größere Exemplare in den Tierheimen um. Im Urlaub fuhr ich ins Disneyland und umgab mich mit Aristocats. Inzwischen war ich wieder zurück aufs Land gezogen und dort fand ich mich eines Tages mit einem Puma wieder. Ich hatte ihn billig vom insolventen „Zirkus Muzikatz“ gekauft und in einem durchaus großzügigen Gehege im Garten gehalten. Der Kontakt mit der zahmen Großkatze sollte mein Gesellenstück in Sachen Abhärtung werden. Denn mittlerweile hatte ich meine Katzenhasserei halbwegs im Griff, aber als der Puma begann, mir um die Beine zu streichen und mich allein seines Gewichts wegen immer wieder in den Dreck zu werfen, und dann auch noch anfing, mir Köpfchen zu geben, mit seinen Pranken auf meinen Schultern, und mich dabei halb bewusstlos zu schlagen mit seinem stinkenden Schädel, nun ja, da begrub ich ihn – eh in der Nacht – auf dem Fußballplatz des FC Alkoven.

Leider erwischte mich dabei der Platzwart, ihn hatte seine Katze darauf trainiert, sie um Mitternacht ins Haus zu lassen. Er holte die Polizei. Kurz: Ich bekam wegen Tierquälerei und Sachbeschädigung zwölf  Monate auf Bewährung und muss so lange eure Treffen absolvieren. Ich hoffe, ihr könnt mir irgendwie helfen, … (böser Blick) vielleicht mit der einen oder anderen Katze, ich nehme auch dreibeinige und räudige. Katzenbabys kein Hindernis … Danke für eure Aufmerksamkeit.

Alle: Danke, Klaus.

Klaus Buttinger

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22037

 

Die Schwertschluckerin vom Kapuziner-Boulevard – Teil III

Nicht so schnell! Haben Sie schon Teil 1 und Teil 2 gelesen?
Dies ist der finale Teil der Geschichte.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text kann verstörend wirken, er enthält Gewaltszenen.

Sie setzte sich in ein Café auf dem Kapuziner-Boulevard und bestellte ihr Lieblingsgebäck mit Erdbeermarmelade. Dazu trank sie eine Brause.
Ein junger Mann warb lauthals für bewegte Bilder, die im „Grand Café“ präsentiert wurden. „Die siebte Kunst“ nannte man diese nagelneue Erfindung der Brüder Lumière. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Jeannes Truppe viele Besucher in ihrem Varieté. Meistens waren es die Reisenden, die neue Erfahrungen sammeln wollten, um davon ihren Familien und allen in ihren Heimatorten prahlerisch zu erzählen. Aber es gab auch ein paar Ansässige, die immer wieder vorbeikamen.
Aber jetzt, wo es etwas Neueres gab, verringerte sich die Anzahl geradezu drastisch. Der Patron machte sich schon Sorgen.
„Ich kann die Faszination dieser Leute nicht teilen“, sagte er und stieß dabei einen tiefen Seufzer aus. „Was ist daran so interessant? Es sind schwarz-weiße flache Bilder der gewöhnlichsten Menschen. Ist das Leben an sich nicht lebendig und bunt genug? Der Teufel soll sich diese infernale Maschine zurückholen!“ Er spuckte verächtlich auf den Fußboden.
Jeanne spürte, dass er enorme Angst hatte, Angst, diesen endlich errungenen Halt zu verlieren.

Sie wurde neugierig, und da die verbliebene Zeit es ihr erlaubte, kaufte sie eine Eintrittskarte zu der Kinovorführung und betrat den umgebauten Billardsaal, der rappelvoll war.
Nach langer Suche fand sie einen freien Platz und quetschte sich zwischen zwei korpulente, stark nach Parfum und Schweiß riechende Frauen, die sich offensichtlich keine Mühe gaben, Jeanne ihr Hinsetzen zu erleichtern. Sie hörte jemanden munkeln, die Gebrüder hätten die Idee von einem Amerikaner während ihrer Reise durch den Traumkontinent geklaut. Dann ließ sie ihren Blick im Raum schweifen. Vor sich sah sie eine weiße Leinwand. Dann drehte sie sich um und bemerkte zwei fast gleich aussehende Männer an der hinteren Wand, die an einem hoch gestellten, quadratischen Apparat geschickt herumhantierten. Als sie schließlich fertig waren, traten sie vor das Publikum. Sie wirkten wie eineiige Zwillinge. Der einzige Unterschied war, dass einer von ihnen eine Brille trug. Man konnte unmöglich bestimmen, welcher der ältere und welcher der jüngere Bruder war. Jeanne fand es ziemlich amüsant.

Der ohne Brille bedankte sich für das große Interesse an ihrer Erfindung, erklärte kurz, aber verständlich, wie der Apparat, den er Filmprojektor nannte, funktionierte, und teilte mit, dass zehn Filme gezeigt würden. Der andere wünschte allen viel Vergnügen an diesem wunderschönen Abend. Sie gingen wieder zu ihrer „infernalen Maschine“ und schalteten sie ein. Ein schwacher Lichtstrahl wurde zu der Leinwand ausgesandt. Die Saallichter wurden gelöscht und man konnte jetzt deutlich Staubkörner und Zigarettenrauch im Strahl des Projektors schweben sehen. Eine Weile passierte nichts. Anscheinend gab es einen kleinen technischen Fehler, an dessen Behebung bereits tüchtig getüftelt wurde. Währenddessen dachte Jeanne an den seltenen Namen Lumière, der „Licht“ bedeutete. Sie fand es vielsagend, sogar transzendent, dass ausgerechnet die Personen mit diesem Namen unmittelbar mit dem Licht zu tun hatten.
Sie waren für diese Aufgabe vorherbestimmt, war sie sich sicher.

Hier und da ertönte schon nervöses Gekicher und Getuschel. Jemand legte mit einem melodischen Pfeifen los. Jeanne schaute noch mal nach hinten. Der Bebrillte fing an, eine kleine Kurbel zu drehen. Ein leises Rattern entstand. Es ging los.
Fast alle Zuschauer gaben simultan ein Geräusch des Staunens von sich. Ein Mann im Bild versuchte, auf ein Pferd zu steigen, dabei fiel er mehrmals herunter. Alle lachten hell und prächtig.
Der Film war damit zu Ende und schon fing der nächste an.
Ein Gärtner bewässerte den Garten. Ein Jugendlicher schlich sich an ihn heran und stellte sich auf den Schlauch. Der Wasserstrahl hörte auf zu fließen. Der ratlose Gärtner schaute in die Öffnung des Schlauchs und wurde von einer unerwarteten Fontäne bespritzt, da der Jugendliche seinen Fuß vom Schlauch genommen hatte. Dann lief er weg, wurde aber von dem rasenden Mann eingefangen, am Ohr gezogen und bekam den Hintern versohlt.
Das Publikum krümmte sich vor Lachen. Einige mussten sogar hinauslaufen, denn sie kriegten schlecht Luft.
Ein Zug fuhr in den Bahnhof ein. Die Zuschauer in dem linken Teil des Saals wurden langsam unruhig und gerieten in Panik. Es entstand ein Angstgeschrei. Manche bückten sich, manche sprangen zur Seite, um sich vor der nähernden Dampflokomotive zu retten.
Von einer Maschinerie produziertes Echo des Lebens  faszinierte wie ein Zauber. Die ganze Vorstellung dauerte ungefähr zwanzig Minuten. Beim Hinausgehen hatte Jeanne das Gefühl, in einer anderen Welt gewesen zu sein. Gleichzeitig machte sie sich auch Sorgen um die Zukunft ihres Varietés.

In ihrer bescheidenen Kammer im Theatergebäude angekommen, setzte sie sich vor den Spiegel und betrachtete eingehend ihre unweiblichen Gesichtszüge. Ihr markantes Kinn und die etwas zu breite Stirn gefielen ihr nicht. Mit dem Anflug leichter Selbstverachtung rümpfte sie die Nase. Dann löste sie ihr nussbraunes Haar und fuhr mit ihrer Hand hindurch. Sie wollte es schon seit Langem ganz kurz schneiden lassen, aber der Patron war entschieden dagegen.
Heute war sie nach der Nummer mit dem Feuerspucker dran. Sie musste an den jungen Andre mit seinen goldenen Locken denken. Er hatte vor zwei Jahren seinen ersten Bühnenauftritt bei ihnen gewagt. Er war sehr aufgeregt. Jeanne wusste noch ganz genau, was sie ihm damals gedanklich gewünscht hatte: ‚Bitte, verbrenn nicht dein schönes Gesicht.‘ Er hatte ihr verwirrt zugelächelt, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. Leider passierte etwas noch Schlimmeres. Er war mit der Vorstellung fast durch, alles lief perfekt und auf einmal machte er einen gravierenden Fehler. Er atmete die Flammen ein und verloderte seine Lungen. Er war an Ort und Stelle tot.

Jeanne hatte die ganze Nacht geweint. Wie es schien, hatte sie immer noch einige Tränen für ihn übrig, denn zwei feuchte Schmerzensperlen rollten ihr rasch die Wangen hinunter.
Es wurde Zeit, sich vorzubereiten. Mit eiskaltem Wasser wusch sie sich das Gesicht. Ihr blutrotes Kleid legte sie ab. Stattdessen zog sie ihr schwarzes Kostüm an. Es bestand aus einem einfachen, ärmellosen Oberteil mit einem tiefen V-Ausschnitt und einem ziemlich kurzen Rock. Der Patron wollte, dass man ihre langen, attraktiven Beine sehen konnte. So erhoffte er, mehr Erlös zu erzielen. Sie war damit einverstanden. Sie hätte es ihm schlecht abschlagen können, da sie bereits ein unmoralisches Angebot von ihm abgelehnt hatte. Er hatte ihr vorgeschlagen, nach dem Auftritt ihre Verehrer als Freier in ihrem Zimmerchen zu empfangen, wie es die meisten Frauen der Truppe bereits liebend gerne taten. So, wie Marie „das Puppengesicht“, die ihre Moneten nicht nur mit ihrem schönen Antlitz verdiente. Es wurden nur die Männer aus der höheren Gesellschaft zugelassen, denn das Etablissement hatte einen guten Ruf zu verlieren. Außerdem platzten ihre Portemonnaies von der schweren Last.

Obwohl Jeanne auf diesen Weg viel schneller ihren Traum von Amerika verwirklichen hätte können, hielt sie nichts davon. Lieber wartete sie länger, aber blieb so rein, wie es nur möglich war, in dieser lasterhaften Welt.
Nach dem Umziehen holte sie ein längliches, jadegrünes Köfferchen unter dem Bett hervor und machte es auf. Darin befand sich der Degen von Pierre. Sie hatte nie versucht herauszufinden, was die Inschrift bedeutete. Sie ließ sich lieber im Glauben, dass es eine nicht entzifferbare Zauberformel war, die ihr Leben schützte. Sanft strich sie mit ihrer Hand entlang der perfekten Klinge, dabei murmelte sie vor sich hin. Es hörte sich an wie das Wispern einer innig verliebten Frau, gerichtet an ihren tief schlummernden Geliebten.
Sie durchtränkte einen Wattebausch mit Essigessenz und reinigte damit die Klinge, damit sich keine Patina ansetzte. Dann polierte sie ihn mit einem weißen seidenen Tuch bis auf Hochglanz.

Es klopfte an der Tür. Der Patron trat ein.
„Bist du bereit?“
Sie nickte. Dabei fiel ihr auf, wie schnell er gealtert war. Er tat ihr plötzlich sehr leid.
„Warum schaust du mich so an?“, fragte er verwundert. „Hast du noch nie einen Adonis gesehen?“ Er lachte herzlich. Sie konnte nur schwach lächeln.
Mit dem Degen in der Hand ging sie auf die in der Mitte beleuchtete Bühne und stellte sich in das Rampenlicht. Ein leiser Applaus weniger Anwesenden schallte im verdunkelten Raum. Der vertraute, abgestandene Geruch des Saals. So wehmütig anmutend.
„Für Pierre“, sagte sie verhalten.
Mit dramatischer Begleitung einer Djembe, gespielt von einem bejahrten Afrikaner, durchzog sie ihre Nummer, deren jede Bewegung sie sich tief eingeprägt hatte. Sie fühlte sich wie eine Zuschauerin, während ihr geübter Körper seine schwierige Aufgabe mit bewundernswerter Leichtigkeit erfüllte. Es war, als ob sie die Kontrolle vorübergehend einem unsichtbaren Wesen überließ, das sie liebevoll leitete. Bald war dieser mystische Akt zu Ende.

Mit schwirrendem Kopf ging sie zurück in ihre Kammer, wo sie den Degen kurz reinigte und ihn dann ins Köfferchen zurücklegte. Der Dolch blieb hinten an ihrem Kostüm angelegt.
Wieder ertönte ein Klopfen, aber keiner kam unaufgefordert herein.
Anscheinend ein Fremder. Sie stand auf und machte die dünne, hölzerne Tür auf. Die Angeln knarrten. Vor ihr stand ein sauber rasierter, älterer Mann in einem blutroten Frack. Seine stämmige Figur verriet, dass er einst ziemlich stark gewesen war.
„Darf ich?“, fragte er mit einer Höflichkeit, die ein mulmiges Gefühl hervorrief.
„Ich weiß nicht, was Sie gehört haben, aber ich mache so was nicht. Sie müssen zu den anderen Mädchen gehen“, sagte Jeanne entschieden und war im Begriff, die Tür vor seiner Nase zuzuschlagen, aber er hielt sie mit einem Arm auf.
„Ich muss mit dir reden.“ Ein diffuses Licht blitzte in seinen Augen auf.
„Kennen wir uns?“
„Bitte“, sagte der Mann mit Nachdruck.

Sie trat zur Seite und gewährte ihm den Eintritt, obwohl ihre Vernunft Alarm schlug.
Er stellte sich in die Mitte des Zimmers und schaute sich alles genauer an. Indes machte Jeanne die Tür zu und beobachtete ihn angespannt.
„Darf ich mich hinsetzen?“, fragte er und ohne die Antwort abzuwarten, ließ er sich auf den einzigen Stuhl nieder.
Wie eine Somnambule setzte sie sich ihm gegenüber aufs Bett. Die alte Federkernmatratze knarrte.
Jetzt starrte er sie mit einem lüsternen Blick an. Ein anzügliches Lächeln umspielte seine schmalen Lippen.
Endlich kroch es ihr ins Bewusstsein, wer vor ihr dasaß. Ihr Stiefvater.
„Was willst du?“, fragte sie mit dem Beiklang des Schreckens, der ihm natürlich nicht entging. Ihre Knie zitterten wie frisch gefangene Frettchen in einem engen, dunklen Käfig. Mit aller Willenskraft versuchte sie, es zu verbergen.

Sein durchdringender Blick musterte sie von Kopf bis Fuß. Ihr war, als würde er ihr bis in die Eingeweide hineinschauen. Sie empfand den Anflug einer längst vergessen geglaubten Pein wieder.
„Wer ist dieser Pierre, dem du deinen Auftritt gewidmet hast? Ist er dein Liebhaber, versteckt er sich irgendwo?“ Höhnisch schaute er sich um.
Am liebsten hätte sie ihm jetzt den Kopf abgeschlagen. Keiner durfte Pierres Namen in den Dreck ziehen, besonders der da nicht. Dieses Schwein!

Als sie noch bei ihm und ihrer Mutter wohnte, war er ein angesehener Anwalt. Damals trug er einen Vollbart. Wie ein Bär sah er in seinem maßgeschneiderten, teuren Anzug aus. Ein Muskelpaket, dazu noch verschlagen wie ein Fuchs. Kein Wunder, dass sie ihn in seiner neuen Aufmachung nicht sofort erkannt hatte. Sie tat alles, um ihn aus ihrem gequälten Gedächtnis zu löschen, aber je mehr Mühe sie sich gab, desto lebhafter wurde sein Schatten, der sie noch lange nach ihrer Flucht verfolgte. Erst als sie endgültig entschied, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nur noch nach vorne zu schauen, ließ der Quälgeist sie allmählich in Ruhe.

Er hatte sie oftmals als Jugendliche entehrt. Ihre Mutter wusste Bescheid, denn wie könnte es ihr nicht aufgefallen sein, dass ihr braver Ehemann fast jede Nacht ihr breites Ehebett verließ, um nach einer Stunde, erschöpft und nach ihrer Tochter duftend, unter die Decke zu kriechen und tief einzuschlafen?!
Sie erinnerte sich an das erste Mal, als er unangekündigt in ihr Schlafzimmer trat, unter dem Vorwand, mit ihr etwas Wichtiges besprechen zu wollen. Es war Mitternacht. Sie lag in ihrem Schlafrock unter der Bettdecke und bebte am ganzen Leib vor einer vagen, unheilvollen Vorahnung. Dann dauerte es nicht lange, bis er sich mit seinem bleischweren Körper zwischen ihre Schenkel gelegt hatte und vor Anstrengung tierisch keuchte. Die schneidenden Schmerzen breiteten sich wie Höllenfeuer in ihrem Unterleib aus. Sie glaubte, sie müsse sterben. Sie wollte sterben, aber sie überlebte. Als er endlich ging, betete sie zu Gott, dass sie es nie wieder über sich ergehen lassen musste. Aber er kam erneut. Gott war anscheinend altersbedingt schwerhörig geworden. Der Gestank der Lüsternheit eines alternden Mannes blieb an ihrer zarten Haut haften. Er hatte ihren Türschlüssel abgezogen und eingesteckt.
Sie konnte nicht mehr gut schlafen. Sie wartete auf sein Erscheinen, denn sie wollte nicht im Schlaf überrumpelt werden. Die ersten Sekunden seines Näherkommens nutzte sie, um sich auf das Leid einigermaßen vorzubereiten, das im Begriff war, sie gänzlich zu verschlucken. Die Flammen der Drangsal hinterließen nur die Asche. Ihre Machtlosigkeit drückte auf sie wie ein eiserner Sargdeckel. Sie wusste keinen Ausweg, bis sie die ungewöhnliche Truppe auf dem Marktplatz erblickte. Wäre sie geblieben, hätte sie sich das junge Leben genommen.

Er trug jetzt keinen Ehering mehr.
Mutter ist wahrscheinlich schon tot, egal!, dachte Jeanne. Die Mutter hatte ihre Rolle versäumt und es wäre unverzeihlich dumm von Jeanne, die ihre gewissenhaft auszuführen.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, meine Kleine“, sagte er im Aufstehen. Dann breitete er seine Arme aus.
„Komm, hol dir dein Geschenk.“
Nach kurzem Zögern ging sie entschlossen auf ihn zu und umarmte ihn widerwillig.
„Gut so, gut so“, wisperte er, über ihre Haare streichelnd. Indes glitt ihre rechte Hand zum Dolch und ergriff ihn fest.
Blitzartig rammte sie ihn tief in den Rücken des Verhassten.
Er stöhnte auf und fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Sie trat ein paar Schritte zurück und betrachtete ihn. Es war vollendet.

Sie ging auf das kleine Waschbecken zu. Bevor sie sich gründlich wusch, betrachtete sie ihr Abbild im kleinen ovalen Spiegel. Dieser Anblick bereitete ihr anscheinend eine große Freude, denn sie lächelte verzückt vor sich hin. Nach dem Waschen zog sie sich um und packte schnell ihren Koffer. Sie öffnete die Matratze am Fußende und zog einen kleinen dunkelbraunen Beutel heraus, der ihre gesamten Ersparnisse beinhaltete. Das Köfferchen mit dem Degen vergaß sie auch nicht.
So, mit Sack und Pack, schaute sie sich den Toten an. Sie wollte sich dieses Bild des verdient ereilten Elends gut einprägen. Die erfüllte Rache wärmte ihr pochendes Herz.
Sie verließ den Raum und schlich durch den verdunkelten Korridor zum Hinterausgang, der auf eine ruhige Gasse hinausführte. Gedanklich bedankte sie sich beim Patron für alles. Das war ein perfekter Abschied, denn sie war unerwartet erschienen und so wollte sie auch verschwinden.
An der Hintertür angelangt, blieb sie kurz stehen, um sich ein Versprechen zu geben. Von nun an würde sie ihren Geburtstag stets feiern.
Sie trat in die kühle Nacht hinaus. Die Welt war breit und tief genug, um Jeanne wie ein scharfes Schwert aufzunehmen. Ihre aufrechte Gestalt löste sich in der behütenden Dunkelheit auf.

2019

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 21129

Die Schwertschluckerin vom Kapuziner-Boulevard – Teil II

Halt! Kennen Sie schon Teil 1 dieser Geschichte?

Es geschah im Spätwinter. Sie war erst vierzehn. Unausgeschlafen trottete sie durch die grauen Straßen. Das Einzige, was sie wahrgenommen hatte, waren ihre trüben Gedanken und Ängste vor der kommenden Nacht. Und vielen darauf folgenden. Plötzlich war ihre Abwesenheit durch eine schrille Stimme durchdrungen worden. Ihre erwachte Aufmerksamkeit lenkte sich auf eine Menschenmenge auf dem Marktplatz vor zwei Pferdefuhrwerken, die mit khakifarbenen Abdeckhauben versehen waren und ziemlich ärmlich wirkten. Die Stimme schien aus der Mitte der Versammlung zu erklingen. Sie folgte ihr sofort, denn sie hatte etwas Verheißungsvolles an sich. Während sie sich durch die Masse an Körpern drängte – wobei sie jede Menge spöttische und sogar hasserfüllte Bemerkungen erntete –, hörte sie den Wörtern des noch unsichtbaren Sprechenden zu:
„… etwas noch nie Gesehenes und Erlebtes. Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen versprochen, Ihre kostbare Zeit nicht zu vergeuden, und ich halte stets mein Wort.“ Da räusperte er sich. Nach viel Ellbogenarbeit gelangte Jeanne endlich zu der ersten Reihe und konnte sein pausbäckiges Gesicht mit den vor Kälte roten Wangen sehen.
„Hier und jetzt werden Sie Zeugen von den unglaublichen Fähigkeiten faszinierender Individuen, die in der Lage sind, fantastische, unbeschreibliche Handlungen durchzuführen.“

Jeanne war von der Art seiner Ausdrücke gefesselt. Sie war sich sicher, dass gleich etwas auf sie zukam, was ihren Lebensverlauf ändern würde. Sie wusste bloß noch nicht, inwiefern.
Da kamen sie zum Vorschein. Einer nach dem anderen traten sie aus dem vorderen Fuhrwerk hervor: ein schnurrbärtiger Mann, der dicke Ketten mit der bloßen Kraft seiner massiven Oberarm- und Brustmuskeln zerriss. Eine übernatürlich biegsame Frau, die bäuchlings liegend, mit ihren zierlichen Füßen einen roten Ball in den Nacken legen konnte. Und zuletzt ein Schwertschlucker, der erst einen Dolch und dann einen langen Degen in seiner Kehle verschwinden ließ, sodass nur noch der elfenbeinerne Griff aus seinem Mund hochragte. Indes hing sein Pferdeschwanz gerade herunter, als sei er zu der nun unsichtbaren Klinge geworden.

Der Sprecher, der allem Anschein nach auch der Patron der Truppe war, trat mit seinem kugelförmigen Körper wieder vor und bat ergebenst um Spenden, damit ihre Gruppe weiterbestehen könne. Die Artisten hatten sich aufgereiht und verbeugten sich mehrmals vor dem Publikum. Jeanne war begeistert, während die Menge nur wenige Centimes entbehrte und sich zusehends auflöste. Die Münzen prallten auf das Pflaster und erzeugten dabei ein leises Klirren, das von dem erneut entstandenen Stimmengewirr des Marktplatzes verschluckt wurde. Alle gingen weiter ihren Obliegenheiten nach und die magische Vorstellung war sofort vergessen. Die Künstler schienen nicht besonders enttäuscht zu sein. Es war eindeutig nicht das erste Mal, dass sie so ungeschätzt blieben. Was sie aber nicht ahnen konnten, war, dass sie ein junges Mädchen von einer düsteren Zukunft erlöst und ihm Hoffnung gegeben hatten.
Ohne eine Notiz von ihr genommen zu haben, verschwanden sie in demselben Gefährt.

Jeanne ging beiseite, setzte sich auf eine steinerne Treppenstufe der Kirche und wartete. Es war sehr kalt. Ihr Atem, eine winzige Wolke, stieg empor. Sie schlug die Arme um ihren Oberkörper, um sich zu wärmen, und drückte ihre bebenden Beine fest zusammen. Es half nichts. Sie musste aushalten.
Irgendwann wird es wieder warm, sagte sie sich und nickte überzeugt. Sie legte eine Entschlossenheit an den Tag, die man von einem so jungen Wesen nicht erwarten würde. Aber ihr psychisches Alter war weit fortgeschrittener als ihr physisches, wie es immer der Fall ist, wenn ein Kind frühzeitig und auf eine brutale Weise mit dem hässlichen Gesicht des Lebens konfrontiert wurde.
Und dann geschah es. Der Muskulöse entstieg dem Pferdewagen – er hatte einen dicken Pelzmantel um die breiten Schultern geworfen – und trug die Sachen, die sie beim Auftritt gebraucht hatten, in das kleinere Fuhrwerk, das dahinter stand. Dann setzte er sich an die Zügel. Der Patron erschien an den Zügeln des anderen Pferdes, setzte sich bequem hin und nahm sie in seine kleinen Hände. Langsam fuhren sie ab.

Jeanne lief ihnen nach und wartete auf einen günstigen Moment, um von Passanten ungesehen hineinzuklettern. Jetzt oder nie!, blitzte der Gedanke in ihrem schwirrenden Kopf. Schon befand sie sich zwischen einer Truhe aus Eichenholz, einigen Stapeln Kleidungsstücken und einem Korb mit Proviant. Sie hüllte sich in die Kleider. Es fühlte sich an wie in einem warmen Traum.
Ich hab’s gemacht, ich hab’s tatsächlich gemacht, bestätigte sie sich.
Sie bereute nicht, ihre wenigen Habseligkeiten zu Hause gelassen zu haben. Am liebsten hätte sie auch ihre Vergangenheit abgekappt und vergessen.
Nach einer Weile wagte sie, die Truhe aufzumachen. Bedächtig hob sie den schweren Deckel und schaute hinein. Die Truhe enthielt nur die Requisiten. Eine davon war der Degen des Schwertschluckers. Er war in ein blaues Satintuch eingewickelt. Sie holte ihn heraus, wickelte ihn aus und betrachtete sorgfältig seine Eigenschaften, während sie sein Gewicht auf ihren Handtellern wog.
Der Griff aus Elfenbein war wunderschön. Eine Rarität, deren Anfertigung an ein Wunder des menschlichen Könnens grenzte. Dann sah sie eine Inschrift entlang der Klinge eingraviert, die in einer ihr unbekannten Sprache verfasst war. Als sie mit ihrer Betrachtung fertig war, wickelte sie den Degen wieder ein und legte ihn zurück in die Truhe, deren Deckel sie beim Heruntersetzen etwas zu laut zuschlug. Ängstlich schaute sie zum Rücken des Fahrers. Zum Glück hatte er nichts gehört. Die samtene Berührung des Tuches blieb noch lange an ihren Fingerkuppen haften. Bald bekam sie riesigen Hunger. Im Proviantkorb befanden sich unter anderem zwei Tafeln dunkler Schokolade, die sie mit schlechtem Gewissen verzehrte.

Der Pfad wurde holperig. Sie befanden sich im Wald. Allmählich wurde ihr von dem ganzen Geholper unwohl im Magen. Ein Gefühl von Übelkeit bemächtigte sich ihrer, bis es nicht mehr zum Aushalten war. Sie beugte sich über das Holztürchen des Wagens und übergab sich reichlich, aber das Geräusch der rollenden Räder übertönte es. Erschöpft sank sie zurück und schlief tief ein. Als man sie entdeckte, waren sie bereits weit weg von Avignon. Sie sagte nur ihren Vornamen. Erstaunlicherweise wurde sie herzlich aufgenommen.
Sie hatte keine besonderen Talente, aber sie machte sich nützlich, indem sie bei allem Möglichen half.

In den folgenden Jahren lehrte der Schwertschlucker – sein Name war Pierre – sie gründlich seine Kunst. Nur eines gab er nicht preis, nämlich was die Inschrift an der Klinge bedeutete. Am Anfang musste sie mit dünnen, langen Karotten so viel üben, dass sie einen wunden Gaumen und Hals bekam, aber diese Übungen waren notwendig, um den Brechreiz unterdrücken zu können. Denn das war das A und O dieses Berufs. Ein Würgen im falschen Moment könnte die Speiseröhre aufschlitzen. Bald darauf war sie so weit, mit scharfen Gegenständen anzufangen. Sie wurde sehr gut darin.
„Du wirst mich eines Tages ersetzen“, sagte Pierre ihr voller Stolz. Dass dieser Tag so bald heranrücken würde, verschwieg er leider. Denn bei einem Bühnenauftritt – sie hatten sich mittlerweile hochgearbeitet – verletzte er sich lebensgefährlich. Sie konnte seinem letzten an sie gerichteten Blick ablesen, dass er es absichtlich gemacht hatte, würde sein Geheimnis aber nie verraten. Sie nickte ihm leicht zu. Er starb hinter den Kulissen mit einem zufriedenen Lächeln im faltigen Gesicht.
Das alles schien jetzt so lange her zu sein.
Zeit ist seltsam, dachte sie wehmütig.

Es bleibt spannend: Mit Teil 3 geht es ins Finale der Geschichte.

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 21128

 

 

 

 

Die Schwertschluckerin vom Kapuziner-Boulevard – Teil I

Jeanne hielt vor dem farbenfrohen Plakat an, das sie schon auswendig kannte. Gedanklich ging sie noch einmal die Künstlernamen durch:
Marie, „Das Puppengesicht“
„Goliath“, der stärkste Mann des Jahrtausends
Drillings-Akrobaten aus Mumbai
Lorette, die schmalste Taille der Welt
Esmeralda, die einbeinige Flamenco-Tänzerin aus dem sonnigen Spanien
Abdulwahab Hassen Adem Al Khaled, der Schlangenbeschwörer –
und noch viele mehr. Dazwischen war auch sie selbst: „Jeanne d’Arc“, die Schwertschluckerin.

Es war ihr Geburtstag, aber keiner wusste es. Sie hatte es niemandem gesagt. Sie verstand das große Aufheben um dieses Thema nicht. Was war schon dabei, geboren zu werden? Zwei Menschen verschiedenen Geschlechts kamen kurzzeitig zusammen, Frau wurde schwanger, trug das Kind im optimalen Fall neun Monate in ihrem Inneren herum und gebar es schließlich in die Welt, in die man nicht eingeladen wurde. Ihrer Ansicht nach gab es nichts zu beglückwünschen.
Ich bin der Beweis der Sünde meiner Eltern, dachte sie ohne jegliche Gemütsbewegung.
Es war Mitte Januar, für diese Jahreszeit war es erstaunlich warm. Sie trug eine dunkelbraune Nerzstola, ein schlichtes blutrotes Kleid und eine kleine weiße Handtasche, die sie in einem Ramschladen gekauft hatte. Von den eleganten Hütchen, Gesichtsschleiern, seidenen Abendhandschuhen und anderen angesagten Damen-Accessoires hielt sie im Gegensatz zu ihren Artgenossinnen nichts.

Langsam wurde es dunkler und allmählich leuchteten die Kohlenfadenlampen der Straßenlaternen mit einem leisen Surren auf. Sie mochte es zu beobachten, wie die Fäden in der Lampe sich anfangs glimmend erhitzten.
„Elektrizität.“ Dieses knisternde Wort ließ sie auf ihrer Zunge genüsslich zergehen.
Schon seit Jahren lebte sie in Paris, der Stadt ihrer Kindheitsträume. Sie war enttäuscht, denn sie hatte viel Elend und Unglück anderer beobachten können. Selbst hier, im vermeintlichen Zentrum des Universums. Sie hatte einen Mann in einem Rinnstein bewusstlos liegen sehen, befleckt von seinem eigenen rosafarbenen Erbrochenen, sie sah ein schmutziges, barfüßiges Kind sich unter die Räder einer vorbeifahrenden Kutsche werfen. Auf dem Pont Neuf sah sie ein Ehepaar heftig streiten und den Mann weggehen, während die Frau stehen blieb und sich ernsthaft überlegte, in die eiskalte Seine zu springen. Dann bemerkte sie, dass sie beobachtet wurde und ging raschen Schrittes fort.

Tagtäglich erblickte sie ausgemergelte Hunde, die umherstreunten, in der immerwährenden Hoffnung, einen Bissen, ein kleines Zeichen der Liebe irgendwo in der großen Stadt zu finden. Überall wühlten ältere Menschen im Müll nach etwas Essbarem, ohne jegliche Aussicht auf die ersehnte Erlösung. Katzen mit verzweifelten Augen huschten stets umher, schlüpften in schmutzige Winkel und jagten nach ein bisschen Leben, das ihre abgemagerten Körperchen unentwegt verließ.
Jede Tonlage der seelischen und körperlichen Qual war ihr mittlerweile vertraut geworden.

Sie wusste, was für ein Glück sie hatte, ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen zu haben. Aber es genügte ihr nicht, um selig zu sein.
Wie kann jemand sein Leben in vollen Zügen genießen, wenn er von so viel Not und Kummer umgeben ist?, fragte sie sich manchmal, aber nie fand sie eine Antwort darauf.
Jetzt hegte sie einen neuen Traum – Amerika. Selbst der Klang dieses Wortes erfüllte sie mit der Zuversicht, dass es einen Ort auf dieser Erde gibt, wo keiner leiden muss. Ein Paradies auf Erden. A-merika, Am-eri-ka, Am-erika, Ame-rika, Ameri-ka. Sie spielte damit, wie ein Kind mit einem Welpen spielt, einem Welpen, der groß und kräftig wachsen und das Kind mit seinem Leib beschützen wird.
In der Provence aufgewachsen, träumte sie öfter von der magischen Hauptstadt, die damals so fern und unerreichbar schien. Aber jetzt war sie ja da.
Ich kann alles, was jemand schon vor mir geschafft hat, sagte sie sich beruhigend.
Jede Gasse, jede Nebenstraße und jeden Durchgang kannte sie bereits. Sie hatte jede Ecke dieses Monstrums abspaziert, und es schien ihr nichts mehr anbieten zu können. Sie musste nur noch ein paar Monate ausharren, dann hätte sie genug Geld gespart, um auf einen Dampfer zu steigen und diesem verfaulten Kontinent ein Adieu ins schmutzige Gesicht zu werfen.

Sie hatte noch mehrere Stunden Zeit bis zu ihrem Auftritt. Mit ihrem männlichen Gang schlenderte sie durch das abendliche Montparnasse. Der Himmel tauchte die ganze Umgebung in ein sanftes Violett. Im Schaufenster einer neuen Gemäldegalerie las sie den ihr gut bekannten Namen: Vincent van Gogh. Daneben war sein Selbstporträt.
Dieser Mann war ihr stärkster Eindruck gewesen, als sie ein Neuankömmling in Paris war. Sie erinnerte sich sehr lebhaft an die Szene:
Es war auf der Rue d’Odessa. Ein rothaariger Mann mit rostfarbenen Bartstoppeln und einem entrückten Blick. Seine Hände ruhten in den Taschen einer abgetragenen Leinenhose. Sein Kopf war tief gesenkt, als ob er sich zwischen seinen schmächtigen Schultern verstecken wollte. Sie blieb stehen und schaute ihm nach. Zweifellos war er eine sonderbare Erscheinung. Plötzlich hörte sie jemanden seinen Namen rufen.
„Van Gogh, Sie haben Ihre Bilder vergessen!“ Ein älterer Mann im marineblauen Anzug lief ihm hinterher, ein Gemälde in jeder Hand.

Die Gestalt, deren Namen sie jetzt kannte, hielt an und drehte sich halb um. Sein Gesichtsausdruck vermittelte totale Müdigkeit und Lustlosigkeit gegenüber allem.
Ein Abgrund von einem Mann, hatte sich Jeanne sofort gedacht.
Der Mann im Anzug ging mit großen Schritten auf ihn zu und hielt ihm seine Gemälde hin. Aber Van Gogh schüttelte wortlos den Kopf.
„Nehmen Sie sie, ich habe Ihnen doch gesagt, ich kann nichts damit anfangen!“, sagte der Mann gereizt.
Van Gogh schaute zu ihm auf, denn er war fast einen Kopf kleiner.
„Ich auch nicht.“ Dann drehte er sich um und ging. Diese besondere Stimme mit ihrem entrückten Klang blieb für immer in Jeannes Gedächtnis haften. Es war wie ein leiser Schrei, der im Getöse und in kranker Betriebsamkeit des menschlichen Alltags so leicht überhört wird.
Der ältere Mann blieb einige Zeit stehen und schaute dem Gehenden nach, dann sah er sich beide Bilder an, murmelte etwas unzufrieden vor sich hin und ging resigniert zurück in seine Galerie.

Nach einigen Monaten hatte Jeanne den Galeristen aufgesucht, denn sie konnte keine Ruhe finden. Sie wollte unbedingt wissen, was aus Van Gogh geworden war. Sie betrat die Galerie mit einem Herzklopfen, als ob ihr eigenes Schicksal davon abhinge. Von dem Galeristen erfuhr sie, dass Van Gogh sich kürzlich das Leben genommen hatte.
„Ich hoffe sehr für ihn, dass es keine Hölle gibt. Er hat hier genug gelitten“, sagte der Mann voller Reue. Aber was änderte das schon für den Verkannten …
„Und die Gemälde, was haben Sie damit gemacht?“, fragte Jeanne schockiert.
Der Mann schaute ihr mit seinen wässrigen, hellblauen Augen tief in die Seele hinein.
„Sie sind fort, ich habe sie sofort entsorgt.“ Er ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Dabei haben sie schon einen großen Wert. Ich möchte gar nicht daran denken, was sie nach Jahren kosten werden.“ Das war es also, was ihn am meisten bedrückte, sein Gewinnverlust!
Jeanne verließ wütend das Gebäude und verlor sich in der Menschenmenge.

Vor seinem Selbstporträt stehend, fing sie an, verachtungsvoll zu lachen, über all jene, die sein Talent nicht rechtzeitig erkannt hatten und zu spät begannen, ihn zu vergöttern.

Es dauerte Jahre, bis sie mit der Truppe in diese „Festung“ namens Paris hineinkutschierte, denn der Patron wartete zögernd auf die richtige Aufstellung. Er wollte mit seinen außergewöhnlichen Figuren die Herzen der Bewohner dieser Stadt, vor der er große Ehrfurcht hegte, schlagartig erobern. Erst als er endlich mit der Konstellation zufrieden war und genug Mut und Überzeugung aufbrachte, gab er halb scherzhaft den Befehl: „Auf zum euch gebührenden Ruhm, meine Krieger!“
Bis dahin waren sie viel durchs Land gereist. Bourgogne, Normandie, Bretagne. Sie durfte anf den Stränden von Cannes und Nizza spazieren und ihre vergänglichen Fußabdrücke in den Sand zeichnen. Sie aß im Hafen von Le Havre Brötchen mit Matjesfilet und Zwiebelringen, während wie verrückt gewordene Möwen sie kreischend angriffen.

Nur ihren Heimatort, Avignon, aus dem sie zuvor geflüchtet war, besuchten sie nie wieder. Sogar jetzt wusste sie nicht, ob es nur ein Zufall war oder es sich zwischen ihr und dem Patron um eine unausgesprochene Vereinbarung handelte. Aber sie war ihm für die Ersparnis dieses Ärgernisses sehr dankbar, denn sie hätte auf gar keinen Fall dahin zurückkehren wollen. Nicht mal als eine junge erwachsene Frau, die durch die Welt reiste, neue Freunde und Weggefährten gefunden hatte, die sie ohne Zweifel bis zum Letzten beschützen würden. Sie fürchtete, sie hätte selbst den zufälligen Anblick ihres Peinigers nicht ertragen können, sich vor ihm wieder wie ein machtloses Kind gefühlt und wäre vor Schmerz vergangen. Dies alles blieb ihr erspart.

Sie erinnerte sich öfters ihrer Flucht und musste voller Selbstzufriedenheit schmunzeln. Es war ein großer und richtiger Schritt gewesen, um die Herrin ihres eigenen Lebens zu werden, um das sie sonst vollständig beraubt wäre. Ein Teil davon war sogar für immer fort. Sie wollte den Rest retten und tat es auch.

In Teil 2 der Geschichte erfahren Sie, wie es weiterging.

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 21127

 

In tiefster Ergriffenheit

Hinweis der Redaktion:
Dieser Text kann verstörend wirken, er thematisiert Krieg, Leid und Tod.

 

Granaten, Martin, Deckung, runter …

Ich bin Willi Schuster, Schütze im 1. Westfälischen Feldartillerie-Regiment Nr. 7. Ich bin Willi Schuster, Schütze im 1. Westfälischen Feldartillerie-Regiment Nr. 7. Ich bin …

Ich kann nichts sehen.

Martin, bist du da? Ich höre Schreie, bist du das? Ich will dich rufen, Martin, aber ich kann nicht, ich kann nicht sprechen, ich sehe nichts, nur Schmerz ist in meinem Gesicht. In meinem Mund, in meiner Nase, überall ist Blut. Ich kann es schmecken. Martin, ich höre dich, ich höre dich rufen. Martin, ich bin hier, halte durch, gleich kommt jemand, gleich wird man uns helfen, Martin. Deine Schreie, Martin, sie werden sie hören.

Mir ist so kalt, ich kann mich nicht bewegen, ich spüre meine Arme nicht, meine Beine nicht, alles ist so kalt.

Mutter, ich habe dein Tuch bei mir, Mutter, das wollene Tuch, das du mir zum Abschied gegeben hast. Du hast gesagt, darin hättest du mich nach meiner Geburt eingewickelt. Es soll mir Glück bringen, hast du gesagt. Ich habe es hier, Mutter, das Tuch, unter meiner Jacke, aber es wärmt mich nicht. Mutter, mir ist so kalt.

Johanna, meine Beine, ich spüre sie nicht, ich glaube, meine Beine sind weg. Ich will meine Beine nicht verlieren. Ich brauche meine Beine. Wie soll ich arbeiten, wie soll ich mauern ohne Beine? Johanna, Liebste, kannst du dir vorstellen, wie viele Häuser wir zerstört haben in diesen Kämpfen? Viel mehr Häuser habe ich zerstört, als ich in den ganzen Jahren gebaut habe. Und all die Menschen, die in den zerstörten Häusern lebten, wo sind die hin?

Weißt du, wie sehr ich dich vermisse, Geliebte? Du bist so schön, du bist das schönste Haus für mich. Deine Haut ist der feinste Verputz, dein Körper gerade und fest, von perfekter Statik. Deine Augen sind weit geöffnete Fenster, dein Mund die verheißungsvollste Tür.

So lange habe ich keinen Brief mehr von dir bekommen, Johanna, ich wüsste so gern, ob unser sehnlicher Wunsch sich erfüllt. Bekommen wir ein Kind, Liebste? Seit wir das letzte Mal zusammen waren, Johanna, sind so viele Wochen vergangen, wenn du ein Kind erwartest, würdest du es jetzt wissen.

Martin, ich höre dich nicht mehr, Martin, schrei, damit sie uns finden! Es wird schon dunkel oder ist das das Blut in meinen Augen? Martin, Kamerad, bitte, gib einen Laut von dir.

Es ist so dunkel, ich kann mich nicht bewegen. Martin, lebst du noch? Martin, Kamerad. Ich kann nichts sehen, nicht sprechen, nichts spüren, nur das Feuer in meinem Gesicht und in meinem Körper. So gerne würde ich schlafen, aber das Brennen in mir ist zu heiß. Glühend wie flüssiges Eisen.

Ich will nicht sterben, hier im Graben. Im Dreck. Bitte, Martin, so schrei doch so laut du kannst, damit sie uns finden. Schrei für mich mit, Martin. Die Nässe dringt in meine Jacke, sie sickert in meine Unterwäsche, mir ist kalt, ich fühle nur Kälte und diesen Schmerz. Der Gestank nach Blut ist in meiner Nase wie einbetoniert. Ich kann mein Wasser nicht halten, Mama, wie ein kleiner Bub mach ich in die Hose, Mama.

Kamerad Karl-Heinz aus Köln, Karl-Heinz Denkert, der hat all seine Schuhe verschenkt, bevor er in die Schlacht zog, als der Befehl kam. Alle seine Schuhe, überzeugt, er würde seine Beine verlieren im Kampf. Er war so sicher, dass er schwer verwundet würde, Johanna, all seine Schuhe hat er an uns verteilt. Er ließ es sich nicht ausreden, so sicher war er. Als er zurückkam, Johanna, hatte er seine Beine noch. Aber sein Leben hatte er verloren.

Ich will meine Beine nicht verlieren. Ich spüre sie nicht mehr, auch meine Arme nicht.

Johanna, ich will bei dir sein, dich wieder im Arm halten, ich will nicht hier sterben. Ich will wieder auf den Bau, das Gerüst hinaufklettern, Häuser bauen, nicht zerstören. Ich will unser Kind aufwachsen sehen, mit meinem Sohn um die Wette rennen, nur so zum Spaß, nicht davonlaufen vor Granaten und Maschinengewehrsalven. Ich will deine Stimme hören, Johanna, dein Lachen, nicht dein Weinen vor mir sehen, deine Tränen bei unserem Abschied.

Mutter, ich habe dir versprochen, ich komme wieder, Mutter, ich hab versprochen, ich passe auf mich auf, aber Mutter, da habe ich noch nicht gewusst, dass hier die Hölle ist. Mutter, so muss die Hölle sein, dieses Schlachten, diese Schreie, dieser Donner und dieser Rauch, diese Schmerzen. Mutter, das ist die wahre Hölle, nicht das, was sie dir in der Kirche erzählen.

Hier ist nur Tod. Tote Menschen, tote Pferde, totes Land. Johanna, ich weiß nicht mehr, wie eine Amsel singt, ich habe vergessen, wie eine Rose riecht, ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wie eine Rose aussieht. Hier gibt es keine Vögel mehr, keine Blumen.

Der Heinrich, als es den traf, sein Blut spritzte über uns alle. Nie werde ich diese Bilder vergessen, ich seh es, ich kann nichts anderes sehen als diesen Anblick, Heinrich, den es zerreißt, von der Granate getroffen direkt vor meinen Augen. Mutter, die Hölle kann nicht schlimmer sein als das hier. Wir sausen in den Tunnel, der kein Licht am Ende hat.

Der Tod arbeitet hier am Fließband: Der dicke Petersen, der kleine Finkenwald, grad 18 war er, Hansen, der so gerne Flieger geworden wäre, Mikula, der so gut kochen konnte, Geislinger, der große, dünne, dem keine Hosen passten, Maschewski, der Bergarbeiter aus Bochum, der sein Gesicht nie mehr sauber kriegte, Fritz Hahner und Friedrich Molzbach, die beiden Unzertrennlichen, die auch der Tod nicht auseinanderbrachte – alle tot. Mutter, alle sind sie tot. Auch Karl Pietrulla, mein Schulfreund, erinnerst du dich an ihn, Mutter, er liebte deine Butterbrote, mitten in die Stirn haben sie ihn getroffen.

Schlacht, das kommt von schlachten, Menschen abschlachten, das ist es, was sie tun in diesem Krieg, Menschen schlachten.

Ich hab den Kommandeur gesehen, wie er Briefe geschrieben hat, Hunderte Briefe waren das, die er schicken musste an die Angehörigen, Mütter und Väter, Frauen und Kinder all der Gefallenen. Mutter, ich will nicht, dass du so einen Brief bekommst, ich hab dir versprochen, dass du keinen solchen Brief bekommen wirst. Mutter, ich will mein Versprechen halten, ich will nicht sterben, Mutter.

Halt durch, Martin, unser Leutnant, der wird uns suchen lassen, ganz sicher. Er ist ein guter Mensch, keiner, der seine Männer im Stich lässt. Er wird uns retten wie die Katze, das kleine, graue Tier mit der weißen Pfote, das plötzlich in unserem Unterstand auftauchte. Es suchte sich unseren Leutnant aus als Zuflucht. Wir alle, dreckig und müde, waren gerührt, erinnerst du dich, Martin? Aber der Leutnant, der hatte Tränen in den Augen, ich hab sie gesehen. Und dann hat er einen Kameraden, den Hans Winterberg aus Düsseldorf, den hat er ausgewählt, ihm das Kätzchen in die Arme gedrückt und ihn nach hinten, hinter die Front geschickt. Vielleicht ahnte er den Gasangriff, der dann kam. Johanna, er hat einen Mann von der Front abgezogen, um eine Katze zu retten. So ein Leutnant, der sowas macht, der lässt doch seine Männer nicht hier im Dreck liegen. Martin, ich bin sicher, sie kommen gleich. Bestimmt werden sie gleich aufhören zu schießen, dann können die Sanitäter kommen, Martin. Bald wird es auch hell, dann finden sie uns. Sie schießen schon seit so vielen Stunden, irgendwann müssen sie doch damit aufhören.

Ich habe noch immer den Knopf von deiner Bluse, Johanna, weißt du noch? Ich trag ihn immer bei mir. Ich denk an das Grübchen, das du hast in deiner Kniekehle, Johanna, Geliebte, ich möchte so gerne meinen Mund auf dieses Grübchen drücken.

Da, Regen auf meinem Gesicht, er wäscht das Blut aus meinen Augen, ich kann dich sehen, Johanna, mein geliebtes …

Johanna, lächle. Johanna, nicht weinen. Johanna, verzeih mir …

 

 

Damvillers, 15. Juni 1916                               

Verehrte Frau Schuster,

ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Ehemann, Wilhelm Schuster, am 8. Juni vor Verdun für Kaiser und Vaterland den Heldentod starb. Er musste nicht leiden und glitt ohne Schmerzen in den Tod. Sie dürfen überzeugt sein von seiner hohen Tapferkeit und seiner treuen Pflichterfüllung.
Da aufgrund heftiger Kämpfe eine Überführung nicht möglich ist, wurde er hier an Ort und Stelle bestattet.

Seien Sie unserer allerherzlichsten Teilnahme versichert.
In tiefster Ergriffenheit,
Nachtigal, Regimentskommandeur

 

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 21098

Sie müssen das verstehen oder: Wie viele Zinken hat ein Kamm

Ich meine, Sie müssen das verstehen.
Ich liebe meinen Giorgio.
Mein Giorgio. Ein Bild von einem Mann. Ich weiß, wie sehr andere Frauen mich um diesen Mann beneiden. Und er liebt nur mich. Wir sind jetzt seit drei Jahren verheiratet und wahnsinnig glücklich. Er ist voller Glut und Leidenschaft, seine Augen verfolgen mich mit Sehnsucht und Verlangen, wann immer ich in seiner Nähe bin. Und wir sind fast immer zusammen, in Giorgios Frisiersalon. Er ist berühmt in unserer Stadt, alle wollen einen Termin bei meinem Giorgio. Giorgio mit den dunklen, feurigen Augen und der sanften Stimme. Es ist, als würde er mich streicheln, wenn er mit mir spricht. Giorgio, mein Giorgio, mit seinem vollen, glänzenden, pechschwarzen Haar – ich liebe ihn.

Aber ich hasse seinen Kamm!
Alle paar Minuten, immer wieder zieht Giorgio den Kamm aus der Hosentasche und kämmt sich damit seine Haare. Manchmal kommt es mir vor, als würde er ihn sofort wieder herausholen, sobald er ihn in die Tasche gesteckt hat.  Die Haare, die immer völlig glatt sind, nie verstrubbelt oder zerzaust. Auch der stärkste Sturm schafft es nicht, dass Giorgios Frisur durcheinandergerät. Niemals liegt auch nur ein einzelnes Haar nicht dort, wo es sein soll – und dennoch, Giorgio zieht schon wieder seinen Kamm und fährt durch seine Haare. Ich meine, das ist doch manisch, ein Tick, das ist nicht normal.

Ich habe im Guten mit ihm gesprochen, mit Giorgio, beim Frühstück, bei der Arbeit, sogar im Bett, nachdem wir …, Sie wissen schon, weil ich dachte, da sei Giorgio besonders weich gestimmt und ich könnte erreichen, dass er diese Kämmerei sein lässt.
Ich habe gebettelt: „Liebster“, habe ich gesagt, „Liebling, du siehst so gut aus, deine Haare liegen perfekt. Warum kämmst du dich schon wieder?“ Dabei habe ich ihn bewundernd und liebevoll angesehen. Es half nichts. Immer wieder erscheint der Kamm – ich hasse ihn. Ich meine, das hält man doch nicht aus.

Also habe ich seinen Kamm fortgeworfen in den Müll. Er holt sich einen neuen. Schließlich sitzt Giorgio ja quasi an der Quelle, in seinem Salon gibt es Kämme in allen Größen, Formen und Farben. Ich habe seinen Kamm im Garten in den Komposthaufen gesteckt, ganz tief hinein. Giorgio hat einen neuen Kamm.

Giorgio ist ein überaus ordentlicher Mann, geradezu besessen von Ordnungswahn. So sehr, dass er natürlich nicht verstehen kann, wie etwas von seinen Sachen einfach verschwindet.
„Ich hatte ihn doch hier hingelegt. Ich verstehe nicht, wo mein Kamm ist. Ich kann ihn nicht finden“, sagt er ein ums andere Mal und schaut mich dabei an, als müsse ich ihm helfen können. Aber ich schweige natürlich.
Und trotz aller Verwunderung holt er sich immer wieder einfach einen neuen Kamm aus dem Laden.

Danach habe ich seinen Kamm im Garten vergraben.
Den nächsten Kamm habe ich im Häcksler zerhackt – das war ein gutes Gefühl …
Am nächsten Tag hatte Giorgio wieder einen Kamm.

Ich habe einen Kamm von der Autobahnbrücke geworfen, den nächsten ein paar Tage später auf den Bahnschienen platziert.
Ich habe einen Kamm im Rhein versenkt (das fiel mir schwer, wegen der Umweltverschmutzung, verstehen Sie).
Und jedes Mal, am Nachmittag, wenn im Laden gerade die Hölle los ist, nimmt Giorgio einen neuen Kamm aus seiner Tasche und zieht sich den ohnehin perfekten Scheitel nach.

In einer Nacht bin ich schreiend aufgewacht. Ich kann mich noch an meinen Traum erinnern: Ich habe von Kämmen geträumt, Kämme, die mich verfolgen, wie tausend Tausendfüßler sind sie hinter mir hergelaufen, ich konnte rennen und rennen, sie ließen nicht ab von mir.

Ich liebe meinen Giorgio, aber das geht einfach zu weit. Das hält keine Frau aus.
Es muss etwas geschehen. Während Giorgio seine Morgentoilette macht, nehme ich seinen Kamm und träufele Sekundenkleber zwischen die Zinken. Bis Giorgio aus dem Bad kommt, ist der Kleber getrocknet und der Kamm unbrauchbar. Ich weiß, es wird nichts nützen, bis zum Mittag wird er einen neuen haben.

Am nächsten Tag besorge ich mir in der Apotheke Haarentfernungsmittel, mir ist jetzt alles egal, und verteile von der Creme großzügig auf seinem neuen Kamm.
Ich beobachte gespannt, was geschieht, als Giorgio diesen Kamm benutzt. Ich weiß nicht genau, wie das Mittel wirkt und vor allem nicht, wie schnell. Ein wenig tut es mir leid, Giorgios Haare sind so schön und ich liebe es, mit meinen Händen hineinzugreifen und darin zu wühlen – Giorgio mag das gar nicht und … Sie ahnen es. Aber es müssen Opfer gebracht werden, wenn ich ein Leben ohne Kamm führen will.

Nur, es passiert nichts, und als ich nach einigen Tagen immer noch keine Veränderung auf Giorgios Kopf feststellen kann, lese ich endlich die Packungsbeilage des Entfernungsmittels: Das Mittel muss großflächig aufgetragen werden und lange Zeit einwirken. Wie soll das gehen, wie soll ich das erreichen? Es ist zum Haare-Ausreißen.

Beim Abendessen beobachte ich, wie Giorgio den Kamm durch seine glänzenden vollen Haare zieht. Sehnsüchtig denke ich an die Packung mit dem Haarentfernungsmittel, die noch in meiner Hosentasche steckt.
Giorgio löffelt seine Minestrone und lobt mich für die gut gewürzte Suppe: „Du bist die beste Köchin der Welt, meine geliebte Chantal“, sagt er und ich könnte wieder einmal dahinschmelzen.
Da klingelt das Telefon und Giorgio geht in den Flur.

Mir geht die Warnung aus der Packungsbeilage nicht mehr aus dem Kopf.  Die Warnung, dass das Mittel giftig ist und man es keinesfalls schlucken oder auf die Schleimhäute aufbringen darf. Es sei besonders gefährlich, da es geschmacksneutral sei und daher versehentlich verschluckt werden könne.
Ich meine, Sie müssen das verstehen, dieser Kämmtick ist wirklich nicht mehr auszuhalten …

Drei Wochen nach der Beerdigung meines über alles geliebten Mannes kommen seine Brüder, um mir beim Ausräumen seiner Schränke zu helfen. Wir wollen seine Sachen für einen guten Zweck spenden, das wäre ganz in seinem Sinn gewesen. In den Taschen seiner Hosen, Jacken und Hemden finden wir 37 Kämme!
Ich meine, jetzt verstehen Sie, oder?

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 21056