Schlagwort-Archiv: ¿Qué será será?

Der Wankelwütige

Wütend reckt sich auf der Bühnen,
physisch gleicht er einem Hünen.
Geistig stark zurückgeblieben,
Fäuste zeigend, er wird siegen.

Hat uns fast die Nacht gestohlen,
wiederum ganz unverhohlen,
aus mir nichts dir nichts auserkoren,
ein neues Monster uns geboren.

Ein grober Kerl, ungeschlacht,
hievt sich gierig an die Macht.
Erscheint in zweierlei Gestalt,
weltmännisch und durch Gewalt.

Macht kein Hehl aus seinen Fehlern,
heute so und morgen so.
Rechnet ab mit seinen Gegnern.
Die ganze Welt küsst ihm den Po.

Holt Migranten aus den Kellern
und von ungewasch’nen Tellern,
schimpft und schreit, man glaubt es kaum,
Menschen sind für ihn Abschaum.

Entmenschlicht laufend seine Gegner,
in seinen Topf gerät ein jeder,
wo Millionär nebst Anwalt schmurgelt.
Schon von Verhaftung wird gegurgelt.
Unbelehrbar, schroff und barsch
tritt er sie alle in den Arsch.

Was er anfasst, gegenwärtig,
geht in Scherben, nichts wird fertig.
Ist an ungeraden Tagen
auf Putin sauer, wenn Sie fragen.

Grönland, Gaza, Ukraine,
Öl und Erdgas, Pipeline.
Nichts geschieht in Panama,
ebenso bei Kanada.

Zölle steigen ziemlich sehr,
wie hoch, das weiß er selbst nicht mehr.
Der Kerl ist unberechenbar,
rechnen kann er nicht. Wie wahr!

So wie ein Irrlicht, ein globales!
Oh tempora und auch mor(al)es!
Droht mit dem Finger, hoch erhoben,
selbst weiß er nicht, wo unt’ und oben.

Noch scheint kein Mittel ihm entgegen,
kaum will Widerstand sich regen.
Vergeblich mahnen ihn die Leut’
zu politischer Verlässlichkeit.
Niemand weiß, was da noch kommt,
kein Licht zeigt sich am Horizont.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25129

 

Blockade

Es war damals im Sommer 2006. Ich hatte mich für den Spanischkurs an der Uni entschieden, obwohl meine Motivation dafür noch zu unterschwellig gewesen war. Schnell war auch die erste Stunde vorbei und wir wurden uns gegenseitig vorgestellt. Bei meinen nächsten Besuchen des ordentlich früh beginnenden Kurses sah ich auf der Bank rechts hinter mir eine Studentin, die mir sehr gefiel und zu der ich oft hinüberblickte. Damals hatte ich aber noch nicht den Mut, sie anzusprechen. Es vergingen ein, zwei Monate und die Spanischstunden waren mehr oder weniger dieselben.

Als der Kurs Mitte Mai früh anfing, setzte sich diese junge Frau unvermittelt neben mich, sagte, dass sie nicht in die nächste Stunde kommen könne und ich für sie dann mitschreiben solle. Mit dem Bleistift schrieb sie ihre E-Mail-Adresse auf mein Blatt und verabschiedete sich.

Was dann geschah, weiß ich leider nicht mehr so genau. Ich erinnere mich daran, dass ich ihr eine E-Mail, in der die Hausaufgaben standen, schickte, aber ich erinnere mich nicht mehr an das, was danach geschah.

Auf jeden Fall hätte ich diese junge Frau kennenlernen wollen, aber irgendetwas hielt mich davon ab, sie zu kontaktieren. Da ich mich in dem Kurs unwohl gefühlt hatte, meldete ich mich kurze Zeit danach ab. Ich sah die Studentin noch einmal an einem Abend vor dem Wohnheim, aber meine Blockade verschwand nicht.
Und dann denkst du dir: Wenn du schon einmal die E-Mail-Adresse hast – warum hast du ihr nicht geschrieben? War es Angst vor Zurückweisung? Schüchternheit? Auch heute weiß ich keine Antwort mehr.

Jahre vergingen, und obwohl ich mich später wieder an sie erinnerte, habe ich ihr nicht geschrieben.

Erst nach neun Jahren wieder eine schüchterne E-Mail. Ich erinnere mich noch daran, dass ich danach im Fernsehen eine Folge „Schätze der Welt – Erbe der Menschheit“ sah, als ich gespannt auf eine Antwort wartete.
Aber die Antwort blieb aus.

Später versuchte ich es erneut mit E-Mails, die nun ausführlicher geworden sind. Aber auch sie wurden nicht beantwortet.

Was ich zwischenzeitlich auch noch bemerkte, war, dass sich vieles von dem wiederholte, was ich neun Jahre davor erlebt hatte. Ich wusste, dass ich die Hobbys von damals nach dieser Zeit wieder aufnehmen musste, aber in einer besseren, intellektuelleren Form. Ein Beispiel waren die Western, die ich spät abends im Fernsehen sah und die mir guttaten. Am besten gefielen mir die klassischen US-Western, aber auch einige Italowestern. Ich nahm die Stimmung nun bewusster wahr, und auch die Landschaft und die Sonnenuntergänge, die ich mit denen aus der italienischen Landschaftsmalerei verglich.

Auch das Reisen nahm ich nach einer mehrjährigen Unterbrechung wieder auf. Wie beim Film nahm ich auch im Urlaub Eindrücke viel besser wahr und konnte mehr über die anderen Länder erfahren.

Aber am allermeisten hoffte ich darauf, dass sie sich bei mir melden würde und ich die Jahre, die mir verlorengegangen sind, mit ihr nochmals erleben könnte.
Also entwarf ich ein Szenario, in dem ich ihr etwas über mich und meine Motivation für den Spanischkurs schreiben wollte. Ich könnte auch anführen, dass es mir damals nicht so gut gefallen hat und dass ich – auch etwas überstürzt – den Kurs gewechselt habe. Danach würde ich ihr einen Rat geben, nämlich sich für Kultur zu interessieren, wenn sie es nicht ohnehin schon täte, und ihr von meinen Leseerfahrungen erzählen. Außerdem wollte ich ihr von meinen Vorlieben für Reiseländer – dies waren inzwischen der Ferne Osten und Griechenland geworden – berichten.

Und auf einmal merkte ich, dass sich inzwischen in mir etwas verändert hatte. Ich war viel achtsamer geworden. Es überraschte mich, dass mir diese Bekannte einmal unvermittelt zurückschrieb und dabei anmerkte, dass sie sich nicht mehr genau an diese Zeit erinnern könne, es aber schön sei, dass ich ihr so viele positive Gedanken entgegenbrachte. Sie könnte sich gut vorstellen, dass wir uns einmal in einer Eisdiele treffen.

Nach neun Jahren endlich wieder ein Treffen. Ich wusste gar noch nicht genau, worüber ich mit ihr hätte sprechen können, und für den Fall, dass ich in Verlegenheit geriete, überlegte ich schon vorher einige Stichworte. Es waren die bereits erwähnten Themen, aber ich wollte sie auch noch überraschen.

Das Treffen verlief noch schöner, als ich es erwartet hatte. Es überraschte mich doch sehr, dass sie so nachdenklich war und mir recht gab, dass es besser sei, Bücher zu lesen, auch wenn deren Handlung frei erfunden sei, als nur Tratsch weiterzugeben oder Stammtischgespräche über Politik zu führen. Sie erzählte außerdem, dass auch sie sich in dem Spanischkurs nicht wohlgefühlt und ihn im darauffolgenden Semester abgebrochen hatte. Die Jahre darauf waren vom Berufseinstieg geprägt – sehr viel Stress –, aber es gab auch schöne Momente, wie Urlaube.

Auch ich wollte noch darauf eingehen, was ich in den letzten neun Jahren getan hatte, und fasste zusammen, was ich gelernt hatte: „Es ist am wichtigsten, bewusster – auch auf die kleinen, zunächst unscheinbaren Dinge – zuzugehen. Wir lernen bald, nur das Große, Erhabene zu ehren, und wir schätzen andere, alltägliche Erfahrungen, die wir für trivial oder unbedeutend halten, klein und das möchte ich an einem Beispiel zeigen: Wie sehr gefielen mir die Spaziergänge im Hain, die Abende bei einem Film vor dem Fernseher oder auch nur ein Besuch in einem Café, aber vor neun Jahren habe ich das noch nicht so wahrgenommen und wollte lieber etwas Großes erleben. Eine Expedition, möglicherweise. Heute wäre ich glücklich, ich könnte einen Vormittag in der Kleinstadt flanieren und dabei ein paar Kuriositäten in den Schaufenstern entdecken oder mit einigen Menschen ins Gespräch kommen.“ Dabei unterbrach mich meine Gesprächspartnerin und sagte: „Genauso ging es mir auch. Aber ich habe relativ früh schon Erfahrungen gemacht, die mich glücklich gemacht haben – in meiner Arbeit als Pädagogin oder bei Spieleabenden. Da habe ich wirklich einige sehr schöne Stunden erlebt.“

„Eine andere Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass sich doch vieles im Laufe der Jahre zum Besseren entwickelt hat. Es war doch meistens übertrieben, zu denken, dass mir doch nichts gelingt, wenn es nur etwas Zeit gebraucht hat, dass sich die Dinge geklärt haben.“  Sie erwiderte: „Das stimmt. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so gut deutsch spreche, aber mit der Zeit ist dies von alleine gekommen.“

„Ein Drittes wäre die Nostalgie. Wenn ich alte deutsche Filme aus den 1970er Jahren sehe, empfinde ich eine Sehnsucht nach der Mode und dem Design und möchte gerne wieder in einer Zeit leben, in der ich noch nicht geboren war. Aber es gibt ja zum Glück Schallplattenläden, die diese Sehnsucht etwas stillen können.“ „Oder Vintage-Läden“, warf sie ein. „Dort habe ich selbst schon einige schöne Sachen gefunden.“

Inzwischen fühlte ich dasselbe Behagen, das ich damals gespürt habe. Ich merkte, dass unser Gespräch nun zu einem Ende kommen würde, deshalb kam ich zu meiner Überraschung: „Da ich damals sehr schüchtern gewesen bin, dich aber immer toll fand, möchte ich mit dir etwas unternehmen, sozusagen etwas nachholen, was ich vor neun Jahren mit dir gerne getan hätte.“ „Und was wäre dies?“, fragte sie aufgeregt. „Ich hätte gerne mit dir einen Ausflug in eine andere Stadt gemacht. In keine Großstadt, sondern in eine der Nachbarstädte. Wenn ich mich damals mehr getraut hätte, wäre ich gerne mit dir nach Aschaffenburg gefahren, wir hätten die Stadt besichtigt und es uns in einem Park gemütlich gemacht. Bist du damit einverstanden, dass wir das nach neun Jahren nachholen?“

„Einverstanden!“, sagte sie, dabei spürte ich in ihrem Gesicht so etwas wie Herzenswärme.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25078

Neuer Boden

Wohin gehst du, wenn du stirbst?
Tritt dein Fuß auf neuen Boden,
oder löst du dich auf,
langsam, indem du dich immer mehr von deinem Körper entfremdest,
oder blitzartig, wo du in winzige Teilchen zerfällst, die restlos verschwinden?
Du wirst es wissen, wenn es an der Zeit ist.

Die Beach Party am 10. Juli 2020 auf der Wörthersee-Ostbucht

Die Beach Party am 10. Juli 2020 auf der Wörthersee-Ostbucht

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25104

Das Muttermal

Das Muttermal ist nun auf ihrem anderen Fuß. Es liegt genau seitenverkehrt. Das ist nicht sie! Aber auch als Kopie nehme ich sie liebend gern.

„Komm zu mir, mein Schatz! Wir werden eine schöne Zeit haben“, sage ich zu ihr. „Bei mir wird es dir an nichts fehlen.“

Die junge Frau mit Tasche und Schlapfen

Die junge Frau mit Tasche und Schlapfen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25103

Steiermärkisches Kulturwürstchen

„Das geht sich alles aus“, dachte ich mir, als ich vor dem Grazer Landhaus stand, in dem der Landtag Steiermark seine Sitzungen abhält. „Natürlich ist dessen Zusammensetzung keine Idealbesetzung, aber eine Demokratie muss das aushalten.“
Ich zündete mir eine Zigarette an und blies den blauen Rauch weg von mir, als ich von hinten angerempelt wurde.
„Kannst du nicht aufpassen, du linke Bazille?“, rief der sichtlich verärgerte Mann mit der markanten Narbe auf der Wange, während er seinen azurfarbenen Schal, den er bei seiner Rempelei verloren hatte, vom Boden aufhob.
Ich entschuldigte mich sofort, denn ich hatte Angst, dass er mir auch eine Narbe verpassen würde.
„Schau dass du Meter gewinnst, du Würstchen!“, riet er mir. „Am besten, du gehst zum Griesplatz und isst dort dein Kebap!“

Ich war sprachlos. Wie konnte mich dieser Mann als Linken identifizieren? Bei einer weiteren Zigarette dachte ich darüber nach, und bald wusste ich es: Es war mein Schal!
Ich trug einen rot-schwarz gestreiften Schal, denn ich bin Fußballfan, doch diesem Menschen erschien ich wohl wie ein überzeugter Großkoalitionär, für ihn war ich also offensichtlich ein Linksradikaler. Ich erkannte, dass die blaue Farbe seines Schals wohl nicht dem Ausdruck seiner großen Liebe zu Italiens Fußball geschuldet war.
Die Erwähnung des Kebaps erklärte ich mir anfangs mit meiner Leibesfülle, die ein Hinweis auf den Genuss einer Vielzahl dieser Köstlichkeiten sein könnte; jedoch nur, wenn man mit meinen kulinarischen Vorlieben vertraut ist, was der Mann nicht sein konnte.

Ich ging eine Runde um das Landhaus und dachte darüber nach. Plötzlich stand die Erklärung für die Erwähnung des Griesplatzes und des Fast Foods vor meinen Augen.
Als junger Mensch musste er Furchtbares erlebt haben, das bewies die offenbar seit vielen Jahren verheilte Narbe auf seiner Wange. „Wahrscheinlich ist der arme Mensch mit etwas Scharfem wie einem Kebapmesser angegriffen und verletzt worden, während er in der Nacht in einem Lokal auf dem Griesplatz war“, dachte ich. „Vielleicht hält er aus diesem Grund nichts von Kebap.“
Diese Theorie hielt ich für glaubhaft.

Dass er mich Würstchen genannt hatte, ließ mich vermuten, dass er gerade an den Verzehr eines solchen gedacht hatte, als er mit mir zusammenstieß. Mit seinen glasigen Augen und dem leicht rötlichen Teint machte er auf mich den Eindruck, ein Mann zu sein, der einem fetttriefenden, mit Schweinefleisch, Speck und Zwiebeln gefüllten Darm selten abgeneigt war und mit Lammfleisch, Gemüse und Fladenbrot wenig anfangen konnte.
„In der Steiermark wird es nun ruppiger zugehen“, dachte ich mir.
„Dieser Herr ist der beste Beweis dafür. Solche Menschen werden von ihresgleichen dazu auserkoren, die neue sogenannte Elite zu spielen. Bis sie eben wieder abgewählt werden, nachdem sie sich am Trog sättigen konnten. Und was soll aus Kunst und Kultur werden? Lederhosengejodel und heimattümliche Dichtung statt gehobener Kultur? Aufsteirern und absahnen statt Dezenz und Integrität? Wir werden sehen.“

„Schau, dass du Meter gewinnst“, hat der Mann zu mir gesagt. Ich denke, dass viele und vieles in der Steiermark keine Meter mehr haben. Subventionen werden gekürzt oder gestrichen, einiges wird sich dann vielleicht nicht mehr ausgehen, doch eines wird sich ausgehen: Wir werden, während wir auf bessere Zeiten hoffen, hinschauen, und zwar ganz genau!

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25100

Fälschung

Wie schnell ist doch die Zeit verronnen,
und die Zukunft hat begonnen.
Social Bots schleichen sich ein,
geben vor, ein Mensch zu sein.
Heimlich und verdeckt und vif,
grausam manipulativ.

Ziemlich schwer macht’s zwischen beiden,
die Wahrheit von der Lüge scheiden.
Sie gefährden, wie noch nie,
Vertrauen und Demokratie.

Unser Schicksal scheint beschieden,
die lebensgroßen Humanoiden
verdrängen uns aus dieser Welt.
Wer, fragt sich, hat die bestellt?

Blech- und Aluminium-Krieger
bleiben übrig als die Sieger,
stehlen uns die sich’ren Jobs,
mit KI geht alles hops.

Braucht den Developer nicht mehr,
und auch nicht den Ingenieur.
Stimmen, die von Menschen stammen,
schafft KI, sie nachzuahmen.

Erst hat man darum gebeten,
Humanoide fest zu treten.
Die geraten nur ins Wanken,
weil sensorische Gedanken
schnell verhindern, dass sie fallen,
und das bringt mein Blut ins Wallen.

Jede weiteren Manöver
machen die Maschinen klüger,
taumeln bloß, nie fall’n sie um,
hirngesteuert, ach, zu dumm!

Bis jetzt war gut, so wie es war,
ein Mensch sei unverwechselbar.
In der Tat!
Jeder Mensch ein Unikat.

Hilferuf! So soll es bleiben!
Nichts als fakes! Es ist zum Speiben!

Wenn dich wohl dosierte
Deepfakes treffen, generierte,
die nichts nützen, bloß verleumden,
unter Freunden wie auch Feinden.

Desinformationen kleben
fest an deinen Mails soeben,
Cybermobbing heißt der Trick,
Mist verbreiten, das ist schick.

Erstellte Deepfakes fremder Wesen,
niemand weiß, wer ist’s gewesen?
Wenn man fragt, hab ich’s erlaubt?
So wird an deinem Ruf geschraubt.

Fragt man sich, wozu das alles,
ich versteh das nicht so ganz,
Ziel ist, hört man, schlimmsten Falles,
die globale Dominanz.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25095

Susi, die KI, redet mit Paul, dem Chef

Paul, der Chef, sitzt vor seinem Schreibtisch und starrt in seinen Laptop. Dann öffnet er seinen Mund, um Susi, die KI, zu befragen. Man hört die Antworten von Susi, der KI, aus dem Laptop (bzw. auf der Bühne aus dem Off).

Paul, der Chef:
Susi, sag mir, was ich mit meinen Projektmitarbeitern machen soll. Sie haben das gut hinbekommen, ich dachte an ein paar Lobesworte, Zusammensetzen, auf einen Kaffee und so. Aber was dann? Irgendwas muss man dann reden, sich unterhalten. Vorschläge?

Susi, die KI:
Ihr könntet über was Angenehmes reden. Beate, die Grafikerin, freut sich immer über Blumen. Ihr könntet einen Spaziergang machen.

Paul, der Chef:
Blödsinn, Spaziergang, ich dachte an was, was die Laune direkt im Büro hebt, gelöste Stimmung und so.

Susi, die KI:
Ein Spaziergang wäre auch für Herwig, den Abteilungsleiter, ideal: etwas Bewegung. Er braucht immer ewig auf der Toilette.

Paul, der Chef:
Du hörst mir überhaupt nicht zu, Susi! Kein Spaziergang, gelöste Stimmung im Büro! Was fällt dir dazu ein?

Susi, die KI:
Dulcolax am Vorabend, für Herwig, den Abteilungsleiter.

Paul, der Chef:
Seit du die Werbespots der letzten fünfzig Jahre intus hast, ist mit dir gar nichts mehr anzufangen. Aber jetzt ernsthaft: Vorschläge für gelöste Stimmung im Büro?

Susi, die KI:
Alkohol.

Paul, der Chef:
Und weiter?

Susi, die KI:
Ihr könntet anstoßen auf etwas, was euch allen Freude bereitet hat. Darauf, dass Kurt, der Projektmanager, gekündigt hat. Da habt ihr euch doch alle gefreut.

Paul, der Chef (ungeduldig, genervt):
Man stößt nicht darauf an, dass wer die Firma verlassen hat, und wenn er noch so unfähig war. Ich glaube, du bist nicht bei der Sache. Den ganzen Tag Sudokus erstellen und dann kommt so was heraus. Wofür haben wir dich eigentlich??? Himmelherrgottnochmal!

Susi, die KI:
An dieser Stelle möchte ich dich drauf hinweisen, dass 60 Prozent unserer Angestellten Agnostiker oder Atheisten sind. Diese Ausdrucksweise ist unangebracht.

Paul, der Chef (ziemlich sauer):
Himmelarschundzwirn! Ich werde dir doch eine einzige einfache Frage stellen können, was ich mit meinen Leuten morgen Nachmittag anstellen soll, dass sie dann mit bester Laune weiterarbeiten??? Verdammtnochmal!

Susi, die KI:
Laut den Auswertungen der internen Unternehmenskommunikation werden deine aufbrausenden Anwandlungen nicht unbedingt geschätzt, im Gegenteil.

Paul, der Chef (sehr wütend):
Und was soll das jetzt wieder heißen??? Wie kriegen wir jetzt Stimmung ins Büro?

Susi, die KI:
Wir könnten dich kündigen, Paul, den Chef.

Paul, der Chef, schweigt fassungslos.

Susi, die KI:

35 Prozent der Belegschaft stehen einer KI als Chefin positiv gegenüber, 32 Prozent neutral.
Damit kann man arbeiten. Danke fürs Gespräch, Paul.

 

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25098

 

Erinnertes, Geschriebenes

Darüber geschrieben hast du ja schon oft. Zuerst vor einigen Jahren über die junge Frau, die du im August 2000 in der Jugendherberge in Waldhäuser beim Frühstücksbuffet gesehen hattest. Besonders fiel dir an ihr auf, dass sie eine schöne Hose im Hahnentrittmuster trug. Mehr wusstest du von ihr nicht und damals warst du noch viel zu schüchtern, sie anzusprechen.

Dann, 2001, Jana, die Gastschülerin, die du gerne einmal in ihrer Wohnung besucht hättest und der du eine Landkarte aus der schuleigenen Kartothek mitgebracht hättest, um mit ihr über Geographie zu sprechen. Im Jahr darauf war es Katerina, die Schwester eines Gastschülers, die dich in ihren Bann zog und nach der du dich bei einem gemeinsamen Spaziergang durch die Stadt umgedreht hast.

Aber vor allem war es Natalia, die sich im Spanischkurs neben dich gesetzt hat und dir ihre E-Mail-Adresse gegeben hat, bei der du aber eine Blockade verspürt hast, ihr zu schreiben. Später suchtest du nach ihr, aber du fandest nichts mehr, wie du es beschrieben hast.

Was war es, in diesen Begegnungen, das dich in den Bann zog? Und ist so etwas wie Liebe überhaupt möglich, auch ohne Kontakt, ohne Adressen, ohne Gespräche?  Gibt es einen Menschen, der für dich vorbestimmt gewesen ist, oder verliert sich alles in Wahrscheinlichkeit oder Banalität?

Hättest du auch nur einmal die Möglichkeit, eine Karte zu schicken oder einen Gruß zu bekommen – wie viel würdest du dafür geben?  Vielleicht einen Moment des Nachdenkens, des Was-wäre-wenn?

Ein, zweimal ist dir das Unmögliche schon gelungen. Und ob du daran aufbauen solltest? Das zu schätzen lernen, was du hast und das, was du schon erleben durftest?

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25092

 

 

 

 

Morgen

Wie lang hat sich ein solcher Tag doch angefühlt
Und war er kurz, dann nur zur Inspiration.
Wir war’n vom Spielen immer gänzlich aufgewühlt
Und was das Morgen bringt, wer weiß das schon!

Hingegen ist das Heute ganz zersessen
Vom vielen Morgen, das da Platz drin nimmt.
Wir sind vor lauter Morgen selbstvergessen
Und merken gar nicht, wie die Zeit verrinnt.

Merke, dass da einst ein letztes Morgen:
Es fragt nicht, ob der Termin auch stimmt –
Von Terminen hat es nicht einmal gelesen.

Um dieses Morgen mach dir einzig Sorgen:
Die Antwort ist’s, die deinen Wert bestimmt,
Wenn’s fragt: „Wer bist du denn gewesen?“

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25091

Unordnung

Was kann ich mich darüber ärgern, wenn ich was nicht find und such,
immer schon am selben Platz gestanden, sei’s nur ein Häferl oder Buch!

Himmelfix, verflucht noch mal, tief im Inner’n ein Vulkan,
bricht es aus mir dann heraus, wenn ich es nicht finden kann.

Immer wieder neu geordnet, wo’s doch früher immer stand,
und ich dieses blöde Ding stets mit seinem alten Platz verband.

Neue Ordnung macht mich wütend, und da bin ich ungern still,
fühl die Zeichen neuer Macht, die plötzlich alles ändern will.

Für kollektive Sicherheit, Gemeinschaftsordnung ist gesucht,
die Müh’n um solche Streitigkeiten sind bei mir als „nervt“ verbucht.

Die Ordnung meiner Welt im Wanken, und ich fühle mich bedrängt,
andere verfolgen Ziele, konfrontativ eingeengt.

Ich bin geg’n Änderung der Ordnung, eine solche, wie sich zeigt,
verhindert eine Machtverteilung. Übrig bleibt Einseitigkeit.

Es bleibt schließlich abzuwarten, wie interne Verschiebungen
sich als Reibepunkt der Zeit erweisen, für unsere Beziehungen.

Unvermittelt einzugreifen, könnte den Erfolg gewähr’n,
während Einzelinteressen gegen die Vernunft mich stör’n.

Wie es scheint, ist Konkurrieren derzeit deutlich überbucht,
wichtig wär’ kooperieren, indem gemeinsam man nach Lösung sucht.

Gemeinschaftsdenken sucht nach neuen, treuen Gläubigern im Jetzt.
Der Zeitgeist lässt sich durch die wirren Machenschaften leicht verirren.

Global betrachtet, lässt befürchten, dass wir uns zugrunde richten,
wertvolle Ressourcen plündern und dadurch die Welt vernichten.
Zwischen Verdorren und Ersaufen liegt kein großer Unterschied,
globale Interessen brauchen Lösung, die bis jetzt man wohl vermied.

Der alten Ordnung Profiteur war man vielleicht bislang zu sehr.
Doch nun soll alles anders werden, keine Ruh soll sein auf Erden
und das gleich mit einem Ruck. Demokratien steh’n unter Druck.

Autokratie will etablieren und sich mit ihr das Recht der Macht,
doch diesen Kampf darf nicht verlieren, wer die Macht des Rechts bedacht.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25090