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Der Railjetsimulator

Wenn ich nicht mehr Bahn fahre, kann ich auch nicht mehr schreiben. Ich überlege mir, eine alte Waschmaschine so umzubauen, dass ihr Schwungriemen eine Plattform rüttelt, auf der ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl stehen. Von einem Beamer aus werden Aufnahmen einer vorüberziehenden Landschaft auf die Wand projiziert. Ich besteige die Plattform, setze mich auf den Stuhl, vor mir auf dem kleinen Tisch – mein Laptop. Über eine Fernbedienung nehme ich die Waschmaschine in Betrieb. Die Plattform fängt an zu rütteln. Mittels einer zweiten Fernbedienung setze ich den Beamer in Gang. Ich ziehe meine Kopfhörer über. Alsbald tippe ich die ersten Sätze in den Computer. Das genaue Ziel ist ungewiss, sowohl des Schreibens als auch des Rüttelns Ende.

Und irgendwann habe ich aufgehört zu träumen.

Zurück ins Kaffeehaus. Ach, dort kommt endlich die Melange! Eine Zeitung der Herr? Nein danke, hab schon eine. Danke sehr! Ich winke ab. Wieder in die vor mir liegende Zeitung starrend. Hochwasser. Wo? Und? Was ist jetzt mit dem Hochwasser, mit dem depperten? Das geht jetzt schon seit Tagen so! Land unter, was? Gott sei Dank bin ich nicht in Bombay oder Lagos. Was sollte ich auch dort? Jedes Jahr dasselbe mit dem Wetter. Ich finde den Regen herrlich! (Er macht so schön depressiv, aussichtslose Katastrophenstimmung, passt so richtig zu meinem Inneren.) Und mit ein wenig Glück geht die Welt vielleicht doch unter (Der kleine Benedikt, Zitat aus „Der Salzbaron“), und man muss seine Kredite nicht mehr zurückzahlen oder braucht nicht mehr arbeiten zu gehen, weil alles unter Wasser ist.

Der Staat kommt für die Frühpension für alle auf. Sicher. Und das Wetter ist längst nicht mehr das, was es einmal war, sagen manche. In den Sechzigern hat es noch meterhohen Schnee gegeben. Richtige Schluchten hat der Schneepflug in die Straßen gegraben. Heutzutage kennt man sich ja nicht mehr aus mit dem Wetter. Im Sommer schneit es, im Winter hat es zwanzig Grad plus und mehr. Wer soll das ertragen? Mein Herz ist irritiert! Und erst der Kreislauf! Hilfsmannschaften bekommen Orden verliehen, typisch österreichisch! Orden verteilen. Monarchistische Altlasten. Fürs Sandsack-Legen! Ich halt’s nicht aus. Noch ein Kaffee.

Nun gut, wenn wir diese Leute nicht hätten, wer weiß? – Bitte sehr, der Verlängerte. Darf’s was dazu sein? – Danke, nein. Ich habe die Ahnenpässe meiner Eltern mitgebracht. Und Heiratsurkunden und so Zeug eben. Alles, was man für den Einstieg in eine Familienchronik eben braucht. Mein Gott, wer soll denn das alles lesen? Noch dazu in Kurrent! Also, Trauungs-Schein, Diözese Brünn. Na bitte, geht ja gar nicht so schlecht. Trauungsschein – Testimonium copulationis. Wenn man sich mit jemandem verbindet, zusammen ist, natürlich. Wurde gar nicht viel drum herumgeredet, damals. Beischlaf- oder auch Begattungslegitimation nenne ich das. Wie das klingt? Königreich Böhmen, Regnum Bohemiae. Wunderschön, nur leider längst nicht mehr wahr. Bezirksgericht Brünn. Blatt 403. Numerus currens zwölf. Der Bräutigam (sponsus) Stanislav K. Die Braut (sponsa) Frau Emilia O. Am sechsten November eintausendneunhundertsieben in Brünn. Dort drüben sitzt auch so eine aufgeputzte Yuppie-Tussi.

Was hat die andauernd zu telefonieren? Stundenlang ist die schon am Handy dran, unglaublich! Nee, so lange bin ich ja noch gar nicht hier. Aber immerhin. Wenn sie wenigstens leise spräche! Manche Menschen sind einfach nicht in der Lage, sich selbst in Relation zu den anderen zu sehen! Man kann hier ganz einfach nicht in Ruhe lesen! Seufzer. Das Leben scheint mit zunehmendem Alter wirklich ernster zu werden. Sollte es nicht leichter werden, verdammt noch eins? Wo doch ohnehin so gut wie alles bereits Vergangenheit ist. Was soll denn noch kommen, bitteschön, fragt man sich? War alles da. War alles schon einmal da. Jetzt werden die alten Hits wieder aufgewärmt, aus den Sechzigern. Auch schon was. Die Dichter schreiben Shakespeare um, anstatt sich selber was einfallen zu lassen! Die geht mir unheimlich auf die Nerven mit ihrer Telefoniererei! Ah, der Kaffee ist heiß, Donnerwetter! Die Milch hätt’ er sich sparen können. Hab ich schwarz gesagt oder nicht? Ignorant!

So ein familiärer Rückblick muss sehr genau beobachtet werden. Jede Entwicklung einzelner Personen darf nicht nur zur Routine werden. Es bedarf einer sorgfältigen Analyse der Fakten inklusive der Erläuterung diverser Auswirkungen auf andere Mitglieder der Familie, ähnlich der akribischen Arbeit, wie es Agenten tun würden. Man müsste bei der Niederschrift auch darauf achten, nicht bloß Satzellipsen stehen zu lassen oder rein rhetorische Fragen zu stellen, die letztendlich dann doch nicht beantwortet würden. Einer Überwachungskamera gleich beobachten. Insofern würden sich derartige Beobachtungen für den Unbeteiligten möglicherweise insistierend darstellen, vielleicht mit sarkastischen Zügen versehen und der logischen Frage, ob man je versucht hätte, vor solch einer Kamera beispielsweise unschuldig zu wirken?
Schließlich stellt man das Ergebnis unter den Scheffel der heutigen Gesellschaft, zeichnet ein möglichst genaues Bild derselben, dieses in ein System gedrängt, mit der Aussicht, Panik und Angst zu schüren, auf alle möglichen Bedrohungen aufmerksam zu machen, wie es heutzutage ja ein Leichtes ist, blickt man einmal kurz von seinem Boulevardblättchen hoch, und – wieder kurz zu Bewusstsein gekommen, das Ganze mit dem Nachsatz versehen, dass nämlich nichts besser würde, auch in der weiteren Zukunft nicht. Mit dieser Aussicht im Gepäck scheint es gar nicht so schwierig, die Haarnadelkurve in die Zielgerade der socalled „guten alten Zeit“ zu kriegen.

Apropos. Es ist vielleicht drei Jahre her, da fahre ich mit dem Abendzug zurück, von dort, wohin ich in der Früh immer fahre, immer hin und aus Richtung Westen. Eine Fahrt ohne Zwischenfälle, ruhig, wenig Passagiere, also kein Lärm, kein sinnloses Handygequatsche wie hallo, ich bin hier wo bist du?, und so weiter und was machst du eben – wen interessiert das bitte?, eine verfluchte Erfindung wahrlich!, und keine sonderliche Geruchsbelästigung, denn zahllose Mitmenschen halten offensichtlich nicht viel von Körperpflege und tragen das selbe Hemd und die selbe Hose, von der Unterwäsche ganz zu schweigen, offensichtlich mehrere Tage hintereinander.

Winter ist’s, auch wie immer in diesem Land, hat man den Eindruck. Ich verkable mich, und auch das wie immer, gleich nachdem ich es mir im Abteil zurechtgemacht habe und lege einen Film in den Laptop ein, damit die Zeit rascher vergehen möge. Ich weiß es nicht mehr, was es für ein Film war. Jim Jarmusch – Mystery Train – war’s nicht, das weiß ich mit Sicherheit. Egal. Er hätte mit Inhalt und Ausgang der Geschichte ohnehin nichts zu tun. Ich sehe also den Film zu Ende, während auch die Reise langsam ihrem Ende zugeht, packe meine sieben Sachen zusammen und gehe durch die zahlreichen Waggons in Richtung vorderen Zugteil, wobei ich auch durch jenen Wagen muss, der direkt hinter der Lok hängt, um dann, wenn er am Bahnhof ankommt, gleich zu allererst aussteigen und die U-Bahn erreichen zu können. Es ist ein Erste-Klasse-Waggon. Nicht, dass ich immer bloß Zweite Klasse fahre, es kommt auch vor, dass ich die Erste Klasse benutze und dann eben aufzahle, womit ich sagen will, sie ist mir ebenso vertraut wie die Zweite Klasse, jedoch benütze ich aus Kostengründen in der Mehrzahl die Zweite Klasse.

Als ich also die Schwingtüre dorthin durchschreite, kommt mir schon ein ziemlich aufgebrezelter, äußerst wohlbeleibter Schaffner entgegen, grußlos, wohlgemerkt, kein guten Abend, keine guten Irgendwas wünschend, nichts eben und schmettert mir in perfektem Meidlingerisch – He, hallo hallo, junger Mann, do kennan S’ oba net net durchgehn – entgegen. (Hier können Sie nicht durchgehen) Austria as it is – Charles Sielsfield, alias Karl Anton Postl, ausgewanderter Österreicher und Schriftsteller zahlreicher Romane und Betrachtungen, achtzehntes Jahrhundert, hätte seine wahre Freude daran gehabt, wenn er in der Gegenwart recherchiert hätte. Zuerst bin ich baff, um ehrlich zu sein, ich konnte zunächst gar nicht glauben, dass das jetzt die Wirklichkeit sein soll, in der ich mich befinde. Ich sehe ordentlich aus, keine zwanzig, fünfzig auch nicht mehr sondern – egal, den Schaffner schätze ich auf fünfundvierzig, bin schwarz gekleidet, schwarzer Mantel, Hose, Schuhe ebenso, schwarzen Trolley nachziehend. Sehe also nicht gerade wie ein Penner aus. (Ich bin wirklich froh über mein „r“ im Namen.) Habe eine intellektuelle Brille auf der Nase und bin plötzlich nicht würdig, durch einen Erste-Klasse-Waggon zu gehen.

Äh – ich gehe nur durch, sage ich anfangs schüchtern, zum vorderen Ausgang, weil ich gleich aussteige, alles in der Hoffnung, der Bahnangestellte würde sich vielleicht getäuscht, geirrt oder was auch immer haben, und der Satz sei ihm ganz einfach nur herausgerutscht, sodass ich hoffte, er würde ihm auch gleich wieder hineinrutschen. Doch da sollte ich mich irren. Nichts da. Genau – sagte er zu meinem neuerlichen Erstaunen, do däafn S’ net durchgehn, des is a Easchte Klass. (Da dürfen Sie nicht durchgehen usw.) Nun habe ich ja schon viel erlebt in diesen Zügen der sogenannten Staatsbahnen, schließlich fahre ich schon mehr als dreißig Jahre wöchentlich damit und da gibt es Mannigfaltiges zu berichten. Über spontane Halte wegen Personenschadens, Suizid auf offener Strecke. Also, dafür können die nix, das ist klar. Also zwei Stunden Wartezeit. Wegen eingefrorener Weichen ebenso wie aufgrund abzuwartender Anschlusszüge. Verspätungen wegen Betriebsstörungen bis zu Mitteilungen, Montagmorgen, man hätte keine Lok und müsse erst eine suchen. Ich habe mich, soweit es ging, nie aufgeregt deswegen, was auch sinnlos gewesen wäre, denn an der Abfahrtszeit hätte sich ohnehin nichts geändert. Auch nicht daran, dass in den Abfallkästen nahe den Sitzen der Schimmel regierte, und gar oft schon eine übelriechende Flüssigkeit, Reste aus Cola, Kaffee oder sonst was munter darin vor sich hinstank und schwappte.

Dass sämtliche Toiletten gleichzeitig kaputt waren, bis auf die im vordersten Waggon, der Ersten Klasse, dass es keinen Strom für den Computer gab oder überhaupt zu wenig Sitzplätze, weil man überzählige Waggons aus unerklärlichen Managementfehlern irgendwo anders halbleer herumkutschieren ließ, dass im Winter die Heizung nicht funktionierte und sich im Sommer in manchen Waggons nicht abschalten ließ, bis hin zu dem Satz, den einer der zahlreichen Generäle einmal abgelassen hatte, man wäre als Angestellter ja ohnehin bloß Bittsteller.

Auch wurscht. Dann aber gibt es noch die alljährlichen Sanierungsarbeiten am Gleiskörper. Die machen einen Schienenersatzverkehr nötig. Und das geht so – ich komm gleich zurück auf meinen Schaffner – also, da stehen in einem gewissen Ort Busse zur Verfügung, die die Reisenden in jene Orte bringen, die nun, über mehrere Wochen hindurch, per Bahn nicht passierbar sind. Nun fahren aber diese Busse durchs Unterholz, halten an Hütten, an denen nie jemand ein-, geschweige denn aussteigt und klettern mühsam versteckte Serpentinen hoch, um endlich mit Verspätung dort anzukommen, wo man eigentlich mit dem Zug hätte pünktlich ankommen sollen. Aber dort ist der Anschluss weg. Das bedeutet eine Stunde länger warten. Oder man ruft ein Taxi. Ist ja alles gratis. Hervorragendes Regionalmanagement, wirklich! Da gibt’s nichts zu meckern.

Nun gut, also der Schaffner verbietet mir, durch die Erste Klasse zu gehen. Jetzt komme ich ihm mit der Logik, dass es keinen Sinn mache, mich nicht durchzulassen, da ich ja ohnehin nicht Platz nehmen möchte, und wenn, könnte es ihm auch Pappendeckel sein solange ich bezahlte. Nein, das geht nicht und blablabla. Dann werd ich aber langsam grantig und fordere ihn auf, mir zu zeigen, wo dieses Verbot, hier nicht durchgehen zu dürfen, denn stehe. Weiß er nicht, aber es ist so. Ich sehe rot, das merke ich an meinen Herzrhythmusstörungen. Er soll zur Seite gehen, damit ich da durchgehen kann, und er sei ein Kasperl und solle sich nicht so aufführen. Da sieht er rot und stammelt irgendwas Wienerisches, von wegen ich solle mich aus dem Abteil entfernen, ich belästige die Gäste. Jetzt kriege ich aber meinen Anfall und niemand ist da, der mir die Schläfen massiert und mich davon abhält, ihm zu sagen, was für eine jämmerliche Figur er sei und dass er mir sofort Namen und Dienstnummer geben solle und er würde von mir hören. Das tut er auch, indem er meint, er wäre der Zugchef, Zuckscheff! (sic) 238 oder so, hähähä – schmettert und fett übers breite violett-rote Gesicht grinst.

Mir zittern die Knie vor Wut, und ich nehme meinen Koffer und ziehe mich mit den Worten – das gibt ein Nachspiel, Sie Kasperl – zum hinteren Ausgang zurück. Da hält der Zug auch schon am Endbahnhof. Wütend und rot im Gesicht klettere ich die Stiegen hinunter auf den Bahnsteig. Am vorderen Ausstieg steht der Zuckscheff und streckt seinen Bauch zur Tür heraus. Er lacht. Sie hören von mir, Sie Kasperl Sie!, rufe ich ihm zu und wende mich Richtung Ankunftshalle.

Zu Hause angekommen – meine Frau bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte, beichtete ich ihr in allen Details mein Missgeschick mit der staatsbahnlichen Obrigkeit und dass hier immer noch Hof gehalten würde wie in der Kaiserzeit, Relikt aus grauer Vorzeit, denn die Pensionen haben sich die feinen Herren gleichfalls aus diesen Zeiten zunutze gemacht, weil sie ja so wahnsinnig schwer arbeiten, sage ich giftig zu meiner Ehehälfte. Aber ich ernte wenig Verständnis. Man ist am Ende dann doch immer allein.

Tags darauf tippte ich bereits früh am Morgen heftig in die Tasten und beschwerte mich bei der für Bahnangelegenheit zuständigen Schlichtungsstelle über die bodenlose Schikane, die mir da am Tag zuvor im Abendzug wiederfahren war und forderte, dass sich dieser herrschsüchtige und amtsanmaßende Zugbegleiter schriftlich bei mir für sein offensichtliches Fehlverhalten zu entschuldigen hätte.

Die Antwort, die ich nach vierzehn Tagen erhielt, fiel jedoch alles andere als befriedigend für mich aus, wie ich sie in meinem Gerechtigkeitsstreben erwartet hatte. Der Zuckscheff war einvernommen worden und hätte zu Protokoll gegeben, dass ich in aggressiver Weise versucht hätte, mich an ihm vorbei durch den Korridor in die Erste Klasse zu drängen und er mich daran gehindert hätte, die Fahrgäste der Ersten Klasse weiterhin zu belästigen. Zack! Die halten also alle zusammen, waren meine ersten Gedanken, komme da was wolle! Allerdings räumte man mir ein, dass es kein derartiges Verbot gäbe, durch die Erste Klasse gehen zu dürfen. Ich nahm meine Brille ab und schluckte. Da gab es für mich nur einen einzigen Satz, mit dem ich die überschüssige Luft ablassen konnte – ihr könnt mich doch allemal!, schrie ich durch das Zimmer, beendete das Programm und fuhr den Computer herunter. Luft – alles was ich jetzt brauchte – war Luft!
Und einen Railjetsimulator.

Norbert Johannes Prenner
Auszug aus dem Roman „Am Ende ist man doch allein“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 17041

Ein Tag im Garten

Weiße Wolken
Mitten in der grünen Lunge
Im Blumenmeer
schwimmen Vögel
Stehende Hitze wärmt das Fleisch,
kaltes Meer spritzt,
verschwommenes Blickfeld
Zwischen den braunen Spitzen
Kokosnussgeruch
Weit dahinter,
ein Sprung in das Salz
Hawaiihemd halb offen
Braune Fäden
wehen zwischen Palmen

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg| Inventarnummer: 17028

Der Vogel und das Nest

Selbstverständlich sollen Dinge sein,
einfache, sagen sie,
Hoch oben zwischen den Kronen
schauen sie hinab zum kleinen Vogel,
Der Flug nach oben kann so leicht sein,
Oben in den Kronen bekommt man alles,
rufen sie,
Er zwitschert nur hinauf,
bis in das Morgengrauen,
dann Stunden und Tage,
sein Zwitschern wird monoton

Er fliegt hoch,
Zwischen den anderen Vögeln macht er sich Platz,
nach einer Weile bemerkt er, wie sich die Vögel
aus dem Nest werfen,
er zwitscherte ein trauriges Lied,
Warf sich aus dem Nest
und überlegte, ob er die Flügel ausbreiten
sollte oder nicht

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg| Inventarnummer: 17026

Mein Südtirol

Aurouggla – Teil 3

Als sich Tage danach der Stress um das Brautpaar gelegt hatte und der Alltag wieder seine ruhigen Bahnen zog, meldete ich mich bei Moidl (Mutter meines Schwagers, die Maria hieß) wieder zum Bardienst zurück, und ich muss sagen, ich war mit meiner Tätigkeit dort sehr zufrieden. Tagsüber kamen zahllose Italiener vorbei, denen ich Café Macchiato oder Limonata oder eben was anderes servierte. Ich war gefordert, mich mit ihnen zumindest irgendwie zu verständigen und im Laufe der Zeit lernte ich tatsächlich sogar etwas Italienisch. Ich konnte Bestellungen aufnehmen, kurze Fragen stellen und auch ein wenig antworten, wenn ich gefragt wurde, auch dann, wenn es sich dabei um Süditaliener handelte, was mit denen nicht immer einfach war.

Wenn ich Entspannung suchte und mir die Leute auf die Nerven gingen, lief ich einfach ums Haus, denn hinten, im Garten, saß oft ein zahmer Rabe auf einem Ast, der sogleich auf meinen Schultern landete, wenn ich ihn rief, und mir mit seinem kräftigen Schnabel liebevoll den Rücken klopfte. Vielleicht war er in seinem früheren Leben ein Specht gewesen, wer weiß. Ich fand das alles ziemlich aufregend, vor allem aber nicht so furchtbar langweilig wie bei uns zu Hause. Lag ich dann in meinem Liegestuhl, mit Pfeife und Karl May bewaffnet, setzte er sich ganz oben auf die Querleiste und tat, als läse er mit. Nur von der Pfeife hielt er Abstand, der beißende Rauch war dem sensiblen Tier offensichtlich nicht geheuer.

Gegen vier Uhr Nachmittag gab’s dann Marendn, also Jause. Oft kam Luis vorbei, ehemaliger Polizist, der von seinen Einsätzen gegen die Mafia in Süditalien erzählte und dem ich mit offenem Mund zuhörte, weil ich das alles nicht glauben konnte, was er so alles zu berichten hatte, denn solche Sachen kannte ich nur aus dem Fernsehen.
Manchmal, vor allem an Sonntagen, kam Frau Marie aus Meran herauf. Eine noch gut aussehende Sechzigerin mit einem eloquenten Mundwerk. Sie stelzte stets zuallererst an die Bar, beugte sich über diese und flüsterte mir leise zu, geh, Bua, gib ma an, zan Oischlenzgan. (Gib mir einen – zumeist Jägermeister – zum Hinunterspülen). Und ich gab ihr einen, aus dem rasch drei oder vier wurden.
Da war auch ein Buschauffeur, der alle Stunden hier Pause machte und entweder Kaffee oder ein kleines Bier bestellte. Er erzählte manchmal, wie die Partisanen italienische Bauern abgeschossen hatten, nur so zum Spaß, zum Zielschießen und so, auf den Feldern.

Eines Tages aber, es war schon gegen Abend, hörte ich ein furchtbares Pfeifen und Rauschen unten vom Tal her. Als ich, neugierig wie ich war, eilig auf die Veranda trat, da flogen plötzlich vier italienische Kampfjets von Meran aus den Hang entlang herauf und zischten über unsere Köpfe hinweg, dass uns die Luft wegblieb. Kaum dreißig Meter über dem Boden. Nie werde ich das vergessen, nie! Das war vielleicht ein Schauspiel. Die zahlreichen Touristen, die an der Seilbahn standen und warteten, kriegten die Münder nicht zu vor Staunen und es entfachte sich eine hitzige Debatte darüber, ob die Piloten das überhaupt durften, wo es doch viel zu niedrig gewesen wäre.

Manchmal waren die Brüder des Bräutigams meiner Schwester in der Bar. Sie hatten immer die neuesten Witze auf Lager, und ich mochte sie gut leiden, obwohl ich Probleme mit dem Verstehen ihres Dialektes hatte. Aber einen ihrer Witze hatte ich verstanden. Es ging um die Vespa, das beliebteste Verkehrsmittel für Alt und Jung hier in Südtirol.
Heute wäre alles nicht mehr so, wie es einmal war. Früher, sagte einer der beiden, wären die Vespen auf den Feigen gesessen, und sie meinten Wespen, aber heute sei alles anders, denn heute säßen die Feigen auf den Vespen, und sie meinten Mädchen damit. Ich weiß nicht, ob ich rot geworden war, aber ich musste furchtbar lachen.

Als der Luis, schon wieder einer, beinahe jeder hieß hier Luis oder Sepp, also der war ein Taxichauffeur, zum ersten Mal bei mir an der Bar gestanden ist, dachte er, ich sei Italiener, und ich dachte es auch von ihm, weil er italienisch bestellt hatte. So dauerte es eine ganze Weile, bis ich kapierte, was er eigentlich wollte, denn er hatte eine Pompelma bestellt, aber mit „aurouggla prego“. Das ging eine ganze Weile so hin und her, bis ich die Muata (Moidl) endlich fragte, was er eigentlich wolle und was denn um Himmels Willen „aurouggla“ bedeute? Bis ich endlich verstand. Aufschütteln. Er wollte, dass ich die Limonade aufschüttle, um das Fruchtfleisch gleichmäßig in der Flasche zu verteilen. Wir haben alle herzlich gelacht über unser Unvermögen, miteinander zu kommunizieren.

Als ich Jahre später wieder einmal hierher kam, mit meiner Frau, die im sechsten Monat schwanger war, machte ich eine Bergtour, alleine, und die wäre mir beinahe zum Verhängnis geworden. Die vielen Jahre, in denen ich zumindest die Sommer so oft als Piccolo in der Bar Diana verbracht und Gäste bedient hatte, kamen mir vor, als wären sie erst gestern gewesen. Damals saß hin und wieder ein älterer Mann am Stammtisch, ausnahmsweise einmal der Hubert, und kein Luis oder Sepp, der sagte, oben, am Ifinger, das ist der höchste Berg auf der Meraner Nordseite, sei am Gipfelkreuz eine Blechschachtel befestigt mit dem Gipfelbuch. Und in dieses Gipfelbuch hätte ein deutscher Tourist folgende Worte geschrieben: Alpenrose, schöne Rose, schöne Rose, Alpenrose, und er hätte mit Silbernagel unterschrieben. Und darunter soll ein Einheimischer geschrieben haben: Silbernagel, dummer Nagel, dummer Nagel, Silbernagel und mit Alpenrose unterschrieben haben.

Das musste ich natürlich einmal einfach selbst sehen. Aber niemand von den Einheimischen am Stammtisch der Bar Diana war je dort oben gewesen. Als Junge wäre es mir auch nicht möglich gewesen, aber nun war ich achtundzwanzig und hatte schon einige Erfahrung im Klettern und Tourengehen gesammelt. Also ging ich los. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich mich verstiegen und den Steig verloren, der zum Gipfel führte. Als ich dann auch noch abkletterte, geriet ich in einen Überhang und wäre beinahe nicht mehr von alleine hochgekommen. Der Gipfel war in Sichtweite, nur eine steile Wand von etwas sechzig Metern trennte mich von ihm. In der Wand hing eine verrostete Kette. Ich nahm all meinen Mut zusammen und hantelte mich an dieser bis zum Gipfel empor, denn ohne Sicherung, nur im Fels, hätte ich es sicher nicht geschafft. Oben, am Gipfel, saß eine Gruppe Bergsteiger, und die staunten allesamt nicht schlecht, als mein Kopf plötzlich vor ihnen auftauchte, von der steilen Südwand her. Ja wo kimmsch’n du auf amol her?, fragten sie ganz außer sich. Na, von da unten, antwortete ich gelassen, obwohl mein Herz wie verrückt schlug, teils vor Anstrengung, teils vor Angst. Immerhin ging’s unter mir beinahe tausend Meter abwärts.
Ich denke heute, ich hatte eher ihr Mitleid als ihre Bewunderung. Als ich hinterher ins Tal abstieg, erreichte ich gerade noch vor Ausbruch eines Unwetters, das seinesgleichen suchte, das schützende Haus, in dem meine besorgte Gattin bereits seit Stunden wartete. Es hagelte und schneite mitten im August und am nächsten Tag erfuhr man, dass mehrere Personen in dem Unwetter als vermisst galten.

Und noch etwas, als ich damals noch der junge Kellner in der Bar Diana war, ich erinnere mich genau an die Geschichte, gab es da einen bekannten Kunstmaler, Stampfl Rudl haben sie den genannt. Ich habe seine Aquarelle sehr bewundert. Er war ein Genie, wirklich, und ich denke, man könnte ihn zu den ganz großen Malern zählen, die im Genre des Naturalismus zu Hause sind. Er war mit einer deutschen Frau verheiratet. Und immer dann, wenn er schon zu lange am abendlichen Stammtisch gesessen war, kam seine Frau ganz aufgebracht in die Stube und rief: “Rudl, hasch an Dampf? Was sitsch allm bei die Affen?“, (Rudolf, bist du betrunken, warum sitzt du andauernd hier bei den Affen?) indem sie sich in ihrem besten Südtirolerisch versuchte, holte sie ihn mit diesen Worten zu sich nach Hause, zum Gaudium aller Anwesenden, die aus vollem Halse lachten.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 17033

Discokugel

Krogg und Popp waren mit ihrem Raumschiff unterwegs zu einem weit entfernten Planeten, der in einer anderen Galaxie lag. Er war klein und blau, die Instrumente auf ihrem Planeten hatten eine Atmosphäre und flüssiges Wasser erkannt. Auf seiner Oberfläche hatten sie Aktivität festgestellt, intelligentes Leben zweifellos, zu dem Zeitpunkt, als der Lichtstrahl ihren Heimatplaneten Bunker-339I traf. Krogg und Popp wurden daraufhin losgeschickt, um mit der außer-Bunker-339i-ischen Zivilisation Kontakt aufzunehmen. Ihr Raumschiff flog nicht schneller als das Licht, aber sie projizierten die Weltkarte auf eine Ebene, die sie falteten und mit dem Raumschiff quer durchstießen, durch diese Abkürzung holten sie das Licht bei Weitem ein.

Sie waren dem Planeten schon ziemlich nah, Aktivität war dort keine mehr vorhanden. Schade, dachten Krogg und Popp, die Zivilisation war erloschen. Jetzt erschien der blaue Planet auf ihrem Schirm. Sie näherten sich weiter, verringerten dann die Geschwindigkeit und tauchten in die Atmosphäre ein, sanken und landeten behutsam auf Gras.

Krogg und Popp stiegen aus ihrem Raumschiff. Die Luft war atembar, gut. Viel Natur, einige Asphaltgebilde. Sie gingen auf einem entlang. Es führte zu eingestürzten Häusern. Sie suchten nach Überresten der hier heimisch gewesenen Lebensform. Sie entdeckten nichts, dafür aber fanden sie etwas anderes – ein dickes Gerät mit einem Bildschirm, das auf einem quaderförmigen Teil mit der Aufschrift „Videorecorder“ stand, daneben waren große Band-Kassetten, auf denen „VHS“ stand.

Eine VHS-Band-Kassette passte genau in die rechteckige Öffnung des Videorecorders. Interessant. Krogg drückte auf je einen roten Knopf beim Videorekorder und dem anderen Gerät. Beide Apparaturen begannen zu arbeiten. Auf dem Bildschirm erschienen vier hübsche, langgliedrige Wesen in roten Gewändern, unten eng, oben weit, die sangen und tanzten: Sister Sledge – Lost in Music – 1979. Krogg und Popp waren begeistert, bald wippten sie mit. Es ging weiter mit: Donna Summer – Love to Love You Baby – 1975. Krogg und Popp probierte ein paar Tanzschritte aus. Es schien sich um Balzrituale zu handeln. Dann legten sie die nächste VHS-Band-Kassette ein: Saturday Night Fever – da passierte etwas: ein Film – Musik von Bee Gees – 1977, dieser weiße Anzug, diese Körperbeherrschung!

Krogg und Popp sahen sich noch weitere VHS-Band-Kassetten an. Sie lernten, dass dieser Planet „Erde“ genannt wurde, seine Bewohner „Menschen“, von denen die weiblichen „Frauen“ und die männlichen „Männer“ hießen. In einer Ecke sahen sie eine zerbrochene Kugel von dreißig Zentimeter Durchmesser, die mit kleinen Spiegeln beklebt war, die auf vielen Aufzeichnungen auftauchte.

So kam Disco auf den Planeten Bunker-339I. Seine Bewohner tanzten zu hundertzwanzig Beats per Minute in glitzernden Outfits, und über ihnen kreiste eine Discokugel.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16168

 

Auf der Fahrt ins Gleichgewicht

In Erinnerung an die unverwechselbare Silvana Mangano, die folgende Szene die spitzen Finger am Lenkrad mit drei Augenaufschlägen ihres rabenschwarzen Blicks darzustellen gewusst hätte, ohne auch nur ein einzige Silbe ihrer an sich schönen Stimme in Anspruch nehmen zu müssen …

„Heimat?“, hatte er damals meiner Frage als Gegenfrage entgegengesetzt, dann war sein Blick abgewandert, in eine unbestimmte Ferne gerichtet, so wie es immer schon seine Eigenheit gewesen war, wenn er sich bemüßigt gefühlt hatte, eingehender einem Gedanken nachzugehen.
„Heimat – vielleicht ein Ort, an dem Vertrautheit und Neugier zur richtigen Balance finden; oder anders betrachtet, eine Zeitspanne, in der einen weder die Vergangenheit übermannt noch die Sehnsucht mit sich reißt.“

Und mit dem ihm eigenen halben Lächeln hatte er noch hinzugefügt:
„Alles in allem ist Heimat also ein seltener Zustand – manchmal so kurz wie das Kriechen einer Schildkröte, manchmal so lang wie das Heulen eines Saxophons.“

Und dann hatte er sich zu mir herabgebeugt, mir einen letzten, tiefen Kuss gegeben, mich im Nacken gefasst, mit diesem festen Griff im Nacken, der mich wieder einmal schwach in den Knien werden ließ, und schon war er im Zug entschwunden gewesen, in dem Zug, der ihn jenseits nördlich der Alpen bringen sollte, zurück in ein Land, das ich nicht kannte und beim besten Willen auch nicht kennenlernen wollte. Und da stand ich nun, übriggeblieben mir selbst überlassen, allein auf diesem Bahnsteig in Mestre, der Industriekloake vor Venedig, dessen ganze Erbärmlichkeit nun im gleißenden Licht der Morgensonne zu voller Geltung kam, inmitten aufgestaubter Windböen, die leere Plastiksäcke über die Gleise wehten.

Und warum mir diese Episode, dieser Erinnerungsfetzen, so viele Jahre her, gerade jetzt in den Sinn kommt, weiß ich nicht zu sagen, vielleicht, weil mir dieser Straßenabschnitt nicht mehr so viel Konzentration abverlangt, die Mühsal der vielen Kurven über den Apennin endlich hinter mir gelassen habe und ich den Wagen mit leichtem Handgriff am Lenkrad über das schnurgerade Straßenband gleiten lassen kann, durch die unermessliche Weite dieses Tals vor mir. Das also ist die Toskana, und zu meiner Schande muss ich gestehen, so weit in den Süden hat es mich bislang noch nie verschlagen, mich als verwöhnt ignorante, arrogante Mailänderin, oder besser gesagt, viel weiter in den Süden, die Fotosafari in Südafrika zu Beispiel, oder auch der Flugtrip nach Miami, Florida, liegt das überhaupt südlicher, gemessen an den Breitengraden?

Wie auch immer, diese Toskana hier hat mit den Vorurteilen in meinem Kopf nicht viel gemein, mit Chianti schlürfenden deutschen Altpolitikern und englischen Adelssprösslingen, die sich an einem beheizten Pool vor einer in die Neuzeit renovierten Villa räkeln und sich der Abenteuer der letzten Etappe einer Oldtimerrallye brüsten – keine von Zypressen gesäumten Auffahrten neben mir, nur dichtes Unterholz auf den Böschungen dieses Landstrichs, den ich gerade durchfahre, im Nirgendwo südöstlich von Livorno, hier zeigt sich ursprüngliche, ungehobelte Natur, rudimentär die Dinge, die meiner Einschätzung nach dieses Land hier preiszugeben bereit ist: Holz, Wein, Marmor.

Aufregend war es damals ja gewesen, wenn das Aufpiepsen seiner SMS mich aus meinem eintönigen Lebensfluss gerissen hatte, alle Monate lang, in der Art, fahre über Mestre, habe zwei, drei Tage Zeit, und nichts sonst, kein Wort, kein Gruß. Und umso aufregender, geradezu erregend, mir die nötigen Ausreden zusammenzureimen, um mich aus dem Alltag Mailands zu schälen, immer absurder meine Ausflüchte, bis zum Verdacht hatte ich sie ausgereizt, nur um den nächsten Zug nach Mestre zu erhaschen, nur um in dem immer gleichen schäbigen Bahnhofshotel zu landen, mit ihm in diesem durchgewetzten Doppelbett, das wohl schon in den Siebzigerjahren nach Mottenkugeln gestunken hatte.

Sieh an, habe ich doch glatt seinen Namen über die Jahre hinweg vergessen, ihn aus dem Gedächtnis verloren, nur sein Spitzname, mit den ich ihn im Geiste versehen hatte, ist mir noch im Sinn: der Ewig Reisende. Warum er so viel reiste, immer auf Achse war, nicht nur einmal hatte ich ihn danach gefragt, woher kommst du dieses Mal, und auf dem Weg wohin bist du dieses Mal? Und wieder einmal hatte er sich eines dieser langen, nachdenklichen Blicke in die Ferne bedient, bevor er sich endlich zu einer Antwort herabließ:

„Manchmal muss man sich in den hintersten Winkel Siziliens flüchten, um Wien verstehen zu können. Und nach Überwindung all der Beschwerlichkeiten, die Reise nach Venedig, über Rom nach Palermo, bis nach Ragusa auf seinen beiden widersprüchlichen Hügeln, bin ich schließlich in dieser heimeligen Bar zu sitzen gekommen, mit italienischem Jazz im Rücken. Und noch heute könnte ich schwärmen von dem vollmundigen Rotwein, nachgeschenkt von einer sizilianischen Kellnerin, deren Antlitz der liebe Gott persönlich geschnitzt haben muss. Und dort bin ich zu der Einsicht gelangt, dass man sich manchmal bis nach Wien flüchten muss, um wieder zu einem klaren Gedanken zu kommen.“

Noch heute ist mir nach einem Lächeln zumute, ob dieser Ausführung, und unbewusst bin ich vom Gas gegangen, denn verheißungsvoll das Hinweisschild, das mich in die Abzweigung zu einem nahe gelegenen Dorf lockt, nur vier lächerliche Kilometer von hier, gegen eine dampfende Tasse Espresso hätte ich nichts einzuwenden, und eigentlich muss ich auch pissen wie ein Pferd, aber es läuft gerade so glatt, gut voran komme ich auf meiner Fahrt, die kein Ziel kennt, in einem Wagen, der nicht einmal mir gehört, deshalb ein beherzter Tritt aufs Gaspedal, weiter geht es. Heiß und trocken, die toskanische Luft, die mir durch das offene Seitenfenster ins Gesicht bläst und mir das Haar zerzaust, mir einerlei, denn warmes Wohlgefühl weht sie mir in die Seele, und eine makellose Frisur ist das Letzte, woran ich jetzt einen Gedanken zu verschwenden bereit bin, hier kennt mich keiner, dieser rustikale Abschnitt der Toskana hat so gar nichts gemein mit einer Mailänder Flaniermeile.

In unserer Anfangszeit musste es gewesen sein, kurz nachdem uns ein Schnellwaschgang aus Schicksal und Zufall zusammengespült hatte, als ich ihn zu fragen gewagt hatte, aus welchem Land er eigentlich stammte, von nördlich der Alpen, von jenseits dieser in ewiges Eis gehauchten Bergketten, die mir noch heute unüberwindlich wie zu Hannibals Zeiten scheinen. Und nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass er damals einen schlechten Tag gehabt hatte, als er mir von seiner Heimat erzählte, in der es ein paar Jahrzehnte zuvor einem Thomas Bernhard noch vergönnt gewesen war, sie in Grund und Boden zu schimpfen und zu hassen, aber die mittlerweile ohne ihr eigenes Zutun, nur aus einem Glücksfall der Geschichte heraus, als Binnenland der Union, zu Wohlstand und Sattheit gelangt war, zu einer Insel der Seligen, die mit ihrem Glück nichts Besseres anzufangen wusste, als in ihrer eigenen Langeweile zu versinken und zu ersticken, in ihrer Selbstgefälligkeit, verkommen zu einem Operettenstaat, dessen einzige Erlösung darin bestünde, dass Brüssel einen Gouverneur entsenden würde …

Dass ich zwar von Bernhard gehört hatte, aber nie etwas von ihm gelesen hatte, daran dachte ich während seiner Tirade, so bekannt war Bernhard bei uns nicht, und Skandale wussten wir Italiener uns schon selbst ins Fleisch zu schneiden. Und um seinem Wortschwall ein Ende zu setzen, hatte ich ihn mit der Frage unterbrochen: und Mailand? Was hältst du von Mailand, dort bist du doch sicher auch schon einmal gelandet, als Ewig Reisender, oder? Endlich hatte ich ihn zum Innehalten gebracht, aber dieses Mal verzichtete er auf den Fernblick weitschweifender Überlegungen.

„Erinnert mich an München.“

Ich hatte ihm ja gleich gesagt, dass er nicht die Muscheln bestellen hätte sollen, dass die Muscheln um diese Jahreszeit nichts wert waren, wahrscheinlich kamen sie nicht einmal aus der Lagune, sondern schockgefroren aus Fernost, eigentlich kein Wunder, dass er damals einen schlechten Tag gehabt hatte.

Huch, alter Mann, pass doch auf, diese unübersichtliche Kuppe ist wirklich nicht die beste Stelle, um deine Schafe über die Straße zu treiben, aber zugegeben, viel zu schnell bin ich unterwegs, hinreißen habe ich mich lassen vom Rausch der Fahrt. Piano, piano, ja doch, ich habe deine Handbewegung verstanden, und ich gebe dir Recht, beide haben wir alle Zeit der Welt, niemand wartet auf mich jenseits deiner Herde, und auch dich als einsamen Schäfer scheint keiner zu vermissen, nur deine Schafe blöken voller Ungeduld, angesichts der saftigen Weide jenseits der Straße.

Ein Zigarette, brennendes Verlangen nach einer Zigarette überkommt mich, während ich den Herdentrieb jenseits der Windschutzscheibe abwarte, ein Verlangen wie schon seit Jahren nicht mehr, das meine Gedanken abermals in das schäbige Hotelzimmer in Mestre führt.

„Eine gute Zigarette bringt die Zeit zum Tropfen.“

Ja, ich hatte verstanden, was er zum Ausdruck hatte bringen wollen, obwohl ich noch ganz weltentrückt war, so kurz nach dem Rausch des Liebemachens, ich den Kopf in seine Armbeuge gebettet und er den Rauch seiner unvermeidlichen Zigarette in den Raum hauchend. Aber meiner Erfahrung nach hatte ich selbst immer nur dann zu einer Zigarette gegriffen, wenn mich Nervosität oder Langeweile plagte, und deshalb hatte ich damit aufgehört. Und wenn ich ihn so betrachtete, wie er eine Zigarette nach der anderen in sich hineinqualmte, um endlich an eine gute zu gelangen, schien mir der Preis doch zu hoch, vielmehr verstand ich seine Zigaretten nur als brodelnde Oberfläche, dass er innerlich von gehetzten Gedanken verfolgt war, und dass er mich gut an seiner Seite hätte brauchen können, als Ausgleich. Und ernsthaft war ich versucht gewesen, mich in ihn zu verlieben, mit all dem bedingungslosen Wahnsinn einer echtem Verliebtheit, bereit, alles hinter mir liegen und stehen zu lassen und ewig mit ihm zu reisen, aber dafür tropfte uns die Zeit nicht lange genug, keine auch noch so gute Zigarette kann von dieser Länge sein.

Ja, jetzt bin ich mir sicher, das war unser letzter Abend gewesen, bevor ich am Morgen danach den Bahnsteig in Mestre als so besonders erbärmlich empfunden hatte, aber ich weiß nicht mehr zu sagen, wie die Sache zum Stillstand gekommen ist, hatte ich keine SMS mehr von ihm bekommen, dem Ewig Reisenden, oder war mir die Lust vergangen gewesen, auf seine SMS eine Antwort zu geben? Zu lange ist es her, zu viele Jahre, vergessen habe ich auch das, schlichtweg verdrängt.

Wie auch immer, ich schwöre dir, Tomaso, das ist der einzige Mann gewesen, mit dem ich dich jemals betrogen habe, über all unsere Ehejahre hinweg, und dass ich mich nicht einmal mehr seines Namens entsinnen kann, zeigt, dass es nie von Bedeutung gewesen ist, jetzt schon gar keine Bedeutung besitzt, für den Umstand, dass ich mich fern von dir ziellos durch die Toskana treiben lasse, und das schon den zweiten, nein, den dritten Tag lang. Überhaupt, ich kann dir keine tiefgreifende Erklärung geben, denn nichts Außergewöhnliches ist an diesem Abend geschehen, als wir beide uns zum letzten Mal gesehen haben, Tomaso, ein Abend wie so viele zuvor, an denen wir Gäste geladen hatten.

Wie immer hatte sie sich selbst übertroffen, Rosalinda, die gute Seele unseres Haushalts, und wie immer habe ich den Ruhm dafür geerntet, für Rosalindas Braten. Wenigstens das kannst du mir nicht vorwerfen, Tomaso, bis zum dritten, dem wichtigsten Gang, dem Braten, habe ich durchgehalten. Erst beim Dessert hat mich die Kraft endgültig verlassen, als der Diskurs zwischen dir und deinen Architektenfreunden wieder einmal so richtig in Fahrt gekommen ist, wie üblich als Einleitung eine Zeitreise von Vitruv über Palladio bis hinauf zu Zaha Hadid, und hinter all dem intellektuellen Getue habt ihr nichts anderes zu verbergen gewusst als euer sehnlichstes Verlangen, ihnen gleich zu werden in ihrer Unsterblichkeit. Und angesichts eures Gejammers voller Weltschmerzen ist mir einzig ein Satz von Antonio Tabucchi in den Sinn gekommen, dem Schriftsteller, den du, Tomaso, immer nur als sentimental abgetan hast:

„Der Tod ist die Kurve in der Straße; sterben heißt nichts anderes, als nicht mehr gesehen werden.“

Alles andere als sentimental dieses Zitat, sentimental seid nur ihr im Glanz eurer vom Wein glasigen Augen und rot aufgedunsenen Gesichter gewesen, und genau in diese hätte ich diesen Satz schleudern sollen, auf dass euch die Münder offen stehen bleiben, dann wäre es nicht so weit gekommen, Tomaso. Aber zu nichts dergleichen habe ich mich hinreißen lassen, nur aufgestanden bin ich mit der Entschuldigung, mich frisch machen zu wollen. Aber selbst dazu ist mir die Lust vergangen gewesen, oder besser gesagt, eine andere Art von Frische habe ich gesucht, auf der Veranda bin ich zu stehen gekommen, um tief Atem zu holen. Und auch dafür kann ich dir keinen Grund nennen, dass es mich anschließend von der Veranda auf den Parkplatz vor unserer Villa getrieben hat, und schon gar nicht kann ich dir erklären, warum es mich nicht zu dem spritzig witzigen Mini Cooper gezogen hat, den du mir zum letzten Geburtstag geschenkt hast, Tomaso, sondern ich mich in Rosalindas alten Fiat Tipo aus den Neunzigern gesetzt habe.

Und wie üblich hatte Rosalinda den Schlüssel im Schloss stecken, den Motor habe ich angelassen, vielleicht, weil es mir zu still geworden ist, den ersten Gang habe ich eingelegt, vielleicht aus eingelernter Gewohnheit heraus, und losgefahren bin ich. Und gefahren und gefahren bin ich, anfangs getrieben von der Angst, dass die Telleraugen deines Porsche Cayenne in meinem Rückspiegel auftauchen könnten, hindurch durch Mailand, hinaus aus Mailand, immer weiter gegen Süden, und noch immer fahre ich zu, nur zum Unterschied, dass die Angst einer mir unerklärlichen Lust gewichen ist.

Einzig um Arturo tut es mir leid, und die Unkenrufe über mich als Rabenmutter kann ich von Mailand bis hierher hören, aber jetzt mit seinen vierzehn Jahren ist er mir schon längst entwachsen, vorbei die Zeiten, als ich ihn in die Arme genommen und sein aufgeschlagenes Knie mit einem tröstenden Pflaster versorgt habe. Jetzt sieht er mich mit pupillengeweiteten Augen an, wenn ich ihn beim Computerspielen störe, vorwurfsvoll, ihn beim Erlegen eines Monsters unterbrochen zu haben, nur weil ich ihn zu so etwas Irdischem wie Mittagessen rufe. Und deshalb, Tomaso, deine Vaterpflichten sind jetzt gefragt, das erste Jahrzehnt war ich an der Reihe, aber das nächste bist du dran, und ich zweifle nicht daran, dass es dir auf deine Art und Weise gelingen wird, so sehr wie Arturo nach dir geraten ist, ganz die Gene seines Vaters, ihm in der Blindheit gleich, die Grenzen seiner Möglichkeiten einzusehen.

Wie hat der Ewig Reisende doch so blumig den Begriff Heimat beschrieben, als etwas aus Gleichgewicht von Zeit und Ort, und zu so einer Art von Heimat ist mir mittlerweile diese Kiste Blech geworden, in der ich sitze, dieser Fiat Tipo aus einem vergessenen Jahrhundert. Und ebenso die vergessene Art der Orientierung, eine aufgeschlagene Straßenkarte auf dem Beifahrersitz, selbst die urtümliche Form von Klimaanlage habe ich mittlerweile zu schätzen gelernt, nicht mehr als ein Schiebedach mit Handkurbel. Aber besonders ins Herz geschlossen habe ich das antike Autoradio, das sich mit etwas ebenfalls Vergessenem wie Audio-Kassetten speisen lässt, und solche habe ich auch gefunden, im Handschuhfach, Paolo Conte aus den Achtzigern, ich hätte nie gedacht, dass du solche Musik hörst, Rosalinda, du und Jazz, ich habe dich wohl unterschätzt, schon allein deshalb kannst du gerne meinen Mini Cooper haben.

Und um nochmals auf Tabucchi zurückzukommen, Tomaso, mach dir keine Hoffnungen, ich werde mich nicht um den Baum in der nächsten Kurve wickeln. Das hättest du wohl gern, dann wärest du all deiner Sorgen enthoben und dein Gesicht gewahrt, aber viel zu gut habe ich inzwischen die sperrige Lenkung und die lausigen Bremsen im Griff. Andererseits, dass du mir die Kreditkarte bislang nicht gesperrt hast, derer ich mich nach wie vor üppig bediene, beweist mir deine Zuversicht, mich doch noch zur Vernunft zu bringen. Denn ich weiß, eines Tages wirst du mich aufspüren, Tomaso, auf deine Hartnäckigkeit ist immer schon Verlass gewesen. Aber die einzige Art und Weise, auf die du mich jemals wirst zurückholen können, ist in einem Sarg – zurück in deine Heimat!

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16158

 

 

 

Spatz oder Taube

Das Angebot, das Walter Pirker von Emilio unterbreitet worden war, hatte einfach zu gut geklungen. Dieser hatte ihn in einer Mailänder Hotelbar angesprochen und ihm in einem vertraulichen Gespräch zweitausend Euro versprochen, wenn er eine Person von Italien nach Österreich befördern würde.

„Wie sind Sie auf mich gekommen?“, fragte Pirker, nachdem er eingewilligt hatte.
„Sie sehen vertrauenswürdig aus“, gab Emilio, der seinen Familiennamen nicht hatte nennen wollen, zurück. „Außerdem“, fuhr er fort, „scheinen Sie einigermaßen dringend Geld zu benötigen.“
„Woran erkennen Sie, dass ich in Geldnot bin?“
„Ihr Anzug war gewiss teuer, Walter. Vor zehn Jahren allerdings.“
Pirker verstand.

„Wer ist die Person, die ich nach Wien fahren soll?“
„Sie heißt Simona und ist in Schwierigkeiten geraten. Ihre Mutter wird sie in Wien in Empfang nehmen und Sorge tragen, dass das Mädchen auf den rechten Weg zurückfindet.“
„Wird sie mir Schwierigkeiten machen?“
„Nein, das wird sie nicht.“
„Warum ist ihnen dieser Transport so viel Geld wert? Selbst Flugtickets wären günstiger. Oder handelt es sich bei Simona um Ihre Tochter?“
„Ja“, seufzte Emilio. „Ich werde sie morgen zu Ihnen bringen, und dann können Sie losfahren.“
„Abgemacht.“

Sie reichten sich die Hand, und Walter Pirker verbrachte den Abend in Gedanken versunken an der Hotelbar. Er dachte an Simona, malte sich aus, wie sie wohl aussehen mochte und wie ihre gemeinsame Autofahrt verlaufen würde. Der Grund, aus dem er nach Mailand gereist war, interessierte ihn nicht mehr. An dem ebenso illegalen wie gut dotierten Pokerturnier würde er nicht teilnehmen – seine finanzielle Lage hatte sich schließlich dank Emilios Angebot schlagartig verbessert.

Wie vereinbart brachte Emilio Simona am nächsten Tag in Walters Hotelzimmer.
„Du bist also mein Chauffeur“, sagte sie und kaute schmatzend auf ihrem Kaugummi.
„Und du bist Simona. Guten Tag, ich heiße Walter“, sagte Pirker und gab ihr die Hand.
„Nachdem ihr euch nun kennt, wünsche ich euch eine angenehme Fahrt“, sagte Emilio, reichte Walter ein Kuvert und verließ den Raum, nachdem er Simona flüchtig auf die Wange geküsst hatte.
„Wann fahren wir los?“, fragte das Mädchen.
„In etwa einer Stunde. Du sprichst gut Deutsch, Simona.“
„Ja, ich war eine Weile in Wien. Und nun muss ich wieder dorthin zurück.“
Sie seufzte.

„Was hast Du angestellt?“
„Ich bin mit Haschisch erwischt worden.“
„Böses Mädchen!“, sagte Walter, doch sein Grinsen ließ sie erkennen, dass seine Worte nicht ernst gemeint waren.
„Was ist mit dir, Walter. Wer bist du, warum bist du in Mailand und wie bist du an Emilio geraten?“
„Das sind aber viele Fragen auf einmal. Also: Ich halte mich mit Kartenspielen über Wasser, wollte gestern Abend an einem Pokerturnier teilnehmen und wurde von deinem Vater an der Hotelbar angesprochen.“
„Lass mich raten: Er hat dir ein verlockendes Angebot gemacht, und du hast den Pokerabend sausen lassen.“
„So war es.“
„Oft kommt eben etwas dazwischen“, sagte Simona. „Du bist gar nicht so unattraktiv wie die übrigen Spieler, die von Stadt zu Stadt reisen, um an illegalen Kartenrunden teilzunehmen.“
Walter schluckte, Avancen hatte er nicht erwartet.

„Danke“, stammelte er. „Du bist auch hübsch, wenngleich zehn Jahre jünger als ich.“
„Wie alt bist du denn?“, fragte sie.
„Dreiunddreißig.“
„Dann bist du nur acht Jahre älter als ich“, stellte sie fest und sah ihn entwaffnend aus ihren hellblauen Augen an, die, wie Walter fand, auf interessante Art mit ihren schwarzen Haaren kontrastierten.

Die erste Stunde der Fahrt verlief ruhig. Simona war damit beschäftigt, Nachrichten in ihr Telefon zu tippen, und Walter versuchte erfolgreich, dem großstädtischen Verkehr unfallfrei zu entkommen.
„Wie viel hättest du gestern Abend gewinnen können?“, fragte sie, nachdem sie ihr Handy weggelegt hatte.
„Ich meine, dreitausend Euro wären dringewesen.“
„Und Emilio? Wie viel hat er dir für die Fahrt geboten?“
„Zweitausend.“
„Ein schlechtes Geschäft, findest du nicht? Warum bist du darauf eingestiegen?“
„Manchmal ist es besser, den Spatz auf der Hand zu fangen, als auf die Taube auf dem Dach zu hoffen.“
„Hättest du nicht am Turnier teilnehmen und mich trotzdem fahren können? So hättest du vielleicht fünftausend Euro verdient.“
„Nein. Solche Pokerabende dauern die ganze Nacht, und übermüdet zu fahren ist zu gefährlich.“
„Ach, ihr Österreicher“, meinte Simona und lachte. „Ihr seid zu sehr auf Sicherheit bedacht.“
„Was wirst du in Wien machen, Simona?“
„Erst werde ich mich mit Elena treffen, danach werde ich weitersehen.“
„Wer ist Elena? Eine Freundin von dir?“
„Elena? Nein, eine Freundin ist sie nicht“, sagte sie gedankenverloren.
„Wer ist sie dann?“
„Sie ist meine -“, sie stockte. „Meine Mutter“, beendete sie den Satz.

Walter Pirker ahnte, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, doch bewahrte er die Ruhe des Pokerspielers und dachte an die Sachen, die er sich mit dem Geld, das er von Emilio erhalten hatte, kaufen würde.
„Was hast du vorher gemacht, Simona? Hast du studiert?“
„Nein, ich habe eigentlich nichts Großartiges gemacht.“
„Womit hast du dir denn dein Leben finanziert?“
„Ich hatte immer reiche Freunde“, antwortete sie, der das Thema offensichtlich unangenehm war.

In diesem Augenblick erkannte Walter, dass er einem Schwindel aufgesessen war. Da er sich jedoch auf engem Raum mit einer daran beteiligten Person befand, unterließ er es, darauf einzugehen.
Er unterhielt sich stattdessen mit ihr über Musik, Mode und andere unverfängliche Themen. Er begann, eine gewisse Sympathie für die junge Frau zu entwickeln und lachte innerlich über seine Unvoreingenommenheit, der er es zu verdanken hatte, dass er dem Turnier ferngeblieben war.
„Wo wohnst du in Wien?“, fragte Simona.
Er nannte ihr seine Adresse. Einen Augenblick lang hatte er daran gedacht, ihr eine falsche Anschrift zu nennen, doch da er keine Gefahr von Simona ausgehen sah, sagte er ihr, wo er tatsächlich wohnte.

Der Treffpunkt mit Elena lag in der Nähe des Hauptbahnhofes. Simona reichte ihr die Hand und erhielt einen Umschlag von der älteren Frau. Walter wurde von den beiden nicht beachtet, jedoch von Alois Möstl, den er von etlichen Pokerabenden her kannte.
Möstl war in Begleitung einer Frau, die im selben Alter wie Simona war, zum Treffpunkt gekommen. Seine Begleiterin erhielt ebenfalls einen Umschlag von Elena.
Die Männer sahen einander an und begannen zu lachen.
„Wir Idioten!“, rief Walter.
„Heißt der angebliche Vater deiner Bekannten zufällig Emilio?“, fragte Alois.
Walter wollte antworten, doch brachte er vor Lachen kein Wort heraus.
Alois klopfte ihm auf die Schulter und die beiden fuhren davon, ohne die Frauen weiter zu beachten.

Am Abend dieses Tages lag Walter Pirker auf seinem Sofa und sah fern, als es an der Türe klingelte. Er öffnete und sagte erstaunt: „Guten Abend, Simona.“
Simona lächelte ihn an und sagte: „Möchtest du mich nicht hereinbitten?“
Er gab den Weg frei, und sie setzte sich auf das Sofa.
„Also, was kann ich für dich tun, Simona? Hat deine Mutter dich hinausgeworfen?“
Sie lachte.
„Emilio ist nicht mein Vater, und Elena ist nicht meine Mutter. Er ist spielsüchtig und von der Idee besessen, dass er mehr Geld gewinnen kann, wenn möglichst wenige professionelle Spieler am Pokertisch sitzen. Darum haben meine Cousine, die du heute am Bahnhof gesehen hast, und ich oft die Gelegenheit, ins Ausland zu fahren.“
„Ich verstehe. Und was willst du nun von mir? Wann fährst du zurück nach Mailand?“
„Übermorgen.“
„Was wirst du bis dahin in Wien machen?“
Simona rückte nahe an Walter heran, sah ihm in die Augen und hauchte: „Ich bin dein Spatz. Ich werde dir zeigen, dass auch ich mich aufs Spielen verstehe.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg |Inventarnummer: 17011