Von Münze und Zigarre I

Wien zeigte sich in der damaligen Zeit nur als Skizze. So wie Wien sein sollte, mochte dem einen oder anderen Passanten, der durch die Innenstadt schlenderte, bloß als Idee durch den Kopf geistern. Die großen Gebäude blickten eher wie Gräber auf dieselben herab und wirkten weniger lebendig als die zerstörten, auf die der Krieg seine wüste Pratze hatte niedergeschmettert. Niemand wusste zu sagen, ob die Stadt jemals wieder so werden würde wie früher.

Andererseits war sich auch niemand sicher, ob er das auch gewollt hätte.

Über dieses oder ähnliches dachte ein Junge von etwa elf Jahren, der mit einer Matrosenmütze auf dem Kopf leichten Fußes über das Pflaster des ersten Bezirkes flanierte, nicht nach.

Ganz im Gegenteil.

Vorbei an den großen Museen trieb es ihn, durch Gärten vergessenen Ästhetizismus, hinüber bis zum Heldenplatz, aber was kümmerten ihn die gewaltigen Gebäude und wer sich darin, umherirrend, die Haare raufte? Zur Donau wollte er und dieses Unterfangen war auch im Moment das Einzige, auf das er Lust hatte.

Alles andere kam nachher.

Das Wetter war rau an jenem Februartag, der Wind hatte bereits frühmorgens durch die Straßen zu fegen begonnen. Der Junge mit der Matrosenmütze zitterte in seinen zerfetzten Kleidern und ausgetretenen Schuhen.

Wenigstens schneit es nicht, dachte er und damit hatte er Recht.

Denn die Zeit hing irgendwie in Stille. Niemand bemühte sich, aus der Asche der Stadt ein neues Feuer zu entfachen. Man sah hierhin – es war grau; man blickte dort hinüber – es war schwarz; und die Menschen befanden sich irgendwo dazwischen, in der akzeptierten Gefahr verweilend, dass sie bald selbst in der Skizze der Stadt zu einfachen Strichen schwänden.

Der Junge schien dies alles nicht zu bemerken, als er über den Heldenplatz spazierte. Sich umsehend, gewahrte er jedoch - neben einer Gruppe von Amerikanern am Reiterdenkmal - vier Fahnen sich Seite an Seite im Winde drehen. Der Junge wusste nicht, was sie bedeuteten, aber sie erschienen ihm wie Flügel, die, erregt flatternd, sich doch nicht forthoben.

Plötzlich: ein Pfeifen.

Der Junge mit der Matrosenmütze blickte irritiert um sich; woher mag dieses Pfeifen im stillen Wien denn auf einmal hergekommen sein, wunderte er sich.

Abermals der schrille Ton!

Anschließend ein: „‘Ey, boy!“

Durch jene Worte schließlich konnte der Junge mit der Matrosenmütze einen der Amerikaner unter der Reiterstatue als denjenigen ausmachen, der auf sich aufmerksam machen wollte.

Derselbe winkte ihn nun zu sich hinüber.

Der Junge mit der Matrosenmütze verstand und folgte. Die Gruppe von Amerikanern lachte, (ob über einen Witz oder über ihn …), als der Junge sich ihnen näherte, gleichzeitig teilte sie sich vor ihm auf, bis er, in ihrem heiteren Halbkreis angekommen, vor demjenigen stand, der ihn gerufen hatte.

„A boy with a hat like that?“, sprach derselbe Amerikaner und belächelte den Jungen von oben herab.

Der Junge erwiderte einen erwartenden Blick.

„The boy has balls, fellows“, meinte der Amerikaner in die Runde: „I like that.“

Die Gruppe lachte abermals.

Jetzt hockte sich der Amerikaner hin, um auf Augenhöhe mit dem Jungen zu sein.

„Look at that gram face of his“, musterte er ihn: „Real solder, aren’t ya? Haven’t seen boys like you back home. Maybe it’s somethin‘ in the air“, sagte er, zu den vier Fahnen hochblickend: „A little Mozart maybe?“, schmunzelte er und begann die Melodie der >Kleinen Nachtmusik< zu summen.

Der Junge mit der Matrosenmütze jedoch blieb ohne Reaktion, derselbe wartende Blick ruhte auf dem vor ihm hockenden Soldaten.

„Maybe this time’s gone – maybe another time has come, for other people …“, sagte dieser und kramte in seiner Gürteltasche. Hervor holte er eine Zigarre, die er dem Jungen mit der Matrosenmütze herzlich hinreichte. Dabei meinte er weiter: „C’mon take it. It’s your’s.“

Der Junge besah lange Zeit diese Geste, ehe er annahm. Und während er die Zigarre nervös zwischen seinen Kinderfingern zu drehen begann, wandelte auf den Gesichtern der Soldaten ein ihm unangenehmes Lächeln.

Der Amerikaner erhob sich schließlich: „It’s a special one, boy, very precious. A gift“, beschmunzelte er den Kleinen, der auf einmal anfing zu zittern. Die übrigen Soldaten gewahrten neidisch das Geschenk. Da klopfte der Große dem Kleinen auf die linke Schulter: „And now run.“

Der Junge mit der Matrosenmütze hatte keines der fremden, so seltsam klingenden Worte verstanden.

Dennoch lief er nun so schnell er konnte davon.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 15108

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