Von Münze und Zigarre II

Ein kaltes Nieseln wusch Wiens letzte Farben dessen Straßen hinab, Straßen, die ehemals große Geister auf ihrem Weg zum Ruhm bewandert hatten, heute jedoch nirgendwo mehr hinführten. Kleinere Gestalten schlichen nun umher, die Nasen rümpfend, pendelten sie rastlos zwischen den Gebäuden, um Unterschlupf in Häusern zu finden, deren Erbauer längst vergessen waren.

Manch einer war sicherlich an dem alten Keller vorbeigekommen, jenem jenseits des Praters, aus dem man an manch so grauem Tag manch einem Musikspiel lauschen konnte. Niemand aber hätte jemals auch nur gewagt, einen Fuß auf die hinabführenden Ziegelstiegen zu setzen, in ein Reich fernab von all den Kümmernissen dieser Stadt – ja so bescheiden war Wien -, dasselbe nun erfüllt war von goldenem Jazz:

Ehemals der Schlupfwinkel einer amerikanischen Runde, die entweder den Weg in ihrer Trunkenheit nicht mehr gefunden hatte oder abgerüstet war, nun die Herberge eines französischen Stammtisches, der sich täglich um die Dämmerungszeit dort einfand, um sich in der amerikanischen Idee von Wien, die beseelt von schrillen Trompetentönen, einzulullen.

Ursprung dieser Musik war eine sich immerwährend drehende Schallplatte, die ein Liebhaber des schwarzen Jazz vor der Besatzung von Übersee hatte mitgehen lassen. Dieselbe drehte und drehte sich, und noch ehe sie zu Ende gespielt war, hob ein kleines Mädchen mit einer Fliegerkappe auf dem Kopf – das es sich für ein Streichholz pro Wiederholung zur Aufgabe gemacht hatte – die Nadel und setzte sie behutsam am äußeren Rand der Platte ab, damit die Musik von vorne beginnen konnte und die Zeit niemals stillstand.

…. ein kurzes Scharren wälzt sich aus dem Grammophon. Für einen Moment scheint das Herz des Kellers aufhören zu schlagen. Und nach der mächtigen Stille erklingt er wieder: Der Jazz. Und wieder. Und wieder …

Das Mädchen mit der Fliegerkappe hatte ein neues Streichholz verdient.

Einem der Franzosen musste die gewissenhafte Arbeit des kleinen Mädchens aufgefallen sein, denn, sich aus seinem Qualm erhebend und seine übrigen Kameraden verlassend, wankte er ihm entgegen – in die Mitte des kühlen Kellers mit den säftelnden Wänden, wo das dort aufgebaute Grammophon vor sich hin trällerte.

„De tous mes disques, celui-ci est mon préféré“, nuschelte er, den Blick zwischen dem Mädchen und der sich weiterdrehenden Platte pendelnd: „Tout Vienne devrait les entendre“, meinte er mit wirbelnden Händen: „Tout Vienne - enivré!“

Das Mädchen mit der Fliegerkappe sah den angeregten Franzosen verdutzt an. Sie verstand kein Wort.

Der trunkene Mann hingegen lachte, amüsierte sich und lallte weiter: „Tout Vienne peuvent aller se faire voir. Le jazz reste ici. Il est à moi“, - verächtlich blickte er zu den Übrigen hinüber-: „Mais ne le dis pas à ceux-là.“

„Merci“, erwiderte das Mädchen mit der Fliegerkappe. Es war das einzige Wort, das sie auf Französisch kannte. Gerade eben war es ihr wieder eingefallen.

Der Franzose fand dies unglaublich lustig, lachte laut und zückte nach Abschwellen seines Lautpegels entzückt eine Silbermünze: „Regarde, ma fille, c´est pour toi“, sagte er und drückte dieselbe etwas ungeschickt in die kleine Hand des Mädchens: „Fais attention à ne pas être volée.“

Das Mädchen mit der Fliegerkappe beäugte die im schummrigen Glanz der alten Lampen schimmernde Münze und wiederholte überrascht: „Merci.“

Der Franzose lächelte kurz und, als seine Kameraden nach ihm riefen, zog er friedlich ab.

Das Mädchen mit der Fliegerkappe hingegen blieb vergnügt sitzen – seine Augen leuchteten, die zierlichen Finger umwanden die Münze, irgendwann hielt es sie an seine Brust. Mit einem Schlag gewann das wenige Silber an mehr Wert als all die Streichhölzer, die das Mädchen mit der Fliegerkappe jemals verdient hatte. Bereits vergaß es, dass ihm noch zwei schuldig waren.

Aber wozu auch darüber weiterhin den Kopf zerbrechen?

Silber! Echtes Silber!

„Scher‘ dich jetzt fort. Ich habe keine Streichhölzer mehr!“, schimpfte jemand plötzlich lautstark hinter der Bar.

Das Mädchen mit der Fliegerkappe fuhr unweigerlich zusammen. Die Silbermünze fest in der einen Hand umschlossen, sprang es sodann von seinem Sitz und lief über die Kellerstiegen hinaus ins kalte Wien.

Wofür alles ich die Münze verwenden könnte …, überlegte sich das Mädchen mit der Fliegerkappe, während es über die weiten Straßen spazierte. Vorbei an Schutthalden, Plätzen unaufgeräumter Gewalten, kam es bis hinüber zum Prater.

Die Aussicht mochte von dort oben toll gewesen sein, stellte sich das Mädchen vor dem abgebrannten Riesenrad vor. Es erinnerte es an die Schallplatte aus dem alten Keller, bloß, dass das hier sich nicht mehr drehte und drehte.

Schade, meinte es und zog weiter.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 15109

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