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Titellos

Das Dorf, von dem ich erzählen möchte, ist kein besonderes.

Man könnte es sogar als „ein wenig verschlafen“ bezeichnen, eingeschneit im Wandel der Zeit. Aber ich möchte weniger über das Dorf an sich berichten, sondern vielmehr über die Kinder, die darin lebten. Es handelt sich dabei um ganz gewöhnliche Kinder, die vormittags in die Schule gingen und sich nachmittags draußen auf dem Dorfplatz versammelten, um miteinander zu spielen.

Die Geschichte begann an einem 1. Advent, als die Schulglocken läuteten und die Kinder aus ihren Klassenräumen stürmten, um draußen zu spielen, wie sie es jedes Mal taten. Der erste Schnee fiel vom Himmel herab und küsste sacht die Wangen der Kinder, dass diese rot wurden, während das Lachen derselben den Platz mit einer herzlichen Wärme erfüllte.

Alles war wie immer.

Scheinbar …

Sie alle hatten es im ersten Moment gar nicht bemerkt, weder die aufmerksamen noch die unaufmerksamen, doch stand da wahrhaftig – mitten auf dem Dorfplatz – ein Klavier, schwarz und einsam im sanften Schneegestöber. In seinem weißen Umfeld, erschien es den Kindern einem dunklen Auge gleich. Ein Auge, das sie unheimlich anstarrte, womöglich mit bösen Absichten.

Keines der Kinder wagte es, näher heranzutreten – unruhiges Gemurmel ging umher, Gewisper und Geflüster.

Da trat ein kleiner Junge hinter dem Klavier hervor. Seine Haare waren schwarz wie das Holz des Instruments, seine Haut weiß wie die Tasten. Er trug einen pelzigen Mantel, der bis hin auf den Boden fiel, und irgendetwas – so wirkte es auf die Kinder – schien ihn mit dem dunklen Auge zu verbinden. Tatsächlich setzte er sich auf den Hocker davor und begann zu spielen …

Zuerst langsam. Einzelne Noten – winzig und leise. Doch als sodann die kleinen Finger zu den tieferen Tasten liefen, brauste ein klingendklängend Sturm jedweder Töne aus dem Inneren des Klaviers – eine Melodie, abstrakt und ungestüm.

Die Kinder ringsum fürchteten sich vor dem, was sie da hörten und sahen. Sie beschlossen daher, den fremden Jungen und sein schwarzes Monster in Ruhe zu lassen, und sich wieder dem eigenen Spiel zu widmen.

Der Tag verstrich rasch und die Nacht zog über das Dorf. Die Kinder verabschiedeten sich voneinander und gingen nach Hause – der unheimliche Junge klappte den Deckel über seine Tasten und ging dorthin, wohin niemand wusste. Vielleicht sollte der Spuk am darauffolgenden Tag ein Ende haben und alles so sein wie immer …

Am nächsten Morgen jedoch stand das Klavier an derselben Stelle und, nachdem die Kinder aus der Schule kamen, saß auch der unheimliche Junge wieder dort und spielte seine Melodie.

Heute hörte man sie friedfertiger.

Dennoch ließen die Kinder den Jungen in seiner grotesken Welt allein und spielten ihr Spiel in der eigenen.

So verwehte die Zeit des Advents, ein Tag glich dem anderen, keine Veränderung zog einher …

Und dann war es endlich soweit: Die Sonne, am Morgen des 24. Dezembers, stieg empor, und die Kinder eilten auf den Dorfplatz, um die Zeit bis zu Heilig Abend ein letztes Mal miteinander zu verbringen. Heute war schon keine Schule mehr und darum – so erklärten es sich die Kinder – saß auch noch niemand beim schwarzen Klavier in ihrer Mitte.

Vormittags war der unheimliche Junge nie da gewesen.

Sie spielten, so herzhaft wie niemals zuvor, während Schnee von den seidenen Wolken herabfiel und das schwarze Klavier mit einer dünnen Schicht überzuckerte.

Dann, als die Kirchenglocken zur Mittagsstunde läuteten und die Kinder normalerweise Schulschluss hätten, horchten alle auf.

Und es begegnete ihnen die Stille. Eiskalte Stille.

Unschlüssig hörten die Kinder auf zu spielen und blickten hinüber zum Klavier. Doch kein kleiner Junge saß dort und spielte seine Melodie. Das dunkle Auge, das gar nicht mehr so dunkel schien, stand einsam und verlassen da, und sein Blick war traurig.

Zumindest empfanden es die Kinder so. Sie alle schwiegen, befangen und beschämt.

Da trat eines aus ihren Reihen hervor und näherte sich dem Instrument. Die anderen zögerten zuerst, aber nach ein paar verstrichenen Augenblicken folgten einige, und gleich darauf alle, bis jedes Kind um das Klavier herum stand. Nach wie vor sagte niemand etwas. Und niemand getraute sich, eine der verschneiten Tasten niederzudrücken.

Tränen glitzerten, der Schnee fiel unaufhörlich, aber die Melodie kehrte nicht zurück.

Denn der Junge war fort.

Da löste sich aus der Erinnerung ein Funken, der zu einem gewaltigen Feuer könnte auflodern, ein kleiner Funken, der große Hoffnung in sich barg.

Die Hoffnung, dass der Junge nächstes Jahr wieder kam, um seine Melodie auf dem schwarzen Klavier zu spielen, und alles so war wie immer …

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15097

Duett

Gestern war Antoinette noch ganz auf sich allein gestellt gewesen.

Heute sieht man sie auf einer Bank gegenüber vom größten Tanzsalon Paris’ sitzen und warten.

„Ich bin adoptiert worden“, sagt sie grinsend. Der Stolz lässt sich kaum in ihrer Stimme verkennen.

„Hmpf“, grunzt ein Mann, der neben ihr sitzt. Sein Interesse könnte nicht weniger geweckt werden, daher möchte er sich nicht angesprochen fühlen.

„Gerade hatte ich meine erste Tanzstunde. Jetzt warte ich auf meine >Mutter<“, erzählt Antoinette weiter, nicht weniger begeistert.

„Das ist eine Bushaltestelle“, erläutert der Mann, bemüht sich jedoch nicht, sie direkt anzusprechen. Ebenso hätte es sich um eine Feststellung handeln können, um – zum Beispiel – seine Ungeduld zu beschwichtigen oder seine Abneigung kundzugeben.

„Ich muss nun nimmer mit dem Bus fahren. Ich werde immer abgeholt“, erwidert sie, den Mann neben sich neugierig beäugend: „Bloß aus Gewohnheit warte ich hier.“

Der Mann sieht auf die Uhr.

„Wie spät ist es denn?“, fragt Antoinette.

„Fünf Minuten zu spät.“

Der Mann holt ein Handy hervor und hält es, nach Wählen einer Nummer, an sein Ohr.

„Ich verspäte mich“, spricht er.

„>Zeit ist relativ<“, erläutert Antoinette: „Das hat mein >Vater< gestern zu mir gesagt.“

„Ich komme immer zu spät? Wer ist denn Schuld? Der Bus. Ja – der Bus!“

„>Auf nichts und niemanden darf und kann man sich verlassen!<“

„Vielleicht geht deine Uhr ja falsch!“, gebärdet sich der Mann und legt auf.

„>Für alle Zeit der Welt nicht! Ich möchte nur, dass es so ist wie früher<“, spielt Antoinette zur Schau: „Das war das Letzte, was ich von ihm hörte.“

Wortlos erhebt sich da der Mann. Der Bus kommt an und er steigt ein. Zwei, drei Augenblicke später, weg ist er.

„Was er damit wohl gemeint hat?“, wundert sich Antoinette nun allein: „Ich werde ihn morgen einfach fragen“, beschließt sie schließlich, in dem Moment ihr ein Schmetterling ins Blickfeld flattert, der sie wie eine alte Freundin begrüßt.

Antoinette kichert und sieht ihm eine Zeit lang nach.

Als sie dann auf die Uhr der Bushaltestelle blickte, um nachzusehen, wie spät es denn tatsächlich war, bemerkte sie, dass die Zeiger im Uhrzeigerunsinn voranschritten. Gerade war es noch jetzt, einen Moment danach: Vorher.

Eigentlich hätte ihre >Mutter< bereits kommen müssen.

Gestern war Antoinette noch ganz auf sich allein gestellt gewesen.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15074

Der Zivildiener

Du stehst.
Der Schnee fällt.
Und der Atem dreihundert moorgrüner Soldaten verflüchtigt sich in schüchternen Wolken.

Du bist nun einer von ihnen – „Rekrut“. Stehst stramm in einem der fünfzehn Glieder und zwanzig Rotten, dein Blick ist im Nacken des Vordermanns, und du zitterst.
Jemand unter Niemanden.

„Wenn Sie ein weiteres Mal irgendwohin anders hinblicken als geradeaus, ist das das Letzte, was Sie jemals tun werden – haben Sie mich verstanden!“, bellt einer der vier Kommandanten jemanden in deinem Augenwinkel an.
Sie kontrollieren euch.
Dabei stieben unzählige Namen in die kalte Luft …

Du stehst.
Der Schnee fällt.
Und die Rekruten ziehen langsam ab.

Reihe um Reihe wird in das vor dir liegende Objekt geführt. Auch du wirst abgeholt. Ein Kommandant bringt dich und neunzehn deiner Kameraden in einen Raum, in dem von jedem einzelnen ein Foto geschossen wird.
Lächelst du?
Dies stellt sich dir nicht als Frage.

Nachher verlässt du das Objekt und reihst dich erneut ein – in den Kreis der vier Kommandanten. Einer derselben pfeift dir in diesem Moment ins Ohr …

Du stehst.
Der Schnee fällt.
Und mit dem Pfeifen erklingt, irgendwie erlöst von seiner Tragik, in bös neckender Art Schoenbergs „Verklärte Nacht“. Dabei ist es Tag. Noch …

Du hast dir immer mehr vom Sonnenuntergang erwartet.
Dass er dich hinreiße und eins werden lasse mit der Welt – nur für einen Augenblick, wenn sein gnadenvoller Kuss am Horizonte die Farben verlegen erröten lässt und alles für einen Moment den Atem anhält.

Für dich kann das nur der Mensch.
Was er tut und was er antut. Er, dazu mächtig, der Milch ihre Reine zu rauben und sie schwarz werden zu lassen. Wenn seine Worte in der Luft verhallend, schallend als Gelöbnis die Zivilisten zu Zeugen machen und je so brausen die Dutzenden, Hunderten, gar Tausenden! – badend im prasselnden Regen tosenden Beifalls!
Ja dann – dann hältst auch du den Atem an und beginnst, dich zu wundern.

Du lächelst?
Jedoch heute stehst du.
Und der Schnee segelt an dir vorüber, als wärst du der Zeit entwichen.

Du stehst.
Es ist der 1. Tag.

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15056

Alleshaber und Vielkrieger

Was ist? Was ist? Weiß nicht wozu, will aber haben. Muss mir gehören. Muss besitzen. Ding, Mensch, Tier, erstrebenswerten Zustand. Will, will, will! Begehren! Mehr, mehr, mehr von allem. Mehr von dem, was glänzt, was Lust spendet, was Freude macht. So viel davon haben, wie nur kann. Raffen. Alles zusammenraffen, was herumliegt. Sucht nach mehr, nach allem. Besitzen. Besitz haben. In Besitz nehmen wollen. Alles besitzen wollen. Niemals wieder hergeben. Mit hineinnehmen, ins Grab. Festkrallen daran. Nichts mehr auslassen. Nicht kümmern um die Moral. Moral egal. Weiß nicht wofür. Muss trotzdem haben. Selbst anhäufen. Alles bunkern, was zu kriegen ist. Alles berühren und zu Gold werden lassen.
Nach dem Neuen schauen. Ausschau halten. Erster sein beim Neuen. Neues befriedigt. Besitz befriedigt. Nur kurz. Befriedigt nur kurz. Nur für ein Weilchen. Dann. Dann aber. Dann aber wieder: begierig nach Neuem. Begierig nach Haben, Haben, Haben. Wissen, wissen, wissen. Fühlen, fühlen, fühlen. Leben, leben, leben um jeden Preis. Dürsten, dürsten, dürsten nach Werden. Sehnen, sehnen, sehnen nach mehr. Nach noch mehr. Nach allem.
Zufriedenheit langweilt. Wünschen, wünschen, wünschen, was es noch nicht gibt. Dann aber haben, haben, haben. Nie wunschlos, wunschlos, wunschlos sein. Stets begehren. Nachgeben, nachgeben, immer nachgeben dem Wünschen, Wünschen, Wünschen. Nie, nie nie! Es ist nie genug! Darf nie enden! Nie aufhören. Ohne Unterlass. Niemals ohne Boni, Boni, Boni. Besser als Maroni. Grenzenloses Wollen. Will Macht! Macht! Macht! Der Säckel ist voll. Die Kammern sind voll. Die Garagen sind voll. Die Schränke sind voll. Zu wenig. Zu wenig. Mehr. Noch mehr. Noch viel mehr. Habenwollen. Nichts davon hergeben ist geil. Erotisch.

Million ist zu wenig. Million ist gar nichts. Million mal Million. Klingt besser. Klingt nach mehr. Exklusiv, exklusiv. Genuss, Genuss. Reichtum beruhigt ungemein. Anhäufen, anhäufen. Werte anhäufen. Macht attraktiv. Besitzen lenkt ab. Vom Elend anderer. Vom eigenen Schicksal. Lenkt ab von der Leere.
Günstling sein. Vor allen. Vor Gott. Überall Rabatt kriegen. Sonderkonditionen einfordern. VIP sein. VIPer sein. Vor den andern da sein. Nicht hinten anstellen müssen. Vor den andern hinein dürfen. Nimmersatt sein. Ein Upgegradeter sein. Ein „Den Hals nicht voll genug kriegen“ sein. Günstig. Stets alles günstig kriegen. Begünstigt sein. Ein Günstling sein. Alles geschenkt bekommen. Ein „Seiner des Herren“ sein. Alles im Schlaf kriegen. Alles gratis genießen können. Schnorren. Nichts hergeben. Eingeladen sein. Bevorzugt sein. Fußfrei haben. Fußfrei sein. Ein „Von nichts etwas abgeben“ Seiender.
Niemals was rausrücken. Rational sein. Pseudorational sein. Knausrig sein. Knickrig. Eitel, eitel, eitel sein. Vornehm tun. Vornehm sprechen und trotzdem ein Schwein sein können. Ein „Auf andere herabsehen“ Seiender werden. Privilegien haben. Habenmüssen zur Hauptsache machen. Zur Staatsaktion machen. Begehren spornt an. Macht heutig. Ist nichts für Gestrige.
Nichtswollen ist Stillstand. Sattsein ist Leere. Ist der Tod. Gewinn, Gewinn, Gewinn. Gewinn machen. Plus haben. Im Haben sein. Alleskrieger sein. Alleskrieger und Vielhaber sein. Alleskrieger und Alleshaber sein. Zum Alleskrieger, Alleshaber und Allesbesitzer werden. Alles erwerben. Erwerben im Übermaß. Nehmen, nehmen, nehmen. Niemals nach dem Nutzen fragen. Habenmüssen zum Selbstzweck machen. Habenwollen zum Lebenszweck machen. Streben, streben, streben. Danach streben. Maßlos sein. Güter an sich reißen.

Leidenschaftlich besitzen. Alles hineinstopfen. Anfüllen. Gelten wollen. Anerkannt sein. Das Ego verwöhnen, verhätscheln, anbeten, vor sich hertragen. Sich selbst sehen. Seinen Vorteil sehen. Seinen Vorteil immer bedenken. Süchtig nach sich sein. Auf Kosten anderer da sein. Zum Nichtsnutz werden. Zum Abzocker werden. Haben als Selbstzweck. Durch Besitz unabhängig sein. Vermögen macht frei. Mehr haben als andere. Mehr sein als andere sind. Besser sein als die Konkurrenz. Besser abschneiden als die Konkurrenz. Überhaupt ein Besserer sein. Vorteile genießen. Vorteile vor anderen haben wollen. Alles herausziehen. Mehr herausziehen als drinnen ist. Horten, horten, horten. Spekulationen wagen. Der Kick! Den Kick erleben. Endorphine ausschütten. Dopamin erzeugen. Den Kitzel spüren.
Das Füllhorn wollen. Es über einen ausgeschüttet haben wollen. Das „Tischlein-deck-dich“ beanspruchen. Aus dem Vollen schöpfen können. Prallgefüllt sein. Einen prallen Sack sein Eigen nennen können. Drall im Auftreten und im Erscheinen. Niemanden vorbeilassen. Den Sitzplatz beanspruchen. Eineinhalb Sitzplätze vereinnahmen. Eine ganze Sitzreihe okkupieren. Rücksichtslos werden. Andere zu Bittstellern degradieren. Anlaufen lassen. Auflaufen lassen. Spaß am Darben anderer haben.
Sich selbst bedienen. Am Kuchen teilhaben wollen. Sich eine Scheibe davon abschneiden. Das größte Stück vom Kuchen nehmen. Es hinunterwürgen. Hineinschlingen. In den Rachen stecken. Reinstopfen. Bis zum Ersticken.

Norbert Johannes Prenner
(Textbeitrag zum Thema „Gier“, etcetera Heft, 59, 2015 LitGes St. Pölten)

www.verdichtet.at |Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15042

 

Der Soldat

Waffenruh. Keiner mehr da, der auf den zielen könnte, den er unter anderen Umständen vielleicht seinen Bruder genannt hätte. Tiefe, laue Nacht. Und ein Sternenhimmel wie zur Friedenszeit. Mondlicht.

Er saß am Rande des Schlachtfeldes. Mutterseelenallein. Wo mochte sie jetzt wohl sein, die Mutter? Welchen Rat würde sie ihrem Fleisch und Blut wohl erteilen? Wie lange hatte er ihn nicht gehört, den Rat der guten Mutter?

Stille. Beinahe aufdringlich. Ein Segen nach dem Lärm jenes Geräts, das Menschen erfunden hatten, um ihresgleichen zu vertilgen. Doch die Stille hatte ihren Preis. Sie alle waren nicht mehr. Sie alle, die sich Kameraden genannt hatten. Feind genannt hatten. Sie alle, die Menschen gewesen waren.

Er hatte den Wahnsinn überlebt. Gab es außer ihm noch jemanden? Sein Blick ruhte auf den Leibern, die die Nacht gnädig bedeckte. Das Antlitz des Hasses, hier offenbarte es sich. Im Mondenschein waren alle Waffenröcke grau. Konnte nicht mehr unterschieden werden zwischen Freund und Feind. Wie lange saß er bereits hier? Inmitten der gewollten, angeordneten Vernichtung? Der Ruf hatte sie ereilt und sie waren ihm gefolgt. Für ein Vaterland. Für eine Parole. Für einen, der sich besser und klüger wähnte als der Rest „seines“ Volkes. Für jene Kriegshetzer, die jegliches Leben ohne Skrupel opferten. Für eine größenwahnsinnige Idee.

Ob die Mutter noch lebte? Und warum hatte das Schicksal ihn verschont? Warum war er noch im Diesseits? Um Zeuge zu sein für Grausamkeiten, die jenseits der menschlichen Vorstellungskraft lagen? Um daran zu zerbrechen? Durfte er sich nun Kriegsveteran nennen? Nach dieser Hölle? Sie hatten die Waffen gesegnet. Auch seine. Hatten sie jenem Gott geweiht, den sie angefleht hatten, ihnen zum Sieg zu verhelfen. Sie alle hatten ein Vaterunser vor der Schlacht gebetet. Auch er. Und jetzt? Sollte er es abermals beten? Zum Dank für sein Leben?

Die Schulter tat ihm weh. Doch er wollte die Verwundung nicht in sein Bewusstsein dringen lassen. Irgendwie war sie passiert. Irgendwann hatte er den Schmerz verspürt. Und ihn ausgeblendet. Ein Tier zog sich zurück und leckte seine Wunden. Für ihn gab es keinen Ort, der ihn lockte. So saß er hier am Rande des Schlachtfeldes und schaute wie gebannt die Gefallenen an. Der Kampf war vorbei. Auch für ihn. Was verteidigte er eigentlich mit seinem Leben? Wusste er es noch? Oder hatten ihm die Jahre seinen Glauben geraubt? Die Heimat war fern des Herzens. Fern des Empfindens. Fern der Sehnsucht. Dies hier war die Wirklichkeit. Wohin also sollte er gehen? Mit seinen Wunden?

Plötzlich war es da. Verwundert sah er es an, wähnte sich verrückt. Jetzt war es so weit. Sein Verstand verließ ihn. Narrte ihn. Er bildete sich doch tatsächlich ein, ein Kind vor sich zu sehen. Ein Kind! Seine Halluzination war ein kleines Mädchen mit gelockten Haaren. Es trug ein Kleidchen mit einer Weste darüber. Er schloss die Augen, verharrte ein paar Sekunden und öffnete sie wieder. Doch das Trugbild war noch immer hier. Falls seine Sinne ihn nicht täuschten und dieses überirdische Wesen in der Realität bestand – woher kam es so unerwartet? Die Kleine war im Mondlicht allerliebst anzuschauen. Ein Schleifchen zierte ihr Haar. Wie alt sie wohl sein mochte? Vier? Fünf?

„Wer bist denn du?“, fragte er heiser. Doch das Kind schaute ihn nur an. Mit großen, wachen Augen. Ob es ein verirrtes Flüchtlingskind war? War die Familie mit seiner Armee mitgeflohen? Bevor der Feind ihrer habhaft werden konnte?

„Wo ist deine Mama?“

„Weiß ich nicht …“ Die Stimme klang hell und glockenrein.

„Und dein Papa?“

„Im Himmel beim lieben Gott.“

„Wie heißt du?“

„Ich heiße Anna.“

„Aha …“ Zu mehr war er im Moment nicht fähig. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er musste sie ordnen. Seiner Überraschung Herr werden. Sich auf die neue Situation einstellen. Der Flüchtlingsstrom – war er aufgerieben worden? Eingeholt vom feindlichen Heer? Und die Mutter der Kleinen? Ob sie noch lebte?

„Wie ist dein Familienname?“

„Weiß ich nicht …“

„Und woher kommst du?“

„Weiß ich nicht …“

War sie nicht alt genug, um Nachnamen und Heimatstadt zu wissen? Schon wollte er nachhaken, als ihm bewusst wurde, was das Kind durchgemacht haben musste. Das Entsetzen packte ihn an. Er als Erwachsener tat sich schwer genug, die furchtbaren Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten. Was also musste in der Kleinen vor sich gehen? Womit musste sie fertig werden? Die Mutter war entweder tot oder verschollen. Einerlei. Freiwillig hätte sie ihr Kind nie im Stich gelassen. Eine liebevolle Mutter, die in höchster Gefahr ihrem Kind das Haar frisierte und es band. Das rührte ihn. Schon lange hatte ihn nichts so berührt wie diese Schleife. Und jetzt? Kein Mensch weit und breit, der sich um das Mädchen kümmerte. Gott allein wusste, wie lange es bereits umherirrte. Über Schlachtfelder ging. Es war ein Wunder, dass es noch am Leben war. Und ihn dünkte, dass nun er gefordert war. Anna war auf die Hilfe einer alten Frontsau angewiesen. Eine alte Frontsau, ja, das war er wohl. Ganz vulgär ausgedrückt. Und nun hatte er ein Kind an seiner Seite. Es war unfassbar.

Die Kleine starrte ihn eindringlich an. Ihr Blick ließ ihn schauern. Was hatten diese Augen wohl gesehen? Was hatten seine Augen gesehen? Zu viel, großer Gott, zu viel. Reue überkam ihn. Warum hatte er sich nicht geweigert, damals, als der Einberufungsbefehl gekommen war? Weil sie ihn sofort exekutiert hätten? Nun musste er dafür geradestehen. Vor einem unschuldigen Kind, dem das Grauen zur aberwitzigen Heimat geworden war. Es ließ sich nicht ermessen, welchen Schaden es davontrug. Aber es war am Leben. Genau wie er. Und beide hatten sie nicht mehr als dies nackte, armselige Leben. Und eine Schleife als Vermächtnis einer Mutter. Tränen stiegen in ihm hoch, die er zu unterdrücken suchte. Er musste jetzt funktionieren. Genau jetzt. Die Kleine und sich selbst in Sicherheit bringen. Sie und sich selbst versorgen. Durch das Niemandsland seiner Seele spazierte ein kleiner Mensch. Arglos und unbedarft. War einfach da. Und die Wunde? Ach, vielleicht war sie nicht so schlimm. Er musste den Schmerz erdulden. Stark sein. Er hatte plötzlich eine Aufgabe. Eine, die Sinn machte. Mehr Sinn, als Menschen zu hassen, weil es irgendjemand befahl.

Mühsam erhob er sich. Doch, die Wunde schmerzte. Er musste sie erträglich halten, durfte die Schulter nicht belasten. Anna beobachtete jede seiner Bewegungen. Plötzlich stellte sie sich neben ihn und schob ihre Hand in seine: „Anna mit.“ Er spürte den zarten Druck der kleinen Hand, ihre Wärme. Und ihm war, als hätte sie sein Innerstes ganz sacht berührt. Diesmal rollten ihm die Tränen über die Wangen, er war machtlos gegen sie. Die Kleine wartete. Wartete auf den ersten Schritt des Mannes.

„Komm“, sagte er leise und merkte, wie sein Soldateninstinkt erwachte. Angestrengt lauschte er in die Nacht. Er musste sich zu den Kameraden durchschlagen. Mit dem Kind. Schleichwege finden. Deckung suchen. Der Schutz der Nacht war sein Verbündeter. Wohin sollte er gehen? Er musste einen Bogen um den Feind machen. Durfte ihm nicht in die Hände fallen. Seine Muskeln spannten sich, sein Kopf war wach, seine Gedanken klar. Er würde dieses Kind durchbringen. Er musste es. Versagen ausgeschlossen. Ein letztes stummes Stoßgebet gen Himmel. Ein inbrünstiges Versprechen an die Mutter. Wo immer sie auch sein mochte. Das Kind schwieg. Doch von ihm ging eine Kraft aus, die sich auf ihn übertrug. Er spürte die Leichtigkeit des Frühlings, spürte, wie sie sich mit seiner Erfahrung verband. Und so gingen sie los. Der altgediente Soldat und das kleine Mädchen. Er wusste nicht, was auf sie wartete. Doch sein Schritt wurde fester. Sein Gang aufrechter. Er straffte die Schultern. Und Anna sah zu ihm auf. Demut überkam ihn. Das Schicksal gab ihm einen Grund, ins Leben zurückzukehren. Und wenn sie das hier überlebten, mein Gott, wenn sie das hier überlebten … Spielzeug wollte er ihr schenken und lernen, selbst eine Schleife ins Kinderhaar zu binden. Und so gingen sie voran. Hand in Hand einem neuen Morgen entgegen.

Luise Fötsch

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15044

Hymne auf einen bemerkenswerten Vogel

Bist nicht Gans und auch nicht Ente, an Eleganz und Anmut kaum zu überbieten. Und neidlos zugegeben, im Wasser ein Talent, geübt in Sachen Schwimmen. Auf sanften Wellen treibend, majestätisch, hoheitsvoll und graziös, wiegst, still bewundert, du gerne dich auf dunklen Wassern. Rauschst flügelquietschend über Seen und Teich. In deinen weichen Daunen trotzt du jedem Wetter, ganz gleich ob Regen oder Schnee, auch wenn sich niemals Nebel lichten. Ziehst in verwunsch´nen Nachen Helden mir nichts dir nichts fort in eine andre Welt. Verwandelst, unbemerkt vor unseren abgelenkten Blicken, zunächst noch hässlich, nach kurzer Zeit dich zur Vollkommenheit. Jedoch, singst du beim Mondschein einsam und allein dein Lied, ehe du stirbst, so ist´s, als wär es eines Sängers letzter Auftritt.
Du Mittler zwischen Traumgespinst und Wirklichkeit. Allegorie der Reinheit, unnahbar schön und eitel doch zugleich. Verführerisch wie eh und je die Sünde. Mit deinem stolzen Hals, als Attribut der Schönheit, hoheitsvoll, stets elegant getragen, nährst du den Hunger ungestillter Sehnsucht. Dem Irdischen erscheint wohl gar nichts heilig. Profan, wie diese Welt nun einmal ist, das Vorbild solcher Biegsamkeit, dient ihm als Halterung zur Leseleuchte. Verbindungselement, halbsteif und doch elastisch. Gewendelter Metallschlauch sozusagen. Man sagt, ein Traum von dir soll heilsam wirken? Verführt uns gar zu Liebesabenteuern? Du weißer, reiner Vogel giltst, schier unberührt, als Bindeglied für hier und drüben, für einst und jetzt, für göttlich und für sterblich. Dein Trauerflor jedoch verheißt den Tod.

Dein Anblick lässt uns Ungeahntes hoffen. Es wird gesagt, du stehst für Treue und Vollendung. Dennoch, zwei Seelen stecken, ach, in deiner Brust. Wirst gar vom Lamm zum Wolf, wenn du mit vorgestrecktem Hals und Zischen, schlangengleich, zum Angriff übergehst. Wenn du so bist, so soll dies gar von Bösem künden. Nichtsdestotrotz bedeutest du das Licht am Horizont, bist oft Musik und Virtuos´ zugleich. Ach, heil uns, bloß durch dein Erscheinen!
Im Dienst der Götter scheinst du einst gewesen, du Bote, der dich zu den Asen trug. Walküren, unverletzbar, künden laut in deinem Federkleid vom Schicksal. Entführen gern gefall´ne Helden nach Walhalla, der Grenze zwischen Jetzt und Ewigkeit. Der Göttervater selbst, der Schelm, getarnt in flauschigem Gefieder, verfolgt vom Adler, sucht´ Schutz im Schoße der Geliebten. Und Leda selbst? Das kennt man ja! Anfangs zwar keusch, doch bald schon siegt die Wollust.

Wer hätte das gedacht? Ein Wunder ist´s wohl kaum, wo just in diesem einen edlen Teil der Vogel einem Mann an Ähnlichkeit kaum unterliegt. Was willst du mehr, du einzigartiges Symbol der Liebe? Besinn dich nur des Auftrags, Herr Lohengrin, der Herzogin zum Schutz gesandt zu werden! Dann dies, ein harter Schlag für dich, die Rollen neu verteilt. Nicht du, ein plumper Storch soll plötzlich kleine Kinder bringen! Was soll´s? Wenn du dich flügelschlagend aus den Wassern hebst, dann hängen, Trauben gleich, Poeten an karottengelben Flossen, frech, und faseln wie im Wahn von längst verfloss´nem Eros, von Jugend und Vergänglichkeit. Und was tun wir? In deine Daune flüchten wir uns jede Nacht, wird uns der Tag zur untragbaren Last, in Wärme und Geborgenheit, wenn draußen unbarmherzig Eisesstürme toben.
Sinnbild du, der hohen Kunst des Reimes! Und wie man hört, zierst du die Wappen edelster Geschlechter, von Königen und Pharaonen. Hältst steinern Wache über Teich und Zinnen. Heilig bist du, ja, heilig! Verbirgt nicht eine Jungfrau oder gar ein Prinz sich hinter aufgeplustertem Gefieder, die voller Sehnsucht auf Erlösung warten?

Woanders wiederum mimst ungeniert du die verzauberte unglückliche Prinzessin, die nur durch wahre Liebe die Erlösung findet. Doch da, da vorn! Ein ganzer Schwarm von deinen Artgenossen! Der Trieb zur Jagd erfasst den jungen Prinzen. Wird´s jetzt nicht endlich Zeit für dich, ganz plötzlich aufzutauchen? Gewiss, im fahlen Mondlicht trittst du aus dem Wasser, verwandelt, in deiner unnachahmbaren Gestalt. Wenn der dir ew´ge Liebe schwört, dann kann er dich erlösen. Es ist zu hoffen, er spielt die Rolle gut! Voll Grazie tanzen deine Schwestern und die Brüder.

Den Part des Sterbenden beherrschst du wirklich gut, du hochverehrtes Opfertier! Schlägst eindrucksvoll mit deinen Flügeln, indes du auf dem linken Knie solierst. Dein Köpfchen, von Federflächen, die dich tragen, schamhaft zwischendurch bedeckt.
Du stirbst in wirklich eindrucksvoller Anmut. Wenngleich, vielleicht ein wenig parodistisch, nicht? Das reicht für eine Nummer in der Tierrevue! Was soll dein theatralisches Verhalten? Heißt das, du bist ganz einfach hin, total Banane? Die ganze Zeit, durch diese schnulzige Romanze, ein Cello dich hinübergeigt. Ist dir bewusst, so nebenbei, dass jemand eine Totschlagfalle nach deinem eleganten Hals benannt?
Und weiter? Dem Orient orakelst du, die Welt entstünd´ aus deinem Ei. Du Urquell aus der Sonne! Aus deinem frühen Ovum entschlüpften einst ein Knabe und ein Mädchen. Du leistetest Apoll Gesellschaft. Am Schnabel der Weissagung hängend bot´st du Venus deine Flügel als Begleiter. Einer wie du macht unsre Träume wahr.

Bist stets Symbol für Glück und Liebe, du treuer Einzelgänger du. Nur selten fliehst du schützendes Gewässer, den Sumpf, den See, die flachen Tümpel oder Lacken. Und wo die Wasser nicht zu tief sind, dort stocherst du mit deinem Löffel still nach Tang. Geschickt entgingst du bis zum heut´gen Tag dem Spieß, das hast du nicht zuletzt dem Truthahn zu verdanken. Den derben Briten kümmert´s wenig. Selbst in der Bibel steht zu lesen, man soll den Adler, Habicht, Fischreiher, die Weihe, Geier und auch Raben, den Strauß, nicht Nacht- und Tageseulen, und auch nicht Kuckuck, Fledermaus, besonders dich, als auch die Rohrdommel nicht essen. Nur reine Vögel sollt ihr essen!

Apoll hast du die Gabe weiszusagen zugestanden, das ist doch so? Und ihm den Geist der Musen und Musik bewahrt? Du hast ihn mit der Gabe des Gesangs versehen, ihn in den Sternenhimmel hoch erhoben, wo heut´ er noch als helles Sternbild glänzt. Als Wächter gar im Reich der Toten, wo Mitternacht die Sonne hoch am Himmel steht, treibst du dich rum! Vermittler zwischen hier und drüben. `Ne ziemlich graue Zone, wie? In zahllosen Legenden kommst du ganz gut weg, Symbol von Eros und der Liebe du! Zugvogel warst du, vor Venus´ und Amors Wägelchen gespannt.
Die Heil´ge Schrift vergleicht die Reinheit deiner Federn mit jener von Maria. Und der, der diese Schrift erneuert hat, Herr Luther, vergleicht sich selbst mit dir. Ist irre, oder etwa nicht? Du Kunstmotiv, du und dein Ritter Lohengrin! Ist kaum zu glauben, was dein Erscheinen so bewirkt. Die einen denken, es würden ihre Wünsche nie erfüllt. Den andren bist du Schönheit, Reichtum, Macht und Liebesglück zugleich. Unfassbar, von dieser Welt des Kapitals zum schützend´ Vogel des Geschäfts erkoren! Du Wappentier schnöder Ökonomie!

Wenn du zu Land recht unbeholfen und einsam durch die Gegend latscht, bedeutet dies, Verborg´nes wird ans Licht geführt. Na, hin und wieder schaffst du´s ja, den schweren Körper in die Luft zu heben, das heißt, man würde demnächst wohl genarrt. Dem andren wird ein Wunschtraum jäh erfüllt. Mag sein, dein Schneeweiß kündigt eine gute Zukunft, dein dunkler Teint jedoch Tyrannis oder Tod. Du nährst sogar erotische Gelüste, die heimlich im Verborg´nen blüh´n. Wer denkt schon dran, wenn man dich füttert, an treue Freundschaft bis zum Tod? Dein Kreischen oder Singen, das kann man glauben oder nicht, verkündet schrill, dass einer stirbt. Drum bitt ich dich, sei endlich still! Wo noch dazu ein totes Exemplar von euch als Zeichen gilt von Überdruss. Mir ist das gleich, ich denk nicht gleich an Kindersegen, wenn ich dich seh! Auch glaub ich nicht, dass zwei von euch, im Doppelpack, verführ´n zur Hoffnung an das Gute. Ich fleh dich daher an, hör auf zu singen, und stirb gefälligst, wo man dich nicht sieht! Du raubst uns unsre Illusion, dass alles einmal besser war, du schräger Vogel! Zu guter Letzt, sei nun bedankt, dass ich nicht anders kann. Zieh endlich in die weite Flut zurück, dahin, wo du einst zogst den Kahn. Komm nur, wenn´s sein muss, hier zurück, dann sei verdammt dein Dienst getan. Leb wohl, leb wohl, mein lieber Schwan!

Norbert Johannes Prenner
In: Der Dreischneuß, Anthologie. Marien-Blatt Verlag, Lübeck, Nr. 25, 8/2013, Seite 36 -39

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Ein Fenster zur Schrift

Ijob 39,16-21 „Die Straußenhenne behandelt ihre Jungen hart wie Fremde; war umsonst ihre Mühe, es erschreckt sie nicht. Denn Gott ließ sie Weisheit vergessen, gab ihr an Verstand keinen Teil. Im Augenblick aber, wenn sie hochschnellt, verlacht sie das Ross und seinen Reiter. Gabst du dem Ross die Heldenstärke, kleidest du mit einer Mähne seinen Hals? Lässt du wie Heuschrecken es springen? Furchtbar ist sein stolzes Wiehern. Es scharrt im Tal und freut sich, zieht mit Macht dem Kampf entgegen.“

An einem Montagmorgen im nebligen Februar teile ich in der 10. Klasse die Bibeln aus, jene roten Ausgaben der Einheitsübersetzung, die seit Jahrzehnten im Bücherkeller die Regale belegen. Der Einband ist kaum abgegriffen. Wenig wurden sie aufgeschlagen und selten wurde in ihnen gelesen. Manchmal ist „Fuck“ sorgfältig mit dickem schwarzem Filzstift über die Schnittstelle der Seiten geschrieben. Die Swastika findet man kaum mehr hineingeschmiert. Die Zeit hat sie überholt. Phallus-Symbole hingegen erfreuen sich steter Beliebtheit. An einigen Ausgaben ist der Buchrücken abgerissen. Die Ecken des Kartoneinbands sind gelegentlich umgebogen oder abgeschnitten. Man darf die Mühe nicht unterschätzen, die derartiges Werkeln den Schülern bereitet.

Mir ist heute daran gelegen, in den Antithesen der Bergpredigt zu lesen. Und ich lasse das 5. Kapitel im Matthäus Evangelium aufschlagen. In den Versen 44 bis 47 heißt es: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes?“

Ehe meine Schüler diese Stelle finden, die mir schon seit dem Morgengrauen im Kopf rumgeistert, entsteht reichlich Durcheinander: Ist die Bergpredigt im Alten oder im Neuen Testament? Wo ist das Inhaltsverzeichnis? Auf welcher Seite muss ich suchen? Meine Schüler haben diese Bücher schon lange nicht mehr in Händen gehabt, umso erstaunter und aufgeregter sind sie. Wüst wird hin- und hergeblättert. Für Sechzehnjährige im Jahr 2015 ist das in Händen halten der Bibel exotisch und altertümlich.
Dann gibt es einen Aufschrei. Ein Junge ist auf etwas gestoßen, das Anlass zum Aufschauen und Aufhorchen gibt. Alle Blicke richten sich auf die zweite Reihe links vor mir. Er hat die Bibel ungefähr mittig aufgeschlagen und hält mit der linken Hand einen Stapel Blätter hoch, es sind bestimmt gut hundert Seiten, aus denen ein Rechteck von ca. zehn Zentimeter Höhe und fünf Zentimeter Breite herausgeschnitten ist. „Ich war´s nicht“, sagt er, während er mit vier Fingern durch die Öffnung greift und den Daumen schützend um den noch verbliebenen Rand legt. Alle lachen und rufen durcheinander: „Mensch, zeig her! Hey, echt geil!“ Ich schaue wortlos auf das fehlende Rechteck. So etwas ist mir bisher noch nicht untergekommen. Dreist, denke ich! Dabei fällt mein Blick auf ein Plakat, das am Schwarzen Brett hängt. „Guantanamo“ steht groß darüber. Anlässlich eines Referats ist es vor Wochen angefertigt worden und ziert seither die Wand mit  grausamen Folterbildern, Tag für Tag meinen Unmut hervorrufend. Wobei meine Schüler mir stets aufs Neue sagen, ich sei viel zu zart besaitet. Das ist die Realität und davor dürfe man nicht die Augen verschließen. Das mag ja Realität sein, aber ich will sie weder kennen noch im Detail sehen. Deswegen drehe ich das Poster immer um, wenn ich das Klassenzimmer betrete. Heute habe ich es vergessen.

Dann kehrt mein Blick wieder zu dem Loch in der Bibel zurück. Mir fehlen immer noch die Worte, aber das Gejohle unter den Jugendlichen dringt wieder an meine Ohren. Ich klatsche in die Hände, mahne zur Ruhe und nehme die beschnittene Bibel an mich. Der Junge, der sie entdeckt hat, händigt sie mir mitleidig lächelnd aus und meint tröstend: „Sie ist von 1980, aus dem letzten Jahrtausend, älter als ich.“ Klar, nach so vielen Jahren kann man ein Buch getrost ausmustern. Eine neue Bibel kostet nicht mal zehn Euro. Es lohnt nicht, sich aufzuregen.
Trotzdem kann ich nicht anders, als den Schaden eingehend zu betrachten. Der zweispaltig gedruckte Text bildet einen Rahmen um den ungewöhnlichen Hohlraum. Ein Fenster in der Schrift. Das achtunddreißigste Kapitel im Buch Ijob ist betroffen. Das herausgeschnittene Rechteck reicht von der Seite sechshundertelf bis siebenhundertsiebenunddreißig. Das Buch der Psalmen sowie das der Sprichwörter sind gewissermaßen ausgehöhlt. Ebenso die ersten fünf Kapitel im Hohelied. Während ich mir still den Schaden besehe, schauen mir die Schüler und Schülerinnen voll Anteilnahme zu. Das Feixen hat aufgehört.
Ein Packen Schrift ist herausgeschnitten, etwas fehlt, Entscheidendes fehlt, und der umrandende Text ist unlesbar geworden. Die Worte ergeben keinen Sinn mehr. Ich nehme die einhundertfünfundzwanzig malträtierten Seiten in die rechte Hand und befühle das glatte, hauchdünne Papier mit den Fingerkuppen sowie die kaum spürbaren Erhebungen, die der Druck erzeugt hat. Seltsam, so liebevoll habe ich das Innenleben der Bibel noch kaum gestreichelt. Die Schnittflächen am Durchguck sind gestaffelt. Es war bestimmt mühsam, mit einem Taschenmesser durch all die Seiten zu ritzen. Ich kann mir vorstellen, dass mehrmaliges Ansetzen notwendig war.
Jetzt ist in der Bibel ein Geheimfach entstanden, groß genug, um ein Handy darin zu verstecken, ein flaches Schnapsfläschchen, einen Spicker, einen Liebesbrief, Rauschgift, eine geheime Botschaft, eine Abhöranlage, …. wobei meine Fantasie bei James Bond angelangt ist.

Die Bibel ist greifbar geworden und das Buch Ijob hat ein Loch bekommen, kein zufälliges von einer Bücherwurmfamilie herausgefressenes, sondern ein sauber herausgeschnittenes. Die betroffenen Schriften sind unlesbar, aber es ist jetzt möglich, durch die hindurchzuschauen auf das Hohelied. Im sechsten Kapitel der kleingedruckten wohlfeilen Ausgabe ist zu lesen: „Ich gehöre meinem Geliebten, und er verlangt nach mir.“ (Vers11) Diese Aussicht ist nicht zu überbieten. Wie gut, dass das Fenster den Blick durch die vielen Seiten ausgerechnet auf diesen Vers lenkt. Der jahrtausendealte Text, mühsam von klugen Professoren in unsere Sprache übersetzt, während sie sich bestimmt grübelnd hinter den Ohren kratzten, hat jetzt ein banales lächerliches Loch. Kein Wunder, dass die spontane Reaktion der Schüler ein schallendes Lachen war.

Lächelnd klappe ich die Bibel zu, bedecke ihre Scham und berge sie in meiner Tasche.
Es ist nach diesem unvorhergesehenen Zwischenfall nun wirklich an der Zeit, mit den Worten Jesu die Feindesliebe betreffend im Matthäus Evangelium fortzufahren.

Am Nachmittag lege ich das Buch auf  den Tisch in meiner Bibliothek. Liebkosend streichle ich mit den Händen darüber, hülle es in ein besticktes Baumwolltuch und flüstere ihm zu: „Hier bist du sicher. Niemand wird dir etwas zuleide tun.“  An meinen Handflächen nehme ich den gleichmäßiger und ruhiger werdenden Pulsschlag wahr. Ich glaube, der Bibel fallen die Augen zu. Wäre es ein Wunder nach diesen Aufregungen? Wer weiß, wie lange sie mit der unentdeckten Wunde einsam in einer kalten Kiste zwischen fröhlich und entspannt plaudernden Gefährten gelegen hat? Jetzt kann sie sich endlich in den wohlverdienten Schlaf versenken und sich von den Träumen küssen lassen. Erleichtert atme ich tief ein und aus. Wie gut, dass ausgerechnet mir heute dieses Buch in die Hände gefallen ist.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15033

Was bleibt. Besuch in der Regensburger Synagoge

Später sollte sich herausstellen, dass es die letzte Begegnung mit Dr. Andreas Angerstorfer war. Im darauffolgenden Juli wurde er tot in der Toilette der theologischen Fakultät aufgefunden.

Es ist ein Apriltag im Jahr 1942. Es ist nicht der 1. April und das, was geschieht, ist wahrlich kein Scherz. Ein Zug von Männern bewegt sich durch die Maximilian Straße, sie gehen auf der Fahrbahn in Richtung Bahnhof. Die Standarte des Begräbnisvereins wird von einem jungen Burschen vorausgetragen, nicht freiwillig. Er wurde genauso wie alle anderen gezwungen, an diesem traurigen Marsch teilzunehmen. Aber sie führen keinen Verstorbenen mit sich. Es handelt sich um kein Begräbnis. Die Männer richten den Blick beschämt zu Boden. Sie gehen, setzen Schritt vor Schritt und wollen da nicht hin, wohin sie der Weg führt.
Die Bürgersteige links und rechts sind dicht bevölkert. Schulkinder, Männer und Frauen. An einem Donnerstagvormittag ist schulfrei und offensichtlich auch arbeitsfrei. Alle nehmen sich Zeit, um diesem Schauspiel beizuwohnen. Auch die Fenster im ersten Stock der anrainenden Häuser sind mit Schaulustigen besetzt, von denen sich später niemand mehr an den traurigen Marsch erinnern wird. Zum Zeitpunkt des Fotos aber sind alle noch interessiert an dem, was passiert. Sie wollen es mitbekommen, sonst hätten sie sich in die hintersten Winkel ihrer Wohnungen verzogen und die Bettdecke über den Kopf gezogen, um nicht nur nichts von diesem Auszug der Juden aus ihrer Stadt zu sehen, sondern auch die begleitenden Geräusche nicht hören zu müssen.

Hat man Derartiges einmal durch Augen und Ohren in sein Innerstes gelassen, so plagt es einen ein Leben lang und lässt sich nicht mehr abschütteln. Man muss die Erinnerung daran bekämpfen, sie unterdrücken, leugnen, tottrampeln und hartnäckig behaupten, nichts gehört und gesehen zu haben, sonst lassen einen diese Bilder und Geräusche nicht in Ruh. Ist das die Rache der Sensationslust? Tatsache ist, dass die Wenigsten zu ihrer Erinnerung stehen. Leugnen scheint einfacher zu sein, aber es scheint nur so.

Es gibt auch Uniformierte, die den Zug der Männer mit den gesenkten Köpfen begleiten. Sie sind an diesem Tag in der Rolle der Stärkeren und vermeintlichen Sieger. An diesem Tag und einer Reihe von anderen Tagen. Sie feixen und grinsen schadenfroh. Sie weiden sich am Leid, an der Scham, am Unglück der anderen. Es werden noch viele Tage folgen, dreimal dreihundertfünfundsechzig ungefähr, an denen ihnen das trügerische Glück hold zu sein scheint. Die schmucke Uniform, die Braunhemden und die Halstücher werden sich abnützen, aber auch das Feixen wird ihnen vergehen und ihre grinsenden Grimassen werden sich in Leidensmienen verzerren, die vortäuschen wollen, Opfer statt Täter zu sein. – Aber das ist an jenem 2. April noch nicht abzusehen.

Die erhaltenen zehn Fotos, allesamt Auftragswerke, sind heute Zeitdokumente. Auf Befehl der NSDAP Kreisleitung wurde dieser Schandmarsch auf Zelluloid gebannt. Stolz hielt man fest, wie siegreich und tapfer die moderne Zeit mit den Juden fertig wird und sie zum Güterbahnhof treibt. Den Männern mit den gesenkten Köpfen ist es peinlich, fotografiert zu werden. Ihnen steht die Demütigung ins Gesicht geschrieben. Sie haben Mühe, Haltung zu bewahren. Was wird ihnen zugerufen? Die Fotos erzählen davon nichts. – Gott sei Dank, wer könnte es ertragen zu hören? Die Ahnung davon reicht schon aus, um einen erschaudern zu lassen. In den Köpfen dieser Männer überschlagen sich die bösen Ahnungen, die Erinnerungen, die Bemühungen, Haltung und Würde zu bewahren. Gibt es noch ein Entrinnen? Lässt Gott ein Wunder geschehen?

Es ist ein Tag im April, vermutlich kündigte sich der Frühling schon an. Der Rabbiner, ein stattlicher, schlanker großer Herr trägt einen gut geschnittenen Mantel. Er schreitet aufrecht vorbei. Ein schwerer Weg ist ihm zu gehen beschieden. Später erfahre ich, dass ihm noch die Flucht nach London gelang, doch dort fand er bei einem Luftangriff den Tod.
Neben ihm geht ein jüngerer Herr, um die vierzig. An seinen Namen erinnert sich niemand mehr. Wer weiß, was ihn noch alles erwartet hat? Er ist am 2. April 1942 frisch rasiert und das Gesicht mit seinen klaren sympathischen Zügen konnte sicher auch lachen und andere zum Lachen bringen. Ein feiner zurückhaltender Mann, der gut gekleidet ist und aufrecht vor sich hin schreitet, der sein Schicksal annimmt an diesem Tag, der die Augen von der Kamera abwendet und lieber ins Unbestimmbare blickt. Oft und lange betrachte ich diesen Unbekannten nun schon auf dem Foto. Immer habe ich es bedauert, seine Augen nicht sehen zu können. – Jetzt bin ich mir sicher, dass es besser so ist. Bestimmt würden diese Augen sich so in den Blick des Betrachters eingraben, dass ich die Trauer und Angst nicht ertragen und nicht mehr loswerden könnte. Die Ahnung davon ist schon zu viel. Ich will mich nicht in weitere Gedanken versteigen. Es ist doch so vieles, was bleibt, was den Blick öffnet, die Erinnerung bewahrt und eine Begegnung ermöglicht.
Auch wenn es nur ein Foto ist, das verblasst. An die Namen der abgebildeten Menschen erinnert sich schon jetzt niemand mehr. Es findet dennoch Einlass durch meine Augen und fängt dort wieder zu leben an.

Zum ersten Todestag von Anderl, meinem Hebräischlehrer, der meinen Blick für so manches geschärft hat.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15026

Wider den Stachel löcken

„Wider den Stachel löcken“ … eine kaum mehr verwendete Phrase

Der Stachel, wider gelöckt
Hat dem Löcker kaum jemals geschmeckt.
Doch er musste es wagen – die „Wahrheit“ zu sagen
Damit man ihn endlich entdeckt

Wer oder was ist der Stachel? Warum ist er spitz?
Wer ist der Löcker? Und warum löckt er (was weh tut) wider den Stachel?

Biologisch ist der Stachel (im Gegensatz zum Dorn = eigenes Pflanzenorgan) ein Zubehör und Produkt der Rinde, dem Haar auf der Haut vergleichbar. Er hat nur eine einzige Funktion, nämlich seinen Träger zu schützen, dessen Überleben zu sichern. Ganz und gar nicht ist er (der Stachel) ein wohlschmeckend abzulöckendes Genussmittel. Süß ist er auch nicht! Also warum wird er gelöckt, noch dazu wider, das heißt gegen den Strich. Und von wem? Und was soll dieser für den Löcker sehr schmerzhafte Prozess?

Diese schon ziemlich in Vergessenheit geratende Redewendung besagt, dass jemand beispielsweise: gegen die Parteidisziplin handelt, indem er einem Bonzen in aller Öffentlichkeit blöde (weil peinliche) Fragen stellt, und/oder dem Strom der Zeit entgegenschwimmt, d.h. das Gegenteil von dem tut, was von ihm erwartet wird. Auch das kindliche Rütteln am Watschenbaum kommt in die Nähe des Stachellöckens (= auffälliges, kontraproduktives Verhalten bzw. soziologisch(es) Fehl-/unangepasstes Verhalten in der Gruppe).

Den Stachellöcker zeichnen Rechthaberei, Aggression und Mut zum Risiko aus – es ist ja meist sehr ungesund, den Stachel unter Druck einzuspeicheln. Also warum dieser peinliche Masochismus?

Es gibt nur zwei Motive:
Entweder: Der Löcker will bekannt werden, sich von den anderen abheben und den Rest der Herde davon überzeugen, wie gut er ist.
Oder: Er glaubt eine Wahrheit entdeckt zu haben, er will die Menschheit, die Partei oder wenigstens die Abteilung retten.

Und dazu ist ihm jedes Mittel recht bzw. nimmt er die vom gelöckten Stachel aufgerissene Zunge in Kauf, noch dazu, wo er dafür vielleicht einen kleinen Märtyrerbonus erhält oder gar in den Ruch der Kühnheit kommt.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 15012

 

Fallstricke 3 – Karrieristinnenschicksal

Wir hab’n studiert, uns angestrengt, / in Männerwelten uns gedrängt.
Wir hab’n gelernt, uns durchzusetzen, / wenn Neider ihre Messer wetzen.
Wir leisten viel, wir kommen weiter. / Fleißiger sind wir und gescheiter,
als so manche der Kollegen, / doch irgendwann steh’n wir im Regen.

„Die toughe Frau, wer mag das schon? / Der rennt doch jeder Mann davon!
Schaut, die lebt immer noch allein! / Das muss eine Xanthippe sein!“
Das schmerzt, weil wir darunter leiden. / – So manche musste sich entscheiden,
weil sicher in den Wahnsinn treibt, / wenn alles an uns hängen bleibt!

Haushalt, Kinder und Karriere – / es heißt, dass sich das nicht gehöre,
wenn eine Frau das alles wollte, / weil es ihr doch genug sein sollte
– mehr noch, das Wichtigste im Leben! – / alles für Kind und Heim zu geben.
Dass dieses nicht gilt für den Mann, / der durchaus all das haben kann,
wird mit „der Natur“ begründet, / die Mütter an den Nachwuchs bindet.

Nun, gegen Tragen und Gebären / woll’n wir uns ja gar nicht wehren,
und auch zum Still’n sind wir bereit, /  doch damit ist begrenzt die Zeit,
in der die Mutter unersetzlich – / nur soweit ist’s naturgesetzlich!
Was darauf folgt, ist ganz allein, / die Vorstellung von, was soll sein.
Die Mutter wär, sein wir doch ehrlich, / nicht zur Gänze unentbehrlich!
Und nicht genetisch programmiert, / ist sie, auf was ihr hier passiert!
Im Tun lernt sie, ganz wie der Mann, / der was er nicht tut auch nicht kann.

So wie es ist, bleibt’s wohl dabei / – Karriere geht nur kinderfrei!
Und wir wehr’n uns vehement / gegen das Billiglohnsegment!
Wir verzichten, schuften, rackern, / wenn wir den Arbeitsmarkt beackern,
und stoßen doch zu uns’rem Schrecken, / plötzlich an unsichtbare Decken!
Denn für die wirklich guten Stellen / eignet sich in unsren Fällen
nur, wer nicht von heut auf morgen / Mutterpflicht hat zu besorgen!

Liebhaber sind leicht gefunden, / doch meistens sind die schon gebunden.
Frau und Kind sind ihre Ehre!  / – Doch viel zu spät kommt diese Lehre!
War’s das wert, musste das sein? / Wir werden älter, sind allein!
Unter und neben uns der Hohn, / über uns gläserner Plafond!

Michaela Harrer-Schütt

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 14075