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Sisyphos gelangt an den Anfang der Welt

Unverhofft nahm man Sisyphos den Felsbrocken fort, als er ihn zum abermillionsten Mal die steile Böschung hinauf an den Rand des Abgrunds gerollt hatte. Plötzlich war der Stein weg, der nach dem schier endlosen Nach-oben-Wälzen und Nach-unten-Kullern schon fast zu einer Kugel geschliffen worden war. Die scharfen Kanten waren verschwunden, an denen sich Sisyphos anfangs noch die Finger wundgerissen hatte. Immer wieder musste er im Lauf der Zeit mitansehen, wie ihm, nachdem er mühevoll sein Werk vollendete hatte, der Felsbrocken aus den Händen glitt und in der Tiefe verschwand.

Einem geheimen Plan folgend stieg er stets gehorsam hinab und begann sein aussichtsloses Werk aufs Neue. Was hätte er auch sonst tun sollen? Es gab keine Alternative. Klaglos fügte er sich in sein Leid, und hätte er geklagt, hätte ihn niemand gehört, außer den Göttern vielleicht, die aber waren mit Anderem beschäftigt und hatten vermutlich die Ohren mit Wachs verschlossen. Niemand war da, dem Sisyphos seinen Kummer hätte erzählen können. Einsam war er mit seinem Los, das ihm unglücklicherweise in Gestalt eines Steins auferlegt war. Zum Glück gibt uns die Mythologie davon Kunde. Andernfalls wäre der arme Sisyphos völlig im Geheimen seiner Vorsehung gerecht geworden. Niemand hätte je davon erfahren. Nun wissen wir aber um seine Tragik und sie gereicht uns bisweilen zum Trost, wenn wir uns an unser Schicksal gekettet fühlen.

Diesem bemitleidenswerten Mann aus der griechischen Sage war also der Felsbrocken weggenommen worden. Sisyphos wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich war da nichts mehr, wogegen er sich mit aller Kraft hätte stemmen müssen. Seine Hände waren frei und hingen nutzlos und schwer an den Armen. Staunend blickte er auf seine leeren Handflächen. Er bewegte die Finger und begann zu ahnen, dass es da noch etwas Anderes geben musste, das es zu tun gab. Da stieg er aus dem Erdloch und freute sich über die blühende Vegetation und den Sonnenschein. Niemand hatte ihm bis dahin Kunde von der Schönheit der Welt gebracht. Hungrig sog er das Licht mit jeder Faser seines Körpers ein, schlenderte zum nahen Fluss, wo er, nachdem er sich mit der Freundlichkeit des Wassers vertraut gemacht hatte, untertauchte, allen Schmutz von seiner Haut gründlich abwusch und sich nach Herzenslust aalte.

Deutlich spürte er, dass nun etwas Neues anfing. Die schwer drückende Dunkelheit, die er bislang in Gesellschaft des stummen Steins verbracht hatte, war von ihm genommen. Jetzt war er ins Licht getreten, und das Leben umarmte ihn mit goldenem Sonnenschein und Schwerelosigkeit. Bunte Farben, duftende Blumen und Vogelgezwitscher hüllten ihn ein. So entstieg er frisch und munter dem Fluss. Aus Gräsern, Blättern, Farnen, Binsen, allen möglichen Pflanzen, deren Namen ich genau so wenig kenne wie Sisyphos, und aus mannigfaltigen Blumen, die er am Ufer vorfand, flocht er sich ein prächtiges Gewand, das er sich überzog.

Als er seines Spiegelbildes auf der Wasseroberfläche ansichtig wurde, staunte er nicht schlecht. Hatte er doch bis dahin nie Gelegenheit gehabt, sich selbst zu betrachten. Während das Wasser sich lustig kräuselte, entdeckte Sisyphos seine Gestalt. Die Bewegungen seiner Hände, seiner Beine, seines ganzen Körpers sah er und wunderte sich darüber. Sisyphos schüttelte seinen Kopf und ließ seine langen Haare durch die Luft wirbeln. Zustimmend nickte er, dann öffnete und schloss er den Mund, und bemerkte, dass er in der Lage war, Laute hervorzubringen. Zunächst schnalzte er mit der Zunge, doch bald schon gelang es ihm, den ausströmenden Atem mit Hilfe seines Gaumens, seiner Zunge und der Lippen zu regulieren und gezielt zu leiten, sodass auch andere wohlklingende Geräusche seinen Mund verließen. Fröhlich experimentierte er mit dieser neu entdeckten Fähigkeit und trat mit den Geräuschen seiner Umgebung in einen klanglichen Austausch. Auch wenn er das Wort dafür noch nicht kannte, so war es ein wunderbares Konzert, an dem er mitwirkte. Ich wage zu behaupten, dass er auf dieser Bühne im Grünen zu diesem Zeitpunkt bereits die erste Geige spielte.
Mehr und mehr wurde er Teil der Welt, in die er nun einmal getreten war, und er gab seinen Ton an. Mit jedem Schritt, den er machte, verblasste die Erinnerung an die unterirdische Dunkelheit, in der er so lange den unförmigen Stein mühsam vor sich hergeschoben hatte. Finsternis hatte er eingeatmet und Schweiß mit jeder Pore ausgeatmet. In Staub war er eingehüllt, und nicht enden wollende Qual war sein düsteres Geschäft gewesen.

Jetzt hingegen glänzte sein Haar und seine Augen strahlten. Kraftvoll atmete er ein, füllte seine Lungen bis zum Anschlag und spürte, wie das sauerstoffreiche Blut fröhlich seine Adern durchfloss. Besser ist es, wenn ich sage, es hüpfte ihm durch die Glieder und ließ seine Bewegungen beschwingt werden. Wie von selbst fingen seine Füße an zu tanzen. Er richtete seinen Körper auf, hob die Arme, bewegte die geöffneten Hände und streckte sie voll Güte nach oben. Sein Angesicht wandte er strahlend dem Himmel zu. So, als wollte er allen, die sich dort in Unsichtbarkeit hüllten, bedeuten: Seht mich an, ich wandle im Licht. Meine Hände werfen euch alles zu, was ich an Bewegung zu geben habe, und aus meiner Kehle kommen die Laute, die die Vorsehung in mich hineingelegt hat. Wenn ihr Mut habt, nehmt das Wachs aus euren Ohren, um mein Lied zu hören. Es wird euch die Augen öffnen, und dann schaut mir in die Augen.

Aber die da droben hatten noch nicht genug Schneid. Sie baten sich Bedenkzeit aus und schickten vorerst die Sonne vor. Ihr kam das gerade recht und sie scheute sich nicht, ihre Chance zu ergreifen. Sie ist als gute Lehrmeisterin bekannt und fing flugs ihre Lektion damit an, Sisyphos das Lachen beizubringen. Kein einfaches Unterfangen, wie jeder weiß. Aber er erwies sich als gelehriger Schüler und lachte nach ersten zögerlichen Versuchen bald aus Herzenslust, dass es auch denen da droben nicht verborgen blieb, und sie wussten nicht recht, wie sie das verstehen sollten. Vorsichtshalber wandten sie sich ab. Ich bin mir aber sicher, dass sie es nicht fertigbrachten, ihre Neugier komplett zu unterdrücken. Bestimmt blinzelten sie verstohlen zwischen den Sonnenstrahlen hindurch und erhaschten, mit verhohlenem Neid, einen Blick auf den der Unterwelt Entronnenen. Seine lebensfrohe Gestalt führte ihnen unmissverständlich die verborgenen Möglichkeiten vor Augen und ihnen wurde rasch klar, dass das die Zeichen für den Anfang sein mussten. Weil sie aber seit alters her ängstlich vor jedem Anfang waren, taten sie so, als würden sie nichts mitbekommen, zogen sich zurück und begnügten sich aus sicherer Entfernung mit heimlichen Beobachtungen.

Sisyphos wusste davon nichts. Er machte sich auf, dem Flusslauf zu folgen. Das Wasser tanzte lustig neben ihm her, hielt unaufhörlich Zwiesprache mit dem wagemutigen Gesellen und versäumte nicht, ihn recht durch die Landschaft zu geleiten, so dass es ihm nicht schwerfiel, sich seine Neugier und freudige Erwartung zu bewahren. Offensichtlich wich ihm nun das Glück nicht mehr von der Seite, und so kam es, dass er völlig ohne Gefahr an ein einsam gelegenes Gehöft gelangte. Gänse, Hühner, Enten begrüßten ihn schnatternd, krähend und quakend. Eine Katze umschmeichelte maunzend seine Füße und hieß ihn näher treten. Ein braunes Pferd wieherte ihm freudig zu, Schafe blökten, Kühe muhten und eine weiße Ziege nahm ihn neugierig beschnuppernd in Empfang.
So ging Sisyphos mit seinem auffälligen Gewand der einladend rot gestrichenen Haustüre entgegen. Bunte Blumen umkränzten sie, und noch bevor er sie erreicht hatte, wurde sie aufgetan. Ein lächelndes Gesicht hieß ihn eintreten. An einem Tisch nahm er Platz, durch die Fenster in seinem Rücken fielen die freundlichen, hellen Sonnenstrahlen, die das Zimmer in durchsichtiges Gold tauchten und ihm bedeuteten, dass er hier richtig sei. Die Dame, die ihn eingelassen hatte, trug köstliche Speisen auf, von denen er erst zögerlich, sogleich aber bereitwillig nahm. Indem sich seine Gastgeberin ihm gegenübersetzte, tat er es ihr gleich und kostete von Käse, Fleisch, Brot und Gemüse. Er trank Milch und probierte süße Früchte. Alles war ihm neu. Den Genuss der Speisen hatte er bislang eben so wenig gekannt wie die Sonnenstrahlen und die herrlichen Töne. Während die Frau mit ihm sprach, lernte er ihre Worte verstehen.

Ihm wurde klar, dass all die Jahrhunderte und Jahrtausende in ihm die Ahnung vom Reichtum der Welt geschlummert hatte. Die stets gegenwärtige Sehnsucht, der dunklen Ödnis entfliehen zu wollen, war an einem geheimen Fleckchen seines Geistes anwesend gewesen, aber sie war verkapselt im Kokon, der verschlossen und versiegelt war. Nun hatte der seidene Faden sich zu lösen begonnen. Zentimeter für Zentimeter wickelte er sich rasch ab und wurde Sisyphos zum Lebensfaden, der ihn durch die Herrlichkeiten des Daseins lotste. Wie reich und schön doch alles war, das ihn begleitete und erwartete, das ihn umgab und in ihn einging durch Augen, Ohren, Mund und Nase, das ihn an Füßen, an Händen berührte, ihn kitzelte und ihm vermittelte, dass er aufzunehmen in der Lage sei und dass sich alles unaufhörlich neu in seinem Inneren zu verändern und zu formen anschickte. Ja, das ist das Leben.
Durch alle Sinne dringen die Eindrücke und formen den Geist, der wiederum neugierig auf alles wartet und ebenfalls seine Möglichkeiten nutzen will, um nach Kräften Neues zu schaffen, mit den Händen, mit Worten, mit der Stimme, mit allem eben, was einem Menschen zur Verfügung steht.

Sisyphos staunte und strahlte die freundliche Dame an, die ihm als erster Mensch begegnet war. Mit einem Male wurde ihm klar, dass ein Schatz von Möglichkeiten für ihn in einem goldenen Topf bereitstand, den er zu suchen und zu finden hatte. So erhob er sich, küsste der schönen Dame mit vollendeter Höflichkeit die zierliche und doch so kraftvolle Hand und verabschiedete sich zutiefst dankbar für die Erfahrung, Gastfreundschaft genossen zu haben und beherbergt worden zu sein. Weil sie wusste, wie lange der Weg sich noch erstreckte, ehe Sisyphos sein Ziel erreichen würde, holte sie aus einer schön bemalten Truhe ein Paar grüner Wanderstiefel aus geschmeidigem Leder. An den einstigen Besitzer gibt es keine Erinnerung mehr. Er muss von weit hergekommen sein und hier seine Bleibe gefunden haben, sodass er die liebevoll geschusterten Stiefel nicht mehr brauchte. Er hatte sie ausgezogen, um sie nie mehr wieder zu benützen. Im Stillen hatten sie hier sicher verwahrt auf Sisyphos gewartet, und die freundliche Dame Amaryllis streifte sie ihm über die bloßen Füße und band flink die Schnürsenkel.

So war Sisyphos wohlgerüstet. Ein neues Gefühl beflügelte seine Schritte. Hatte er auch den unmittelbaren Kontakt mit dem Untergrund eingebüßt, so waren nun seine Fußsohlen vor Verletzungen geschützt. Ihm war klar, dass er einen weiten Weg vor sich hatte. So machte er sich Richtung Osten auf. Amaryllis begleitete ihn ein Stück der Sonne entgegen. Wenn man an den Anfang der Welt gelangen will, muss man immer der Sonne entgegengehen. Erkennt sie, dass man es ernst meint, wird sie einen auflesen und in ihrem Schiff mitreisen lassen. So marschierte Sisyphos zuversichtlich nach Osten. Als er mit seiner Begleiterin den Waldrand erreichte, verließ ihn die gnädige Dame Sie musste zurück zu ihrem Anwesen und nach weiteren Besuchern Ausschau halten. So hat jeder seinen Platz in der Welt.

Während sie zurückging, schritt Sisyphos mit neuer Kraft voran. Er trat auf dem bemoosten Pfad tiefer in den Wald ein. Hohe Bäume ragten links und rechts neben ihm auf. Seine Schritte federten auf dem weichen Untergrund und er fühlte sich behütet. Schon stimmten all die hier ansässigen Vögel ein Willkommenskonzert an und kündigten den durchreisenden Gast auch den anderen in tieferen Regionen beheimateten Bewohnern an. Neugierig steckte der eine und andere Fuchs und Hase seinen Kopf aus dem Gestrüpp, betrachtete Sisyphos neugierig in seinem aus Blattwerk gefertigten Outfit, schickte ihm einen freundschaftlichen Gruß entgegen und entwischte rasch, eifrig seinem Tagwerk nachgehend. Bisweilen sah er noch Rehe äsend beieinanderstehen, die ihn ob seines eilfertigen und zielstrebigen Schrittes musterten, ihm aber zu verstehen gaben, dass er ihr Reich sehr wohl zu durchqueren habe. Der Ort seiner Bestimmung war noch weit. Keines von ihnen war je so weit gelaufen. Vom Hörensagen wussten sie, es gebe diesen Ort, wo es sich hinzugehen lohne.

Und Sisyphos wanderte ohne Hast, aber doch schnell, weil ihn die Sehnsucht nach dem in der Ferne liegenden Ziel lockte. Als er den Blick in den Äther schweifen ließ, sah er die klaren Strahlen der Sonne erscheinen. Sie war also schon auf ihn aufmerksam geworden. Wer weiß, wer ihr seine Ankunft verraten hatte? Aber die Sonne kannte sehr wohl das Schicksal des armen Sisyphos, genauso, wie ihr das einer jeden geknechteten Kreatur nicht verborgen bleibt, und sicher führt sie den ins Licht, der es braucht. Gleich oder später. Und Sisyphos, der so lange im Dunkeln die Kugel gerollt, hatte ganz gewiss eines gelernt: zu warten. Und so ging er seinen Weg entlang. Bestimmt ist es der einzig richtige. Frau Sonne schickte ihm mit ihren warmen und hellen Strahlen alle Hoffnung der Welt und auch noch ein gutes Stück der himmlischen Zuversicht. Und ehe er sich versah, wurde er emporgehoben zum Sonnenschiff.

Fragte man ihn später nach den Eindrücken dieser Reise, so vermochte er nichts weiter zu sagen, als dass es wunderschön war, schwerelos dahinzugleiten, gedankenverloren und unendlich glücklich. Eine lichte Leere habe ihn umfangen, wie er sie nicht beschreiben könne. Die Worte für Derartiges hatte er noch nicht kennengelernt. So fuhr er eine geraume Weile im Sonnenschiff am Rande des Himmels gen Osten und Frau Sonne raunte ihm so manches Helle zu, das er mit geweiteten Augen und Poren aufnahm. So kam Sisyphos wohl zu dem, was die Menschen bisweilen eine Glückshaut nennen, in Ermangelung eines besseren Begriffs.
Und flugs war er viele hundert oder gar tausend Kilometer weit gereist. Wer scherte sich schon um derartig kleinmütiges Zählen? Sanft setzte ihn die gnädige Sonne auf einer Wiese an der Peripherie einer Metropole ab. Ganz andere Geräusche drangen hier an sein Ohr. Scharf und schnell und schneidend. „Hab keine Furcht!“, sang ihm die Sonne Abschied nehmend zu. „Du wirst das Licht, das ich in dich hineingelegt habe, verbreiten. Es ist nicht schwer, denn jeder verlangt danach. Sei großzügig und geize nicht damit.“

Sisyphos hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Mit seinen grünen Wanderstiefeln stapfte er durch das lange Gras und gelangte zu einer schwarz asphaltierten Fläche, die sich als Straße herausstellte. In seiner floralen Kleidung erschien er den zahlreichen Autofahrern in der Tat wie von einem anderen Stern. Sie glotzten ihn aus den blankgeputzten Scheiben ihrer bunt lackierten Karossen an und fingen an zu hupen, denn er versperrte ihnen die freie Fahrt und sie hatten es eilig. Einer betätigte den automatischen Fensterheber an der Fahrertür per Knopfdruck und brüllte heraus: „Verpiss dich, du seltsamer Vogel, sonst rufe ich die Polizei!“

Und Sisyphos fing schon an, an der Redlichkeit der Frau Sonne und auch an der Liebenswürdigkeit der Dame Amaryllis zu zweifeln, weil er sehr wohl spürte, dass dies trotz der augenscheinlichen Helligkeit ein Ort der Finsternis war. Starr vor Schreck stand er da, als ein dicker Mensch aus der Führerkabine eines LKWs kletterte, auf Sisyphos zuging, ihn energisch unterhakte und ihn hoch in sein bescheidenes Heim hievte. „Hier bist du erst mal in Sicherheit!“, sagte er zu ihm. „Mir scheint, du kommst aus dem Reich der Träume! Trägt man dort neuerdings organische Klamotten? Pflanzenfasern mit Blumen durchwirkt, aus Madeira und Gott weiß woher noch; eine erneute Flower-Power-Welle?“

Sisyphos verstand alle Worte des Fahrers, schaute ihn aber vorerst nur groß an und vermied es zu sprechen. Er wollte sich ein genaueres Bild der Lage machen. „Woher hast du die Mokassins aus marokkanischem Leder? Kommst du aus Marrakesch?“, fragte der freundliche und offensichtlich seine Umgebung sehr aufmerksam beobachtende Fahrer weiter und reichte ihm eine rote Dose, die, nachdem sie geöffnet war, zischend eine herbe Flüssigkeit herausschäumen ließ. „Trink, du hast bestimmt Durst!“, lud er ihn ein. So nahm Sisyphos den ersten Schluck und erfuhr, dass das Bier sei. Während der Fahrer von seiner Herkunft aus dem hohen Norden bereitwillig erzählte, knauserte Sisyphos mit seinen Worten. Tief drinnen in seiner Erinnerung saß noch das Wissen um die geheime Kraft der Worte, und es schien ihm ratsam, sie kostbar bei sich zu verwahren und wie Perlen zu zählen. So verriet er nur, dass er gekommen sei, um Licht zu machen. Das verstand der hilfsbereite freundliche Mann am Lenkrad des Trucks, das Sisyphos übrigens an den Stein erinnerte, den er so lange vor sich her gewälzt hatte, und weil auch der Fahrer einer war, der Bescheid wusste, versprach er, ihn an den Ort zu bringen, wo Licht benötigt wird.

Er startete den Motor, lenkte aus der Raststätte auf die Autobahn und steuerte auf die große Stadt zu. Sisyphos fühlte sich an den Fluss zurückerinnert, dessen Lauf er, nachdem er dem Erdloch entschlüpft war, eine Tagstrecke weit gefolgt war. Auf der dreispurigen Autobahn schoben sich die Fahrzeuge rasch vorwärts. Sie schienen ebenfalls von einer geheimen Kraft getrieben zu sein. So gelangte der LKW an einem gelben Schild vorbei, auf dem etwas in schwarzen Lettern stand. Die beiden Männer befanden sich in einem Häusermeer, das von Straßen wie Spinnweben durchzogen war. Sisyphos fiel auf, dass sich der LKW gen Osten bewegte. Die Richtung stimmte also noch, und das beruhigte ihn inmitten all dieser Geschäftigkeit.
Irgendetwas musste hier schiefgegangen sein, denn hier gab es von allem zu viel und gleichzeitig auch von allem zu wenig. Es fehlte das rechte Maß. Sisyphos beschlich die leise Angst, hier verloren zu gehen, und er entschloss sich, ein paar Worte aus seinem kostbaren Schatz an den Fahrer zu verschenken und stellte die Frage: „Bringst du mich bitte an den Anfang der Welt? Einer wie du kennt bestimmt den Weg!“  Mit großen Augen schaute ihn Lars an. „Freilich kenne ich den Weg zum Anfang der Welt. Es ist bloß aus der Mode gekommen, danach zu fragen. Heute bildet sich jeder ein, von sich aus dorthin zu gelangen. Aber die meisten verirren sich, weil sie zu eingebildet sind und zu stolz, um zu fragen. Leicht geht man in die Irre. Du siehst ja selbst, wie viele Straßen es hier gibt, die nach überall führen.“

Geschickt lenkte Lars aus dem Norden seinen schweren Truck auf den Straßen Berlins gen Osten und brachte Sisyphos in seinem Paradieskleid an einen Ort, der Kreuz des Ostens heißt. Das muss schon ganz in der Nähe vom Anfang der Welt sein. Umringt von hupenden Autos parkte er in Seelenruhe, zeigte Sisyphos die Richtung, die er einzuschlagen hatte, schubste ihn freundlich aus der Fahrerkabine und verabschiedete sich in stillem Einverständnis von ihm, indem er bedeutungsvoll mit den Augen zwinkerte.
Sisyphos hingegegen gelangte bald an ein zweiflügeliges Holztor, über dessen geschwungene Oberseite sein Name in großen Lettern zu lesen war. Nicht schlecht staunte er, dass man ihn hier am Anfang der Welt bereits erwartete und ihm schon ein Haus gebaut hatte. Auf jedem Flügel der beiden Tore war eine große Ente geschnitzt. Sie schauten sich an und die beiden Schnäbel schienen sich zu küssen. Da fühlte sich Sisyphos an das freundliche Haus der Frau Amaryllis erinnert, in deren Hof auch quakende Enten ihn empfangen hatten. Beherzt pochte der Heimgekehrte mit beiden Fäusten an das Tor. Unverzüglich hörte er eine Stimme fragen: „Wer bittet um Einlass?“ „Ich kann Licht machen“ entgegnete Sisyphos, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Und da es bereits dämmerte, schien es dem Türsteher einleuchtend, dass es nun an der Zeit sei, mit der Illumination zu beginnen.

Das Tor ging auf, Sisyphos trat in sein Reich und wusste sofort, dass er zu Hause, am Anfang der Welt angekommen war. Rasch liefen Leute im Hof zusammen und bedeuteten ihm, dass man ihn seit Langem schon sehnsüchtig erwarte. Man löcherte ihn mit Fragen nach seinem Verbleib, worauf er lächelnd und achselzuckend wortlos antwortete. Niemand fragte ihn nach seinem Namen. Offensichtlich wussten alle schon, dass er der Hausherr persönlich sei. Zwei Herren in salopper Kleidung begleiteten ihn über das Gelände.
Bedauernd teilte man ihm mit, dass während seiner unerwartet langen Abwesenheit in diesen Gebäuden Hundekuchen produziert worden seien. Sisyphos lächelte nur und entgegnete, dass ihm Hundekuchen allemal lieber seien als Kalaschnikows.

So war alles geklärt, und Sisyphos wollte ebenso wie die beiden Herren keine Zeit verlieren. Die Dunkelheit stand vor der Tür und der heimgekehrte Hausherr wollte damit beginnen, Licht zu machen. Es war höchste Zeit, um den Anfang der Welt, nachdem er endlich gefunden war, aus seinem langen Dämmer zu erwecken, ihn in Licht zu tauchen und die Menschen von überall her anzulocken. Sisyphos fing an, die eilig montierten Scheinwerfer auszurichten. Unter seiner geheimnisvollen Regie entstand an der Fassade des Backsteinbaus eine wahrlich himmlische Lichtsymphonie in den strahlendsten und phantastischsten Farben. Schnell war klar, dieser Mann im Phantasiekleid musste von weit her gewandert sein, um diesem Ort seinen vergessenen Zauber zurückzugeben und den verwirrten Menschen Heimat.

In Windeseile verbreitete sich die Kunde, dass hier etwas Neues und ganz Großes entstand. Musiker fanden sich ein, das Licht mit Klang zu verbinden. Feuerkörbe wurden an den nachtschwarzen Himmel gezaubert und farbstarke Blitze durchfuhren die Finsternis, um allen den Weg zu zeigen und ihrer Sehnsucht eine Richtung zu geben. Viele kamen und täglich wurden es mehr, weil alle suchen und nach einem Platz verlangen, wo ihre Seele Ruhe findet.

Sisyphos ist Gott sei Dank angekommen und hat es geschafft, diesen verwunschenen Ort in Helligkeit zu tauchen. Jetzt herrscht dort der nicht leicht fassbare Geist, der durch die Gabe des Lichts entsteht. Manche nennen ihn Esprit, andere wagen das Wort nicht in den Mund zu nehmen. Sisyphos zählt seine Worte wie Perlen. Er schweigt und spricht mit fein dosiertem Funkenregen, mit Lichtkegeln und kletternden Lichtmenschen – seine Sprache ist das Licht. Und wer sie beherrscht, mag an jeden Ort reisen, sei es der undurchdringliche Dschungel mit all den Lianen, die sich von tropischen Bäumen baumeln lassen und den Affen zum Spiel dienen, sei es die Wüste, durch die sich eine Karawane schlängelt, oder sei es das Eis, das man früher das ewige nannte, auf dem Pinguine und Eisbären tollen.

Sisyphos kann alle diese Bilder an den Nachthimmel zeichnen. Nur wer seine Herkunft kennt, versteht, warum er den Menschen Strahlen bringen muss und warum er seine Freude daran hat, all die Hungrigen im Licht stehen zu sehen. Langsam werden sie, so beschienen, lebendig und fangen an sich zu bewegen, anmutig und rhythmisch zu tanzen, sich im Takt der Musik zu wiegen. Aber damit ist es nicht getan. Das Leben in der Metropole ist hart. Hundekuchen ist out und Schokoladensoße will keiner.
Wer zu Sisyphos kommt, will den Anfang der Welt spüren, und der ist heftig. Wer aus der Unterwelt kommt, weiß das. Wer unzählige Male seinen Felsbrocken vergebens den steilen Hang hinaufgerollt hat, um anschließend machtlos zusehen zu müssen, wie er bockstarrig wieder hinabrollt, der weiß, dass man das Leben festhalten muss mit beiden Fäusten, dass man mit aller Macht jede Regung in sich aufsaugen muss, um sie im schwer zugänglichen Inneren zu beheimaten.

Menschen kommen ins Sisyphos, weil sie hungrig sind nach Leben. Vom alltäglichen Zuviel haben sie schon genug, mehr als das. Weder in den überbordenden Einkaufszentren noch in den beruflichen Selbstverwirklichungsstätten pocht der Puls der Lebens. Alles ist zu viel und zu wenig. Es scheint, als wäre überall die Luft zum Atmen dünn geworden. Jeder sucht das Glück, aber die Glückshaut ist nicht zu kaufen und nicht zu verdienen und auch nicht zu erbitten oder per Opfer zu erwirken. Das Leben lässt sich nicht ergaunern und nicht erarbeiten, man kann es weder ansparen noch erben.
Das Leben pocht am Anfang der Welt und bisweilen findet man einen Ort, wo man ihm gegenübersteht oder es wenigstens für möglich hält, dass es so sei. Ein Augenblick in diesem Gefühl zu leben, ist es allemal wert, sich dem Rausch von Licht und Klang in Extremen hinzugeben. Nur allzu gern lässt man sich forttragen von der schwerelosen Schwere und erwacht mit der Sehnsucht, an diesen Ort zurückzukehren, so oft und so lange wie nur immer möglich. – Sisyphos wahrt sein Geheimnis gut. Niemand kennt seinen Namen und weiß, wohin sein Gesteinsbrocken so urplötzlich verschwunden ist. Wer mag ihn weggenommen haben? Wer verwahrt ihn? Hat er sich gar in Luft aufgelöst oder hat er sich wie ein Ballon mit Luft gefüllt und ist davongeflogen? Sisyphos ist ihn auf jeden Fall los und verbreitet am Anfang der Welt Licht. Hier nennen ihn alle Or, was in der Sprache des Anfangs Licht bedeutet, und er hat vor, diesen Ort nicht mehr zu verlassen.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18157

Die ZDF-Hitparade

Ich bin ein Gewohnheitstier. Spätestens um 19:30 Uhr sitze ich vor dem Fernseher, um mir die Hauptnachrichten anzusehen. Ich bin immer daran interessiert, was es Neues gibt. Manchmal schalte ich den Fernseher schon früher ein, wenn ich meine Wäsche für morgen schon gerichtet habe und auch alles andere vorbereitet ist. Ganz gern schalte ich ab 18:45 Uhr zur ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Es sind Aufzeichnungen. Er moderierte sie von 1969 bis 1984. Zu Beginn rief er stets: „Hier ist Berlin!“ Dieter Thomas machte viele Witzchen und sorgte für gute Laune. Heutzutage mutet die Show total retro an. Allein deshalb gefällt sie mir – weil sie mich an meine Kindheit erinnert. Ich wurde 1970 geboren.

Gerade heute ist wieder solch ein Tag. Seit 19:10 Uhr sitze ich vor dem Fernseher. Es läuft die ZDF-Hitparade vom 5. November 1979. Dieter Thomas kündigt Luv´ an, das sind drei junge Damen in Uniformen aus sehr wenig Stoff. Das mittlere Mädchen ist blond, die beiden außen dunkelhaarig. Sie tanzen und singen zu ihrem Song „Ooh, Yes I Do“. Es ist typische 1970er-Jahre-Musik. Heute wäre das wohl Musik für ältere Herren, die gern junge hübsche Frauen betrachten und denen die Musik gleichgültig ist. Ich denke, damals war das noch etwas anders. Die Zielgruppe für diese Art von Kaugummi-Musik war breiter.

Plötzlich zeigt die Kamera zu den Zuschauern im Saal. Dieter Thomas Heck stellt sich neben eine Frau, die gegen Ende dreißig sein dürfte. Sie trägt einen roten Rollkragenpullover. Da sie außen sitzt, sieht man ihren karierten Rock, ihre Brille ist groß und rund. Schwarze Wallemähne, ein eher schmaler Mund, Perlenohrringe. Sie sieht aus wie ich! Sie sieht genauso aus wie ich zurzeit, abgesehen von der Kleidung und der Frisur. „Hat Ihnen das Lied gefallen?“, fragt Dieter Thomas. Er hält das Mikrofon unter ihren Mund. „Ja, sehr schön wirklich, ganz toll!“, sagt die Frau, die aussieht wie ich mit meiner Stimme und meiner Körperhaltung. „Wie ist Ihr Name, gnädige Frau?“, fragt Dieter Thomas weiter. Wieder hält er das Mikrofon knapp unter ihren Mund. „Hertha König.“ „Und Sie kommen aus …?“ „Kassel“, sagt die Frau ins Mikrofon. „Der Herr neben Ihnen ist Ihr Gatte, nicht?“, fragt Dieter Thomas wiederum und hält ihr das Mikrofon entgegen. „Nein, ich kenne ihn gar nicht. Ich bin alleine hier“, sagt die Frau. „Na, wenn Sie alleine hergekommen sind, bedeutet das noch nicht, dass Sie auch alleine nachhause gehen, wa?“, flachst Dieter Thomas.

Die Frau im Fernsehen lacht. Ich lache. Hertha König ist mein Name, mein Wohnort ist Kassel. Ich, in meinem derzeitigen Alter, bin die Frau im Fernsehen.

Wie kann das sein?

Lost in Space

Dieter Thomas Heck schmunzelt. Er geht auf die Kamera zu. Jetzt bleibt er stehen und kündigt Costa Cordalis an, der als Nächster auf die Bühne treten und dort sein Lied „Keine liebt wie du“ zum Besten geben wird. Ich schalte den Fernseher aus. Für Nachrichten habe ich jetzt keinen Kopf.

Nochmals: Wie kann das sein?

Ich suche nach einer Erklärung. Das nicht ich das in der ZDF-Hitparade gewesen sein kann, ist klar. Vielleicht, möglicherweise, eventuell war es eine Schwester von Mama, mit der sie sich zerstritten und deren Existenz sie mir deshalb vorenthalten hat. Das klingt doch gar nicht so unlogisch. Aber warum gab sie mir dann ihren Namen Hertha? Man gibt doch seinem Kind nicht den Namen von jemandem, den man nicht leiden kann. Das passt überhaupt nicht zusammen. Und wenn es einfach nur eine Frau war, die aussah, sich bewegte, sprach wie ich und in derselben Stadt wohnte? Es gibt ja die Theorie, dass jeder einen Doppelgänger habe. Gut, mag sein, aber gilt das auch generationenübergreifend?

Die einfachste Erklärung ist natürlich die, dass ich mich versehen habe, eingenickt bin beispielsweise und kurz geträumt habe. Ich kann es nicht herausfinden, da ich die Sendung ja nicht wie bei einer alten VHS-Videokassette zurückspulen kann, aber ich meine, das denke ich wirklich, dass ich von dieser Frau, die ich sein soll, nur geträumt habe, womöglich fantasiert, was auf einen schlechten Gemütszustand von mir schließen lassen würde, das wäre aber ebenso möglich,  jedenfalls habe ich diesen Vorfall nicht in Wirklichkeit gesehen.

Ich lege mich bald ins Bett, in mein Einzelbett, ich lebe alleine. Dort lese ich noch ein wenig, einen Weltbestseller. Der bringt mich auf andere Gedanken – nein, das stimmt nicht so ganz, diese Folge der ZDF-Hitparade hält mich immer noch gefangen.

Als ich dann eingeschlafen bin, träume ich etwas ganz anderes, keine Spur von einer Musikshow. Ich träume davon, wie ich durch den Wald gehe, einen Wald, den ich nicht kenne, schließlich erreiche ich einen Teich. Ich sehe in ihn, weil ich mein Spiegelbild sehen möchte, aber sein Wasser ist braun von Erde und wirft kein Bild zurück.

Der nächste Tag ist ein ganz normaler Tag, der 9. November 2016, Mittwoch. Arbeit bei Charles Vögele, Mode verkaufen, eher versuchen, Mode zu verkaufen. Im Geschäft ist nicht so viel Frequenz. Die Marke gilt offensichtlich als angestaubt, fast kein – potenzieller – Kunde ist unter vierzig. Bald einmal muss wohl ein neuer Job her. Ich bin achtunddreißig. Das wird schon hinhauen, da mache ich mir nicht solche Sorgen, ich bin ja auch eine tüchtige Verkäuferin. Ein neuer Job wäre gar nicht schlecht, denn weniger als bei Charles Vögele kann man doch bestimmt nirgendwo verdienen.

Auch Donnerstag und Freitag sind ganz normale, unspektakuläre Tage. Diesen Samstag habe ich frei. Erst einmal bleibe ich so lange im Bett, bis ich völlig ausgeschlafen bin. Das ist ein guter Start in den Tag. Dann ein üppiges Frühstück mit Radio hr3. Danach ein Spaziergang im Novembernebel, etwas unfreundlich, bald wieder nachhause. Ich lese meinen Weltbestseller weiter. Dabei brauche ich nicht viel zu denken, das ist sehr entspannend. Nachmittags backe ich mir eine Tiefkühlpizza auf. Sie schmeckt ganz gut, besser als früher, die Lebensmittelindustrie hat Fortschritte gemacht. Dazu trinke ich ein Bier, das tue ich nicht oft. Und weil das erste so gut geschmeckt hat, trinke ich ein zweites, und ein drittes, dann ist aber aus. Eineinhalb Liter Bier ist eine hohe Dosis für eine zarte Frau wie mich, ich bin ganz schön angedüdelt. Ich lege mich ins Bett, alsbald schlafe ich ein.

Ich träume, dass ich im All schwebe. Ich trage keinen Raumanzug, trotzdem kann ich atmen, und die Temperatur liegt bei ungefähr dreiundzwanzig Grad Celsius. Die Gestirne um mich innerhalb der Schwärze drehen sich langsam, und ich drehe mich im selben Tempo. Ich kann nichts greifen. Es gibt nichts zu tun. Ich bin lost in space.

Ich wache auf. Es ist bereits Nacht, draußen ist es dunkel, bis auf die Straßenbeleuchtung. Im Schlafzimmer ist es hell. Ein leise singender sphärischer Ton liegt in der Luft. Ich sehe nach, sowohl die Deckenlampe wie auch die Nachtkästchenlampe sind ausgeschaltet, also müsste es dunkel sein. Es ist aber hell. Ebenso in der Küche, im Wohnzimmer, im Vorzimmer, im WC und im Bad, es ist überall hell bei ausgeschalteten Lampen. Jetzt sehe ich, wie sich der Vorraum biegt, er wird niedriger, rundet sich, dehnt sich in der Länge. Er bildet einen Schlauch, dessen Wände wie Perlmutt schimmern.

Will ich zurück ins Wohnzimmer, Schlafzimmer oder in die Küche, muss ich durch diesen Schlauch klettern. Und das tue ich auch: Auf allen vieren krabble ich diesen Schlauch entlang. Der sphärische Ton ist verschwunden. Nach dem Ende des Schlauchs stehe ich auf und gehe ins Schlafzimmer. Nun ist es ganz anders eingerichtet. Statt meines Einzelbetts steht dort eine Liege mit geschwungenem Kopfteil. In der Küche sind Prilblumen auf dem altertümlichen Kühlschrank und dem antiquierten Herd. Ein Flokati-Teppich bedeckt einen Teil des Bodens im Wohnzimmer, ein Kalender mit Palmen hängt an der Wand. Eine rote Markierung auf einer Kunststoffschiene zeigt den 4. Tag des Novembers im Jahr 1979.

Über den Stuhl aus gebogenem Holz im Schlafzimmer sind ein karierter Rock und ein roter Rollkragenpullover gehängt. Ich blicke in den ovalen Spiegel mit Goldfarbeinfassung, der vorhin nicht hier war. Ich sehe mich selbst, natürlich, mit schwarzer Wallemähne und einer großen, runden Brille.

Auf dem Sideboard im Wohnzimmer liegen zwei Perlenohrringe und eine Eintrittskarte für die ZDF-Hitparade am 5. November 1979, morgen, sowie ein Zettel, auf dem in meiner Schrift: „Abfahrt des Zuges nach Berlin um 12:21 Uhr“ steht.

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18147

Die Mondgöttin

Sie läuft barfuß hinter dem alten Hund her, ihre dunklen Locken, die bis zur Mitte des Rückens reichen, wehen im Sturm. Das geblümte Kleid klebt an ihren nackten Beinen, es ist durchnässt. „Hank! Warte auf mich!“ Das kleine Mädchen kann dem Hund nur schwer folgen, es weiß aber, dass er auf der Suche nach Schutz ist und ihm den Weg weisen wird. Hinter ihm öffnet sich der Boden, aus schmalen Kratern quillt eitrige Masse, vermischt mit lavaähnlicher Brühe, alles schwappt über seine Knöchel, es stinkt ganz ekelerregend und das Mädchen muss würgen. Es läuft weiter, der Wind peitscht Regen, Hagel und Schnee gegen sein Gesicht. Der Hund hält immer wieder an und wartet auf das Mädchen.

An einem Bachlauf springen Forellen aus dem Wasser, landen auf der blutenden Erde, schwänzeln verzweifelt in der Luft. Das Gewässer verfärbt sich blitzschnell dunkelrot und beißender Mief erfüllt die Umgebung. Bald haben sie den Wald erreicht. Hinter einer großen Hecke kriechen Schlangen, Würmer, Kröten und Echsen hervor, sie fliehen ebenso vor der sich öffnenden Erde. Aus den Baumrinden tropfen dicke, harzähnliche Absonderungen, die Äste kringeln sich ein, sind plötzlich tot, starr, es stinkt nach Ammoniak.

„Hank, hilf mir, ich kann nicht mehr!“ Das Mädchen ringt nach Luft, der Ammoniakgestank treibt ihm Tränen in die Augen. Es dreht sich um, die Schlangen, Echsen und Kröten folgen ihnen. Die Fußsohlen des Mädchens schmerzen, trotz Regen und Schnee beginnt der Wald nun zu brennen, fängt Feuer. Der Himmel verdunkelt sich und es kann nichts mehr sehen. Nun ist der Hund an seiner Seite und führt es weiter. Vor ihnen teilt sich plötzlich der Weg, das Mädchen  nimmt Anlauf und springt dem Hund hinterher, stolpert und versinkt mit einem Fuß im Morast. Das Mädchen schreit auf, mit Händen und auf Knien versucht es, sich aus dem Abgrund zu befreien. Sein Herz schlägt bis zum Hals, es weint und fleht und krabbelt auf allen Vieren weiter … Schlangen streifen seine Hände und Arme, schlingern an ihm vorbei.

Dann, endlich, sieht das Mädchen vor sich einen Felsvorsprung und dahinter eine große Weide, die von all diesem Unheil verschont geblieben scheint. Hank legt sich unter die Weide ins saftige Gras und wartet auf das Kind. Den Hund umarmend legt es sich dicht neben ihn, zitternd am ganzen Leib, und gemeinsam schauen sie dem grauenvollen Schauspiel zu, das um sie herum passiert.

„Mutter Erde, Mutter Erde, was ist mit dir? Wo tut‘s denn weh?“, schreit das Mädchen laut in den Abendhimmel.

***

Chiara reißt die Augen auf und ringt nach Luft, an ihrem Bett sitzen Großtante Sophie und ihre Mutter Katharina.

„Schatz, es war nur wieder dieser Traum. Es ist alles gut, wir sind ja da.“ Chiara weint und ist schweißgebadet. Ihre Mutter streichelt ihr sanft über die Stirn und küsst sie, die Großtante hält ihre Hand.

„Wieso träume ich das immer wieder?“, schluchzt sie und legt ihren Kopf auf den Schoß der Mutter.

„Du hast die Gabe, liebe Chiara. Du fühlst den Schmerz der Erde. Genau wie deine Großtante“, flüstert ihre Mutter. Die Tür öffnet sich und das Mädchen sieht das Schweifende von Hank am Bett vorbeihuschen. Der Hund legt seinen Kopf auf die Bettkante und leckt über ihren Unterarm. Chiara betrachtet ihre Großtante, die Hank nun hinter dem Ohr krault. Sie sitzt im Nachthemd da, ihre silbergrauen, dichten Haare zu einem dicken Zopf gebunden. Sie lächelt Chiara an und ihre wunderschönen, bernsteinfarbenen Augen betrachten das Mädchen liebevoll.

*** 12 Jahre später ***

Mark nimmt an einem der kleinen Tische vor der Bäckerei Platz. Er sortiert seinen Notizblock und die Stifte und bestellt sich einen Kaffee. Sein Deutsch ist zwar nicht akzentfrei, aber sehr gut. Am Nebentisch sitzt ein älteres Pärchen und mustert ihn neugierig.

„Sie sind wohl nicht von hier, was?“, fragt der Mann, der seine Hände auf einen Stock stützt.

„Ich komme aus Amerika und muss hier für eine Fachzeitschrift recherchieren“, antwortet Mark.

„Hier, bei uns? In diesem Kaff?“ Der Alte lacht laut auf. „Was soll es da zu recherchieren geben?“

„Es geht um das Thema Plastic Planet und um Mythologie. Ich bin auf der Suche nach drei Frauen, die hier wohnen. Vielleicht können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“

Der alte Mann stopft sich mit krummen, arthritischen Fingern eine Pfeife und brummt leise vor sich hin. „Die ollen Weiber vom Waldrand?“, fragt er. Die Frau daneben stößt ihm den Ellenbogen in die Seite:

„Aber Friedrich, wie redest du nur?“, entgegnet sie.

„Ist doch wahr! Früher hätte man sowas wie die auf dem Scheiterhaufen verbrannt!“

Mark macht sich ein paar Notizen und muss schmunzeln. Dieses kleine Dorf hat einen seltsamen Charme, hier läuft alles etwas ruhiger ab als in seiner Heimatstadt, als hätte man die Zeit um Jahre zurückgedreht.

„Sie müssen wissen, die Damen leben sehr abgeschieden am Waldrand und das ist vielen hier im Dorf unheimlich. Die Ältere heißt Sophie, sie streift oft stundenlang barfuß und mit wehenden Kleidern durch die Wälder, an ihrer Seite ist immer ein Hund. Man erzählt sich, dass sie vor langer Zeit eine Begegnung mit einem Wolf hatte und seither sei sie völlig verändert. Leute, die nicht so ängstlich sind, kommen zu ihr und suchen Rat und Hilfe. Sophie hat schon sehr vielen Menschen helfen können.“

„Ach, papperlapapp!“ Der alte Mann nimmt die Pfeife aus dem Mund und bläst den Rauch in die Luft. „Das ist doch alles Quatsch, den du erzählst, Mutti.“ Mark wendet sich nun der Frau zu und klopft nachdenklich mit dem Bleistift auf den Zettel.

„Wie darf ich das verstehen, ihr sei ein Wolf begegnet? Können Sie mir das näher erklären?“

Die alte Frau rutscht mit dem Stuhl nun näher an Mark heran.

„Näheres weiß niemand hier. Sie war ja damals verheiratet, aber seit sie dem Wolf begegnet ist, sei der Mann wie vom Erdboden verschluckt. Niemand hat ihn je wieder gesehen. Und sie hat sich seit diesem Tag nicht nur vom Wesen her verändert, sondern auch äußerlich. Früher hatte sie blaue Augen, seit dieser Wolfsbegegnung aber sind ihre Augen wie aus dunklem Bernstein. Es leben drei Frauen in diesem Haus: Sophie, ihre Nichte Katharina und die Tochter von Katharina, sie heißt Chiara. Es wird gemunkelt, dass Katharinas Kind von einem Italiener ist, aber niemand weiß das so genau.“ Die Hände der Frau zittern nun, und sie wirkt nervös.

„Sophie und Chiara sind Sehende, müssen Sie wissen. Sie haben eine Gabe, sagt man“, flüstert sie Mark hinter vorgehaltener Hand zu.

„Kann ich unangemeldet bei den Frauen vorbeischauen? Was meinen Sie?“, fragt Mark.

Die zwei Alten sehen sich an und der Mann zuckt mit den Schultern.
„Wenn Sie meinen?! Ich wünsche Ihnen viel Glück. Die olle Sophie lässt Männer verschwinden. Passen Sie bloß auf sich auf!“

Mark notiert sich noch den Weg und marschiert los. Was für Schauermärchen, denkt er und lacht.

Nach einer Viertelstunde Fußmarsch kommt er an ein alleinstehendes Haus am Waldrand, die Fassade ist mit Lärchenholz vertäfelt, viele bunte Windspiele hängen an der Veranda, im dicht blühenden Garten sieht er vereinzelt Statuen aus Stein, elfenhafte, lächelnde Frauengestalten. Das Haus steht auf einer Anhöhe und Mark hält an, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Plötzlich kommt Wind auf, die Tonmotive der Windspiele schlagen aufeinander und eine wundersame Melodie ertönt. Die sich im Wind wiegenden Blüten lassen die Elfenfiguren manchmal verschwinden und wieder erscheinen, es sieht aus, als würden sie tanzen. Wie aus dem Nichts steht nun ein Hund am Hauseingang, stolz und erhaben kommt er auf Mark zu und hält einige Meter vor ihm an, er mustert Mark, sein Fellkleid schimmert in allen Brauntönen. Dann ebbt der Wind wieder ab, es ist still rundherum. Mark nimmt nun befremdliche Duftnoten wahr, es riecht intensiv erdig, nach Myrrhe und auch nach Moschus. Kalte Schauer laufen seinen Rücken hinunter, ihm wird übel.

Plötzlich ein leises Zischen. Mark dreht sich abrupt um! Sie steht knapp hinter ihm, ihre Augen sind geschlossen, sie ist barfuß, hat lange, grau schimmernde Haare, sie kräuselt fast unmerklich ihre Nase, ihre Nasenflügel beben – als würde sie an Mark riechen, zieht sie mit einem leisen Zischlaut die Luft durch den leicht geöffneten Mund ein. Nun lächelt sie und öffnet die Augen. Mark weicht vor Schreck zurück, er hat noch nie solche Augen bei einem Menschen gesehen, sie sind bernsteinfarben und funkeln ihn an.

Sie nimmt seine Hand und spricht mit rauer, leiser Stimme: „Wir haben Sie schon erwartet!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18134

 

 

Was wäre, wenn?

Mark schaut aus dem Hotelfenster, sieht Capitol Hill und die schöne Parkanlage, es herrscht reges Treiben auf den Straßen. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät ihm, dass er nun aufbrechen muss, er nimmt seine Aktentasche vom Stuhl, darin befindet sich nur das Nötigste, was man als Schriftsteller für das National Book Festival eben so braucht.

Die knappe Meile läuft er zu Fuß zum Gelände der Library of Congress, der größten Bibliothek der Welt. Obwohl es seine erste Teilnahme an diesem Festival ist, findet er sich schnell zurecht. Er trifft einige Kollegen und interessierte Leser. Der Tag ist gespickt mit Small Talk und mit zahlreichen Fans, die sich Bücher von Mark signieren lassen. Er ist ein schüchterner und stiller Mann im besten Alter und eine sehr interessante, gut aussehende Erscheinung. Freunde sagen über ihn, dass er trotz seiner Zurückhaltung einen phantastischen Humor hat, den man ihm nicht zutrauen würde.

Die Zeit vergeht wie im Flug und Mark wäre es gerade recht, könnte er sich bald in sein Hotelzimmer zurückziehen. Er schaut in die Menschenmenge und als er so überlegt, wie er den Abend noch verbringen soll, sieht er ihn. Das rot-orange Tuch, das er immerwährend trägt, leuchtet aus der Menge, einige Menschen verbeugen sich, andere beobachten ihn neugierig. Mark lässt ihn nicht aus den Augen und er kann es fast nicht glauben, der Dalai Lama geht tatsächlich in seine Richtung, zu Marks Tisch.

„Mister Lewis, es ist mir eine Ehre!“ Der Mönch deutet eine leichte Verbeugung an und lächelt. Mark sucht nach Worten, ist völlig perplex, fasst sich dann und verbeugt sich in buddhistischer Manier. „Eure Heiligkeit.“ Plötzlich scheint sich alles rundherum zu drehen, ihm wird schwindlig und heiß-kalt im Wechsel, er braucht dringend frische Luft. Als würde der Dalai Lama es erahnen, fasst er ihn sogleich am Arm und hakt sich ein, schnellen Schrittes führt er Mark Richtung Ausgang. Die angenehme, frische Luft und die sanfte Herbstsonne in der Parkanlage tun ihm richtig gut. Sie halten unter einer Linde und stehen sich gegenüber.

„Mister Lewis, ich habe ein Anliegen. Es handelt sich um ein Experiment, welches seinesgleichen sucht. Sie werden erstaunt sein!“ Mark sieht die funkelnden Augen und das schelmische Lächeln seines Gegenübers.

„Eure Heiligkeit, ich wüsste nicht, wieso Sie sich diesbezüglich ausgerechnet an mich wenden?“

„Nun, Mister Lewis, ich kenne Ihre Bücher und Sie sind Buddhist. Sie können dieses Experiment durchführen, davon bin ich überzeugt. Es wird Ihnen großen Spaß machen!“, wieder ein verschmitztes Lächeln, als würden sie gemeinsam einen Streich aushecken wollen.

„Worum geht es denn?“ Mark wird nun zunehmend neugierig.

„Ich überreiche Ihnen heute einen Schlüssel, suchen Sie die Bibliothekarin der Library of Congress auf und folgen Sie den Vögeln.“ Der Dalai Lama kramt in seinem Samtbeutel, der an seiner Tunika an einem Gürtel hängt, und reicht Mark einen kleinen, goldenen Schlüssel.

„Ich bin natürlich sehr gerne behilflich, und wie Sie wahrscheinlich wissen, mag ich Experimente sehr. Aber eine Frage sei mir erlaubt: Wieso gehen wir nicht gemeinsam zur Bibliothekarin?“

„Eine berechtigte Frage. Ich bin jedoch nur der Überbringer des Schlüssels, eine von mir ausgewählte Person sorgt für die Durchführung des Experimentes. Es funktioniert nur innerhalb der jeweiligen Zeitzone, in der der Auserwählte – das sind in diesem Falle Sie – lebt. In meiner Zeitzone wurde das Experiment schon durchgeführt. Warum es keine Aufzeichnungen, Videos oder Berichte in den Medien darüber gibt, werden Sie früh genug erfahren. Jedoch, das können Sie mir glauben, ist dieses Experiment formvollendet. Mister Lewis, ich wünsche Ihnen viel Freude, verlasse mich auf Sie und werde Sie morgen wieder kontaktieren.“ Der Dalai Lama verbeugt sich nochmals kurz und verlässt die Parkanlage flotten Schrittes.

Da steht er nun, unter der Linde, sieht auf seine Hand mit dem kleinen Schlüssel darin.

„Folgen Sie den Vögeln“, hat er gemeint. Was auch immer das heißen mag. Mark sieht sich um und entdeckt den Eingang der Library in einiger Entfernung.

Nun gut, auf zur Bibliothekarin. Solche Rätsel machen Mark Spaß, das kommt auch deutlich in den Inhalten seiner Bücher zum Vorschein.

„Mrs. Hayden? Mark Lewis mein Name, der Dalai Lama schickt mich.“ Frau Hayden reicht ihm die Hand, lächelt und meint:

„Ich weiß, wer Sie sind und freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Mister Lewis. Habe ich richtig gehört, der Dalai Lama schickt Sie?“

„Ja, Sie haben richtig gehört“, entgegnet Mark freundlich. „Es handelt sich scheinbar um ein Experiment und er meinte nur ‚Folgen Sie den Vögeln‘.“ Die Bibliothekarin verschränkt die Arme vor der Brust und scheint in Gedanken. Nach einer Weile geht sie an ihren Schreibtisch und tippt auf der Tastatur des PCs.

„Gar nicht so einfach. Wir haben hier jede Menge Bücher über Ornithologie. Ich weiß jetzt nicht, wo wir mit der Suche beginnen sollen?“ Sie zuckt die Schultern und sieht Mark über die Brille hinweg an. „Ah, Moment, jetzt hätte ich es beinahe vergessen. Ich habe hier einen Schlüssel, der wohl einen Code knackt?“ Etwas hektisch sucht Mark nach dem Schlüssel in seiner Jacke.

„Dann muss es wohl eine größere Ausgabe sein.“ Sie recherchiert wieder in ihrem PC und hebt dann beide Hände:

„Ja natürlich! Das muss das Buch von John James Audubon sein, The Birds of America. Das weltweit wertvollste Buch, Mr. Lewis. Folgen Sie mir in Gallery B.“

Ein riesiges Buch liegt vor ihnen, Mark schätzt es auf fast einen Meter Größe im Quadrat. Die Bibliothekarin zieht weiße Baumwollhandschuhe über und öffnet vorsichtig den wertvollen Buchdeckel. Achtsam blättert sie weiter. Mark sieht die buntesten Vögel gezeichnet, mit Beschreibungen darunter. Er ist sehr beeindruckt von diesem Werk, welches 1826 erschienen ist.

„Lassen Sie uns die letzte Seite suchen, vielleicht werden wir fündig“, meint er. Tatsächlich finden sie auf der vorletzten Seite ein zusammengefaltetes, sehr zartes Blatt Seidenpapier, auf dem mit Tinte in feinster Schrift folgendes steht:

„Was wäre, wenn …
… alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Codes in die Freiheit entlassen würden?

„Was wäre, wenn …
… sie sich gemeinsam mit den Vögeln dieses Buches in den Himmel erhöben und davonschwebten?

„Was wäre, wenn …
… für eine Stunde die Erde scheinbar still stünde?“

Sie blättert weiter und entdeckt auf der letzten Seite des Buches, im letzten Einbanddeckel, einen Schlitz.

„Hier, Mister Lewis. Hier muss der Schlüssel rein!“ Mit leicht zittrigen Fingern steckt Mark den Schlüssel ins Schloss des Einbanddeckels und dreht ihn um neunzig Grad.

Leises Flattern ertönt, die Seiten des Buches schlagen sachte aufeinander und zart erheben sich alle bebilderten Vögel, alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Punkte, Beistriche, Strichpunkte und fliegen mit sanftem Summen den Fenstern entgegen, drängen gegen den Fensterspalt und bahnen sich den Weg ins Freie. Alle Bücher in der Library machen es dem Band von Audubon nach, ein allgemeines, rhythmisches Rascheln erfüllt die Räume. Mark und Mrs. Hayden bücken sich, denn manche Zeichen sind besonders keck und fliegen ihnen um die Ohren. Die Bibliothekarin hält eine Hand vor ihren Mund und will sich ein Lachen verkneifen, was nicht ganz gelingen mag.

„Es ist …“, möchte sie sagen, jedoch auch ihre gesprochenen Worte lösen sich in Luft auf, vergehen, verwehen, verschwinden mit den anderen geschriebenen Zeichen durchs Fenster der weltgrößten Bibliothek. Mark läuft hinterher, zückt sein Smartphone, möchte gerne auf Video aufzeichnen, was hier passiert. Doch auch aus dem Handy schlüpfen Buchstaben und Zeichen beinahe lautlos ins Freie und verschwinden in der Ferne. Der Bildschirm des Handys wird dunkel, es ist nicht mehr zu bedienen. Über Capitol Hill und der Library of Congress schweben nun tausende Zahlen, Buchstaben, Satzzeichen, scheinbar schwerelos in den Himmel. Mark und die Bibliothekarin laufen zum Ausgang, möchten sich gerne unterhalten, es ist aber nicht mehr möglich.

Sie beobachten die Straßen der Stadt. Der Verkehr kommt zum Erliegen, alle Buchstaben und Zeichen der Werbeanzeigen an Tankstellen, Einkaufsmärkten, Banken und Gebäuden rundherum schließen sich den Vögeln und Zeichen der Library an und entschwinden. Die Menschen gestikulieren, Worte sind zwecklos. Stille rundherum. Nur das leise Flattern und Rascheln der wegfliegenden Zeichen. Hoch hinaus, in das Blau des Himmels mit der untergehenden Sonne. Absoluter Stillstand.

Alle Menschen, die dieses Schauspiel beobachten, blicken hoch und nach einiger Zeit sieht man die formvollendete Formation der Zeichen am wolkenlosen Himmel:

Friede

steht da. In allen Sprachen der Welt. Für eine Stunde in der Zeitzone von Washington D.C. Stille. Kein Angriff, keine Aggression, kein Befehl, kein böses Wort, kein Straßenlärm, keine Musik, nichts. Nur Friede, als Botschaft an den Himmel gepinselt.

Mark öffnet die Augen.

„Das war nur ein Traum!“, denkt er, steht auf und geht ans Fenster seines Hotelzimmers. Reges Treiben auf den Straßen, der übliche Lärm. Er streicht sich durch das zerzauste Haar und über die Bartstoppeln, schüttelt den Kopf und geht ins Badezimmer. Plötzlich läutet das Haustelefon auf dem Schreibtisch, Mark nimmt den Hörer ab … und – da liegt ein kleiner, goldener Schlüssel auf dem dunklen Holz des Tisches und eine Frauenstimme am Telefon sagt:

„Mr. Lewis? Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, wartet hier in der Lobby auf Sie.“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com/

Erstveröffentlichung beim Schreiblust-Verlag
(Der Text erhielt den 2. Preis beim Monatswettbewerb im April 2018
zum Thema „Das Experiment“)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18118

Daten verursachen Lärm

Suche nach ein wenig Frieden,
Es spielt aus den Boxen,
Mein Herz, es will nicht Marathon laufen,
ich greife zum falschen Elixier,
Eishöhle,
Verstörende Klänge,
den ganzen Tag,
Nachrichten leuchten am Display,
Kommentare,
Fassungslos klicke ich sie weg

Das Radio erzählt mir dauernd vom Geld,
Geschichte ist der Lehrer,
Blind stürzte ich in den Apparat,
Maschinen, in denen ich mich nicht finde

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18049

Kein Wort

Wandeln,
umherirren,
manche finden sie,
bis jetzt fand ich nur Bruchstücke,
Puzzleteile ergaben wenig Sinn

Wie kannst du sagen, es sei schön,
Alleine,
egal welche Farbe die Wände haben,
du hast sie verloren,
du steckst den Kopf in den Sand,
sag mir, wie kannst du damit leben,
keine Hände zu ergreifen,
Freiwillig

Weißt du denn nicht,
wie es schmerzt,
viele Nächte,
Weiß sind die Wände,
die dich zum Zittern bringen

Habe ich deine Hand gefunden,
zwischen den rauen,
abgeschürften,
Halt mich fest,
Lass nicht los,
Hinter mir ist dieses Tor zur Parallelwelt,
dort such nicht nach Worten,
Ich kann dem keinen Namen geben

Tanze mit mir,
durch Mondnächte,
wir entzünden schwarze Sterne,
Du bestehst aus einem Material,
ich finde es in keinem Buch,
ein Verhältnis,
es stimmt,

Dann flüstert es,
ich bin ein Traum,
der seinen Visionär sucht

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18048

Nachtmahr

Vollmond zwischen einer Wolke,
Sterne blicken herab,
tausende Augen,
Die Katze schleicht,
um das Licht,
Gelbes Leuchten,
Windstöße fegen durch Bäume,
Aus der Villa kommt ein Knarren,
Hohe Wände verschwimmen,
in der Dunkelheit,
Teile aus angsteinflößenden Träumen,
spinnen sich,
in das heutige TV-Nachtprogramm

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18047

Der Vertrag

Korf bemerkt’s und ist entsetzt
Er wurde in der Zeit versetzt
Dies, weil Palmström an ihn dachte
Als der aus seinem Schlaf erwachte

Offen gestanden, ganz so war’s nicht
Als er dies tat, war’s mein Gedicht
Er hätte nicht an Korf gedacht
Wär er durch mich nicht aufgewacht

Nur Palmström wollt’ ich wieder schreiben
Ich ahnt’ es nicht, doch Korf muss leiden
Dass dieser jenen mitgezogen
Das hatt’ ich wirklich nicht erwogen

Erdacht, wie Korf und Palmström sind
Kopfgeburt und Geisteskind
Gelingt’s zwar leicht, sie zu versetzen
Ungeachtet von Gesetzen

Die uns als Raum und Zeit vertraut
Als unumstößlich angeschaut
Doch haben auch Figurennetze
Ihre eigenen Gesetze

Ich bitte Korf, mir zu verzeihen
Der fasst es nicht und muss jetzt schreien
Und schreit es mitten in mein Wort:
Ich hab ein Recht auf meinen Ort!

Was sag ich, Recht auf meine Zeit
Du tat’st mir unbegreiflich Leid
Als du mich entrissen hast
Dem Jahresringe-Rinden-Bast!

Korf, drauf ich, übe Geduld
In deinem Klagen, wer hat Schuld?
Der Morgenstern hat angefangen
Und nun willst du mich belangen?

Ob ich nun Palmström, Palmström dich
Hervorzog, ist doch lächerlich
Woll’n wir’s doch mal anders seh’n,
Er ließ euch damals doch glatt steh’n

Er schuf euch, nutzt euch, ließ euch liegen
Im ersten von den großen Kriegen
Ihr wärt im Damals doch verloren
Als literarische Figuren erfroren

Du postmodernes Irrgelichter
Was bist du schon, wärst wohl gern Dichter!
Donnert Morgenstern empört
Zu Eis gefriert, wer solches hört

Achtzig Seiten schrieb ich beiden
Zu leben und darin zu weiden
So Morgenstern empörter weiter
Raum genug und länger, breiter

Als dein ganzes Tun und Lassen
Imstande wär, in Reim zu fassen
Ich war’s, der ihnen Leben schenkte
Ich wär’s der dich sofort erhängte…

Morgenstern, so geht’s wohl nicht
So ich, du sprichst durch mein Gedicht
Mein Gedicht, mein Reim, mein Haus
Drohst du mir, werf’ ich dich raus!

Gentleman, springt Palmström bei
Mir ist’s ehrlich einerlei
Ob ich im Jetzt, im Damals lebe
Und wessen nun mein Versgehege

Und Korf, dir sei hier gesagt
Du warst doch damals schon betagt
Nutze doch dieses Beginnen
Für neues Schaffen, neues Sinnen

Mein Vorschlag an die Herren Dichter:
Dichtet weiter, dichtet lichter
In wessen Licht wir uns dann sonnen
Das bleib uns aber unbenommen

Korf zufrieden, stimmt dem zu
Morgenstern zückt drauf im Nu
Seine alte Kranichfeder
Damit unterschreibt dann jeder

Palmströms scheußlicher Vertrag
Ist gültig seither Jahr und Tag
Korf und Palmström sind stets heiter
Morgenstern schreibt täglich weiter

Hätt ich bloß nicht unterschrieben
Er im Jenseits, ich hienieden
Schreiben seither Stund um Stund
Uns Ganglien und Finger wund

Ich könnt’ uns beide Köpfe schütteln
Wir machten uns zu Dienern, Bütteln
Unsrer eigenen Figuren
Die praktisch mit uns Schlitten fuhren

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18031

Die Fährte

Sie saß auf der Bank vor dem Haus, lehnte sich an die Holzvertäfelung und schloss die Augen. Die Morgensonne wärmte ihr Gesicht. Die Tasse Kaffee hielt sie mit beiden Händen umschlungen, wie sie es jeden Morgen machte.  Es war Samstag und ihr Mann war auf Geschäftsreise. Wieder einmal, wie so oft, war sie alleine. Nur der Anwesenheit des Hundes, der neben ihr in der Wiese lag, war es zu verdanken, dass sie sich nicht einsam fühlte. „Er wird an deiner Seite sein, wenn ich unterwegs bin“, meinte er damals, als er mit dem kleinen Welpen im Arm in der Tür stand. Sie hatte Freude an dem Hund, vom ersten Tag an. Doch der Ehemann war nun immer öfter für Tage unterwegs.

Der Ruf des jungen Mäusebussards im angrenzenden Wald ließ sie aufhorchen. Sie hob die rechte Hand und beschattete ihre Augen. „Was will er uns wohl mitteilen, Hank?!“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zum Hund. Dieser hob den Kopf, den er vorher auf seine Vorderpfoten abgelegt hatte, und spitzte die Ohren.

Hank erhob sich und trabte Richtung Waldrand. Sein dunkelbraunes Fell glänzte in der Sonne, seine Bewegungen waren elegant, beinahe katzenhaft. „Hank, bleib hier! Du sollst nicht alleine in den Wald!“, rief sie ihm hinterher. Doch Hank war nicht beeindruckt. Dies war völlig untypisch für den normalerweise sehr folgsamen Hund. Sie erhob sich von der Bank, stellte die Kaffeetasse ab, pfiff auf zwei Fingern und wartete. Nichts.

Plötzlich nahm sie es wahr. Der Wald, die Stimmung, das Licht – alles war anders an diesem Morgen. Obwohl ein lauer Wind wehte, rührten sich die Blätter der Laubbäume nicht. Alles schien erstarrt, der Wald lag ruhig vor ihr, der Mäusebussard war verstummt und der Hund verschwunden. Die zarte Frühlingssonne tauchte alles in samtig gelbes Licht, die Umgebung schien von einer hauchdünnen Seidendecke eingehüllt. „Wie die Ruhe vor dem Sturm“, dachte sie.
„Hank!“, rief sie – doch sogar ihre Stimme schien von dem Licht verschluckt zu werden.

Sie holte den Mantel vom Haken in der Garderobe, schloss die Tür ab und ging in den Wald. Ihre Schritte auf dem Schotterweg waren kaum zu hören, als ob sie mit Schalldämpfern an den Schuhen unterwegs wäre. Sie folgte dem üblichen Weg, den sie sonst gerne mit dem Hund spazierte. Irgendwo musste er doch zu finden sein? An der Weggabelung angelangt, blieb sie stehen und schaute in beide Richtungen. „Hank?“ Es war nun kein Rufen mehr, eher ein fragendes Flüstern. Und dann sah sie ihn! Die Rute des Hundes war noch zu erkennen in der Ferne, als er um eine Baumgruppe bog. Er trabte den Hügel hoch, der in ein ziemliches Dickicht führen würde.

Ihre Schritte wurden schneller, ihr Herz pochte und nun wurde sie nervös. Sie kannte ihren Hund nicht mehr, er war die ganzen Jahre noch nie weggelaufen. Der Aufstieg erwies sich als sehr mühsam, der Waldboden war locker und teilweise rutschte sie weg. Manchmal musste sie sich an einem Baum hochhanteln, so steil war es. Aber nun war wenigstens der Hund nicht mehr weit von ihr entfernt. Manchmal drehte er sich um, wartete ein Weilchen und lief dann wieder voran.

Endlich war sie bei ihm angekommen. Noch nie war sie in dieser Gegend gewesen. Sie spürte einen leichten Windhauch in ihrem schweißnassen Nacken, doch auch hier war der Wald lautlos, regungslos. Sie lehnte sich an einen Baum, musste tief Luft holen und stützte sich mit den Händen auf ihren Knien ab. „Hank, was ist heute los mit dir?“ Der Hund hechelte ein wenig, sah sie an, machte dann auf den Hinterläufen kehrt und trabte einen schmalen Pfad entlang, der zu einem großen, spitzen Felsvorsprung führte. Dann blieb er abrupt stehen, verharrte, hob gleichzeitig einen Vorderlauf und winkelte diesen an. Sie dachte, er hätte wohl Wild entdeckt in der Ferne und folgte ihm langsam. Hank starrte in eine Richtung, die für sie noch nicht frei einzusehen war. Dann war ein leises Winseln von Hank zu vernehmen, nur kurz. Hank ging vier oder fünf Schritte rückwärts, zog die Rute ein und legte sich hin.

Aufmerksam folgte sie dem Pfad – dann stand er plötzlich vor ihr, etwa vier Meter höher auf dem Felsvorsprung. Ein beeindruckendes Tier. Die bernsteinfarbigen Augen fixierten sie, ihre Blicke trafen sich. Sie blieb stehen und hielt gleichzeitig den Atem an. Der Wolf hatte graubraunes Fell, einen kräftigen Nacken, er war gut genährt und strahlte Dominanz aus. Der Wind streifte über sein Fellkleid und malte Schattierungen. Sie konnte sich nicht losreißen von seinen Augen, sie schienen so klug, so allwissend und doch auch warnend. In ihren Adern pulsierte es, ihr ganzer Körper schien zu glühen. Es war keine Angst, die sie verspürte, es war eine freudige Erwartung von etwas Unbekanntem. Ganz langsam und ruhig näherte sich dem Wolf nun von der hinteren Seite ein weiteres Tier. Es war etwas kleiner und nicht ganz so imposant, aber mit ebenso wunderschönen, bernsteinfarbigen Augen. Dahinter waren nun auch drei oder vier Welpen zu sehen, ganz jung mussten sie noch sein. Es war also die Fähe, die dem Rüden neugierig folgte, jedoch respektvolle Distanz hielt.

Der Wolf fixierte sie noch eine Weile, leckte sich dann die Schnauze und wandte sich ab. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie so dagestanden hatte. Es kam ihr vor, als wären es Stunden gewesen. Als sie sich zu Hank umdrehte, lag dieser immer noch unterwürfig auf dem Pfad. Sie flüsterte: „Hank, komm, wir gehen.“ Er erhob sich ruhig und ging langsamen Schrittes voraus.

Nun war das Blätterrauschen wieder zu hören, ihre Schritte waren nicht mehr gedämpft, ein helles Licht durchflutete die Bäume. Als würde der Wald nun wieder atmen.

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. „Hallo mein Schatz, wo warst du bloß so lange? Ich hab dich schon ein paar Mal am Handy angerufen. Du hast es daheim liegen lassen!“ Ihr Mann drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich konnte schon das frühere Flugzeug nehmen. Na, ist das eine freudige Überraschung?“ Er half ihr aus dem Mantel und genau in diesem Moment nahm ihre Nase Witterung auf! Wie ein Blitz durchdrang dieses fremde Parfum ihre Riechsinneszellen. Er ließ den Mantel fallen und wich zurück. Sie stand imposant vor ihm, mit gekräuseltem Nasenrücken, bebenden Nasenflügeln und bernsteinfarbene Augen starrten ihn durchdringend an.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com/

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Von Göttinnen und Hausfrauen

Unruhig glitt ihr Blick zur Uhr an der Wand. Nicht mehr lange. Jeden Abend beendete dieses eine Geräusch den Tag und die Hölle brach los. Der Schlüssel drehte sich im Schloss und die Meute ließ alles fallen und rannte, wie eine Herde tollwütiger Wildschweine, zur Eingangstür, um ihren Vater zu empfangen. Er widmete sich freundlich, wenn auch leicht überfordert, seinem überdrehten Nachwuchs, ehe er sich seiner Frau zuwandte und sich nach ihrem Tag erkundigte.
Sie versuchte fieberhaft den Eindruck loszuwerden, dass er sie nur routinemäßig fragte und gar nicht an ihrer Antwort interessiert war. Anfangs hatte sie ihm noch ausschweifend die Wahrheit erzählt, zum Beispiel, dass sie es an diesem Tag schon am Vormittag geschafft hatte, sich die Zähne zu putzen, anstatt erst am Nachmittag oder überhaupt nicht. Sie hatte ihm verraten, dass sie vor Erschöpfung und Verzweiflung eine halbe Stunde auf dem Küchenboden geweint hatte und die Kleinen sie dabei nur verwundert angeglotzt hatten. Er hatte sie nur bestürzt betrachtet und später seiner Mutter berichtet, dass seine Frau wohl etwas überfordert mit der Gesamtsituation sei.
Also zog sie es vor, ihm freudestrahlend von ihrem tollen Tag zu erzählen und die kleinen Erfolge zu feiern. „Heute ist die Windel des Kleinen mal nicht mit Kacke übergegangen, heute hatte die Große nur zwei kleine Wutanfälle, als ich den schwerwiegenden Fehler gemacht habe, die Milch nicht richtig einzuschenken und die Straße an der falschen Stelle zu überqueren!“

Er wirkte zufrieden und begann von seinem Tag zu erzählen und sie lauschte ihm höflich, auch wenn ihre Gedanken immer wieder abdrifteten.
Hatte sie genug Milch eingekauft? Wenn er und die Kinder heute noch übermäßiges Verlangen danach bekämen, würde sich das bis morgen nicht ausgehen. Was könnte sie morgen kochen, irgendwas, was alle gern aßen und darüber hinaus noch gesund war? Nein, so etwas existierte nur in einem weit entfernten Paralleluniversum. Die Wahrscheinlichkeit für eine Pizza mit Nuggets und Pommes-Belag lag höher. Außer natürlich ihr Mann hätte wieder das Bedürfnis, auf seine Figur zu achten, dann durfte es nur Salat mit Putenstreifen sein, was die Kinder nicht mal mit der Kneifzange anfassten. Der Kleine war zwei, die Große viereinhalb und beide so unberechenbar wie Nonnen bei einem Auftritt der Chippendales.

Als sie hörte, dass die Stimme ihres Gatten lauter und seine Gesichtsfarbe dunkler wurde, fühlte sie sich genötigt ein „Boa, du Armer!“, dazwischenzuwerfen, was immer passte, weil er war auch immer so arm und unverstanden in der Arbeit, denn keiner erkannte sein Potenzial und niemand wollte auf seine Verbesserungsvorschläge hören. Sichtlich zufrieden mit ihrer Reaktion setzte er seinen Monolog fort und sie erhaschte aus dem Augenwinkel eine verdächtige Bewegung. Offenbar versuchte die Große, den Kleinen unter einer Mehllawine zu begraben, vermutlich in der Hoffnung, dass nicht einmal der gewiefteste Bernhardiner ihn jemals wieder finden würde. Natürlich hätte sie jetzt aufschreien und versuchen können, dem Ganzen ein Ende zu bereiten, aber das Malheur war längst geschehen und sie waren so angenehm ruhig und beschäftigt. So lange der Junge noch atmete, wollte sie sich nicht einmischen.
Wie war das Mädchen überhaupt an das Mehl gekommen, das war doch im oberen Schrank – ah, sie hatte eine Spielzeugkiste herangeschoben und war hochgeklettert, verdammt cleveres, kleines Biest. In Sachen kriminelle Energie konnte sie wirklich stolz auf ihre Tochter sein, sie würde vermutlich eine steile Karriere in der örtlichen Mafiaorganisation hinlegen. Der Schrecken der Unterwelt, Paula, die Berserkerin. Nein, da müsste es etwas Besseres geben, Paula, die Piratin? Paula, die Prämenstruelle? Oh, Gott, wenn dieses Kind in die Pubertät kam und seinen Hormonen vollkommen ausgeliefert war, würde sie das Land verlassen müssen. Eventuell würde sie ihren Sohn mitnehmen, kam ganz auf seine weitere Entwicklung an, aber letztendlich … Nein. Im Krieg war jeder sich selbst der Nächste und der kleine Kacker würde sie nur aufhalten. Eine Frage ihres Gatten warf sie aus ihrer Gedankenbahn.
„Äh, Menstruation, Tampons?“, erwiderte sie gekonnt, doch der betretene Gesichtsausdruck ihres Mannes brachte sie wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.
„Ich meine, Mozzarella mit Tomaten.“
Er nickte wohlmeinend und sie fühlte sich metaphorisch auf die Schulter geklopft.

Das eine Kind aß nur Mozzarella, das andere nur Tomaten und ihr Mann schlug sich den Magen mit den beiliegenden Butterbroten voll. Also ein Familienessensvolltreffer, den sie unglücklicherweise nicht jeden Tag bringen konnte. In diesem eher unpassenden Moment wandte sich ihr Mann den Kindern zu.
„Monika!“, entfuhr es ihm und das war ihr Name und nicht der ihrer Tochter. Die Anklage richtete sich also gezielt gegen die Mutter und die Verantwortung wurde somit erfolgreich auf sie abgeschoben. Sie seufzte und versuchte nicht ertappt, sondern bestürzt auszusehen, und grub den kleinen Zögling aus dem Mehlberg aus. Was natürlich Schreikonzerte von beiden Seiten zur Folge hatte. Während die Große erschüttert war, ihr Vorhaben nicht zu Ende bringen zu können, war der Kleine untröstlich, dass er die Aufmerksamkeit seiner Schwester nicht mehr genießen durfte.
Nebenbei erkundigte sich ihr Mann, wieso denn das Mehl nicht sicher weggeschlossen worden war. Aus seinem Unterton konnte sie heraushören, dass er Gluten mit Pflanzengift und Handfeuerwaffen gleichsetzte und dass alles in einem Safe mit meterdicken Stahlwänden verwahrt gehörte. In der Mitte dieses Tribunals sitzend, mittlerweile selber mit einer Mehlschicht bedeckt, fragte sie sich, wann sie denn zum Arschloch der Nation ausgerufen worden war. Sie hatte immer die Vorstellung gehabt, dass Arschlöcher ein recht angenehmes Leben führten, da sie sich um nichts und niemanden, außer sich selbst kümmerten und so frei von Verantwortung und Schuldgefühlen waren, aber sie, sie fühlte sich weder frei noch schuldlos. Eher als steckbrieflich gesuchte Berufsverbrecherin.

Nachdem sie die Kinder in die Dusche gepackt und den Boden staubgesaugt hatte, röhrten alle vor Hunger und als sie ihren Mann fragte, warum er denn den Käse und das Gemüse nicht schon vorbereitet hatte, antwortete der, er hatte dabei nichts falsch machen wollen. Mit dem tiefen Wissen, dass ein Kissen aufs Gesicht noch zu gut für ihn wäre, brachte sie das Essen auf den Tisch. Noch bevor sie richtig mit ihrem Teller begonnen hatte, hatten die anderen schon alles hinuntergeschlungen und das Esszimmer in den glitschigen Bodensatz einer öffentlichen Mülltonne verwandelt. Sie stopfte sich noch schnell ein paar Bissen in den Mund, bevor sie das ausgespuckte Essen vom Parkett aufwischte. Der Kleine beschäftigte sich mit seinem Lego, die Große durfte fernsehen und ihr Mann lag auf der Couch und starrte reglos in sein Smartphone, während sein Daumen unablässig von unten nach oben wischte. Für einen Moment beobachtete sie ihn wie hypnotisiert von ihrer Position unter dem Tisch.

Machte er nicht auch immer dieselbe Bewegung, wenn er versuchte, sie in Stimmung zu bringen? Und hatte sie sich nicht schon unzählige Male gefragt, was das eigentlich sollte und schnell selbst die Führung übernommen, bevor sie noch die Lust an der Sache verlor? Sie betrachtete ihn eingehend und wog ab, ob sie ihn wohl heute noch dazu bringen könnte, oben zu liegen. Denn da sie beide von ihrem jeweiligen Tag und der Quälerei, die Kinder ins Bett zu bugsieren, schon vollkommen gerädert waren, stellte sich öfters die Frage, wer den Großteil der Arbeit beim Liebesspiel übernehmen musste. Letztendlich wurde es zu einem Tauziehen, wer gerade größere Lust hatte und wer dabei besser bluffen konnte. Ein Pokerspiel mit hohen Einsatz, sozusagen, denn wenn beide sich blöd genug anstellten, blieben alle unbefriedigt zurück. Nein, er wirkte erschöpft, die Falten um seine Augen waren tiefer und die Ringe dunkler. Das hieß, entweder aus der Puste kommen oder enthaltsam bleiben. Schwere Entscheidung  …

Glücklicherweise musste sie sich dieser schwierigen Frage nicht mehr stellen, denn als sie den Kleinen ins Bett brachte, ließ der sich nur beruhigen, indem sie sich zu ihm legte. Seine Finger hatten sich in ihren Oberarm gekrallt und bei jedem Versuch sich freizumachen, quakte er lautstark und hielt sie noch fester. Sie hätte ein Exempel statuieren, sich von ihm losreißen und hinausgehen oder wenigstens nur neben dem Bett stehen bleiben können. Aber sie war so erleichtert, dass er endlich still war. Und kaum hatte er aufgehört, sich wie eine Kobra im Sack zu winden, war auch sie eingeschlafen. Als sie aufwachte, dachte sie für einen Moment, sie sei querschnittsgelähmt, doch dann stellten sich nach und nach die nadelstichartigen Schmerzen in ihren Extremitäten ein und sie wusste, sie befand sich im Gitterbett, zusammengefaltet wie ein Akkordeon. Sie glitt mit angehaltenem Atem aus dem Griff ihres Sohnes heraus und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.

Das Wohnzimmer war dunkel und leer. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr auch warum. Es war 2:30 morgens und sie war hellwach. Verdammt. Morgen früh würde sie fix und fertig sein, was den Tag nicht davon abhalten würde, über sie herzufallen. Resigniert holte sie sich einen Schokoriegel und schaltete den Fernseher an. Wenigstens konnte sie selber über das Programm entscheiden und keiner versuchte, ihr die Süßigkeit zu klauen. Da war es nebensächlich, dass es um diese Uhrzeit nur Dauerwerbesendungen und Wiederholungen von erbärmlichen Scripted Reality Soaps gab. Es war ruhig und niemand wollte etwas von ihr und sie konnte entspannen, sie fühlte sich beinahe als Single in ihrer eigenen Wohnung. Der Gedanke brachte sie zum Lächeln und sie beschloss sich, ein kleines Gläschen Whiskey zu gönnen. Vielleicht auch ein Größeres zur Feier ihrer ungeplanten, plötzlichen Freiheit.

Auf dem Bildschirm pries eine stark geschminkte Amerikanerin mit wallender dunkler Mähne ein Wundergetränk an, mit dem man in kürzester Zeit zehn Kilo abnehmen konnte. Monika prostete ihr zu und murmelte ein „Wer’s glaubt, wird selig!“, als ein heller Blitz, gefolgt von einen „Plopp“ sie aufschrecken ließ. Im ersten Moment hatte sie gedacht, dass es einen Kurzschluss, wie schon vor ein paar Wochen, gab. Allerdings hatte sie da ein Messer in den Toaster gesteckt, um ein hängengebliebenes Stück Waffel herauszuholen, und damit sämtliche Sicherungen der Wohnung herausfliegen lassen. Sie war dabei einen halben Meter zurückgeschleudert worden und hatte neben einem gehörigen Schock und leichten Schmerzen eine gute Portion Schamgefühl mitbekommen. Dass sie sich aus reiner Gier beinahe umgebracht hätte, wollte sie ihrem Mann lieber nicht auf die Nase binden.

Aber diesmal war es kein Kurzschluss, der Fernseher lief noch und obwohl das Wohnzimmerlicht kurz geflackert hatte, war es immer noch an. Dafür stand neben der Couch plötzlich eine hochgewachsene, rothaarige Frau in einem grünen Kleid, und hätte sie nicht so verwirrt und verkniffen dreingesehen, hätte man sie auch sicherlich als schön bezeichnen können. Monika warf einen Blick auf die Erscheinung und dann auf ihr Glas. Sie hatte erst einen Schluck gemacht und so gut war der Whiskey nun auch wieder nicht. Die Rothaarige schien sich gefangen zu haben und wandte sich anmutig Monika zu. Ihre grünen Augen ruhten gnädig auf der Hausfrau, als sie sprach: „Ich bin Brigid, Göttin der -“, ein ohrenbetäubender Hustenanfall beendete ihre Ansprache und Monika ließ ihren Blick unruhig Richtung Tür gleiten. Sie räusperte sich zurückhaltend: „Ähm, Entschuldigung, geht das auch leiser? Nicht dass die Kinder aufwachen  …“
Die Göttin hielt sich mit einer Hand an ihrem Oberschenkel fest, während sie den Zeigefinger der anderen hochhielt, um noch ein paar Sekunden zu bekommen. Schließlich richtete sie sich auf, und während sie sich Tränen aus den Augen wischte, krächzte sie: „Keine Sorge! Du bist die Einzige, die mich sehen oder hören kann!“
„Oh!“, war im Moment alles, was Monika dazu einfiel.
Die Erscheinung räusperte sich ein paar Mal und spuckte dann auf den Boden. Monika hoffte inständig, dass auch die Spucke für alle anderen unsichtbar war.
„Ach, Entschuldigung, ich komme gerade aus einem starken Raucherhaushalt. Ich hab kaum was sehen können, durch die ganzen Nebelschwaden!“ Sie lachte, und das war ein derart helles, fröhliches Geräusch, dass auch Monika nicht anders konnte, als zu lächeln.
„Also“, sie warf ihre rote Mähne zurück und nahm wieder Haltung an.
„Ich bin Brigid, die Muttergöttin, Göttin des Herdfeuers, der Frauen, der Schmiedekunst und der Poeten. Der Familien, der Wahrheit und der Heiler.“
„Wow, du bist aber vielseitig!“, stieß Monika bewundernd hervor und nahm noch einen Schluck von dem Whiskey. Sie war sich noch nicht sicher, ob sie träumte oder halluzinierte, aber im Moment genoss sie einfach das Gespräch mit einer Erwachsenen, ohne dass die Kinder ständig „Mama! MAMA!“, dazwischenkreischten.
Brigid nickte erhaben und lächelte milde.
„Ich komme heute zu dir, Monika, weil deine verzweifelten Hilferufe zu mir gedrungen sind. Ich habe dich erhört und bin hier, um -“
„Da hast du aber auch verdammt viel zu tun, oder? Ich mein, all die Leute, denen du erscheinen musst und die was von dir wollen, mit so unterschiedlichen Bedürfnissen …“
Monika wusste, was es für ein Kampf war mit ihren drei Kindern, den beiden Kleinen und dem Großen, und empfand tiefstes Mitgefühl mit Brigid.
„Äh, nun ja …“

Die Göttin war sichtlich aus dem Konzept gebracht und auf ihrer Stirn bildeten sich tiefe Falten.
„Ich mein, das müssen ja Hunderttausende sein, oder? Und jeder braucht was, will was, ist unzufrieden, heult herum und zerrt an deinem Rockzipfel, bis er kurz davor ist zu reißen.“ Das war nicht einmal eine Metapher, letzte Woche hatte die Große tatsächlich so unnachgiebig an ihrem Kleid gezogen, bis der Saum gerissen war. Monika nahm noch einen tiefen Schluck.
„Naja, es geht“, murmelte die Göttin. „Wirklich anstrengend sind eigentlich nur die Mütter und Poeten.“
„Möchtest du auch einen Whiskey, Brigid?“, fragte Monika, während sie sich auf den Weg in die Küche machte.
„Ja, warum nicht?“, sagte die Muttergöttin und blickte sich unschlüssig um.
„Setz dich doch, du musst ja hundemüde sein! Ich bin ja sicher nicht die Erste heute Nacht, oder?“, stellte Monika fest, als sie zurückkehrte und ihrem Gast ein volles Glas in die Hand drückte.
„Naja, nein, aber …“, stammelte Brigid. „Aber, normalerweise läuft das etwas anders ab, weißt du? Ich … also ich hab da so eine Rede und dann stell ich dir Fragen und dann musst du Entscheidungen treffen und … so. Weißt du?“

Monika, ungefähr eineinhalb Köpfe kleiner als ihr Gegenüber, starrte für einige Momente hinauf in diese schönen, leicht geröteten Augen und legte dann den Kopf schief. „Also … Sitzen?“, fragte sie mit einem Lächeln.
„Ja, bitte, ja!“, hauchte die Hünin und ließ sich etwas undamenhaft in die Polster plumpsen. Die beiden Frauen prosteten sich zu und genossen schweigend den irischen Whiskey, den Monika zu ihrem letzten Geburtstag bekommen hatte. Ihre Tante hatte ihn ihr feierlich überreicht, mit den Worten: „Jetzt kannst du ja wieder sämtliche Freiheiten genießen, nachdem du nicht mehr stillst!“ Und Monika hatte sich nur gedacht: „Sowas kann auch wirklich nur ein kinderloser Mensch sagen“, sich aber dennoch über das Geschenk gefreut.

Im Fernsehen hatte sich zu der Amerikanerin eine blonde Deutsche gesellt und während beide einen potthässlichen Ring in die Kamera hielten, lachten sie wie Seehunde und zeigten der Nation ihre gebleichten Zähne. Monika griff nach der Fernbedienung und bereitete dem Treiben ein Ende. Die Göttin hatte ihren Kopf auf ein Kissen, das schon dreimal angekotzt und zweimal angepinkelt worden war, gebettet und lächelte sanft. Sie hatte ihre Augen geschlossen und war in diesem Moment der friedlichen Ruhe so unbeschreiblich schön, dass Monika vor Glück weinen wollte. Brigid öffnete ein Auge und als sie ihr Gegenüber sah, richtete sie sich gemächlich auf und legte eine Hand auf Monikas Arm.
„Ich denke, die Förmlichkeiten können wir uns jetzt sparen.“
Sie dehnte ihre Nackenmuskeln, indem sie ihren Kopf von rechts nach links rollte und grunzte entspannt, als sie ihre Arme in die Höhe streckte.
„Also, normalerweise würde ich jetzt eine beeindruckende Ansprache halten, hauptsächlich über mich und das Mutter- und Frausein an sich und dann -“
„Willst du sie halten? Deine Ansprache?“, unterbrach sie Monika.
Brigid hob eine perfekte, rote Augenbraue. „Willst du sie denn unbedingt hören?“
Nach kurzem Überlegen schüttelte die Hausfrau den Kopf.
„Dann, nein danke, ich muss sie nicht unbedingt halten. Letztendlich läuft es dann darauf hinaus, dir aufzuzeigen, wie wichtig und sinnvoll das ist, was du tust und dass all die Anstrengungen und Entbehrungen sich eines Tages lohnen werden. Und dann werde ich dich vor die Wahl stellen: weiterzumachen und bei deiner Familie zu bleiben oder alles aufzugeben und ein neues Leben woanders anzufangen, ohne deine Lieben.“

Die Göttin nahm einen großen Schluck Whiskey und ließ sich wieder auf die Polster zurücksinken.
„Okay. Lass uns gehen!“, verkündete Monika und stand auf.
Brigid riss die Augen auf und schüttelte leicht den Kopf, als ob sie nicht richtig gehört hatte.
„Was … Was meinst du?“, fragte sie verdutzt.
„Naja, was du gesagt hast. Fortgehen, ein neues Leben anfangen. Klingt gut!“
„Warte, warte! So läuft das normalerweise nicht!“
„Gibt‘s ein Drehbuch für solche Dinge?“
„Nein, aber …“, mit einem frustrierten Stöhnen setzte sie sich aufrecht hin und stellte das Glas auf den Couchtisch. „Jetzt nimm bitte wieder Platz, Monika!“
Die Angesprochene folgte widerwillig und legte trotzig die Stirn in Falten.
Brigid räusperte sich und legte erneut ihre Hand auf Monikas Arm.
„Das ist alles falsch gelaufen. Ich hätte das nicht abkürzen dürfen! Wenn du meine leidenschaftlichen Worte zu deiner Familie und deinem Leben gehört hättest, dann würdest du heulend auf die Knie sinken und dankbar sein für alles, das du hast!“
„Mag sein, mag sein …“, überlegte Monika, „Und glaub mir, ich liebe sie, ich finde sie alle großartig, auch wenn sie mir auf die Nerven gehen. Und ich würde sie jeden Tag schrecklich vermissen, wenn ich fortgehen würde. Aber wenn das jetzt der Moment ist, wo ich mir was wünschen kann … Also, wenn ich jetzt die Wahl habe zwischen es bleibt alles so wie es ist oder was anderes, dann nehm ich das andere.“
„Oj!“, rief die Göttin aus. „Das ist mir ja noch nie passiert!“
„Tut mir leid!“ Nun legte Monika ihre Hand auf Brigids Arm und drückte sanft zu. „Ich wollte dir keinen Ärger bereiten!“

Brigid schüttelte den Kopf und lächelte müde.
„Mach dir keine Gedanken um mich! Also ist es das, was du wirklich willst? Fortgehen und sie zurücklassen?“
„Um Himmels Willen, nein! Aber ich will, ich kann so auch nicht weitermachen. Über kurz oder lang werd ich durchdrehen und Gott weiß was machen!“
„In Ordnung. Aber was willst du?“
Monika blickte auf den Boden und dachte angestrengt nach. Diese Frage schien einfach und sie hatte sie sich schon selber oft genug gestellt. Aber eine Antwort darauf zu finden, war alles andere als selbstverständlich. Sie wurde ungeduldig und zornig auf sich selbst. Einerseits konnte sie nicht schnell genug diesem Leben entkommen, einfach um wieder durchatmen und so Kleinigkeiten, wie allein aufs Klo gehen, zu können. Andererseits wusste sie, dass sie die Sehnsucht nach ihrer Familie umbringen würde. Entmutigt warf sie die Hände in die Höhe und zischte: „Ich weiß es nicht! Verdammt!“, und trank mit einem großen Schluck den Rest ihres Whiskeys aus. Brigid setzte gerade an etwas zu sagen, als Monika erregt fortfuhr.
„Weißt du, wie anstrengend das ist? Ständig DA zu sein, geistig wie auch körperlich? Nie eine Auszeit zu haben, weil du ständig mit einem Ohr hören musst, was die kleinen Scheißer so treiben?“

Die Muttergöttin betrachtete sie mit einem zarten Lächeln und antwortete: „Ja. Ja, ich denke, ich weiß, wie das ist.“
„Und dass ich hier mit dir sitze und Whiskey trinke … Ich … ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal mit einer normalen Erwachsenen einfach nur einen getrunken und mich einfach nur unterhalten habe?!“
Brigids Lächeln wurde breiter. „Einer normalen Erwachsenen?“
„Weißt du was? Im Grunde will ich einfach nur in den Arm genommen werden. Nicht weil jemand was von mir braucht oder will, sondern einfach nur, um mich zu halten. Und mir zuzuhören, ohne über mich zu urteilen. Das hatte ich, ich glaube, das hatte ich das letzte Mal als ich ein Kind war und im Schoß meiner Mutter gelegen bin. Das Gefühl hätt ich gern wieder!“

Monika schnaufte und starrte auf das leere Glas. Eine zarte, blasse Hand umfasste ihr Kinn und hob es vorsichtig an. Als sie das Grinsen ihres Gegenübers sah, musste sie lachen.
„Bei allen Göttern, ich weiß, wie du dich fühlst!“, versicherte ihr Brigid. „Manchmal könnte ich nur schreien und diesen ganzen undankbaren Haufen mit einem Fingerzeig in Asche verwandeln! Natürlich mach ich das nicht. Aber der Gedanke ist schön …“, sie kicherte und breitete die Arme aus.
„Wenn ich sonst auch nichts für dich tun kann, ich kann dich halten. Und dir zuhören. Und mit dir trinken!“, fügte sie noch schnell hinzu und beide Frauen lachten.
Nach kurzem Zögern kuschelte sich Monika an ihre Göttin und stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Ob sie so mehrere Stunden oder nur Minuten verbrachten, war ihr bald nicht mehr klar, sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren und die Uhr an der Wand hatte aufgehört zu ticken. Sie war nur noch einmal aufgestanden, um die Whiskey Flasche herzuholen. Und so hatten sie geredet, getrunken und geschwiegen.
„Das könnte ich gut und gerne öfter haben!“, murmelte Monika verträumt.
„Weißt du was, Monika?“, bemerkte Brigid entspannt, „Ich auch!“
„Gut!“, entgegnete die Hausfrau und Mutter. „Aber nächstes Mal bringst du den Alkohol mit!“

Constanze Scheib

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