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Verwirklichung

Sonja begann zu schreiben. Sie hatte keine Erfahrung mit Schreiben oder mit Kindern. Dennoch begann sie, eine Erzählung für Kinder zu schreiben. Über Tage hatte sie sich die Handlung ihrer Erzählung zurechtgelegt. Sie sollte von Mark handeln, einem Menschen, der im Wald von einem aus dem Nichts auftauchenden schwarzen Wolf verfolgt wird. Mark kann sich das Auftauchen der Bestie nicht erklären und versucht, ihr zu entkommen.

‘Mark ging durch den von Buchen bestandenen Wald, es war der achtzehnte März, als der Waldboden vor ihm eine riesige und grässlich anzusehende Bestie freigab.’
So lautete der erste Satz der Erzählung. Sonja tippte ihn in ihren Computer und fühlte Beklommenheit. Nicht die Art Beklommenheit, die sie aus verschiedenen Gründen schon gefühlt hatte. Es war eine grauenhafte Art von Beklommenheit, so eine hatte sie nie zuvor gefühlt.

Sie saß in ihrer geräumigen Altbauwohnung mit hohen Decken vor ihrem Computer und versuchte, dem ersten Satz einen zweiten hintanzustellen. Logischerweise kannte sie dessen Inhalt. Sie hatte ihn im Kopf, wusste, aus welchen Worten er zu bestehen hatte, auch über die Syntax war sie sich im Klaren, doch konnte sie den Satz nicht schreiben.

Sie fühlte grauenvolle Beklommenheit, wollte sich an jemanden lehnen, sich in die Arme dieses Jemand fallen lassen. Allein, es war niemand anwesend. Sie war alleine.
Ihr langjähriger Freund hatte sie verlassen, als Grund hierfür hatte er ihre Oberflächlichkeit angeführt.
Sie presste ihren Oberkörper in die weiche Lederpolsterung ihres Schreibtischstuhls, um zumindest irgendeine Art von Halt zu finden. Sonja fühlte Grauen, als ob ein schwarzer Wolf jeden Augenblick vom Parkettboden freigegeben werden würde.

Sie wollte telefonieren. Jemand anrufen und mit ihm reden. Doch aus zwei Gründen konnte sie nicht. Zum einen lag ihr Mobiltelefon etwa einen Meter von ihr entfernt auf der Tischplatte, Sonja jedoch erschien dieser Meter wie  deren  fünf. Somit war ihr Telefon unerreichbar.
Zum anderen hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wen sie anrufen sollte. Allen ihren Freundinnen und Freunden hatte sie sich als lebenslustige, stets positiv denkende Person präsentiert. Sie  hatte  nicht  gelogen,  hatte  sich  ihnen  schlicht so präsentiert, wie sie sich selbst gesehen hatte. Stets hatte sie es abgelehnt, Gedanken und Gefühle zuzulassen, die nicht lebenslustig oder die negativ waren. Diese passten schlicht nicht in das Bild, das Sonja von sich selbst hatte. Nun jemand anzurufen und von dem Grauen zu erzählen, brachte sie nicht fertig.

Sie versuchte, mit den wenigen und unzureichenden Mitteln einer diesbezüglich unerfahrenen Person, die Ursache des Grauens auszumachen, doch konnte sie es nicht. Sie beschloss, an einem Punkt der Erzählung weiterzuschreiben, an dem der schwarze Wolf keine allzu große Rolle spielte.
‘Mark hatte sich von Frida losgesagt. Er wollte sie niemals wieder sehen, nie wieder mit ihr sprechen. Er hatte sich gesagt: ‘Die Sache mit dieser Verrückten ist für mich abgeschlossen!’ Der Nachteil dabei war, dass Mark nun alleine im Wald stand. Nun, da er Frida am dringendsten gebraucht hätte, war sie weg. ‘Was auch immer du machst, mach es gut!’, hatten seine letzten Worte an sie gelautet.’

Sonja tippte die Sätze in ihren Computer. Dann begann sie zu weinen. Dicke Tränen rannen in großer Zahl ihre Wangen hinab. Sie erkannte, dass sie sich selbst an dieser Stelle ihrer Erzählung porträtiert hatte. Denn sie hatte sich auf die selbe Art und Weise verhalten. Sie hatte die Person aus ihrem Leben ausgeschlossen, die als einzige jederzeit zu ihr geeilt wäre, um sie in den Arm zu nehmen. Sie dachte daran, diese Person anzurufen, doch hatte sie deren Nummer aus dem Speicher ihres Telefons, das gefühlt bloß noch anderthalb Meter entfernt vor ihr lag, gelöscht. Sonja verfluchte sich dafür, anderen Menschen gegenüber so verschlossen gewesen zu sein.

Um sich abzulenken, übersetzte sie den eben geschriebenen Absatz ins Englische. Da sie studierte Dolmetscherin war, fiel ihr dies allzu leicht und brachte sie nicht auf andere Gedanken. Sie zwang sich, langsam zu atmen und eine weitere Passage ihrer  Erzählung  einzutippen.
‘Ein  schwarzer  Bussard  mit orangen Augen stieß herab und landete auf seiner Schulter. Mark sah den Vogel an, erschrocken, doch nicht ängstlich, und sagte: ‘Nun, Bussard, wie geht es weiter?’ Der Raubvogel sah ihm lange in die Augen und antwortete: ‘Du, Mark, willst dem Wolf entkommen. Ich kann dir dabei helfen. Doch wisse: Mein Preis ist hoch!’ ‘Was, Bussard, verlangst du für deine Hilfe?’ ‘Deine Zukunft, Mark.’ Mark sah den schwarzen Vogel fragend an. Er verstand nicht, was der Bussard meinte. ‘Künftig wirst du mein Gefährte sein.’ ‘Wie soll ich das verstehen?’ ‘Ich werde dich vor dem Wolf retten, und danach lasse ich dich nicht alleine ziehen. Ich werde dir Sicherheit und Halt geben. Dafür bleibst du bei mir.’ ‘Aber das­’’

Wieder weinte Sonja. Sie meinte, tapsende Laute zu vernehmen, wie von den Pfoten eines großen Hundes. In diese Laute mischte sich das Kratzen, das lange Krallen auf hölzernen Böden verursachen. Sonja wandte sich langsam um, sah in die Richtung, aus der die Geräusche zu kommen schienen und erwartete, einen riesigen Wolf zu sehen. Sie zitterte vor Angst, und ihre Augen waren weit aufgerissen. Allein, es befand sich kein Wolf im Raum. Sie war alleine.
Sie schloss die Augen und erwartete, das Heulen der eingebildeten Bestie zu vernehmen, doch der Raum war erfüllt von Stille. Von tiefer Stille, die lediglich von ihrem schnellen Atem durchbrochen wurde. Sonja zwang sich ein weiteres Mal zum ruhigen Atemholen und beschloss, den letzten Satz ihrer Erzählung für Kinder einzutippen.
‘Mark und der schwarze Bussard verbrachten viele Jahre gemeinsam, der schwarze Wolf war besiegt.’

Sonja war erleichtert, diese positiven Worte niederschreiben und auf dem Bildschirm ihres Computers lesen zu können. Sie hatte ihre Erzählung zu einem guten Ende gebracht, auch wenn sie tatsächlich erst wenige Sätze geschrieben hatte.
Sie ging in ihre unaufgeräumte Küche, um sich einen Kaffee zu brühen, dann setzte sie sich mit der Tasse in der Hand guten Mutes wieder vor ihren Computer. Sie beschloss, nun die gesamte Erzählung einzutippen.
Sie las den ersten Satz, wollte eben den zweiten, den Folgesatz, beginnen, als sie ein ohrenbetäubendes Geheul vernahm, das sich hinter ihr erhob. Dieses Geheul wurde von kehligem Knurren unterbrochen, so böse und Unheil sowie Tod verheißend, dass Sonja erstarrte. In der Hoffnung, wieder bloß den leeren Raum zu sehen, blickte sie über ihre Schulter. Da sah sie ihn.

Ein riesiger schwarzer Wolf stand im Raum und heulte. Dann knurrte er aus tiefer Kehle. Sein Fell war verklebt, Sonja erkannte, von Blut, seine Augen waren von funkelndem Grün, und seine Reißzähne rot von Blut und Fetzen von Fleisch. Und der Wolf war nicht alleine gekommen.
Um seinen Hals lag eine aus scharfkantigen Gliedern zusammengesetzte Kette, deren Ende eine menschliche Gestalt in Händen hielt. Sonja erkannte die Gestalt sofort. Es handelte sich um Mark, den Helden ihrer Erzählung. Sein Erscheinungsbild glich dem, das sie vor ihrem geistigen Auge gehabt hatte, als sie ihn erschaffen, ihn sich ausgedacht hatte. Als sie jedoch ihrem Helden in die Augen sah, erkannte sie, dass diese nicht grün waren, wie sie sie  sich ausgemalt hatte. Sie waren schwarz. Glanzlos schwarz, aus ihnen sprach der Tod.

Sonja wollte etwas sagen, doch sie brachte keine Silbe über ihre Lippen. Sie schloss die Augen, hoffte, die Gestalten wären weg, wenn sie sie wieder öffnete. Doch sie blieben. Und sie kamen näher. Sonja wusste keinen anderen Ausweg aus ihrer Lage.
Sie sprang auf und lief zum Fenster des Zimmers. Sie öffnete es, stieg auf das Fensterbrett und sah nach unten. Ihre Wohnung befand sich im vierten Stockwerk. Sie wandte sich um, hoffte, die Gestalten wären verschwunden. Waren sie aber nicht. Sonja sprang aus dem Fenster. Sie dachte, dies war ihr letzter Gedanke, noch an einen schwarzen Bussard, der sie retten würde. Allein, die Uhr zeigte zweiundzwanzig Uhr dreizehn an.
Und Bussarde sind tagaktiv.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17084

In der Nähe das Böse

Zum ersten Kaffee am Morgen lese ich üblicherweise fünf überregionale Tageszeitungen, zwei Wochen-Magazine, Beiträge mehrerer Nachrichten-Agenturen und drei Lokalzeitungen, online kostenlos natürlich. Ich stürze mich in die großen internationalen Ereignisse, ob Politik oder Naturkatastrophen, Kultur oder Wirtschaft, manchmal schaue ich noch in Science und People rein. Das Einzige, was ich wirklich nie lese, sind Börsenkurse und Sport. Am längsten bleibe ich bei den vermischten Nachrichten hängen, sei es ein Haiangriff in Australien, tot, mit einem abgebissenen Arm oder Bein, ein brennender Schweinestall in der Steiermark, entlaufene Pferde auf der A1 oder ein Familiendrama im Mühlviertel. Manches notiere ich mir oder kopiere etwas, vor allem wenn die Meldung eine irrwitzige oder komische Note hat. Immer auf Themensuche. Ich kann von mir sagen, dass ich eine recht geübte und abgebrühte Leserin bin.

Und trotzdem komme ich von einem Ereignis nicht los. Der Mord an einer jungen Frau, Amerikanerin, Studentin und Babysitterin in einer Wiener Familie, schreibt die Zeitung unter Lokales. Sie war an einem Montagmorgen nicht zur Arbeit erschienen; die Arbeitgeber informierten die Polizei, die die 26-Jährige tot in ihrer Wohnung fand, erdrosselt oder erstickt. Dazu war ein Foto abgedruckt, das Polizisten auf der Straße vor einem Haus zeigte, das ich sofort erkannte.
Es war mein Nachbarhaus, zweistöckig, gelbes Biedermeier, lange Ruine, kürzlich vorbildlich renoviert, mit einem grünen Innenhof, obenherum zwei Stockwerke bewachsene Pawlatschen-Gänge, genutzt von einem Edel-Italiener und hoffentlich auch den Bewohnern. Ein Juwel, ein Idyll und ein hervorragendes Beispiel für moderne Altstadt-Wiederbelebung. Ich pflegte dorthin öfter meine bevorzugten Gäste auszuführen oder chillte gern dort allein ab. Hier war für mich Wien, wie es von der besten Seite nur Wien sein kann.
Eigentlich liegt das Haus auf meiner Straße zwei Nummern entfernt, aber ein Stück seiner Rückseite ragt in meinen Hof hinein, so dass ich sie hinter den Bäumen immer im Blick habe. Mit einigem Kopfverrenken könnte ich auf die kleinen Klopfbalkone, in die schmalen Fenster der Gangklos und in die Gangfenster hineinsehen. Im Sommer mit den Blättern der Bäume ist alles verborgen, im kahlen Winter allzu deutlich.

Ich muss bekennen, dass mich dieser Mord mehr erschütterte als alles andere in der Welt. Seither denke ich darüber nach, warum das so ist, warum mich das Gefühl des Grauens bis heute in den Krallen hält. Ich spüre es, wie sich mein Herz zusammenkrampft und immer wieder Übelkeit aufkommt. Nimmt die Stärke der Betroffenheit mit der Anzahl der Kilometer ab, und mit der Nähe von ein paar Schritten zu, obwohl ich diesen Menschen gar nicht kenne?

Die Zeitung berichtete, dass Mary Louise M. aus Houston, Texas, seit einem Jahr dort gewohnt hatte und von ihren Arbeitgebern als äußerst verlässlich beschrieben wurde. Ich hätte sie auf meiner Straße gesehen haben können, an der Straßenbahnhaltestelle direkt vor dem Haus, im Supermarkt in einer Schlange mit ihr gestanden, in der Trafik, dem Blumengeschäft oder der Parfümerie. Ein Detail im Zeitungsbericht machte mir besonders zu schaffen: In der Wohnung des Opfers seien alle Glühbirnen herausgeschraubt, aber überall Kerzen aufgestellt gewesen. Eine Romantikerin, eine Ästhetin, ein Sparefroh?
Die ausgeschraubten Fassungen rauben mir die Fassung.

War es notwendig, dass man sogar ihr Passbild abdruckte, das eine hübsche, junge Frau mit langen, blonden Haaren und einem strahlenden Lächeln zeigte? Das pralle Leben, mit viel Hoffnung in den leuchtenden Augen sichtbar, alles vor sich. In mehreren Folgeberichten, die ich alle verschlang, kamen immer mehr Details ans Tageslicht. Die junge Amerikanerin habe nicht nur an der Universität studiert und die Au-pair-Kinder betreut, sondern ein lustiges Nachtleben geführt. Nachbarn wollen beobachtet haben, dass sie oft Besuch hatte und in der Einzimmer-Wohnung gerne Partys feierte. Nach einigen Tagen fällt der Verdacht auf einen neunzehnjährigen Ghanesen, einen Asylwerber, den man in der Schweiz aufgegriffen hat. Es wird seine Auslieferung beantragt. Dann war länger nichts mehr über den Fall zu lesen. Ich war allein mit meinen Überlegungen, warum sie nicht stärker gewesen war als ein unterernährter Flüchtling, sich zu wehren gegen etwas, was sie nicht wollte. Das durchtrainierte mexikanische Girl. Weil sie so etwas nicht in Wien erwartet hat. Aber das ist zu schrecklich. Und daran kranke ich.

Bei meinem nächsten Ausgang zündete ich eine Kerze an und legte ein paar Blumen vor dem Hauseingang nieder. Ich war nicht die Einzige, gut zu wissen, dass es anderen ähnlich ging, mit Grausen, Trauer und Trostsuche. Rechts vom steingemeißelten Torbogen waren im ersten Stock zwei Fenster mit braunem Packpapier verklebt. Davor waren noch immer zwei halb abgebrannte Kerzenstümpfe zu sehen.
Danach konnte ich nie wieder direkt am Haus vorbeigehen, sondern wechselte schon bei meiner Haustüre die Straßenseite, wobei ich immer auf die blinden Fenster blicken musste. Das ist jetzt ein Jahr her; der Ghanese wurde ausgeliefert und erwartet seinen Prozess. Er leugnet, obwohl die forensischen Beweise erdrückend sind. Vielleicht nur ein Unfall, kein Mord? Auch nicht tröstlich. Das Letzte, was ich darüber in der Zeitung las, waren Aussagen aus ihrem Umfeld, dass Mary Louise öfters Flüchtlinge bei sich übernachten ließ. Eine warmherzige, mitfühlende Seele.

Das hätte ich nicht lesen sollen, denn seither wird mir dieses fremde Schicksal vollkommen zur Obsession.
Ich konnte nun nicht einmal mehr dieses Stück der Straße benützen, mied die Trafik, den Bankomaten und den Blumenladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ließ die Straßenbahnstation vor dem Haus aus, nahm einen Umweg über mehrere Gassen zur U-Bahn in Kauf und richtete nie wieder einen Blick auf die verklebten Fenster. Meine Schreibtisch-Sicht auf die Rückseite des Mordhauses deckte ich mit Hilfe des rechten Vorhangteils ab. Das waren natürlich nur hilflose Versuche, diesen Mord aus meinem Sinn und meinen Gefühlen zu vertreiben. Vielleicht sollte ich auch mit aufgeklebtem Packpapier das Grauen draußen halten.

Das Grauen blieb allgegenwärtig. War es die örtliche Nähe, die mir so ins Herz griff? Viel mehr als die hunderttausenden Kriegs- und Hungertoten in aller Welt? Als alle seither im Verkehr Verunfallten oder Lawinenopfer? War es die Vorstellung von einer lebenslustigen, jungen Frau, die Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf gab? Wurde sie auf diese schreckliche Art dafür belohnt, bestraft? Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit! Wer macht so etwas, wer lässt das zu? Der Groll, die Wut wird nicht weniger. Groll und Wut, gegen wen eigentlich? Ich haderte mit den kindlichen Vorstellungen von einem barmherzigen oder rächenden Gott. Diese Mary Louise M. aus Texas, die hier selbst eine Fremde war. Vielleicht nannten sie ihre Freunde Malou? Hi Malou! Die Kinder riefen sie vielleicht Malli oder Ma-lo! Und sie sagte, Hallo, my sweety, my honey, my darling. Sie konnte gut singen und spielte Gitarre. Die Kinder liebten sie und verbrachten viel Zeit mit Malli, Mulli, Mallo.

Und der Gedanke an ihre Familie in Houston, die sich nicht vorstellen hatte können, dass ihrer Tochter, Schwester, Enkelin ausgerechnet in Vienna, Austria, eine Gefahr drohte. Ich sehe sie in der Gerichtsmedizin, wie sie sie identifizieren müssen und später weinend am Rückflug nach Houston mit dem Sarg. Ich lege darauf einen spirituellen Blumenstrauß, umarme die Eltern, spende in der Paulaner Kirche ein Requiem, stelle eine Kerze in mein Hoffenster, eine dunkellila Primel dazu und merke, wie der Bann langsam zu wirken beginnt.

Vor einigen Tagen ertappte ich mich dabei, dass ich an dem Torbogen vorübergelaufen bin und nebenan beim Installateur B. eine Klobrille gekauft habe, ohne an Malou zu denken.

23.1.17

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 17045

Hundert Jahre Unsterblichkeit

Als Alois Peter 122 Jahre zählte, war die Kraft, die ihn über unmenschlich lange Zeit jugendlich gehalten hatte, am Schwinden und ließ ihn des Morgens kaum aus dem Bett kommen.
Von Tag zu Tag wurde er immer schwächer und lag schließlich da, hingerafft von Alter und Krankheit, weder fähig zu sprechen noch zu essen, und doch nicht willens, sein Leben auszuhauchen.
Man ließ den Pfarrer rufen, der jedoch nach der siebten Nacht in Folge dem Kranken die letzte Salbung verwehrte, mit der Begründung, den Mann in den Tod zu geleiten, liege nun nur mehr in Gottes Hand, er habe seine Schuldigkeit getan.
Selbst im hohen Fieber konnte Alois Peter sein Leben nicht loslassen. Er fantasierte von grässlichen Grimassen und den eiskalten Fingern des Gevatters Tod, die ihn umschmeichelten, aber nie zu fassen bekamen. Er steigerte sich in ruhelose Angst hinein, die ihn immer wieder schreiend aufschrecken ließ und der Familie am Hof schlaflose Nächte bereitete.
Doch kein Weinen, Flehen, Beten und Betteln am Bett des Kranken verschaffte der gebeutelten Familie die Ruhe eines friedlichen Todes.

Karmella, die Jüngste am Hof, gerade sechs geworden, kam eines Abends in die Kammer gestolpert und schreckte aus den fantastischen Tagträumen ihrer kindlichen Welt auf, als sie ihren Ururgroßvater murmelnd auf seiner Liegestätte fand. Sie setzte sich zu ihm, nahm seine eiskalte Hand in ihre warme und blieb sitzen, bis die Schatten im Zimmer immer länger wurden.
Nun geschah es, dass Alois solchen Komfort, solchen Trost in dieser Berührung fand, dass er für kurze Zeit alle Dämonen aus der Umnebelung seines Hirns verjagen und mit klarem Verstand eine Entscheidung treffen konnte: So wollte er nicht mehr leben. Er tat seinen letzten Atemzug und schied dahin.

Sein Tod sollte der letzte für lange Zeit in diesem Dorf sein, denn mit seinem Dahinscheiden ging der Fluch der Unsterblichkeit auf dessen Bewohner über.
Keiner starb mehr, wenn er es nicht aus eigenem Willen tat, und weder Unfälle noch Krankheiten konnten dem kleinen Dorf etwas anhaben. Die Kinder wurden geboren, und die Alten wurden immer älter.
Als dann moderne Schmerzmittel in Form einer eigenen kleinen Dorfapotheke Einzug hielten, wurde das Altsein sogar noch angenehmer und Krankheiten erträglicher. Es schien ein unglaubliches Glück damit einherzugehen.

Die Kirche verlor zunehmend an Einfluss und wurde jeden Sonntagmorgen immer leerer, bis nur noch ein taubstummer Einsiedler bei schlechtem Wetter in ihr Zuflucht fand.
Der Pfarrer suchte Frauen und Männer auf, um mit ihnen über Gott zu reden. Doch Gott existierte nicht in einer Gesellschaft von Unsterblichen, und so traf er nur auf Unverständnis und Spott. Nach fünf Jahren ohne ein Begräbnis oder eine Taufe gab er es schließlich auf und widmete sich ganz seinem Kräutergarten. Zu Hochzeiten wurde er nur mehr formhalber eingeladen. Niemand legte mehr Wert auf den Segen Gottes, denn man fühlte sich emanzipiert, ja, befreit von der Illusion eines allmächtigen Wesens, das seinen einzigen irdischen Beweis, nämlich den des unwillkürlichen Dahinraffens von Menschenleben, eingebüßt hatte.

Nach  zwanzig Jahren gab es den ersten freiwilligen Tod. Eine Urururenkelin Alois‘ hatte sich in den Tod gestürzt. Ein Unglück, das nur eine kurze Phase der Trauer und Besinnung in das Dorf brachte.
Ein Einlenken hielt man für nötig, als der junge Müller im Dorf seinen Arm im Mühlrad zerquetschte, weil sich dort etwas verfangen hatte. Besinnungslos vor Schmerzen griff er zur Axt und schlug sich den Unterarm ab. Er verlor viel Blut, und als man endlich in der Lage war, die Wunde zu stillen, zog er sich eine Blutvergiftung zu. Er brüllte tagelang vor Schmerzen, und jeder im Dorf konnte es kaum mehr ertragen. So pumpten sie ihn mit Schmerztabletten voll, und als das nichts mehr half, redeten sie auf ihn ein, doch endlich das Leben auszuhauchen.
Als dies wieder nichts half,  fügte man ihm zusätzliche Schmerzen zu, um ihn am Weiterleben zu hindern. Sie brachen ihm ein Bein und legten glühendheiße Kohlestücke auf seinen nackten Bauch.
Man zerrte den fast vergessenen Pfarrer herbei, um ihn zu zwingen, den letzten Beistand zu leisten. Doch der besah sich den Verletzten nur und lächelte traurig. „Seine Knochen könnt ihr ihm brechen, doch seinen Willen nicht.“
Und so war es dann auch. Denn die Schmerzen waren nichts im Vergleich zu der unendlichen Angst vor dem Unbekannten nach dem Leben. Der Müller fürchtete sich vor dem Tode, weil er ihn nicht kannte, denn er war geboren worden, nachdem Alois seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.
So lebte er in unbeschreiblichem Leid, verbannt von der Dorfgemeinschaft in einer Hütte am Waldesrand, wo niemand seine Schreie hören konnte.

Es dauerte hundert Jahre, bis der Fluch der Unsterblichkeit aufgehoben wurde. Mittlerweile gab es endloses Leid und Krankheit in dem kleinen Dorf und alle Schmerzmittel der Welt halfen nichts mehr dagegen. Und eine neue Unbekannte hatte sich im Laufe der Zeit in die Herzen der Menschen eingeschlichen: die Langeweile.
Wer nicht mit dem Stillen seines eigenen Leides und seiner Krankheit beschäftigt war, hatte nichts zu tun. Genuss und Lebensfreude waren einer immer gleichbleibenden Monotonie von Abläufen gewichen. Die Alten hockten in ihren Häusern, die Jungen bestellten die Arbeit am Hof. Es war ein sinnloses Dahinvegetieren.

Nun kam es, dass ausgerechnet Karmella, Alois‘ Ururgroßenkelin, die ihm in den Tod verholfen hatte, hundert Jahre nach seinem Tod wieder in ihr Heimatdorf zurückkehrte. Sie war mit siebzehn ausgezogen, hatte die Welt bereist und viele Seiten des Leben und Sterbens kennengelernt.
Sie war mit ihren hundertsechs Jahren körperlich und seelisch gesund geblieben und glich in ihrer Lebenskraft ihrem Ururgroßvater bevor dieser in seine schreckliche Welt des Schmerzes versunken war.
Mit Entsetzen betrat sie das ehemals kleine, idyllische Dorf, in dem nun keiner mehr seinen Frieden fand. Sie weinte bitterlich, als sie ihre Mutter wiedersah. Uralt saß diese im Schaukelstuhl, die Haut mit Flechten überzogen, bis auf die Knochen abgemagert und im Wahn vor sich hinredend. Sie musste schon Jahrzehnte hier sitzen, alleingelassen, und mit dem Stuhl verwachsen.

In der darauffolgenden Nacht träumten alle Bewohner den selben Traum und erwachten, bevor die Sonne aufging.
Karmella stand auf, ging zur Türe hinaus in Richtung Westen. Und während hinter ihr die Sonne langsam einen neuen Tag ankündigte, versammelten sich mehrere Dorfbewohner wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, um Karmella herum. Der wahnsinnige Lebensdurst und die Angst waren aus ihren Augen gewichen und die Ruhe in ihren Seelen eingekehrt.
Wer wollte, begleitete Karmella an diesem Morgen in den Wald hinein. Sie sollten nie wieder zurückkehren.

Kurz danach erlagen die ersten Bewohner ihrer Krankheit oder ihrem Alter. Sie wurden bestattet und betrauert, es gab nach langer Zeit wieder Kirchengeläut und Nachtwachen. Und das Entsetzen vor dem plötzlich zurückkehrenden Tod wich nach kürzester Zeit wieder dem Alltag und der Menschlichkeit.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 17021

Hubert, der Beobachter

Vorgeschichte

Hubert Laufschaft, ein Mann von achtunddreißig Jahren, verwitwet und kinderlos, ist begeisterter Beobachter.
Er ist Beobachter, wohlgemerkt. Kein Voyeur oder Spanner!

Im zarten Alter von sieben Jahren hatte sich sein Talent für das Beobachten gezeigt, als seine Großeltern ihm zu Ostern einen Feldstecher geschenkt hatten. Es war ein einfaches, kostenextensives Exemplar, lackiert in billigem Schwarz, welches bald durch Huberts Handschweiß abzublättern begann. Der Feldstecher hatte, damit er um den Hals seines Benutzers getragen werden konnte, einen Riemen aus schwarzem Kunststoff, welcher Leder imitieren sollte, dies jedoch nicht zur Gänze fertigbrachte, auch fehlte ihm eine Skalierung, mit deren Hilfe Hubert Entfernungen einigermaßen präzise hätte bestimmen können. Hubert hatte dennoch große Freude mit dem Geschenk, schließlich war ihm damit die Möglichkeit gegeben worden, Tiere zu beobachten.

Er beobachtete Mäusebussarde, die in der ländlichen Gegend, in der er aufwuchs, in großer Zahl vorkamen, und wurde bald ein durchaus kundiger Ornithologe, freilich einer der zweiten Kategorie; um ein Ornithologe erster Kategorie zu werden, ist ein Studium vonnöten.
Er beobachtete die Bussarde bei ihrer Balz im Flug, beim Bereinigen ungeklärter Fragen bezüglich der Grenzen der Reviere einzelner Paare dieser Raubvögel sowie bei der Jagd, diese faszinierte Hubert am meisten, auf Feldmäuse und Kröten. Des Weiteren beobachtete er Habichte, die er bald von den Bussarden unterscheiden konnte, durch ihr gänzlich anderes Flugbild am Himmel und natürlich durch die unterschiedliche Färbung ihres Federkleids, wenn sie gelandet waren, ihre Beutetiere rupften oder ihnen das Fell abzogen und sie auffraßen.

Weiters liebte Hubert das Beobachten der seltenen Wiedehopfe und der Eichelhäher. Säugetiere beobachtete er nicht, außer diese nahmen an den Jagden der Greifvögel teil, als Beutetiere.
Seine Beobachtungen behielt Hubert für sich. Selbst seinem besten Freund erzählte er nicht, womit er seine Freizeit verbrachte.

Als Hubert in die Pubertät kam, entdeckte er das Beobachten von Menschen für sich.
Er, der keine Geschwister hatte, mit welchen er hätte Zeit verbringen können, suchte sich Plätze am Waldesrand, die von niedrigen Büschen bewachsen waren, welche ihm Deckung gaben. Deckung war ihm wichtig, denn er, der kein Spanner war, fürchtete, und das wohl zu Recht, als eben solcher hingestellt oder gar denunziert zu werden, im Falle seiner Entdeckung. Aus diesem Grund, und auch weil ihn Menschen in freinatürlicher trauter Zweisamkeit nicht interessierten, machte er einen weiten Bogen um Plätze, die dafür bekannt waren, dass sich an ihnen Liebespaare zu verlustieren pflegten.

Susanne Laufschaft

Susanne war Huberts Ehefrau gewesen.
Sie hatte dem Drängen von Huberts Eltern nachgegeben, die der Ansicht waren, dass ihr Sohn im Alter von neunundzwanzig Jahren endlich unter die Haube kommen sollte. Sie hatten ihr eine Masse Geld gegeben, und sie hatte eingewilligt, Hubert zu ehelichen und sogar seinen Familiennamen angenommen. Geliebt hatte sie ihn nie und so war es auch kein Wunder, dass dieser Ehe kein Nachwuchs entsprungen war.
Die Menschen im Dorf begannen, sich über diese Amour fou lustig zu machen, Gerüchte über eine arrangierte, eine gekaufte Ehe begannen die Runde zu machen.

Hubert blieb dies nicht verborgen und er stellte seine lieblose Ehefrau zur Rede. Sie bestätigte die Gerüchte und eröffnete ihm, dass sie einen Mann kennengelernt hatte, den die wirklich liebte und dass sie die Scheidung wünschte.
Dies war der Moment, in dem Hubert beschloss, seine Ehefrau zu beobachten.
Er kaufte sich einen Feldstecher und folgte ihr, ohne dass sie dies bemerkte, auf Schritt und Tritt. Er, der keiner geregelten Arbeit nachging und vom Vermögen seiner Familie lebte, hatte ausreichend Zeit, Susanne zu folgen und sie zu beobachten.

Bald fand er heraus, wo der Mann, den seine Ehefrau wirklich liebte, wohnte. Er suchte sich einen Platz, von wo aus er die beiden beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden.
Er beobachtete sie einige Male durch sein Fernglas mit Skalierung, und schließlich war er sich sicher, dass Susanne die falsche Frau für ihn war. Er war froh, dass sein Feldstecher ihm erlaubte, die Entfernung zwischen seiner Ehefrau und seinem Platz in der Deckung zu bestimmen. An zwei aufeinander folgenden Tagen machten ihm Sommergewitter Striche durch die Rechnung, eines der Gewitter führte gar Hagel mit sich. Doch am dritten Tag war das Wetter perfekt.
Er beobachtete Susanne und bestimmte ein letztes Mal, um ganz sicherzugehen, die Entfernung.

Mathilde und Egon Laufschaft

Mathilde und Egon waren Huberts Eltern.
Dieser, im schwarzen Anzug, stellte die beiden noch am Rande der Tafel von Susannes Leichenschmaus zur Rede. Er fragte sie, ob sie seiner Ehefrau Geld gegeben hätten, um diese dazu zu bewegen, ihn zu heiraten.
Die beiden wollten anfangs nicht mit der Wahrheit herausrücken, deutlich erkennbare Furcht lag in ihren Augen, doch nach einigen Minuten fasste sich Huberts Vater ein Herz und bejahte die Frage. Hubert war außer sich vor Wut und der verständlichen Enttäuschung des Hintergangenen.

Er überlegte, ob er seine Eltern beobachten sollte,  doch konnte er sich weder zu einem Ja noch zu einem Nein in dieser Frage durchringen. Vorerst. Drei Tage später eröffnete Mathilde Laufschaft ihrem Sohn, dass sie eine neue Frau für ihn gefunden hätte.
In diesem Augenblick wurde Hubert klar, dass er seine Eltern würde beobachten müssen. Er wollte schließlich verhindern, ein zweites Mal an eine lieblose Ehefrau zu geraten.
Er zog sich in den Rand des Waldes bei seinem Elternhaus zurück und beobachtete seine Eltern durch sein Fernrohr. Es war immer noch Sommer, doch war die Zeit der Unwetter vorüber.
Eines Tages beobachtete Hubert seinen Vater, als dieser den Rasen des weitläufigen Grundstücks mähte. Seine Mutter kam aus dem Haus und häufte das geschnittene Gras mit einem Rechen auf.
Hubert ermittelte die Entfernung zwischen seinem Versteck und seinen Eltern.

Gestern

Gestern ermittelte Hubert die Entfernung zwischen seinem Versteck und seiner Volksschullehrerin, die ihn getriezt hatte. Obwohl schwacher Wind weder die Flugbahn noch die Durchschlagskraft eines Projektils von großem Kaliber maßgeblich beeinflusst, beschloss er zu warten. Er wird die Lehrerin wieder beobachten.

 Heute

ist es windstill.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17007

Landmord

Schauplatz: Eine alte Bauernstube, gemütlich, trotzdem modern eingerichtet. Am Tisch sitzen drei Frauen und spielen Karten und trinken Schnaps.
Lisa, die junge Ärztin, die auf Urlaub hier ist. Greti, die alte Bäuerin und deren ältere Schwester, Inge.
Zeitpunkt: Ende November, es dämmert draußen.

„Mein Gott, Greti, das ist ja fast schon zwanzig Jahre her!“, meint Inge.
Greti nimmt einen Schluck. „Achtzehn waren’s im Sommer.“
„Was ist damals passiert?“, fragt nun Lisa.
„Es war eine Schweinerei. Damals war ja das große Bierzelt, es wurde ausgiebig gefeiert, dass die Maibaumjagd so erfolgreich gewesen war. Der Josef war kürzlich erst Bürgermeister geworden. So ein junger, ehrgeiziger Spund. Ältester eines Tischlers und einer Bäckerstochter. Beides liebe Menschen, aber der Josef … ein Sauhund dermaßen!“

„Greti!“, ruft ihre Schwester aus und zuckt unwillkürlich zusammen.
„Ist doch wahr! Jedenfalls war die Theresa auch da. Und auch sie hat getrunken, obwohl sie kaum sechzehn war. Und sie war halt auch so eine Lebensfrohe, hat mit allen geschäkert und gelacht. Natürlich hat das Mädl auch einige Köpf verdreht!“ Ihre Stimme brach ab.
„Und dann?“ Lisa streichelt ihr mitfühlend über den Arm.
„Dann … naja. Sie hat halt um elf zu Hause sein müssen. Da waren wir ganz streng, weil ja nächster Morgen und dann um fünf in den Stall. Und sie macht sich eben um halb elf auf den Weg. Ist ja nicht weit. Vielleicht eine gute halbe Stunde zu Fuß.“ Wieder versagt ihr die Stimme.

„Ist der Josef ihr dann nach?“
Greti schüttelt den Kopf. „Nein, der Ludwig aber. Das ist der Bruder von ihm. Er hat der Theresa aufgelauert. Zuerst hat sie es lustig gefunden. Hat gelacht und ihn wahrscheinlich auch geneckt. Er wollt halt mehr von ihr, und sie hat sich gewehrt. Dann hat er sein Jagdmesser gezogen und hat ihr in das Bein gestochen. Er hat gemeint, wenn sie sich wehren würde, würde er das nächste Mal in ihren Hals stechen. Dann hat er …“
Kurzes Schweigen.
„Hat er sie vergewaltigt?“, fragt Lisa.

Gerti schluckt und ihre Kopfbewegung ist nur ganz leicht, aber eindeutig ein Nicken. „Sie kam nach Hause, weinte und wollte nichts erzählen. Ich hab mir halt gedacht Liebeskummer. So wie alle Mädchen halt. Die Wunde hab ich erst am nächsten Tag gesehen, obwohl sie sie gut versteckt und schon eingebunden hat. Aber ich hab im Mülleimer so Baumwollfetzen mit Blut gefunden und dann hat sie mir alles erzählt. Geweint hat sie und erzählt. Das hat  einige Stunden gedauert, bis ich wirklich alles erfahren habe. Ich hab es förmlich aus ihr herauszwingen müssen. Ich bin natürlich sofort zum Ludwig, hab Sturm geläutet. Doch aufgemacht  hat der Josef. Gelächelt hat er, wie er’s jetzt auf den Wahlplakaten tut, und hereingebeten hat er mich. Der Ludwig saß am Küchentisch, das weiß ich noch ganz genau. Den Kopf zwischen den Händen hat er den Tisch angestarrt. Wohl mehr Kater als Reue. Auch der alte, pensionierte Gemeindegendarm saß da, und  irgend so ein Anwalt vom Josef und auch der hat gelächelt. Da bin ich wütend geworden und hab geschrien, du hast die Theresa vergewaltigt!

Nana, hat der Josef gesagt, nana, wer wird denn hier gleich wüste Anschuldigungen den Raum stellen? Der Ludwig und ich sehen das ein bisschen anders.
Setzt dich hin, Greti, hat der Gemeindegendarm dann gesagt. Lass uns in Ruhe drüber reden.
Zu einem Vergewaltiger setz ich mich nicht an einen Tisch, hab ich gerufen.
Aber gesetzt hab ich mich dann schon irgendwann.
Und der Josef hat mir gedroht. Bei ihm klingt das zwar dann nicht als ob er drohen würde, weil er die ganze Zeit lächelt, aber man merkt es trotzdem gleich, wenn er einem droht. Er meinte, wenn ich es zur Anzeige bringen möchte, könnte ich das tun, aber erstens hätten wir keine Beweise, und jeder im Dorf wüsste, dass die Theresa keine heilige Jungfrau sei, im Gegenteil. Der Ludwig hat sie zwar ein bisschen härter angefasst, aber jeder würde glauben, die Theresa hätte ihm etwas anhängen wollen, weil sie ja schon früher ein Geschichterl rennen gehabt haben. Zweitens sollte ich daran denken, dass grad meine Familie sich nicht erlauben konnte, dass grad die oberen Instanzen näher hinschauen.
Der Ludwig hat nichts gesagt. Der hat mich nicht mal angeschaut.“

„Wieso hat er denn das mit den oberen Instanzen gesagt?“, warf Lisa dazwischen ein.
„Naja, der Großvater hat zu seiner Zeit eben nebenbei was dazu verdient. Und bei der Steuer war er nicht grad ehrlich. Aber alle im Dorf haben‘s gewusst und niemand hat sich drum geschert! Jedenfalls, ich bin dann aufgestanden und hab gesagt, dass mir das alles egal wäre. Und ich würde trotzdem zur Polizei gehen mit der Theresa. Und einen elendigen Sauhund hab ich den Ludwig genannt.
Der Josef hat mich angeschaut, ganz konzentriert und hat gesagt:
Rede zuerst mit deinem Mann darüber.

Wie ich nach Hause gekommen bin, wollte ich sofort mit der Theresa zur Polizei nach Rohrbach fahren. Doch mein Vater hat schon auf mich gewartet, er hat mich in die Stube geholt und mir erzählt, dass er mit dem Josef telefoniert habe. Es wäre ein dummer Bubenstreich gewesen. Dem Ludwig täte es leid, er will sich auch bei der Theresa entschuldigen.
Ich hab mich dann noch furchtbar aufgeregt, aber der Vater ist stur geblieben und irgendwie hab ich immer auf ihn gehört. Dieses Mal auch. Er hat gemeint, schau, das Beste für Theresa ist doch, wenn sie es so schnell wie möglich vergisst. Wenn sie weiter leben und nach vorn schauen kann. Wenn wir das alles wieder aufwirbeln, wird es umso schwerer für sie sein.

Und deshalb bin ich dann auch gar nicht zur Polizei gefahren. Ich hab dann am Abend noch die Theresa gefragt, ob sie zur Polizei gehen will. Im Nachhinein denke ich mir, ich hätt das nicht tun sollen. Ich hätt sie einfach ins Auto packen und fahren sollen. Die Theresa war natürlich noch völlig im Schock und wollte partout nicht weg. Am nächsten Tag ist der Josef dann da gewesen. Ich hab das gar nicht gewusst, weil ich am Montag immer in die Stadt fahre. Nach der Schule war er da und hat der Theresa Blumen vorbeigebracht. Ich weiß nicht, was er zu ihr gesagt hat, sie wollte es mir auch nicht erzählen. Aber seitdem hat sie sich geweigert, von der Nacht zu sprechen. Sie hat nur immer so komisch gelächelt und den Kopf schief gelegt. Alles halb so wild, hat sie gesagt. Und später dann: Das ist doch schon so lang her.  Und ein Jahr später hat sie sich umgebracht.“

Betretenes Schweigen am Tisch. Inge füllt noch Schnaps in die leeren Gläser.
„Greti, jetzt schneit‘s bald!“, sagt sie noch, und Greti nickt.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 16157

 

 

Das absolute Nichts

Das ist das absolute Nichts, das allumfassendste Überhauptgarnichts. – Ich bin wach, ich bin ganz sicher wach. Ich bin da. Ich spüre aber nichts. Spüre ich was? – Nö.
Sehe ich, höre ich? Kann nicht die Rede davon sein, welche Rede? Ich kann ja auch nicht sprechen, auch wenn ich wirklich will: Hallo, alle miteinander! Ist da jemand?
Ich hab das nicht gehört, obwohl ich’s gesagt hab. Ich rufe. Wahrscheinlich hat das auch niemand gehört, vielleicht kann ich gar nicht rufen. Noch einmal: Hallo?!
Also ich hab’s nicht gehört. Wie soll das dann wer anderer hören? – Kann ich nicht nur nicht rufen oder bin ich auch taub? Ich höre jedenfalls nichts. Höre ich was? Nein.
Ich spür auch gar nichts.

Was gibt’s sonst noch, außer sehen und hören und spüren, … ja: Riechen! … Ich rieche aber auch nichts. Was ist das? Bist du der Himmel? Das Fegefeuer? Die Hölle?
Nein. Ich bin da, irgendwie zumindest. Und ich hoffe sehr, diese Sache jetzt möglichst schnell regeln zu können, hab schließlich anderes zu tun. Hoffentlich bin ich nicht tot und der ganze Zinnober hat nichts mit Religion zu tun.
Aber: Ich denke, also bin ich, ergo sum. Haha! – ja, ich denke … also bin ich … aber was?
Wer bin ich? Was bin ich? Ich bin ein Mann. Ja. – Und es gibt Frauen, aber ich bin keine, haha, ich bin ein Mann, das spür ich.
Spür ich was? – Eigentlich nicht. Wie geht Spüren? Ich werde jetzt meine Hände spüren, ich werde jetzt den Stinkefinger zeigen, den rechten Mittelfinger strecken – ich würde jetzt gerne sehen, ob er sich bewegt, bewegt er sich?

Aber da: Da ist doch was, ich spür was. Ist das im Kopf, im Herz, auf der Haut? Da! Ich hab es schon wieder gespürt, ich glaub, es war in der Nase, so ein ganz leichtes Kribbeln. Na eben.
Ich spüre was in der Nase, also bin ich. Also … ich weiß, wo meine Nase sitzt … gespürt habe ich da aber eigentlich nichts.
Sehen? – No; Spüren? – No; Hören? – No; Riechen – No. Aber Denken? – Yes.
Denken gehört nicht zu den fünf Sinnen. Sehen, Hören, Riechen, Spüren – was gehört, verdammt noch einmal, noch dazu? Fluchen sicher nicht.
Ah! Schmecken! Aber was soll ich schmecken, wenn ich nicht in ein Steak reinbeißen kann? Flößt mir ein Bier ein, damit ich weiß, ob ich schmecken kann …
Ihr? Ja, es gibt andere. Es gibt andere und irgendwann wird wer kommen, und dann werd ich … was werd ich dann …? Ich werde gar nichts machen können – ich kann mich jetzt nur konzentrieren.

Ha! Ich hör was … ich muss mich konzentrieren.
Ja, ich höre was. Aber was?
Es ist ein leises, grunzendes, ja zufriedenes Schnarchen. Juhuu, ich kann wieder hören: Es macht ‚grunz-schnarch-grunz-schnarch’! Da ist wer! Wer ist da? Wer schläft da neben mir?
Nein. Da ist niemand, es ist der Atem. Gut. Es ist mein Atem. Ich atme! Er klingt zwar ungesund, aber immerhin. Ich höre jetzt, ich atme!
Das ‚Grunz-schnarch‘ ist jetzt mehr ein ‚Duff-duff, duff-duff‘. Das könnt mein Herz sein. Haha! Mein Herz pumpt! Mein Herz pumpt und ich atme! Ich lebe! Jetzt klären wir noch den Rest und dann geht‘s weiter, ich habe viel zu tun.
Das Duff piepst jetzt auch. Jetzt macht es Pieps, so wie vorher das Duff!  – Immer wenn es Duff macht, macht es auch Pieps. Es ist mein Herz! Ich spür was, hör was, atme und mein Herz piepst – ich lebe! – Hurra, ich lebe.
Ha! Ich liege im Spital. Schlimmer noch wahrscheinlich: auf der Intensivstation. Aber wieso?

Wer bin ich? Ich hab‘s: Ich bin Christian, Christian Oberegger, geboren am 27. Juni 1996 in Eferding an der Donau. Ich bin römisch-katholisch, hab meinen Militärdienst absolviert und soll am Montag … ist heute schon Montag? … nach Frankfurt fahren.
Warum wird das ‚Duff-duff‘ langsamer? Kann da, bitteschön, nicht wer kommen und sich um mich kümmern?!
Was war da los?
Ich war, wie es scheint, ziemlich betrunken. Ja.
Aber wo?
Haha, ja! Am Nachmittag haben wir es uns schon ziemlich besorgt, haha, ja genau, der Ferdi, der Andi und ich. Ja, hahaha, und dann sind wir nach Linz, der Andi ist gefahren.
Genau, haha. Dann hat es diese Sache mit dem Mädel gegeben, sie hat geschrien und ich, wir alle, wollten schnell weg. Ja, ich bin dann gefahren, das war sicher keine gute Idee, so wie ich schon beinander war.

Warum ist das ‚Duff-duff‘ so langsam?
Der Andi hat gesagt: Nimm den Schleichweg, auf der Hauptstraße stehen sicher die Bullen, das Mädel, weiß gar nicht, wie sie heißt, wir haben sie mitgenommen, das war die Idee vom Ferdi, das war nicht meine Idee, ich schwör‘s, sie hat die ganze Zeit geschrien, auch ihre Freundin oder Schwester, noch jünger als die andere, Andi hat sie ins Auto gezogen, kurz vorm Wegfahren.
Ich hör es: Da ist nicht nur das ‚Duff-duff‘, da piepst es jetzt auch.
Mitten im Nichts ist dann in der Kurve dieser vertrottelte Traktor gekommen, was will der da um diese Tageszeit, hab ich mir noch gedacht, wir sind volle Kanne reingekracht in ihn.
Warum hört das Tuten nicht auf, warum tutet es jetzt dauernd …

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 16124

Proband

Eigentlich kann man ja nicht viel öfter als drei Mal pro Jahr als Proband fungieren. Weil für die meisten klinischen Studien zwischendurch Wartezeiten gefordert werden, damit sich der Körper regenerieren kann, nehme ich an. Ich aber bin in vielen Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen von Pharmafirmen tätig. Es scheint keine zentrale Datenbank für Probanden zu geben, oder, ich weiß nicht, vielleicht ist es denen auch einfach egal. Ich mache das jetzt seit nicht ganz zwei Jahren. Alle Kosten kann ich nicht davon bestreiten, aber es ist ein gutes Zubrot. Bislang habe ich alle Medikamente ohne größere Nebenwirkungen vertragen, kassiert, dafür nicht leiden müssen. In Summe kann ich sagen: Ich bin gerne Proband.

Gerade bin ich wieder am Anfang eines neuen Auftrages, ein stationärer Aufenthalt ist erforderlich. Das ist mir sogar lieber als ambulant, kann mich gut dort ausruhen – einfach rein ins frisch bezogene Bett und die Augen schließen, wenn ich will. Die Krankenschwester gibt mir mein Medikament: vier blaue Pillen Oral-Turinabol. Sie hat die Packung in der linken Hand – darauf ist als Hersteller VEB Jenapharm verzeichnet. Mir kommt der Name der Pillen bekannt vor, den habe ich schon wo gehört, und VEB Jenapharm, soll VEB etwa volkseigener Betrieb heißen? DDR? Ja, DDR! Diesmal erhalte ich 2.800 Euro für zehn Tage, mit der Chance auf Verlängerung – in einem anderen Krankenhaus, aber es ist dasselbe Programm. In meinem Brotjob als freier Grafiker bin ich in einer Sackgasse, niemand will mehr etwas von mir. Das heißt: Ich bin auf dieses Geld angewiesen.

Nach vier Stunden kommt die Krankenschwester wieder: noch einmal vier Pillen. „Ist das nicht ein bisschen viel?“, frage ich sie. „Wenn wir etwas dafür zahlen, gibt´s die Dröhnung“, antwortet sie. Was soll ich dagegen sagen, bin ich in der Position dazu? Mehr oder weniger bin ich jemand, der seinen Körper verkauft. Im jetzigen Fall für einen guten Lohn, daher bin ich mucksmäuschenstill.

Unmittelbare Nebenwirkungen stelle ich keine fest, außer dass ich ziemlich speedig bin, ich fühle mich getrieben. Das ärztliche Personal und die Krankenschwestern sind anfangs mit mir zufrieden. Nach zehn Tagen spüre ich jedoch den Turbo in mir ziemlich stark, ich bin aggressiv, in meinem Gesicht entwickelt sich Akne, wie damals als ich noch jugendlich war. Diese Nebenwirkungen sind anscheinend nicht im Sinn des Auftraggebers, daher findet keine Verlängerung statt. Ich werfe mir vor, mich dumm angestellt zu haben. Ich hätte flunkern sollen, sage ich zu mir selbst. Nein, es ist schon in Ordnung, meine ich nach längerem Nachdenken. Man hat meine Aggression doch sicherlich bemerkt, ja, und die Akne ist ja klar sichtbar, da hätte ich doch gar nichts verheimlichen können.

Jetzt erhole ich mich einmal, ein paar Tage, dann bin ich wieder im Dienst.

Gefordert ist ein stationärer Aufenthalt von sieben Tagen, abzuleisten in einem kleineren Krankenhaus in einer Bezirksstadt, zirka fünfundvierzig Kilometer von meinem Wohnort entfernt, in nördlicher Richtung. Für mich ist das kein Problem, ganz im Gegenteil, es ist eine gute Verdienstmöglichkeit, es gibt 1.950 Euro für den Auftrag.

Diesmal heißt das Medikament Clenbuterol, die Packung ist weiß-rot-blau, wie die französische Fahne, die Tabletten sind weiß. Hinter dem Markennamen steht 40. „Ursprünglich ist das ein Asthma-Medikament“, erklärt mir die Krankenschwester, „aber es hat einen weiten Anwendungsbereich.“ Sie verabreicht mir morgens, mittags und abends je drei Tabletten. Nach der ersten Einnahme halte ich es für Zufall, nach der zweiten denke ich, es könnte etwas dran sein, und nach der dritten Einnahme, abends, bin ich mir fast ganz sicher: Von den Clenbuterol-Tabletten sinkt meine Laune auf den Nullpunkt. Richtig mies aufgelegt werde ich davon.

Ich teile das auch der Krankenschwester, die für die Nachtschicht eingeteilt ist, mit. Sie meint aber nur: „Glauben Sie denn nicht, dass Ihnen irgendeine Laus über die Leber gelaufen ist?“ Das medizinische Personal möchte, dass die Medikamente hochwirksam und bestens verträglich sind. Widerrede wollen sie keine hören.

Am dritten Tag will ich mir aus dem Kaffeeautomaten einer Nachbarstation einen Kaffee ziehen. Eine junge Frau steht vor ihm, der Kaffeeautomat macht Geräusche, der Kunststoffbecher füllt sich. Sie zieht ihn heraus.

Da fällt es mir auf: Ich kenne diese Frau! Bei meiner Testserie mit Oral-Turinabol war sie auch in dem dortigen Krankenhaus anwesend gewesen. „Hey du, bist du auch Probandin?“, frage ich ganz direkt. „Bin ich, ja, und ich mache das schon ziemlich lange“, sagt sie mit tiefer Stimme. Sie sieht mich direkt an, und ich bemerke ihren Bartschatten und starke Akne im Gesicht. Ihre Hand, die den Kaffeebecher hält, zittert.

Sie muss früher sehr hübsch gewesen sein, hat wohl ähnlich ausgesehen wie Simonetta Vespucci, die schönste Frau von Florenz im Rinascimento. Jetzt ist sie la bella Simonetta in der Hölle.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 16121

hamlet mein freund

siebzehn jahre habe ich alt werden müssen bis ich ein eigenes zimmer bekomme für andere vielleicht eine kleinigkeit für mich   s i e b z e h n   jahre mein ganzes leben jetzt wo mein zweiter bruder ausgezogen ist in eine kleine studentenwohnung ums eck bin ich in das kleine kabinett übersiedelt das ehemalige zimmer meiner schwester sie hat das große zimmer das frühere bubenzimmer bekommen wo ich früher mit meinem bruder hauste meinen schulkollegen traue ich mir das gar nicht zu erzählen peinlich oder meinen wenigen freunden die verstehen das voll nicht da haben alle seit ihrer geburt ein eigenes zimmer aber was soll‘s lauter verwöhnte fatzkes

in meinem neuen reich bleiben zwar die möbel wie sie sind weißer schleiflack standen früher im schlafzimmer meiner eltern nicht gerade cool aber ganz okay das wichtigste ist doch die tür die ich hinter mir zumachen kann wann ich will

als ich mit vierzehn vom internat nach hause kam hatte ich nicht mal ein eigenes bett schlief in einem klappbett das weiß der teufel wie alt war total durchgeritten die federn quietschten wenn ich mich bewegte und egal wie ich mich legte letztendlich rollte ich immer in die mittelrinne des bettes deswegen ist jetzt mein eigenes zimmer der hammer

seither hat sich eine menge bei mir zu hause getan nach dem tod meines vaters und meines stiefvaters gibt es jetzt einen neuen mann einen werner der bei uns ein- und ausgeht tut mir leid ich kann mir nicht helfen ein unsympathischer kerl mir ist vollkommen unbegreiflich was meine mutter an ihm findet das hirn zermartere ich mir was wohl an dem dran ist was nur denn verliebt ist meine mutter sicher nicht in ihn liebe sieht anders aus so viel weiß ich schon mit meinen siebzehn von liebe sind wir hier meilenweit entfernt er muss was anderes an sich haben was auch immer bevor er sich bei uns vorstellte hat sie ein paar brocken von ihm erzählt er hat auch ein paar elektrofachgeschäfte wie meine mutter und das wird es wohl auch sein geschäftliches kalkül zusammenlegung ja natürlich warum ich nicht gleich darauf gekommen bin meine mutter muss verdammt verzweifelt gewesen sein mit ihrem geschäft das sie weitergeführt hat nach vaters autounfall dabei hat sie nie ein sterbenswörtchen darüber verloren dieses weiterführen des geschäfts eine schnapsidee warum konnte sie es nicht so machen wie unsere bekannte deren mann steuerberater war und auf der straße überfahren wurde für sie aber war es null option die kanzlei ihres mannes zu übernehmen absolut keine sagte sie das finde ich vernünftig meine mutter hätte das auch nicht tun dürfen vaters geschäft weiterführen warum denn um sein erbe weiterzuführen ach hör mir auf so ein quatsch als sekretärin hätte sie weiterarbeiten sollen hätte hätte hätte was soll‘s jetzt ist es nun mal wie es ist

und jetzt haben wir diesen typen am hals diesen werner von dem ich nicht weiß wie ich es eine minute mit ihm allein aushalte mit diesem kleinen fetten sack der sich so was von aufspielt als wär er der große pascha aber bitte mutters entscheidung sie muss mit ihm klarkommen er ist nicht mein mann also wenn das nicht eine geschäftliche entscheidung ist dann weiß ich nicht mutter die bedrohte königin holt sich einen retter ins haus der selbst mit allen wassern gewaschen ist wenn er wenigstens nett wäre das kann nicht gut gehen nicht auf dauer nicht mit diesem typen vielleicht wenn er sich ändert und die moral von der geschichte ist überlege genau von wem du dich retten lässt ist es nicht so aber meine mutter beschloss irgendwann einmal sich voll und ganz in ihr geschäft zu stürzen als hinge ihr leben davon ab was es in gewisser weise auch tat als mutter und alleinverdienerin mit vier kindern aber sie ignorierte alles rundherum wirklich alles auch ihre familie nichts kann sie wahrnehmen vielleicht tue ich ihr unrecht und sie kann es doch aber warum hat sie sich dann trotzdem dafür entschieden trotz eines gefühls ein hoher preis oder mutter ist blind geworden durch die ständige bedrohung ihrer probleme sie arbeitet so viel und so besessen dass sie sich nie wirklich fragt wie es ihr geht aber sie spricht auch nie darüber nie mit niemandem

mir braucht kein geist zu erscheinen wie hamlet wo der geist des vaters den jungen hamlet auffordert ihn zu rächen mein vater ist ja nicht getötet worden aber ich lerne was aus seiner geschichte ich werde diesen werner töten und zwar ohne waffen mit meinen gedanken meinen bloßen gedanken

für gewöhnlich kommt er abends nach der arbeit nach hause holt sich sein von unserer haushälterin zubereitetes essen wärmt es in der mikrowelle mit dem er sich dann ins wohnzimmer setzt zum tisch wo er fernsehend sein essen verdrückt dieser typ werner ich werde ihm in der glotze sein leben auftischen so wie hamlet seinem mörderischen onkel und seiner mutter ihr leben es mit einer theateraufführung getan hat da kann er dann sehen was für ein erbärmliches leben er führt und ich werde ihn zwingen hinzusehen auch gegen seinen willen bis zum bitteren ende und er wird sich winden unter schmerzen und ärgstens krepieren ja genau so werde ich es machen genauso werde ich dieses schwein hinstrecken es ihm zeigen so einer wie er hat in unsere familie nichts verloren wirst schon noch sehen

als er nach hause kommt passiert es wirklich so wie ich es mir ausgemalt habe der fernseher dröhnt eine weile im wohnzimmer vor sich hin nicht zum aushalten
dreh bitte leiser sage ich zu ihm ich kann mich nicht konzentrieren ich muss lernen morgen habe ich schularbeit
dann lern was damit was wird aus dir sagt er und lacht blöd dann dreht er ein wenig leiser als ich mich wieder in mein zimmer verziehe
es dauert nicht lange da ist die lautstärke unerträglich wie zuvor und ich gehe wieder raus zu ihm
schon wieder zu laut sage ich so kann ich nicht lernen hast du nicht verstanden
was ist los mit dir es ist nicht laut ich habe schon leiser gedreht
und warum dröhnt es dann so laut in meinem zimmer du kannst dir das nicht vorstellen aber so geht das nicht also leiser verdammt
reg dich ab ist nur für kurze zeit
was heißt für kurze zeit egal ich brauch die ruhe jetzt nicht später willst du dass ich durchfalle bei dem lärm kann kein mensch lernen ein bisschen rücksicht wirst du noch aufbringen genervt ziehe ich mich zurück
und genervt dreht werner leiser

aber verdammt noch mal denkt sich werner wahrscheinlich warum soll ich mich von diesem burschen tyrannisieren lassen es ist viel zu leise die hälfte verstehe ich nicht vielleicht bin ich denn schwerhörig wenn schon aber ich habe ein recht zu verstehen schließlich wer bringt hier die brötchen heim den ganzen tag hart arbeiten was heißt tag ganze woche monat für monat und dann kommt so ein bursche und spielt sich auf nein so geht das nicht so kann es nicht sein der junge ist mir egal alle sind mir egal und so dauert es nicht lange dass er wieder lauter dreht

erneut schieße ich aus meinem zimmer was bist du nur für ein rücksichtsloses arschloch werfe ich ihm an den kopf zu laut ist zu laut geht das in deinen kopf setz dir kopfhörer auf oder sonst was aber lass mich in ruhe mit diesem scheißwirbel so kann ich nicht lernen
spinnst du was ist in dich gefahren so mit mir zu reden
ich rede wie ich will
du brauchst dich nicht so aufzuführen schleich dich in dein zimmer und halt die klappe
ich werde nicht eher gehen bis du diesen scheißfernseher leiser gedreht hast
aber kommt doch gar nicht in frage du blödmann
selber blödmann du bist ein mieses oberarschloch das unsere familie tyrannisiert geh mit deinem scheißleben zurück wo du herkommst niemand braucht dich du brauchst nicht hierbleiben hörst du
wenn du nicht sofort aufhörst dann kleb ich dir eine du rotzlöffel du frecher

das wird er nie wagen denke ich mir aber wie eine feder schnellt er plötzlich hoch stürzt sich auf mich was ich ihm nie zugetraut hätte und erwischt mich mit seinen offenen armen verpasst mir eine saftige ohrfeige die mich kurz orientierungslos zu boden schleudert jetzt spüre ich nur einen schweren körper auf mir der auf mich unkontrolliert einschlägt mit seinen fäusten die schmerzen mobilisieren ungeahnte kräfte in mir und ich drehe meine beine so dass sie gegen seinen oberkörper stemmen und ihn wegschleudern schnell rapple ich mich hoch schaffe es gerade in mein zimmer und schließe rasch hinter mir ab

wütend und schnaubend wie ein wildes tier wirft er sich gegen die dicken hohen flügeltüren zwei dreimal bis er einsehen muss dass ihm nichts anderes übrigbleibt als seine wut an der alten messingtürschnalle abzureagieren
warte nur ruft er na warte du wirst schon noch in meine gasse kommen dein benehmen werde ich dir noch austreiben
glücklich in meinem zimmer denke ich mir lass diesen idioten doch weiter toben er ist mir egal er kann verrecken ich kann den tag nicht erwarten aus diesem irrenhaus hier auszuziehen

nicht dass du glaubst diese situation ist die erste nein das hatten wir schon mal und wenn meine mutter nach hause kommt dann läuft das so dass ich ihr gleich über ihn mein leid klage davor aber hat sie schon seine version zu hören bekommen und dann sagt sie zu mir du musst dich mit ihm arrangieren ob du willst oder nicht damit musst du leben und zurechtkommen blablabla immer das gleiche sie ergreift natürlich partei für ihn und ich habe keine chance

in der schule lesen wir gerade shakespeare und ich verstehe hamlet immer besser
ihr sollt nicht vom platz nicht gehen bis ich euch einen spiegel zeige worin ihr euer innerstes erblickt
das sagt hamlet seiner mutter ich aber will werner einen spiegel vorhalten er soll sich und sein mieses getue im spiegel sehen nichts anderes wünsche ich mir

werner setzt sich wieder vor den bildschirm der ihn bald in eine andere welt schaukelt dann kann er wie unter hypnose seine arbeiten weitermachen und bilder im fernsehen zeigen einen kleinen gedrungenen mann der mit ein paar arbeitern herumkommandiert und dabei ein lager räumt man kann sehen wie diese arbeiter im ersten moment gleichsam von einer art schock erfasst sind aufgrund der unüberschaubar großen menge an sperrmüll und unkalkulierbarkeit an mühen die auf sie zukommen wie betrunken torkeln sie kopflos herum und der mann treibt sie an hand anzulegen aber sie tun nicht wie er will idioten seht ihr nicht das muss da her da her
sie können aber nicht wie er will sind keineswegs vorbereitet auf so ein unfassbares vorhaben
die männer sind wie eine fassungslose meute die neben dem rasenden klaus kinski stehen und nichts als staunen können wie ein wahnsinniger ein opernhaus mitten im dschungel errichten will
so ein idiotisches vorhaben ist das ein lager wie dieses an einem wochenende zu räumen für das man im normalfall ein bis zwei ganze wochen benötigt aber da sie nun mal mit dieser situation konfrontiert sind taumeln die arbeiter herum und werden zu willenlosen tölpeln eines verrückten der herumschreit und herumfuchtelt

werner sieht diese bilder und kann nicht fassen dass man ihn darstellt das ist er darüber kann es nicht den geringsten zweifel geben dieser mann sieht ihm sogar ähnlich wie er findet und die art der arbeiter auch die ist ihm bestens vertraut er erinnert sich sogar einige der eben gesehenen bilder schon einmal selbst erlebt zu haben
was soll das will man ihn bloßstellen woher hat man diese bilder diese situationen und dann gibt es noch eine andere szene in der werner sich auf seine lebensgefährtin stürzt und auf sie losgeht man sieht wie er auf sie einschlägt weil er es nicht ertragen kann dass sie sich weigert ruhig zu sein
diese verdammten autos sagt sie wie oft habe ich dir gesagt dass du sie nicht mehr anschauen sollst du wirfst das geld beim fenster raus für idiotische wracks
jetzt habe ich genug von dir ich werde dir dein loses mundwerk stopfen es geht dich gar nichts an was ich mit meinem geld mache
mein geld von wegen wer steht die meiste zeit im geschäft hält die stellung an der front das bin ich du bist doch meistens nie da fährst irgendwo in der weltgeschichte herum spielst den großen boss
halt‘s maul hab ich gesagt du blöde sau du halt’s maul hörst du nicht

werner wartet einen augenblick bis es ihm zu viel wird all das was ihm da bildlich vorgesetzt wird macht ihn nervös und er greift nach der fernbedienung und will das programm wechseln aber die fernbedienung funktioniert nicht dann will er die kiste ganz abdrehen aber auch das klappt nicht was ist jetzt los denkt er springt auf und will den fernseher händisch abdrehen aber etwa einen meter vor dem bildschirm stockt er und kann sich nicht mehr bewegen plötzlich steht er wie festgewurzelt an ort und stelle sein gesicht ist jetzt ganz auf den bildschirm gerichtet seine augen werden wie durch fremde macht gezwungen offen zu bleiben

das nächste was er sieht ist ein greller blitz der rechts aus dem fernseher schießt  und direkt in einen stapel alter zeitungen fährt von dem er sich nicht hatte trennen können den er sich irgendwann noch durchsehen wollte und jetzt am boden liegt nach schreien ist ihm zumute aber weder sich bewegen noch brüllen kann er mit dem blitz ist der fernseher mit seinen unverschämten bildern wenigstens ausgeschaltet aber wie er es auch anstellt sich zu regen oder zu artikulieren es gelingt ihm nicht nicht die kleinste regung nicht den leisesten ton kann er seinem körper abringen keine frage irgendeine seltsame kraft hat sich seiner bemächtigt und diese kraft breitet sich in ihm aus und löst tief in ihm eine fremde müdigkeit aus ja ich bin müde muss sich werner eingestehen jetzt auch das noch ich will nicht mehr kämpfen werner hat angst dass sein zorn seine wut wohl nicht mehr ausreichen ihn noch einmal anzutreiben ist das vielleicht sein ende dem er jetzt ins auge sehen muss ach was werner fühlt sich gerade wie ein boxer der getroffen am boden liegt und gerade noch dazu imstande ist zu merken wie er angezählt wird jedoch unfähig ist aufzustehen obwohl er sich der schwerkraft mit allen kräften widersetzt sein körper gehorcht einfach nicht mehr den befehlen seines verstandes

das feuer frisst sich vom zeitungsstapel in den boden die teppiche und die anstehend furnierten holzmöbel von dort züngeln die flammen höher und höher richtung plafond bis die karnischen aus holz und plastik erreicht sind immer noch kann sich werner nicht bewegen und muss beobachten welch gespenstisches spektakel sich vor seinen augen abspielt wie noch nie in seinem leben steht er so ruhig auf dem boden unfähig auch nur einen finger gegen andere zu erheben mit so einer wut im bauch im kopf und im herzen und ist verdammt zuzusehen wie das feuer genüsslich auf das zimmer übergreift hab und gut verschlingt auch wenn er sich nicht damit abfinden will werner spürt auch wie die hitze allmählich näher und näher kommt heißer und heißer das feuer sich an ihn heranfrisst und es züngelt auch schon nach ihm als ob es ihm in gemeiner absicht sagen will das beste zum schlussssssssss

dieses teuflische phlegma bemächtigt sich seines innenlebens und geht über in eine angenehme gefühllosigkeit ist das der zustand der sogenannten erleuchtung oder sonst was denn all sein ärger seine wut sind mit einem mal eingedämmt und lassen ihn die dinge in seltsamer gleichgültigkeit betrachten wie vorbeiziehende phänomene die ihn nichts mehr angehen als ob kein geschehnis positiv oder negativ bewertet werden kann ja er muss sich eingestehen dass jedes phänomen potenzial für beides in sich enthält wie ein haus das drauf und dran ist abzubrennen aber von dem man nicht sagen kann ob das gut oder schlecht ist denn anstelle eines abgebrannten hauses kann ja auch wieder ein schönes neues errichtet werden

in meinem kabinett höre ich vom wohnzimmer seltsame dinge ich bin mir nicht sicher ob sie aus dem fernseher kommen oder nicht werner schaut ja immer wieder die seltsamsten filme an diesmal aber klingen die geräusche anders und was mich auch stutzig macht ist dass es seltsam riecht nämlich verdammt nach brand irgendwo muss es brennen aber wenn in der stadt tiefdruck herrscht besonders in der kalten jahreszeit wie jetzt dann wird der geruch des hausbrands nach unten gedrückt was ekelhaft riecht diesmal aber riecht es intensiver stechender irgendwie nach plastik und zusammen mit den geräuschen ist alles doch sehr seltsam ich gehe erst zur tür und horche als ich ein sausen und knacken höre und auch ein knistern vorsichtig sperre ich die tür auf und werfe einen blick zuerst zum tisch wo gewöhnlich werner sitzt dort aber sitzt niemand dann wende ich meinen blick zum fernseher und da sehe ich wie sich feuer bereits am boden und an den möbeln festgefressen hat und was ist das werner steht umringt vom feuer wie eine statue still doch schreiend mit aufgerissenem mund und augen vor dem fernseher und fixiert ihn wie besessen der nur noch ein schwarzer unkenntlicher klumpen ist die flammen haben werner eingekreist und ich rufe mehrmals seinen namen jedoch ohne regung ein schauerlicher anblick sobald ich näher komme spüre ich die unausstehlich große hitze die mir entgegenschlägt ich schaffe es nicht näher an ihn ran alles geht so schnell wie konnte es nur so weit kommen es ist verdammt heiß was mir den schweiß auf die stirn treibt

wenn ich nicht zu ihm komme muss ich die feuerwehr rufen schnell ich sehe wie kleidungsfetzen an werners körper brennen und sich tiefer und tiefer in seine haut fressen braune flecken bilden wie ist es nur möglich denke ich dass er so still wie angewurzelt dasteht und diese katastrophe erträgt mein nächster impuls ist flucht hinaus aus der wohnung ins stiegenhaus aber verdammt auch das geht nicht mehr dazu muss ich an werner und dem feuer vorbei dort aber brennt es bereits so heftig dass ich nur noch zur balkontüre eilen kann mit meinem händen und armen meine augen schützend ich reiße die gekippte balkontür auf und flüchte mich ins freie kein telefon habe ich bei mir mit dem ich die feuerwehr verständigen kann ach was will ich doch gar nicht dass die feuerwehr kommt das feuer soll ihn fressen mit genuss diesen miesen typ mit haut und haar verzehren bis nichts mehr übrig bleibt ich will ihn nicht mehr sehen die feuerwehr darf nicht kommen soll nicht kommen

nervös tripple ich am balkon hin und her und versuche einen blick noch in das zimmer zu werfen aber die augen brennen mir sofort vom mittlerweile schwarzen giftigen rauch der ins freie qualmt kaum kann ich in dieser flammenhölle was erkennen aber ich bin mir sicher dass dort wo die flammen am höchsten schlagen dort steht einer den jetzt der superoxidationsprozess gerade in seine einzelteile zerlegt und du gutes feuer tu mir den gefallen nimm doch gleich die weißen schleiflackmöbel mit …

Fritz Schuler

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 16114

Buschfleisch

Ich tue dasselbe wie mein Vater und wie schon mein Großvater: Ich lebe im Busch, ich jage, um zu essen, ich ziehe mit den Antilopen. Es gibt Gras, oder es gibt kein Gras, Bäume nicht viele, es gibt Tümpel, von denen die Tiere trinken, und auch wir Menschen.
Mein Stamm nennt das Land „Sonnenland“. Groß steht die Sonne am Himmel, und nur sie kann die Urheberin vom allem hier sein.
Ich lebe in einer runden kleinen Hütte, meine Frau bestellt den Boden, unsere Kinder sind noch klein. Es ist dasselbe Leben tagein, tagaus, nur die Regenfälle unterbrechen es, dafür ist es gut, dass wir die Hütte haben.

Aber seit gestern ist etwas anders. Wir hörten Donnerhallen, aber es gab kein Gewitter, ich wartete, bis es dunkel war, dann schlich ich mich in die Gegend, von wo der Donnerhall gekommen war.
Und da sah ich aufgehängt, ohne Fell und geflämmt, einen Luchs, ein Zebra, und am Boden liegend ein Nashorn, alle mit geöffnetem Bauch. Buschfleisch, um es zu essen. Und auch Ngolo sah ich, meinen Nachbarn, vorne geöffnet und hinten geflämmt, um ihn haltbar zu machen.
Heute wird die Jagd weitergehen, und wir sind die Tiere.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 16072

Das Pack

Kurt konnte nur am Sonntag schreiben. Die anderen sechs Tage der Woche arbeitete er im Herrenmoden-Geschäft seines verstorbenen Onkels. Allzu ernst nahm er sein Schreiben nicht; es war im Grunde nicht mehr als eine Beschäftigungstherapie, die ihm der Arzt wegen seiner angeschlagenen Nerven empfohlen hatte. Er litt an Schlafstörungen, weigerte sich aber, Medikamente zu nehmen. Das Schreiben lag ihm noch am ehesten, im Gegensatz zu Zeichnen, Porzellanmalerei, Origami oder Ikebana, was der Doktor auch noch vorgeschlagen hatte. Immerhin hatte Kurt bis zum Antritt der Onkel-Erbschaft in einem Sachverlag für Ornithologie gearbeitet, wenn auch nur als Buchhalter.

Der Sonntag Mitte Juli war ein heißer Tag. Kurt saß im Unterhemd an seinem Schreibtisch, die Fenster waren geschlossen, die Jalousien halb heruntergelassen. Vor ihm lagen mehrere Schulhefte, die zwanzig Bleistifte parallel ausgerichtet, Radiergummis in verschiedenen Größen und Farben, Spitzer, Büroklammern, Klebstoff und ein Stoß mit einzelnen A4- Blättern, haargenau gestapelt an der rechten, oberen Ecke des Tisches. Er hatte immer schon die Gewohnheit gehabt, auch im Verlag, alles vorzuschreiben. Erst wenn er zufrieden war, übertrug er das Geschriebene in ein Heft. Die verworfenen Zettel verbrannte er sofort im Waschbecken der Küche, damit er es sich nicht anders überlegte und zu tüfteln anfing. Dieses an Sonntagen wiederkehrende Vorgehen beruhigte ihn und gab ihm eine gewisse Sicherheit, dass er mit seiner Schreibtherapie Fortschritte machte. Es war seine Form der Kontingenz, mit der Welt in Verbindung zu stehen. Zwei Vogel-Geschichten hatte ihm sein alter Verlag schon abgenommen.

Er war nun etwa dreißig Minuten an seinem Tisch vor den leeren Blättern gesessen, konzentriert und gerade lange genug, um die Ahnung einer Idee für einen Ansatz zu finden, den er heute bearbeiten wollte: „Die Zugvögel am Schwarzenbach vor dem Aufbruch“, da hörte er die Männer kommen, vier oder fünf. Es war früher Nachmittag. Unter lautem Reden und Lachen bogen sie von der Schwarzenbachstraße mit dem Katzenkopflaster auf den kleinen, asphaltierten Platz der Reihenhaussiedlung ein. Wie das klang, mussten zwei von ihnen genagelte Schuhe anhaben.

Hei Börni, heute bist du dran.
Los, Walter, immer drauf.
Nein, ich will heute nicht ins Tor, soll doch der Karli.
Oida, kannst dich gleich wieder schleichen, wenn du nicht, du A….
Ok, geh ich halt ins Tor.
Maarioo, hier rüber, mach schon, du oida Beidl!

Wumm, plopp, wumm, plopp – schon krachten die Schüsse in unregelmäßigem Stakkato an des metallene Garagentor, das die Männer als Goal benutzen. Der ganze Platz hallte wider, die in einem Halbrund stehenden, zweigeschoßigen Häuser warfen die Geräusche einander zu und vervielfältigten den Lärm zu Dauerexplosionen. Tore schießen, das machten sie die ersten dreißig Minuten immer als Aufwärmübung. Vergeblich hoffte Kurt, dass es nachlassen würde. Er kaute hinten an seinem Faber&Faber-Bleistift Nr. 5, extra hart, und nahm sich zusammen, nicht aufzustehen und beim Fenster hinauszuschauen. Das Gebrüll ging weiter, aber er musste das Treiben auf dem Vorplatz nicht mit eigenen Augen sehen, er hörte alles und hätte ihr Spiel so gut kommentieren können wie der legendäre blinde Sportreporter Stanley Howell von den Chicago Dodgers.

Die Schlacht tobte keine zwanzig Meter von seinen Fenstern entfernt. Sie schrien, grölten, beschimpften und beleidigten einander auf das Unflätigste, wie es echte Sportsfreunde nie gemacht hätten. Aber das war nur Kurts Vermutung, da er seit dem Zwang in der Schule nie freiwillig Sport betrieben hatte.

Wumm, wumm, plopp, plopp, die Treffer knallten ans Garagentor, das auch noch dumpf nachhallte wie eine schlecht gestimmte Glocke. Sie lachten und grölten und feuerten einander an. Sie sprangen herum wie Ziegenböcke ohne Ziel und Spielregeln, sie achteten absichtlich nicht aufeinander, sie tobten mit angezogenen Knien und ruderten mit den Armen in der Luft. Kurt hatte den Eindruck, dass sie gar nicht zusammenspielen wollten, sondern nur Krach schlagen, andere Leute ärgern und Spaß daran haben.

Er meinte, trotz der geschlossenen Fenster, die Schallwellen in seinem Zimmer zu spüren, wenn das Metalltor unter den Balltreffern in Schwingung kam. Aber er hatte ja angeschlagene Nerven, sagte sein Arzt, und sollte sie mit dem Schreiben beruhigen.

„Verdammt, diese blöden Blumen stören mächtig. Ich hab keinen guten Blick aufs Goal. Reiß sie aus.“ Kurt fuhr zusammen, als hätten die Worte ihm gegolten. Erst vor wenigen Wochen hatte er links und rechts von der Garage einige Reihen mit Stiefmütterchen, Lobelien und Hortensien gepflanzt. Eigentlich nur verpflanzt. Denn eines Sonntags an seinem Schreibtisch am Fenster war ihm aufgefallen, dass sie im Schatten der Garage, zwischen den Colonia-Kübeln nicht die geringste Chance zum Überleben hatten. Da kam kein Sonnenstrahl hin, zu keiner Zeit des Tages. Der Hausmeister war ein Faulpelz und Säufer, der nur im Schwarzenbachstüberl herumhing und sich um nichts kümmerte. Außerdem hoffte Kurt, dass durch die höheren Hortensien das fleckige Rosttor bald nicht mehr zu sehen sein würde. Pflanzen, das war eigentlich gar nicht sein Gebiet, wenn überhaupt Natur, dann waren es bei ihm die Vögel. Sie sind unter allen Tieren die unschuldigsten, harmlosesten, die, die keinen Schaden anrichteten, fand er. Auch ihr Fliegen und Flöten gefiel ihm, und am Steyrer Schwarzenbach gab es viele Arten. Aber seit er diesen Schritt gemacht hatte, waren die mickrigen Blümchen und Büsche die Seinen, er pflegte sie und schaute von seinem Fenster mit Wohlgefallen auf sie hinüber, wie sie sich an der sonnigen Vorderseite der Garage zu erholen begannen.

Torwart Börni, der mit den zu langen Sporthosen und dem zu großem Bauch darüber, war im Blumenbeet gestolpert, hatte ein Tor abgekriegt und viele Hohnworte von seinen Kumpels geerntet. Er bekam einen Wutanfall, begann in den Pflanzen zu wühlen und nach ihnen zu treten; er riss die kaum angewachsenen Blumen aus der Erde und schleuderte sie nach allen Seiten.

„Verdammte Scheißblumen, blöde.“
„Gib a Ruh, Börni, reg dich nicht auf, wir machen Pause, ich hol uns was zum Trinken.“

Kurt riss sich, ohne an seinen Vorsatz zu denken, von seinen weißen Blättern los, machte das Fenster auf und rief mit ungeübter, brüchiger Stimme hinunter:
„He, Sie da, lassen Sie meine Blumen in Ruhe!“
Viel zu leise, viel zu höflich, Kurt wusste sofort, dass ihn diese Barbaren überrennen würden.

„Geh Oida, was willst du? Gehört der Platz vielleicht dir? Bist du der Hausmeister oder der Gärtner?“
Die anderen Spieler bogen sich von Lachen, johlten, schlugen sich auf die Schenkel oder einander auf den Rücken und kickten die Blumenstöcke über das Spielfeld. Wenn sie ihnen zwischen die Füße kamen, trampelten sie darauf herum wie kleine Kinder im Schlamm.

„Soll ich dir vielleicht ein Fenster einschlagen, du A…magst du das, ja?“
Mit dieser lustigen Idee erntete er wieder beifälliges Gejohle.
Der große Börni mit dem fetten, mit Sommersprossen gesprenkelten, schweißgebadeten Körper lachte grob und warf ein Stiefmütterchen in die Richtung seines Fensters.

Die Äußerung war ihm gegen jede Gewohnheit entfahren, weil er so zurückgezogen lebte und sich nie um anderer Leute Sachen kümmerte. Zusätzlich zum Herrenmoden-Geschäft im Zentrum der Kleinstadt Steyr hatte Kurt auch noch diese zweigeschossige Haushälfte in der Genossenschaftssiedlung am Schwarzenbach geerbt. Er lebte darin allein im Oberstock, das Erdgeschoß hatte er bei der Gemeinde zur Vermietung an Flüchtlinge angemeldet.

Eigentlich sollten sie schon da sein, sie waren ihm für Anfang des Monats angekündigt worden, ein Mann von der Gemeinde und eine Sozialarbeiterin hatten die Zimmer besichtigt und waren zufrieden. Auch der Hobbykeller, den sie benützen durften, hatte ihr Gefallen gefunden. Fünf junge Burschen aus Eritrea und Somalia sollten hier wohnen, minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, muF hieß das auf der Gemeinde. Kurt wusste nicht, warum sich ihre Ankunft verzögerte. Er wusste auch nicht so genau, ob er sich auf sie freute. Aber weil er sein Geschäft bald verkaufen und sich ganz zurückziehen wollte, hatte er sich nach etwas Neuem umgesehen. Ob das gutgehen würde? Wichtiger war ihm, dass bei ihm, je älter er wurde, das Bedürfnis wuchs, seinem Vater und Rudi etwas von ihren ungelebten Jahren zurückzugeben. Als könnten sie dann weniger tot sein. Seine Mutter hatte zwar überlebt, konnte aber diese Austreibung nie verwinden. Kurt war sich bewusst, dass das ein Teil seiner Todesfresser-Religion war, die er für sich erfunden hatte und allen anderen Religionen mit ihren Paradiesen, Seelenwanderungen und Jüngsten Tagen vorzog.

Kurt hatte sein Testament – und er hatte kein unbeträchtliches Vermögen – so geändert und beim Notar Dr. M. hinterlegt, dass alles eine Stiftung bekommen soll, die unbegleitete Flüchtlinge, junge Steyrer Arbeitslose, oder drogenabhängige Schulabbrecher fördern würde. Da hatte er der Gemeinde ein schönes Kuckucksei ins Nest gelegt. Kurt kicherte vergnügt in sich hinein, wenn er an die betretenen Gesichter der Stadträte bei der Testamentseröffnung dachte, ein Mordsspaß ist das.

Er selbst hatte zu viel Glück gehabt, meinte er, nach diesem schrecklichen Anfang, nach dem Anfang mit Schrecken, und deswegen hat er sich immer geduckt, damit ihn das Leben in Ruhe ließ. Er wollte dem Leben keine Gelegenheit geben, sich an ihm zu rächen für sein Überleben. Dass er als Dreijähriger ganz oben auf den Koffern und Binkeln in dem kleinen Leiterwagen saß, an das erinnerte er sich, wie ein König zog er durch die Landschaften der Märchenbücher. Seine Mutter ging vor ihm und zog den Wagen mit der Hand, auf ihrem gebeugten Rücken trug sie noch einen Rucksack, viele andere Leute waren da, lange Reihen ohne Ende, das sah er noch ganz genau. Er fand das lustig, schrie hü-hott und fuchtelte mit einem Weidenzweig herum. Die Mutter sang immer Hopphopphopp, Pferdchen lauf gallopp, und: Hoch auf dem gelben Waahaagen, sitz ich beim Schwager vorn, schlaf, Kurti, schlaf, was das abgebrannte Pommerland mit dem Vater zu tun hatte, hatte er nicht verstanden. Weiter, immer weiter: Aus grauer Städte Mauauern, zieh‘n wir durch Wald und Feld. Gleich sind wir da, wir machen einen Ausflug zum Onkel, Vater ist auch bald wieder bei uns. Dass sie dabei weinte, konnte er nicht sehen. Mehr eigene Bilder hatte er nicht, die anderen kamen wahrscheinlich von den Erzählungen der Mutter und des Onkels, vom Todesmarsch aus Brünn nach Steyr. Angeblich hatte er einen kleinen Bruder, den Rudi, der die Austreibung aus dem Sudetenland nicht überlebt hatte. Der Vater-Soldat die Ostfront auch nicht. Als das nach dem Krieg feststand, hatte ihn Onkel Heinrich, der reich gewordene Bruder der Mutter, adoptiert. Er bekam von ihm und seiner Frau, der Tante Vroni, auch den schönen deutschen Namen Nemetz.

Die Männer da draußen waren zwischen dreißig und vierzig, zwei waren wirklich sehr groß und sehr dick, der rote Börni und der dunkle Walter, der jetzt, die Arme voller Bierdosen, von der Tankstelle zurückkam. Alle hatten da und dort Tätowierungen, aber Walters Körper hatte keinen Fleck ohne Bilder oder Schriften. Sogar die Glatze war bedeckt von Girlanden mit Stacheldraht, Totenköpfen und runenartigen altdeutschen Buchstaben.

Dieses Pack, der Lärm am Sonntag und nun gegen die Blumen. Seine? Ja, es waren schon seine geworden, irgendwie. Wahrscheinlich wussten sie, dass er sie gepflanzt hatte. Kurt schloss das Fenster, ließ die Jalousien ganz herunter und ging in die Küche, um sich das Gesicht kalt abzuwaschen. Dann setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch am Fenster, mit schwachen Knien und rasendem Herzen und streckte die Hände auf den Knien aus, sie zitterten. Der Bleistift rollte kraftlos aus den Fingern und fiel zu Boden. Er hob ihn nicht auf, es war sehr heiß im Zimmer. Wenn ich ein Gewehr hätte, würde ich jetzt schießen, zog es Kurt durch den Kopf, obwohl er noch nie ein Gewehr in Händen gehalten hatte.

Jetzt hörte er, wie im Nachbarhaus ein Fenster geöffnet wurde. Kurt spannte den Rücken, das ist gut, Herr Leitner öffnete sein Fenster, er würde auf seiner Seite sein.
„Hallo, Sie da, wissen Sie nicht, dass man hier nicht Ballspielen darf? In der Einfahrt ist ein Verbotsschild, da steht es drauf. Hier leben arbeitende Menschen, die Menschen wollen schlafen! Ich hol die Polizei, gehen Sie weg.“
Herr Leitner war Nachtportier in der Lokomotiv-Fabrik und wollte am Sonntag ausschlafen.
„Na und, dann schlaf halt, marsch, ins Bett, Opa, und hol ruhig die Polizei!“

Sie kreischten und heulten und hatten einen Mordsspaß miteinander. Walter zielte mit seiner Bierdose auf Leitners Fenster, Kurt spürte, wie sie knapp an ihm vorbeiflog, einen Augenblick in der Luft hängenblieb und dann an der Mauer abprallte. Walter nahm sich eine neue Dose und spuckte zwischen seine gespreizten Beine auf den Boden. Der rote Börni rief etwas Obszönes, wackelte mit dem Becken und griff sich zwischen die fetten Beine. Herr Leitner schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: Na so was, und das bei uns. Das gibt’s nicht. Dann schloss er laut krachend die beiden Flügel seines Fensters zusammen und zog die Vorhänge vor die Fenster.

Kurt wusste, dass es keinen Sinn hatte, die Polizei zu rufen. Er war schon auf dem Posten gewesen und hatte von der Belästigung an den Sonntagnachmittagen berichtet. Der Beamte lächelte nur süffisant und meinte: „Naja, wenn die Leute Sport betreiben wollen, soll man sie nicht aufhalten. Ist doch gesund, oder?“ Die anderen Beschwerden hatte er dem Polizisten gar nicht mehr vorgetragen, auch nicht, dass die Genossenschaft eine Verbotstafel aufgestellt hatte. Er wusste, dass der zur selben Sorte Unmensch gehörte wie die Ballspieler, nur dass er eine Uniform trug.
Das Geschrei der fünf da unten nahm an Lautstärke zu, das Bier befeuerte offenbar ihre Stimmung. Sie saßen im Blumenbeet vor der Garage, die Beine weit ausgestreckt und prosteten sich mit den Dosen zu, legten den Kopf weit in den Nacken und tranken in vollen Zügen.

Kurt hielt es nicht mehr aus in seinem Zimmer, das Schreiben konnte er für heute vergessen. Die Bilder von den Zugvögeln, die sich auf den Telegrafendrähten zum Abflug sammelten, waren zerronnen wie Öl in einer Wasserlacke. Er zog sich ein Hemd an, schlich auf den Korridor und durch das Treppenhaus zur Hintertüre hinaus.
Dort lag ein alter Kaiserziegel, den er zum Offenhalten benützte, wenn er den Müll hinaustrug. Normalerweise schob er ihn nur mit dem Fuß hin und her, jetzt nahm er ihn auf und wog ihn in der Hand, vier, fünf Kilo wird der schon haben. Ohne ein Geräusch zu machen, gelangte er unbemerkt durch den kleinen Hinterhof, vorbei an der metallenen Wäschespinne an die Rückseite der Garage. Vorsichtig kletterte er über die Mistkübel auf das nach hinten abgeflachte Dach, legte sich auf den Bauch und atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. Dann schob er sich vorsichtig an den Rand des Garagendaches, geräuschlos und millimeterweise, bis er kippte. Er hörte einen dumpfen, ordinären Aufprall und einen hässlichen Fluch.

„Verdammt, was war das? Das war sicher der Kerl da oben.“
Das war Börnis Stimme, die jaulte wie ein getretener Hund.
„Einen Arzt her“, schrie Walter und riss sein Handy aus der Hosentasche.
Auch Karli begann wie wild zu telefonieren, Mario und der fünfte Kerl kümmerten sich um die Wunde. Sie wickelten dem verletzten Börni ein T-Shirt um den Kopf, halfen ihm auf die Beine und schleppten ihn fluchend und Fäuste schüttelnd über den Platz auf die Schwarzenbachstraße. Der letzte nahm noch einen Stein vom Straßenrand und schleuderte ihn auf Kurts Haus. Er krachte gegen die geschlossene Jalousie und fiel polternd zu Boden.

Mit pochendem Herzen lag er ganz flach auf dem Garagendach und lauschte in die Stille. Gleich würden sie kommen, nichts da, sie kehrten nicht zurück. Aus der anderen Haushälfte sah er später die alte Frau Huber herauskommen, die am Abend immer ihren Hund ausführte.

Als sie verschwunden war, kroch Kurt vom Dach und schlich zurück in seine Wohnung. Minutenlang saß er reglos am Küchentisch, hörte dem Pochen des Blutes in seinen Ohren zu, bis sich seine Nerven soweit beruhigt hatten, dass er aufstehen und zum Waschbecken gehen konnte. Er spritze sich Wasser ins Gesicht, goss sich dreimal Wasser ins Glas und trank es in kleinen Schlucken. Langsam beruhigte sich auch sein Atem. Er horchte in das Treppenhaus hinaus und zum Telefon hinüber. Jetzt wird die Polizei kommen, dachte er, in fünf Minuten sind sie da, in zehn. Nichts kam. Es war lange Zeit vollkommen still, bis er die alte Frau Huber zu Herrn Leitner vor der Haustür sagen hörte: „Na, heute haben Sie die Banditen aber schön verjagt.“ Der verschlafene Leitner brummte etwas Unverständliches, und Frau Huber meinte noch, dass es am nächsten Sonntag sicher regnen würde. Ihr alter Spaniel kläffte ein paar Mal zu Herrn Leitner hinauf, der im offenen Fenster lehnte.
Immer noch hörte Kurt den dumpfen, hässlichen Aufprall des Ziegels und malte sich aus, wie er Börnis Schädeldach eingeschlagen und sein Gehirn zerquetscht hatte.
Noch einmal vergingen zehn Minuten, 20, 30, das Pack kam nicht zurück, keine Polizei war zu sehen, und auch das Telefon klingelte nicht.

Die Furcht kroch in ihm hoch. Ob sie unten auf ihn warteten? Sicher war Börni schon im Spital, schwerverletzt, oder war er gar schon gestorben? Man bringt doch keinen Menschen um, nur weil er am Sonntag unter dem Fenster Fußball spielt, auch wenn einem danach zumute wäre. Kurt hielt wieder den Kopf unter das kalte Wasser und wollte sich Kaffee machen, stellte aber fest, dass er gestern vergessen hatte, welchen einzukaufen, weder Kaffee noch Milch waren im Haus. Kurt nahm eine kalte Dusche, zog sich frische Sachen an und wartete bis zum Einbruch der Dunkelheit, dann schlich er über Umwege zur Tankstelle und besorgte Milch und Kaffee. Auf dem Rückweg begegnete er der Frau Leitner, die ein paar Stunden in der Fabrikskantine putzte.
“Grässlich war das heute wieder. Mein Mann muss einmal aufbleiben und sich das anhören, er soll die Polizei holen, damit der Wirbel ein Ende hat. Der Hausmeister ist auch nie da, wenn man ihn bräuchte. Aber wir müssen ihn bezahlen, und zu Weihnachten kriegt er auch noch Mordstrinkgelder.“
„Ja, Sie haben Recht“, antwortete Kurt einsilbig; sie verabschiedeten sich vor dem Haus, und ein jeder ging in seine Hälfte.

Als er sich mit dem frischen Kaffee ins Zimmer setzen wollte, sah er, dass alle Fenster eingeschlagen waren, der Teppich mit Glasscherben übersät war und von den fünf Steinen einer in seinem Bett lag. Dieser war mit einem Stück Papier umwickelt, auf dem Kurt lesen konnte: Kein NEGERPACK in unserem Viertel! DU BIST DER NÄCHSTE! WIR KRIEGEN DICH!

Die Jalousien hingen zerfetzt in den leeren Fensterhöhlen. Kurt holte Besen und Schaufel und machte sich ans Aufräumen. Dann schaltete er das Licht aus, setzte sich im Unterhemd an den Tisch und schaute im Finstern aus dem Fenster. Deutlich konnte er die fünf Gestalten sehen, die unter der Laterne auf der Schwarzenbachstraße an der Einfahrt zum Parkplatz standen und zu seinem Haus herübersahen.
Was wollten sie noch? Glas zum Zerschlagen gab es keines mehr. Feuer legen? Brandbomben werfen? Ihren Kumpan rächen?
Kurt war schwindelig, und er setzte sich auf das Bett: ratlos, verwirrt und plötzlich sehr, sehr müde. Sie waren zu fünft da draußen, das hieß, dass der rote Börni nicht tot war.
Langsam stiegen Freude und Erleichterung in ihm hoch, breiteten sich bis in den Kopf aus und füllten seine Augen mit Tränen. Morgen wollte er die Blumen wieder einpflanzen.

Veronika Seyr
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