Das absolute Nichts

Das ist das absolute Nichts, das allumfassendste Überhauptgarnichts. – Ich bin wach, ich bin ganz sicher wach. Ich bin da. Ich spüre aber nichts. Spüre ich was? – Nö.
Sehe ich, höre ich? Kann nicht die Rede davon sein, welche Rede? Ich kann ja auch nicht sprechen, auch wenn ich wirklich will: Hallo, alle miteinander! Ist da jemand?
Ich hab das nicht gehört, obwohl ich’s gesagt hab. Ich rufe. Wahrscheinlich hat das auch niemand gehört, vielleicht kann ich gar nicht rufen. Noch einmal: Hallo?!
Also ich hab’s nicht gehört. Wie soll das dann wer anderer hören? – Kann ich nicht nur nicht rufen oder bin ich auch taub? Ich höre jedenfalls nichts. Höre ich was? Nein.
Ich spür auch gar nichts.

Was gibt’s sonst noch, außer sehen und hören und spüren, ... ja: Riechen! ... Ich rieche aber auch nichts. Was ist das? Bist du der Himmel? Das Fegefeuer? Die Hölle?
Nein. Ich bin da, irgendwie zumindest. Und ich hoffe sehr, diese Sache jetzt möglichst schnell regeln zu können, hab schließlich anderes zu tun. Hoffentlich bin ich nicht tot und der ganze Zinnober hat nichts mit Religion zu tun.
Aber: Ich denke, also bin ich, ergo sum. Haha! – ja, ich denke ... also bin ich ... aber was?
Wer bin ich? Was bin ich? Ich bin ein Mann. Ja. – Und es gibt Frauen, aber ich bin keine, haha, ich bin ein Mann, das spür ich.
Spür ich was? – Eigentlich nicht. Wie geht Spüren? Ich werde jetzt meine Hände spüren, ich werde jetzt den Stinkefinger zeigen, den rechten Mittelfinger strecken – ich würde jetzt gerne sehen, ob er sich bewegt, bewegt er sich?

Aber da: Da ist doch was, ich spür was. Ist das im Kopf, im Herz, auf der Haut? Da! Ich hab es schon wieder gespürt, ich glaub, es war in der Nase, so ein ganz leichtes Kribbeln. Na eben.
Ich spüre was in der Nase, also bin ich. Also ... ich weiß, wo meine Nase sitzt ... gespürt habe ich da aber eigentlich nichts.
Sehen? – No; Spüren? – No; Hören? – No; Riechen – No. Aber Denken? – Yes.
Denken gehört nicht zu den fünf Sinnen. Sehen, Hören, Riechen, Spüren – was gehört, verdammt noch einmal, noch dazu? Fluchen sicher nicht.
Ah! Schmecken! Aber was soll ich schmecken, wenn ich nicht in ein Steak reinbeißen kann? Flößt mir ein Bier ein, damit ich weiß, ob ich schmecken kann ...
Ihr? Ja, es gibt andere. Es gibt andere und irgendwann wird wer kommen, und dann werd ich ... was werd ich dann ...? Ich werde gar nichts machen können – ich kann mich jetzt nur konzentrieren.

Ha! Ich hör was ... ich muss mich konzentrieren.
Ja, ich höre was. Aber was?
Es ist ein leises, grunzendes, ja zufriedenes Schnarchen. Juhuu, ich kann wieder hören: Es macht ‚grunz-schnarch-grunz-schnarch’! Da ist wer! Wer ist da? Wer schläft da neben mir?
Nein. Da ist niemand, es ist der Atem. Gut. Es ist mein Atem. Ich atme! Er klingt zwar ungesund, aber immerhin. Ich höre jetzt, ich atme!
Das ‚Grunz-schnarch‘ ist jetzt mehr ein ‚Duff-duff, duff-duff‘. Das könnt mein Herz sein. Haha! Mein Herz pumpt! Mein Herz pumpt und ich atme! Ich lebe! Jetzt klären wir noch den Rest und dann geht‘s weiter, ich habe viel zu tun.
Das Duff piepst jetzt auch. Jetzt macht es Pieps, so wie vorher das Duff!  – Immer wenn es Duff macht, macht es auch Pieps. Es ist mein Herz! Ich spür was, hör was, atme und mein Herz piepst – ich lebe! – Hurra, ich lebe.
Ha! Ich liege im Spital. Schlimmer noch wahrscheinlich: auf der Intensivstation. Aber wieso?

Wer bin ich? Ich hab‘s: Ich bin Christian, Christian Oberegger, geboren am 27. Juni 1996 in Eferding an der Donau. Ich bin römisch-katholisch, hab meinen Militärdienst absolviert und soll am Montag ... ist heute schon Montag? ... nach Frankfurt fahren.
Warum wird das ‚Duff-duff‘ langsamer? Kann da, bitteschön, nicht wer kommen und sich um mich kümmern?!
Was war da los?
Ich war, wie es scheint, ziemlich betrunken. Ja.
Aber wo?
Haha, ja! Am Nachmittag haben wir es uns schon ziemlich besorgt, haha, ja genau, der Ferdi, der Andi und ich. Ja, hahaha, und dann sind wir nach Linz, der Andi ist gefahren.
Genau, haha. Dann hat es diese Sache mit dem Mädel gegeben, sie hat geschrien und ich, wir alle, wollten schnell weg. Ja, ich bin dann gefahren, das war sicher keine gute Idee, so wie ich schon beinander war.

Warum ist das ‚Duff-duff‘ so langsam?
Der Andi hat gesagt: Nimm den Schleichweg, auf der Hauptstraße stehen sicher die Bullen, das Mädel, weiß gar nicht, wie sie heißt, wir haben sie mitgenommen, das war die Idee vom Ferdi, das war nicht meine Idee, ich schwör‘s, sie hat die ganze Zeit geschrien, auch ihre Freundin oder Schwester, noch jünger als die andere, Andi hat sie ins Auto gezogen, kurz vorm Wegfahren.
Ich hör es: Da ist nicht nur das ‚Duff-duff‘, da piepst es jetzt auch.
Mitten im Nichts ist dann in der Kurve dieser vertrottelte Traktor gekommen, was will der da um diese Tageszeit, hab ich mir noch gedacht, wir sind volle Kanne reingekracht in ihn.
Warum hört das Tuten nicht auf, warum tutet es jetzt dauernd ...

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 16124

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