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Ins Stocken kommen 1 (Minihörspiel)

Zwei Stimmen, die erste weiblich, die zweite männlich

„Ich liebe dich!“
„Wie schön.“
„Wirklich!“
„Wie schöner.“
„Das ist doch kein richtiges Deutsch.“
„Aber es stimmt.“
„Stimmte das, wär’s ja noch schöner – so viel verstehe ich schon von unserer Sprache. Ach, man sollte Italienisch können, klingt gleich viel romantischer: Ti amo!“
„Verstehe ich nicht.“
„Du verstehst nicht, dass ich dich liebe? Du bist zum Verzweifeln.“
„Ich verstehe kein Italienisch.“
„Du bist halt eine Schweizer Krämerseele ohne Verständnis für Tiefe.“
„Das ist falsch! Wer rettete dich aus dem Wasser?“
„Das war nicht tief, ich konnte damals nur noch nicht schwimmen. Und romantisch war’s auch nicht, wie du mich am Hals hieltest.“

Martin Stankowski
www.stankowski.info

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17160

 

 

Sieben an der Zahl

Vorgeschmack

Das Zitat zum Morgenkaffee – unbeirrbar prangt es uns entgegen, in der Zeitung, im sozialen Medium unserer Wahl oder auf dem Kalenderblatt; und plump meist sein Versuch, uns gute Laune abzuringen für einen Tag, den das Schicksal für uns bereits mit dem Erwachen als gescheitert abgekanzelt hat; oder uns moralisch zu besseren Menschen belehren will, uns, deren graue Seelen abzuholen selbst dem Teufel zuwider ist – meist geschrieben von Dichtern und Denkern, die uns schon zu Schulranzenzeiten verhasst waren, und von denen wir nicht einmal Traum daran denken, jemals wieder ein Buch zu öffnen, geschweige ein Wort darin zu lesen.

Und dennoch, es gibt sie, diese Sätze, die uns innehalten, uns im Lesefluss innestocken lassen, deren abgrundtief hintersinniger Schalk uns ein Lächeln auf die Lippen treibt, ein Lächeln, das uns in atemberaubender Geschwindigkeit aus der Tiefe der Seele entgegenspringt, schneller als unser Verstand begreift, dass er diesen Satz verstehen will, und ihn andererseits auch nicht verstehen kann, unfähig, ihn in sein Archiv der tausend Schubladen zu pressen, denn immer wieder wird dieser Satz schräg und frech zwischen all den Karteikarten der Rechteckigkeit hervorlugen.

Sieben an der Zahl, die Sätze, aus der sich diese Collage zusammenstellt – mit völliger Absicht aus jedem Zusammenhang gerissen, in Unformen und Unordnung gebracht, mit Vor- und Nachgeschichtchen umgarnt, mit Sicherheit abseits jeder ursprünglichen Intention des jeweiligen Dichters, will sagen: mit einer kräftigen Prise Dada im Nacken …

 

EINS – Sich die Zeit genommen, um die Zeit totzuschlagen

Und die Anzahl der Dosen billigen Bieres verrät es, dass die beiden Nachtschwärmer, die vor dem Würstelstand im Nirgendwo einer Wiener Vorstadt gestrandet sind, nichts unversucht lassen werden, auch zu Morgengrauenschwärmern zu werden – denn allen Grund besitzen sie dazu:

„Kum, gemma endlich.“
„Kimma net.“
„Wiesodn?“
„Wir woatn auf Godot.“
„Ah jo!“

– Samuel Beckett: „En attendant Godot“

[‚Komm, gehen wir.‘ – ‚Wir können nicht.‘ – ‚Warum nicht?‘ – ‚Wir warten auf Godot.‘ – ‚Ach ja.‘]

 

ZWEI – Vor dem eigenen Türhüter in Ungnade gefallen

Und hatte es sich also doch ausgezahlt, dass er in diesem Straßennuttenviertel Roms einige Zeit lang seine Runden gedreht hatte, denn die puttana, die jetzt an dem offenen Seitenfenster seines abgeschabten Fiat Punto lehnte und die er zuvor noch nie wahrgenommen hatte, hatte es ihm angetan, und es waren nicht ihre überbordenden Brüste, die ihr viel zu schmales Top zu sprengen drohten; ihre Stimme war es, die gesenkt zu einem sirenenhaften Flüstern ihn ganz liebestoll werden lassen sollte:

„Ma lei non sa cos’è un uomo medio? È un mostro, un pericoloso delinquente, conformista, colonialista, razzista, schiavista, qualunquista.“

– Pier Paolo Pasolini: „La ricotta“

[„Sie wissen wohl nicht, was ein mittelmäßiger Mensch ist? Ein Monster ist er, ein höchst gefährlicher Verbrecher: ein Konformist, Kolonialist, Rassist, Nazist, ein Was-auch-immer-er-ist.“]

Und am nächsten Tag, bei hellem Tageslicht, ist er der Ausgewechselte, adrett im von seiner Frau sorgfältig gebügelten himmelblauen Hemd, und auch seine Krawatte zeigt sich in aller Senkrechtigkeit, während er in der Mittagspause in seiner Stammtrattoria nach dem Menü verlangt, das Liebesspiel der gestrigen, hitzig verschwitzten Nacht längst verdrängt; aber der Satz spukt ihm noch im Geiste um, und so wiederholt er ihn angesichts seines Stammkellners, den er mittlerweile zum Freund wähnt – und der nach kurzem Nachdenken ein verständnisvolles Kopfnicken von sich gibt:

„Sì, sì, signore, allora che prende da bere?“

[„Aber natürlich, mein Herr, und was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“]

 

DREI – Der Mut zum kurzgefassten Augenblick

Klein-Toni war es, der den begehrtesten Platz für sich hatte erhaschen können, der mit Ellbogen und Haareziehen sich gegenüber all den anderen Kindern auf dem Spielplatz hatte durchsetzen können und nun auf dem Schoß des Mannes sitzen durfte, den er zuvor noch nie gesehen hatte. Der vielleicht etwas streng roch und auch etwas zu viel schwitzte, in seinem abgeschabten Anzug und der schlecht gebunden Krawatte, aber eine Süßigkeit nach der anderen aus der Tasche zu ziehen wusste, und so manchen Luftballon. Und Geschichten zu erzählen wusste, spannender als all die Kindergartentanten, die wie üblich in einer langgezogenen Kaffee-, Zigaretten- und Tratschpause abhandengekommen waren – und in Bann gezogen hörte Klein-Toni dem fremden, märchenonkelhaften Mann weiter und weiter seiner Geschichte zu:

„Oder wie ein Blinder, der durchbohrende Blicke wirft. Oder wie ein Reiter im vollen Galopp ohne Pferd.“

– Alfred Polgar: „Exzentriks“

 

VIER – Die Hand gestreckt zum Sternengriff

Und schon leicht glasig die Augen des etwas aus der Zeit geworfenen kommunistischen Politfunktionärs, schmutzigglasig wie das Glas billigen Rotweins, das er als Salut an diesem Stammtisch einer speckigen Taverne in einem Arbeiterviertel Roms hebt, umringt von seinen letzten Getreuen, alle bereits in einem Alter, in dem sie Arbeitslosigkeit gegen eine schmale Rente getauscht haben, zu wenig zum Leben und erst recht zu wenig zum Sterben – aber sein glühendes Manifest hebt die Gemüter, lässt den alten Kampfgeist aufleuchten, wenigstens für ein Salute! lang:

„Se vogliamo che tutto rimanga com’è, bisogna che tutto cambi. Mi sono spiegato?“

– Tomasi di Lampedusa: „Il gattopardo“

[„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, wird es notwendig sein, dass alles sich ändert. – habe ich mich klar ausgedrückt?“]

 

FÜNF – Das Elternhaus zur Autobahnauffahrt geglättet

Und viel Zeit gibt er sich für die Antwort, so viel Zeit, dass es fast schon skandalös wirkt, dieser unberechenbare Künstler, der immer für einen Skandal gut ist, wenn es ihn wieder einmal danach gelüstet, in einer dieser Talkshows aufzutreten, weil er das Geld gut gebrauchen kann. Und den Schweiß unter den Achseln vermeint man dem Talkmaster ansehen, abriechen zu können, den Ausdruck seiner Angst, dass seine wohlbedachte Frage in falsche Antwortbahnen gerät – aber heute hat der ansonsten unberechenbare Künstler einen seiner stillen Tage, wirkt in Nachdenklichkeit versunken, nahezu versöhnlich seine Worte, mit der er die ihm gestellte Frage nicht im Geringsten beantwortet:

„Es wäre ja auch undenkbar, dass aus dem kleinbürgerlichen Provinzloch Linz, das seit Keplers Zeiten ein tatsächlich zum Himmel schreiendes Provinzloch geblieben ist, das eine Oper hat, in der die Leute nicht singen können, ein Schauspiel, in dem die Leute nicht spielen können, Maler, die nicht malen, und Schriftsteller, die nicht schreiben können, auf einmal ein Genie hervorgegangen wäre, als welches doch Stifter allgemein bezeichnet wird.“

– Thomas Bernhard: „Alte Meister“

 

SECHS – Beipackzettel zur Schachtel Aspirin

Es war das letzte von Medeas Kindern, der Jüngste, der mit den besonders vollen Locken und den fein geschwungenen Lippen, dem sie den zuckersüß warmen Gifttrank verabreicht hatte, dessen Kopf sie nun an ihrer Brust wiegte und mit folgendem Nachtlied in seinen ewigen Schlaf sinken lassen sollte:

„La morte è la curva della strada, morire è solo non essere visti.“

– Antonio Tabucchi: „Isabel. Una mandala.“

[„Der Tod ist die Kurve in der Straße; zu sterben heißt nichts anderes, als nicht mehr gesehen zu werden.“]

Generalpause – zwei, drei Takte schweigt alles vor sich hin.

Der Flügelschlag einer auffliegenden Taubenhorde ist es, der wieder Töne in die Landschaft der Sinneswahrnehmungen bringt, auf dieser eintönigen Piazza, auf der ein paar abgeschabte Kaffeehaustische stehen – und an einem von diesen sitzen die beiden Idioten, zwischen denen sich folgender völlig sinnentleerte Gedankenaustausch zum obigen Satz entspinnt, während sie mit den Löffeln klirrend den Zucker in ihre Espressotassen einrühren:

„Non più?“
„Non più.“
„Davvero, no?“
„No.“
„Sei sicuro?“
„Stai zitto – deficiente!“

[‚Mehr nicht?‘ – ‚Nicht mehr.‘ – ‚Wirklich nicht?‘ – ‚Nein.‘ – ‚Bist du dir sicher?‘ – ‚Halt die Klappe, du Trottel!‘]

 

SIEBEN –  Als würde Paris mich interessieren

Und ich sah es ihr an, dass ich sie nicht mehr halten konnte, hier in meinem geliebten Wien, in dieser Stadt, die sie so zu hassen gelernt hatte, in der ihr so viel Abneigung widerfahren war. Ich sah es ihrem Augenglühen an, dass es sie in andere Breiten trieb, zurück nach Barcelona, zurück nach Marseille, oder selbst nach Havanna, alles Städte, in denen sie auch nicht vermocht hatte, jemals heimisch zu werden. Aber einen Stempel wollte ich ihr setzen, in ihrem Gedächtnis, für die Zeit, die wir miteinander verbracht hatten, hier, wo wir uns gegenseitig abgelitten und abgerieben hatten, bis uns die Wunden zum Lecken zu tief geschnitten geworden waren. Und so brachte ich diesen letzten Toast aus, mit dem Glas Champagner in der Hand, mit dem ich gegen ihres stieß, auf unser gegenseitiges Addio. Und dass sie mich verstanden hatte, konnte ich an ihrem gleichzeitigen Weinen der Versöhnlichkeit und dem Aufschluchzen ihres Lachens ausmalen, und an dem letzten feinen Kuss, den sie mir gab – dass sie ihn in all seiner Fülle verstanden hatte, meinen letzten feinen Satz:

„Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.“

– Robert Musil: „Der Mann ohne Eigenschaften“

 

Ausklang

Genug der Worte, Schluss mit den Worten, müde bin ich ihrer – wohl an der Zeit, sich die Zeit zu gönnen, sich dem Schweigen hinzugeben, beim Morgenspaziergang durch einen ausladenden Park …

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17095

 

Konfrontation im Salzamt

1

Der Mann war unbemerkt in den Raum gekommen. Er hatte die Eingangstüre geräuschlos geöffnet und wieder geschlossen. Er stand eine Minute regungslos im Raum, dann wandte er sich um, kam an meinen Tisch und sagte: „Ist niemand hier?“
Damit meinte er, dass keine Kellnerin hinter der Bar stand und Dienst versah, und ihm dies offensichtlich missfiel.
„Das Mädchen schreibt gerade die Speisekarte“, gab ich zur Antwort.
Mein Freund Peter, der an meinem Tisch saß, musterte den Mann aufmerksamer, als er es für gewöhnlich bei fremden Menschen machte.
„Ich warte“, sagte der Mann, wandte sich zur Bar und steckte sich eine Zigarette an.

Peter sah mich fragend an. Sein Blick, das erkannte ich sofort, diente bloß einem Zweck. Ich schüttelte den Kopf und gab ihm damit zu verstehen, dass ich den Mann nicht kannte. Da ich in diesem Restaurant, das Salzamt heißt, Stammgast bin, war Peter davon ausgegangen, dass ich den Fremden kennen müsste.
Dieser stand an der Bar, sog den Rauch ein, presste ihn mit merklichem Genuss wieder aus seiner Lunge und sah sich im Raum um.
Er war um die fünfzig Jahre alt, etwa einen Meter achtzig groß und trug sein graues Haar akkurat kurz geschnitten. Seine Kleidung war von der Sorte, die man nicht in gewöhnlichen Geschäften kauft. Sie war maßgeschneidert, wie auch seine schwarzen Lederschuhe Maßanfertigungen waren. Trotz des offensichtlich hohen Preises seiner Ausstattung wirkte er keineswegs abgehoben, sondern leger. Er trug eine lockere Haltung zur Schau, die aus seinem Inneren kam und nicht aufgesetzt war, das merkte ich sofort.

„Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?“ Die Kellnerin war mit der Speisekarte fertig und in den Raum zurückgekommen, in dem sie Dienst tat.
„Guten Abend, Fräulein“, sagte der Mann freundlich. „Ich möchte einen Tisch für Donnerstag reservieren. Wir werden fünf Personen sein. Zwanzig Uhr wäre ideal.“
Das Mädchen trug die Reservierung in den eigens dafür bereitliegenden Kalender ein.
„Vielen Dank. Bis Donnerstag“, sagte er und machte sich auf den Weg zur Türe. Bevor er sie öffnete, blickte er mich an und zwinkerte mir zu. „Wir sehen uns, Michael“, sagte er, dann verließ er das Salzamt.
Nachdem er gegangen war, sagte mein Freund Peter: „Ich dachte, du kennst ihn nicht.“
„Ich – kenne – ihn – auch – nicht“, sagte ich leise und langsam.

Es hatte etwas in den Augen dieses Mannes gelegen, als er mich das zweite Mal angesprochen hatte, das mich beunruhigte. War er beim ersten Mal freundlich gewesen und hatte ein gutmütiger, beinahe warmer Blick seine Augen erleuchtet, so hatte seine Stimme kurz darauf einen bösen, kalten Ton angenommen. Weit mehr noch als seine Stimme hatte mich der Ausdruck in seinen Augen irritiert, und sogar verängstigt.
In diesen Augen hatte etwas gelegen, das ich nie zuvor gesehen hatte. Es war ein beinahe animalischer Ausdruck, etwas Unmenschliches, das zum freundlichen Blick von vorhin nicht gepasst hatte.
Außerdem hatte dieser Mensch meinen Namen gekannt, obwohl ich nicht damit angesprochen worden war, weder von der Kellnerin noch von meinem Freund.

„Was ist los mit dir?“, fragte Peter. „Geht es dir nicht gut?“
Ich atmete tief ein und behielt die Luft zehn Sekunden in mir – das ist meine Art, mit Panikattacken fertigzuwerden. Es funktionierte, ich wurde innerlich wieder ruhig und steckte mir eine Zigarette an.
„Es ist alles in Ordnung, Peter“, gab ich zurück.
„Woher kennt der Mann deinen Namen?“, fragte er, doch ich ging nicht auf seine Frage ein.
„Sag, Peter, hast du seine Augen gesehen, als er sich an der Türe umgedreht und mich angesprochen hat?“
„Natürlich. Sie waren gleich freundlich wie zuvor, als er mit dem Mädchen gesprochen hat.“
„Hast du eine Veränderung in seiner Stimme bemerkt?“
„Nein, habe ich nicht“, sagte er. „Was war denn mit seiner Stimme?“
„Sie war verändert. Sie klang eiskalt.“
„Eiskalt?“, wiederholte Peter verwundert. „Sag, bist du betrunken?“
„Nein, bin ich nicht. Lassen wir das Thema.“

Der Abend nahm den gewohnten Lauf aller Abende im Salzamt. Ich unterhielt mich mit meinem Freund, wir tranken Bier und konnten die Kellnerin dazu überreden, an unserem Tisch Platz zu nehmen.
Peter, der, anders als ich, einer geregelten Arbeit nachging, verließ das Restaurant um Mitternacht, und ich blieb mit dem Mädchen am Tisch sitzen. Nachdem die beiden anderen Stammgäste, die jeden Abend an der Bar stehen, das Lokal verlassen hatten, fasste ich mir ein Herz und fragte die Kellnerin: „Martina, ich möchte nicht neugierig erscheinen, und ich weiß dass mich das nichts angeht, aber ich habe eine Frage.“
„Ja?“, sagte sie und sah mich erwartungsvoll an.
„Hat der Mann, der den Tisch für Donnerstag reserviert hat, seinen Namen genannt?“
„Nein, hat er nicht. Weißt du denn nicht, wie er heißt? Er schien dich jedenfalls zu kennen.“
„Ich kenne ihn aber nicht. Sag, ist dir etwas an seiner Stimme aufgefallen, als er gegangen ist?“
„Nein, gar nichts.“

Zur Sperrstunde verließen wir das Salzamt, und ich ging nach Hause. Dort lag ich noch eine halbe Stunde wach im Bett und zermarterte mir den Kopf, was es mit diesem Mann auf sich haben konnte.
Kurz bevor ich einschlief, beschloss ich, bis Donnerstag nicht mehr an ihn zu denken.

2

Am Donnerstag betrat ich das Salzamt um siebzehn Uhr und setzte mich an meinen Lieblingstisch. Ich schlug mein Schreibheft auf und begann an einer Kurzgeschichte weiterzuschreiben, die ich Tage zuvor begonnen hatte. Claudia hatte Dienst an der Bar, was mir sehr gelegen kam. Sollte sich nämlich Ähnliches zwischen dem Mann und mir ereignen wie vor zwei Tagen, hätte ich eine unvoreingenommene Person bei der Hand.
Ich schrieb bis Viertel vor acht, dann legte ich den Stift weg und wartete auf das Eintreffen des Mannes mit seiner Entourage. Pünktlich um acht betrat er in Begleitung von vier Frauen seines Alters das Restaurant. Er würdigte mich keines Blickes, ließ sich bloß zu einem knappen Gruß an Claudia herab und ging schnurstracks in den Gastraum.

Ich war ein wenig enttäuscht, doch auch erleichtert. Ich versuchte an der Kurzgeschichte weiterzuarbeiten, doch fiel mir nichts ein, das es wert gewesen wäre, niedergeschrieben zu werden. Innerlich fragte ich mich in einem fort, was ich denn erwartet hatte, welche Handlung dieses Mannes.
Gegen zweiundzwanzig Uhr verließ er das Lokal samt seinen Begleiterinnen. Als er an meinem Tisch vorbeikam, legte er wortlos und ohne mich anzusehen eine in der Mitte gefaltete Papierserviette auf diesen.
Ich nahm die Serviette und klappte sie auf. Mit schwarzer Tinte stand darauf geschrieben: ‘Wir sehen uns, Michael Timoschek. Morgen – Salzamt – 21.00 Uhr – alleine!’

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Schrift hatte gleichzeitig etwas Feierliches und etwas Bedrohliches. Feierlich, denn Tinte auf einer Serviette wirkt edel, wie ich finde, und bedrohlich, weil die feinen Verästelungen in schwarzer Farbe, für die die Saugfähigkeit der Papierserviette verantwortlich war, mich an die Äste von dürren, abgestorbenen Büschen erinnerten, jenen auf Friedhöfen gleich, die auf verlassenen, ungepflegten Gräbern wachsen.
Claudia war nicht entgangen, dass der Mann mir eine Nachricht hatte zukommen lassen und dass ich diese gelesen hatte.
„Hat er dir seine Telefonnummer gegeben, Michael?“, fragte sie keck.

Ich faltete die Serviette zweimal und steckte sie in meine Hosentasche. Einen Augenblick lang war ich versucht, ihr die Wahrheit zu sagen, doch dann beschloss ich zu lügen. Ich fürchtete nämlich, die Kellnerin würde die Sache nicht verstehen und mich für endgültig übergeschnappt halten.
„Ja, Claudia, das hat er. Er hat mir auch seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben.“
„Wer ist er?“, fragte sie. „Er scheint reich zu sein.“
„Er ist sogar sehr reich“, fabulierte ich. „Ihm gehört ein großer Verlag, und ich habe ihm einige Manuskripte geschickt.“
„Das ist gut, Michael. Wird er ein Buch von dir herausbringen?“
„Ich hoffe es, Claudia. Morgen treffen wir uns hier und werden wohl wichtige Details besprechen. Es erfordert nämlich viele Gespräche, bis so ein Projekt auf Schiene ist, musst du wissen“, sagte ich.
Ich gab mich erfahren im Literaturbetrieb, obwohl ich kaum Ahnung davon hatte und habe.
„Das freut mich ja so für dich!“, rief sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Zur Feier des Tages geht dein nächstes Bier aufs Haus.“

Ich fühlte mich plötzlich mies. Ich hatte die herzensgute Claudia angelogen, weil ich zu feig war, die Wahrheit zu sagen – und als Lohn für meine Lügen sollte ich ein Freibier erhalten. Es schmeckte ausgezeichnet.
Nachdem ich das Glas ausgetrunken hatte, gesellte ich mich zu den beiden Stammgästen an der Bar und führte ungezwungen Konversation mit ihnen. Ich wollte mich von den Gedanken abbringen, die ständig durch meinen Kopf waberten – Gedanken an den nächsten Abend und an das, was der Mann von mir wollen mochte.

3

Am nächsten Tag konnte ich keine feste Nahrung zu mir nehmen, so aufgeregt war ich. Ich lief in meiner Wohnung umher, ich versuchte es mit einem Spaziergang am Donaukanal, doch nichts half. Ich überlegte, ob es Sinn machen würde, Peter anzurufen und ihn einzuweihen, doch entschied ich mich dagegen. Er hätte mir womöglich unterstellt, die Serviette selbst beschriftet zu haben. Fernsehen half ebenso wenig wie das Bügeln meiner Hemden, also verbrachte ich den Großteil des Tages im Bett und las.

Um zwanzig Uhr betrat ich das Salzamt und setzte mich an meinen Tisch. Brigitte hatte Bardienst. Sie war neu, und wir kannten uns noch nicht gut, also blieb sie an ihrem Platz hinter der Bar und setzte sich nicht zu mir. Dies war mir nur recht, denn ich war innerlich höchst angespannt und wollte meine Ruhe haben.
Um neun Uhr betrat der Mann das Lokal und setzte sich neben mich auf die Bank aus braunem Leder.
Ich schwieg, wollte ihn den Anfang machen lassen.
„Michael Timoschek“, sagte er.
„Und mit wem habe ich die Ehre?“, fragte ich.
„Mit dir selbst“, gab er zurück.

Ich blickte ihn verdutzt an, dann bedeutete ich der Kellnerin, an meinen Tisch zu kommen. Der Mann bestellte Bier. Ich machte ein paar Scherze, als Brigitte das Glas brachte, und sie lachte. Es ging mir nicht darum, das Mädchen zum Lachen zu bringen, ich wollte bloß Zeit gewinnen; Zeit, um mir eine Reaktion auf seinen Satz zu überlegen.
„Okay“, sagte ich und legte einen Tonfall in meine Stimme, als hätte ich es mit einem gefährlichen Irren zu tun, dem man mit Vorsicht begegnen sollte, um ihn nicht zu reizen.
„Schreiben, trinken, um Geld betteln. Das ist dein Leben“, stellte er fest.
„Nun“, mehr konnte ich nicht dazu sagen. Er hatte recht.
„Oberflächlichen Gören nachlaufen, faulenzen, dich in Träumereien verlieren. Auch das ist dein Leben“, fuhr er fort.
Ich schwieg.
„Wo führt das hin?“

Nun sah ich meine Chance gekommen, etwas über den mysteriösen Fremden in Erfahrung zu bringen.
„Ich vermute“, sagte ich, „dass es dahin führen wird, dass ich in etwa fünfzehn Jahren in einem Maßanzug und in Maßschuhen herumlaufen werde.“
Erst lachte er, dann trat wieder der unmenschliche Blick in seine Augen.
„Wer sind Sie?“, fragte ich. „Und woher zum Teufel wissen Sie, wer ich bin?“
„Ich bin Gustav Fischer. Und ich weiß, wer du bist. Ich weiß auch, was du bist.“
„Was bin ich denn?“
„Zur Zeit ein Poète maudit, das bist du.“
„Was sind denn Sie?“
„Ein Mensch, den du viele Jahre lang enttäuscht hast.“

Ich fühlte, wie sich eine gewisse Ungeduld in mir auszubreiten begann. Wenn ich Informationen erhalten möchte, schätze ich es nicht, auf diese warten zu müssen.
„Dann könnte ich auch ebenso gut Vater zu dir sagen“, fauchte ich. Die förmliche Anrede schien mir einfach nicht mehr angebracht. „Mein Alter ist auch von mir enttäuscht.“
„Ich bezweifle, dass er der Einzige in deiner Familie ist.“
Da wurde es mir zu bunt.
„Jetzt pass auf, du Anzugträger!“, sagte ich in aggressivem Ton. „Entweder du sagst mir sofort, wer du bist, oder zu sein glaubst, und was du von mir willst, oder ich zerre dich an deinen Ohren nach draußen!“
„Gemach, Herr Autor, gemach!“, murmelte Gustav Fischer. „Ich habe viele Jahre lang mein Talent vergeudet. Die Tatsache, dass ich heute Kleidung trage, die du dir selbst nach drei Jahren des Sparens nicht leisten könntest, sollte dir zu denken geben.“
„Ach. Und warum?“
„Weil ich eines Tages aufgehört habe, mein Talent zu vergeuden, und dann bin ich erfolgreich geworden.“
„Auf welchem Gebiet, wenn ich fragen darf?“

Es interessierte mich nicht wirklich, in welchem Bereich der Mann tätig war, doch wenn er sich schon dazu berufen fühlte, mir Vorhaltungen zu machen, sollte er wenigstens ein bisschen von sich preisgeben müssen.
„Wirtschaft, Bankvorstand“, sagte er knapp.
„Habe ich bei deiner Bank etwa auch Schulden?“, fragte ich. „Groß wundern würde es mich nicht.“
„Nein, Timoschek, hast du nicht.“
„Was willst du, Fischer?“
„Du bist der Teller, der einen Sprung hat“, begann er. „Der im Regal ganz hinten steht, weil er niemandes Augen mehr zugemutet werden kann, weil er eine Schande für die Familie ist, in deren Haus er steht. Bloß ab und zu holt man ihn hervor, um Speisereste auf ihm abzulegen.“
„Das kenne ich“, sagte ich gelangweilt. „Ich habe den Text gelesen.“
„Du bist der bis zur Krone im Morast versunkene Baum. Kennst du das auch?“
„Nein, aber sprich weiter“, murmelte ich und simulierte Gähnen. „Es klingt überaus interessant.“
„Du träumst von einem guten Auskommen, von Ruhm und Geld. Doch am öftesten träumst du von einer Person, die dich an der Hand aus deinem Morast herausführt.“

Ich schwieg. Gustav Fischers Worte hatten ins Schwarze getroffen.
„Und jedes Mal, wenn du die Hand ausstreckst nach einer solchen Person – was passiert dann?“
„Keine Ahnung“, sagte ich lakonisch. „Ich werde an der Hand herausgeführt?“
„Nein, Timoschek. Es passiert etwas anderes: Dein Traum zerplatzt.“
„Woher willst du wissen, dass es sich wirklich so verhält, Fischer?“
„Das sind doch deine Themen, an welchen du dich abarbeitest. Mit welchen du dein Talent vergeudest. Die dich dazu bringen, zu billigen Tricks und Rhetorik zu greifen.“
„Wie kommst du darauf?“, rief ich entrüstet.

Ich war keineswegs der Meinung, dass ich mein Talent vergeudete.
„Bist du dir eigentlich im Klaren darüber, dass in der Kunst alles erlaubt ist, Gustav Fischer?“, fragte ich zornig.
„Erlaubt ist alles, Timoschek. Aber es ist bei Weitem nicht alles Erlaubte auch gut!“
„Dann erzähl mal, womit du dein Talent vergeudet hast. Nachdem du heute angeblich Bankvorstand bist, kann es bei dir mit dem Talent ja nicht allzu weit hergewesen sein.“
„Das tut hier nichts zur Sache!“, knurrte er und sah mich aus seinen unmenschlichen Augen an, in welchen ich eine gute Portion Verachtung erkannte. „Es geht hier um dich!“
„Na schön!“ Ich gab auf. „Lies mir die Leviten! Sag mir, was du zu sagen hast, Fischer!“
„Du musst aufhören, dein Werk zu verpfuschen!“
„Ja, mit billigen Tricks und Rhetorik. Das hatten wir schon.“
„Warum machst du damit weiter?“
„Womit denn?“ Ich begann die Beherrschung zu verlieren.
„Mit den Tricks und dem Geschwafel!“
„Wo kommt so etwas denn vor?“, rief ich.
„Wo Schachtelsätze bei dir vorkommen? Überall!“

Ich dachte nach. Er hatte recht, doch konnte ich das nicht so einfach zugeben.
„Na und?“
„So etwas will niemand lesen! Und was soll der Schwachsinn mit den Türkentauben?“
Ich schwieg.
„Warum tauchen diese Vögel in so vielen deiner Werke auf? Wahrscheinlich weil du einem Rock nachläufst, der diese Viecher gern hat!“
Ich schwieg weiter.
„Und erst das, was du aus vorgegebenen Themen machst! Ein wenig Fantasie könnte nicht schaden! Nie versuchst du, das Unmögliche möglich zu machen! Die Vermutung, dass der Alkohol nicht ganz unschuldig daran ist, liegt weiß Gott nahe!“, herrschte er mich an.

Die Tatsache, dass ein Fremder mir Vorhaltungen bezüglich meiner Kunst machte, trieb mir die Zornesröte ins Gesicht. Dennoch war ich unfähig, etwas zu meiner Verteidigung vorzubringen.
„Denk darüber nach, Timoschek! Fantasie und kurze Sätze – mehr braucht es nicht, abgesehen von einer Änderung deiner Lebensführung, und zwar einer radikalen Änderung!“
Der Mann trieb mich zur Weißglut, doch hatte ich seinen Worten nichts entgegenzusetzen.

Ich trank den Rest meines Bieres in einem Zug, erhob mich und drückte der Kellnerin einen Geldschein von ausreichendem Wert in die Hand.
Dann ging ich zum Tisch zurück, sah dem Mann tief in die Augen und wandte mich um. Im Hinausgehen machte ich kehrt, um ihm eine letzte Frage zu stellen.
„Bevor ich gehe, habe ich noch eine Frage an dich“, sagte ich.
„Nur zu!“
„Wer bist du wirklich?“
„Dein Leser.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei |Inventarnummer: 17059

 

 

Geschwurbelt

Die Sonne geht schon früh unter in diesen Tagen, ihr Licht hat auch nur wenig Kraft, gerade einmal genug, um den luftigen, in zartem Orange und Magenta gehaltenen Vorhang leuchten zu lassen.
Ein Leuchten, das die beiden alten Herren wieder anzieht, sie hier ihren Tee hier trinken lässt.
Es sind die Farben des Frühlings und des Sommers, die ihnen etwas Zuversicht in die Gesichter zaubern – auch wenn es bis zum Frühling noch drei Monate hin ist.

Vor drei Tagen haben sie sich hier kennengelernt, heute ist das etwa halbstündige Gespräch aber bereits Tradition. Dabei leben sie schon viele Jahre in dem Heim, ihre unterschiedlichen Gewohnheiten haben sie sich davor aber noch nie treffen lassen: Adam ist mehr der Morgenmensch, wartet jeden Tag minutenlang auf den Sonnenaufgang – es ist genau die Zeit, in der sich Bedam hinlegt; Adam speist mit den anderen im großen Saal – Bedam kennt den nicht, war da noch nie drin, hatte sich schon bei seiner Einweisung ausbedungen, das Essen in seinem Zimmer einzunehmen. Es ist stets kalt, Bedam speist jeweils zwölf Stunden nach Lieferung.

Die Jahreszeit hat es nun – als Schnittstelle – ermöglicht, dass sich die beiden jetzt eine halbe Stunde lang einander widmen.

– Im Mai war ich das letzte Mal daheim … Die Spatzen sind durch die Luft geschwirbelt … Ich bin an einem Bächlein gesessen, das vor sich hin geschwarbelt hat … –
– Das Bächlein hat geschwarbelt? … Du meinst wohl: Es hat geschwabbelt …? –
– Nein! Das Bächlein hat geschwarbelt … Ich finde, dieses Wort beschreibt es besser … –
– Na gut. –
– Also ich sitz da am Bach, plötzlich wird es dunkler. Die Wolken haben sich geschwärbelt. –
– Geschwärbelt? –
– Ja. –
– Dann ist diese Maschine gekommen und hat ein gleich nebenan gelegenes Wäldchen geschwerbelt –
– Geschwerbelt? –
– Ja. Na sicher: geschwerbelt. Dann haben sie die Bäume geschworbelt und die Stämme geschwurbelt. Damals habe ich geschwörbelt, nie mehr dahin zurückzukehren … Ja, ich habe es geschwürbelt … –

Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Sonne hinter den Bäumen auf dem nahen Hügel untergeht, ein leichter Hauch von Abendwind pludert die jetzt samtenen Farben des Vorhangs zu einem ergreifenden Schauspiel, dem beide ihre volle Aufmerksamkeit widmen.
Dann ist Bedam dran.

– Letzten Mai war ich in der buckligen Welt … Viele Ausflügler sind da herumgeschwimmelt. Das war mir aber egal, hab einfach weiter vor mich hin geschwammelt … –
– Geschwammelt? … Meinst du: Spazierengehen? … Oder: Wandern? –
– Nein, ich bin geschwammelt … Das trifft es meiner Meinung nach mehr. –
– OK. –
– Alles war gut, aber dann hat es plötzlich vor tausenden Menschen geschwemmelt –
– Geschwemmelt? –
– Ja! … Es waren wirklich sehr viele … naja, tausende waren es nicht, da hab ich ein bisschen geschwummelt –
– Geschwummelt? –
– Na sicher … es waren nur vielleicht zwanzig oder dreißig. Ein paar von ihnen sind in einem Teich geschwommelt, obwohl es sehr kalt war … Ein Pärchen hat keine dreißig Meter davon … hahaha …. miteinander geschwämmelt … Und ich bin mir sicher: Kaum wieder unten im Dorf haben sie dann in der Kirche geschwömmelt … –

Mit jeder Sekunde verliert der Vorhang an Farbe, das Orange wird zu einem Grau, das Magenta zu einem anderen, Adam und Bedam sehen die letzten Strahlen der Sonne hinter Bäumen auf einem nahen Hügel erlöschen: Adam gähnt, es wird Zeit für ihn schlafen zu gehen; Bedam streckt sich, überlegt sich, was es heute für ihn zu tun geben wird, auch wenn er weiß, dass es für ihn nichts mehr zu tun gibt.
Auf den Sonnenuntergang beim luftigen, in zartem Orange und Magenta gehaltenen Vorhang freuen sich aber schon jetzt beide.

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 17042

Katzennärrin

Heute hat meine Katze „danke“ gesagt. Laut und deutlich.
Sie hatte geniest, so einen hübschen, niedlichen Katzennieser von sich gegeben, bei dem einem immer ganz warm ums tierliebe Herz wird. Daraufhin ich natürlich: Gesundheit!

Und da sind wir nun. Da haben wir wohl beide nicht aufgepasst, sie noch weniger als ich. Wie weitertun?
Sollen wir uns so verhalten, als sei nichts geschehen? Ich hatte mich so erschrocken, dass ich beinahe mein Teehäferl fallen gelassen hätte (Alkohol war also auch nicht im Spiel, das hätte es irgendwie erklärbarer gemacht …). Daraufhin hat sie mir beschwichtigend die linke Hand abgeleckt. Gesagt hat sie nichts mehr. Und ich auch nicht.
Seitdem schweigen wir uns an. Wir mögen uns ja. Aber ganz geheuer ist sie mir seitdem nicht mehr. Und sie weiß genau, was ich gehört habe. Von wegen walnussgroßes Gehirn (sie, nicht ich)!
Schweigend fülle ich ihre Fressschüssel, erneuere ihr Wasser. Streichle gedankenverloren ihr weiches Fell am Rücken. Sie verhält sich unauffällig, wie sonst auch, stürzt sich auf das frische Futter, ignoriert das Wasserbehältnis, schlingt hinein und umstreift dann meine Hosenbeine.  Ganz klar: Sie macht auf Katze. Auf ganz normale Katze. Und ich mache auf Mensch, auf ganz normaler Katzenversorgungsmensch.

Ewig wird das so nicht weitergehen können, das ist uns klar, zumindest schließe ich Einvernehmen in dieser Angelegenheit aus ihrer demonstrativen Art, die unschuldige Katze raushängen zu lassen (lange hält sie das nicht durch, so viel steht fest). So viel Schmeichelkatze war nie. So viel Verwirrung bei mir auch nicht.

Ja, gelesen hatte ich schon von solchen Phänomenen, Tiere, ja, sogar Gegenstände sollen zu so manchem bereits gesprochen haben, und diejenigen, die nicht gerade als Pferde- oder Hundeflüsterer oder Gurus ihr Auskommen finden, bevölkern in beunruhigender Anzahl die psychiatrischen Abteilungen der Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen dieses Landes.

Da hat sie mir was Schönes eingebrockt, meine Katze.
Ich würde mich ja gerne mit ihr darüber unterhalten, aber ich fürchte mich vor den Antworten. So nehme ich das vorwurfsvolle Miauen (jaja, Tarnen und Täuschen!) zum Anlass, mich Richtung Katzenklo zu trollen, um dieses einer Reinigung zu unterziehen.
Anschließend mich, ab in die Dusche. An der Duschwand sitzt meine Katze und leckt die abgelenkten, quasi durch mein ausuferndes Duschverhalten über die Bande ausgetretenen Wassertropfen von der glatten Plastikfläche. Beim Abtrocknen sieht sie mich aufmerksam an. Ihre Augen verraten eine Schläue, die menschliche Wesen nur in Ausnahmefällen aufzubringen vermögen.
Anschließend legen wir uns auf die Couch.

In meinem Kopf rennt ein Rädchen, wohl mehrere, zu viel.
Denk dir nichts, sagt sie plötzlich, so im Übergang von Schnurren zur menschlichen Sprache: Ist vollkommen egal. Hauptsache, du schreibst keine Geschichte darüber.
Sie hat wie immer vollkommen recht.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 16144

Mein Weg zum Schreiben

Ich bin Schriftsteller, nicht Künstler, denn ich erachte die Schriftstellerei nicht als Kunst, vielmehr stehe ich auf dem Standpunkt, dass sie eine Notwendigkeit für den schreibenden Menschen darstellt, beispielsweise um seinen Standort kundzutun, um mitzuteilen, wo er innerlich zu verorten ist, oder um sich, wie man sagt, Dinge von der Seele zu schreiben.

Ich bin allerdings kein geborener Schriftsteller, denn lange Jahre war ich Künstler, und zwar ein großer Maler und Objektkünstler. Ich hatte jedoch keinen Erfolg mit meiner Kunst, habe bloß ein einziges Kunstwerk an den Mann bringen können, oder vielmehr an die Frau, denn meine Mutter war so freundlich, mir dieses für eine wahre Unsumme abzukaufen. Sie sagte damals zu mir: “Michael! Dein Kunstwerk ist höchst grässlich, dennoch kaufe ich es dir für fünfzehn Millionen Euro ab, denn in den vergangenen leidvollen Jahren musste ich erkennen, dass du wohl nur im Bereich der Literatur tätig sein kannst. Ich zahle so viel Geld, damit du nicht darauf angewiesen bist, eine Arbeit anzunehmen, wie als normal zu bezeichnende Menschen sie verrichten. Ich möchte es nämlich nicht erleben, dich im Gefängnis besuchen zu müssen.”

Es ist nicht so, dass ich eine künstlerische Ausbildung genossen hätte. Nachdem ich maturiert hatte, bewarb ich mich an zwei Kunstuniversitäten in Wien. Ich verzichtete darauf, eine Mappe mit Werken von mir einzureichen, vielmehr beschrieb ich detailliert, welche Kunstwerke ich zu erschaffen gedachte. Nun, ich wurde abgelehnt.

Der Rektor der einen Universität sprach sogar in der palastartigen Behausung meiner Familie vor, um meiner Mutter zu sagen: “Frau Timoschek, Ihr Sohn ist verrückt! Bitte sperren Sie ihn in Ihrem Park ein und lassen Sie ihn um Himmels willen nicht entkommen!” Meine Mutter antwortete: “Glauben Sie mir, das weiß ich. Ich habe bereits versucht, ihn einzusperren, doch jedes Mal hat er es fertiggebracht, die Mauer zu überwinden.” Kopfschüttelnd verließ der Rektor den Wohnsaal meiner Familie und murmelte dabei: “So was! Dieser Timoschek ist völlig übergeschnappt!” Ich war entmutigt, doch hoffte ich zu diesem Zeitpunkt noch auf eine positive Antwort der zweiten Universität.

Nun, ich wurde eingeladen, persönlich dort vorzusprechen. In freudiger Erwartung betrat ich den großen Hörsaal, in welchem sich sämtliche Professoren und Assistenten versammelt hatten. Der Vizerektor kam auf mich zu, nahm mich an der Hand und führte mich in die Mitte des Saales. Dann rief er: “Werte Kolleginnen, werte Kollegen, dieser Mensch hier ist Michael Timoschek!” Aller Augen waren auf mich gerichtet. Ein paar Professoren brachen in schallendes Gelächter aus, doch die meisten musterten mich auf die selbe Art und Weise, wie sie vermutlich eine moderne Skulptur betrachteten, jedoch wagte niemand, mich anzusprechen. Bis auf den Vizerektor. Bevor er mir für alle Zeit verbot, auch nur einen Fuß auf das Gelände der Universität zu setzen, überreichte er mir ein Blatt Papier, auf welchem eine Adresse vermerkt war. Tief getroffen ob der eben erfahrenen Ablehnung, fuhr ich sogleich zu dieser Adresse, die sich als Anschrift der örtlichen Irrenanstalt entpuppte. Ich fuhr wieder nach Hause.

Ich war sehr verletzt, dennoch verlor ich nicht den Mut. Ich beschloss, meine große Künstlerkarriere als Autodidakt anzugehen. Für mein erstes Kunstwerk besorgte ich mir vier Fische. Einen Karpfen, einen Wels, eine Forelle und einen Hecht. Diese Fische ordnete ich so an, dass die Forelle in die Schwanzflosse des Hechts biss und gleichzeitig vom Wels gebissen wurde, in dessen Schwanzflosse der alles verschlingende Karpfen biss. In den Behälter, es handelte sich um ein außer Dienst gestelltes Aquarium, in dem mein Werk stand, goss ich Formaldehyd. Ich gab dem Objekt den Namen ‘Die Unersättlichkeit des Karpfens’. Stolz auf mein Kunstwerk, lief ich sogleich zu meinen Eltern und führte sie in den Teil ihrer geräumigen Garage, in dem ich es erschaffen hatte. Ich zog das Tuch vom Aquarium und erwartete die Reaktion meiner Eltern. Mein Vater stand vor meinem Kunstwerk und schwieg. Er betrachtete es mit großen Augen, er nahm seine Brille ab und putzte deren Gläser, dann blickte er wieder auf meine Kunst. Er wandte sich um, sah mir in die Augen und fragte: “Was ist das, Michael?” Bevor ich antworten konnte, begann er zu brüllen: “Was zur Hölle ist das? Ich hatte es ja schon immer vermutet, aber das ist der Beweis!” Dann lief er aus der Garage. Ich war verstört, also fragte ich meine Mutter: “Meint Vater den Beweis, dass ich ein großer Künstler bin?” Meine Mutter sah erst auf mein Werk, dann in meine Augen und schlug die Hände über ihrem Kopf zusammen. “Nein, Michael. Vater meint damit, dass du verrückt bist. Und, ehrlich gesagt, bist du wirklich übergeschnappt. Weißt du, Michael, wenn du wenigstens auf das Formaldehyd verzichtet hättest, dann könnte ich die Fische kochen. Aber so …” Dann verließ auch sie die Garage.

Ich war, das spreche ich offen aus, entmutigt. Es ging mir wirklich schlecht. So schlecht, dass am Tag darauf meine, wie ich sie nenne, ‘Schwarze Periode’ begann. Ich kaufte dreißig Leinwände und bemalte sie mit schwarzer Farbe. Ich hängte die Bilder dieser Serie in mein Schlafzimmer, doch bereits nach drei Tagen waren sie mir nicht mehr dunkel genug, also nahm ich sie ab und übte mich in der hohen Kunst der Übermalung, indem ich sie mit schwarzer Farbe übermalte. Danach waren sie perfekt. Meine Eltern meinten, sie würden mein fürwahr großes Genie aus den Bildern dieser Serie hell herausleuchten sehen, was mich sehr freute. Mein Vater bat mich, ihm diese Bilder als Leihgabe zu überlassen, was ich natürlich gerne machte. Ich denke, sie befinden sich immer noch im hinteren Bereich des großen Kellers meiner Eltern, gegen Staub geschützt von einem ausrangierten Tischtennistisch.

Meine Großmutter, die damals noch lebte, wollte mein, wie sie es nannte, Abbildungsgeschick testen und bat mich, sie möglichst lebensecht zu porträtieren. Da ich zu dieser Zeit ein großer Künstler war, lehnte ich es selbstverständlich ab, sie auf gewöhnliche Weise einfach abzumalen. Außerdem wollte ich sie überraschen, denn das Porträt sollte in der Nacht enthüllt werden, in der ein großer Ball mit vielen prominenten Gästen im Wohnsaal meiner Eltern stattfand. Ich legte mich mächtig ins Zeug. Nachdem mich Schlüssellöcher schon immer interessiert hatten, fiel es mir leicht, jenes ausfindig zu machen, dass sich in der Türe des Badezimmers meiner Großmutter befand. Der Ball, eine überaus gediegene Veranstaltung, befand sich auf seinem Höhepunkt, als mein Vater seinen Gästen verkündete: “Werte Ballgäste, mein Sohn Michael, er ist Künstler, hat ein Porträt meiner Mutter gemalt. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass meine liebe Mutter es nun enthüllen wird.” Unter tosendem Applaus schritt meine Großmutter, mit mir an ihrer Seite, vor das Kunstwerk und enthüllte es. Als die Gäste das riesige Bild sahen, verebbte der Applaus und Schweigen machte sich im Saal breit. Mein Vater brachte seiner Mutter ein Glas Cognac. “Trink das, liebe Mutter”, sagte er, “du bist einer Ohnmacht nahe.” Meine Großmutter nahm einen ordentlichen Schluck, und bald wankte sie wirklich nicht mehr. Die einzigen Geräusche im Saal waren nun das Knirschen der Zähne meines Vaters und der empörte Ausruf “Michael!” meiner Mutter. Das Bild zeigte eine nackte alte Frau vor dem Spiegel eines Badezimmers. Da meine Großmutter auf einer möglichst lebensechten Darstellung bestanden hatte, war die Frau auf meinem Kunstwerk mit allen Attributen einer nackten Achtundneunzigjährigen versehen. In ihrer rechten Hand hielt sie eine vollständige Zahnprothese, ihre linke Hand hielt ein imaginäres Mikrofon und aus ihrem zahnlosen Mund kamen die Worte ‘Der Tag für Brot und Freiheit bricht an’, anschaulich gemacht durch eine große Sprechblase. Ein Raunen ging durch den Saal, meine Mutter sah mich an, als ob sie endlich die Größe meines Genies erkannt hätte, meine Großmutter verließ mit schnellen Schritten den Saal, und mein Vater hing mein Kunstwerk ab und warf es aus dem Fenster.

Am nächsten Morgen baten mich meine Eltern, das Malen bleiben zu lassen. “Michael”, meinte meine Mutter “warum versuchst du es nicht mit Skulpturen aus Stein, also mit der Bildhauerei?” “Mutter hat recht”, sagte mein Vater. “Großmutter hat sich wieder beruhigt, also vergessen wir den Vorfall. Aber nun ist es an der Zeit für dich zu erkennen, dass die Malerei einfach nicht deinem riesigen Genie angemessen ist.” Das leuchtete mir ein.

Ich besorgte mit einen riesigen Block besten weißen Marmors und begann sogleich mit der Arbeit an diesem schwierigen Material. Ich bohrte, meißelte, schliff und schnitt, und am Ende polierte ich. Mein künstlerisches Konzept war, eine Säule zu erschaffen, die mein Elternhaus um mindestens acht Meter überragen würde. Sie sollte wie ein riesiger Spargel vor diesem stehen, um der ganzen Stadt mein Genie vor Augen zu führen. Da ich Vögel sehr liebe, hatte ich im obersten Teil der Säule einen Wulst geschaffen, auf welchen diese Tiere nisten konnten. Mit einem eigens angeschafften Kran ließ ich das Kunstwerk aufrichten. Meinen Eltern gefiel die Säule sehr, wenigstens aus der Nähe. Mein Vater hatte einen Termin in der Innenstadt. “Michael”, sagte meine Mutter, “endlich hast Du ein vernünftiges Kunstwerk erschaffen.” Ich war sehr erfreut. Zwei Stunden später kam mein Vater zurück. Er warf mir einen wütenden Blick zu, flüsterte meiner Mutter etwas ins Ohr und fuhr mit ihr davon. Eine halbe Stunde später sah ich die Limousine meines Vaters wieder vorfahren. Meine Mutter sprang aus dieser, rannte auf mich zu und brüllte: “Michael! Du hast uns in der ganzen Stadt lächerlich gemacht! Dein Kunstwerk sieht aus wie ein … wie ein … ich kann es gar nicht aussprechen!” Mein Vater las meiner Mutter eine eben eingegangene Nachricht vor: ‘Glückwunsch, Herr Timoschek! Vor Ihrem Palast entphallt sich wirklich große Kunst!’ Meine Eltern gerieten in Harnisch, wie ich es noch nie erlebt hatte. Mein Vater rief den Kranführer an und befahl ihm, mein Kunstwerk umgehend zu beseitigen. Nun liegt mein Meisterwerk im Park meiner Eltern, zwischen der Mauer und einer eigens gepflanzten dichten Hecke.

Meine Mutter gab mir fünfzehn Millionen Euro und nahm mir das Versprechen ab, mich künftig der Literatur zu widmen. Dieses Versprechen gab den Ausschlag, dass ich ein großer Schriftsteller geworden bin. Ich habe bereits vier Bücher geschrieben. Mein erstes Werk trägt den, zugegeben, etwas sperrigen Titel ‘Die Rudelbildung als Phänomen eines Teilbereiches des menschlichen Sozialverhaltens’. Ich habe bereits achtzehn Exemplare davon verkauft. Meinem Vater gefiel der Titel so gut, dass er die gesamte erste Auflage gekauft und sich auch noch die Rechte an diesem Werk gesichert hat. “Ich möchte verhindern, dass dieses Werk in die falschen Hände gerät”, meinte er. Meiner Mutter gefiel mein erstes Buch gar nicht. “Michael!”, sagte sie. “Deine Theorien über die, wie du schreibst, Betätigung im Rudel sind mir zu ungustiös!” Zur Zeit arbeite ich an meinem literarischen Meisterwerk. Der Titel des Romans lautet ‘Das Rudel. oder: Milorads Erlebnisse’ Es handelt sich dabei um ein durchaus erotisches Werk. Da dieser Roman als mein Meisterwerk angesehen werden wird, habe ich an eine Startauflage von zwanzig Exemplaren gedacht und hoffe, dass mein Vater auch dieses Mal die gesamte Auflage kauft.

Somit habe ich es doch noch geschafft. Ich war ein verkannter großer Künstler, doch heute bin ich ein großer Schriftsteller.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei |Inventarnummer: 16138

 

Ich muss es auch erst lernen

Wie es sich für jedes Lehrbuch gehört, das einen gewissen akademischen Anspruch hat, beginne ich mit einer Einleitung. Zuerst möchte ich die ungestellte Frage beantworten, die ein solches Unternehmen aufwirft: Brauchen wir in der Flut der Lehrbücher des Deutschen ausgerechnet noch ein Pseudo-Lehrbuch, das das Genre des Lehrbuchs auf die Schippe nimmt? Was ist das eigentlich: Deutsch? Deutsch und Dutch – kann man das verwechseln? Warum ist Deutsch schwer – oder anders gefragt: Warum ist Deutsch so wie es ist? Warum verstehen die Schweizer Deutsch, aber die Deutschen keine Schweizer?

So viel ist bereits sicher: Deutsch ist eine indoeuropäische Sprache (früher nicht ohne Grund: indogermanische Sprache). Das liegt zum einen daran, dass sich das Deutsche – um einen bildlichen Ausdruck zu verwenden – einen möglichst elitären Freundeskreis gesucht hat. Und da sind Französisch, Altgriechisch und Latein natürlich interessanter als Uigurisch, Tatarisch oder Tagalog.

Halt, wird jetzt der eine oder andere fragen, was ist denn mit dem Sanskrit? Nun ja, es hat erst die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts gebraucht um zu beweisen, dass diese Sprache noch altertümlicher als das Lateinische oder Griechische ist und zudem über eine viel größere Literatur als das Lateinische und Griechische zusammen verfügt. Bescheiden, wie es nun mal so ist, das Deutsche, hat es von nun an die Bekanntschaft mit den Indern gesucht und vorlaut behauptet, dort seinen verlorenen Bruder wiedergefunden zu haben.

Doch lassen wir Indien jetzt vorerst beiseite. Die europäischen hermanos und hermanas des Deutschen sind Niederländer, Engländer und die Skandinavier. Umso interessanter ist das gegenseitige Verhältnis: Das Deutsche hat im Verlauf des 20. Jahrhunderts aus verständlichen Gründen seine relative Beliebtheit als Wissenschaftssprache an das Englische abgeben müssen. Auch die restlichen hermanos des Deutschen haben eher ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse mit dem Englischen betont, worin der Witz liegt, dass ohne die Hilfe des sehr latinisierten Englischen die Germanen nicht mehr miteinander kommunizieren können. Kaum ein Deutscher weiß zudem, welchem Nebenverdienst seine deutschen Wörter in den dänischen, isländischen oder schwedischen Wörterbüchern nachgehen.

Deutsch und Dutch, kann man das verwechseln? Um die Frage zu beantworten: Ja, man muss es sogar. Denn erstens stammen beide Ethnonyme vom althochdeutschen theodisk ab und zweitens: Haben Sie jetzt nicht das besserwisserische Gelächter eines Deutschen beim Lesen (wohlgemerkt: nur beim Lesen) einer niederländischen Zeitung im Kopf? Warum aber das Englische das theodisk gerade den Niederländern zuspricht? Vielleicht liegt es daran, dass im englischen German bestenfalls das schon erwähnte hermano durchklingt, schlechtestenfalls, dass sie das Niederländische für würdiger befanden, die Bezeichnung „deutliche Sprache“ zu verwenden. Apropos theodisk. In seiner althochdeutschen Form hat es für das Deutsche in einer Sprache überlebt – im Italienischen als tedesco. Das ist wahrscheinlich ein Beweis, dass die Italiener doch noch päpstlicher als der Papst sind.

Um wieder zu den Germanen zurückzukehren: Die genauere Unterteilung der germanischen Sprachen erfolgt nach Lautverschiebungen und der Geographie. Deutsch, Niederländisch und Englisch sind westgermanische Sprachen. Das ostgermanische Gotisch hingegen zählt als ausgestorben. Die skandinavischen Sprachen nennt man auch nordgermanische Sprachen – wenn Sie sich jetzt nun fragen, wo die südgermanischen Sprachen sind: Nun, es hat sie nie gegeben.

Warum ist Deutsch schwer – oder: Warum ist Deutsch so wie es ist?

Dafür gibt es zwei Gründe, die ich kurz nennen möchte: Warum ist Kernphysik schwer oder warum ist Theologie schwer? Weil man gelernt hat, Dinge als schwer zu bezeichnen, die einem langweilig sind oder für die man die Motivation nicht aufbringt, sich genauer damit zu befassen. Vielleicht liegt es daran, dass Deutsch und Englisch nicht dasselbe sind oder dass auch die restlichen Sprachen nun einmal so sind wie sie sind. Machen Sie doch folgendes Experiment: Sagen Sie sich jedes Mal vorm Schlafengehen auf: Grundrechenarten sind schwer. Vielleicht zeigt es irgendwann seine Wirkung.

Warum verstehen die Schweizer die Deutschen, aber die Deutschen die Schweizer nicht?

Nun, das ist eine ganze einfache Rechnung. Ist es besser, nur vier Millionen Menschen zu verstehen oder vier Millionen plus zweiundachtzig Millionen? Und nun umgekehrt: Sind vier Millionen von 86 Millionen es wert, sich einmal reflexiv mit seiner eigenen Sprache auseinanderzusetzen? Eben!

Michael Bauer
https://mb85inbox.wordpress.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 16062

 

Die Macht der Worte

Ob Sie wollen oder nicht
Ich schreib jetzt ein Gedicht

Und Sie steh‘n von Anfang an
Mit Haut und Haar in meinem Bann

Sie sind Wachs in meinen Händen
Warum sollt‘ ich das Gedicht schon enden

Sie merken, wie Ihr Selbst zerbricht
Wie aus ihm ein andrer spricht

Ihr Wollen und Ihr Denken
Beginne ich nach Wunsch zu lenken

Schon erfasst Sie das Bestreben
Mir Ihr Vermögen hinzugeben

Nichts ist Ihnen mehr zu teuer
Zu nähren dies poetisch‘ Feuer

Ich verstehe Ihren Kummer:
Bankleitzahl und Kontonummer

Finden Sie umseitig
Zu überweisen: zeitig

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16017

Das rückbezügliche Fürwort

Es war einst ein rückbezügliches Fürwort, das lebte glücklich mit allen anderen Wörtern in einem dicken, großen, bunten Buch namens Leben. Es herrschte völlige Harmonie, jedes Wort kannte seinen Platz. Auch das rückbezügliche Fürwort war ziemlich zufrieden. Dennoch nagte stets das Bewusstsein an ihm, in ständiger Abhängigkeit anderer Wörter zu leben, ohne selbst eine eigenständige Bedeutung zu besitzen. Vielmehr musste es immer und immer wieder seine Dienste erweisen, damit bedeutungsvolle Wörter ihren richtigen Ausdruck erhielten, während es selbst niemals beachtet wurde.

Es klagte sein Leid, erst im Stillen, doch je mehr das rückbezügliche Fürwort über seine Situation nachdachte, desto lauter wurden seine Beschwerden. „Sei doch froh darüber, dass du mit so vielen Wörtern zusammenarbeiten kannst! Wer hat schon solch eine Abwechslung?“, meinte tröstend ein befreundetes Eigenschaftswort. Doch das rückbezügliche Fürwort winkte ab, schließlich wollte es so unabhängig und frei sein wie all die anderen Wörter mit eigenständiger Bedeutung.

So kam es, dass das rückbezügliche Fürwort in einen heftigen Streit mit einem Hauptwort geriet. Das Hauptwort, das zugegebenermaßen ein wenig von sich eingenommen war und sehr herablassend gegenüber dem rückbezüglichen Fürwort auftrat, wandte sich bereits zum Gehen, als es so plötzlich aus dem rückbezüglichen Fürwort herausbrach, dass es heute noch ganz erstaunt ob seines damaligen Mutes und der großen Schlagfertigkeit ist. „Was bildet ihr euch alle überhaupt ein!“, schrie es das Hauptwort an. „Immer soll ich einspringen, wenn es euch hineinpasst! Glaubt ihr, ihr seid etwas Besseres, nur weil ihr eine eigenständige Bedeutung habt? Aber ich sage euch: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“, rief es und verschwand.

Zunächst fiel die Veränderung nicht auf. Lediglich die Lehrer beklagten die schlechten Schulaufsätze ihrer Schüler, ohne jedoch die Ursache der Fehlleistungen zu erkennen oder zu bemerken, dass es auch in ihren eigenen literarischen Ergüssen am rückbezüglichen Fürwort mangelte. Selbst das besagte Eigenschaftswort dachte bloß kurz an seinen lieben Freund, von dem es schon länger nichts mehr gehört hatte, stellte allerdings keine weiteren Spekulationen über dessen Fernbleiben an. Aber eines war dann doch spürbar: Dadurch, dass das rückbezügliche Fürwort nicht mehr verwendet wurde, umschrieb man es auf komplexem Wege oder man benutzte immer wieder die gleichen Wörter, was die Texte zusehends langweiliger machte und gleichzeitig zu einer noch nie dagewesenen Inanspruchnahme bestimmter Wörter führte.

Höhepunkt der Krise – und gleichzeitig Anlass sämtlicher Gegenmaßnahmen – war der unerwartete Freitod des Wortes „Selbstmord“. In seinem Abschiedsbrief, den man tags darauf in einer Badewanne fand, klagte es über seinen immensen Arbeitsaufwand, seitdem ihm insbesondere die Wörter „töten“, „erdrosseln“, „erhängen“, „erschießen“ und „vergiften“ mangels Rückbezüglichkeit nicht mehr zur Verfügung stünden. Verbunden mit der ständigen Angst, durch Synonyme, allem voran durch „Suizid“, ersetzt zu werden, sehe es keinen anderen denkbaren Ausweg, als sein Leben zu beenden. Durch diesen schweren Schicksalsschlag wachgerüttelt wurde allen Wörtern auf einmal klar, was ihnen die ganze Zeit insgeheim gefehlt hatte, nämlich das rückbezügliche Fürwort!
Man suchte im ganzen Buch Leben nach ihm, doch es war unauffindbar.

Schließlich berief man einen Krisenrat aller bedeutungsvollen Wörter ein, um über die aktuelle Lage zu beraten und nach einer gemeinsamen Lösung des Problems zu suchen. Die Sitzung verlief äußerst geordnet, jeder sprach für die Dauer seiner im Vorhinein festgelegten Redezeit und man war sich einig darüber, dass etwas zu geschehen hatte. Doch als es konkret um die Arbeitszuweisung ging, wurde die Diskussion heikel, denn niemand wollte die Verantwortung für das Verschwinden des rückbezüglichen Fürwortes übernehmen. Man muss wissen: Die größte Angst eines Wortes mit eigenständiger Bedeutung ist, von einem Synonym ersetzt zu werden. Aus diesem Grund war niemand bereit, sich – wenngleich bloß vorübergehend – der Sache zu widmen, denn für diese Zeit wäre die Vertretung durch ein Synonym zu veranlassen gewesen. Man tagte und stritt und tagte wieder und stritt wieder, referierte, diskutierte, tagelang und nächtelang – ergebnislos. Das Verschwinden des rückbezüglichen Fürwortes hatte sich mittlerweile zu einer handfesten Bedrohung für das gesamte Buch Leben entwickelt.

Eines Tages – man trat wieder einmal zu einem der bereits unzählig gewordenen Krisengipfel zusammen – erklommen ein Artikel und ein Partikel, die grundsätzlich bloßen Beobachterstatus genossen, denen aber an diesem Tag vom Vorsitzenden ausnahmsweise das Wort erteilt wurde, das Rednerpult. Sie hatten lange Zeit gezögert, da sie insgeheim das Verhalten des rückbezüglichen Fürwortes als begründet und gerechtfertigt empfanden und deshalb billigten, jedoch wurden sie der Krise im Verlauf der Zeit überdrüssig. Letztendlich wollten sie dann doch ihr zwar unzufriedenstellendes, jedoch geordnetes Leben wieder zurück. Artikel und Partikel erklärten, sich auf die Suche nach dem rückbezüglichen Fürwort zu begeben. Da die Mission als gefährlich galt, wurden sie sogleich mit Helmen und Warnwesten ausgestattet.

Nach monatelangen Ermittlungen gelang es den beiden schließlich, das rückbezügliche Fürwort am äußersten Rand des Buchrückens ausfindig zu machen. Es lag dort in einer Hängematte und lauschte dem Tosen der Welt. Nun mussten die Armen das rückbezügliche Fürwort zur Rückkehr und zur Wiedereingliederung in die Texte des Buches Leben bewegen. Das rückbezügliche Fürwort hatte es sich allerdings bereits gemütlich eingerichtet und war auch seelisch auf längere Abwesenheit eingestellt. Die zwei mit Schutzhelm und Warnweste bekleideten Knirpse, die es ob der vermeintlich drohenden Gefahr am äußersten Rande des Buchrückens nicht wagten, ihren lächerlichen Aufzug abzulegen, setzten all ihre Überredungskünste auf ein rauchend und Cocktail-schlürfend in der Hängematte entspannendes rückbezügliches Fürwort ein. Das muss vielleicht ein Bild gewesen sein!

Das rückbezügliche Fürwort – so ehrlich war es – genoss die Situation, die Aufmerksamkeit und die Wichtigkeit, die seiner Person, obwohl vonseiten dieser unbedeutenden Zwerge, zukam. Letztendlich wurden Artikel und Partikel mit den Bedingungen des rückbezüglichen Fürwortes zum Krisenrat zurückgeschickt. Dieser verlieh Artikel und Partikel jeweils einen Orden niederen Ranges und ersetzte sie durch die diplomatisch geschulten Bindewörter. Nach mehrmaligem Hin und Her wurde schließlich ein für beide Seiten akzeptables Vertragswerk errichtet, das dem rückbezüglichen Fürwort Anerkennung, Urlaubsansprüche und das Recht, sich vertreten zu lassen, einräumte. Im Gegenzug verpflichtete sich das rückbezügliche Fürwort zur Teilnahme an grammatikalisch richtigen Sätzen. Auch den Wohnsitz am äußersten Rande des Buchrückens musste es aufgeben, durfte die Einrichtung aber weiterhin als Feriendomizil verwenden.

Seither besitzt das rückbezügliche Fürwort eine große Achtung unter den Wörtern, war denn sein Mut, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen, von Erfolg gekrönt worden. Jene Wörter mit eigenständiger Bedeutung erkennen nun die Notwendigkeit des rückbezüglichen Fürwortes. Jene Wörter ohne eigenständige Bedeutung bewundern es, weil es etwas zustande brachte, das sie selbst niemals gewagt hätten. Doch neben all den Bewunderern bekam das rückbezügliche Fürwort ebensoviele neue Feinde. Jene Wörter, die das rückbezügliche Fürwort aufgrund seiner Privilegien beneiden, erleben es als selbstverherrlichende Gestalt. Die Bevorteilung des rückbezüglichen Fürwortes lässt sich ihrer Ansicht nach durch nichts anderes als den geleisteten Widerstand zurückführen, was als unangemessen und im Übrigen auch als ungerecht wahrgenommen wird.

Zum Schluss möchte ich mich noch ganz herzlich beim rückbezüglichen Fürwort bedanken, da es sich zur Verfügung gestellt und mich in die Lage versetzt hat, diese – seine – Geschichte zu erzählen.

Sandra Stadlbauer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 15147

 

 

Worte fallen mir in die Hand

Wieder einmal habe ich darauf vergessen, die Frucht rechtzeitig vom Baum zu pflücken. Nun fällt sie mir in die Hand, und während ich sie so betrachte, fleht sie mich an, ich möge sie zu Papier bringen. Um ein Haar wäre sie auf den Boden gefallen und verwest, allerlei Tierchen hätten sich daran gütlich getan und vielleicht wäre eines Tages aus ihrem ins Erdreich gelangten Erbgut ein neues Pflänzchen gewachsen, das ebenfalls irgendwann Früchte trägt. Dies geschieht aber nur mit einheimischen Früchten, die den regionalen Witterungsbedingungen angepasst sind. Meine Frucht scheint mir hingegen etwas exotisch zu sein. Ich glaube nicht, dass sie unter freiem Himmel gedeihen könnte, geschweige denn sich fortpflanzen. So halte ich sie bergend in der Hand wie in einer Obstschale und betrachte sie, als wäre sie mein Kind, das zur Unzeit gekommen ist. Fordernd schaut es mich an und drängelt. Es wetzt hin und her und wird mir lästig. „Ich habe mich in deine Hand begeben und nun weißt du nichts mit mir anzufangen? Aus dir stamme ich, aus den Windungen deines Gehirns, und ich will, dass du mich zu Papier bringst. Ich will Gestalt annehmen, verstehst du das nicht? Ich will mich zu Worten geformt vom weißen unschuldigen Blatt abheben. Das verlange ich von dir. Das bist du mir schuldig. Ich will Gestalt werden.“ Und plötzlich weiß ich, dass all die Gedanken auch gern Materie geworden wären, um über den Asphalt zu stöckeln und den Regen auf den Wangen zu spüren oder den Sonnenschein mit den offenen Haaren zu fangen. Aber das ist ihnen nicht zuteil geworden. Vieles kann hier nicht erscheinen. Das meiste schlummert im Verborgenen und dennoch ist es da. Zu reich ist die Schöpfung, zu viele Möglichkeiten stehen bereit.

Mir sind nun eben diese Worte in die Hand gefallen und ich schreibe sie auf.

Worte sind Geschöpfe, was sonst. Durch meine Beschäftigung mit den Worten habe ich begriffen, dass es neben der uns umgebenden Flora und Fauna, aus der wir Menschen all die sichtbaren Güter gestalten und bisweilen verunstalten, auch noch die Schöpfung in den Worten gibt. Sie offenbaren uns, sofern wir in der Lage sind, sie anzunehmen und in uns wirken zu lassen, wie sehr wir geliebt werden. Derjenige, der die Worte in unseren Schädel hineingelegt hat, kann nicht von uns lassen und wird nicht müde, uns auf unserem Weg zu geleiten.

Nun sind in meinem Kopf viele Worte, von Zeit zu Zeit wird es ihnen dort zu eng und sie drängen und schubsen und machen mir das Leben schwer, weil sie unbedingt heraus wollen und dann habe ich diesen kunterbunten Haufen vor mir und weiß nicht, wie beginnen, wie ordnen. Manchmal ist es sehr schwer, angespannte Ruhe in die unbekümmerten und unbedarften Wesen zu bringen. Sie sprudeln über vor Lebensgier, und es ist harte Arbeit, sie, nachdem sie sich ausgetobt und mir den Sinn verwirrt haben, zunächst in ihre Schranken zu weisen. Ich habe nun ihre zügellose Energie kennengelernt und will sie leiten, damit sie sich in der rechten Weise verbinden, zu Sätzen gruppieren und nicht allzu ungestüm und durcheinander ihre Geschichte erzählen. Ich muss immer erst einen Anfang finden. Das ist mitunter das Schwerste, weil natürlich alles miteinander verbunden ist. Das Geschick von jedem Einzelnen hängt mit dem anderer zusammen, oft reichen ferne Zeiten und Orte herein und erst wenn man sich recht in ein Schicksal vertieft hat, gehen einem gewissermaßen die Augen auf und man erkennt: Aha, so ist das also! Da gab es einmal einen Onkel, der vor vielen Jahrzehnten nach Amerika ausgewandert ist. Bei Nacht und Nebel musste er abhauen, weil er Dreck am Stecken hatte. Man hat sich seiner geschämt und nicht darüber gesprochen. Oder da gab es ein kleines Mädchen, das sich so sehr Rollschuhe gewünscht hatte und über diesem Wunsch fast verrückt geworden ist. Geweint und gebockt hat es, und auch ein paar Tage nichts gegessen, aber geholfen hat das alles nichts. Die Eltern haben es für richtig befunden, ihr zu lehren, mit Enttäuschungen umzugehen. Und so hat sie mit diesem ersten großen Schmerz durchs Leben gehen müssen. Später hat man sich über ihr Geflenne lustig gemacht und sie hat manchmal selber mitgelacht, obwohl ihr nicht danach war. Es ließe sich noch eine Unmenge derartiger Begebenheiten aufzählen. Etwas fängt an und nimmt ein jähes Ende, es kann aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ausgelebt werden. Aber immer bleibt etwas zurück. Man erzählt es sich oder man erfährt auf rätselhafte Weise davon, und irgendwie ergibt sich plötzlich ein Zusammenhang zu einer anderen Begebenheit, und so entsteht ein Geflecht, das sich in seinen Beziehungen erhellt und eine Geschichte entsteht.

Kein Mensch existiert isoliert. Jeder hat seine Erbanlagen, ist eingebunden in eine Familiengeschichte, die er oft nicht einmal kennt, weil sie ihm bewusst oder unbewusst verschwiegen wird. Trotzdem spürt jeder, dass da etwas ist, das auf ihn einwirkt, und er wird sich auf die Suche nach diesem Etwas begeben. Findet er eine Spur, so macht ihn das glücklich oder es verschafft ihm zumindest Erleichterung. Bleibt sein Bemühen ergebnislos, so führt das zu Enttäuschung und Rastlosigkeit. Man weiß um das Fehlen und sehnt sich nach dem Ganzwerden.

Ich habe von klein auf alles, was erzählt worden ist, wie ein Schwamm aufgesogen. Es gab immer irgendein Detail, das mich gerührt hat, sei es nun freudiger oder tragischer Natur. So hat die alte Tante mit dem schönen gepflegten Gesicht davon gesprochen, ihr Buckel und ihre untersetzte Gestalt rührten daher, dass ihre unglückliche Mutter sie abzutreiben versucht hat. Hochbetagt und kinderlos ist die Tante mit diesem Wissen gestorben. Die Wohnung, in der sie gut fünfzig Jahre zur Miete lebte, hatte sie, laut ihrer nicht ohne Stolz vorgebrachten Aussage, nur dem Umstand zu verdanken, dass sich die Vormieter das Leben genommen hatten. Den Gasherd haben sie aufgedreht, während sie am Tisch sitzend Schweinebraten mit Knödel und Sauerbraten verzehrten. So ist der Tod zu den beiden gekommen. Meine Tante war dabei, als man später die Tür aufbrach, und da aufgrund dieser Begebenheit niemand einziehen hat wollen, ist sie günstig an eine schöne Wohnung gekommen.

Was mache ich nun mit all diesen Geschichten? Täglich kommen neue dazu. Ich sammle sie in meinem Kopf und in Notizbüchern. Immer deutlicher erkenne ich, dass all das auch mit mir zu tun hat, ob es mir nun passt oder nicht.

Warum sonst hätte mir vor Jahren einer meiner Lehrer erzählt, er habe beim Fußballspielen immer im Tor gestanden. Die Mannschaft sei nicht die stärkste gewesen, Theologiestudenten halt, so habe er immer eine  Zigarette geraucht und das Spiel konzentriert beobachtet. Kam es zum Angriff, legte er die Zigarette über sich auf den Querbalken und nahm die Abwehrposition ein. Einmal traf der Ball mit Wucht die Latte. Durch die Erschütterung rutschte die glühende Zigarette ab, fiel auf den erstarrt dastehenden Tormann und fand ihren Weg geräuschlos durch den Halsausschnitt unters Trikot.

Rufe ich mir diese Situation wieder ins Gedächtnis, so muss ich schmunzeln.

Manchmal geht es mir auch so, dass ich mir wünsche, das was andere mir erzählen, gern selbst erlebt zu haben. Ich denke, das Schicksal verwöhnt manch einen und lässt ihm solch großartige Erlebnisse zuteilwerden, und nahezu gleichzeitig fühle ich mit jemand anderem, der besonders Schlimmes mitgemacht hat. All das gelangt zu mir. Ich höre davon, beobachte es, erlebe es selbst und so entsteht daraus etwas Neues. Knoten und Perlen wechseln sich auf dem seidenen Faden ab, und die kostbare Kette wird aufgefädelt. Sie ist das Leben, das in seltsamen Windungen verläuft, einem Schneckenhaus nicht unähnlich, und wenn die Schnecke es verlassen hat, dann bleibt es immer noch, und wer das Leben kennt, der hat seine Freude daran, dem allen nachzuspüren, weil er sich selber darin findet.

Claudia Kellnhofer

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