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Die wilde Maus

Mit besonderem Dank an meine liebe Freundin Elisabeth Mohorko, die mir das Bild der Wilden Maus in die Quarantäne sendete und mich inspirierte.

Ich bin der letzte Mensch auf Erden und ich suche verzweifelt Orte, in denen Menschenseelen herumflattern.
Ich bin so einsam, dass ich das Sprechen fast verlernt habe. Daher schreibe ich alles in meinem Tagebuch auf und hoffe, es eines Tages jemandem erzählen zu können.
Ich besitze eine besondere Fähigkeit: Wenn ich an etwas denke, wird es sofort umgesetzt.
Seitdem es keine Menschen mehr auf der Erde gibt, ist die Luft so leicht, dass sie Gedanken transportieren und verwirklichen kann.
Wenn ich Menschen schreibe, meine ich die ehemaligen Bewohner der Erde, die einen physischen Körper wie ich hatten. Die Seele war nicht bei allen vorhanden. Ich will allerdings die Geschichte der Menschenseelen schreiben, die noch auf diesem Planeten wandern und ihnen dabei meine lesen lassen, damit wir verbunden bleiben.

Ich bin seit zwanzig Jahren auf der Welt und seit zehn Monaten bin ich der letzte Mensch auf der Erde. Was wohl passiert ist? Nichts. Ich bin an einem Frühlingsmorgen aufgestanden und keine menschliche Stimme war mehr zu hören. Ich rannte durch meine Stadt und konnte niemanden, weder unterwegs noch in den Gebäuden, sehen. Ich spazierte durch den Stadtpark und sah nur Tiere. Ich stoppte erschöpft an einem Baum und umarmte ihn. Es war eine Eiche, die mir zuflüsterte: “Sei nicht traurig, du bist nicht einsam. Habe Vertrauen und begebe dich auf die Suche nach Menschenseelen. Du wirst nicht gleich welche finden, aber es gibt noch einige auf diesem Planeten und sie wollen gehört werden!”
Ich blieb noch eine Weile, mit meinen Armen um die Eiche, stehen und spürte ihre Wärme. Plötzlich war ich federleicht und dachte sofort an das tolle Gefühl, das ich am Meer habe. Ich schwimme und schwebe über den Meeresgrund, während alle Sorgen ihre Schwerkraft verlieren.

Nachdem der Gedanke zu Ende  war, befand ich mich im Atlantik, bei Cabo de Maria in Portugal. Es war ein heiβer, windiger Sommertag und ich konnte nackt baden: Niemand hätte mich gesehen! Ich blieb dort eine Weile und fing sogar an, nackt herumzugehen. Meine Haut war, genauso wie Sand und Wasser, Teil der Landschaft.
An einem Morgen war es so windig, dass ich das Gefühl hatte, Achterbahn zu fahren. Ich war lange nicht mehr in Wien und fing an, an den Prater zu denken. Ich schloss die Augen und erwachte auf einem kühlen Sitz in einem kleinen Wagen, der auf einem einsamen Gleis fixiert war. Er bewegte sich nicht, niemand konnte ja die Achterbahn bedienen.
Ich herrschte über den Prater.

Es war ein grauer, windiger Tag und ich fühlte mich wie in einer Freiluft-Geisterbahn.
Das Riesenrad bewegte sich kaum, der Wind lieβ die Kabinen leise quietschen, wie rostige Wimpern eines weit aufgerissenen Glasauges.
Ich war hypnotisiert vom Hin und Her des Quietschens und hörte auf einmal ein “Ich” aus dem “Quietsch, quietsch”. In dem Moment spürte ich eindeutig, dass es sich um eine Menschenseele handelte.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich ausschlieβlich auf die Laute, die mir zugeflüstert wurden.

“Ich heiβe Mario und ich bin der Wächter vom Prater. Ich passe auf die Karussells auf, sie sind meine Lieblingsspielzeuge. Obwohl sie seit einer Weile nicht mehr besucht werden, sind sie poliert und farbenfroh. Täglich hauche ich allen Staub weg, dann reibe ich mir die Hände und feine, glitzernde Sternschnuppen fallen auf die Glieder meiner Puppen. Wenn das Gebimmel vorbei ist, hört man das silberhelle Gelächter der Kinderseelen.
Sie kommen wie ein Hauch Wind und rutschen in die Achterbahnen. Dann springen sie hoch in den Himmel und drehen sich um sich selbst, wie wirbelnde Raketen. Schlieβlich landen sie auf dem Riesenrad, wo sie in einer Kabine einschlafen und wild träumen. Das Quietschen ist die Stimme ihres Unterbewusstseins. Sie sind neugierig und wollen einen Menschen sehen, die Seelen ihrer Eltern erzählen immer wieder von der Zeit, als es Menschen auf Erde gab. Heute bist du wie ein Wunder hier erschienen, und sie werden sich riesig freuen, wenn sie wieder wach werden!
Damit du mit ihnen Kontakt aufnehmen kannst, sollst du deine Kinderseele wieder ins Leben rufen. Schau, du bist genau auf der Wilden Maus gelandet, das Lieblingskarussell der Kinderseelen. Der Wagen auf dem du sitzt, ist durch eine Bremse ans Gleis gefesselt. Die Bremse ist das Lieblingswerkzeug des Menschen, der alles steuern will. Wenn du dich traust, die Bremse zu lösen, wirst du wie die Kinderseelen rutschen und dann hoch in den Himmel springen. Wenn nicht, wird der jetzige Prater eine Freiluft-Geisterbahn für dich bleiben.”

Höhenangst und Schiss vor Geschwindigkeit sind schon immer meine unangenehmen Begleiter. Allein der Gedanke, wild zu rutschen und in die Luft zu springen, war übel, ich könnte gleich ohnmächtig werden. Allerdings vergaß ich dabei meine Sondergabe, Gedanken gleich umzusetzen, und so hörte ich plötzlich das saubere und trockene Geräusch der sich lösenden Bremse. Das Quietschen der lange stillgestandenen Räder folgte. Die ersten Sekunden drehten sie sich noch langsam, und dann ging es richtig los! Mein Herz sprang hoch bis zu meiner Kehle und ich schrie so laut, dass der ganze Prater leicht bebte. Die Kinderseelen wurden vom seltsamen Geschrei geweckt, und ich konnte das neugierige Gebimmel ihrer Stimmen hören. Sie kamen alle zusammen wie eine Schar und rutschten mit mir. Als ein Knick mein Körper aus dem Wagen katapultierte, spürte ich die Kinderseelen um meine Glieder. Sie umwickelten mich und wir sprangen zusammen höher und höher in den Himmel, bis der Prater nicht mehr zu sehen war.
Mein Körper wurde von der Schwerkraft befreit, ich fühlte mich immer leichter und luftiger, wie eine Himmelslaterne.

Die wilde Maus (Foto: Elisabeth Mohorko)

Die wilde Maus (Foto: Elisabeth Mohorko)

Annamaria Bortoletto
https://laltraidea.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20066

 

 

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Konstellationen

Leicht berühren
die nächtlichen Finger
den errötenden Himmel
Sie kitzeln janusköpfige Phantasien,
kichernde Kobolde,
deren Augen
im verschwimmenden Gewölbe
zwinkern
Beflügelt
sind die menschlichen Schritte
Sie wagen die Gratwanderung.

Annamaria Bortoletto
https://laltraidea.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20053

Das Familienalbum

Ich besuche gerade meine alte Mutter. Es gibt selbstgebackenen Apfelkuchen mit Schlag und Kaffee noch aus der Filterkaffeemaschine in dünnwandigen, alten, kleinen Tassen. Der Apfelkuchen ist wirklich sehr schmackhaft. Auf meinem Teller liegt schon das zweite Stück.

Mutter zeigt mir Fotos aus dem Familienalbum. Auf jedem Foto bin ich zu sehen. Es fängt an mit Schwarzweißbildern von mir als Baby, auf dem Wickeltisch, im Kinderwagen, in der Babybadewanne. Dann folgt ein Foto von mir in der Gehschule, eines von mir mit einem Plüschhasen. Auf einem weiteren bin ich mit Lederhose und Hut mit einem Ziegenbock abgebildet. Ich erinnere mich, dass ich Angst vor ihm hatte. Der Ziegenbock stieß mich mit seinen Hörnern und wollte nicht von mir weggehen.

Das nächste Foto ist das erste Farbfoto, ab hier sind es ausschließlich Farbfotos. Es zeigt mich an einem Strand, ich habe eine blaue Badehose an und trage einen roten Plastikeimer, in dem viele Muscheln sind. Auf dem Foto daneben sitzt meine Mutter auf einem Metallstuhl. Sie hat blonde Haare, blaue Augen und eine etwas burschikose Figur. Auch ohne die dünne Bluse und den Minirock, die sie auf diesem Foto trägt, erkennt man, dass sie eine echte Schönheit ist. Ich stehe neben ihr und breite die Arme aus.

Auf dem dann folgenden Foto sieht man meinen Vater, er hat noch ganz schwarze Haare. Das war in Jugoslawien, sagt meine Mutter, wir sind auf einer Dienstreise mit Papa mitgefahren. Auf dieser Reise waren wir auch in Budapest, da aß ich in einem noblen Restaurant, von dem aus man die Kettenbrücke in der Nacht sah, sehr dünne Palatschinken mit Schokosauce. Weiters waren wir in Rumänien und Bulgarien, wo mir das Rila-Kloster mit seinem Zebramuster im Gedächtnis verblieben ist.
Später in Tschechien oder sonst wo, beim Ort bin ich mir nicht sicher, ging ich meiner Mutter fürchterlich auf die Nerven, weil ich einen roten Heliumballon haben wollte. Wir hielten uns in einem genau rechteckigen, lieblos angelegten Park auf, und nirgendwo war ein Ballonverkäufer. In Warschau kamen wir in der Nacht an, überall standen Soldaten, daran erinnere ich mich, es wirkte bedrohlich.

Auf einem der nächsten Farbfotos halte ich eine große Schultüte. Noch einmal Süßigkeiten, bevor der „Ernst des Lebens“ anfing, wie meine Eltern den Besuch der 1. Volksschulklasse nannten. Später zogen wir um, meine Eltern richteten die Wohnung ein, ein weiterer Umzug, dem wieder einer folgte. Städte, Dörfer, Großstadt, immer waren wir woanders, und ich war nirgendwo zu Haus.
Das letzte Foto zeigt mich mit Sakko und Kinderkrawatte inmitten von vielen Verwandten, es war meine Konfirmation. Ich war vierzehn und hatte Pickel im Gesicht. Nun ist das Familienalbum zu Ende.

Jetzt bemerke ich, dass im hinteren Teil des Raumes eine LED grün leuchtet. Auch aus meinem linken Auge leuchtet es grün. Beides tat es wahrscheinlich schon die ganze Zeit, aber vorhin fiel es mir wohl nicht auf, weil ich zu sehr mit den Fotos und meinen Erinnerungen beschäftigt war. Ich zoome die LED näher und sehe, dass sie an einem kleinen Metallkästchen befestigt ist. Zirka drei Zentimeter links von der grün leuchtenden LED befindet sich eine rote nicht leuchtende, mittig darunter ist ein Wippschalter, der auf Ein steht. Rechts an dem Metallkästchen ist ein Display, auf dem Kurven in Violett, Blau und Schwarz oszillieren, links davon ist ein Drehknopf befestigt.

Später werde ich erfahren, dass ich erst seit diesem Besuch bei meiner Mutter existiere, die nicht meine Mutter ist. Die Erinnerungen sind nicht meine, sondern stammen von Josef, dem Sohn der Frau, bei der ich zurzeit auf Besuch bin. Josef starb mit fünfzehn bei einem Autounfall. Seine Erinnerungen wurden mir induziert. Ich wurde nach seinem Bild gestaltet, in dem Alter, in dem Josef jetzt wäre, zweiundfünfzig. Mein Zweck ist es, den toten Sohn zu ersetzen. Unter meiner Haut aus Polyethylen bestehe ich aus einer leichten Aluminiumlegierung.
Ich bin nicht der, der ich dachte zu sein. Ich bin niemand, habe keinerlei Persönlichkeit, die über meinen Zweck hinausgeht. Ich bin nicht einmal ein Mensch.

Unterwegs im VW Jetta

Unterwegs im VW Jetta

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20024

 

 

 

(Foto: Unterwegs im VW Jetta.jpg von Johannes Tosin)

Traum und Wirklichkeit

Ich träume, dass ich Novize in einem Kloster bin. Mir werden ständig Gegenstände abgenommen, bis ich fast nichts mehr habe. Ich glaube, das soll so sein. Vom Kloster sehe ich hinunter auf den zugeeisten Millstätter See.

Jetzt wache ich auf. Neben mir liegt meine Frau. Der Wecker zeigt 05:43 Uhr. Heute ist, ich muss kurz nachdenken, Donnerstag. Ich muss um spätestens sechs Uhr aufstehen, mich fertigmachen, eine Kleinigkeit frühstücken und in die Arbeit fahren.

Als ich um 07:20 ins Auto steige, überlege ich, ob es nicht möglich sein könnte, dass, als ich vom Traum aufgewacht bin, ich in Wahrheit in diesem Moment einschlief. In diesem Fall würde ich mich jetzt im Traum befinden. Es kann sein, dass es so ist, denke ich, wieso denn nicht?

Testbild ORF FS 2 und Bügeleisen

Testbild ORF FS 2 und Bügeleisen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20019

Ehret die Ahnen!

Die Fensterläden klappern, ein Schneesturm tobt und es wirkt, als könne das kleine, in die Jahre gekommene Bauernhaus dem Getöse nur schwer standhalten.

Martina liegt schlafend auf dem alten Sofa in der Stube ihrer Großmutter, die Holzscheite im Ofen sind fast niedergebrannt und schicken nur mehr wenig Wärme und Licht in den dunklen Raum. Zu ihren Füßen liegt dicht zusammengerollt eine getigerte Katze. In der Küche, gleich daneben, pfeift der Wind durch den Kamin herein und das rot karierte Geschirrtuch, das am Griff des Backofens hängt, zittert sachte. Am Herd steht noch das Abendessen von Oma; der gusseisernen Pfanne mit Dampfnudeln und Soße entströmt ein zarter Duft nach Karamell und Vanille. Irgendwo tropft ein Wasserhahn, und in dem kleinen Stall, der unmittelbar an das Haus grenzt, liegen zwei Kühe wiederkäuend im Stroh.

Der Wind legt zu und ein lautes, ächzendes Geräusch lässt Martina aus dem Schlaf hochschrecken.
„Hallo? Wer ist da?“ Ihre brünetten langen Haare sind zerzaust und das weiße bodenlange Nachthemd zerknittert. Sie schlüpft in abgetragene Pantoffeln ihrer Oma und zieht sich einen tannengrünen Leinenschal fest um die Schultern. Mit vor Kälte zittrigen Fingern sucht sie nach dem Lichtschalter der Stehlampe. Die alte Leuchte kann den Raum nur spärlich erhellen. Die Pendeluhr an der Wand tickt im Rhythmus und Martina sieht die Zeiger kurz vor Mitternacht stehen.
Draußen tobt der Sturm weiter und rüttelt an den Dachschindeln. Martina schlurft zum Fenster und drückt ihre Nase an die Scheibe. Durch das dichte Schneetreiben kann sie die naheliegenden Straßenlaternen kaum ausmachen. Plötzlich nimmt sie Umrisse wahr!

„Was ist das?“, denkt sie sich und kneift die Augen zusammen. Große, schwarze Hunde rennen in einem Affentempo durch den Garten, ihre Zungen hängen seitlich aus dem Maul und leuchten dunkelrot ins Schneegestöber. Den Hunden folgen in einigem Abstand weitere Gestalten, Martina hält den Atem an.
„Um Himmels willen!“ Sie nimmt ihre Hand vor den Mund. Alte Frauen, Kinder, Katzen, Ziegen, Schweine und unfassbar ekelhafte Menschengestalten mit rasselnden Ketten ziehen durch die Nacht. Scheinbar mühelos halten sie dem Sturm stand und mit lautem Geschrei kommen sie näher. Mitten in dem Getümmel erblickt sie jetzt ihre Oma. Sie hat ein Lächeln im Gesicht und marschiert hinter einer hässlichen Greisin mit wirren Haaren, glühenden roten Augen und einer krummen Nase her. Die Alte hinkt und hat einen großen Buckel, an ihrer Seite läuft mit eingezogenem Schwanz ein kläffender, missgebildeter Köter.

Die nächste Windbö rüttelt wieder an den Fensterläden und die Gestalten nähern sich mit Gerassel, Schreien, Johlen, Jammern und Ächzen der Haustür. Martina stockt der Atem, sie starrt entsetzt auf die Türklinke. Ein paar Mal hämmert es kräftig, dann gibt die alte Holztür nach und mit Getöse betreten Menschen und Tiere das Haus. Martina ist wie erstarrt, ihr Herz rast und ihre Knie zittern. Die Hunde zerren an ihrem Nachthemd, stinkender Speichel tropft aus ihren Mäulern auf den Boden und die alte, grauenhafte Frau kommt näher.
„Oma! Was ist hier los? So hilf mir doch!“, schreit Martina heiser. Ihre Großmutter legt lächelnd eine Hand auf den Buckel der Alten.
„Sei milde mit meiner Enkelin, Perchta!“, flüstert sie dem Weib ins Ohr. Die Alte schaut zuerst noch grimmig drein, aber dann entblößt ein boshaftes Grinsen lange, gelbe Zähne. Martina dreht sich angewidert um und schlägt die Hände vors Gesicht.
„Wehe dem Weib, welches die Ahninnen nicht ehrt!“, krächzt Perchta.
„Schließe Frieden und verabschiede dich von dem faulen Geruch nach Hass, Neid, Missgunst. Ansonsten wird dich die Wilde Jagd noch öfter heimsuchen!“ Die Greisin schüttelt langsam den Kopf, geht einige Schritte zurück, bückt sich und mit Anlauf springt sie Martina in den Rücken.

„Neeeeeeeeeeeeeeiiiiiiin!“

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„Hey, Liebes, das war nur ein Traum!“ Ralf nimmt Martina in die Arme. Schweißgebadet sitzt sie in dem schicken Boxspringbett und ringt nach Luft. Draußen ist es schon hell und durch die Terrassentür der Penthousewohnung sieht sie dichten Nebel über den Dächern der Stadt hängen.
„Wir hätten das Haus von Oma nicht verkaufen dürfen, Ralf! Das war nicht richtig!“
„Was, die alte Bude? Hattest du wegen dem Haus einen Alptraum, oder wie?“, fragt er kopfschüttelnd, schlägt die Decke zurück und steigt aus dem Bett.
„Sie hat es mir in gutem Glauben vererbt. Es war doch alles so liebevoll und wohnlich bei ihr und ich war als Kind so gerne dort am Land. Wieso haben wir es nicht restauriert?“ Sie schwingt ihre Beine Richtung Bettrand und möchte sich aufrichten.
„Aaaaaaah!“ Ein blitzartiger Schmerz durchzuckt ihre Lendenwirbelsäule und sie fällt zurück ins Bett.
„Ist dir die Hexe eingefahren?“, fragt er sie verblüfft. Martina legt eine Hand sachte in ihren Rücken und massiert die Stelle. Bei dem Gedanken an die Hexe muss sie schmunzeln und sie denkt an die grauenhaften Gestalten aus dem Traum.
„Die Hexe? Ja, die alte Perchta. Sie ist mir letzte Nacht ins Kreuz gesprungen.“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Eine überarbeitete Version ist im Schreiblust-Verlag erschienen.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20013

In der Fertigung

In der Fertigung ist gerade Pause. Facharbeiter Heinz Schwitzer isst ein Wurstbrot und trinkt einen Traubensaft aus der Dose. Roboter Nelson sitzt auf einem Metallbehälter.

Heinz Schwitzer:
Da, Nelson, willst du auch etwas davon?
Er hält ihm Wurstbrot und Getränkedose entgegen.

Nelson:
Sehr lustig! Aber weißt du was, Heinz? Ich als Roboter bin euch Menschen jetzt etwas nähergekommen, seit letztem Monat beziehe ich ein Gehalt.

Heinz Schwitzer:
Ach, das ist aber interessant. Was machst du denn mit dem Geld?

Nelson:
Weiß ich noch nicht. Das liegt auf meinem Konto.

Heinz Schwitzer:
Wie bitte, du hast ein Konto?

Nelson:
Ja, warum denn nicht? Das hast du ja auch.

Heinz Schwitzer:
Na ja, wie dem auch sei. Machen wir einen Themenwechsel: Ich freue mich schon auf den Sommer. Camping in Istrien mit meiner Family.

Nelson:
Klingt gut. Ich überlege mir, nach Sardinien zu fahren.

Heinz Schwitzer:
Was tust du auf Sardinien? Ich denke, im Sommer werden du und deine Kollegen generalüberholt.

Nelson:
Das dauert ja nur eine Woche, außerdem verkürzt es nicht meinen Urlaubsanspruch von vierzig Tagen.

Heinz Schwitzer:
Und wie gedenkst du, dort deinen Urlaub zu verbringen, Nelson?

Nelson:
Ich werde mir dort eine Fabrik suchen, in der ich arbeiten kann, während mein italienischer Kollege Urlaub hat.

Heinz Schwitzer:
Aber dein Urlaub hat ja gar keinen Sinn, wenn du wieder nur in ihm arbeitest!

Nelson:
Doch, schon: andere Technik, andere Kollegen, andere Gegend. Für mich gibt es ja nur die Arbeit. Das wäre die maximal mögliche Abwechslung für mich.

ABB-Fertigungsroboter

ABB-Fertigungsroboter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19107

Five Days

„Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Erdkarte. Alles schon entdeckt und erforscht“, dachte er, als er in der Gegend herumspazierte. Außer der Tiefsee, die war noch weitgehend unerkannt. Aber das war nicht sein Ding. Die Geheimnisse der Psyche ergründen, das schon eher. Wie wirst du in einer bestimmten Situation beeinflusst? Immer noch Schnee an den Bäumen. Der Winter nahm kein Ende.

Seine Frau hatte ihn vor kurzem verlassen. Sein ganzes Leben hatten sich Frauen um ihn gekümmert. Nun lebte er das erste Mal nicht mit einer Frau zusammen. In zwei Monaten würden sie geschieden sein. Sie hatte keinen anderen, aber sie waren einfach zu verschieden, hatten keine gemeinsamen Interessen. Mit den Jahren war das immer stärker zutage getreten. Kinder waren keine da, so war die Trennung leichtgefallen. Er hatte auswärts einen neuen Job begonnen, und die Firma stellte ihm und einem Kollegen eine Wohnung zur Verfügung. Mit seinem Kollegen verstand er sich ganz gut. Der war schon 55, Wiener, 20 Jahre älter als er. Meistens redeten sie über die Firma und über Technik, selten über Privates.

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Er nahm das erst jetzt wahr. Er ging in seine Wohnung, unterhielt sich noch kurz mit Gottfried, seinem Kollegen, und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen ging ihm das vertraute Geräusch der Dusche ab. Gottfried und er hatten einen Zeitplan vereinbart. Üblicherweise, wenn sein Handy ihn weckte, war gerade Gottfried im Bad. Vielleicht hatte sich Gottfried heute nicht geduscht und war bereits in die Firma gefahren, denn auch in der Küche sah er ihn nicht.

Heute war Freitag, er freute sich schon auf das Wochenende. Er blickte aus dem Fenster. Draußen blühte der Kirschbaum, der Schnee war verschwunden. Es war warm. Er zog seinen Pullover wieder aus. Seltsam. Er stellte sich Kaffee auf, rasierte und duschte sich. Mit einem T-Shirt und Sakko bekleidet, fuhr er in die Firma. Auch dort konnte er keine Spur von Gottfried finden. Man teilte ihm mit, Gottfried habe vor drei Wochen die Firma verlassen. Stattdessen saß eine neue Sekretärin im Büro, eine dickliche Französin. „Wir müssen heute den internen Auftrag über die zwei Extrusionslinen für den Iran erteilen“, eröffnete sie ihm. Er konnte sich nicht daran erinnern, diesen Auftrag verhandelt zu haben. Der stand doch erst in einem Monat auf dem Plan. Er war verwirrt. Seine neue Sekretärin war gut vorbereitet und half ihm bei der Besprechung des Auftrages mit den technischen Abteilungen und mit der kaufmännischen.

Beim Mittagessen in einem chinesischen Restaurant saßen sie im Garten. Es war Frühling. Schmetterlinge schwirrten herum, die Vögel zwitscherten.

Abends sah er sich im Fernsehen einen Science-Fiction-Film an. Zum Ausgehen war er zu müde. Er ging früh zu Bett. Er las noch ein wenig Fachliteratur, bevor er einschlief.

Als er die Augen aufschlug, lag eine fremde Frau neben ihm. Eine hübsche brünette, schlanke Frau. Sie schlief, hatte den Arm über seine nackte Brust gelegt. Gestern hatte er doch einen Pyjama angehabt, oder irrte er sich? Er hatte doch nur ein Einzelbett. Wie kam das Doppelbett in sein Zimmer? Das war gar nicht sein Zimmer. Er war bei ihr. Sie frühstückten gemeinsam, Honig, Marmelade, Tee. Sie schienen einander schon länger zu kennen. Sie gingen im Attersee baden. Es war ein heißer Tag, 32 °C. Die Sonne brannte. Viele Surfer auf dem Wasser. Es war Sommer. Sie tranken viel und liebten sich leidenschaftlich in der Nacht.

Am nächsten Tag war die Frau verschwunden. Er war wieder in seiner Firmenwohnung. Es regnete. Nebelschwaden. Ein typischer Sonntag im November. Ihm war langweilig. Er fuhr in seine Firma, um in Ruhe zu arbeiten. Er begutachtete seinen neuen Computer mit Flachbildschirm und rief seine E-Mails ab, 2364 neue Nachrichten.

Montags erwachte er an der Seite seiner Frau in einem ihm unbekannten Haus. Im Garten warfen ihre Kinder Schneebälle.

Der Wörthersee im Winter

Der Wörthersee im Winter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19108

Gedanken

Mit der Zeit lernte ich zu verstehen. Anfangs bekam der Patient, üblicherweise ein Student, der als Proband fungiert, ein Kontrastmittel gespritzt, zwanzig bis dreißig Minuten später legte man ihn in einen Gehirnscanner, und ich beobachtete seine Gehirnaktivität. Es begann mit einem großen Durcheinander, einem Wirrwarr von unterschiedlichen Gedanken, einem chaotischen Zustand. Allerdings, was man ja auch annimmt, liefen diese Gedanken nacheinander ab. Viele Gedanken bewirkten einen weiteren, andere hörten auf. Aber woran dachte der Patient?

Die Gedanken in Sprache umzuwandeln gelang nicht, da der Patient ja nicht in Buchstaben dachte. Er dachte in Bildern, und verschiedene Bilder hintereinandergeschaltet ergaben einen Film. Es gelang mir wirklich, diese Bilder zu visualisieren. Sogar auf meinem Smartphone konnte ich sie anzeigen lassen. Auf das Kontrastmittel konnte mittlerweile verzichtet werden, und der Gehirnscanner wurde zu einem Ring verkleinert, den der Patient aufsetzte – es sah dann aus, als ob er einen Heiligenschein hätte.

Inzwischen konnte ich mithilfe dieser Apparatur die Gedanken vieler Menschen ansehen, aber niemals testete ich sie an meiner Freundin, aus Angst, dass ich in ihren Gedanken gar nicht vorkommen würde.

Bunte Sterne und Streifen auf dem Kopfsteinpflaster

Bunte Sterne und Streifen auf dem Kopfsteinpflaster

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19090

Prof. Dr. Lino

Soeben wurde eine Creme mit neuer Rezeptur im Labor hergestellt. Professor Doktor Lino prüft sie auf Streichfähigkeit. „Scheint in Ordnung zu sein“, sagt er zu einem Laborassistenten. „Sie riecht auch gut“, sagt er zu sich selbst, aber nicht mehr zum Assistenten, denn man soll die Leute nicht zu sehr loben.
Prof. Dr. Lino ist etwas im Stress, in einer dreiviertel Stunde muss er im Universitätskrankenhaus die Visite durchführen, vorher noch muss er sich über die Patienten informieren – wie ist die Vorgeschichte, welches Produkt wurde eingesetzt, wie sieht das Ergebnis aus?
Danach muss er noch einen Besuch bei betuchten Patienten im Privatkrankenhaus abhalten. Prof. Dr. Lino hat immer viel zu tun.

Es ist nur zu hoffen, dass niemand jemals Prof. Dr. Lino darüber aufklärt, dass er nur eine Werbefigur ist, und zwar für die Firma Linola, die spezielle Cremen, die Linolsäure enthalten, für die Anwendung bei trockener Haut und Juckreiz fabriziert und vertreibt.

Das ist Prof. Dr. Lino

Professor Doktor Lino

Professor Doktor Lino

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19087