Die wilde Maus

Mit besonderem Dank an meine liebe Freundin Elisabeth Mohorko, die mir das Bild der Wilden Maus in die Quarantäne sendete und mich inspirierte.

Ich bin der letzte Mensch auf Erden und ich suche verzweifelt Orte, in denen Menschenseelen herumflattern.
Ich bin so einsam, dass ich das Sprechen fast verlernt habe. Daher schreibe ich alles in meinem Tagebuch auf und hoffe, es eines Tages jemandem erzählen zu können.
Ich besitze eine besondere Fähigkeit: Wenn ich an etwas denke, wird es sofort umgesetzt.
Seitdem es keine Menschen mehr auf der Erde gibt, ist die Luft so leicht, dass sie Gedanken transportieren und verwirklichen kann.
Wenn ich Menschen schreibe, meine ich die ehemaligen Bewohner der Erde, die einen physischen Körper wie ich hatten. Die Seele war nicht bei allen vorhanden. Ich will allerdings die Geschichte der Menschenseelen schreiben, die noch auf diesem Planeten wandern und ihnen dabei meine lesen lassen, damit wir verbunden bleiben.

Ich bin seit zwanzig Jahren auf der Welt und seit zehn Monaten bin ich der letzte Mensch auf der Erde. Was wohl passiert ist? Nichts. Ich bin an einem Frühlingsmorgen aufgestanden und keine menschliche Stimme war mehr zu hören. Ich rannte durch meine Stadt und konnte niemanden, weder unterwegs noch in den Gebäuden, sehen. Ich spazierte durch den Stadtpark und sah nur Tiere. Ich stoppte erschöpft an einem Baum und umarmte ihn. Es war eine Eiche, die mir zuflüsterte: “Sei nicht traurig, du bist nicht einsam. Habe Vertrauen und begebe dich auf die Suche nach Menschenseelen. Du wirst nicht gleich welche finden, aber es gibt noch einige auf diesem Planeten und sie wollen gehört werden!”
Ich blieb noch eine Weile, mit meinen Armen um die Eiche, stehen und spürte ihre Wärme. Plötzlich war ich federleicht und dachte sofort an das tolle Gefühl, das ich am Meer habe. Ich schwimme und schwebe über den Meeresgrund, während alle Sorgen ihre Schwerkraft verlieren.

Nachdem der Gedanke zu Ende  war, befand ich mich im Atlantik, bei Cabo de Maria in Portugal. Es war ein heiβer, windiger Sommertag und ich konnte nackt baden: Niemand hätte mich gesehen! Ich blieb dort eine Weile und fing sogar an, nackt herumzugehen. Meine Haut war, genauso wie Sand und Wasser, Teil der Landschaft.
An einem Morgen war es so windig, dass ich das Gefühl hatte, Achterbahn zu fahren. Ich war lange nicht mehr in Wien und fing an, an den Prater zu denken. Ich schloss die Augen und erwachte auf einem kühlen Sitz in einem kleinen Wagen, der auf einem einsamen Gleis fixiert war. Er bewegte sich nicht, niemand konnte ja die Achterbahn bedienen.
Ich herrschte über den Prater.

Es war ein grauer, windiger Tag und ich fühlte mich wie in einer Freiluft-Geisterbahn.
Das Riesenrad bewegte sich kaum, der Wind lieβ die Kabinen leise quietschen, wie rostige Wimpern eines weit aufgerissenen Glasauges.
Ich war hypnotisiert vom Hin und Her des Quietschens und hörte auf einmal ein “Ich” aus dem “Quietsch, quietsch”. In dem Moment spürte ich eindeutig, dass es sich um eine Menschenseele handelte.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich ausschlieβlich auf die Laute, die mir zugeflüstert wurden.

“Ich heiβe Mario und ich bin der Wächter vom Prater. Ich passe auf die Karussells auf, sie sind meine Lieblingsspielzeuge. Obwohl sie seit einer Weile nicht mehr besucht werden, sind sie poliert und farbenfroh. Täglich hauche ich allen Staub weg, dann reibe ich mir die Hände und feine, glitzernde Sternschnuppen fallen auf die Glieder meiner Puppen. Wenn das Gebimmel vorbei ist, hört man das silberhelle Gelächter der Kinderseelen.
Sie kommen wie ein Hauch Wind und rutschen in die Achterbahnen. Dann springen sie hoch in den Himmel und drehen sich um sich selbst, wie wirbelnde Raketen. Schlieβlich landen sie auf dem Riesenrad, wo sie in einer Kabine einschlafen und wild träumen. Das Quietschen ist die Stimme ihres Unterbewusstseins. Sie sind neugierig und wollen einen Menschen sehen, die Seelen ihrer Eltern erzählen immer wieder von der Zeit, als es Menschen auf Erde gab. Heute bist du wie ein Wunder hier erschienen, und sie werden sich riesig freuen, wenn sie wieder wach werden!
Damit du mit ihnen Kontakt aufnehmen kannst, sollst du deine Kinderseele wieder ins Leben rufen. Schau, du bist genau auf der Wilden Maus gelandet, das Lieblingskarussell der Kinderseelen. Der Wagen auf dem du sitzt, ist durch eine Bremse ans Gleis gefesselt. Die Bremse ist das Lieblingswerkzeug des Menschen, der alles steuern will. Wenn du dich traust, die Bremse zu lösen, wirst du wie die Kinderseelen rutschen und dann hoch in den Himmel springen. Wenn nicht, wird der jetzige Prater eine Freiluft-Geisterbahn für dich bleiben.”

Höhenangst und Schiss vor Geschwindigkeit sind schon immer meine unangenehmen Begleiter. Allein der Gedanke, wild zu rutschen und in die Luft zu springen, war übel, ich könnte gleich ohnmächtig werden. Allerdings vergaß ich dabei meine Sondergabe, Gedanken gleich umzusetzen, und so hörte ich plötzlich das saubere und trockene Geräusch der sich lösenden Bremse. Das Quietschen der lange stillgestandenen Räder folgte. Die ersten Sekunden drehten sie sich noch langsam, und dann ging es richtig los! Mein Herz sprang hoch bis zu meiner Kehle und ich schrie so laut, dass der ganze Prater leicht bebte. Die Kinderseelen wurden vom seltsamen Geschrei geweckt, und ich konnte das neugierige Gebimmel ihrer Stimmen hören. Sie kamen alle zusammen wie eine Schar und rutschten mit mir. Als ein Knick mein Körper aus dem Wagen katapultierte, spürte ich die Kinderseelen um meine Glieder. Sie umwickelten mich und wir sprangen zusammen höher und höher in den Himmel, bis der Prater nicht mehr zu sehen war.
Mein Körper wurde von der Schwerkraft befreit, ich fühlte mich immer leichter und luftiger, wie eine Himmelslaterne.

Die wilde Maus (Foto: Elisabeth Mohorko)

Die wilde Maus (Foto: Elisabeth Mohorko)

Annamaria Bortoletto
https://laltraidea.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 20066

 

 

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Ein Gedanke zu „Die wilde Maus

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