Schlagwort-Archiv: Wortglauberei

Dreißig Engel halten uns

Dreißig Engel halten dich, meine Liebe, und mich in der Luft, sicher und warm. „Wann hast du das letzte Mal gebetet?“, frage ich dich. „Als mein Onkel Klaus starb“, sagst du. Das war im Frühling, jetzt ist Herbst. Zehn Engel verlassen uns nun. „Und du?“, fragst du. „Ich bete nie“, sage ich, „ich kann mich nicht erinnern, jemals gebetet zu haben.“ Plötzlich ist kein einziger Engel mehr unter uns. Wir stürzen. Andererseits: Haben wir denn darum gebeten, in die Luft gehoben zu werden?

Zwei Putti auf dem Vordach des aufgelassenen Souvenir Centers in Krumpendorf im Juli 2021

Zwei Putti auf dem Vordach des aufgelassenen Souvenir Centers in Krumpendorf im Juli 2021

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 24028

Ohne germanistisches Gespür

„Warum haben Sie nicht Theologie studiert?“, fragte der Therapeut, selbst studierter Theologe, den Germanisten. Dem Germanisten war die Herablassung des Therapeuten zuwider. Wie konnte er dessen Studienwahl nicht nur nicht würdigen, sondern als Fehler verstehen?
Aber lassen wir es, uns über einen Menschen zu ärgern, der alles andere außerhalb des eigenen Horizonts geringschätzt, und gönnen wir ihm das Gefühl, sich stolz wie der Hahn auf dem Misthaufen zu fühlen. Denn daran gibt es nichts zu rütteln: Er ist halt ein Banause.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 23191

Die heutige Kleine Zeitung

Ich habe die Kleine Zeitung abonniert. Es ist 5:30 Uhr. Ich will sie holen, aber im Postkasten ist keine Zeitung. In genau diesem Moment weiß ich nicht mehr, was sich gestern ereignete. Mir fehlt der ganze Tag. Ich kann mich aber an vorgestern und heute früh erinnern. Ich frage mich, wie das sein kann. Aber eigentlich ist das ja egal, es ist so. Kaufe ich mir die Zeitung, wird der gestrige Tag wieder erscheinen, sobald ich sie gelesen haben werde.

Der KLEINE-ZEITUNG-TRANSPORTER und vier Burschen beim Partyzelt Wörthersee-Halbmarathon, August 2022

Der KLEINE-ZEITUNG-TRANSPORTER und vier Burschen beim Partyzelt Wörthersee-Halbmarathon, August 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 24022

Die Wahrheit

Das bin nicht ich, der hier sitzt.
Er ist nur meine Erscheinung.
Mein Herz, meine Leber und mein Gehirn sind woanders.
Fürchtet euch nicht und lobet den Herrn!
Denn nur Er kennt die Wahrheit.

Brennende Windlichter und Papst Johannes Paul II. in der Domkirche St. Peter und Paul

Brennende Windlichter und Papst Johannes Paul II. in der Domkirche St. Peter und Paul

Johannes Tosin
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www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 24005

Sätze aus Ziegel und Mörtel

Besonnen und durchdacht.
Lichtklare Augen.
Lippen, die flechten Sätze,
wohlgesetzt und temperiert,
die eher
aus der Eiswüste
kommen zu scheinen
als von einem suchend Herz.

Der kleine historische Ziegelbau und zwei Sitzbänke in Bleiburg

Der kleine historische Ziegelbau und zwei Sitzbänke in Bleiburg

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 23147

Tanz

Tanzt ein Buchstabe auf weißem Papier, tanzt auf der Nase herum,
tanzt den Tanz des Gerechten und den Tanz der Gerächten
und den Tanz der zu Rächenden.
Winselt nie um Gnade und tanzt weiter
auf dem Tisch.

Tanzt der Buchstabe in einem wild gewordenen Wort,
tanzt das Wort einfach tot und fordert:
Tanz aus Melancholie und durch Mord.
Im Irgendwo durch irgendwen.
Aber bitte mit Text.

Tanzen die Worte im Buch, tanzen das Auge entzwei,
tanzen den Tanz aus Sätzen und den Tanz von Texten
und den Tanz eines Buchstabens, der nicht sitzt
oder fehlt oder überflüssig geworden
zu Grunde geht!

Annette van den Bergh
paganinisberlin.net

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 23120

Die Ohne-Limits

Da die Bürger dieses Staats so übersättigt von Informationen in erster Linie digitaler Art sind, nach Meinung der Regierung, wurde eine Sprachregelung in Kraft gesetzt, nach der die Anzahl der Wörter, die jeder Bürger im Lauf eines Tages von sich geben durfte, beschränkt wurde. Zuvor lag die durchschnittliche Anzahl der Wörter pro Tag bei zirka 16 000. Nun durfte ein durchschnittlicher Bürger, falls man das so sagen kann, maximal 5 000 Wörter am Tag äußern, jemand, der im unteren Bereich der Gesellschaft angesiedelt war, manchmal nur 2 000 Wörter am Tag. Und dann wurden auch jene definiert, die gar nicht sprechen durften, hauptsächlich Kriminelle oder gemeingefährliche Verrückte. Ganz oben in der Hierarchie hingegen waren die OLs, die Ohne-Limits, für die sich nichts änderte, sie durften so viel sprechen, wie sie wollten. Sie wurden allseits beneidet.

Nachtfarben

Nachtfarben

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 23109

Angewandte Redewendungen

Ist es nicht genugtuend, jemandem, der Haare auf den Zähnen, Dreck am Stecken und ein Brett vorm Kopf hat, den Schneid abzukaufen?

Ohne den Faden zu verlieren, aus dem Schneider zu sein, das ausbaden zu müssen, was jener Süßholzraspler verschuldet hat?

Tacheles reden und nicht klein beigeben ist angesagt!

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 23104

Nearly True Love

„Ich liebe dich wie mein rotes Herz.“

Falsch, nein, nicht gut, Chat GPT.

„True love is always and for everybody.”

Das ist doch Blödsinn, nicht?
Man sollte diese Maschine vom Netz nehmen.

„Show me your most naked things, my lady fine.”

Das ist ja fortschrittlich, fast schon gut!
Die Maschine lernt.
Man darf ihr nicht böse sein.

Das Hulamädchen spielt auf dem Armaturenbrett Ukulele

Das Hulamädchen spielt auf dem Armaturenbrett Ukulele

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 23085

Halleluja

Der Prediger spricht zur Menge in seiner Kirche, die aus einem weißen Zelt besteht: „Ihr alle, keiner ist ausgenommen, habt euch von Gott abgewendet. Glaubt ihr etwa, ihr seid seine Diener bei euren alltäglichen Sünden, großen Sünden, kleinen Sünden? Ihr habt überhaupt keine Chance, nach eurem irdischen Dasein in den Himmel aufzufahren. Der Höllenfürst wird sich um eure Seelen kümmern, und glaubt mir, das wird kein Spaß für euch.“ Er hält das Mikrophon in die Menge. „Halleluja“, erschallt es. „Das gibt mir etwas Zuversicht, meine Anhänger. Wollt ihr euch wieder dem Herrn zuwenden?“ „Jaaa“, ertönt es. „Das gefällt mir schon ganz gut“, sagt der Prediger. „Er hält wieder das Mikrophon in die Menge. „Ich will wieder das Wort mit H hören.“ „Halleluja“, ruft die Menge.

Puh, denkt der Prediger, bei dieser Hitze ist so ein Gottesdienst ganz schön anstrengend. Dann muss er sich aber auch rentieren, sonst kann ich gleich für Lieferando arbeiten. „Und jetzt kommt der Klingelbeutel, Leute!“, ruft er.

Die Geteilte Kirche Sankt Maria zu Gmünd

Die Geteilte Kirche Sankt Maria zu Gmünd

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 22078