Schlagwort-Archiv: ärgstens

Klärend, heilend

Kurz vor halb sechs Uhr morgens, als ich gerade dabei bin, mir Tee zuzubereiten, klingelt das Handy. Sofort füllen sich meine Augen mit Tränen. Als ob sie nur darauf gewartet hätten, die Tränen, als ob das Handyläuten das Startsignal für sie wäre. Natürlich ist dein Vater der Anrufer. Er weiß genau, dass ich längst auf den Beinen bin, weiß genau, wie mir zumute ist, heute, an diesem besonderen Tag.

Ich gehe zum Fenster, sehe hinaus, zum Park gegenüber, der noch im Morgendunkel liegt und durch den wir unzählige Male gejoggt sind, dein Vater und ich, meist um diese Uhrzeit, während du noch tief geschlafen hast. Ich lasse das Handy läuten, lasse meine Tränen laufen, meinen Tee kalt werden, lasse meine Gedanken zu. Gedanken an kleine Episoden der vielen Jahre zu dritt, an die trügerische Selbstverständlichkeit unseres Zusammenseins. Dein Vater, du, ich.

Nun ist alles anders. Seit drei Monaten lebe ich allein. Nachdem du gegangen bist, habe ich keinen Menschen mehr in meiner Nähe ausgehalten. Vor allem deinen Vater nicht. Der Satz, dass Unglück Menschen zusammenschweißt, stimmt nicht, zumindest nicht für mich. Von Tag zu Tag habe ich es weniger ertragen, meine Trauer um dich im Gesicht deines Vaters gespiegelt zu sehen. Irgendwann hat er mein Bedürfnis nach Alleinsein akzeptiert, ist ausgezogen, hat sich eine kleine Wohnung gemietet.

„Ich betrachte das als vorübergehend“, hat er immer wieder zu mir gesagt, „nur so lange, bis du sagst, komm wieder nach Hause.“ Doch seit ich ihn mit Sara gesehen habe, bin ich unsicher, ob er wirklich zurückkommen möchte. Wie vertraut sie gewirkt haben. Du kennst sie ja, seine langjährige Kollegin, liebenswürdig und sehr hübsch ist sie, und seit kurzem außerdem geschieden. Vorgestern war es, ich ging an einem Lokal vorbei, zufällig fiel mein Blick durch das Fenster, und da sah ich die beiden. Sara hat die Hand deines Vaters gehalten, und sie haben sich tief in die Augen geschaut. Ach, egal. Seit du gegangen bist, ist alles, was mich früher aufgeregt hätte, bedeutungslos für mich geworden. Ich nehme das Handy in die Hand, das Klingeln hat längst aufgehört. ‚Ich rufe dich später zurück‘, schreibe ich, drücke auf Senden. Dann schalte ich das Handy aus. Dein Vater wird es verstehen.

Ich schminke mich. Bin dankbar für diese Möglichkeit, eine Art Schutzschicht aufzutragen. Den düsteren inneren Farben auch durch Kleidung zumindest äußerlich bunte, fröhliche entgegenzusetzen. Gerade heute, zu deinem Geburtstag, wähle ich bewusst mein bestes Outfit, ein elegantes Kleid in Eisblau, mit einem schicken beigen Blazer. Du sollst dich für deine Mutter nicht schämen müssen.

Dann spaziere ich langsam bis in die Innenstadt, setze mich in unser Café, das soeben aufgesperrt hat, bestelle Kaffee, und versuche, Zeitung zu lesen. Doch ich kann mich nicht konzentrieren. Meine Gedanken fliegen zu dir, in die Tage der Vergangenheit. Ich sehe uns beide hier sitzen, du mir gegenüber. Du bist gerade mal fünf Jahre alt, und ich muss lachen, weil du die Erwachsenen imitierst. Du hältst eine Zeitung in deinen kleinen Händen, tust mit ernstem Gesichtsausdruck so, als ob du sie lesen würdest.

Ich muss kurz die Augen schließen, sehe dann auf meine Armbanduhr. Noch zwei Stunden Zeit. Um 10:55 Uhr möchte ich bei dir sein. Genügend Zeit, um dein Geburtstagsgeschenk zu kaufen.

„Eine sehr gute Wahl“, lobt der Kassier des Mineraliengeschäftes eine Stunde später. Behutsam packt er den großen Bergkristall ein. Ich nicke, denn ich habe den schönsten Kristall gewählt, den ich hier für dich finden konnte. ‚Wirkung: Klärend, heilend‘, stand auf einem kleinen Schild darunter. Schon im Kindergarten hast du dich für Mineralien interessiert, und begonnen, sie zu sammeln.

„Ausgezeichnet“, beteuert der Kassier nochmal, nennt dann beiläufig eine hohe Summe und scherzt: „Tja, Schönheit hat ihren Preis.“

„Für meinen Sohn ist mir nichts zu teuer“, sage ich laut. Mir ist bewusst, wie arrogant mein Tonfall sich dabei anhört, kann und will aber nicht anders, als genau so zu klingen. Ich drehe mich dabei etwas zur Seite, blicke zu einer jungen Frau, die hinter mir steht, um zu überprüfen, ob diese registriert hat, welch großzügige Mutter ich bin. Sie hält ein kleines Mädchen an der einen und ein rosa Armband in der anderen Hand.

„Ein Geschenk für den Junior also“, tönt der Kassier scheinbar interessiert.

„Ja. Heute vor 14 Jahren kam mein David zur Welt“, sage ich laut und übertrieben feierlich, sehe nun direkt der jungen Frau ins Gesicht. Diese sieht demonstrativ weg, ich höre förmlich, wie sie denkt: ‚Reiche Tussi. Denk bloß nicht, dass ich mich für dich und deinen verzogenen Sprössling interessiere.‘

„Wie schön, Gratulation“, bemerkt der Kassier.

Ich bezahle, dann verlasse ich grußlos das Geschäft, rausche mit hoch erhobenem Kopf an der Frau und ihrer Tochter vorbei, die Tasche mit dem Kristall an mein eisblaues Kleid gepresst. Bin absolut in die Rolle einer hochnäsigen Mutter geschlüpft.

Ob es im breiten Feld der Psychologie einen Fachausdruck für die Sucht gibt, das Mutter-Sein vorzutäuschen? Für das Bedürfnis, zu spüren, dass fremde Menschen mich als Mutter wahrnehmen? Das Verlangen danach ist zeitweise unwiderstehlich für mich. Ich spiele alle Arten von Muttertypen, fürsorgliche, überbesorgte, oder so wie vorhin unsympathische. Lasse mich von Verkäuferinnen und Verkäufern wegen passender Kleidung oder Spielsachen für dich beraten. Gestern bin ich in einer Apotheke gewesen und habe Hustensaft für dich gekauft. „Der übliche Husten, so wie jedes Jahr um diese Zeit. Vor allem nachts quält er ihn, er kann kaum schlafen deswegen, der Ärmste“, habe ich geklagt.

Draußen sehe ich noch kurz durch das Fenster des Mineraliengeschäftes, sehe, wie die junge Mutter dem Kassier gestikulierend die Handkette reicht, sehe ihn lachen. Wahrscheinlich äfft die Frau mich gerade nach, teilt dem Kassier nun ihrerseits mit: „Vor sieben Jahren wurde meine Kimberly geboren“, und dann, affektiert, die Tatsache, dass die Kette einen Bruchteil des Bergkristall-Preises ausmacht, ignorierend: „Für meine Tochter ist mir nichts zu teuer.“

Ich greife in die Tasche, berühre die Schachtel mit dem Bergkristall. ‚Klärend, heilend‘, denke ich. Zwei Jungen kommen mir entgegen, als ich den breiten Gehsteig entlang gehe. Sie sind ein paar Jahre jünger als du, ungefähr zehn Jahre alt, einer trägt einen Fußball, hat ihn zwischen Arm und Hüfte geklemmt. Sekundenlang starre ich auf den Ball. Hinter meiner rechten Schläfe beginnt es schmerzhaft zu pochen, ich schnappe nach Luft, dann entreiße ich dem Jungen den Ball, werfe ihn mit Schwung über das hohe Gitter einer Baustelle, die sich gleich neben dem Gehsteig befindet. Er verschwindet in einer tiefen Baugrube. Kurz sehe ich in die fassungslosen Gesichter der Kinder, denke, während ich an ihnen vorbeigehe, ich müsste mich ihnen erklären, müsste ihnen von dir erzählen, ihnen sagen, dass du wegen solch eines Balls nicht mehr hier bist, wegen eines Balls, der einem kleinen, fremden Kind auf die Straße gerollt ist. Das Kind ist dem Ball nachgerannt, trotz der stark befahrenen Fahrbahn, du bist dem Kind nach, trotz der stark befahrenen Fahrbahn. Du wolltest das Kind retten. Es ist dir gelungen. Das Kind lebt. Du bist tot. Doch ich erkläre nichts, kein Wort bekomme ich heraus, sondern gehe schnell weiter, weg von den beiden Kindern, die mir nun nachbrüllen:

„He, was soll das? Warum machen Sie das?“

„Blöde Kuh!“

Ich biege um eine Ecke, taste nach dem Bergkristall.

‚Klärend, heilend.‘ Krampfhaft versuche ich, an nichts anderes zu denken als an diese beiden Worte. Meine Augen tränen, aber ich gehe weiter, zwei, drei Straßen entlang. Kurz bevor ich bei dir bin, muss ich mich setzen. Also lasse ich mich auf dem breiten Auslagevorsprung einer Bäckerei nieder, hole einen kleinen Spiegel und ein Taschentuch aus der Tasche. Meine Hände, die eine, die den Spiegel hält, die andere, die das Augen-Make-up mitsamt den Tränen abwischt, zittern stark.

Eine Frau in Arbeitskleidung kommt aus dem Geschäft. „Ist Ihnen nicht gut? Warten Sie, ich bringe Ihnen etwas Wasser.“

Eilig geht sie wieder hinein, um mir gleich darauf ein Glas zu reichen.

„Danke, es geht schon wieder“, stottere ich, „es ist nur – heute ist der 14. Geburtstag meines Sohnes.“

„Ach, alles klar – ja, ja, die Pubertät“, missversteht sie mich. „Ihr Sohn steckt wohl in Schwierigkeiten. Wissen Sie, meine Tochter ist fünfzehn. Ich sage Ihnen: Probleme in allen Bereichen, Schule, Freunde, überall. Sie kennen wohl Ähnliches von Ihrem Sohn.“
„Nein, das kenne ich nicht“, sage ich, richte mich auf. „Mein Sohn ist nicht in der Pubertät. Er steckt in keinerlei Schwierigkeiten, macht nie Probleme, im Gegenteil. David ist wunderbar, einzigartig.“

Ich gebe ihr das Wasserglas zurück. Das Lächeln der Frau gefriert.

„Na dann“, sagt sie eingeschnappt, „dann läuft ja alles bestens bei Ihnen. Gut, ich gehe jetzt mal, habe schließlich zu tun.“ Sie nickt mir kurz zu und verschwindet in der Bäckerei.

Wieder berühre ich die Schachtel mit deinem Geschenk, wieder denke ich: ‚Klärend, heilend‘, ehe ich mich aufraffe und meinen Weg fortsetze.

Zehn Minuten später bin ich bei dir, betrachte dein liebes Kindergesicht. Streichle mit meinem Blick dein helles Haar, studiere dein einnehmendes Lächeln. Dann nehme ich den Bergkristall aus der Tasche, platziere ihn zwischen Efeu und Kletterrosen auf schwarzer Erde, unter dein Foto im runden, dunklen Rahmen.

„Das sieht sehr schön aus“, sagt plötzlich jemand leise hinter mir. Dein Vater, natürlich. Ich erschrecke mich nicht, habe wohl innerlich damit gerechnet, dass er ebenfalls bei dir sein wird. Er war schließlich dabei, als du vor genau vierzehn Jahren zur Welt gekommen bist, um 10:55 Uhr. Wir haben beide damals vor Glück geweint. Dein Vater und ich sehen uns an, still, wissend, dass wir das Gleiche denken. Wir denken an dich, betrachten nun gemeinsam dein Foto. Du lächelst uns zu.

Später sitzen dein Vater und ich in der Frühlingssonne auf einer Bank in deiner Nähe. ‚Klärend, heilend‘, klingt es in mir, und dann erzähle ich deinem Vater von allem. Von dem Ball, den ich in die Baugrube geworfen habe, von der Episode im Mineraliengeschäft. Erzähle von meinem Bedürfnis, das Mutter-Sein vorzutäuschen. Es ist das erste Mal, dass ich darüber rede. Dein Vater hört mir zu. Sagt dann, das sei verständlich, dieser Drang würde sich bestimmt mit der Zeit legen.

Wir reden von dir, von unserem veränderten Dasein ohne dich, und da merke ich, dass ich deinem Vater endlich wieder in die Augen schauen kann, ohne dass mein Schmerz um dich sich wie verdoppelt anfühlt. Ich sehe in deinem Vater den geliebten Menschen, der es gut mit mir meint, der mich versteht, der weiß, wie es in mir aussieht.

Es ist inzwischen weit nach Mittag. Wir stehen auf, verlassen den Friedhof durch das schmiedeeiserne Tor. Das Auto deines Vaters steht auf dem Parkplatz. Ich zögere, würde jetzt gerne sagen: ‚Komm wieder zurück‘, aber –

„Wie geht es Sara?“, frage ich, und muss plötzlich gegen einen Kloß in meiner Kehle ankämpfen.

Er sieht mich irritiert an.

„Ich habe euch gesehen, vorgestern, in einem Lokal“, sage ich.

Dein Vater schüttelt den Kopf. „Wir haben nur miteinander geredet und uns gegenseitig getröstet. Sara hat mir von ihrer Scheidung erzählt, ich ihr von David und dir. Zwischen Sara und mir ist nichts als Freundschaft.“ Er ergreift meine Hand. „Ach, du weißt doch, dass ich die ganze Zeit darauf warte, dass du sagst …“

„Fahren wir bitte nach Hause“, sage ich. „Zusammen.“

„Wirklich?“

„Ja. Komm bitte wieder zu mir – komm zurück nach Hause.“ Erneut muss ich weinen. Dein Vater nimmt mich in die Arme.

„Nichts lieber als das“, sagt er.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 23113

Meine Freundin Gerti

Nach langer Zeit besuche ich wieder meine alte Freundin Gerti. Sie ist mehrmals umgezogen, seit wir uns das letzte Mal sahen. „Schön, dass du hier bist, Christa“, sagt sie zur Begrüßung. Sie wirkt kaum gealtert. Während wir Kaffee trinken und Cremeschnitte essen, kommen wir auf das Thema Suizid. Ich weiß nicht, wer von uns es angesprochen hat. „Für mich ist das kein gangbarer Weg“, sage ich. „Du hast ja auch einen netten Mann, wohlgeratene Kinder und genug Geld. Warst du denn jemals in einer Notsituation?“, fragt sie. „Manche kleine Katastrophen machte ich schon mit“, erwidere ich. „Aber du bist immer durchgetaucht, und als du Luft geholt hast, war das meiste wieder gut. Bei mir sieht es anders aus“, erzählt sie. „Das erste Mal versuchte ich, durch Schlaftabletten mein Leben zu verlassen. Das klappte aber nicht.“ „Und?“, frage ich. „Das zweite Mal sprang ich aus dem 11. Stock des Rothauer Hochhauses.“ „Ja?“, frage ich. „Es hat funktioniert“, sagt Gerti. Sie lächelt.

Nun beginnt der Raum sich zu drehen. Zuerst verschwinden kleine Dinge, dann Möbel und zum Schluss meine Freundin Gerti.

Der beleuchtete Gevatter Tod in der Novembernacht

Der beleuchtete Gevatter Tod in der Novembernacht

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 23089

War

Im Krieg.
Tränen rinnen über sein Gesicht,
nass ist es wie von Wasser.
Und doch, schnell, flüchten oder schießen.
Überleben für diese Sekunde.
Die nächste vielleicht nicht mehr.

Dies bringt Tod und Verderben auf die herkömmliche Weise

Dies bringt Tod und Verderben auf die herkömmliche Weise

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 23077

Die Neue

Als der Chef ankündigte, wir würden eine neue Kollegin bekommen, erwachte ich aus meinem Dämmerschlaf. Er brabbelte von ihrem ausgezeichneten Medien-Studium an der FH und ihrer bisherigen Tätigkeit im Marketing eines Skigebiets und ich wartete ungeduldig darauf, dass er aufhörte zu sprechen, damit ich sie in aller Ruhe googeln konnte. Endlich bekamen wir jemand Neuen. Meine Kolleginnen langweilten mich.

Sie hieß Sophia, postete Fotos von sich in Santorin und vor dem Isländer Gullfoss und teilte vegetarische Rezepte mit Kichererbsen. Ich rümpfte die Nase. Vielleicht hatte ich die falsche Sophia.

Ich hatte nicht die falsche Sophia. Am Tag ihres Arbeitsbeginns kam sie mit übergroßer Brille, roségoldenen Ketten und einem Spalt zwischen den Vorderzähnen ins Büro und stellte sich strahlend bei uns vor, machte mir ein Kompliment zu meinem Tattoo am Handgelenk und lachte über die ausgelutschte Warnung einer Kollegin vor der Kaffeemaschine. Sie war nett bis zum Wegdösen. Ich verkrümelte mich schmollend auf meinen Platz.

In den nächsten Tagen beobachtete ich sie. Durch die Glaswände ihres Büros sah ich, wie sie beim Telefonieren brav lächelte, wie sie ihre Einstandsblumen fotografierte, wie sie auf dem iPhone mit zersprungenem Display herumtippte und wie sie ihre platten Wangenknochen vor Kundenterminen mit Rouge bestäubte. So selbstbewusst, wie sie herumlief, könnte man meinen, sie wäre länger hier als ich.

Ich suchte das Gespräch mit ihr. Bereitwillig erzählte sie, dass sie am Land aufgewachsen und lange Zeit bei der Landjugend und der Musikkapelle aktiv gewesen war. Ich verkniff mir das Augenrollen. Gleich würde sie ihren Freund erwähnen, der bei der Feuerwehr war und im IT-Bereich arbeitete. Stattdessen sagte sie, dass sie am Wings-for-Life-Run im Mai teilnehmen wollte. Ich sah schon die Instagram-Story von ihrem verschwitzten Grinsen und ihren neuen Adidas-Laufschuhen neben all den anderen Instagram-Storys von verschwitztem Grinsen und neuen Adidas-Laufschuhen. Ich beendete das Gespräch.

Irgendwann, als wir gleichzeitig Feierabend machten, unterhielten wir uns für ein paar Minuten draußen vor der Tür. Sie erzählte mir, dass ihre Schwester an Depressionen litt. Ich horchte auf. So etwas machte die Leute immer interessanter. Sie fragte mich, was ich so triebe in meiner Freizeit. Vorsichtig erwähnte ich die Comic Cons, auf die ich gern ging, meine Versuche im Fluid Painting und das Geigenspielen. Sie hörte mir zu und stellte Fragen. Ich schöpfte Hoffnung.

„Es glauben alle, sie sind lesbisch“, brummte eine Kollegin. „Nur, weil das jetzt cool ist. Woher wollen die überhaupt wissen, dass sie nichts von Männern wollen, wenn sie es nie probieren?“ Sophia nickte. Ich spielte mit dem Regenbogenanhänger an meinem Schlüsselbund und ignorierte sie nachher in der Küche.

An einem Montag fragte sie mich, ob ich mit ihr und zwei anderen Kolleginnen mittagessen wollte. Skeptisch stimmte ich zu. Als wir zu viert durchs Büro gingen, spürte ich diverse hochgezogene Augenbrauen in meinem Rücken.

Wir saßen in einem dieser protzigen Restaurants mit Schauküche, spiegelnden Tischplatten und violetten Samtbänken, das auf allen Foodblogs gehypt wurde. Sophia aß vegan. Die anderen beiden aßen vegetarisch. Grantig bestellte ich einen Burger. Es ging um die nächsten Urlaubsdestinationen; die eine wollte nach Sardinien, die andere nach Kroatien, Sophia nach San Francisco, weil sie in Europa „schon überall gewesen war“. Ich murmelte etwas von zwei Wochen am Bauernhof meiner Oma, wo ich malen wollte, alle taten beeindruckt und fragten mich dann nichts mehr.

Dann ging es um ihre Freunde: Gleich zwei waren im IT-Bereich, der letzte bei einer Spedition. Drei Paar Augen verdrehten sich nach oben, wenn ihre Besitzerinnen jammerten, dass die Männer nicht so ordentlich im Haushalt waren, wie sie es gern hätten. Ich schaute von einer zur anderen und wartete auf einen Hauch Individualität. Darauf, dass eine von ihnen sagte, sie wäre in einer offenen Beziehung, sie würde koreanische Gedichte lesen, sie hätte ein Jahr in Tansania gelebt. Stattdessen sagte eine nach der anderen, dass sie gern ein Haus in ihrem Heimatdorf haben wollte. Ich fragte mich, ob sie sich auseinanderhalten konnten, wenn sie sich im Spiegel ansahen. Als sie nächste Woche wieder zum Mittagessen aufbrachen, luden sie mich nicht ein.

Wenn wir miteinander redeten, redeten Sophia und ich über das Präsentationstraining, das der Chef für unser Team geplant hatte. Wir reden über Geburtstagsgeschenke für Mütter. Wir redeten über Tee mit oder ohne Zucker. Wir redeten über unsere Wochenendpläne. Sie wollte eine neue 90-Days-Fitness-Challenge beginnen. Ich behauptete, ich hätte nichts vor.

Dann kam die Weihnachtsfeier. Sophia war betrunken. Ich half ihr zu einem abseits gelegenen Tisch, brachte ihr ein Glas Wasser und ein Aspirin, das irgendjemand vorsorglich mitgenommen hatte. Sie bedankte sich. Dann begann sie zu weinen. Sie würde sich in ihrem Leben gefangen fühlen, hätte Angst, dass ihr alles zu schnell ginge, wäre gestresst von ihren Verpflichtungen und den Erwartungen ihrer Familie. Ich nickte und tätschelte ihren Arm und überlegte, wann ich wohl davonschleichen könnte. Sogar ihre Probleme waren langweilig.

Am nächsten Montag tat sie so, als wäre das Gespräch nie passiert. Ich tat es ihr gleich.

Ein paar Wochen später, in meinem Frühlingsurlaub, las ich beim Frühstück in den Online-Nachrichten von einer Siebenundzwanzigjährigen, die mit aufgeschnittenen Pulsadern ins Krankenhaus gebracht worden war. Ich aß meine Cornflakes auf und überlegte, welche Acrylfarben ich mir kaufen sollte. Als ich wieder zurück in die Arbeit kam, fehlte Sophia.

Christina König

FM4 Wortlaut 2022
Mosaik Literaturzeitschrift

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 23073

Der schreiende Soldat

Ich bin Soldat. Meine Aufgabe ist es, das Elektrizitätswerk zu bewachen. Es ist fast schon Winter. Die Stromversorgung muss funktionieren. Die Anlage wird gerade von Raketen des Grad- Mehrfachraketenwerfersystems beschossen. Ich darf meinen Posten unter keinen Umständen verlassen. Links, rechts und direkt hinter mir schlagen die Raketen ein. Eine Rakete hundert Meter vor mir. Ich kann nur schreien, um meiner Angst Ausdruck zu verleihen. Ich bin der schreiende Soldat.

Der letzte US-Soldat, Generalmajor Christopher Donahue, verlässt Afghanistan - vom 1. September 2021

Der letzte US-Soldat, Generalmajor Christopher Donahue, verlässt Afghanistan – vom 1. September 2021

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22141

Kleinbürgers Nachtgesang

Es findet doch der Wettlauf dauernd statt!
Und jeder schweigt und tut als ob nichts wär

Ich habe diesen Wettlauf langsam satt!
Drum kauf ich mir jetzt bald ein Schießgewehr!

Dann knall ich meine Konkurrenten einfach nieder!
Dann kehrt vielleicht der Frieden endlich wieder!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22094

Tag 101

Der Morgen ist schön, und der Tag wird noch schöner werden.
Nichts stört, nichts tut weh, nichts ist schlecht.

„Облака“, gesprochen ablaka, wie die Russen sagen, bedeutet Himmel oder Wolken, „мир“, gesprochen mir, Friede.

Althofen und der Himmel darüber

Althofen und der Himmel darüber

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22064

Im Fernsehen

Es gibt keine Nähe. Ihr seid nur Figuren in einem Fernsehfilm. „Es wird immer schlimmer!“, sagt jemand. Mich betrifft das nicht. Ich esse Tortilla-Chips und sehe euch beim Sterben zu. Ich bin 2300 Kilometer entfernt.

Der Feuerlöscher wie in einem riesigen Fernseher in der U-Bahnstation

Der Feuerlöscher wie in einem riesigen Fernseher in der U-Bahnstation

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22056

Über dem Meer

Und plötzlich finde ich mich
wieder. Hier. Im Reich der Mitte.
Angebunden. An einen Stuhl.
In der Geschlossenen.

Nihao, zhi zhi, nicht viel.
Aber alles, was ich sagen kann.
Ich höre der Stille zu.

Ein alter Mann (so genau weiß
ich das Alter nicht mehr) gibt mir
Suppe, Bonbons, Kirschen
„Where do you come from?“
„That’s taboo!“

Ich zeige auf meine Wunden.
„Who did this to you?“
„That’s taboo!“

Er öffnet meine Fessel. Geht
mit mir ins Bad. Lässt Wasser
in ein Gefäß und reinigt mir
die Wunden. Ein Labsal.
„Where do you come from?“
„From the German consulate.“
Er trocknet mich sanft ab.
Es fühlt sich so schön an.

„What did these people do with you?“
„I don’t know.“
Ein kurzer Moment des Innehaltens.
„Why these people brought you here?“
„They said that I was an extremely dangerous person.“
Ich lächle, dann umarme ich ihn.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 22054