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Die keltische Kriegerfürstin aus Sizilien

Verdammt, Paolo, du weißt doch ganz genau, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn du mir wildfremde Leute an den Tisch setzt, selbst wenn deine Taverne gerammelt voll ist, du sogar schon ein paar Stühle von drinnen hier auf der Terrasse aufstellen hast müssen. Ja, ich weiß, Kinder sind nicht billig, besonders deine, die ja unbedingt in dem teuren Rom vor sich hinstudieren müssen, aber inzwischen solltest du deinen treuen Stammgast kennen, der dich seit ein paar Wochen Tag für Tag beehrt, solltest du wissen, was ich von ungebetener Tischgesellschaft halte, überhaupt von diesen Touristen, die einem den Abend lang die Ohren vollschwärmen, wie schön der Ausblick von deiner Terrasse doch ist, wie edel sich der Sonnenuntergang hier über den Horizont neigt, wie erhaben überhaupt das ganze Italien bis zur untersten Stiefelspitze. Andererseits, alles sei dir verziehen, Paolo, nach diesem unübertrefflichen Wildragout, mit dem du mich heute verwöhnt hast, dessen Nachgeschmack meinen Gaumen noch den ganzen Abend verzücken wird, und damit sei dir auch das Häuflein Elend verziehen, das mir nun gegenübersitzt und mir die verdiente Aussicht über die tausend Hügel der Toskana versperrt.

Nicht einmal zu einem anständigen Gruß ist sie imstande gewesen, oder zu Dank für den Platz an meinem Tisch, und auch jetzt verliert sich ihr Blick an der Unterkante des Tisches, in Gedanken versunken an irgendetwas Zerbrochenes. Und passend zum ersten Eindruck zerknittert ihr Sommerkleid, als hätte sie die letzte Nacht in einem Auto zugebracht, oder in Paolos Scheune, und zerdrückt auch ihr schon länger nicht mehr gepflegtes Haar. Aber dennoch eindrucksvoll diese Mähne, das Feuerrot, das ihr in ungebändigten Naturlocken ins Gesicht fällt, und welch ein Kontrast dazu ihre porzellanbleiche, ja nahezu wasserleichenhafte Haut, gut sichtbar das Netz der blauen Venen auf der Innenseite ihrer Arme; Haut, die sich nicht mit den Breiten hier verträgt, auf der sich die toskanische Sonne unbarmherzig in Form zahlloser rotbrauner Sommersprossen ausgetobt hat. Und als wäre all den Kontrasten nicht schon Genüge getan, fängt das Abendlicht sich in ihren stahlgrünen Augen, bündelt sich im leuchtenden Widerschein darin.

Woher sie wohl kommen mochte? Immer weiter fährt mein Finger die geistige Landkarte hoch, immer weiter gegen Norden, über die Alpen hinweg, über den Ärmelkanal hinweg, und erst als es mir ausreichend feucht wird, hält er inne: Schottland, Hebriden, Irland, ja, auf einer windumtosten, regengepeitschten Insel, dort, wo die Sonne nicht so recht scheinen will, dort sehe ich die Blasshäutige zu Hause. Ist wohl dem Ruf eines glutäugigen Italieners in den Süden gefolgt, diese Irin, und nun von ihm sitzen gelassen, auf einem namenlosen Hügel der Toskana, er ihrer überdrüssig, nachdem er sich nun auch einer rothaarigen Trophäe brüsten kann. Wie alt sie in ihrer Gutgläubigkeit wohl sein mochte? Geschätzte neunundzwanzig seit drei, vier überfälligen Jahren, auch wenn die vorwitzigen Sommersprossen ihr einen Hauch unbedarfter Jugendlichkeit zurückzugeben vermögen.

Zu einem Excuse me? setze ich an, der Höflichkeit halber, aber da überrascht sie mich, als sie wie ein sizilianischer Ziegenhirte murmelnd vor sich hin flucht, während sie in ihrer Tasche kramt, einer dieser unförmigen Taschen, weitläufiger und unergründlicher als der Wilde Westen. Und um sich die Suche zu erleichtern, stellt sie ungeniert eine Schachtel Tampons auf den Tisch, und danach eine Dose, die ich erst auf den zweiten Blick als Pfefferspray ausmache, und weiter flucht sie und kramt sie und flucht sie. Hier, Mädchen, nimm eine von meinen, weiß ich doch deine fahrigen Bewegungen zu deuten als jemand, der auch nicht die Finger von den Zigaretten lassen kann.

Tatsächlich, fließendes Italienisch in deinen verlegenen Dankesworten, wie nur ein Einheimischer es zu sprechen vermag, und manchmal rutscht dir ein sizilianischer Unterton dazwischen, auch wenn du ihn zu unterdrücken versuchst. Und kurz schießt dir verlegene Röte ins blasse Gesicht, als du mich noch um Feuer bittest – Maler müsste man sein, das perfekte Rot ließe sich in deinem Antlitz finden, in der spektralen Palette rotblonder Haarlocken, rotbrauner Sommersprossen und dem rötlichen Violett auf deinen Backen; und zu allem Überfluss im Hintergrund noch der Abendrotkitsch der untergehenden toskanischen Sonne.

Keine Sorge, du brauchst gar keine so ablehnend missmutige Miene zu ziehen, keine dummen Fragen werde ich dir stellen, schon gar nicht diese eine, die dir wahrscheinlich jeder stellt, der dich kennenlernt, nein, meine eigene Geschichte reime ich mir im Zusammenhang mit dir zusammen: Operation Husky, die Landung der Alliierten in Sizilien, und im Gefolge des unverwüstlichen Generals George Patton auf seinem unverwüstlichen Panzer auch der gutaussehende amerikanische GI mit irischen Wurzeln, mit den roten wuscheligen Locken und dem lebenslustigen Blitzen in seinen stahlgrünen Augen. Keine Dorfschönheit hat ihm widerstehen können, deinem Großvater, dem schönsten GI von Palermo bis Texas, und weidlich wusste er dies auszunutzen, von einem eroberten Dorf zum anderen, den halben italienischen Stiefel hinauf bis vor die Tore Roms: seine persönliche Rache an Mussolini und anderen Rassenwahnvorstellungen, und beeindruckend in ihrer Nachhaltigkeit, diese Rache, wenn selbst in dritter Generation es dir noch auferlegt ist, sie auszutragen.

Wie bitte, mit welchem Namen hast du dich gerade vorgestellt? Besonders rauschend wohl das Fest, auf dem deine Eltern ausgeglitten sind, als sie sich auf diesen Namen verschworen haben, wo mag das gewesen sein, Woodstock, oder noch abgefahrener, Burning Man? Jedenfalls als ein erlesenes Vergnügen stelle ich es mir vor, Boudicca, benannt zu sein nach einer keltischen Kriegerfürstin, die sich zweitausend Jahre zuvor so verwegen, so todesmutig und so vollkommen aussichtslos den Römern in den Weg gestellt hat, schlussendlich von ihnen zu Tode getrampelt. Ja, wenn du als junges Mädchen mit diesem Aussehen, dieser Herkunft und diesem Namen einen sizilianischen Schulhof überlebt hast, dann hast du deiner Namensvetterin alle Ehre gemacht, dann musst du ganz schön hart im Nehmen sein.

Paolo, ich habe dir Unrecht getan, der Abend beginnt unterhaltsamer zu werden als anfangs gedacht, und verzeih mir, denn du hast natürlich gewusst, dass dieses rotlockige Geschöpf meine Neugier wecken und mich den Ausblick auf die tausend Hügel der Toskana vergessen lassen würde. Und jetzt, wo du dieser zerknitterten sizilianischen Irin namens Boudicca einen Berg dampfender Pasta vor den Mund stellst, und ein Glas Weißwein dazu, ohne dass sie einen Blick in die Speisekarte geworfen oder eine Bestellung aufgegeben hätte, werde ich noch neugieriger, denn dazu kenne auch ich dich zu gut, Paolo, an die Saiten deiner Gutherzigkeit rührt diese Frau. Und wie sie die Pasta heißhungrig in sich hineinschaufelt, beweist, wie sehr sie dies zu schätzen weiß, und wie der Wein ihr die Zunge löst und sie sich alles von Seele schnattert, zeigt mir, Paolo, dass auch du auf meine Gutherzigkeit zählst, auf die Gutherzigkeit meiner Ohren.

Für das Feuilleton einer namhaften Mailänder Zeitung schreibst du also, Boudicca, und das Funkeln in deinen grünen Augen verrät mir, wie stolz du darauf bist, den steinigen Weg geschafft zu haben von einem sizilianischen Provinzblatt in das arrogante Mailand. Und noch mehr abenteuerlustiges Grün blitzt dir aus deinen Augen, als du erzählst, dass du gerade dabei bist, den großen Coup zu landen, das große Interview mit einem großen Schriftsteller, der allerdings auch darin groß ist, sich allen Interviews zu verweigern, ja, von dem man nicht einmal weiß, wo er sich seit dem letzten Jahrhundert herumgetrieben hat, von zeitgemäßen Fotos ganz zu schweigen. Und so verworren du mir auch alles erzählst, verstehe ich sie jetzt, die ganze Geschichte, die dich hierher verschlagen hat, als Ausgangspunkt dein Status als freie Mitarbeiterin bei dieser Mailänder Zeitung, von Artikel zu Artikel mit ein paar Euro abgespeist, zu wenig zum Leben und erst recht zu wenig zum Sterben.

Und dann der Tipp, aufgeschnappt vom Freund einer Freundin des Halbbruders einer Cousine, dass dieser geheimnisvolle Schriftsteller hier in der Gegend, hier in der schönen Toskana seine Zelte aufgeschlagen haben soll. Und da bist du in dein altersschwaches Auto gesprungen, Boudicca, und bist den weiten Weg bis hierher gefahren, aufs Geratewohl, mit nicht mehr als ein paar Hundertern in der Tasche, Vorschuss vom Chefredakteur deiner Zeitung, Almosen, die kaum für das Benzin gereicht haben. Zu groß ist die Verlockung gewesen, denn wenn du diesem großen Schriftsteller tatsächlich ein Interview abschwatzen könntest, würdest du den Paradiesvogel deiner innigsten Wunschträume abschießen, der da heißt: Festanstellung.

Tja, ist wohl nicht so glatt gelaufen wie erhofft, Boudicca, wenn ich mir dich so anschaue, hat wohl deine rostgeplagte Karre auf halbem Weg den Dienst versagt, hast du dich mit dem Daumen hoch am Straßenrand durchschlagen müssen, und das Geld ist inzwischen auch schon aufgebraucht, bist wohl froh, wenn die Bäckerin im Dorf dir mit mitleidigem Blick ein paar Brötchen zusteckt oder Paolo dir eben mit einem Teller Pasta aushilft. Und die letzte Nacht hast du wahrscheinlich in der Laube im Park über die Runden gebracht, noch ist das möglich, noch sind die toskanischen Nächte mild genug. Dennoch, von dem Schriftsteller nach wie vor keine Spur, keiner kennt ihn, einige wenige wollen ihn vor Jahren zwar gesehen haben, aber alles nur falsche Fährten, nichts als trügerische Sackgassen.

Und, wer ist denn nun dein auserwählter Schriftsteller, scheu wie ein Reh? Lachen muss ich, als ich den Namen des Gesuchten höre, tut mir leid, Boudicca, aber vielleicht hättest du für den Anfang einen leichter aufzustöbernden Künstler wählen sollen, Thomas Pynchon, zum Beispiel, oder vielleicht Banksy. Ist deiner nicht schon lange tot? Jedenfalls habe ich schon seit Jahren nichts mehr von ihm gehört, geschweige etwas Neues gelesen. Bitte fang jetzt nicht zu weinen an, Boudicca, vom anderen Tisch sehen sie mich schon so merkwürdig an. Ein Bild geben wir ab, als würde ich meiner etwas einfältigen Geliebten erklären, dass nun doch nichts aus der Scheidung wird: Die Kinder, das musst du verstehen, und das Haus gehört auch meiner Frau, ich weiß nicht, wie ich mir das alles leisten soll.

Lächle, Boudicca, ja, lächle wieder, und nimm es dir nicht so zu Herzen. Warum erfindest du es nicht einfach, dein großes interview, erzählen einem doch eh immer das Gleiche, diese Schriftsteller, von der großen Herausforderung gerade bei ihrem letzten Wurf, gleich Fußballern sind sie, aufgeregt und noch nicht zu Atem gekommen nach dem Spiel ihres Lebens. Aber verschwiegen darin, was ihnen die Schreiberei tatsächlich abverlangt, anfangs mag sie ja noch Vergnügen bereiten, aber dann entwickelt sie sich zur Qual, und zum Schluss artet sie nur in noch Schlimmeres aus, nämlich Arbeit. Und noch etwas, weil ich gerade so schön in Fahrt bin, hüte dich vor dem Nachlass, Boudicca. Alles, was nie zu einer Veröffentlichung getaugt hat und dem Künstler zu Lebzeiten nicht zu verbrennen vergönnt war, das findest du in einem Nachlass. Nichts als alte Skier im Keller, so ein Nachlass.

Jetzt habe ich dich also doch zum Lachen gebracht, Boudicca, und ein anerkennendes Nicken von Paolo habe ich mir damit verdient. Nein, Paolo, damit allein gebe ich mich nicht zufrieden, eine neue Flasche Wein stellst du uns auf den Tisch, ja, ja, du hast meine Handbewegung schon richtig verstanden. Und morgen werde ich es bereuen, dass ich zu schnell zu viel getrunken habe, aber du langst ja auch ganz schön zu, Boudicca, erweist deiner keltischen Herkunft als Kriegerfürstin alle Ehre, hier, nimm noch eine von meinen Zigaretten. Auf den Leim beginne ich dir zu gehen, und auch das werde ich bereuen, aber zugegeben, du spielst dich mit Geschick: einerseits deine kecke, vorlaute Art, andererseits etwas von treuherzigem Kindchenschema, wenn dir wieder die Röte in die Wangen schießt, so wie eben. Aber besonders bereuen werde ich, was mir jetzt über die Lippen kommt:

Überredet, liebe Boudicca, morgen machen wir uns mit meinem Wagen gemeinsam auf die Suche nach deinem Schriftsteller, wir werden ihn schon finden, irgendwo in den tausend Hügeln der Toskana – oder vielleicht einen Hügel mehr, nämlich den, auf dem sein Grabstein steht.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15130

 

Der ewig Reisende

Alte Wäscheständer, mein erster nachhaltiger Eindruck in dieser Wiener Wohnung, nachlässig in sich geklappt an die Wände gelehnt, schon lange haben sie keine Wäsche mehr gesehen, die ihnen zum Trocknen auferlegt worden ist, alte Wäsche, die ich verborgen in den hintersten Reihen des mächtigen Einbauschranks vermute, wahrscheinlich nur unpersönliche Wäsche, wie Bettlaken und Handtücher. Eine Durchgangsstation diese Wohnung, einem Bahnhof gleich, so ziemlich jedes mir bekannte Familienmitglied hat einmal hier gehaust, zum Durchschnaufen, Atem holen für einen neuen Sprung auf das Fließband des Leben. Und auch ich nicht davon ausgeschlossen, nur zu gut kann ich mich an meine paar Monate hier erinnern, damals, auf der Suche nach Asyl und Exil und Durchatmen, nach einem viel zu langen Durchrauschen von Gedächtnislücken, nach einem Leben, das es mich fast gekostet hätte. Und wie knapp ich damals davongekommen bin, ruft mir das flaue Gefühl im Magen angesichts dieser Mauern wieder ins Gedächtnis, trotz der langen Zeit nach wie vor nicht getilgt von der Flut inzwischen neu angesammelter Lebenseindrücke.

Jetzt habe ich sie also geerbt, diese Wiener Wohnung, fast zehn Jahre später, glücklich und unvermutet aus verworrenen Schicksalsfügungen heraus, und wie unvorbereitet ich darauf bin, macht mir die verlorene Geste bewusst, mit der ich nach einem der Wäscheständer fasse, der lieblos gegen ein Bild an der Wand lehnt, und mich nicht entschließen kann, wo ich ihn abstellen soll. Genauso, wie es mir an Entschlusskraft fehlt, was nun anzufangen, mit dieser Wiener Wohnung, sie zu vermieten, zu verkaufen oder wiederzubeleben, angesichts all des wertlosen Plunders aus einem vergilbten Jahrhundert, wahllos zusammengestellt, ein paar verwaiste Betten hier, ein abgesessenes Sofa da, abgesessen von Hintern, die keinem Lebenden mehr zuzuweisen sind, daneben ein zerkratzter Schreibtisch, der Rest abgeräumt von zu vielen Durchgangsgästen, von Fernseher oder anderer Form von Abendunterhaltung ganz zu schweigen.

Dennoch, ein Hauch von Gemütlichkeit hat sich in der Ecke des Wohnzimmers erhalten, aus der ich noch immer die glaszarten Klänge einer Zither hören zu können vermeine, auf der mir meine Großmutter vor mehr als einem Vierteljahrhundert vorgespielt hat: „Harry Lime’s Theme“ an diesem stillen Novemberabend in einem späten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts, als Wien sich noch immer in Grau und Schwarz wie aus dem „Dritten Mann“ geschnitten gezeigt hatte, nach wie vor nicht erwacht aus seinem albtraumhaften Dornröschenschlaf. Als man in dieser Stadt noch mit einem Schaudern über den Rücken von dem Gefühl heimgesucht war, dass sich hier das Leben anschickte, diejenigen sich zu holen, für die bislang nicht einmal der Tod Interesse gezeigt hatte.

Und mit einem Seufzer wird mir bewusst, vor der Entscheidung zu stehen, mich in den Strudel weiterer trübsinniger Stimmungen ziehen zu lassen, in Schichten immer tieferer Melancholien – oder doch dein Paket zu öffnen, tesoro, mein Schatz, das stumm auf dem angestaubten Esstisch vor mir liegt. Dieses mit Aufklebern eines Schnellzustelldienstes bedeckte Paket, dem ich seinen langen Weg über die Alpen, aus dem fernen Italien ansehen kann, leicht abgestoßen der Karton in der linken, unteren Ecke, offensichtlich mit einem nachlässigen, fahrlässigen Wurf auf die Ladefläche eines Kleinlasters befördert. Dein Paket, mia cara, von dem ich zwar nicht weiß, was seine Schale im Konkreten umschließen, aber ich mir ausmalen kann, was aus seinem innersten Inneren auf mich zuströmen wird: Verharren in Ungewissheit, Sehnsucht, Verständnislosigkeit, Anklage, wie alle deine Pakete, wie alle deine Briefe, die du mir an meine jeweiligen Aufenthaltsorte bisher nachgeschickt hast.

Und mit einem weiteren Aufseufzen fasse ich jetzt nach dem Paket, ziehe und reiße ich an seiner Hülle aus steifem Karton, an den widerspenstigen Klebebändern, meine Ungeschicklichkeit verfluche ich, aber nur um Unwilligkeit handelt es sich, weiß ich doch, dass mir sein Inhalt wieder einen Stich ins Herz versetzen wird, wie immer, mia carissima, so gut wie du mich kennst. Endlich will es mir gelingen, den Mund des Pakets aufzureißen, mit der Hand lange ich hinein, mit unbewusster Vorsicht, als könnte es noch nach mir schnappen, bekomme seinen Inhalt in seinem Schlund zu fassen, etwas Kompaktes, etwas im Ganzen, etwas Rechteckiges, was ich da ans Licht zerre:

Ein Fotoalbum, ganz in der Machart des letzten Jahrhunderts.

Tatsächlich, bohrend tief der Stich ins Herz, als mir beim Aufschlagen des Albums bewusst wird, welchen Preis du dieses Mal bezahlt hast, welch unumkehrbares Risiko du dieses Mal eingegangen bist, mio amore, denn glückliche Kindheitsfotos lachen mir entgegen, die originalen Bilder aus deiner Kindheit, aus deiner stolzen italienischen Heimatstadt. Agfacolor, der leicht überbelichtete Stich der Farben auf den Fotos, so wie sie überhaupt waren, leicht überbelichtet die hoffnungsfrohen Farben der Siebziger, ganz im Gegensatz zu dem feigen Pastell der beiden vorangegangen Jahrzehnte. Nur das Schwarz so, wie Schwarz auch in Wirklichkeit damals war und es immer noch ist, das Kohlrabenschwarz in deinen Augen, im Schwung deiner Augenbrauen und das Kohlrabenschwarz in den Locken deiner Haare, schon damals als Kind, tesoruccio.

Auf eine italienische Zeitreise entführst du mich, auf der Rückbank der legendären Alfa Romeo Giulia deiner Eltern, die mit den Doppelscheinwerfern, Baujahr ´70, schätze ich, um ein vom Smog schwarz getünchtes Kolosseum fahre ich mit dir in deinen Urlaub, und besonders schief erscheint uns der Turm von Pisa, aus Kinderperspektive, und die einsetzende Flut umspült unsere Sandburg am toskanischen Strand, mit dem Einwickelpapier der damals beliebtesten Eismarken haben wir sie beflaggt. Und auf vielen der Fotos trägst du so hinreißend ein einfaches glattes weißes Kleid mit satten roten Punkten, aber noch viel hinreißender dein vergnügtes Kinderlachen, aus dem später einmal dein eigentümliches, einzigartiges Lächeln geboren werden wird.

Und schmuck auch dein Elternhaus mit Vorgarten, mia cara, das auf so vielen deiner Fotos den alles zusammenhaltenden Hintergrund bildet, immer in einladender Frische getüncht das Haus, und hingebungsvolle Pflege ist dem Garten anzusehen. So ganz anders als der hastig auf einen Acker hingeworfene, in Beton geworfene Wohnblockwürfel aus der Nachkriegszeit, in dem ich aufgewachsen bin, ein Wohnblock in einer Vorstadt zu einer Stadt, der das Schicksal auferlegt ist, Bindeglied zwischen zwei bei weitem bedeutenderen Städten zu sein, also ein Wohnblock in einer Vorstadt einer Vorstadt. Der erbaut im billigen Nachkriegsbeton schneller feucht ergraut ist als jedes andere Haus, und der inzwischen einer Autobahnumfahrung gewichen ist, also mit der Zeit gegangen ist, im wortwörtlichen Sinne, von ihr plattgemacht und ausradiert. Kein Foto könnte ich dir von ihm zeigen, tesoro, denn sein feuchtes Grau ist von niemanden jemals einer Aufnahme wert befunden worden, nur zu der Kurve in der Autobahnauffahrt könnte ich dich führen, dort wo der Wohnblock sein trostloses Dasein abgesessen hat, eine Achtzigerbeschränkung ist ihm als Denkmal geblieben.

Ähnlich meiner Familie, zusammengewürfelt aus den Resten einer aus der Zeit gefallenen k. und k. Monarchie, deren Vergangenheitsbewusstsein sich spätestens mit drei Generationen in einer böhmischen Schuhfabrik, einem ungarischen Steppenstreifen oder einem galizischen Grenzdorf verliert. Und beim Aufblitzen in der Landschaft der Zeit ist es für meine Familie geblieben, in unserem Wohnblock in der Vorstadt einer Vorstadt, denn mittlerweile auch ihre Kinder, meine Geschwister entschwunden in den Ecken Europas, den einen verschlagen auf eine feuchte Insel mit ungenießbarem Essen, den anderen in ein Donautal, dessen einzige Abwechslung zur geistigen Einöde die alljährliche Überschwemmung bringt; und von meinem mir abhandengekommenen Sohn ganz zu schweigen, Norwegen, sein erklärtes Wunschziel, als wir uns vor Jahren das letzte Mal gesprochen haben. Und mich, zu was mich dies alles gemacht hat, deine ewige Frage, mia cara carissima, zwischen all deinen Zeilen, all deinen Briefen und Paketen?

Ja, mit der Zeit habe ich mich gewandelt, vom ewig an der Theke Klebenden, einer Theke so lange wie die Einsamkeit, zum ewig Reisenden, il Viaggiatore, der nunmehr seine Theken wie die Socken wechselt, Stadt für Stadt.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15124

Zwiespältig, sein Lächeln

Ein Tisch, irgendwo in Italien.

„Zu welch Unsinnigkeiten man sich doch hinreißen lässt, aus Gründen der Einsamkeit –!“

Was meinen Sitznachbar zu einem Lächeln veranlasst, Alessandro an seinem italienischen Stammtisch. Fahr fort, deutet still seine Handbewegung.

„– sogar deine Sprache versuche ich mühsam zu erlernen.“

Amüsiert hebt er nun die Augenbraue, dieser Alessandro, im Schweigen lässt er mich sterben.

„Du hast wohl nie das Bedürfnis verspürt, eine andere Sprache zu erlernen, Alessandro, nicht wahr?“

Zuviel Lärm und Aufruhr beherrscht mittlerweile unseren Tisch, als dass ich eine Antwort seinerseits verstehen könnte, eine Geste begleitet von seinem Lächeln beantwortet mir die Frage, seine Geste über den Tisch weisend, an dem ein einziges Kommen und Gehen herrscht, sei es eine verflossene Freundin oder eine Schwester dritten Grades, sei es der taube Opa aus Sizilien oder die Mailänder Tante mit dem unvermeidlichen Pinscher, immer Neues gilt es zu besprechen und zu beschwätzen, hier an diesem überlauten Tisch.

„Hätte ich dich doch nie erfunden, Alessandro“, murmle ich mich geschlagen gebend, den Kopf gesenkt vor mich hin: nicht dich, nicht diesen Tisch, nicht all diese Leute, zu wohlgelaunt, so nahe um mich. Und als hätte er meine Worte hören können, fasst Alessandro mich an der Schulter.

„Nicht doch, du hast mich nicht erfunden“, beschwichtigt mich sein Zuraunen in mein Ohr, „du hast nur etwas zu viel getrunken.“

„Vielleicht haben wir alle etwas zu viel getrunken“, entrinnt mir, als wollte ich diesem Abend zu vieler Willkür noch etwas Versöhnliches abringen.

Aber nun ist es entschwunden, das Lächeln aus Alessandros Gesicht, ernst und kalt seine zuvor noch so belustigten Augen. Entgangen ist mir die Bewegung im Augenwinkel, vielleicht ein angedeutetes Schnippen mit seinen Fingerspitzen, das den zuvor noch so bewegten Tisch schlagartig innehalten lässt. Still ist es mit einem Mal um uns, eingefroren die Gestalten zu Schemen, die Gesichter zu offenen Mündern erstarrt.

„Sieh dich um, Fremder“, durchschneidet Alessandros Stimme die gemäldehafte Stille, „sieh ihn dir an, diesen Kreis der ewig wiederkehrenden Leute, diesen Kreis der ewig kreisenden gleichen Worte, heute hat jemand geheiratet, und heute ist jemand gestorben, morgen jemand schwanger und morgen eine andere geschieden.“

Zurückgekehrt sein Lächeln, aber es hat nicht mehr die sanfte Subtilität von zuvor, süffisant gekräuselt sind seine Lippen jetzt.

„Und aus diesem Grund bist du der Erfundene, Fremder aus dem Norden. Als Gegengewicht zu all dem Inzest, der mich hier umgibt.“

Wach werde ich an dieser Stelle, nicht zu Missbrauch aus so nichtigen Beweggründen bereit. Zu sehr aus Fleisch und Blut fühle ich mich, als dass ich mich zu einem bloßen Gedankenspiel eines Alessandro erniedrigen zu lassen bereit wäre.

„Unmöglich!“ schreit es aus mir aus Protest, „Nur zu gut, in aller Deutlichkeit kann ich mich an die mühselige Fahrt über die Alpen hierher erinnern, an all die Hitze und den Schweiß. Unmöglich, dass du, Alessandro, der nie einen Schritt vor deine Stadt setzt, dies alles in mich hineinerfinden hättest können.“

Jetzt ruht seine Hand nicht mehr auf meiner Schulter, angewachsen an ihr scheint sie zu sein, so schwer lastet sie auf mir.

„Wo du doch mit allem Nachdruck von dir behauptest, nicht erfunden zu sein, wer bist du dann, Fremder mit dem unaussprechlichen Namen?“

Und so ziehe ich das mir selbst auf den Leib geschneiderte Manifest aus dem Gedächtnis, Wort für Wort, so wie ich es mir jenseits der Alpen steif vorübersetzt habe:

„Im wirklichen Leben arbeite ich als Softwareentwickler, beschäftige mich also mit virtuellen Sprachen, programmiert zwischen Mensch und Maschine. Im privaten, intimen, also virtuellen Leben widme ich mich der Literatur, also wirklichen Sprachen, gesprochen von Mensch zu Mensch.“

Und nun ist es spöttisch geworden, Alessandros Lächeln, widerlich spöttisch.

„Schön gesprochen, Fremder. Aber auf mich wirkst du, als wolltest du die beiden tauschen, dein reales Leben gegen dein virtuelles. Also doch nur alles erfunden?“

Und als hätte er alldem nichts mehr hinzuzufügen, setzt mit einem Mal der Trubel an diesem Tisch wieder ein, das lärmende Rauschen mit all seinem Geschnatter und Geschwafel, Gelächter und Prostest, hier ein anklagender Zeigefinger, dort eine entschuldigende Geste, rechts von mir der Griff nach der Weinflasche, links wird Brot gebrochen.

Verdammt fühle ich mich, einerseits dazu verdammt, jedes noch so sinnentleerte Wort an diesem Tisch verstehen zu wollen, und andererseits dazu verdammt, den Stummen abgeben zu müssen, nicht mächtig mit meinem hilfsbedürftigen Italienisch, in diesem reißenden Strom viel- und schnellgesprochener Worte mithalten zu können.

„E tu? Chi sei tu? Che fai tu?“

Und, wer willst du schon sein, Alessandro? Wie eine Anklage, wie eine Bedrohung fauche ich ihm dieses „fai“ verächtlich entgegen. Aber mittlerweile ist sie schon gekippt, die Sprache an diesem Tisch, Furlan vermag ich aus ihr herauszuhören, diesen mysteriösen rätoromanischen Dialekt, den niemand versteht, der nicht in ihm geboren ist, und der mich nun erst recht stumm und taub zurücklässt, mich erst recht dazu verdammt, den Fluss der Worte verständnislos an mir vorüberziehen zu lassen.

Zur vollen Stunde schlägt der Glockenturm nebenan, und es ist mir, als sei eine Schar Fledermäuse aus ihm hochgestoben, bereit zur nächtlichen Jagd, aber als ich meinen Blick zu Erden senke, ist der Spuk um mich vorbei, leergefegt der Tisch, an dem ich sitze, wie überhaupt alle Tische rund um mich.

Nur Paolo, der Schankwirt, steht im Türrahmen, und wahrscheinlich hat er mich schon seit geraumer Zeit im Blick, denn nun ist es an ihm, ein subtiles Lächeln auf den Lippen zu tragen.

„Piano, piano.“

Nur ruhig Blut, mein Freund, Paolos Worte, mit denen er auf mich zukommt und mir die Hand beruhigend auf die Schulter legt. Und dann reicht er mir die Rechnung – hoch ist sie, als hätte ich eine ganze Sippe zum Abendmahl geladen.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15113

Straßengedanken

Halbgedanken, Luftgedanken, Dunstgedanken, mehr an Angedachtem will mir nicht durch den Kopf gehen, hier auf diesem pfeilgeraden Autobahnstrich knapp hinter Villach, diesem sonnenüberfluteten Band Asphalt im Niemandsland vor der Grenze zu Italien. Nicht mehr als ein Gedankenrauschen, das mich durchflutet, eingeharkt den Tempomaten auf milde Hundertdreißig, geistig zu nichts anderem angespannt, als ein Lenkrad schnurgerade in der Spur zu halten.

Spurgedanken, Schnurgedanken, die sich wie Perle an Perle reihen, Erinnerungsperlen an ähnliche Straßenfahrten, denn es ist wohl der Einfall des Sonnenlichts, die Art, in der es auf dem hitzigen Asphalt widerprallt, die Frequenz, mit der es durch die Windschutzscheibe bricht und mich im Augenwinkel blendet, was mich in eine Erinnerung zurück nach Sizilien wirft, die Strecke Palermo – Catania durch einsam hügeliges Hinterland einige Wochen zuvor.

Non sono stato io – das war ich nicht!“

Blitzgedanken, Schockgedanken, Schuldgedanken durchfahren mich, das bin ich nicht gewesen, das mit der Brücke. Zugegeben, werte Autovermietung, das mit den Stoßdämpfern, das nehme ich auf meine Kappe, in bemitleidenswerter Erinnerung ist er mir noch, der zartbesaitete Kleinmietwagen, konzipiert für feingliedrige Hausfrauenhände auf dem Weg zum nächstgelegenen Supermarkt, sein Aufstöhnen der Stoßdämpfer ist mir noch im Ohr, gleich einer Elefantenfamilie angesichts des rettenden Wasserlochs nach Durchqueren der Wüste. Rauch und Dampf vermeinte ich damals aus den Seitenkästen der Radaufhängung aufsteigen zu sehen, nachdem ich den Wagen schonungslos über die Rippen der Autobahn Palermo – Catania und zurück gejagt hatte, gnadenlos durchgeholpert war ich, die Nadel nicht unter hundertvierzig, hundertfünfzig. Als Bandscheibenvorfall hatte ich den Wagen damals der Autovermietung zurückerstattet, unbrauchbar für den Nachmieter, wahrscheinlich nun statt meiner zur Verantwortung gezogen.

Aber nicht das mit der Brücke, das bin nicht ich gewesen, dass sie ein paar Tage nach meiner Überfahrt in sich eingeknickt ist. Verstörte Gesichter von Brückeningenieuren, Brückenstatikern, Brückenbegutachtern habe ich noch vor Augen, abgebildet in der Internetzeitung, in ihrem Rücken der geborstene Stahlbeton, die in die Höhe gereckten nackten Stahlstreben, die in sich verkeilten Straßenstückplatten inmitten der fröhlichen Frühlingshügel Siziliens. Selbst den Verkehrsminister hatten sie eingeflogen, aus dem fernen, ansonsten mit sich selbst beschäftigten Rom, vor einem geschundenen Pylon hatte er salbungsvolle Worte des Trostes, der Hoffnung und des Wiederaufbaus für die Brücke übrig gehabt, Worte, die der Frühlingswind, sanft das Mikrofon umspielend, sogleich ins Reich des Vergessens getragen hatte – wie auch immer, das bin ich nicht gewesen, das mit der Brücke.

„Das war ich nicht, das war schon so.“

Fließend der Gedankenübergang zum Lieblingssatz meines Sohnes, seine Satzperle gegenüber einer von ihm hinter sich gelassenen Sintflut, und kurz fällt mein Blick hinüber auf den Beifahrersitz, der ihm auf so vielen Fahrten mit mir sein Reich gewesen ist. Dieses Mal ist er allerdings leer, der Sitz, auf der jetzigen Fahrt, auf dem schnurgeraden Straßenabschnitt knapp hinter Villach, knapp vor Italien. Sein Beifahrertum hat er dieses Mal abgesagt, aus Pubertätsgründen, denn wer will schon sich mit fünfzehneinhalb im Beisein seines skurrilen, aus der Zeit gefallenen Vaters ertappen lassen, in Fleisch und Blut, in Zeiten peinlich überraschter Schnappschüsse im Internet? Was soll‘s, schon als Kind die Undankbarkeit schlechthin als Beifahrer gewesen, Müdigkeit, sein erster Einstiegsgedanke ins Auto immer schon gewesen, kaum angegurtet schon entschlafen, kaum dass mir die Zeit geblieben ist, das Auto anzulassen. Verziehen sei dir, mein Sohn, ist er mir wenigstens erspart geblieben, der Lieblingsspruch deiner Altersgenossen, beim Halt an der ersten Ampel:

„Sind wir schon da?“

Achtung! Ein Ordnungsgedanke, ein Aufmerksamkeitsgedanke, ein Habachtgedanke, der mich wachruft, aus dem Bann des Tempomaten und meiner an ein schnurgerades Lenkrad gehefteten Hände, da ist doch etwas gewesen, rechter Hand von mir, ein Verkehrsschild. Von einer Zählstelle hat es gesprochen, mich ermahnt, nicht die Spur zu wechseln, damit hier gezählt werden kann, automatisch wohlgemerkt, der Autodurchfluss, das sogenannte Verkehrsaufkommen, das, wenn ich unbedarft vor mich und durch den Rückspiegel hinter mich blicke, sich allein auf mich beschränkt. Mit dicker Sperrlinie auf dem Asphaltband mahnt sie nochmals zur Aufmerksamkeit, die automatische Zählstelle im Laufe des nächsten Kilometers.

Daseinsgedanken, Existenzial- und Sentimentalgedanken füllen meinen Kopf, denn schwermütig, so male ich mir den Zählstellenbeauftragten aus, wenn er wöchentlich mit einem orangegetünchten Einsatzwagen der Straßenwacht auf dem Pannenstreifen entlangtümpelt, auf dem Weg zu seiner Zählstelle, ebenfalls in Orange ein eintönig kreisendes Warnlicht auf dem Dach über seinem Kopf, und auf der Ladefläche neben unzähligen anderen Utensilien der unvermeidliche Schneebesen, hochgestakt wie eine Fahne. Mittlerweile ein kleines Bäuchlein angesetzt, so stelle ich ihn mir vor, den Zählstellenbeauftragten, wie er vor dem Zählstellenkasten hält und ihn entriegelt, ihm ein Kästchen voll angesammelter Daten entnimmt, und dann steckt er etwas in den Kasten zurück, ein frisches Kästchen, das nun Daten für die nächste Woche sammeln darf. Ja, damals in den Achtzigern, da war das noch etwas gewesen, der letzte Schrei der Technik, diese vollautomatische Zählstelle, besonders seine Vollautomatik, vorbei die Zeiten verschmierter Strichlisten von Hand. Und jetzt? Kontrolldaten, erklären sie ihm seinen archaisch analogen Aufwand, Kontrolldaten zu Datenfluten, die Satelliten in Blitzeseile aus dem Weltall herabschießen, genauer, akkurater, keine die Autobahn querende Ameise, die ihnen entgeht. Alles in allem keine Karriere, deren Früchte mein Zählstellenbeauftragter eines Tages an seinen Erstgeborenen würde weiterreichen können.

Und den Schalk im Nacken bin ich nun erst recht versucht, mich in Schlangenlinien durch diese Zählstellenpassage zu winden, trotz aufwarnender Sperrlinie. Wie wird der auf Automatik geeichte Zählautomat wohl auf mein aufsässiges Mäandern reagieren, wird er mich doppelt, vierfach, achtfach ankreuzen? Oder noch verwegener, nur halb, zu einem Viertel, zu einem Achtel? Oder noch schlimmer, lächle ich vor mich hin, wird am Pannenstreifen wie ein Pappkamerad ein Verkehrspolizist mit Kelle aufklappen, der zu allem Überfluss auch noch mein schwächelndes Rücklicht links hinten entlarvt?

Kreisgedanken einerseits, die sich wohlgefällig abrunden, deren Gedankenkettenglieder sich in sich schließen, und andererseits Scherengedanken, die, bereit zum Ausscheren, mit ihren Scheren nach weiteren Gedanken schnappen, um sie in den Kreis ihres Einflussbereichs zu ziehen, immer tiefer lullt es mich in Gedankenwelten so vieler abgefahrener Straßen, jeder Straßenmeter mit einem Straßengedanken behaftet, der noch daran klebt, wenn ich ihn wieder abfahre. Einen neuen, reiferen Gedankensplitter klebe ich dann hinzu, in den teerigen Asphalt, auf dass er dort haften bleibe, bereit zum Aufklauben bei der nächsten Durchfahrt.

Und an dieser Stelle kleben sie im Dutzend, hier auf dieser endlos zeitlosen Geraden dieses Autobahnabschnitts knapp hinter Villach, knapp vor der Grenze zu Italien, so oft bin ich hier durchgefahren, wie ein treuer Pilger. Zu einem schweren Gedankentropfen haben sie sich zusammengeklebt, teerig wie der Asphalt. Und in diesem Tropfen des Stillstands fühle ich mich gefangen, keine zwei Kilometer vermeine ich auf diesem Autobahnband im Niemandsland während der letzten gefühlten halben Stunde hinter mich gebracht zu haben, im unendlichen Fluss von Halbgedanken und Gedankensplittern.

Zurückversetzt in eine ähnliche Gedankenblase wähne ich mich, zurück an den langen Tisch einer Abendgesellschaft unter freiem Sternenhimmel, umtönt vom Geklirr sich zuprostender Gläser und dem Klappern der Gabeln, dem Schwätzen der Alten und dem spitzen Lachen der Frauen. Und dann stimmen die Jungen die Gitarren an, stacheln sich gegenseitig zu immer steileren Kadenzen hoch, und die Mädchen drehen sich im Rausch der Musik, ihre Hüften schwingen in der Trance des Tanzes, und mit einem vergessenen Lächeln verfolge ich das Schauspiel heraus aus einem Tropfen stillgewordener Zeit. Genauso fern und vergessen auch hier zwischen Villach und Italien der Gedanke an ein Ankommen, an das Erreichen meines Ziels, was auch immer es gewesen sein mag, ob Udine, Triest, Venedig oder gar ein entlegenes Ravenna, auf Wesentlicheres hat sich all meine Gedankenkraft konzentriert, einzig und allein dem Dazwischen gilt jetzt meine Aufmerksamkeit.

Harald Schoder
derewigreisende.net

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Vom mangelnden Gespür der Basler für die Feinheiten des Wiener Idioms

Vor ein paar Tagen hab ich die Marta getroffen auf der Thaliastraße. Schräg, sie nach so langer Zeit zufällig wiederzusehen und noch schräger, dass wir uns gleich angesprochen haben, denn eigentlich hätten wir mit gesenkten Köpfen aneinander vorbeirasen sollen, ohne uns umzudrehen, bei unserer Vergangenheit.

Aber offenbar verbinden nach einer gewissen Zeit böse Erinnerungen genauso wie gute, und wir sind dann gleich ins Weidinger auf einen Kaffee. Als wir dann eh gleich Bier getrunken haben, war auch bald alles von damals verziehen. Das war leicht, weil wir heute sagen können, das waren nicht wir, das waren die damaligen Umstände. Diese Umstände waren – wie soll ich sagen, zukunftsweisend: kein Job, kein Plan, keine Wohnung, wenig Schlaf, dafür alles, was einem den Verstand rauben kann. Insofern gutes Training für unser Prekariat heute. Ende der 90er hörte ich dann, dass die Marta sich den Tim geangelt hat, einen von diesen „überaus erfolgreichen IT-Managern“, wie es damals in den Magazinen immer hieß. Der wusste privat ihre Qualitäten als Damen-Catcherin und beruflich die als Hobby-Hackerin zu schätzen, nahm sie gleich mit nach Basel wie eine originelle Trophäe und lebte da mit ihr in einer Art offenen Beziehung. Zum ersten Mal hatte die Marta eine fixe Adresse und ein sorgenfreies Leben.

Ich frage mich nur, wie sie das all die Jahre ausgehalten hat. Weil, zum Beispiel der Comic-Andi – der heißt so, weil er mit vierzehn in eine Buchhandlung eingebrochen ist, um die Prachtausgabe von „Zettel’s Traum“ vom Arno Schmidt zu klauen, bloß um dann beim intensiven Studium von „Wonder Woman“ in der Comicabteilung erwischt zu werden – der Comic-Andi hat das jedenfalls auch nicht ertragen, das Butterseiten-Leben, als er auf einmal der große Boss vom Fahrradbotendienst war, mit unendlich viel Geld, oder mit dem, was wir auch heute noch dafür halten würden, wie ich fürchte. Das hat ihn dann, das ist jetzt meine Theorie, psychisch enorm belastet, einfach weil er Erfolg nicht gewohnt war. So belastet, dass er hingegangen ist und die Scheibe vom Juwelier in der Herrengasse eingeschlagen hat – und dann stehen geblieben, bis die Polizei kam.

Also, das mit dem Basler Luxusleben als IT-Promi-Begleitung, dass das jetzt vorbei wäre, hat mir die Marta im Weidinger erklärt. Sie lebe jetzt wieder in Wien und zwar von der Sozialhilfe. Das hat sie so richtig mit Stolz gesagt und mir ihren neuen Krankenkassen-Kunststoff-Schneidezahn präsentiert. Den hätte ihr der Tim auch nicht bezahlen wollen, nachdem er sie rausgeschmissen habe. Aber sie hätte ohnehin genug gehabt von diesem Calvinisten-Bobo und der ganzen Spießer-Schweiz, dort würde ja die Caritas sogar den Obdachlosen nur Anzug und Schlips aushändigen. Auf meine Frage, wieso sie denn einen neuen Schneidezahn gebraucht hätte und wieso sie der Tim denn rausgeschmissen hätte, hat sie mir dann ungefähr Folgendes erzählt:

Vergangenen Oktober erhält der Tim den Auftrag, das Image seiner Firma wieder mal ordentlich aufzupimpen. Dem fällt aber nichts Gescheiteres ein, als ausgerechnet die Marta nach einer Idee zu fragen und die redet ihm eine mehrtägige LAN-Party ein. Aus Nostalgie wollte sie die, hat sie mir erklärt. Solche LAN-Partys sind ja jetzt wirklich nicht mehr der heißeste Scheiß. Seit es diese fetten Internetverbindungen gibt, braucht man ja kein lokales Netzwerk mehr und außerdem, hunderte Nerds auf Speed, die schweigend vor ihren Monitoren sitzen und sich gegenseitig in digitalen Blutbädern hinmetzeln: Party? Echt jetzt? Andererseits, an den Börsen geht’s schon lang so zu und richtig out sind die auch nicht. Also, warum nicht wieder mal eine LAN-Party?

Den Iro hochtoupiert und auf Hochglanz gewachst, ausgestattet mit ihrem Laptop – Uncle Sam (alt aber aufgerüstet) –, Schlafsack, Isomatte, diversen Kabeln etc. wird die Marta vom Tim, der gleich zu einem wichtigen Termin weiterfährt, vor einer aufgelassenen Lidl-Halle in der Basler Vorstadt abgesetzt. Am Eingang zeigt sie wichtig ihre Freikarte, und weil nicht halb so viele gekommen sind wie erwartet, hat sie es echt easy einen perfekten Tisch zu erobern, mit genügend Raum unter der Platte, zum zwischendurch Schlafen. Man sieht: Profi, die Marta.

Alles angesteckt und hochgefahren, merkt sie, dass es keine LAN-Verbindung gibt. Sie sieht sich um und tatsächlich, die wenigen Anwesenden spielen nur mit sich selbst – um jetzt nicht das von Marta verwendete Verb zu gebrauchen.

Blutjunge Wichtigtuer, die mit Orgateam-Schildchen verziert herumlaufen, geben nur die üblichen Antworten. Es tue ihnen leid, blabla, technische Panne, blabla usw.

Als das eine Weile so geht, spürt die Marta, sie kriegt wieder ihre Wut und um das zu vermeiden, geht sie sich ein Bier holen, obwohl sie Tim zuliebe eigentlich nichts mehr trinkt. Andererseits ist genau der mit seiner schlechten Vorbereitung schuld an ihrer aufsteigenden Wut und so ist das dann wieder voll okay.

Dabei stellt sich aber heraus, dass es in dieser elenden Lidl-Halle nicht nur kein LAN, sondern auch kein Bier in Halbliter-Bechern gibt. Nur in Viertelliter- zum Preis von Halbliter-Bechern. Dafür Rauchverbot. Ihre aufsteigende Wut schlägt um in ergreifende und das bedarf sofortiger Sedierung. Etwa acht Viertelliter-Becher später zieht sie durch die Spieltische und sucht Verbündete gegen diese „Oaschpartie“: „Geh Oida, wos soi des füra LAN-Party sein, ohne LAN? Und tschuldige, wos soi des füra Bier sein, in an Zahnputzbecha?“ und dergleichen wird von der nichtrauchenden Jeunesse dorée Basels und Umgebung natürlich nur als bedrohliche Lautwolke begriffen, vor der sie sich instinktiv wegduckt. Marta versucht es mit gesteigerter Ausdruckskraft und wird dabei immer rüder, aber diese „spielsüchtigen Zombies“, wie sie sich ausdrückt, gehen auf ihre durchaus berechtigte Kritik der „Oaschveranstaltung“ einfach nicht ein.

Aus einigen herablassenden Erkundigungen, ob sie denn nicht des Englischen mächtig sei, folgert Marta schließlich, dass hier wieder diese verdammte Sprachbarriere vorliegen müsse. Sie weiß: unüberwindbar. Immer wenn sie ein wenig getrunken hat, klebt sie an ihrem Wiener Idiom fest wie an einem Fliegenfänger, und das, obwohl sie in ihrem Kopf auschließlich reinstes Hochdeutsch denkt, sagt sie. Daraufhin, und weil sie nur noch grummelnden Groll in sich verspürt, beschließt sie, den Aufruhr aufzugeben und bloß zweckfrei pöbelnd durch die Tischreihen zu ziehen – l’art pour l’art sozusagen.

Dummerweise wird jetzt das Orga-Team auf Martas Treiben aufmerksam. Dieses Orga-Team ist zuständig für eh alles und besteht aus unbezahlten Informatik-Studenten, denen mit mehr oder weniger leeren Versprechungen ein ebenso unbezahlter Praktikantenjob in Tims Firma in Aussicht gestellt wurde. Ein Vorgehen, das auf Marta zurückgeht, welche weiß, dass derlei Vorschläge zur Kostensenkung ihren Kontostand erhöhen. Dieses zweifelhafte Personal also sendet einen Boten, der sie auffordert – Marta kann es gar nicht fassen – sowohl das Stänkern als auch das Saufen und Rauchen umgehend zu unterlassen. Ein Ultimatum! Sofort beginnt ihr Groll wieder zu grimmen. Sie sieht sich nach Bekannten aus der Firma um, die ihren Rang bestätigen könnten, nur, eben aufgrund ihres Vorschlags wurde von der Firma selbst niemand zur LAN-Party abgestellt und freiwillig ist offenbar nur sie hier, und sie gehört nicht zur Firma, jedenfalls nicht offiziell. Marta ist daher gezwungen, erneut auf ihre Doppelstrategie der Selbstberuhigung zurückzugreifen: Sie beschleicht in einem unbeobachteten Moment die Bar, bestellt vier dieser Zwergenbiere auf einmal und erledigt blitzartig davon zwei noch während des Zahlens. Nun, diese beiden kann ihr schon mal keiner mehr nehmen und versetzen sie außerdem in die Lage, ihre Tischgespräche fortzusetzen. Des Ultimatums wegen nimmt sie sich aber diesmal vor, nicht lauthals zu stänkern, sondern nur mäßig zu mosern.

Leider muss sie dabei irgendetwas falsch gemacht haben, denn noch während der allerersten Moserrunde wird sie von gleich vier Orga-Kräften bedrängt: einem Mädchen und drei, wie sie findet, nicht sehr attraktiven Burschen. Zwei davon packen sie unter den Armen und schleifen sie rücklings zur Tür. Der Rest läuft im Gleichschritt, wie Marta sich wohl einbildet, nebenher. Ihr Protest, gar nicht gestänkert, sondern eh nur gemosert zu haben, erzielt dabei keinerlei Wirkung. Das ist es eben wieder, dieses mangelnde Gespür der Basler für die Feinheiten des Wiener Idioms, denkt Marta während des geschliffenen Abgangs und beobachtet, wie ihre Doc-Martens immerwährende Streifen über den Estrich ziehen. Sie schafft es aber – in Sorge, sie könnten verschüttet werden – die zwei restlichen der teuer bezahlten Biere auszutrinken, von denen sie noch je eines in der Hand hat. Ein junger Typ sieht ihr nach. Es ist ausgerechnet der Laurin, zwar ebenfalls ein gekeilter Student, aber, wie Marta findet, einer der wenigen Hoffnungsschimmer hier. Der sieht ihr jetzt zu, wie sie sich, während sie rausgezogen wird, gleichmäßig mit Bier überschüttet, weil leicht ist das nicht, so zu trinken. Peinlich, den hat sie doch gerade noch angebraten, indem sie ihn auf ihre besonders hohe Position hier hinwies, denkt Marta und findet Laurin scharf. Sie weiß, dass das daran liegt, dass sie alle scharf findet, die jung, blond und vor allem schlank sind, und sie ist nicht gerade stolz darauf. Aber sexuelles Begehren ist eben keine Aquarell-Ausstellung, kein Hegelseminar und auch kein Töpferkurs. Während Marta so über die Attraktion der Gegensätze sinniert, wird sie plötzlich auf den rauen Asphalt des Parkplatzes vor der Halle fallengelassen und, wenn ihre Kenntnisse des Baslerischen sie nicht trügen, aufgefordert, das Weite zu suchen. Eher fettleibig, diese Burschen, denkt Marta. Es ist ihnen anzusehen, dass sie vorm Bildschirm aufgewachsen sind. Das ist schon die Generation, die nicht ständig, von Polizeihunden oder Nazis oder Fahrscheinkontrolleuren gejagt, sich im Messerkampf bewähren, kühn über Dachfirste balancieren und katzengleich über Mauern springen musste. Die holen sich den Kick längst nur noch vom Bildschirm, und das macht auf die Dauer natürlich unsexy. Sie könnte denen jetzt sagen, dass sie praktisch ihre Chefin ist, aber der bloße Gedanke daran macht sie müde, und was soll sie schon auf einer scheiß LAN-Party? Und der Laurin findet sie jetzt sicher unmöglich nach diesem Abgang. Sie fordert also nur ihre Sachen und die dreißig Franken für den Eintritt zurück, den sie nicht bezahlt hat. Marta kann erstaunlich vernünftig sein, aber nur dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Umgehend verschwinden alle fünf und kurz darauf werden tatsächlich ihre Sachen, exklusive der dreißig Franken, aus der Türe geworfen, und zwar so unsanft, dass dabei eine Ecke ihres Uncle Sam abbricht.

Das wäre besser nie geschehen, das mit Uncle Sam’s Ecke. Weil das ist ihr Bruder, ihr Freund, ihre Familie und eben ihr „Onkel aus Amerika“. Zwar hat er, wie sich später herausstellte, den Knacks locker weggesteckt, aber das konnte da noch niemand wissen. Ich denke, alles Kommende hätte vermieden werden können, wenn diese halbstarken Basler auf ihren hohlen Machtgestus verzichtet und der Marta den Uncle Sam nicht nachgeschleudert, sondern ihr beipielsweise sorgsam zu Füßen gelegt hätten.

Marta scheut Wischhandys aus ortungstechnischen Gründen, steht jetzt aber vor dem Problem, nicht zu wissen, wo im Umkreis Basels sie sich befindet. Sie könnte natürlich Uncle Sam fragen, aber sie hat Angst davor. Vielleicht stellt sich dabei heraus, Uncle Sam ist kaputt. Sie spürt wieder ihre Wut aufsteigen, nur heißer als vorher und vermischt mit dieser prickelnden Zerstörungslust – und kein Bier da! Sie überlegt, schnell ein Taxi zu rufen, bevor sie auf dumme Ideen kommt, aber sie hat alles Geld versoffen und der Trick mit dem Eintritt hat nicht funktioniert. Tim könnte sie holen, aber der lässt dann wieder seine lässig-genervte Art raushängen und schon gar nicht will sie ihm erklären, warum sie schon wieder wegen eines sprachlichen Missverständnisses wo rausgeworfen wurde. Ihr wird bewusst, wie sehr sie diesen aufgeblasenen Streber-Typen doch hasst. Marta kräht: Fick mir doch, fick mir doch, ein Schweizer Schweizerkäseloch! Und tritt dabei rhythmisch auf parkende Autos und einen alten Einkaufswagen ein. Ja, so ist das eben mit ihr. Zum Glück kommt in dem Moment ein junger Typ (schlank) aus der hell erleuchteten Halle, je zwei Bier in den Händen balancierend, die er nun Marta hinhält: Es ist Laurin und es ist Engelsmusik, als er schüchtern flüstert: „Das isch für di.“ Es folgen, laut Marta, ausdrückliches Lob für Martas Betragen und scharfe Kritik am Orga-Team etc. Marta zieht aus dem Gesagten, was auch immer es tatsächlich war, eh klar, den Schluss, von dem Kleinen umworben zu werden und schlägt ihm vor, die drolligen Bierchens zu sich zu nehmen, um anschließend in die Büsche zu gehen.

Der hingegen meint, er würde ja gerne mit ihr schlafen, aber er fürchte, dass das seine Aussichten auf die Praktikantenstelle mindern könnte. Dass er nicht blöd sein solle, erwidert die Marta, weil sich alle seine Aussichten erheblich verbesserten, wenn er sie umgehend beschliefe, flüstert ihm zärtliches Wienerisch ins Ohr und zwickt ihn da und dort ein wenig. Sie denkt immer noch, dass Männer auf Zwicken stehen. Daraufhin wirkt der Laurin auf einmal unkonzentriert und fahrig und muss plötzlich wieder hinein. Marta findet das sehr traurig, leert deshalb eines der vier ganz neuen Biere und beschließt, ihre Sachen einfach in den alten Einkaufswagen zu stecken und ganz relaxed in die Richtung zu schieben, in der sie die Stadt vermutet. Danach trinkt sie zur Belohnung noch eins, und weil der Tim ein Arschloch ist und der Laurin ein Schlumpf und um möglichst wenig von dem teuren Bier zu verschütten, trinkt sie auch gleich noch das dritte. Als sie eben beim vierten Bier vor der Entscheidung steht, dieses als Proviant zwischen Schlafsack und Isomatte zu verstauen oder einfach zur Sicherheit auch auszutrinken, sieht sie sich schon wieder mit den Fünfen konfrontiert. Sie solle jetzt „es bitzeli fürschi mache“, meinen diese, sie habe hier schon „sit Stunde nüt meh verloore!“ In Marta kocht die Wut jetzt endgültig über, gerinnt allerdings in einer eiskalten Woge der Bösartigkeit sofort zu einem niederträchtigen Plan. Wie Bleigießen ist das und selten wie Silvester, sagt sie. Sie trinkt erst ganz cool, steckt den halbleeren Becher nun doch in den Wagen und erwidert zur Überraschung der Fünfe mit einer ihnen nicht gerade verständlich aber dennoch zusammenhängend erscheinenden Rede, des Inhalts, dass sie alle mal so klein werden sollten wie ihre lächerlichen Biere, weil erstens hätten sie Uncle Sam schwer verletzt und zweitens ohne ihre Wenigkeit würde hier so ziemlich gar nichts stattfinden und sie alle, wie sie hier aufgeganselt herumliefen, sie alle könnten hier auch nicht den Kapo raushängen lassen, wenn Marta Montana nicht wäre und ihnen ihre unbezahlten LAN-Party-Jobs beschert hätte.

Marta Montana – das ist ihr Kampfname aus ihrer Zeit als Damen-Catcherin; praktisch eine déformation professionnelle, wenn die Marta anfängt, von sich als Marta Montana zu reden und immer ein ganz schlechtes Zeichen.
Außerdem, fährt sie fort, sei es traurig und erbärmlich, dass niemand hier gegen diesen läppischen Praktikantenstellen-Schmäh aufbegehre, sondern alle für ein bisschen Jobhoffnung bereit zu jeder Demütigung wären. Wie die Strebernaturen, die damals zu den Nazis überliefen und heute. Während ohne Marta Montana hier logischerweise gar nichts wäre, tote Hose, leere Halle, heulender Wind, nicht mal Hitler! Und wenn sie jetzt die Güte hätten, den Weg freizugeben, sie sei nämlich eben dabei, ein Wolkerl zu machen und hätte keine Lust auf Geschwätz mit niedrigem Personal!

Aus welchen Gründen auch immer, vermutlich aufgrund eines sprachlichen Missverständnisses, umringen die Fünfe mit erstaunlicher Geschwindigkeit die arme Marta, die so etwas ja noch nie mochte. Auch als ehemalige Damen-Catcherin empfindet sie Umringtwerden als unangenehm und bedrohlich, was sie auch immer gern zugibt – aber man muss sie halt schon direkt danach fragen, und die Fünfe haben ziemlich sicher nicht gefragt, ob sie jetzt was dagegen hätte, ein wenig umringt zu werden. Man kennt das ja. Einer von ihnen knurrt etwas von „Polizei, handkehrum abchlopfe“ und „zämenschloo die Nazibraut“, wenn sie nicht sofort das Gelände verlasse, dieses Gelände nämlich sei Privatgrund! Marta, die kein Wort verstanden hat, entgegnet, dass man sich ihr gegenüber bitteschön ein wenig zuvorkommender zu benehmen hätte, denn schließlich stünden sie alle immer noch bei ihr in Lohn und Brot, theoretisch zumindest! Aber nach der dilettantischen Performance sehe sie punkto Praktikantenstelle eher schwarz und sie könne ihnen auch sagen warum: Hätte Marta Montana denn bisher irgendetwas getan, wofür sich all der Aufwand auch lohne? Sie meine mit Aufwand: Verwarnungen ohne Anlass, unsinnige Verbote und Drohungen, unnötige Rauswürfe, kindische Indianerspielchen auf dem Parkplatz usw. Aufwand eben, unnützer, weil unverhältnismäßiger Aufwand. Man bedenke doch die andere Schale der Waage: eventuell etwas zu laut geäußerte Kritik, aufgehoben schon durch den selbstlosen Bierkonsum zu Wucherpreisen. Das aber ärgere sie wiederum als potenzielle Arbeitgeberin. Das sei durch und durch unökonomisch, weil gegen jede Marktgerechtigkeit! Mit so viel Aufwand vielleicht ein wenig übel gelaunte, dafür gut zahlende Gäste zu belästigen, sei sogar unökonomisch, dass einer Sau graust! Und man sähe ja, was aufgrund einer solchen Misswirtschaft alles geschehen kann: Man hat Uncle Sam ein Eck ausgeschlagen! Und da bestätige sich wieder mal ihr Hass auf alles Unökonomische, direkt ungezügelt könne sie da werden und da unterscheide sie sich in nichts von Hayeks freiem Spiel der Kräfte, Schumpeters schöpferischer Zerstörungskraft und überhaupt der ganzen Österreichischen Schule plus Milton Friedman!

Die Fünfe überlegen mittlerweile, ob sie nicht die Basler Nervenheilanstalt anrufen sollten.

Jedoch, Marta Montana sei vieles, aber nicht unbarmherzig und immerhin sei sie ja dafür, dass man überall und jederzeit Österreichische Schule unterrichten könne. Könne und solle! Daher zeige sie ihnen jetzt auch gerne nachträglich, wie sie’s alle richtig ökonomisch haben könnten. Und mit dem Ruf „Für ökonomische Verhältnisse!“ schnappt sie einen der Burschen so, dass es ihn rücklings quer auf den Einkaufswagen hebelt, gibt dem Wagen mit einem schmetternden „Überall!“ einen Tritt und befördert ihn derart quer über den Parkplatz.

Nur rollt dieser unsportliche Basler Student so kreuzblöd zwischen die parkenden Autos, dass er sich dabei mit dem Kopf in einem Rückspiegel verfängt, der ihm beinah den Hals abreißt. Zum Glück fällt der Einkaufswagen dabei um und gibt ihn frei. Trotzdem bleibt er liegen. „Joki!“, schreien die anderen und stürmen zu ihm. Das heißt, bis auf das Mädchen, das zu langsam reagiert und sich nun ganz allein einer sehr betrunkenen Bestie gegenüber sieht.

„Jetzt hani aber ändgültig gnueg!“, schreit das Mädchen zurückweichend, mit ungefähr so viel Überzeugungskraft, mit der man einer leinenlos rasenden Dogge gegenüber versucht, das Herrchen zu markieren. Das merkt sie auch selbst und darum zückt sie ihr Handy: „Ich lüt dr Polizei aa!“

„Aber aber!“, schmeichelt Marta dem Mädchen, sie solle doch bedenken, dass es durchaus hätte sein können, sie transportiere auf diese Weise nur ihre Sachen zum Auto, freilich mit dem jetzt leider etwas beschädigten Teddy dazu, aber den würde sie sich eh nur ausborgen, viel zu dick. Doch wenn bezüglich des Burschen schon andere Pläne existierten, hätte Marta Montana auch nichts gegen einen flotten Dreier. Damit wäre wohl allen am meisten geholfen …

„Hallo, Polizei?“

Moment, sie suche gerade ihren Autoschlüssel, noch ein Sekündchen, dann habe sie ihn. Sie solle das mit der dummen Polizei doch sein lassen, dann könnten sie alle drei gleich losdüsen. Dabei lässt die Marta ihre Hand sehr sexy in ihrer Hosentasche spielen und flötet zärtlich etwas über die Notwendigkeit der Überwindung der sozial konstruierten Geschlechter, wie sie meint: „Net leicht, so augsoffn wos Hoates zum findn inda Hosntoschn!“ Und verschwörerisch zwinkernd: „Oba es geht ah ohne, net woa, Mauserl?“ Ja, als Draufgabe wirft sie ihr einen ihrer saftigsten Kussmünder zu.

„Ich ha ihne mini Date doch scho gsait“, plärrt das Mädchen ins Handy. „Sie mien mir ändlig zueloose!“

Sie möge sich und der „Schwiezer Polizei“ die Mühe doch sparen, grölt die Marta. Andererseits wieder, solle sie die Kapplständer nur holen, sie sei ja direkt gespannt, wie die in der Schweiz so seien, ob die einen auch so super nehmen könnten wie die in Wien.

„Aber, so loose si mir doch ändlig zue, mir wärde do vonere gföhrlige Verruggde terrorisiert!“ Und mit einem Blick zu Joki und überschlagender Stimme: “Und mir bruuche au dr Notarzt!“

Aber das könne sie sich nicht vorstellen, meint Marta weiter, wenn sie sich so umschaue, nein, unwahrscheinlich. Besonders ihre vier Wappler, die sähen ja aus wie wandelnde Sitzsäcke! Ob die Schweizerinnen ihre Männer denn ganz verwahrlosen ließen?

Irgendwie scheint die Marta nun doch die Basler-Wiener Sprachbarriere durchbrochen zu haben, denn plötzlich wird sie von dem größeren der beiden zurückkehrenden Burschen am Kragen gepackt. Sie schultert ihn aber mit einem ihrer leichtesten und unsaubersten Wurfgriffe und lässt ihn vor sich aufklatschen, wo er bewusstlos liegen bleibt. Der andere weicht unsicher zurück. „Alex“, zischt das Mädchen, „du feigs Arschloch!“ Derweil steigt Marta etwas wankend über den Geworfenen. „Schod, dass dabei imma de Daumen brechn“, murmelt sie dabei selbstkritisch, steuert auf das schreckensstarre Mädchen zu, reißt ihm das T-Shirt vom Kragen bis zum Bund entzwei, nimmt die derart frei gewordenen Brüste und verpasst beiden je einen kräftigen Schmatz.

„Jetzt lohnt sich dea gonze Aufwand, jetzt herrscht hier endlich eine Marktgerechtigkeit!“, schreit Marta beinahe hochdeutsch in den Himmel. Stille. Fragende Töne aus dem Handy. Marta wendet sich dem Alex zu, der aber durch den Anblick der geküssten Brüste in eine Art Trance verfallen ist. Ob er das mit dem freien Spiel der Kräfte und der daraus resultierenden Marktgerechtigkeit jetzt auch verstanden hätte? Wenn dem so sei und wenn er sich dann mal langsam fertig begeilt hätte, dann könnten sie Marta Montana jetzt bitteschön und im vollen Einklang mit den Gesetzen der Ökonomie Österreichischer Schule vom Gelände entfernen. Abwartend bleibt sie stehen.

Der Wind weht über den Parkplatz, Joki beginnt leise zu jammern, Alex starrt. Langsam, ganz langsam holt das Mädchen aus, scheint noch kurz zu überlegen, da fährt ein Ruck durch sie und wie ein vorwärtsschnellendes Katapult kracht ihre Faust auf Martas Gebiss. Marta taumelt einige Schritte zurück und mit dem Blut spuckt sie auch ein Stück Schneidezahn aus.

Da explodiert ihr Kinn durch einen weiteren Schlag. Das flackernde Blaulicht kann sie aber gerade noch Einsatzfahrzeugen zuordnen. „Das müsste reichen“, denkt sie, bevor es endgültig schwarz um sie wird.

Wegen der ganzen LAN-Party-Sache wurde der Tim diskret nach Neuseeland versetzt. Um Anwaltskosten zu sparen und des Images wegen, gab die Firma den Fünfen eine unbezahlte Praktikantenstelle, worauf sie ihre Anzeigen zurückzogen. Dem Joki musste allerdings zusätzlich eine Privatklinik bezahlt werden. Der Marta gegenüber hat der Tim erklärt, dass er ihre offene Beziehung als abgeschlossen betrachtet.

Nur dass er ihr den Schneidezahn nicht ersetzen wollte, das ärgert sie, wie gesagt, noch immer.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15101

Hochseilakt

Seiltänzer gehören zu meinen Favoriten unter den Artisten. Als ich in die erste Klasse ging, kam eine Seiltänzergruppe in mein Dorf. Sie spannten das Seil vom Giebelfenster des alten Schulhauses zu einem Mast, der sich auf dem freien Platz unterhalb der Kirche befand. Früher hatte dort ein noch älteres Schulhaus gestanden, das bereits abgerissen war. Ein freier Platz war der Gewinn.
Ich durfte in die Abendvorstellung gehen. Es war bereits dunkel, als sich die Zuschauer versammelten. Alle standen an der Häuserzeile vor der Limonadenfabrik aufgereiht. Man schob mich nach vorne. Alleine hätte ich mich nichts zu sagen getraut. Mein Bruder hatte mich mitgenommen, und ich spürte an seinem ironischen Lachen, dass er total aufgeregt war. Ich war völlig gebannt von der gesamten Situation. Die fremden Menschen, die so ganz anders waren, die durch die Welt zogen, Kunststücke darboten, die wahnsinnigen Mut, ja schon Tollkühnheit verlangten, und durch nichts mit der mir bekannten Welt verbunden schienen. Junge Frauen und Männer und Kinder, unerschrocken, mit Kostümen bekleidet, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Alles ging wahnsinnig schnell.
Die nächste Nummer wurde von einem Herrn angesagt, der seiner Stimme einen seltsam aufregenden Klang zu geben bemüht war, der Floskeln verwendete, die ihm in seiner manierierten Kunstwelt normal erschienen. Die Worte, die er sprach, waren unwichtig. Es war nicht nötig, den Inhalt der Worte zu verstehen. Nur der Klang, der Eindruck hüllte mich ein. Die Ansprache war ein Ritual, das dem ehrwürdigen Senior vorbehalten war. Seine Zeit auf dem Hochseil war unwiederbringlich vorbei. Jetzt konnte er nur noch im abgewetzten Anzug Ansprachen halten. Alle Augen starrten auf das Seil in schwindelerregender Höhe, das nicht gesichert war. Eine junge Frau balancierte mit einem Schirm, machte eine Verbeugung, einen Knicks, eine Rolle vorwärts und rückwärts. Ochs und Achs waren zu hören, dann Applaus. Ein Raunen ging durch die Menge und ich vergaß fast zu atmen, so aufregend war alles.

Jetzt fällt mir das wieder ein, Jahrzehnte später. Ich bin nie zu einer Artistin geworden. Da fehlt mir das Talent. Das Hochseil ist dennoch verlockend. Es wird gespannt, um Kunststücke darauf vorzuführen, um Zuschauern einen Schauder ins Herz zu zaubern. Die einen sind zum Risiko bereit, auf dem Seil zu tanzen, den anderen ist das Beobachten vom Boden aus schon genug. Hochseil ohne Sicherung, das bedeutet, sein Leben ständig aufs Spiel zu setzen, einen Genickbruch, eine Wirbelsäulenverletzung in Kauf zu nehmen. Nie mehr auf das Seil können, das restliche, vermutlich noch lange Leben. Aber ohne dieses Risiko geht es nicht, gar nicht.
Und immer müssen die Kunststücke noch gesteigert werden. Es genügt nicht, mit dem Schirm in der Hand über das Seil zu gehen, was eigentlich schon mehr als genug Mut fordert. Es werden Sprünge eingebaut, die viel Kunstfertigkeit verlangen. Dann folgt eine Rolle vorwärts, eine Rolle rückwärts.
Leicht ist es möglich, abzurutschen, das Gleichgewicht zu verlieren. Der Körper muss total angespannt sein. Jeder Muskel ist wichtig. Es gibt keine Partie, die sich gehen lassen darf, nicht der kleine Zeh und nicht der Hals oder gar das Gesicht. Der Geist muss konzentriert sein. Der Bruchteil einer Sekunde, den man in Nachlässigkeit verbringt, kann den Tod bedeuten. Man darf das Seiltanzen nicht unterschätzen!

Es gibt noch Steigerungen, die den Männern vorbehalten sind: Ein Junge fährt mit einem Fahrrad über das Seil. Die Reifen sind extra präpariert, dass sie nicht so leicht abrutschen können. Die Fahrt muss schnell gehen, mit Schwung bergab und auf der anderen Seite wieder hoch aufs Podest. Die Zuschauer halten den Atem an. Um mich herum herrscht angespannte Stille. Ich sauge den Atem durch die Nase ein, immer weiter, und starre auf das Seil. Ein Klatschen hebt an, Begeisterungsrufe.
Der Junge lässt sich mit dem Rad zur Mitte des Seils rollen. Es dauert, bis es zum Stehen kommt. Einige Male rollt er vor und zurück, dann schwingt er seinen Körper zum Handstand hoch, die Hände stemmen sich auf Lenker und Sattel. Das Staunen und die Bewunderung steigern sich. So etwas erlebt man selbst als Zuschauer nur wenige Male. Nun kommt der ultimative Höhepunkt der Vorführung, der Motorradfahrer. Der Motor heult auf, der Auspuff raucht, der hagere Mann mit dem Glitzerhemd steht auf den Pedalen und fährt auf dem Seil. Zuerst einmal die ganze Strecke in Windeseile, dann der gekonnte Sprung vom Motorrad auf das Podest. Begeistertes Applaudieren. Das gefährliche Gefährt erhöht die Spannung. Der Mensch allein kann nicht so viel Dramatik erzeugen.

Gefahr betört, am besten, wenn es eine fremde Gefahr ist. Man partizipiert, genießt den Nervenkitzel und weiß gleichzeitig, dass man keine Angst haben muss. Alles ist gut.
Wer würde sich schon ohne Not aufs Hochseil wagen, ohne gelernt zu haben, auf ihm zu tanzen?
Warum schauen wir uns dann solche waghalsigen Kunststücke an und erinnern uns noch Jahrzehnte später daran?
Wohl, weil plötzlich die Entsprechung dazu im Leben eingetreten ist.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15092

Am Weg

Die zufällige Anordnung der Songs und Tondokumente raubte ihr den letzten Nerv. Wer immer diese Shuffle-Funktion erfunden hatte, er hatte die Höchststrafe verdient. Und diese war klarerweise das stundenlange Anhören dieser niederträchtigen Mischung aus (wenn auch gutem) Heavy Metal, Spanischlektionen, Gedichtrezitationen und dazwischen schon mal dem einen oder anderen ausgelutschten Popsong aus den Neunzigern.
Auch das gemeinsame eifrigste Mitsingen bei Letzteren half nichts: Es war und blieb ein völlig anödendes Ausharren in dieser Mistkarre, die sie von A nach B bringen sollte, wobei das B hoffentlich einladender sein würde als das nun eiligst zu verlassende A.
Aushalten, durchhalten, bis zum Anhalten an sich halten mit Ausfällen aller Art. Der Fahrer des Kleinlieferwagens bestach nicht nur durch die Vielfalt seiner MP3-Inhalte, sondern auch durch beharrliches Schweigen, um ebendiesen Hörgenuss nicht zu gefährden. Ihr Versuch eines Gesprächsbeginns wurde unterbunden, gleich am Anfang, und dann traute sie sich auch nicht mehr.
Als er, der Karl hieß, schließlich nach zwei oder drei Stunden begann, ein One-Hit-Wonder – nicht gänzlich unmusikalisch übrigens – durch Mitsummen zu unterstützen und schließlich lauthals bei dessen Refrain mitzusingen,  witterte sie ihre einzige Chance, auf dieser mehrstündigen Fahrt endlich auch einmal den Mund aufmachen zu dürfen. Sie stimmte also ein, es harmonierte nicht gerade bestens, und falls dieses Duo jemals eine Chance auf Erfolg haben sollte, so war diese damals jedenfalls noch nicht abzusehen.

So fuhren sie in die Nacht, die düster war. Dunkelheit auch in Elviras Herz und Hirn. Sie war niemals zuvor so unsicher gewesen, was sie erwarten würde. Der freundliche Idiot neben ihr kostete sie keine enervierenden Gedanken, der tat, was getan werden musste: Er fuhr, und das nicht schlecht. Kein einziges Mal hatte sie sich bisher gefürchtet, und das sollte etwas heißen, denn sie war ängstlich, um nicht zu sagen überängstlich, was den Straßenverkehr und seine Tücken betraf. Der Mann fuhr routiniert, er schien auch nicht müde zu werden, und falls doch, gab es ja da diesen Lautstärkeregler, der noch lange nicht ausgereizt war. Und die nächste Metal-Nummer kam bestimmt.

Sie hatte nicht ahnen können, dass sie, nach nur drei Monaten an Ort A, diesen mit Grausen vor ihr selbst und dem, was sie sich hatte antun lassen, verlassen würde, fluchtartig und mit einem schalen Geschmack im Mund, der ihr signalisierte: wieder nicht rechtzeitig gewehrt, neuerlich zu viel mit sich geschehen haben lassen, Ja signalisiert statt Nein! geschrien, die Hände hinter dem Rücken zu Fäusten geballt, nach vorne hin gelächelt, das falsche Lächeln, das sie selbst aufs Gröbste schwächende, das sie längst hatte ablegen wollen. So einfach war das alles nicht. Alte Gewohnheiten, die lauerten überall. Beim Einstellungsgespräch, wo ungehörige Fragen gestellt und leider auch von ihr beantwortet wurden (Kinderwunsch? Natürlich nicht…); bei der Vermieterin der supergünstigen Wohnung, die nur „inländische und saubere Bewohner“ haben wollte; bei der durch die Mitfahrbörse vermittelten Fahrerin, die immer nur gestichelt und gewitzelt hatte über Elviras Ambitionen (aber die Mitfahrgelegenheit war eben günstig…). Elvira schien es, als sei die Liste endlos. Und so wurde Elvira im Laufe der Zeit immer kleiner und dünner, fast unsichtbar, und jedes Ja kostete sie das nächste Nein, als ob sie ein Guthaben aufbrauchen würde, die Widerstandskraft schwand völlig und so war sie an Bert geraten, in diesem geschwächten Zustand, allein und ohne Verbündete in A, so konnte er das nutzen, zu seinen Gunsten, was sonst.

Nun war sie also auf der Flucht aus A, vor Bert, dem Mann ihrer Träume, im Auto mit Karl, und wusste nur, sie wollte nach B. In B sollte alles anders werden. Sie wollte stark sein, für sich einstehen, nichts und niemandem zustimmen, das oder der ihr zuwider war. Was für ein Leben! Ein freies, ein selbstbestimmtes Leben würde es sein, nicht mehr gelenkt durch den Willen anderer, solcher, die sie zwangen, sich zu verbiegen. Nein, nicht einmal zwangen, die es einfach als gegeben hinnahmen, dass sie sich beugen würde. Und wie recht sie hatten. Aber nicht in B. Ein Ortswechsel, das war der Anfang. Und dann ein neuer Job. Ein neuer Mann eher nicht, noch nicht. Für so etwas musste man stark genug sein, gefestigt, um sich diesen Versuchungen nicht gleich wieder auszusetzen. Ach, was war eine starke Schulter für eine Verlockung für eine unsichere Frau. Unglaublich, aber wahr.

Elvira hatte genug Zeit, vor sich hin zu grübeln. Die Musikquälerei ließ sich ganz gut ausblenden, nach der langen Fahrt. Vielleicht hätte sie doch den Zug nehmen sollen. Aber dann wäre ihr Hab und Gut alleine unterwegs nach B, und den Fahrer, den Karl, den kannte sie ja kaum. Was, wenn er ihr Zeug einfach irgendwo abstellte, um es später einem windigen Dealer zum Verkauf anzubieten? Obwohl, Tante Erikas Tassen und Onkel Edwins Ohrensessel, naja, ein richtig gutes Geschäft wäre es wohl ohnehin nicht geworden. Sei es wie es sei, sie war eben jetzt am Weg. Warum nach B?

In B, wurde ihr gesagt, sei alles anders. Da hätten die Einwohner ein neues Modell entwickelt, ein Dorf, in dem alles geteilt würde, vom Einkommen angefangen bis zu den Häusern, der anfallenden Arbeit, den Kindern. Ackerbau, Viehzucht, Wald- und Wiesenpflege sowie Wildhege gehörten zur Ausbildung der Neuankömmlinge. Darauf aufbauend Koch-, Näh- und Schusterkurse für jedermann und kreative Betätigung beim Dekorieren der Häuser, innen und außen, und bei Bedarf spirituelle Führung durch jene, die in dieser Materie (oder war es Nicht-Materie?) schon weit vorangeschritten waren. Wer darüber hinaus auswärts tätig sein wollte, im Sinne von Erwerbsarbeit, wurde ermutigt, und wer in der dörflichen Gruppe bleiben mochte, war ebenso willkommen.

So stellte sie sich das Leben vor. Entscheidungsfreiheit. Keine Arbeitgeber, die alles ausreizten, was zu holen war, keine Immobilienbesitzer, die sie zu ebenjenem Frondienst bei den Blutsaugern zwangen, keine Kreditgeber, die pressten und quetschten, was möglich war, und selbst das noch, was eigentlich schon längst nicht mehr mach- und leistbar war.
Man könnte es sicher auch Flucht nennen, was sie hier angetreten hatte. Aber es war eher ein Befreiungsschlag. Und nicht Bert, dem ja nicht einmal bewusst gewesen war, was er da angerichtet hatte, wollte sie davonfahren, sondern ihr selbst, der Elvira der Vergangenheit, und ihrer Vernetzung in den unglaublichen Abhängigkeiten, die A für sie bereitgehalten hatte.

Elvira erschrak, als Karl plötzlich die Regler runterdrehte und sich räusperte. Er schlug eine Pause vor, sei müde geworden. Dass sie sich mitten in einem Waldstück befanden, befremdete Elvira etwas. Wo wollte er hier rasten? Sie hätte sich eher eine Raststation ausgesucht, oder ein Gasthaus am Weg, aber er wollte ein Nickerchen machen, dazu war der kaum erleuchtete Straßenabschnitt wohl die beste Wahl. Da hatte er schon recht, der Karl. Elvira überlegte gerade, ob das schon zu ihrer neuen Entscheidungsfreiheit gehören sollte, hier zu protestieren, überlegte es sich aber anders. Karl parkte am Straßenrand, da war eine Ausweichstelle, so schmal war die Fahrbahn hier.

Er drehte an seinem Fahrersitz herum, um ihn in eine angenehme Schlafposition zu bringen, Elvira überlegte, wie sie die Pause sinnvoll nutzen könnte, an Schlaf war nicht zu denken, denn Karl wollte seine MP3-Files weiterhören, das brauche er zum Dösen. Eigenartig, dass das, was zum Fahren und Wachsein gut sein sollte, auch dem Gegenteil, der Entspannung, dienen konnte. Anscheinend machte da die Lautstärke den gravierenden Unterschied, denn er stellte nochmals etwas leiser, just als Klaus Kinski anhob, das schöne Villon-Gedicht mit dem Erdbeermund auf seine völlig unnachahmliche Art zu rezitieren.
Elvira erstarrte. Die Shuffle-Funktion hatte ihr dieses Meisterwerk bisher vorenthalten, es war neu für sie und doch eindeutig nicht. Es gehörte der alten Elvira an, das Erinnern an die letzte Situation, in der sie es gehört hatte. Bert war es gewesen, der das Gedicht ganz bewusst ausgewählt hatte. In dem besonderen Moment, bevor er um ihre Hand angehalten, ihr die Sterne vom Himmel und dazu passend den Himmel auf Erden versprochen hatte. Wie gerne hätte sie ja gesagt, zur Ehre Kinskis, zu der Aussicht auf Berts gemeinsamen Himmel für alle Zeiten. Allein, es war zu viel. Sie konnte nicht, nicht das letzte Bisschen, das von ihr noch übrig war, an Bert verschenken, für immer. Lieber weg. Ganz woanders hin. Nach B.

Der Karl, natürlich, der hatte keine Ahnung von der Vorgeschichte, die Elvira gerade bewegte, Elvira, die sich ja eigentlich von A hatte entfernen wollen und nun zumindest geistig wieder genau dort gelandet war, wo der Ausgangspunkt zu finden war. Karl nahm ihre Unruhe wahr und interpretierte sie falsch. Er dachte, Elvira hätte das Gedicht inspiriert, sich ihm anzunähern, und er wollte ihr den Weg etwas verkürzen, indem er ein Stückchen nach rechts in ihre Richtung rutschte, mit einem wohligen Seufzer, der sie ermuntern sollte. Elvira bemerkte die Zeichen, hörte die Einladung, sah sein Becken sich ihr entgegenrecken, und sie erstarkte. Das war es, was sie gewollt hatte. Sie wusste es nun. Keine Heirat. Keine gemeinsame Eigentumswohnung. Keinen immerergebenen, angetrauten Bert. Einen einladenden Kleinlastkraftwagenfahrer, der nichts von ihr wollte als ihren Erdbeermund. Wie wunderbar einfach doch das Leben sein konnte. Vielleicht blieb er ja dann auch noch ein bisschen, der Karl, mit ihr, in B.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15089

Der amerikanische Traum

Der Airbus 320 kreiste unaufhörlich über Manhattan, ohne bis jetzt eine Landeerlaubnis erhalten zu haben. Langsam wurden die Passagiere in ihren Sitzen unruhig. Immerhin saßen sie bereits seit neun Stunden auf ein und demselben Platz. Da und dort waren schon nervöses Öffnen und Schließen der Sicherheitsgurte aus den Sitzreihen zu hören. Es waren mehrheitlich Geschäftsleute unter ihnen, Sklaven ihrer Terminkalender, deren Eintragungen mehr Macht über sie besaßen, als sie sich je eingestanden hätten. Hier und da auch ein paar Exileuropäer, die ihre alte Heimat besucht hatten. Manche von ihnen sicherlich zum letzten Mal. Einer unter ihnen mit künstlichem Darmausgang, Uncle Ed. Neben ihm, Aunt Mary, eine Achtzigjährige mit Herzschrittmacher.

Seit mehr als zehn Minuten zog der Flieger nun schon seine konzentrischen Kreise über dem Big Apple. Der Kapitän war sehr nett. Er werde das Luftschiff ein wenig mehr in den Wind legen als üblich, damit auch die Passagiere, die in der Mitte näher zum Gang hin saßen, die Stadt durch die Fenster sehen könnten, hatte er durch die Lautsprecher verkündet.
Einen Moment lang fühlte Marcel, dass seine Reise den Beginn eines neuen Lebens bedeutete, eines Lebens, in dem der Freiheit angeblich keine Grenzen gesetzt waren. So hatte man zumindest in den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts gedacht. Die Schräglage des Fliegers erlaubte einen flüchtigen Blick in die Häuserschluchten von Midtown Manhattan. Hier sollte es sein, wo angeblich alles viel früher und schneller begann als anderswo, dachte Marcel. Hier also, ein paar Hundert Meter unter ihm, sollte das Epizentrum jener finanziellen und kulturellen Beben liegen, von denen aus die Welt ihre Impulse bekam. Von hier aus würde dieser wackelige Planet in seiner Entwicklung so gesteuert, wie er morgen auszusehen hätte, und von hier aus wurde der Rhythmus des globalen Atems bestimmt, weiterzuatmen oder angehalten zu werden.
Jetzt konnte man durch die schmalen Fenster das Empire State Building erkennen. Das ist Amerika! Oder auch nicht, mochten manche sagen. Mein Gott!, durchfuhr es Marcel. Ich bin in New York! Beinahe zumindest. Dabei wäre er lieber mit dem Schiff angekommen. Wie alle Emigranten damals aus Europa, mit Ellis-Island-Prozedur und so. Es ging ihm alles viel zu rasch. Acht Stunden! Was waren schon acht Stunden? Früher war man drei Wochen auf See, früher. Schlecht untergebracht, unter Deck, Tiefdeck womöglich, ohne Bullauge. Stets dem stetigen Dröhnen der Motoren ausgesetzt, dem Geruch von Öl, Diesel, nach nassen Sachen riechend, die nie trocken wurden.

Im Flieger konnte es wirklich ein jeder schaffen, dachte Marcel, sogar er. Aber vielleicht würde er hier und heute gar nicht mehr vorfinden, was Generationen vor ihm an dieser Stadt so attraktiv und lebenswert gefunden hatten? Und doch, was sollte es, dachte er. Nun hatte er soviel investiert, um hierher zu kommen. Hatte all sein Tun, sein Schaffen, seine Träume darauf ausgerichtet, seine Vergangenheit hinter sich und der unüberwindbaren Mauer des Vergessens zu lassen.
Nun würde ein anderes Leben kommen, eines ohne den Drill längst überholter Dimensionen. Niemand würde ihn mehr zur Räson zwingen können, wenn ihm schon einmal danach war, zu sagen, was ihn störte. Hier konnte man alles sagen, ohne sich gleich die Hand vor den Mund zu halten oder bloß hinter schützenden Winkeln und Ecken darüber zu reden, was einem seit Langem schon so furchtbar auf den Sack gegangen war, diese ganzen Verlogenheiten eines verlorenen Idealismus, der niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken konnte.

Marcel war kein Flüchtling im herkömmlichen Sinn, und doch war er einer. Obschon – heutzutage brauchte man nicht mehr von dort zu fliehen, von wo er gekommen war. Im Gegenteil, man war heilfroh, jeden unnützen Fresser loszuwerden. Blieb den Dagebliebenen mehr. Es gab ja ohnehin keine Jobs. Nichts hielt einen hier länger, als es unbedingt notwendig gewesen wäre. Die Kinder hatten längst das Weite in Richtung Westen gesucht. Deretwegen brauchte man nicht hier zu bleiben. Es war nicht mehr erforderlich. Man war entbehrlich geworden.
Die Frage war, was war überhaupt noch notwendig? War dieses ganze Theater mit der Volksverblödung überhaupt für etwas gut gewesen? Tausende Tote für die sozialistische Idee? War hier auch nur irgendjemand noch bei Verstand gewesen?, fragte sich Marcel verärgert. Jetzt konnte ohnehin jeder gehen, wohin er wollte.
Nicht so wie damals, als gleich geschossen wurde, wenn du deinen Arsch nur in die Nähe des Zaunes oder jener Mauer geschoben hattest, welche das Wahre vor dem Dekadenten zu trennen versucht hatte. Aber heute? Heute war alles anders. Heute war alles egal. Kein Aas scherte sich mehr darum, wenn irgendwo irgendeiner abhauen wollte. Wer hätte das jemals aus seiner Generation gedacht?, flüsterte Marcel so für sich. Der Staat pflegte seine Bürger als Gefangene zu halten, sich ihrer Fähigkeiten zu bedienen, zum Wohle aller, wie einem vorgelogen wurde, um von seinen eigenen Unfähigkeiten abzulenken. So leicht war das.
Und vom ewigen Geschwätz über Patriotismus und Solidarität war nichts als ein Haufen stinkender Scheiße geblieben, die sich über Jahrzehnte hindurch aus den Mäulern einiger hirnloser machtgeiler Parteibonzen gleichmäßig über das Land verteilt hatte, die nichts anderes zu tun hatten, als anderen Ängste aufzudrücken und sie ständig an ihre Pflichten zu erinnern, während sie selbst gut daran taten, Stillschweigen über den eigenen, illegal zusammengerafften verbotenen Besitz zu üben.

Ach, diese Welt war Millionen von Jahre alt und es war hinlänglich bekannt, dass ihre Bewohner zu allen Zeiten Schweine waren! Korrupt und gemein! Und aller Widerstand gegen das System wäre zwecklos, ja, gefährlich gewesen. Passiver Widerstand, innere Emigration, das einzige legitime Mittel, sich diesem Kasperltheater zu entziehen!
Marcel nickte triumphierend. Das Flugzeug zog unaufhörlich seine Kreise. Der Kapitän signalisierte den Stewardessen: Kling! Kling! Was mochte er wollen? Alle Augen waren auf eine Stewardess gerichtet, die nach vorne eilte. Es wurde getuschelt, gedeutet, in den Gesichtern zeichneten Falten Fragezeichen. Marcel aber war weit weg in Gedanken.

Es würde alles gut sein hier. Die alten Wunden würden verschorfen, neue hoffentlich nicht geschlagen. Er, der 45 geboren worden war, hatte früh lernen müssen, anderen etwas abzugeben, nicht Egoist zu sein, für Freunde da zu sein. Als die Panzer kamen, war er gerade acht, und er hatte Angst. Alle hatten Angst, furchtbare Angst, auch dass der Krieg wieder neu aufflammen könnte, dass man wieder nichts zu essen hätte, dass man sich wieder würde verstecken müssen, vor den Bomben, vor den Spitzeln, vorm eigenen Nachbarn, der einen denunzierte. Es war ja ohnehin alles beim Teufel, was konnte noch Schlimmeres geschehen?
Und man hätte sich gegen den Irren aus Braunau am Inn eher wehren sollen, dachte Marcel. Keiner hatte ohnehin je verstanden, wieso Millionen einem Geisteskranken gefolgt waren. Wohl ein spezielles Phänomen, Schwachsinn gepaart mit Wirtschaftskrise am richtigen Ort mit den richtigen Leuten. Eine Art Hors d`Oeuvre der Weltgeschichte, als Vorgeschmack auf die Apokalypse. Aber hinterher war man ja immer klüger. Genauso verrückt und kopflos hatten sich die anderen in den Sozialismus verrannt! Bis heute hatte er es nicht verstanden, wie so etwas möglich gewesen war. Warum sie damals nicht schon in den Westen gezogen waren, war einzig und allein Vaters Schuld gewesen. Ach was, der hätte sich ganz einfach in die Hosen gemacht, sich mit seiner Familie in so ein Abenteuer zu begeben, obrigkeitshörig, wie er war, der Herr Assessor. Beamtenseele.

Das Flugzeug begann, unruhig auf und ab zu taumeln. Turbulenzen! Die Tragflächen schwankten bedrohlich. Der ganze Rumpf schien sich zu verbiegen. Zeitweise sah man von den hinteren Reihen die vordere Cockpit-Tür nicht. Einige schrien laut auf vor Angst. Marcel wurde aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Kam ihm allemal schon zu langsam vor, die Maschine, und das in dieser geringen Höhe! Jetzt wurde es aber wieder ruhiger.
Kling! Please fasten seatbelts, stop smoking. Haben wir doch schon, knurrte Marcel vor sich hin. Geht endlich runter, verdammt noch mal!

Vater war nie Parteigenosse. Aktiv, versteht sich. Trotzdem. Man verließ seine Heimat nicht so ohne weiteres. Und der Papa hatte an der Meinung seines Sohnes nie besonderes Interesse gezeigt. Aber für ihn selbst galt, was die da oben dachten, wäre Gesetz, und damit basta. Könnte er ihn jetzt bloß sehen! Da hatte er seine leeren Parolen, hohlen Phrasen! Wie leicht durchschaubar war das alles gewesen.
Die Herren von der Partei hatten allesamt feine Autos aus dem Westen, nicht die stinkenden Zweitakt-Plastikbomber wie wir. Mit der Mauer hatte sich dann alles geklärt. Erledigt! Basta! Ach so sind die, sagten die Leute. Ja, so sind die! Alle falsch und verlogen. Damit musste man nun leben.
Immerhin, in dieser Welt hatte er irgendwann einmal selbst denken lernen müssen, weil er es sattgehabt hatte, dass allein der Staat für ihn dachte. Maulhalten war angesagt. Stillhalten wurde zur pädagogischen Methode. Karriere fremdbestimmt. Auf jener Stufe, auf der man stand, war man festgenagelt, ohne Chancengleichheit!

Kling! Der Captain wandte sich an die Passagiere, man hätte endlich die Landeerlaubnis erhalten und würde in wenigen Minuten landen. Alles anschnallen, wer´s bis jetzt nicht war, Stewardessen hinsetzen, es konnte also losgehen.
Die Maschine machte eine letzte Ehrenrunde um Manhattan und ging in Position zum Landeanflug auf Kennedy Airport. Marcel spürte im Magen, wie rasch der Flieger sank und hoffte, dass dieses Manöver bald beendet sein würde. Das war das Letzte, was er noch bewusst gefühlt hatte. Im selben Augenblick dachte er noch einmal an die Mauer und daran, wie er sich gefreut hatte, als sie endlich gefallen war.
Das wäre ja vorauszusehen gewesen. Nun aber konnte für ihn endlich die große Freiheit beginnen! Und, allen widrigen wirtschaftlichen Umständen zum Trotz, hatte er etwas Erspartes anlegen können. Die Wohnung war verkauft, die Kinder erwachsen, versorgt und voll Erwartung, was denn der Vater da auf seine alten Tage in der Neuen Welt noch alles anstellen würde. Und er müsste sogleich schreiben, beschwor ihn seine Enkelin Jana. Ja, das hatte er versprochen, und so einem entzückenden Wesen konnte man seinen sehnlichsten Wunsch nun wirklich nicht abschlagen.

Genau heute aber war der Jahrestag jener grandiosen Abtragung des Walls, einer der furchtbarsten Barrieren gegen die Menschlichkeit. Nun würde wieder gefeiert werden, drüben im Westen genauso wie im Osten. Aber es interessierte Marcel nicht im Geringsten, die ganze Angelegenheit auch noch ritualisiert zu wissen. Alles war längst vorbei, war bereits wieder zu Geschichte geschrumpft.
Die Zeit hatte bloß Erinnerungen zurückgelassen, und vielleicht blieben diese darüber auch noch auf der Strecke. Schließlich war er, Marcel, selbst nie ein Mann des Widerstandes gewesen, überlegte er, eher einer, der sich mit der Strömung hatte treiben lassen, also waren die Vorwürfe an den Vater obsolet und er brauchte sich auch nicht mit Selbstvorwürfen herumschlagen.

Egal, das hatte hier und jetzt alles keine Bedeutung mehr. In Kürze würde er amerikanischen Boden betreten und damit ein lang gehegter Wunsch in die Tat umgesetzt. Punktum! Kein Wiederstand mehr. Und wenn Widerstand darin auch nur bestanden hatte, alle paar Jahre irgendwo an einem Wahlzettelchen ein Kreuzchen zu malen, so war dieser Widerstand für ihn genug gewesen und hätte nur seine wertvolle Zeit in Anspruch genommen, die ihn allzu lange von seinen Lieblingsbeschäftigungen weggelockt hätte.
Als gewöhnlicher Bürger war er ohnehin ohne jegliche Möglichkeiten, sich an politischen Entscheidungen zu beteiligen, außer irgendeiner Person seine Stimme zu geben. Wer wusste, wohin es jetzt mit der so gepriesenen Volksdemokratie nun ginge, wenn westliche Einflüsse sie zersetzten. Im Übrigen konnte ihm auch dieses gleichgültig sein. Aufgrund seiner Beziehungen zu einem Diplomaten hatte er ein Dauervisum in der Tasche, die Pension, wenn auch nicht allzu üppig, konnte er von jeder New Yorker Bank aus der Heimat anfordern.

Es ging rasch tiefer. Man spürte es in der Magengrube. Beinahe hätte er schon gejubelt, du Stadt meiner Träume, ich komme, als er feststellte, dass er keine Stimme hatte. Überhaupt fehlte ihm plötzlich jegliches Gefühl einer Erinnerung an das Zuletzt, wie auch daran, überhaupt je gelandet zu sein, und von den Passagieren war kein einziger zu sehen, weder der alte Ed mit dem künstlichen Darmausgang, noch Mary mit dem Herzschrittmacher, als er sich plötzlich allein an der Fifth Avenue, Ecke 42. Straße wiederfand, wo sich East Street und West Street trafen und er soeben an einem Straßenschild hochsah.
Zunächst versuchte er, den Menschen, die da so in ihrer Hast und Eile auf dem belebten Gehsteig auf ihn zuströmten, auszuweichen. Aber sie schienen ihn gar nicht wahrzunehmen, mehr noch, sie gingen ganz einfach durch ihn hindurch, so als ob er Luft für sie wäre, woraufhin er schließlich gar nicht mehr versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Merkwürdigerweise hinterfragte er seinen Zustand nicht, sondern fand sich zu seiner Verwunderung ganz einfach damit ab.
Ihm war, als hätte er irgendwie die sogenannte letzte Stufe des Seins erreicht. Immerhin, er konnte alles sehen und hören, auch wenn ihm diese neue Welt etwas seltsam vorkam. Das also wären die legendären Jellow Cabs, die an ihm vorüberfuhren, und über die er so viel gelesen hatte, staunte er.
Marcel starrte gebannt auf die Blechlawine, die sich durch die Straßen wälzte. Es war alles so wie in den Filmen, die er über New York gesehen hatte. Die zahllosen Häuserriesen und die Schluchten, die sie dazwischen hinterließen. Die nie endenwollenden Polizei-, Rettungs- und Feuerwehrsirenen und das permanente Gehupe der Autos auf den mehrspurigen Straßen. Zwischen den Autos fuhren Männer in schwarzen Anzügen auf Inlineskatern zur Arbeit in Richtung Bankenviertel.
Unvorstellbar! Was für eine Welt! Seiner eigenen, kleinen, im alten Europa noch nicht völlig entbunden, zogen Schleier einer vagen Erinnerung an ihm vorüber, im Land seiner Väter sein Leben verschwendet zu haben. Als diese schreckliche Mauer gefallen war, wurde er Zeuge dessen, wie diesem Land die Zukunft davonlief. Dort war er zu diesem „Ich-will-hier-raus-Menschen“ geworden.

Marcel starrte auf ein Graffito, dessen Sinn er nicht verstand. Rasch hingeworfen auf einer Feuermauer, an welcher der Zahn der Zeit längst den Putz hatte abbröckeln lassen. Chiffren unbekannter Wesen, mitteilungsbedürftig und aufregend, irgendeinen Zeitgeist transportierend, der ihm fremd war. Marcels Gefühle waren doch nicht vollkommen erstarrt, immerhin war er fähig, das Hier mit dem Dort zu vergleichen. Zumindest aber fühlte er keine Angst mehr vor der Sowjetunion, trotzdem konnte er über diesen Gedanken nicht lachen. Sein Mund war ihm fremd geworden, als hätte er keinen.
Marcel betrat einen Parfümerieladen, um sich zu vergewissern, dass ihm nicht auch noch sein Geruchssinn abhandengekommen war. Er schritt auf ein Regal zu, seine Hand näherte sich einem Tester. Joop, es konnte auch ein anderer gewesen sein. Seine Hände berührten die Flacons, einen nach dem anderen. Er roch an seinen Händen. Nichts. Völlig geruchlos.
Vor der Kassa eine Warteschlange. Plötzlich sprang die Kassiererin wie von der Tarantel gestochen auf. Ein baumlanger Farbiger löste sich aus der Mitte der Wartenden und stürmte auf den Ausgang zu. „This man had his hand in your pocket!“, rief sie aufgeregt einem in der Warteschlange zu, der verdutzt in seine Manteltasche griff, um seine Ein-Dollarscheine zu zählen, die er in einem kleinen Bündel bei sich trug. Dann ging sie hinter ihrer Registrierkassa in Deckung. Doch nichts geschah. Der Dieb war längst entflohen. Die ganze Zeit über hatte ein gleichfalls farbiger Security vor dem Geschäftsportal Wache gehalten. Regungslos stand er immer noch da. Was ist, er musste den Dieb doch gesehen haben? Aber der unternahm nichts, gar nichts.
Marcel verstand diese Welt nicht. Die Kassierin war aus ihrer Verschanzung aufgetaucht und setzte ihre Arbeit fort, als wäre nichts geschehen. Die Warteschlange löste sich auf. Alles ging seinen gewohnten Gang.

Marcel war sich darüber im Klaren, dass er diese Stadt bisher mit keiner anderen zu vergleichen vermochte, die er bis jetzt kannte. Er bemerkte zwar ihre diffizilen Charaktereigenschaften, die ihm im Grunde alles zu vereinen schienen, was eine Ansiedlung dieser Größe nur aufbieten konnte. Und wenn er sie aufmerksam durchkämmte, würde sie ihm wohl kaum langweilig. Nach diesem Erlebnis ahnte er, was ihn in dieser Stadt erwarten würde. Trotzdem dachte er daran, sich ohne Mühe in jener übersteuerten Immobilie ansiedeln zu können, und, auch wenn ihn hier ein gewisser Wahnsinn umgeben würde, war es für ihn klar, er würde um nichts in der Welt noch anderswo leben wollen.
Ein Gefühl sagte ihm, hier wäre Endstation. Er konnte es nur nicht begründen, aber es kam ihm vor, als ob sein Innerstes, seine Gefühlswelt, das Einzige wäre, was er von seinem vorigen Leben hierher herübergerettet hatte.

Während Marcel, völlig unberührt vom Lärm der Rushhour, durch den Madison Square Park schlenderte, war ihm, als versuchte hier ein jeder, der Erste vor dem anderen zu sein, ohne es selbst zu bemerken. Alle hatten es offensichtlich sehr eilig. Niemand spazierte nur so zum Vergnügen durch die Gegend.
Kurz danach, nachdem er den Park verlassen hatte, bemerkte er eine junge Frau, die ein Taxi für sich angehalten hatte und soeben im Begriff war, einzusteigen, als sie von einem Typen in Nadelstreif, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, sanft zurückgeschubst wurde. Der bestieg selbst rasch das Taxi und tauchte darin im Sog des Verkehrs unter. „Sorry, das sollte nicht persönlich gemeint sein!“, hatte er der jungen Frau noch zugerufen.
Marcel musste diesem Schauspiel voller Empörung tatenlos zusehen. Er wollte dem Nadelstreif noch etwas nachrufen, doch seine Stimme versagte abermals. Um wenigstens in der Auslagenscheibe einen Blick seiner eigenen Mundbewegungen zu erhaschen, wandte er sich rasch dem Glas zu.
Aber er konnte sich darin nicht sehen. Marcels Hand fuhr an seinen Hals. Er fasste sich an die Kehle, versuchte, sie zu umfassen. Sein Griff ging ins Leere. Es war ihm nicht gelungen, irgendeinen Teil seines Körpers anzufassen, wie auch der Versuch, sich aus Verwunderung über sein mangelndes Körperempfinden an die Stirn zu greifen, fehlschlug. Irritiert drehte er sich um seine eigene Achse, als hätte er völlig die Orientierung verloren.
Die junge Frau konnte in kurzer Zeit ein neues Taxi zum Anhalten bringen und wurde von diesem aufgelesen. Marcel konnte auch den alles durchdringenden Gestank der Straße nicht riechen, diesen Mief aus Diesel, Pizzabrot und dem üblen Hauch des Abwassers, der aus den Kanalgittern drang, dampfend, sichtbarer Atem der Pestilenz aus den Eingeweiden des großen, faulen Big Apple.
Umso aufmerksamer aber betrachtete er den Unrat auf den Gehsteigen, zerbeulte leere Plastikflaschen, die Zeitungsfetzen und all das weggeworfene Zeug bis hin zu den zahllosen MacDonalds-Tüten, die überall herumlagen, und die Zigarettenstummel, die seinen Weg zu pflastern schienen. Dazwischen eingebettet plattgetretene Kaugummis, die sich wie runde, weiße Kiesel vom ölig schwarzen Asphalt abhoben.
Schwarze Beine ragten aus alten Kartonagen, deren Besitzer, zurückgezogen wie Schnecken, in ihren portablen Häusern schliefen, unweit von Fünf-Sterne-Hotels und den unmittelbar davor parkenden Limousinen.

Nicht, dass ihm das alles fremd gewesen wäre, er war schließlich genug in der Welt herumgekommen, aber hier, so dachte er, sähe alles noch ein wenig hoffnungsloser aus als anderswo. Vielleicht hätten die Leute, die hier lebten, bis jetzt doch einen ungeheuren Vorteil gegenüber anderen gehabt, wenn man in Erwägung zöge, dass sie in einer Gesellschaft lebten, in die sich der Staat nicht so penetrant hineindrängte, wie dies bei ihm zu Hause gewesen war.
Es befriedigte schon die Tatsache, dass die Kinder hier in der Schule nicht zu lügen brauchten, was zu Hause gesprochen wurde. Wo man Kinder im Wohnzimmer etwas fragen durfte, ohne bestehende Doktrinen zu verletzen, wo man in einen Buchladen gehen und jedes Buch erstehen konnte, das man wollte, und man Noten für gewisse Musikstücke nicht erst heimlich kopieren musste, um sie dann daheim im stillen Kämmerlein möglichst leise spielen zu dürfen.
Das alles verstand Marcel unter dem Begriff der Freiheit, das alles hatte ihm zum Glücklichsein gefehlt, das alles wollte er hier für sich neu entdecken.

Erstaunlich, wie rasch es dunkel wurde, dachte er, als er die alten Hauseingänge im langsam schon absterbenden Tageslicht betrachtete, vor denen alle möglichen Typen herumlungerten, gerade im Begriff, nervöse Laufkundschaft mit ihrem gefährlichen Zeug zu beliefern. Manche von ihnen mit stummen, hohlen Augen, dumm glotzenden Blicken. Andere, randvoll mit aufputschender Chemie bis unter die Mütze, die vor lauter Unruhe im eigenen Leib keine Sekunde stillzustehen vermochten.
Allesamt wirkten sie, als wäre jeder von ihnen sechzig Jahre und mehr. Tatsächlich mochten sie fünfundzwanzig oder dreißig sein. Auf einer Treppe lag ein Bündel Dollarscheine, unweit davon eine Einwegspritze mit verbogener Nadel. Ein dunkelhäutiger Typ saß mit verklärtem Blick daneben, der Kopf weit in den Nacken gefallen, regungslos, atemlos.
Marcel trat auf ihn zu. Er musste ihn doch bemerken, seine Augen standen weit offen. Aus seinem ausgetrockneten Mund drangen flüsternd die sich ständig wiederholenden Worte: „Ehj, Mann, ich fliege, Mann, verstehst du, ich fliege!“ Und dennoch waren seine Worte nicht an ihn gerichtet.
Einen Augenblick nur hatte Marcel sein eigenes Schicksal vergessen. Es konnte ihn ja doch keiner sehen! Ein gewisser Vorteil, so konnte er nicht überfallen werden und brauchte nicht wegzurennen vor den Totschlägern, Einbrechern, Autodieben und kriminellen Amateuren, wenn sie ihm an den Säckel wollten. Aber was hätte man ihm nehmen können? Er besaß ja nichts. Nicht einmal seine Reisetasche hatte er bei sich. Marcel gelang es wieder nicht, über diesen Gedanken zu schmunzeln.
Eine Polizeistreife fuhr vorüber. Einer der Polizisten kurbelte das Seitenfenster herunter und rief einem Mann in ballonseidener Jacke zu: „Pass auf, Mann, da vorne prügeln sich ein paar Verrückte!“, und lachte laut dabei, während der Wagen mit quietschenden Reifen und heulender Sirene um die Ecke bog.

Marcel merkte, dass er langsam aber sicher unter seinem Zustand, nicht mehr dazuzugehören, sich nicht mehr verständigen zu können, zu leiden begonnen hatte. Zwar fühlte er keinen seelischen Schmerz, jedoch blieb ihm nicht verborgen, dass ihm etwas fehlte. Er wusste aber auch, dass es in seinem Zustand nicht zulässig war, zu leiden, denn es war der Endzustand, eine Art des Seins, in der schließlich auch dem ewigen Leid ein Ende gesetzt sein sollte. Aber um ganz sicher zu gehen, dass sein Befinden endgültig sei, versuchte er ab und zu, wenigstens einen leisen Brummton zu erzeugen, mit dem er sich hätte verständigen können, im Abstand ähnlich wie Morsezeichen. Aber es gelang ihm nicht.
Was hätte es ihm auch gebracht, dachte er, damit könnte es schwerlich für eine Kommunikation reichen, es könnte kein Informationsaustausch stattfinden, das war ihm nun klar geworden. Er würde wohl seine vorhandenen Möglichkeiten als stiller Beobachter dieser Welt den neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Die Frage war nur, ob man sich damit endgültig abfinden konnte.

Am Ende der Straße stand der Polizeiwagen mit seinen glühend roten Blitzlichtern. Rundherum eine Menge Leute, die sehr aufgebracht schienen. Marcel kam näher. „Der Nigger ist tot, Mann!“, rief einer der Umstehenden, „Da ist nichts mehr zu machen!“ Andere nickten zustimmend. Von Ferne hörte man einen Ambulanzwagen herannahen. Marcel überlegte fieberhaft, einen Zeichencode zu erfinden, um sich bemerkbar, sich damit verständlich machen zu können. Lächerlich! Er konnte sich selbst im Spiegelbild nicht sehen. Niemand konnte ihn sehen, was sollten also ein paar Zeichen? Und wenn er welche fände, in die Luft konnte man sie doch nicht blasen. Jedoch der Gedanke an die Möglichkeit eines übereinstimmenden Zeichenvorrates zwischen ihm und – nun, egal, irgendeiner anderen Person, ließ ihn nicht mehr los. Immerhin konnte er hören und sehen, er verstand sogar die Sprache mühelos, konnte sich von A nach B bewegen, obwohl ihm nicht klar war, wie dies eigentlich geschah. Zumindest aber nicht durch Gehen. Sein Wille genügte, ihn in schwebende Fortbewegung zu versetzen.

Wollte er das jemals? Marcel dachte an ein blindes, taubes Mädchen, welches in seiner Nachbarschaft gelebt hatte. Wenn sie sich bemerkbar machen wollte, strampelte sie mit den Beinen. Nicht zu strampeln hieß, sie hätte im Augenblick alles, was sie brauchte. Aber Marcel fühlte seine Beine nicht, als ob er keine hätte. Also hätte Strampeln nichts genützt, um sich verständlich zu machen.
Er versuchte, sich ihre Welt vorzustellen, die dunkel gewesen sein musste. Oder hatte ihre Fantasie die Finsternis überwunden und sie erhellt, belebt gemacht? Es musste eine Welt der Nähe gewesen sein, die dieses Mädchen erlebt hatte. Näher als jene, mit der er nun konfrontiert war.
Hätte er ein Instrument spielen können, überlegte Marcel, würde er eine Kombination aus verschiedenen Intervallen zu einem Buchstabencode erfinden und sich vielleicht mit einem Spielzeugklavier auf die Straße stellen. Er würde „He, du, kann ich mit dir reden?“ spielen oder so ähnlich. Man müsste nur jemanden dazu bringen, sein Geklimper verstehen zu machen.

Marcel stand nun ganz nah am Unfallort. Polizei und Helfer hasteten mal hierhin mal dahin. Einer sperrte das Gelände mit einem Plastikstreifen symbolisch vor dem Gedränge der Leute auf dem Trottoir ab, als sicherte er für sich und seine Mannschaft die alleinigen Nutzungsrechte auf diesem Katastrophenclaim.
Marcel trat artig hinter die Sperre, obwohl er auch davor nicht hätte gesehen werden können. Er tat, wie er es von damals gewohnt war, als die Stasi seinen Bruder auf der Flucht in den Westen, ganz knapp vor Erreichen der Mauer, erschossen hatte, und gleichfalls das Gelände ringsum absperrte, um die Gaffer nicht allzu nahe heranzulassen. Auch da war er hinter der Absperrung gestanden, kochend vor Wut, die Fäuste geballt in den Manteltaschen. Und um ein Haar wäre er damals so unvernünftig gewesen, einem Polizisten die Waffen zu entreißen und…

Die Tage vergingen. Marcel entdeckte, wenn am Morgen der Verkehr in Midtown begann, kaum angelaufen, war er auch schon nach kurzer Zeit bereits wieder zum Stillstand gekommen, dramatisch verbrämt durch den Lärm aus ohrenbetäubendem Gehupe und aufdringlichen Motorengeräuschen. Verzweifelte, die versuchten, die verlorene Zeit wieder aufzuholen, indem sie sich in waghalsige Abkürzungen stürzten, wurden in ihren aussichtslosen Bemühungen jäh gestoppt, als auch die Nebenstraßen ihr dicht geschlossenes Autochaos präsentierten.
Dieser Zustand übertrieben bienenartiger Emsigkeit spiegelte das Ergebnis einer Lebensweise der letzten Jahrzehnte, in denen man ausschließlich darum bemüht war, die linken Gehirnhälften zu trainieren, Leistung zu erbringen und es zu schaffen, in einer Gesellschaft bestehen zu können, die ausschließlich auf Erfolg ausgerichtet war, während die rechten Hirnhälften zusehends zu verkümmern drohten, welche die Emotionen bargen, wie auch die Fähigkeiten zur Empathie, Verantwortung und des moralischen Bewusstseins.
Unter diesen Bedingungen hatte der Leidensdruck der Massen ungeheuer zugenommen, Politik war an einem kaum mehr zu unterbietenden Niveau angelangt und längst nicht mehr in der Lage, den Schwächsten und Schwachen zu helfen, wie er überall feststellen musste. Ein Umschwung war nicht in naher Sicht, ein Sich-Zurückziehen aus der Überfrachtung nicht möglich.
Skrupellose Manager verschleuderten indes Milliarden, die ihnen nicht gehörten, in Projekte, die keiner brauchte. Arbeitgeber schikanierten ihre Angestellten und setzten sie unter Druck. Sie trieben sie in die Enge und damit in die innere Emigration. So war man einsam geworden unter Millionen anderen.
Und die amerikanische Mission? Frieden bringen, wenn er im eigenen Land selbst nur schwer zustande zu bringen war? Von hier aus flossen stets ungeheure Impulse westlicher Ideologie als auch eine gewisse Arroganz in die ganze Welt und bestimmten den Herzrhythmus globalen Bewusstseins. Anstelle der Arroganz wären besser Diplomatie und Verständnis für die unterschiedliche Entwicklung der Völker getreten, dachte Marcel.

Wieder einmal war Marcel als blinder Subway-Passagier ein paar Stationen weiter mit dem Menschenstrom zum Ausgang Central Park mitgeschwommen und immer noch überwältigte ihn die Skyline der Hochhäuser jenseits der Grünflächen, wenn er zu ihnen hochblickte.
„Don´t follow any street, when it turns into bad“, erinnerte er sich der Worte eines Fremdenführers. Aber sie galten nicht für ihn. Für kurze Zeit vermeinte er den Swing von Gershwin-Sound zu hören, als ob man sich in einem Woody-Allen-Film befände.
Unglaublich sanft die Grenzlinien dieses Parks im Verhältnis zur straffen, eckigen Architektur rundum. Ein paar Rollerblade-Läufer, eine junge Frau mit Kinderwagen, ein paar Dunkelhäutige, die Rugby spielten. Ein Ort zum Nachdenken, zum Durchatmen, wer sich vom Wahnsinn der Straßen hier herein absichtlich oder unabsichtlich verlaufen hatte.

Den Central-Park lieben setzte voraus, ihn in- und auswendig zu kennen. „Kevin allein in New York“ war zu wenig, dachte Marcel und erinnerte sich daran, seiner Enkelin Jana versprochen zu haben, ihr gleich nach seiner Ankunft eine Ansichtskarte zu schreiben. Nun war ihm auch das unmöglich geworden. Stattdessen verbrachte er seine Zeit im Park, im Central-Park, dieser Laube für Verliebte, Safe nervöser Dealer, Trainingslager des Volkes für Jogger, Baseball-Spieler und Rollerblade-Fahrer.
Dann wieder Mittagszeit in Manhattan. Wie auf Kommando erbrachen die Häuser Menschen aus ihren Pforten, Drehtüren und Toren, als wollten sie im Zustand überreizter Übelkeit plötzlich alle auf einmal loswerden. Mittagszeit, Zeit, Luft zu holen. Zeit, für eine knappe Stunde Mensch sein zu dürfen, akustisch dramatisiert durch das Sirenengeheul zahlloser Einsatzfahrzeuge.
An der Ecke wickelte ein Dealer seine Geschäfte ab. Niemand schien sich dafür zu interessieren. Gegenüber Latinos, die gefälschte Rolex-Uhren verkauften und unruhig nach links und rechts blickten. Einer von ihnen begann plötzlich, sein Zeug hastig zusammenzupacken. Kurz darauf rannte er die Straße hinunter. Hinter ihm zwei Cops mit dunklen Sonnenbrillen.

Wenn es wieder Abend wurde, war man vom Lichtermeer am Times Square geblendet. Wie diese Stadt dröhnte, strahlte und vor unsichtbarer Energie, die nie zu Ende gehen schien, pulsierte! Hierher hätte man kommen müssen, als man jung war, als man noch verliebt war, dachte Marcel. Mein Gott, die Liebe! „Wanna get laid?“, pflegte man hier so ganz locker zu sagen, wenn zwischen den Geschlechtern was abging. Wanna get laid! Überall klebten kleine Logos mit der Aufschrift „I love N.Y.“, an Postkästen, an Autohecks, an Auslagenscheiben und Parkbänken.

Empire State Building war verpflichtend. Marcel war schon so oft da gewesen, auch an einem Sonntag. Gut erkennbar am nichtabreißenwollenden Touristenstrom. Am Sonntag hatte King-Kong Dienst. Immer dann, wenn sich die Schiebetüren am obersten Aufzug öffneten, sprang plötzlich ein als überdimensionaler schwarzer Gorilla verkleideter Mann mit lautem Gebrüll vor die zu Tode erschrockenen Leute, die eben im Begriff waren, den Lift zu verlassen. Einmal beobachtete Marcel, wie eine zierliche Japanerin vor Schreck in Ohnmacht fiel.
Vom obersten Stockwerk aus hatte man eine umwerfende Aussicht auf Manhattan. Wandte man den Blick den dunklen Abgründen darunter zu, konnte man die aufgespannten Netze sehen, welche Selbstmörder noch in letzter Minute vor ihrem Unheil bewahren sollten. Schlimm genug, wer in diese Luftschaukel fiel, wie ein Fisch im Fangnetz strampelnd, um dann in aufwendigen Rettungsaktionen geborgen zu werden. Bestaunt von der gaffenden Menge da oben und unter dem Beschuss Hunderter Fotoapparate. Aber die Netze hielten dem jähen Fall nicht immer stand und so klatschten hin und wieder einige nach dem freien Fall von gut vierhundert Metern unten am Gehsteig auf, flachgedrückt wie Flundern. Man konnte von Glück reden, wenn dabei niemand getroffen wurde.

Seine Blicke fielen auf Fetzen einer New York Times, vor ihm am Boden liegend. Er überflog die Überschrift. Der siebte November. Er überlegte. Er war am sechsten von Frankfurt weggeflogen. Unmöglich. Konnte es sein…? Der obere Teil des Textes hatte arg gelitten, da er in einer kleinen Pfütze aus Regenwasser gelegen war. Alles, was noch zu lesen war, schien die Schlagzeile zu sein und ein paar Zeilenfragmente. Oder doch! Dort, dieses Stück konnte noch dazugehören. In völliger Ruhe, als ob es die natürlichste Sache der Welt gewesen wäre, buchstabierte Marcel den lückenhaften Text: „… die Mitternachtsmaschine aus Frankfurt a. Main, die Ortszeit um 16 Uhr in New York J. F. Kennedy hätte landen sollen, meldete um 15 Uhr 52 den Totalausfall beider Triebwerke. Im Sinkflug gelang es dem Piloten gerade noch, den Crash über dem Stadtgebiet zu verhindern, um kurz darauf im …“ Hier fehlte abermals ein Stück Papier. Die letzten Stellen des Textes lauteten: „… wobei die Notwasserung zwar geglückt war, die Maschine aber auseinandergebrochen und binnen Sekunden in den Fluten …“ Damit endete der Text. Marcel starrte ins Nichts.
Gedankenfetzen: Er müsse sogleich schreiben, hatte ihn seine Enkelin Jana beschworen. Ja, er hätte gleich schreiben sollen, flüsterte Marcel noch, für niemanden hörbar. Und es wurde noch stiller um ihn, das Licht noch schwächer. Im selben Augenblick dachte er noch einmal an die Mauer, und daran, wie er sich gefreut hatte, als sie endlich gefallen war. Das wäre ja vorauszusehen gewesen. Aber nun war alles ganz anders gekommen. Er ahnte, als hätte für ihn eine Art letzte große Freiheit begonnen!
Marcel hätte tief durchatmen wollen, aber es war physisch nicht vonnöten. Also richtete er sich auf und betrachtete lange den grünen Streifen des Central-Parks am Horizont. Es würde alles gut sein hier. Die alten Wunden würden verschorfen, neue nicht geschlagen werden.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15077

Amsterdam oder Der Vorteil, Clowns als Eltern zu haben

Gott sei Dank sind seine Eltern Clowns, dachte ich, als das Gras näher kam. Es berührte mein Gesicht, kalt, ein bisschen nass, hoffentlich nicht von dem Erbrochenen. Nein, nur nass. Wenn sie nämlich keine Clowns wären, hätten sie das bestimmt ein bisschen ernster genommen. Das war das, was mir dann in den nächsten Tagen einfiel. Die eigene Mutter anzurufen und ihr zu sagen, dass man glaube, man müsse sterben, muss um einiges einfacher sein, wenn man Clowns als Eltern hat. Glücklicherweise hatte sie auch schon mit diversen Substanzen experimentiert und konnte ihn einigermaßen beruhigen. Beide hießen Thomas, im Übrigen. Also nicht die Mutter, sondern auch mein zweiter Freund, der das Glück hatte, an diesem denkwürdigen Tag ein Teil unserer kleinen Gruppe zu sein. Wir schafften es ins Zimmer, wo ich mich noch einmal übergab, was eigentlich komisch war, da ich bis dahin der einzige unserer Gruppe gewesen war, der noch ein bisschen Bezug zur Realität hatte.

„Jetzt sollten wir dann langsam etwas spüren“, sagte ich. Nach ungefähr einer Stunde, in der wir durch die Stadt gewandert, in den lustigen öffentlichen Toilettenhäuschen uriniert, Essen gekauft und die Kanäle bewundert hatten, beschlossen wir, uns an eben einem dieser Kanäle niederzulassen und zu essen. Das Essen war typisch für unsere Reise, Baguette mit Käse und Tomaten. Geschmacklich und preislich gut, auf Dauer aber ein bisschen einseitig. Die Kanäle hatten mir schon von Anfang an extrem gut gefallen. Vor allem aber auch die Häuser, die an beiden Seiten ebenjener Kanäle standen. So schmal und braun-rot und warm, fast zu schön, die der Stadt ebenjenes Gefühl von Intimität vermitteln, das sie so einzigartig macht. Das Familiäre eines Dorfes, mit den Touristen einer Großstadt. Überall würzig, freundliche Menschen, Wasser, teures Essen. Was will man mehr?

Da wir am Anfang unserer Reise standen, schmeckte das Baguette mit Käse und Tomaten noch. Und plötzlich fing Thomas an zu lachen. Also der blonde Thomas, dessen Eltern keine Clowns sind. Und wir stiegen in dieses Lachen ein und lachten eine Minute oder mehr. Währenddessen, obwohl kein Mensch an uns vorbeigegangen war, fiel mir auf, wie eigenartig dieses Lachen auf einen Außenstehenden wirken müsste und dieser Gedanke machte mir Angst. Und wie um diese Stimmung, die gerade so unverhofft von mir Besitz ergriffen hatte, noch zu verstärken, sagte Thomas: Bitte passt auf mich auf, mir geht’s nicht gut.

Mehr hatte es nicht gebraucht. Ich hob ab. Flog aus meinem Körper hinaus, wieder hinein, der Wind viel zu kalt, das Wasser zu nah, die Häuschen zu klein, zu rot, zu schön. Menschen, die sich hinter Autos versteckten, Straßenlaternen, die auf den ersten Blick wie Menschen aussahen, und ich flog. Leider gegen meinen Willen. Keine Ahnung, wie sich das anfühlen sollte. Das Unbekannte macht Angst; so wie immer. Jeder in seinem eigenen Universum, seinem Dschungel. Dagegen ankämpfen, vollkommen zwecklos, emotionaler Tunnelblick. Wir gingen zu Stiegen, auf denen Menschen saßen. Ein Mann, der vertrauenswürdig erschien, sagte uns: ruhig bleiben, viel Zucker essen, geh Cola kaufen. Selten habe ich mich in einem Supermarkt so unwohl gefühlt, die Gänge, das viel zu grelle Licht, Münzen zählen müssen, alle beobachten mich. Süßigkeiten halfen leider nicht wirklich. Und dann sagte Clown-Thomas, dass er glaube, sterben zu müssen. Seine ganze linke Seite strahle, sagte er. Und es schmerze unglaublich, vielleicht ein Herzinfarkt. Zwanzig Minuten später war die Rettung da; und Polizei auf Pferden. Ich beobachtete durch das Fenster, wie sie Thomas im Wagen untersuchten, während tausend Ameisen über meine Haut liefen. Oder in meiner Haut; und ich versuchte, sie wegzustreicheln, was nur bedingt von Erfolg gekrönt war. Währenddessen verkrampfte sich Thomas neben mir und knirschte mit den Zähnen. Wie soll ich ihren Eltern erklären, dass meine beiden besten Freunde tot sind, schoss mir durch den Kopf. Keine Ahnung. Das Gefühl, selbst gleich ohnmächtig zu werden und am nächsten Tag im Krankenhaus zu erwachen, wurde stärker. Mit  Thomas ist alles ok, sagen die Sanitäter. Kein Herzinfarkt. Plötzlich stand das Mercedes-Taxi vor uns. Ich verschmolz mit der Rückbank, kämpfte mit den Ameisen und als ich ausstieg, kam die Wiese sehr schnell näher und verschlang mich mit ihrer Nässe. Die ganze Welt drehte sich um mich. Oben und Unten tauschten ihren Platz, ich konnte mich nicht mehr halten. Gott sei Dank sind seine Eltern Clowns, dachte ich.

Als wir aus dem Zug ausstiegen, schien die Sonne. Verschwitzt von einer Nacht im Schlafabteil, hungrig, nicht ausgeschlafen. Die Stadt hatten wir schnell erkundet, so klein fühlte sie sich an, so intim. In einer Seitengasse rauchten wir, husteten aber die meiste Zeit. Und dann ließen wir uns an dem Fluss nieder und sahen auf die weiße Plastiktüte auf unserem Schoß. Eine weiße Plastiktüte als Versprechen eines Abenteuers, Gefühle, die man sonst nie erlebt, Freiheit, Wildnis, Traum. Ich sah mich um, blickte auf die Häuser, mit den roten Ziegeln, das Wasser. Sah Straßenlaternen und Menschen. Dann sah ich Thomas und Thomas an. Die Furcht vor dem Unbekannten wird überdeckt von der Vorfreude, wie eine schlecht übermalte Ziegelwand, hinter deren vordergründigem Weiß noch das Rot der Ziegel durchblitzt. Wir standen auf und gingen zu dem großen Supermarkt. Wir entschieden uns für Baguette mit Käse und Tomaten als Abendessen. Das war günstig und geschmacklich auch sehr in Ordnung. Als wir den Supermarkt verließen, beschlossen wir, zum Wasser zu gehen und dort zu essen. Die erste Aufregung war verschwunden, aber eine gewisse Anspannung war doch vorhanden. „Jetzt sollten wir dann langsam etwas spüren“, sagte ich.

Gott sei Dank sind seine Eltern Clowns, dachte ich. Thomas hatte seine Mutter angerufen. Als wir dann schon oben im Hotelzimmer waren und ich mich zum zweiten Mal übergeben hatte. Und er sagte ihr, dass er glaube, sterben zu müssen. Sie konnte ihn beruhigen, da sie auch schon mit diversen Substanzen experimentiert hatte. Die eigene Mutter anzurufen und ihr zu sagen, man glaube sterben zu müssen, muss um einiges einfacher sein, wenn man Clowns als Eltern hat. Das war das, was mir dann später einfiel.

Maximilian Eberharter

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15051

Das Schiff

Das Leben ist eine immerwährende Verwandlung. Dennoch besteht unser Hauptbemühen darin, den flüchtigen Augenblick festzuhalten und zu bewahren. Wir suchen Sicherheit gegenüber Veränderungen, die unweigerlich über uns hereinbrechen. Wie jämmerlich ist unsere Angst, wie überflüssig unsere Anstrengung, wie lächerlich unsere Hybris.
Verwandlung geschieht unmerklich und ständig, auch wenn wir die Augen davor verschließen und uns festhalten wollen am Bekannten und Sicheren.
Dabei ist die Fähigkeit zur Verwandlung unser größtes Geschenk. Nehmen wir es an, wird uns der Himmel zuteil, verweigern wir uns ihm, bleiben wir gefangen oder binden uns selbst die Fesseln. Wollen wir die Zeit nützen, machen wir uns zu Sklaven. Lernen wir, uns verwandeln zu lassen, werden wir frei.

In meiner Kindheit gab es eine entlegene Einöde, in der ein Mann lebte, der eines Tages damit begann, ein Schiff zu bauen. Man redete davon, wie verrückt es sei, an einem Hang, einem sanften Hügel im Bayrischen Wald ein Schiff zu bauen. Trotzdem ließ der Pionier sich nicht beirren und werkelte unverdrossen auf der Wiese neben seinem Haus. So entstand eine Arche. Das ging langsam vorwärts und zog sich jahrelang hin. Er muss Pläne studiert und Bücher gewälzt haben, um diese Idee in die Tat umsetzen zu können.
Lange habe ich nur davon gehört und mir das Wachsen dieses Schiffes in meinem Inneren ausgemalt. Es ergab sich keine Gelegenheit, es anzuschauen. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht ansehen. Mir genügte das Bild, das ich davon im Kopf hatte. Davon ging so viel Kraft aus und es lebt bis heute in mir.

Ich stellte mir vor, im Bauch dieses Schiffes zu sein, als eine Passagierin im Zwischendeck. Im Deutschen Museum in München gibt es dazu eine eigene Abteilung, die meine diesbezügliche Vorstellung speiste. Ärmliche Familien, die nach Amerika auswandern und wochenlang darben. Ich bin an Bord und breche in die Neue Welt und ein neues Leben auf, voller Hoffnung, dem alten für immer zu entrinnen, sobald Manhattan am Horizont erscheint. Dabei gibt es keinen anheimelnderen Ort als den Bauch des Schiffes, der trotz der Enge, der Dunkelheit und des Dröhnens so viel Geborgenheit besitzt. Auch der Ozean erscheint mir nicht als Gefahr. Das Wasser schaukelt meist sanft, manchmal auch etwas fester, auf dass ich seekrank werde, aber das macht mir keine Angst. Das Schiff trägt mich über den Ozean und eigentlich will ich nie ankommen. Die Bilder der Neuen Welt können gar nicht so verlockend sein.

Einmal kam ich aber dann doch am Schiff auf der Wiese vorbei. Es war auch schon fast fertig und grau verschmiert. Ich wunderte mich über die Höhe des Rumpfes. Zum ersten Mal wurde mir klar, wie tief ein Schiff im Wasser liegt. Ich sah es auf der Wiese neben dem kleinen Wohnhaus stehen, festgezurrt, allzeit bereit zum Stapellauf. Dieses Bild hat sich eingeprägt. Ob es jemals zum fernen Meer gelangt ist, hab‘ ich nie mehr erfahren. Ich wollte es auch nie mehr wissen. Vielleicht steht es ja immer noch dort und wartet auf den rechten Augenblick. Was kann einem noch passieren, wenn man ein Schiff im Garten hat, wohlgemerkt ein seetaugliches.

Jahre später las ich den Leviathan von Joseph Roth und erinnerte mich wieder an das Schiff auf der abschüssigen Wiese. Der Korallenhändler Nissen Piczenik aus Progrody will nach Kanada auswandern, um dem Unglück zu entfliehen, aber es kommt zum Schiffbruch. Anstatt sich zu retten, folgt er dem Sog der Korallen, um neben dem Leviathan Frieden zu finden. Wie fix kann doch eine Idee werden, dass man der rufenden Stimme folgen muss, und sei es bis auf den Grund des Meeres. Auch den Schiffbauer aus dem Bayrischen Wald muss ein ähnlicher Ruf erreicht haben.

Insgeheim hoffe ich, dass der graue Rumpf unverändert auf der Wiese wartet, inzwischen schon verwittert und etwas morsch geworden. Das Schiff steht sicher da und kann keinen Passagier der Verlockung der Fluten aussetzen und dem Ruf der Meerestiefen. Und dann möchte ich wieder darin wohnen, losgelöst von der Zeit, im seligen Dämmern des Halbdunkels, ohne das geringste Bedürfnis, nach draußen zu gehen.
Einfach zu stehen, zu sitzen, zu liegen und zu horchen. Den anderen Sinnen bieten sich keine Reize. So höre ich auf ein Knacksen im Holz als Zeichen der Bewegung im Außen. Ein Klopfen macht mich neugierig und ich bewege mich in die Richtung, aus der es kommt. Vielleicht klopfe ich zurück, aber ich glaube eher nicht. Ich fühle mich ja nicht gefangen, sondern geborgen. Dann höre ich ein sanftes Rauschen, ein Wind streichelt die Außenwand. Die Umarmung ist auch innen zu spüren. Selbst ein Sturm kann dem Schiff nichts anhaben, er will nur auf sich aufmerksam machen. Es gibt die Bewegung im Außen, das darf man nicht vergessen.
Und nach dem Hauch sehne ich mich dann auch, so wie der Korallenhändler Nissen in Joseph Roths Geschichte sich nach dem Leviathan sehnt.

So kehre ich immer wieder mit meinen Gedanken zu dem Schiff auf der Wiese zurück und habe mich dort längst eingerichtet. Zu einem Stapellauf wird es wohl nie mehr kommen, der wird ja auch von niemandem mehr erwartet.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15006