Die Insel des Glücks, strahlend

In dem Moment, als mich der automatische Newsfeed meines Handys stumm vibrierend über den Beschluss Premierminister Abes, wieder in die Kernenergie einzusteigen, informiert, zerplatzt ein einsamer Regentropfen auf meiner Wange. Monoton tosend zerbricht Welle auf Welle an den Tetrapoden unter einem Himmel, so stählern grau, dass ich kaum noch den Horizont auszumachen vermag, vor mir nur fahle Weite.

Meine zu groß geratene Umhängetasche fest an mich drückend, immer mehr Schlagseite bekommend, stapfe ich zwischen den schneeweißen Containerreihen hindurch den staubigen Weg hinab, erst suchend, dann findend; einer der gleichförmigen Kästen mit zu wenig Fenstern, aber je einer Miniterrasse und einem Klimaanlagenquader beherbergt die Übergangswohnung meines Onkels und meiner Tante. Heiser ächzend bleibe ich an der Tür stehen, verschnaufe noch, als Tante Keiko mir schon zuvorkommt und ihr Gesicht sich lächelnd in mein Blickfeld schiebt. In ihren Zügen erkenne ich, wie lange wir einander schon nicht mehr gesehen haben, aber ihr Lachen und ihre Augen sind klar wie eh und je. Durch einen engen Gang, vorbei an winzigen Räumen, liebevoll vollgestopft, folge ich ihrer kleinen Gestalt, erschöpft auf ihre Fragen zur Anreise antwortend, ins Wohnzimmer.
Bis unter die Decke fast reichen die hölzernen Stellagen mit Pflanzen, unverkennbar Tantchens Handschrift, saftig grüne Blätter, Blüten in allen erdenklichen Farben und der Geruch von frischer Erde lassen mich beinahe wanken. Auch hier versteckt sich in mancher Ecke, auf Kästen und hinter dem Sofa ein Karton und entlarvt alles als Provisorium.
Inmitten all dessen hockt klein und etwas verloren, fast als wäre er ein Teil der aufgetürmten Einrichtung, in sich zusammengesunken Onkel Kenji am zeitungsbedeckten Wohnzimmertisch. Beinahe hätte ich ihn in diesem geordneten Chaos übersehen, blass und grau wirkt sein Gesicht auf mich im harten Kontrast zum leuchtenden Grün um ihn. Er lächelt müde und Goro, ein grauschwarzer Fellball auf seinem Schoß, hebt verschlafen den Kopf, das goldene Glöckchen um seinen Hals erklingt leise, er blickt mich aus kaum geöffneten, schlitzförmigen Augen prüfend an. Noch einmal ein helles Klingeln und Goro, der mich für ungefährlich befunden hat, schläft weiter.
Irgendwo am Weg muss Tantchen wie immer nach Tee gefragt haben, und ich habe wohl automatisch bejaht, denn völlig unvermittelt taucht sie nun wieder mit einem Tablett mit Tee und Keksen auf, ohne dass ich ihr Verschwinden davor überhaupt bemerkt habe. Behände schiebt sie einen Zeitungsberg auf dem Tisch mit der linken Hand zur Seite, stapelt auch noch zwei, drei vor Onkelchen liegende dünne Büchlein oben auf, bevor sie vor mir, Onkel Kenji und sich Tee und Kekse platziert, beiläufig ihm seine leere Keramiktasse aus der Hand nehmend, an die er sich bis jetzt geklammert hat. Als Tante Keiko sie zwischen mir und sich am Boden abstellt, rieche ich für einen kurzen Moment den scharfen Dunst von Sake.
Lange unterhalten wir uns, über dies und das, geflissentlich das eine, die letzten zwei Jahre beherrschende Thema umschiffend. Vieles wollen Tantchens muntere Augen wissen, wie es mir denn ergangen sei, in der langen Zeit, wie lang wohl genau?, seit unserem letzten Treffen und auch den anderen, zu lange schon konnte man einander nicht mehr sehen, sind wir uns einig, während Tante Keikos frischer Tee mich einmal mehr begeistert und ich nebenbei gedankenverloren an einem etwas zu süßen Keks knabbere. Hinter Onkel Kenji, der wenig spricht, mehr grummelt, dennoch stets lächelt und zustimmend nickt, wenn ihn mein oder Tantchens fragender Blick trifft, sehe ich durch die blitzblank geputzte Terrassentür, wie die Zeit vergeht. Der Weg, der auf der Rückseite des Containerhäuschens liegt, sieht jenem davor zum Verwechseln ähnlich und während es draußen immer später wird, queren nur zwei- oder dreimal andere Menschen, grau, langsam und bedächtig, den Boden fixierend als würden sie mühsam nach etwas Verlorenem suchen, mein schmales Blickrechteck.

Als auch Tante Keiko bemerkt, wie dunkel es bereits geworden ist und sich erhebt, um die unpassend hoch hängende Lampe über uns einzuschalten, werden die staubigen Pfade nur noch vom fahlen Licht einiger verstreuter kleiner Laternen erleuchtet. Sich für ihre Neugier, die uns so lange beschäftigt hielt, entschuldigend, verschwindet ihre zierliche Figur leise wippend schon bald darauf, noch während ich beteuere, dass dem doch so nicht sei, mit dem Versprechen eines warmen Abendessens in die enge Küche, mein Hilfsangebot sanft, aber doch entschieden ablehnend.
Während aus dem Nebenraum fröhliches Geklimper und allerlei Kochgeräusche zu uns dringen, fällt mir erst jetzt auf, dass der Fernseher hinter mir eingeschaltet ist und ein flackerndes Licht auf den Boden wirft. Onkel Kenjis gutmütiger Blick wandert immer wieder zum stumm flimmernden Kasten in der Zimmerecke, der ein Programm zeigt, dessen tieferer Sinn sich mir nicht wirklich erschließt. Viele lachende Gesichter, grotesk verzerrt traurige sind auch dabei, unruhig und quietschbunt ist das Bild, mit ein paar Gewinnern und noch viel mehr Verlierern, so scheint es und ich habe das Gefühl, dass der Fernseher es trotz seiner Tonlosigkeit schafft zu lärmen.
„Ausmachen?“, zieht Onkelchens ruhige Stimme meine Aufmerksamkeit auf sich. Abwehrend wende ich mich ihm wieder zu und versuche angestrengt, in meinem Gedächtnis ein Bild des früheren Onkel Kenji an die Oberfläche zu bewegen, um es mit dem vor mir sitzenden zu vergleichen. Ich bin überzeugt, ihn anders in Erinnerung gehabt zu haben, aber es fällt mir schwer, festzumachen, was sich verändert hat. Seine Kleidung wirft formlose Falten an ihn, wie an einen drahtigen Kleiderständer, schmaler scheint er, kleiner auch, in sich zusammengesackt, vielleicht einfach nur älter? Dann aber bleibt mein Blick an seinen Haaren hängen, oder besser gesagt, an dem schütteren, grauen Rest, der von dem noch übriggeblieben ist, woran meine Schwestern und ich uns als Kinder so oft festhielten, unter Onkelchens lachenden Schmerzbekundungen, als er uns auf den Schultern durch den riesigen Garten und das ganze stets nach frischen Tatamimatten und Holz riechende Haus trug. Sein Gesicht hellt sich auf, als er meine Gedanken errät, und uns scherzhaft die Schuld an seinem dünnen Haar in die Schuhe schiebt. Mit der Nase auf dem kalten Boden entschuldige ich mich, übertrieben ernsthaft, während Onkel Kenji belustigt auch noch dem Alter oder dem Stress eine Teilschuld aufbürdet. Mir aber schießt noch ein anderes begründendes Oder durch den Kopf, ein unaussprechliches, zusammen mit  Kriegsbildern namenlosen Grauens, doch ich schlucke es trotzig hinunter und zwinge ein hohles Lachen dazu, auf meinem Gesicht zu verharren.
Eine warme, würzig duftende Wolke weht zusammen mit Tante Keiko, um deren Beine nun auch Goro bettelnd tänzelt, und dem Abendessen aus der Küche zu uns. Bis spät abends noch sitzen wir beieinander, je später es wird, umso stiller werden wir Frauen, ernst und müde wird Tantchens Blick, schwerer auch die sorgfältigen Bewegungen, mit denen sie die Falten ihres schlichten Filzrockes glattstreicht, und umso gelöster wird Onkelchen, der mehr zu trinken scheint, als zu essen und trotzdem nüchtern klingt. Mit glänzenden Augen erzählt er von seinen Kühen, die er früher hatte, von deren Milch er lebte und seine Familie ernährte, von ihren lustigen Namen und all ihren Besonderheiten, vom unvergleichlichen Wohlgeschmack eigener, frischer Milch. Üppig war es nicht, das Leben, aber doch sehr glücklich, meint er versonnen zur Wand, hinter der ich die Vergangenheit vermute, und erzählt von all den Festtagsköstlichkeiten, die sie sich damals gerne gönnten. Ein nachgiebiges Lächeln schleicht über sein Gesicht, auch über Tantchens, kaum merklich, doch dann verfinstert sich sein verhangener Blick, wird hart, und Tante Keiko greift lautlos nach seiner dürren Hand. „Aber jetzt ist das vorbei“, schließt er, trinkt hastig den letzten Rest seines Glases aus, das dann überlaut in der Stille zwischen uns auf dem Tisch wieder aufsetzt, unsanft geweckt schaut auch Goro auf. Onkel Kenji starrt ins Leere, kurz nur, bevor er umständlich aufsteht, der Tisch, auf den er sich stützen muss, ächzt an seiner statt und schlurfend verschwindet er im Badezimmer, dem dunklen Flur Unverständliches zumurmelnd.
Bald darauf schlüpfe ich unter die dicke Decke auf meinem Sofabett und ahne jetzt schon, dass mir zu warm werden wird. Mein Kopf fühlt sich müde an, das Einschlafen aber fällt mir schwer. Bleich dringt mattes Licht von draußen herein und Tante Keikos Ersatzgrün wirft groteske Schatten an die bebilderten und doch kahlen Wände. Hinter geschlossenen Augenlidern taucht der verwirrte Ausdruck meiner Arbeitskollegin auf, die sehr überrascht war zu hören, wohin ich fahren würde, mehr noch, dass es solche Orte, Notunterkünfte, Übergangswohnungen, mehr als zwei Jahre nach dem Unglück immer noch gab. War denn nicht schon lange wieder alles gut und sauber, schien sie zu fragen, verräterische Mimik hinter ihrem Einwegkaffeebecherrand versteckend, nicht einmal dreihundert Kilometer entfernt, nicht als einzige.
Langsam sinke ich in einen wirren Schlaf, voll von verzerrten Erinnerungen an Tantchens Paradiesgarten, die steile Treppe in Großmütterchens Haus, die wir Kinder immer auf allen Vieren, oft um die Wette, erklommen und Onkelchens Kuhstall mit all seinem Muhen. Erst spät merke ich, dass ein Geräusch, unverwandt, leise erst, nach und nach alles übertönt, bis es ohrenbetäubend wird und mich aus meiner seichten Ruhe reißt.
Heiß ist es, stickig und schwarz. Wie die Trommeln des Jumanji-Spiels, die mich als Kind bis in den Schlaf verfolgt haben, war es nun ein bedrohliches Knarzen und Knattern, eigentlich Sicherheit bringen wollend, das aus dem Gedächtnis in meine Träume hineinschwappte. Die bleierne Stille danach lässt meine schlaftrunkenen Gedanken gegen wattierte Polsterwände, die Grenzen des Möglichen, rasen und stumm zu Boden fallen.

Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen treiben mich schon früh zu Tantchens morgendlichem Küchengeklimper, dessen sorgenvollem Verstummen ich bei meinem Eintreten sogleich seine Unschuld versichern muss. Während im Wasserglas munter eine Brausetablette auf und ab hüpft, sprudelnd immer mehr zerfallend, plätschert Tante Keikos Wegbeschreibung für meine heutige Fahrt in das friedliche Prickeln vor mir.
Später bin ich zu früh dran und muss warten, bis mein Leihwagen auch bereit für mich ist. Also vertrete ich mir etwas die Beine in dem, was nun denselben Namen trägt wie das Dorf, in dem ich früher so oft meine Sommer verbrachte, sorglos, in dem nie etwas zu passieren schien, und das dennoch ganz woanders liegt, eingemeindet in der Fremde, noch nicht einmal entfernt daran erinnernd, einer Pappkulisse nicht unähnlich. Während mein Blick am umzäunten Spielplatz eines Kindergartens hängenbleibt, frage ich mich, ob ein Ort nicht viel mehr durch seine Örtlichkeit bestimmt wird als durch seine letztendlich ja doch fluktuierende Bewohnerschaft, kann aber keine Antwort finden. In der sanften Frühlingssonne glänzen die metallenen Gerüste der leeren Schaukeln und Rutschen und die Mauer aus unzähligen, in hilfloser Ohnmacht aufgereihten Plastikflaschen voller Wasser am Rande des Spielplatzzaunes wirft flimmernde Lichtreflexionen in den Sand, wie zur Ablenkung vor dem, was sie schützend absorbieren soll, spielerisch tanzend, als hinter mit Buntpapierblumen und Seidenpapierschmetterlingen beklebten Fenstern lachendes Kinderstimmengewirr hervordringt. Ein Schwarm kleiner bunter Gestalten stürmt in den Garten, die mahnenden Rufe hinter sich, „Aber nicht zu lange!“, „Nicht mehr als zwanzig Minuten!“, kaum hörend. An jedem kleinen Hälschen baumelt ein kaltes Kettchen, dessen steriler Anhänger misst, ständig, Tag und Nacht, misst, was sich ja doch nicht abhalten lässt, wovon ein dürrer Arzt mit treuem Blick dann folgsam alle paar Monate besorgten Mütterohren erklärt, dass es völlig unbedenklich sei, auch wenn auf den stummen Mütterzungen tausend berechtigte Ängste liegen. Die Kinder aber wissen nichts von Grenzwerten und ihren angeordneten Erhöhungen, sie können nur vage erahnen, welche formlose Furcht hinter den Augen ihrer Mütter nistet und darum noch unbekümmert spielen und singen, mit klaren Stimmchen, fast so wie auch wir es taten, wenn auch mehr drinnen als draußen und unter ständigen Nicht-Hinweisen, „Kagome, Kagome, der Vogel im Käfig, wann nur, wann wird er hinauskönnen?“, schallt es durch das eingezäunte Gärtlein.

Gehorsam trägt mein kleines Gefährt mich durch zu leere Straßen, ausdruckslos nickt die kleine hölzerne Akabeko am Armaturenbrett meinen Gedanken zu, während aus blauem Himmel, wolkenlos, die Sonne herablächelt auf zu fröhliche Hinweisschilder mit den obligaten Lasst-uns-Aufforderungen. Zu viele flackernde rote Zahlen auf mattschwarzem Messgerätgrund, an zu vielen Ecken lauernd versuchen sie das Unberechenbare zu berechnen, lassen nicht vergessen, womit eingemauerte Asphaltplätze mit blauen und schwarzen Müllsackbergen unheimlich drohen, gleich wie malerisch die Blumen und Bäume auch blühen mögen, hier in dieser Präfektur, deren Name doch eigentlich „Insel des Glücks“ bedeutet. Jetzt aber scheint er nur noch Hohn zu sein, heute möchte niemand mehr die samtigen, rosafarbenen Pfirsiche und knackigen, grünen Bohnenschoten essen, von denen meine bunten Schulbücher mit grinsenden Figürchen mir noch beibrachten, dass die Region für sie berühmt sei, sie verrotten an den knorrigen Ästen, die sich unter ihrer betäubend süßlich riechenden Last krümmen. Ein Grauen jenseits des Begreiflichen hat hier alles durchdrungen und übrig bleibt nur eine bizarr schöne, fruchtbare Hülle des Früheren, von tief innen heraus verfaulend.
Bald schon lasse ich alle bekannten Wege hinter mir, folge den verschlungenen Routenempfehlungen von Onkel Kenjis Freund Naoto, auf Waldwegen, über Stock und Stein, um dorthin zu gelangen, wo man nicht hinzuwollen hat, in die Sperrzone, aus der nur Todesangst die Menschen trieb, viele, meist ältere, nur an ihren ebenso verseuchten Rand, tagein, tagaus hoffnungsvoll zurückblickend, der Furcht nur mit dem stummen Mut der Verzweiflung trotzend, an Orte verbannt, an denen sie noch nicht einmal sterben wollen. Tantchen hat mir von Herrn Naoto erzählt, mir Fotos von früher gezeigt, auf denen auch er, ein kleiner stämmiger Mann mit freundlichem Lachen und festem Blick, mit anderen Bauern des Dorfes zu sehen war. In dem, was manche für abgestumpfte Dummheit und andere für bewundernswerte Selbstlosigkeit halten, ist er dort geblieben, wo sonst keiner mehr bleiben konnte und beschloss, jene aus ihrem Leid zu retten, für die die hilflose Regierung nur sinnlosen Tod, Notschlachtung, als Erlösung verordnete. Er befreite und sammelte die lebenden Tiere um sich, begrub die toten, sah die Hölle in den Augen elend verhungernder Rinder, denen nicht mehr zu helfen war, eingesperrt in verlassenen Ställen, hörte ihre schwächer werdenden Rufe, durfte Wunder des Überlebens, musste aber auch vergeblich an ausgemergelten Eutern schon fast verendeter Muttertiere und zitzenähnlichen Seilen nuckelnde Kälber zwischen den Kadavern ihrer Artgenossen mitansehen.
Und so lebt er nun, umgeben von einem bunten Reigen verschiedenster Tiere, Rinder, Katzen, Hunde, Strauße, in einem strahlenden Garten Eden, verboten sind hier alle Früchte, nicht nur eine, untrinkbar auch das Wasser, drohend die Einsamkeit, ein Tantalos ohne Sünde.
Übergroß flankiert allerorts wuchernde Vegetation meine Fahrt über Straßen, die bald völlig intakt, bald ins Nichts führend einfach abbrechen, vorbei an früher ernährenden Äckern, in denen jetzt nutzlos gewordene Autowracks, zerdrückt und scheibenlos, ruhen. Kilometerweit ins Landesinnere gespült zerreißen die gestrandeten Überreste von größeren und kleineren Schiffen aus den Häfen entlang der Küste die Einöde um sich, bauen sich lautlos mahnend vor mir auf, surreal gegen jede Sinnhaftigkeit, auf freiem Feld, halb auf den zerplatzten Asphalt gestürzt, von der Witterung gezeichnete Zivilisationsskelette.
Später lasse ich mein Wägelchen stehen, will die letzte Strecke zu meinem Ziel zu Fuß zurücklegen, durch den Erinnerungsort so vieler Sommer meiner Kindheit, den Heimatort meiner Mutter und auch Tante Keikos, die als älteste der Schwestern hier geblieben war, die Eltern versorgend, den Hof mit den Kühen übernehmend. In manchen der Straßenzüge, durch die ich schweigend streiche, sind nur noch Ruinen der Gebäude übriggeblieben, kalt und leer starren sie mich an, den Verfall einrahmende Betonskulpturen, doch in anderen beschleicht mich für einen kurzen Moment sogar das Gefühl, nur ein etwas zu starker Wind wäre über das Dorf hinweggebraust. In den Schaufenstern der Bäckerei liegen die frischen Brote von vor zwei Jahren, bedeckt mit einem samtenen grünen Flaum, und ein zu Boden gerutschtes Schild, fein säuberlich mit Hand beschrieben, dekoriert mit getrockneten Blumen, bietet das Tagesangebot vom 11. März, drei Melonenbrötchen zum Preis von zweien, feil. Schutt und Scherben bedecken viele der Gehsteige, manche Schaufenster sind zerborsten, Hecken und Farne sprießen in ungekannte Höhen, aus aufgeplatzter Straßenhaut wuchert es grün, blühend um unbewegte Autos herum. An größeren Kreuzungen blinken verwaiste Ampeln in ihren Kabelnetzen ins Leere und in einigen Gärten entdecke ich die Körper einst geliebter Haustiere zu Fellumrissen und abgenagten Gerippen verkommen, das Glöckchen am Schulrucksack eines Kindes, ordentlich an die Wand der Veranda gestellt zurückgelassen, ausgebleicht von unbarmherziger Sonne, fleckig vom Regen, klingelt leise im Wind.
Vier Jahre zuvor hatte Onkel Kenji das Haus erst erneuert, viel Mühe und Arbeit, freilich auch Geld, in die Renovierung und die Erweiterung des Stalls gesteckt, in dessen Dunkelheit meine Schritte nun hohl verklingen und nicht einmal der Geruch mehr an seinen Zweck erinnert, kühl glänzen die Stahlverstrebungen im fahl einfallenden Tageslicht. Selbst nach dem Unglück wollte er nicht aufgeben, tat es nicht, erst, doch wer würde diese Milch noch kaufen wollen? Nach und nach musste er all seine geliebten Kühe schlachten, bis keine einzige mehr übrig geblieben war und auch er Grund und Willen zum Dableiben verloren hatte, sein Durchhalten, das er immer zu einer Tugend erklärt hatte, zur Macht, war zur Ohnmacht geworden. Auch Tantchens Garten ist jeder Form entwachsen, unablässig weiterblühend. Schwer nur lässt sich der kalte Schlüssel im Schloss drehen. Drinnen ist vieles genauso geblieben, wie ich es in Erinnerung hatte, im Wohnzimmer steht noch immer jener große Tisch, unter dessen wohlig warmer Kotatsudecke wir zum Neujahrsfest alle unsere Beine drängten, während Großmutter geduldig für all ihre Enkel Mikan schälte und Großvater, im Sitzen eingenickt, japsend schnarchte. Manches harrt abgedeckt der Wiederkehr seiner Besitzer, vergeblich wohl, und während ich zwischen unendlich vielen Erinnerungen nach jenen Dingen suche, die ich gebeten worden war mitzubringen, Kimonos meiner Mutter, Fotos meiner Familie, wächst die Stille um mich herum immer weiter an, bedrohlich ohrenbetäubend unerträglich werdend, und beinahe über meine eigenen Füße stolpernd haste ich abschiedslos zurück zu meinem Wagen.
Unter einem roten Himmel über schattigen Reisfeldrechtecken rase ich dem Schweigen der finsteren Nacht entgegen, bemerke selbst erst spät meine Anspannung, meine seit Stunden flache Atmung, wage nicht durchzuatmen, denn in dieser Welt ist der Schrecken geruchlos, er stinkt ebenso wenig wie Geld, nicht spürbar, unsichtbar und doch überall, in der Erde, den Wassern, den Winden. Er verbreitet sich wie ein Baum, der sprießt, in feinen und feinsten Verästelungen, wie auf Japanpapier ausgelaufene Tusche, immer weiter. In Ermangelung eines Endlagers haben wir unseren eigenen Lebensraum zum finalen Endlager gemacht.
Als ich die Containersiedlung wieder erreiche, proben deren ergraute Bewohner im harten Licht der Straßenlaternen, umringt von erbarmungsloser Schwärze, ein letztes Mal für das morgige Fest, singen mit müden Stimmen, tanzen mit schweren Gliedern und ich begreife, dass auch Traditionen von innen heraus verfaulen können.

Die Kühle der Morgendämmerung schleicht durch das geöffnete Fenster und lässt mich für einen Moment frösteln, als Tante Keiko mir hilft, den Kimono zu binden, bleiern lastet der traditionstrunkene Stoff auf meinen Schultern, während ich mein Haar kämme und der schwarze Ballen loser Haare, die ich aus der Bürste ziehe, in meiner linken Hand stetig anwächst.
Die Angst hat den Zeitplan der Schreinfeierlichkeiten gestrafft, sämtliche Stände mit Spielen oder duftenden Imbissen verbannt und so manches festlich gekleidete Gesicht hinter steriles Mundschutzweiß gezwungen. Die Prozession schreitet leise singend, der Kannushi und die Mikos voran, unter den Kirschbäumen der Tempelallee des alten Dorfes zum Schrein, dessen jahrhundertealter Grund, nun da er nur noch einmal im Jahr betreten wird, wohl noch heiliger geworden ist, zu Boden sinken Kirschblüten. Onkelchens Blick neben mir wirkt leer und ich muss an seine ausdruckslose Miene denken, als ich ihn zur Aufheiterung, kläglich scheiternd, aufgekratzt von Erinnerungen berichtend, nach seiner liebsten Erinnerung fragte. „Ich habe keine mehr“, antwortete er tonlos, nach bedrängender Pause, aus eingefallenen Zügen.
Der Kannushi leitet die Zeremonie, der scheppernde Klang der Tempelglocken unterbricht das blaue Meerestosen, aufgereiht zur Rechten und Linken des Altars verbeugen wir uns tief, klatschen zweimal in die hohle Stille, schließen die Augen, sollen beten, doch mein Kopf füllt sich mit grauem Nichts. Fromm versuche ich den Namen Gottes in das Nichts zu schieben, Kami, doch alles, woran ich denken kann, sind die formlosen Laute seines Namens, Ka, Mi, die in dieser Sprache so voller Homonyme, genauso Papier, geduldiges, Haare, in Büscheln ausfallende, oder Obrigkeiten wie die Regierung, den drei Äffchen aus Nikko so ähnlich, meinen können. Noch einmal verbeugen wir uns, das Verklingen der Tempelglocken dauert überlang.
Im bleichen Morgenlicht scheint auch Tantchens ernstes Gesicht ausgemergelt und die matte Vormittagssonne im Rücken, blasse, lange Schatten vor uns, kann auch ich verstehen, warum Vergessen Erlösung wäre, wie sie mir nachsichtig lächelnd, in nervöser Müdigkeit zittrig geworden, sorgsam jedes Pflänzchen gießend, anvertraute.

Der Wind, der zusammen mit der grauen Gischt in den kleinen Hafen gespült wird, ist beißend kalt und schmeckt salzig. Ich vergrabe meine eisigen Hände in den Taschen meiner viel zu dünnen Jacke, schon wieder gewachsenes Gepäck noch fester an mich pressend, beobachte ich das Treiben um mich. Gedrungene Männer verladen mit harten Gesichtern Kisten von einem gerade eingelaufenen Fischerboot an Land, bringen sie nach und nach unter das Vordach der kleinen, etwas heruntergekommenen Hafenhalle. Dort werden die Paletten einzeln gewogen, fangfrische Fische zappeln in ihnen, nach Leben schnappend, während die Arbeiter ausdruckskarg das Geschehen betrachten. Einer aber spürt meinen mitleidsvollen Stadtkindblick und seine verkniffenen Züge entspannen sich etwas, als er mich, eine bereits gewogene Kiste ergreifend, darüber aufklärt, dass diese Fische hier Glück hätten. Sie lägen ohnedies alle über den Grenzwerten, niemand wolle sie essen, auch wenn die Fischer dennoch von TEPCO je nach Gewicht für ihren Fang bezahlt würden.
Irgendwo in meinem Hinterkopf donnert Sisyphos‘ Felsbrocken zu Tale.
Ein mildes Lächeln spielt um seine schmalen, trockenen Lippen, in den klaren Augen etwas trotzige Trauer, als er die sich immer noch windenden Fische mit einem geübten Schwung wieder zurück in den trübe rauschenden Ozean kippt. Mit einem kräftigen Schlag ihrer farblosen Schwanzflossen verschwinden sie ins tiefe Grau.

Sarah Victoria Hoch

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 14063

 

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