Erklärung des Versicherungsnehmers zum Beratungsgespräch

Pulsierend. Wie ein Herz geformt wie ein Hirn. Schwarz lackiert, gewachst, und auf Hochglanz. Glatt, glatt wie flüssig. Darauf weiße Balken, die gebogen das Gegenlicht spiegeln, auf den Windungen von dem Herz, das ein Hirn formt. Als würde es leuchten von hinter mir, als würde mein Schatten mir fehlen. Wenn ich das bin überhaupt, der das sieht selbstverständlich: Als wäre ich gar nicht da. Aus dem schwarzen Hirn wachsen Wurzeln. Nach oben, verzweigt, wie Gestrüpp. Nur Rinde, nur Risse und Spalten und rau, bis ganz hinauf bis zur Kante. Bis oben. Bis dort, wo mein Blick sie mir abhackt, die Wurzeln, unter der Erde noch. Abhackt. Mein Blick. Mit dem Rand von sich selbst, der, zwischen dem, was man sieht und dem anderen, und ganz schmal nur der unscharfe Übergang. Ganz dünn nur die Grenze von dem Kastl zum Rausschaun, mit seinen vier spitzen Kanten, egal, wie rund das Kastl auch tun mag, durch das man da schaut. Auch vom Denken her. Dort drin findet es statt, das Leben. Dort drin:
„Und? Wie schaut’s bei Ihnen aus mit der Vorsorge?“
Ich tauchte wieder auf aus dem Strudel im Kaffeehäferl und fragte: „Ähm?“
„Prämienpension? Lebensversicherung? Krankenversicherung? Unfallversicherung? Haushalt? Nein?“
„Nein.“
Ich hätte früher schlafen gehen sollen.

„Na, dann wird es aber höchste Zeit, Herr Breitenberger. Da kann man nicht früh genug damit anfangen, ans Alter zu denken.“
„Aha“, sagte ich und legte den Löffel zurück auf die Untertasse.
„Ja. Und ich kann Ihnen da ja gern ein paar Möglichkeiten ein wenig detaillierter aufzählen.“
„Mhm.“
Ich nickte aus Gewohnheit.

Frau Binder kletzelte zwei, drei Prospekte heraus aus ihrer Ledermappe.
Sie sagte, „Sehen Sie ...“, aber ich sah nichts, und da war wieder etwas vor mir, das auch nichts an einem Glastisch verloren hatte: Finger. Ringe über Ringe über Ringe, und sie drehten sich. Als würden sie fließen in ihren zerdrückten Kreisen, um sich selbst herum, zurück zum Anfang, aber da war keiner, da war nur Fett, nur meins, und dazwischen ein gleich großer Abstand. Mein Fett war das, und der Fingerabdruck ich. Auf diesem Glastisch. Jetzt. Nicht morgen. Nicht am Morgen von morgen von morgen von morgen, et cetera, „Fünfundvierzig Jahre Laufzeit“. Pro Monat so und so viel, für so und so viel pro Monat. Am Ersten fällig, dazwischen: Zeit, die verging, die vergehen musste, die Prämienzahlungsdauer: Tausche Geld für Geld. In unbekanntem Verhältnis. „Da die zu erzielbaren Überschüsse nicht vorausgesehen werden können, beruhen Zahlenangaben über die zu erwartende Gewinnbeteiligung auf Schätzungen, denen die gegenwärtigen Verhältnisse zu Grunde gelegt sind.“ Falls ich dann halt noch da war. Also lebte. Im Erlebensfall. Klassisch. Sicher ist sicher.
„Oder vielleicht lieber was staatlich Gefördertes?“

Ich verschmierte den Fingerabdruck mit meinem Ärmel unauffällig bis zur Unkenntlichkeit.
Ich sah Frau Binder zu tief in den zu tiefen Ausschnitt und fragte, „Vielleicht?“
Vielleicht. Vielleicht nur. Und dann war da wieder das schwarze Gehirn, das, das wie ein Herz pulsierte. Nur das schwarze Gehirn, das auf Hochglanz, und dessen Wurzeln sich verzweigten wie Nerven. Oder Blutgefäße? Das Pulsieren gleich schnell, gleich tief, gleich unangenehm her vom Dasein. Irgendwo in mir drin. In der Mitte. Darunter: „SEPA-Lastschrift-Mandat (Ermächtigung)“, Enter, Zahlungsempfänger, Doppelpunkt. Das schwarze Hirn pulsierte, und ich las, „Im Rahmen der zwingenden gesetzlichen Bestimmungen (siehe „Bitte beachten Sie“) wähle ich ...“, die Wurzeln sahen aus, als würde aus ihnen getrunken. Wie ein Netz, wie geknüpft aus dünnen und dicken Strohhalmen, die sich hinter dem, was da durchkam, zusammen zogen, die das Etwas nach unten schluckten, bergauf und bergab, zick und zack. In das Schwarze, hinein ins Gehirn, ins pulsierende, hinein, dorthin, von wo aus es brennt. Brennen tut es, da drin, von dort aus, und strahlt aus in die Härchen am Handrücken, strahlt aus und strahlt aus und strahlt aus. Kein fixer Rechnungszins. Da war sie, die Zukunft, und dort die Vergangenheit, und nur das Kleinste vom Kleinen dazwischen.

„Gerade wegen dem derzeitigen Pensionssystem. Da muss man sich schon diesbezüglich. Hab’ ich recht?“
„Mhm“, Frau Binders hängende Unterarme blätterten vorwärts.
„Und das wär’n dann die unverbindlichen Modellrechnungen.“
„Aso?“
„Naja, Sie wissen eh: Mündelsicher dürfen wir ja jetzt offiziell nicht mehr sagen.“
Ich wusste eh.
Frau Bauer hatte Lippenstift auf den Zähnen.
Rosa.
Pink.
Eins von beiden.

Dann Reihen von Zahlen in viel zu breiten Spalten. Alle genau, auf die zweite Kommastelle, sie sagten, „Wenigstens bei einem Punkt dann, bei einer Sache zumindest, endlich, ein Hackerl bei erledigt“. Und die Abschlusskosten? Gesundheit! „Rauchen Sie? Wenn ja, was und wie viel?“. Kommt drauf an, auf die Nacht, kommt drauf an, wie dunkel, Größe, Gewicht, BMI. Zwei zu hoch, eins zu niedrig, „Im Sinne einer möglichst einfachen Darstellung ...“. Möglichst einfach, ja, bitte, her damit. Von mir aus auch ein Vorhang aus Apfelschalen. Braun und letschert und süßlich, hinter dem das schwarze Gehirn dann nur mehr dahinter pulsiert, und nicht mehr offen vor allen. „Antrag auf Erstattung der Einkommensteuer (Lohnsteuer)“, bis zum jeweiligen gesetzlichen Höchstbetrag. Ankreuzen, Ankreuzen, Ausfüllen. In Blockbuchstaben, in Heinzelmännchenschrift, der Rest vorgedruckt, der Rest gegeben.         Endlich.

„Sie werden sehen. Sie werden bald keine Sorgen mehr haben brauchen, wegen dem später dann.“
„Aha“, sagte ich, während ich mich an der Ohrmuschel kratzte mit dem zerkauten Hintern vom Kugelschreiber.
„Dort auf der gestrichelten Linie. Auf der langen.“
„Hm?“
„Da. Dort ganz unten.“
„Ah.“

Dort. Dort ganz unten. Über der Provisionskontonummer, die Schlusserklärung erst auf der Seite danach. „Rücktrittsrecht nach §3 Konsumentenschutzgesetz“, binnen einer Woche, nicht allzu viel Zeit, sehr gut. Das schwarze Gehirn, es pulsierte. Auch die Wurzeln, gleich fest, gleich deutlich, die Windungen glänzten, auf Hochglanz poliert. Es würde alles nichts bringen, würde es? Das Jetzt im Morgen auflösen, runterschlucken, und dann warten bis die Wirkung einsetzt: „Ausschließlich zu Illustrationszwecken“.
Ganz klein.
Unter der Illusion.
„Ihren Ausweis kopier’ ich mir nur noch schnell und dann sind wir auch schon gleich fertig, wir zwei.“
„Aha.“

Sie stand auf.
„Ich bin dann kurz.“
Sie ging. Frau Binder ging, und die fünfundvierzig Jahre bis zum Auszahlen wurden mir zu lang, in ihren ersten vier Sekunden. Zu lang, zu viel Zeit war schon drin in dem Hochglanzgehirnherz, dem schwarzen, das mit den Wurzeln, das, das genau gleich stark pulsierte, trotz allem. Das jetzt Hunger hatte, und nicht später, das nach mehr verlangte, als die Zukunft von selbst würde abwerfen können, vielleicht, irgendwann, und womöglich.
Mein Ausweis gehörte ihr.
Mit dem Passfoto von vor einer Ewigkeit.

Ich stand auf und ich wusste: Es würde knapp werden.
Knapp.
Im Plus, genau wie im Minus.
Solange mein Herz nur ein Hirn formt.
Ein schwarzes.
Auch noch so auf Hochglanz poliert.

Markus Peyerl
www.markuspeyerl.at

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 14007

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *