Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 5

Ich weiß nicht, was sie nach diesen Worten über mich gedacht, was sie anschließend über mich geredet haben. Vielleicht vermuteten sie auch, ich sei eine Edelprostituierte. Ich wollte mich nicht erklären, wollte mich nicht melden, einfach eine Zeitlang meine Ruhe haben.
Mein Freund jedenfalls meldete sich völlig aufgelöst und verzweifelt ein paar Tage später, telefonisch. Er bat um ein Treffen. Die Ungewissheit mache ihn fertig, er könne kaum noch schlafen, er möchte wissen, woran er sei, wer ich sei, er wisse gar nichts mehr.

Gut, soll sein, ich sagte zu. Wir vereinbarten als Treffpunkt der Einfachheit halber das Pub neben seinem Büro, wo ich vor dem allerersten Zusammentreffen schon auf ihn gewartet hatte. Er war bereits dort, als ich ankam, hatte anscheinend schon etwas getrunken, ein fast leeres Cocktailglas stand vor ihm, obwohl ich pünktlich war.
Er sah schrecklich aus, Ringe unter den Augen, fahle Haut, er grämte sich offensichtlich seit Tagen und Nächten.
Er stand auf, als er mich hereinkommen sah und entschuldigte sich beinahe sofort: „Du hast recht gehabt. Ich habe tatsächlich kurz überlegt, ob dir das gefallen würde. Und ob es mir gefallen würde. Es tut mir leid.“ Das entwaffnete mich sofort, und ich hatte Mitgefühl mit ihm, er war da in eine widerliche Situation geraten, und das nur wegen meiner promiskuitiven Anwandlungen. (Denn, um ehrlich zu sein, auch wenn wir, er und ich, noch keinen Sex gehabt hatten: Unbedingt gewollt hatte ich es, ich war also eindeutig bereit gewesen, zweigleisig zu fahren.)
Ich äußerte Verständnis, sagte ihm aber auch, dass mich diese Sichtweise sehr gekränkt hatte, diese Vereinbarung unter Männern über meinen Kopf hinweg, wenn auch von seiner Seite stillschweigend. Viel mehr Wut hatte ich klarerweise auf seinen Nachbarn, meinen mittlerweile Ex-Sexpartner, von dem hatte ich wirklich genug. Und das sagte ich meinem Freund auch unverblümt, was ihn zu freuen schien, ein bisschen zumindest. Er gestand mir, dass sie beide tatsächlich noch gerätselt hatten, was ich mit meinem letzten Satz gemeint haben könnte, bevor der Nachbar sich wieder zu seiner Familie verdrückt hatte.
Sie hatten natürlich beide gewusst, dass ich ein Studium an der Akademie der Schönen Künste abgeschlossen hatte, jetzt Freelancerin war, meine Zeit sehr frei einteilen konnte, manchmal reiste und von meiner Profession gut leben konnte: irgendetwas Künstlerisches, Kreatives. (Bei mir zu Hause fanden sich Werke aus meiner Studienzeit, vermutlich hatten sie den Schluss gezogen, dass sich auch mein Arbeitsleben so gestaltete und finanzierte, durch darstellende Kunst.) Ich war aber in der Beschreibung dessen, was mir derzeit mein Leben tatsächlich so ausgezeichnet finanzierte, bewusst immer vage geblieben, ich fürchtete mich vor den Filmen, die daraufhin in den Köpfen unweigerlich zu laufen beginnen würden. Aber nun ging es nicht mehr anders, das sah ich ein, die Karten sollten auf den Tisch.
Als ich gerade begonnen hatte mit meiner etwas verworrenen Erklärung, kam der Kellner, der uns schon die ganze Zeit während der Zubereitung unserer Bestellungen unter Beobachtung gehabt hatte, und unterbrach durch sein Erscheinen meine Worte. Er stellte die Drinks auf das Tischchen, und mein Freund lief in der Zwischenzeit rot an. Er war kurz vor der Explosion. Es muss ihn viel Überwindung gekostet haben, noch zu warten, bis der Kellner unseren Tisch wieder verlassen hatte.

„Du verdienst dein Geld mit… mit… Pornos???!!!!???“, rief er schließlich aus. Er konnte sich nicht mehr beherrschen, es war ihm egal, ob der Angestellte ihn hörte oder nicht. Dem fielen gerade die Augen aus dem Kopf und der Mund stand ihm offen. Ich war so damit beschäftigt, die Reaktionen der beiden zu beobachten, dass ich ganz vergaß, dass ich ja unterbrochen worden war und da vielleicht noch eine winzige Ergänzung angebracht wäre.
Er hatte offensichtlich die erste Hälfte meines Satzes gehört, dann hatte sein Gehirn ausgesetzt.
„Ja, ich arbeite für die Pornoindustrie. Als freie Schriftstellerin. Ich schreibe Pornos für Frauen. Die haben gerne eine gute Story mit viel Sex, anspruchsvollere Dialoge, exotische Settings auf der ganzen Welt, und ich verfasse die Drehbücher dazu. Das sind aufwändige Produktionen, natürlich mit kompletter Filmcrew. Und die Producer sind Vollprofis, die mich engagieren, wenn sie eine Idee haben, da gibt es jede Menge Meetings, Vorbesprechungen. Und die bezahlen gut. Manchmal fliege ich vor einem neuen Projekt sogar zu den Schauplätzen, um mir ein Bild zu machen, damit ich auch weiß, wovon ich schreibe.“

Manchmal ist es doch gut, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Das gilt für ihn, meinen Freund, und auch für mich, die mit der Klarstellung meinen Brotberuf betreffend so lange hinter dem Berg gehalten hatte. Ich hatte mich vor der Reaktion gefürchtet, aber so, nach dieser Vorgeschichte, machte sich einfach nur Erleichterung breit, bei beiden.
Der Kellner sieht mich zwar bis heute an, als ob ich das achte Weltwunder wäre, wenn wir hie und da einen Beislbesuch dort machen, aber mein Freund und ich haben unseren Spaß dabei, ihn im Ungewissen zu lassen.

Ach ja, und Sex haben wir inzwischen auch miteinander. Mein Freund und ich. Nicht der Kellner und ich. Oder mein Freund, der Kellner und ich.
Wenn ich mir das so überlege - das wäre aber zumindest ein guter Titel für ein neues Filmdrehbuch: „Mein Freund, der Kellner und ich“.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 16003

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