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Verlangen

Du reißt mir die Bluse vom Leib,
und gräbst dein Gesicht
in meine Weiblichkeit.
Verwechselst den Drang,
in mir zu sein,
mit dem Verlangen,
bei mir zu bleiben.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 18084

 

Die Polizei

yvonnerichter_Gendarmen

Willst im Bett du was erleben,
sind Gendarmen anzustreben.
Denn, wenn man sie richtig lässt,
nehmen sie dich gerne fest.

Aus: „55 x Blödsinn“,  illustrierte Gedichte aus allen Lagen des nicht alltäglichen Lebens

Zeichnung und Text von
Yvonne Richter
www.yvonne-richter.de
www.fabulus-verlag.de/autoren/yvonne-richter
www.facebook.com/yvonnerichterbuecher/

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 18021

Zum Feiern haben wir nichts

Zum Feiern haben wir nichts, aber eine Flasche können wir ja trotzdem aufmachen. Zum Feiern haben wir wirklich nichts, aber deinen BH können wir ja trotzdem aufmachen. Zum Feiern haben wir nichts, egal, meine Hose können wir ja trotzdem, nein, deshalb aufmachen.

Dachgeschossstimmung.

Hör auf in meine Richtung zu äschern, hör auf mit dem Wind. Der Wind auf deiner Zunge, wenn wir uns küssen, der Wind und deine Asche, wenn wir. Ich wollte deine Einsamkeit sein. Aber der Winter ist in uns hineingekrochen. Und der Winter wird bleiben, unsere Lippen aufreißen, unsere Sprache aufreißen.

Lawinenstimmung.

Pünktlich um Mitternacht verrutschen, kurz nach Mitternacht versagen unsere Organe. Zum Feiern haben wir nichts. Zum Beerdigen genug. Wühlen in Hautfetzen, in dem, was noch übrig ist von dir am Morgen. Wühlen. Solange wühlen, bis ich dich spüre. Du hast mein Bett verwüstet.

Lattenroststimmung.

Ich schreibe dir einen Liebesbrief, du klemmst ihn dir zwischen die Schenkel. Da ist Platz für zwei. Da ist Platz. Mit jedem Schluck Wein werden meine Sätze glitschiger, meine Blicke schlittern in deine Richtung. In deinem Schoß warten warme Füllwörter. Lass uns um die Wette. Lass uns. Was hast du mir nur. Was hast du mir nur unter die Zunge. Unter die Zunge und hinein in meine Sprache geschoben, dass ich so hänge, in deinen Ästen hänge und raschle im Fallen, so laut.

Platzregenstimmung.

Meine erigierten Metaphern prallen ab, dringen nicht ein in dich, meine erigierten, meine verblasenen Metaphern. Zum Feiern haben wir nichts. Dein Lippenstift bröckelt in meine Grammatik hinein. Mir sind die Possessivpronomen ausgegangen. Alles, was du sagst, kann und wird. Alles, was du sagst, ist eine Startrampe. Mein Körper ist kein Tempel. Mein Körper ist ein Raumschiff. Du bist mein Houston. Wir haben ein Problem.

Erdrotationsstimmung.

Ich schenke ein. Da ist ein Loch. Ich trinke. Da ist ein Loch. Ich trinke aus. Da ist ein Loch. Der Wein versickert in meinen Nebensätzen. Wenn ich dich jetzt am Hals berühre, zerspringst du mir in zwei Teile. Und ich weiß nicht, will ich deinen Kopf oder will ich den Rest.

Klebstoffstimmung.

Zum Feiern haben wir nichts, aber eine Flasche zwischen Nicht-schlafen-Wollen und Nicht-schlafen-Können. Das geht sich schon aus. Ich erzähle von dir. Mit meinen Fingerspitzen. Dein Blues ist mein Rhythmus. Ich erzähle von dir. Ganz langsam nimmst du meine harte Prosa in den Mund. Ich widme dir alle meine Hangover, dein Herz schickt mich zum Friseur. Ich will, dass deine Haare an meiner Stirn kleben bleiben.

Lungenzugstimmung.

Wir schenken uns ein halbes Leben, schenken uns ein halbes Leben nach. Ich will, dass du mich verwechselst. Aus Versehen mit Liebe verwechselst. In meinen Sätzen treiben, in deinen Sätzen schmelzen Eisberge. Zum Feiern haben wir nichts.

Countdownstimmung.

Martin Peichl

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 17167

Ein hochwissenschaftliches Experiment

Nachdem ich oft gefragt werde, ob bei gewissen Getränken tatsächlich die Wirkung eintritt, die ihnen zugeschrieben wird, habe ich mich zu einem hochwissenschaftlichen Experiment durchgerungen.
Als Proband stand mir mein guter Freund Pavel Shitlick zur Seite, dem ich an dieser Stelle besonderen Dank aussprechen möchte.
Pavel Shitlick ist 23 Jahre alt, von bester Gesundheit und slowakischer Vizemeister im Schlammtauchen. Darüber hinaus ist er Träger zahlreicher nationaler Auszeichnungen, wie der 'Flachen Hand in Gold' und des 'Rudelbocks in Silber'. Er studiert animalische Heilkunde in Bratislava und hat mir Zugang zu seiner 'Hütte für die Betätigung im Rudel' gewährt, in welcher ein Großteil dieses Experiments stattfand.
Dank gebührt an dieser Stelle auch Milorada Fucksalot.

 

Versuch 1

Annahme: Trinkst ein Gösser, wird er größer.
Ort: Pavel Shitlicks Hütte für die Betätigung im Rudel, Slowakei
Anwesende: Pavel Shitlick, Dr. w.c. Michael Timoschek
Verwendete Mittel: 12 0,5 Liter Dosen 'Gösser Märzen'

Proband Pavel Shitlicks Penis misst in erschlafftem Zustand 12,3 cm, in erigiertem Zustand 17,8 cm.
Proband Shitlick, ohne Hosen, lediglich mit Hemd und Socken bekleidet, trinkt eine Dose Bier der oben angeführten Marke. Sein Penis misst danach in erschlafftem Zustand 11,8 cm, erigiert 16,7 cm.
Nach dem Konsum von drei Dosen desselben Bieres ist keine Veränderung der Penislängen festzustellen.
Nach dem Konsum von 10 Dosen Bier übergibt Proband Shitlick sich. Sein Penis misst nun in erschlafftem Zustand 10,7 cm, eine Erektion stellt sich, trotz guten Zuredens, nicht zur Gänze ein, in semierigiertem Zustand misst der Penis 13,8 cm.
Nach dem Konsum von zwölf Dosen Bier, somit 6 Litern, fällt Proband Shitlick in Ohnmacht. Sein Penis misst in erschlafftem Zustand nun 7,4 cm. Eine Erektion stellt sich nicht mehr ein.

Fazit: Durch den Konsum von Bier der Marke 'Gösser' wächst der Penis nicht.
Er beginnt vielmehr, sich um sich selbst zu krümmen, also sich einzuringeln.
Die Annahme ist falsch.

 

Versuch 2

Annahme: Trinkst ein Fanta, steht er wie ein Glander. (Umgangssprachlich für Geländer)
Ort: Pavel Shitlicks Hütte für die Betätigung im Rudel, Slowakei
Anwesende: Pavel Shitlick, Dr. w.c. Michael Timoschek
Verwendete Mittel: 2 1,5 Liter Flaschen 'Fanta Orange'

Als Vergleichsmaß herangezogen wird das aus Kiefernholz gefertigte Geländer der Veranda von Proband Shitlicks Hütte für die Betätigung im Rudel. Das Geländer wird an seinem westlichen Ende mit einem Gewicht von 100 kg in Form handelsüblicher Hanteln aus Stahl beschwert. Ich halte diese Masse für ausreichend. Das Geländer hält dieser Belastung stand.

Proband Pavel Shitlick trinkt 0,25 Liter der oben angeführten Marke. Durch das Blättern in der November-Ausgabe der amerikanischen Herrenzeitschrift 'Hustler' stellt sich eine Erektion beim Probanden ein. Ein Gewicht von 10 kg wird an Proband Shitlicks erigiertem Penis befestigt. Der Penis neigt sich in Richtung des Bodens, das Gewicht fällt zu Boden.
Nach dem Konsum von 1,5 Litern der oben angeführten Marke wird ein Gewicht von 8 kg an Proband Shitlicks wieder erigiertem Penis befestigt. Wieder fällt das Gewicht zu Boden.
Nach dem Konsum der beiden Flaschen, somit 3 Litern der oben angeführten Marke, wiederholt sich das Zu-Boden-Fallen des Gewichtes von 8 kg.

Fazit: Proband Shitlicks Penis hielt zu keinem Zeitpunkt der Belastung stand. Durch den Konsum von 'Fanta' erhöht sich die Standfestigkeit des Penis nicht.
Die Annahme ist falsch.

 

Versuch 3

Annahme: Trinkst ein Sprite, spritzt er weit.
Ort: Pavel Shitlicks Hütte für die Betätigung im Rudel, Slowakei
Anwesende: Pavel Shitlick, Dr. w.c. Michael Timoschek
Verwendete Mittel: 2 1,5 Liter Flaschen 'Sprite'

Proband Pavel Shitlick hat vor der Durchführung dieses Versuchs versichert, dank seiner hervorragenden körperlichen Verfassung drei Ejakulationen innerhalb von 90 Minuten hervorrufen zu können.
Ejakulation 1, ohne vorherige Einnahme des Getränks der oben angeführten Marke, ergibt eine Weite von 1,8 Meter. Diese Weite kann als Proband Shitlicks Standardweite hinsichtlich seiner Ejakulation angenommen werden, somit als Referenzweite.
Nach dem Konsum von 1,5 Litern der oben angeführten Marke ejakuliert Proband Shitlick auf eine Weite von 1,3 Metern. Es ist festzuhalten, dass die Menge an Ejakulat beim zweiten Austritt aus Proband Shitlicks erigiertem Penis bedeutend geringer ist als beim ersten Austritt.
Nach dem Konsum der gesamten Menge der oben angeführten Flüssigkeit, somit 3 Litern, erzielt Proband Shitlick, bei verschwindend geringer Menge an Ejakulat, eine Weite von 0,8 Metern. Es ist festzuhalten, dass Proband Shitlick bei dieser dritten Ejakulation erhebliche Schwierigkeiten hat, da sein Penis lediglich die Hälfte des Grades an Steifheit aufweist, die für das ordnungsgemäße Ejakulieren erforderlich ist. Proband Shitlick wendet außerdem bei dieser dritten Ejakulation eine spezielle rektale Technik der Masturbation an, die er laut eigenen Äußerungen selbst entwickelt hat.

Fazit: Die Weite der männlichen Ejakulation wird durch den Konsum der Flüssigkeit 'Sprite' nicht vergrößert. Sie wird vielmehr verringert, und die Menge an Ejakulat nimmt ab.
Die Annahme ist falsch.

 

Versuch 4, a

Annahme: Trinkst du Sekt, wird er geschleckt.
Ort: Diskothek 'Zur drallen Pomeranze', 0815 Blasendorf
Anwesende: Pavel Shitlick, Dr. w.c. Michael Timoschek, drei unbekannte Pomeranzen vom Land
Verwendete Mittel: 2 0,75 Liter Flaschen 'Henkell Trocken'

Proband Pavel Shitlick kommt mit einer der drei Pomeranzen vom Land ins Gespräch. Er erzählt ihr von sich und konsumiert zwei Gläser der oben angeführten Marke, somit 0,3 Liter. Als die Sprache auf Proband Shitlicks Aktivitäten im Rudel kommt, bezeichnet ihn die Pomeranze vom Land als abartig und geht weg.
Proband Shitlick trinkt zwei weitere Gläser, somit weitere 0,3 Liter, der oben angeführten Marke und kommt mit der zweiten Pomeranze vom Land ins Gespräch. Da die junge Frau vom Land nicht imstande ist, die Termini 'oral' und 'anal' der Realität entsprechend einzuordnen, bezeichnet sie Proband Shitlick als schlimmen Stinkefinger und geht weg.
Proband Shitlick konsumiert die ihm zur Verfügung stehende Menge der oben angeführten Flüssigkeit, somit 1,5 Liter, und kommt mit der dritten Pomeranze vom Land ins Gespräch. Proband Shitlick, merklich illuminiert, fordert unmissverständlich sofortigen Oralverkehr ein. Die Pomeranze vom Land verabreicht ihm an Oralverkehrs statt eine Maulschelle und geht weg. Proband Shitlick sucht die Toilette auf und bleibt für fünf Minuten in dieser, um mit gerötetem Kopf wiederzukehren.

Fazit: Der Sekt verhindert den Oralverkehr. Er bewirkt Ablehnung und Maulschellen.

 

Versuch 4, b

Annahme: Trinkst du Sekt, wird er geschleckt.
Ort: 'Tante Paulas Bordell', 4711 Ständerdorf
Anwesende: Pavel Shitlick, Dr. w.c. Michael Timoschek, Milorada Fucksalot
Verwendete Mittel: 2 0,75 Liter Flaschen 'Hochriegl Trocken'

Proband Pavel Shitlick bestellt eine Flasche der oben angeführten Marke. Die in 'Tante Paulas Bordell' verkehrende Milorada Fucksalot setzt sich an seine Seite. Sie leeren die Flasche gemeinsam, somit konsumiert Proband Shitlick die Hälfte der Flüssigkeit, 0,375 Liter, und sie werden handelseins.
Proband Shitlick befindet sich in der Zwangslage, eine weitere Flasche der oben angeführten Marke bestellen zu müssen, um mit Frau Fucksalot auf ein Zimmer gehen zu dürfen. Er borgt sich von mir 500 Euro und begibt sich mit Frau Fucksalot ins Separee.
Als er nach zwei Stunden wiederkehrt, erklärt er auf Nachfrage, dass er Oralverkehr gehabt habe.

Fazit: Der Fall ist somit klar. Sekt generiert Oralverkehr. Gegen Bezahlung, wohlgemerkt.
Die Annahme ist teilweise richtig.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 |Inventarnummer: 17063

 

Ich war auch beim Film

Ich, mein Name ist Dr. Igor Kushkurow, war beim Film. Um präzise zu sein, ich gebe nämlich viel auf Präzision, studierte ich an der Staatlichen Schwarzrussischen Film- und Videohochschule.
Ich tat dies gegen den Willen meiner Familie, jedoch auf Anraten meines Vetters Dmitri Lauskof.
Meine Familie hatte eine Laufbahn entweder als Professor für die Bodennahe Haltung schwarzrussischer Nutztiere, oder als Leiter der familieneigenen Betriebe, welche im Grenzbereich des Abbaus schwarzrussischer Bodenschätze und deren Verbringung in die benachbarten Staaten tätig waren, für mich vorgesehen.

Heute bin ich als Professor für Vergleichende Studien an der Staatlichen Schwarzrussischen Universität tätig. Zurzeit vergleiche ich Studien zur artgerechten Haltung des Schwarzrussischen Gänsesäblers. Bei dieser Art handelt es sich um einen Vogel, der den Körperbau einer gewöhnlichen westlichen Gans aufweist, jedoch anstelle eines Schnabels eine Art Klinge, nicht unähnlich der eines Säbels, besitzt, bis zu einem Meter lang und äußerst scharf, daher der Name der Kreatur. Mein Assistent Haniball Moldarew hatte das Unglück, von einem solchen Klingenschnabel verletzt zu werden. Nun, seit diesem Vorfall nennen ihn alle Hanni. Um es auf den Punkt zu bringen, die artgerechte Haltung dieser Tiere ist einigermaßen diffizil, zumal diesen Vögeln der Hang zum Duell immanent ist. Meine Empfehlung an die Schwarzrussische Kommission zur artgerechten Haltung wird daher lauten müssen, diese Vögel einzeln in außer Dienst gestellten Panzerfahrzeugen zu halten. So kann die Fütterung gefahrlos über das Panzerrohr erfolgen. Diese Vögel ernähren sich bevorzugt von Schwarzrussischen Keilschwanzgreifern, einer Art Biber mit sechs Pfoten, die sich von kleinen Teichvögeln ernährt.

Ich vermute, dass es eine Art postpubertär-präsenile Ausformung der Rebellion gegen meine Familie war, mich von meinem Vetter Dmitri überreden zu lassen, es an der Staatlichen Schwarzrussischen Film- und Videohochschule zu versuchen.
Ich schrieb mich ein und wurde der Klasse des Dr. Vladimir Buschenwald, seine Vorfahren entstammten europäischem Landadel, zugewiesen. Dr. Buschenwald war bekannt für seine freizügigen Darstellungen des Paarungsverhaltens vieler schwarzrussischer Tierarten. Weit über die Grenzen des Landes wurde er bekannt, und wohl auch berüchtigt, als er die sowohl artenübergreifende als auch gleichgeschlechtliche Paarung eines Schwarzrussischen Schnabelebers mit einem Weißrussischen Tundrahahn filmisch begleitete, welche für zweitgenanntes Tier letal ausging. Gerüchte, wonach Dr. Buschenwald den Schnabeleber durch die Verabreichung stark luststeigernder Substanzen zu dieser Handlung gleichsam genötigt hatte, wollten nie verstummen.

In der ersten Unterrichtseinheit wurden wir in die ordnungsgemäße Handhabung der Geräte eingewiesen, mit welchen wir bereits an unserem zweiten Tag an der Hochschule in die freie Natur entlassen wurden, mit dem Auftrag, möglichst interessante Aufnahmen vom Paarungsverhalten der Tiere der Umgebung anzufertigen.
Ich hatte Pech. Ich konnte bloß einen Schwarzrussischen Hornesel filmen, der es nicht fertigbrachte, ein weibliches Tier derselben Art zum Vollzug der Paarungshandlung zu bewegen. Ich führte diesen Umstand auf die offensichtliche Jugend des Tieres zurück. Als wir unsere Aufnahmen im Lehrsaal präsentierten, wurde ich verlacht, selbst der Professor verlachte mich, während die Aufnahmen meiner Kollegen helle Begeisterung hervorriefen. Einige Kolleginnen sinnierten laut, ob sie gewisse Stellungen privatim bereits ausprobiert hatten, dies in verstärktem Ausmaß, als ein Film gezeigt wurde, in welchem ein Schwarzrussischer Tundrarammler ebenso rabiat wie stellungskreativ zu Werke ging. Mit der Zeit gelangen auch mir Aufnahmen, die meinen Professor zufriedenstellten, doch fehlte mir der Anreiz zusehends. Um präzise zu sein, hatte ich genug davon, schwarzrussische Tiere bei der Paarung zu filmen.

In dieser Zeit trat ich einem Zirkel von Studenten und Studentinnen der Hochschule bei. Wir trafen uns in einer Art Klubhaus, wo wir tranken und allerlei Belanglosigkeiten zum Thema Film und Video austauschten. Der Name des Zirkels lautete ‘Zum groben Klotz’, ich weiß heute nicht mehr, warum. Nun, eines Abends hatte eine Studentin die Idee, nicht lediglich die Paarung von schwarzrussischen Tieren zu filmen, sondern die von schwarzrussischen Menschen. Diese Idee fand allgemeine Zustimmung, das Klubhaus, es hieß übrigens ‘Der grobe Keil’, erbebte förmlich.

Nun ging es an das Auswählen einer geeigneten Frau. Sie sollte nicht allzu unattraktiv sein und keine Furcht haben, weder vor einer Kamera, noch vor einer, wie die Studentin sich ausdrückte, einäugigen Schlange. Eine solche Frau war alsbald gefunden. Die jüngere Schwester eines Kollegen hatte sich soeben selbst den Titel ‘Schenkelheberin von O.’ verliehen, und nach dem, was ihr Bruder über ihr Freizeitverhalten zu berichten wusste, diesen auch hoch verdient. Sie erklärte sich bereit, in unserem Film mitzuwirken, und dies sogar unter ihrem bürgerlichen Namen.
Ein passender Ort für den Dreh des Films war ebenfalls rasch gefunden. Es handelte sich um das Boudoir meiner Eltern in unserem Stadtdomizil.

Nun galt es, einen geeigneten männlichen Paarungspartner für die Schwester des Kollegen zu finden. Ein Aushang im Institut für Turnerische Ausbildung an der benachbarten Universität zeitigte keinen Erfolg, also schalteten wir eine Annonce in der größten kleinformatigen Tageszeitung Schwarzrusslands. Vier Männer reagierten auf die Annonce. Sie sandten uns Fotos zu, die sie in der Aufmachung zeigten, in der sie im Film aufzutreten gedachten, auch teilten sie uns ihre Künstlernamen mit, welche im Abspann der Films zu lesen sein würden, wie wir zugesichert hatten.

Der erste Bewerber nannte sich Vlad Lederov. Auf seiner beigelegten Fotografie war jedoch lediglich die Partie um seine Augen erkennbar, der Rest seines Körpers war mit schwarzem Leder offensichtlich bester schwarzrussischer Provenienz bedeckt. Da wir eine möglichst naturnahe Darstellung des menschlichen Paarens auf Film bannen wollten, mussten wir Herrn Lederov eine Absage erteilen.
Der zweite Bewerber schockierte die Schwester des Kollegen zutiefst. Er hatte sich mit einer Reitgerte in der Hand ablichten lassen und nannte sich Igor Popshklesh. Auch Herrn Popshklesh sagten wir ab.
Der dritte Bewerber, Herr Rubel Harterdorn, erweckte das Interesse der Schwester des Kollegen. Er hatte sich nackt ablichten lassen, und das, was auf dieser Fotografie zwischen seinen Beinen zu sehen war, konnte er unmöglich Mutter Natur zu verdanken haben.
Nun, da der vierte Bewerber, er nannte sich Ing. Marc Dickhead, der Schwester des Kollegen optisch missfiel, sie sprach auch von zu erwartenden olfaktorischen Misshelligkeiten, luden wir Herrn Harterdorn in das Stadtdomizil meiner Familie.

Er traf pünktlich ein und wurde in das Boudoir meiner Eltern geführt. Dort wartete des Kollegen Schwester bereits nackt auf der Bettstatt. Her Harterdorn entkleidete sich und legte sich neben die junge Frau. Sie fassten sich an die Stelle des Körpers der jeweils anderen Person, welche die schwarzrussische Sonne für gewöhnlich nicht mit ihren Strahlen wärmt, und für die beiden jungen Menschen wäre alles bereit gewesen, die Handlung des Sex zu vollziehen.
Doch, wie soll ich es ausdrücken, nun ja, Herr Harterdorn entpuppte sich als, nun, weiches Korn. Ungläubig starrten wir auf die Bettstatt meiner Eltern und forderten von Herrn Harterdorn eine Erklärung für seine Unpässlichkeit ein. Er eröffnete uns, dass er in der Hoffnung erschienen war, der Bruder der Schwester des Kollegen, somit der Kollege höchstselbst, würde in dem Film auch eine tragende Rolle übernehmen. Sie würden sich nämlich seit einiger Zeit kennen und auch treffen. Wir waren sprachlos.
Wir beratschlagten und der Kollege erklärte sich letztendlich, und gar nicht ungern, wie mir schien, bereit, die Rolle seiner Schwester zu übernehmen.

Nun, wir boten den Film einigen Videoausleihläden unter dem Titel ‘Der gute schwarzrussische Schwimmer - Wie die Paarung auch vollzogen werden kann’ an. Die Folge war ein landesweiter Skandal.
Meine Eltern gerieten fürchterlich in Harnisch und verbrannten ihre Bettstatt im Garten, dennoch legten sie ein gutes Wort ein und ein bisschen mehr Geld hin, um mich und meine Kollegen vor dem Gefängnis zu bewahren. Ich musste ihnen bloß versprechen, künftig keinen Film mehr drehen zu wollen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 |Inventarnummer: 16151

Ein gefährliches Alter

Ja, das haben Sie, Fräulein. Sie sind nicht richtig alt. Und richtig jung sind Sie auch nicht. Genau im Kinderkrieg-Alter, um genau zu sein. Also wir suchen etwas Bleibendes, Dauerhaftes, Beanspruchbares, etwas Lohnendes, etwas Kalkulierbares.

Nein, so haben sie es natürlich nicht gesagt, eh klar. Aber gemeint. Und ich hab weder gesagt, dass ich kein Fräulein bin, noch dass es sie einen feuchten Dreck angeht, ob ich einmal auch Mutter sein will oder nicht. Noch nicht. Die können mich mal.

So bin ich also wieder auf der Suche nach etwas Bleibendem, Dauerhaftem, etwas, was mich beansprucht, aber nicht zu sehr, etwas, was mein Leben finanziert, etwas Kalkulierbarem. Und außerdem möchte ich gerne wissen, ob ich einmal Mutter sein werde oder nicht. So verschieden sind meine Fragen also gar nicht von jenen, die in den Köpfen derer kreisen, die ich verachten muss.
Ich komme folglich zu dem zwingenden Schluss: Ich bin in einem gefährlichen Alter.

Wohin mit mir?  Erst einmal ab in das Gewohnte, die vier eigenen Wände, es sind zwar tatsächlich viel mehr, aber da hat sich wohl jemand die genaue Zählung ersparen wollen. Oder es waren damals wirklich nur vier Wände, in denen die Menschen gewohnt haben, als diese Floskel entstanden ist. Nein, das mit dem Fokussieren ist nicht so einfach. Vielleicht war es damals leichter, als die Menschen tatsächlich noch in vier Wänden wohnten, also von exakt vier Mauern begrenzt waren, nicht mehr. Weniger geht sowieso nicht. Und die waren sicher nicht so hoch wie heutzutage, das kommt noch dazu.

Es kommt heute sicher niemand vorbei, das kann ich mir nicht vorstellen. Es ist zwar Freitagabend, übrigens der Abend nach dem fünfzehnten Vorstellungsgespräch in diesem Halbjahr, aber wer soll denn da vorbeikommen. Ich müsste rausgehen, um andere Menschen zu treffen. Dafür bräuchte ich Geld, das ich nicht habe. Vielleicht hätte ich mehr davon, wenn ich in nur vier Wänden wohnen würde, bestimmt sogar.

Es kommt doch jemand vorbei. Sachen gibt es. Er will bei mir übernachten. Soll sein, er braucht nichts zu bezahlen. Er hat nicht einmal vier Wände. Er hat gar keine eigenen Wände mehr. Null Wände. Ich habe keine Einwände. Er soll ruhig bei mir schlafen.

Beim gemeinsamen Frühstück erzählt er mir, dass er sich auf den Sommer freut. Eigentlich will er nämlich nicht mehr bei Bekannten übernachten. No offence, sagt er noch. Er ist nämlich mal ein Engländer gewesen, bevor er ein Niemand wurde, ein Staatenloser. Er hat also nicht nur keine Wände, sondern auch kein Land mehr, das behaupten könnte, er gehöre ihm. Die Freiheit sieht trotzdem anders aus. Meint er. Er muss es wissen. No offence.

Na gut, weiter geht es. Nächster Termin beim AMS. Wieder keine Ernte eingefahren, die Bemühungen der Betreuer haben nicht gefruchtet, sie sind schon recht frustriert. Wohl, weil ich in einem gefährlichen Alter bin. Oder weil es überhaupt sehr anstrengend ist, Menschen wie mich irgendwo reinpassend zu machen. Hm. Ich bin ihnen nichts neidig, wie meine Freundin immer sagt.
So einfach kann ich es mir aber auch wieder nicht machen. Ich muss schon selbst was tun. Ich geh jetzt erst mal heim, in die eigenen vielen Wände. Ein bisschen Anstarren, wird schon werden. Den Bus spare ich mir heute.
Beim nächsten Mal wird es härter werden, angekündigt ist es schon. Sie werden mir auch andere Jobs anbieten, die nichts mehr mit dem zu tun haben werden, wofür ich mich ausgebildet habe. Ich kann dann alles machen, abwaschen, putzen, finden sie, dabei mache ich lieber Dreck als ihn wegzumachen. Aber das wissen die noch nicht. Ich sage es ihnen besser nicht. Und in einem gefährlichen Alter bin ich auch. Widerspenstig außerdem.

Wenig brauche ich, das ist gut. Nicht so wenig wie der ehemalige Engländer, aber Kartoffeln esse ich gerne auch mehrmals pro Woche. Obwohl die Bioqualität nicht ganz billig ist. Ach, einen gewissen Standard möchte ich schon gerne halten.

Diesmal kommen zwei vorbei, ein älteres Geschwisterpaar. Sie können es sich leisten, mir Geld fürs Leihen meiner Schlafcouch zu geben. Ich kenne sie schon lange, damals waren sie noch kein älteres Geschwisterpaar, sondern ein mittelaltes. Sie sind freundliche Menschen; vor die Wahl gestellt, mit wem von ihnen allen ich dauerhaft wohnen wollen würde, wären sie momentan meine Favoriten.

Sie schnarchen nicht, sie essen leise. Beim Klogang schließen sie die Tür, bevor sie irgendetwas anderes machen. Ich weiß das sehr zu schätzen. Sie sind nicht so lange hier, dass ich ihre Fernsehgewohnheiten studieren hätte können. Ich glaube, wir kämen gut aus miteinander. Dass ich keinen Fernseher mehr habe, würde die Sache sogar noch vereinfachen, im Fall der Fälle. Kein Streit ums Programm. Was sie sonst so machen, außerhalb meiner vielen Wände, kann ich nicht sagen. Ich kann ja nicht mal sagen, was ich sonst so mache, abgesehen von meinen AMS-Terminen und Vorstellungsgesprächen.

Ah, was Neues. Ich mache einen Motivierungskurs. Zur Motivation nämlich. Ich ziehe mich dafür genauso an, als wolle ich zu einem Bewerbungsgespräch, das wollten sie so. Und bereue es sofort. Dort ist nämlich einer, der auch motiviert werden soll, so wie ich. Nur ist er cool angezogen, nicht so bieder wie ich. Er sieht aus wie ein Rockstar. Wie ein Rockstar früher ausgesehen hat. Knallenge Lederhosen. Drüber ein Etwas von einem T-Shirt, ein lockeres, abgefucktes Ding, und da drüber ist eine Jacke geworfen, die so speckig ist, dass sie fast so schön glänzt wie das schwarze Lederding, in dem seine langen Beine stecken. Die Füße übrigens in unspektakulären ausgelatschten Billigturnschuhen, aber das ist mir egal. Kann ich ausblenden, problemlos.

Wie auch das gesamte Motivationsprogramm, ebenso mühelos. Ist für die Katz‘. Brauche ich nicht. Ich bin ausreichend motiviert. Zumindest reicht es aus, um jeden zweiten Tag aufzustehen und mir diesen Mist zu geben. Der Ex-Rockstar langweilt sich dort auch sehr schön. Manchmal gähnt er mir verschwörerisch zu. Da klopft mein Herz dann jedes Mal ganz wild.

So kann es ein Weilchen dahingehen, von mir aus. Gelegentlich schaut wieder jemand bei mir zu Hause vorbei. Forcieren möchte ich das Übernachten aber gerade nicht. Irgendwie laugt es mich aus, wenn so viele andere Menschen, noch dazu verschiedene, in meinen vielen Wänden und damit notgedrungen auch um mich sind. Früher hat mir das nichts ausgemacht. Meine Adresse geht anscheinend noch selbsttätig reihum, aus der Zeit, in der das für mich noch gepasst hat. Das mit dem Zuverdienst kann ich mehr denn je brauchen, doch die Anstrengung ist unterbezahlt, finde ich mittlerweile.

So geht es mir auch mit jedem Jobangebot, das für mich ausgegraben wird. Der Arbeitsmarkt verlangt mir inzwischen auch schon einiges ab, ohne dass ich ihm noch wirklich angehöre. Von der Ferne ruft er mich. Und er stresst mich ganz schön damit.

Es ist geschehen, der schöne Gelangweilte hat mich angesprochen, er hat mich gefragt, ob ich auch was vom Automaten möchte, und ich hab gleich gesagt, ich geh einfach mit und schau mal. Das war einigermaßen schlagfertig in Anbetracht der Umstände, dass ich jedes Mal nervös werde, wenn er mich nur ansieht, zufällig. So sind wir zum Automaten geschlendert, schön langsam, man hat schließlich Motivationspause und keine Eile, so schnell zurückzukommen. Und dann waren wir uns einig, dass eine Cola-Dose nicht so viel kosten sollte, schon gar nicht, wenn sie in einem Automaten herumlungert, der nur zwei Gänge entfernt von einem Motivationskurs für Langzeitarbeitslose steht und zum Konsumieren verführt.

So was von einig waren wir uns, und schließlich haben wir uns eine Dose geteilt, haben sie zwischen uns und unseren sehr kleinen Schlucken und durstigen Mündern hin- und hergereicht, im stillen Einvernehmen und Gedanken daran, dass eine Rotweinflasche besser wäre, irgendwie. Dann auch die Schlucke größer, bestimmt.

Und dann sind wir Richtung Kurszimmer zurückgegangen, der Schöne und ich, und ich wollte aufs Klo, weil ich schon dringend musste, vor dem Kurs, dann ja wieder so lange sitzen. Ich dachte, er geht in seins, weil er auch musste, aber nein, er geht nicht in seins, weil er lieber in Frauenklos pinkelt. Die Männerklos sind ihm zu dreckig, sagt er. Aha.

Tja, und kaum bin ich fertig und er auch, rauschen die Spülungen hier und dort in den benachbarten Kabinen und ich wasche mir die Hände, da steht er hinter mir, weil ich schneller am Waschtisch bin … Da streckt er seine langen Fast-Musiker-Hände nach vorn zum Waschbecken und zu meinen unter mein genau richtig warmes Wasser, steht dabei noch direkter hinter mir, ich spüre schon die glatte Lederhose sich an meine Jeans schmiegen (ja, inzwischen hab ich im Kurs auch andere Sachen an, Schluss mit Blusen und Blazern …). Und auf einmal waschen seine Hände die meinen und meine die seinen, und seine Hose und meine Hose wollen keinen Millimeter Luft zwischen einander lassen. Und das wollen wir auch nicht.

Im Nachhinein gesehen war es wohl nicht besonders gescheit, gemeinsam in eine der Kabinen zurückzuhasten, den Inhalten der jeweiligen Hosen ihren Willen und die Beinkleider runter zu lassen, zur Vereinigung von Leder und Baumwolle am Boden und sonstigem auf dem Klodeckel. Aber was ist schon gescheit. Es ging einfach nicht anders und anders sollte es auch nicht sein. Hand in Hand haben wir nachher das Klo verlassen. Ich musste nochmal schnell ins Kurszimmer, weil ich meine Tasche dort hatte und entschuldigte mich, mir sei schlecht geworden und mein Kurskollege bringe mich  heim.

Ich glaube fast, er hat wie ich gerade ein gefährliches Alter. Da kann alles Mögliche passieren, habe ich mir sagen lassen.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 16099

 

 

 

 

Die grotesken Erlebnisse des Anus Jung

Es war die Liebe zu harter australischer Rockmusik, die den alten Jung dazu bewegte, dem Standesbeamten des steirischen Dorfes Gratwein mitzuteilen: “Fredl, der Bub soll Angus heißen!”
Alfred Kriechmann, so hieß der Beamte, erschrak und fragte: “Du möchtest, dass dein Sohn wie eine Rinderrasse heißt? Bist du verrückt geworden, Franz?”
Doch Franz Jung war dies keineswegs. Wissend blickte er auf den Aktenordner mit der Aufschrift ‘Geistige Nahrung’, der im Regal stand, und nachdem Kriechmann zwei Wassergläser mit Geistesnahrung gefüllt hatte, klärte Jung ihn auf: “Nein, Fredl, es geht nicht um Kühe, sondern um Rockmusik.”
Mit bedeutungsschwerem Blick deutete er auf den Schriftzug auf seinem schwarzen Shirt: ‘Black in Back’ stand dort. Er hatte das Textil einem Händler abgekauft, der auf dem letzten Gratweiner Kirtag einen Stand mit Devotionalien gehabt hatte, und der, wie er Franz stolz erzählt hatte, einst der wertvollste Reserveverteidiger der tschetschenischen Nationalmannschaft gewesen war.

“Australische Rockmusik”, fügte Jung erklärend hinzu.
Da verstand der Standesbeamte und bereitete die entsprechenden Papiere vor, und er vergaß auch nicht fleißig nachzuschenken, denn Angelegenheiten von einiger Wichtigkeit werden in der Steiermark nur höchst selten nüchtern behandelt.
Hätte Franz Jung dem auf dem Gebiet der harten Rockmusik unbeleckten Alfred Kriechmann bezüglich dessen Rinderrassentheorie recht gegeben, so hätte dieser tatsächlich den Namen Angus eingetragen. Da er jedoch an jenem Tag der erste Bittsteller in der Kanzlei des Beamten war und dieser logischerweise wenig geistige Nahrung zu sich hatte nehmen können, intellektuell somit noch nicht warm geworden war, verschrieb sich Alfred und dem jungen Jung wurde der Name Anus gegeben.

Auf dem Hof der Familie Jung fiel dieser Umstand niemandem auf. Das Dokument wurde zu den anderen in eine Mappe gelegt und diese in einer Truhe auf dem Dachboden verwahrt. Da die Jungs seit Generationen große Gegner der katholischen Kirche waren und Anus selbstverständlich nicht taufen ließen, lebte dieser die ersten sechs Jahre seines Lebens quasi unerkannt unter falschem Namen auf seines Vaters Grund und Boden.
Für alle war er Angus, der Sohn des reichsten Bauern in der Umgebung. Es war jedem Gratweiner klar, dass der Junge eines Tages das Gehöft seiner Familie übernehmen und, sollten die Rahmenbedingungen günstig sein, sogar vergrößern würde.

Als er im Alter von fünf Jahren seinen ersten Reisepass erhielt, stand tatsächlich Anus darin.
Er eilte zu seinem Vater und sagte: “Papa, sie haben ein g vergessen!”
Franz Jung starrte auf das Dokument und fühlte plötzlich Wärme in sich hochsteigen. Er lief zum Gemeindeamt, doch Alfred Kriechmann war in der Zwischenzeit in Pension gegangen und nach Pattaya verzogen, wie der enervierte Vater erfuhr.
Der neuen Standesbeamtin, Fräulein Magister Beate Schnepf, stand der Sinn nicht nach ‘Geistiger Nahrung’. Hinter ihr stand ein Ordner im Regal, der die Aufschrift ‘Veganes Tagebuch’ trug.
In Franz Jung keimte der Verdacht, dass er mit Fräulein Schnepf nicht so gut auskommen würde wie mit Fredl Kriechmann, aber er beschloss trotzdem, das Problem zur Sprache zu bringen.

Beate Schnepf suchte den entsprechenden Akt heraus, las ihn und brach in schallendes Gelächter aus.
“Wissen sie, was Anus bedeutet, Herr Jung?”, fragte sie, noch immer lachend.
“Ja, natürlich weiß ich das”, log Franz.
“Wo ist dann das Problem?”, fuhr das Fräulein fort. “Seien Sie doch froh, dass Ihr Sohn einen derart aus dem Leben gegriffenen Vornamen hat.”
Jung sah sie fragend an.
Da erkannte sie, dass er keinen blassen Schimmer von der Bedeutung des Wortes hatte.
“Es ist schön zu sehen, dass es tatsächlich noch Eltern gibt, die ihren einzigen Sohn nach etwas benennen, das jeder Mensch hat. Sehen sie: Sie haben auch einen.” Wieder begann sie zu lachen. “Stellen Sie sich vor, Herr Jung: Sie haben gleich zwei davon! Den, den Sie sowieso haben, und Ihren Sohn.” Sie wischte sich Tränen aus den Augen. “Ich zum Beispiel überlege, das kleine Mädchen, das ich eines Tages mit meiner Lebenspartnerin adoptieren werde, Vegana zu nennen.”
Diese Information war zu viel für Franz Jung.
‘Zwei Frauen, die ein Kind aus dem Waisenhaus holen und ihm einen derart ordinären Namen verpassen wollen!’, dachte er sich.

“Bitte glauben Sie mir, Herr Jung”, sagte Fräulein Schnepf, erhob sich und reichte ihm die Hand, “es hat schon alles seine Richtigkeit mit dem Vornamen Ihres Sohnes. Seien Sie froh, dass Sie ihm einen so sonnigen Namen gegeben haben.”
“Sonnig?”, fragte Jung und schüttelte ihre Hand. “Was meinen Sie mit sonnig?”
“Nun, Ihr Sohn wird sich mit Sicherheit viel öfter an den warmen Strahlen der Sonne erfreuen als Ihr eigener Anus.”
Jung verließ das Gemeindeamt in der Überzeugung, dass der Terminus Anus wohl die griechische Bezeichnung für einen Teil des menschlichen Körpers sein musste, wie beispielsweise für den Bauchnabel, und er seinem Sohn einen guten Dienst erwiesen hatte.

Brüllend wie ein bei lebendigem Leib am Spieß gebratener Ötscherbär stürzte der junge Jung ein Jahr später auf seinen Vater zu und schlug ihm mit dem Teppichklopfer der Familie, mit welchem er selbst bei verschiedenen Gelegenheiten hatte Bekanntschaft machen dürfen, jedoch ohne dass sich daraus eine Freundschaft oder gar echte Zuneigung entwickelt hatte, zweimal so fest er konnte auf den Allerwertesten.
“Warum hast du das gemacht?”, brüllte er.
“Was gemacht, Bub?”
“In der Schule haben sie mir erklärt, was ein Anus ist!”
“Und?”, gab der Alte verständnislos zurück. “Jeder hat doch so etwas!”

Daraufhin lief der Junge ins Haus und weinte sich bei seiner Mutter aus. Diese holte die Dokumentenmappe vom Dachboden und ein Wörterbuch aus dem Bücherregal im Keller des Hauses.
Da sie im Umgang mit Büchern unerfahren war, dauerte es eine Weile, bis sie herausfand, was Anus bedeutete.
“Franz!” Nun brüllte die Mutter. “Du kommst jetzt her, und zwar sofort!”
Dreißig Sekunden später stand er vor ihr.
“Bub, du schleichst dich sofort nach oben in dein Zimmer! Dein Herr Vater und ich haben etwas zu besprechen.”
Anus ging nach oben.
“Was bildest du dir eigentlich ein?”, schrie Fani Jung, die Mutter von Anus. “Nur weil du süchtig nach Backen bist, nennst du unseren Sohn Anus? Ja, soll denn das ganze Dorf erfahren”, ihre Stimme begann sich zu überschlagen, “was ich mir jede Nacht von dir gefallen lassen muss? Du bringst das wieder in Ordnung, Franz, sonst hat es sich für dich bei mir ausgeanust!”

Allein, die Sache war nicht mehr in Ordnung zu bringen.
Da in den ersten Lebensjahren des vermeintlichen Angus Jung niemand gegen dessen tatsächlichen Vornamen Protest eingelegt hatte, war Verjährung eingetreten und die einzige Möglichkeit wäre gewesen, dem Jungen einen anderen Namen zu geben.
Dies zu tun hätte aber eine Zuwiderhandlung gegen den ursteirischen Brauch bedeutet, nach welchem der Vater den Namen des Sohnes aussucht und der Sohn ihn zu behalten hat. Nennt ein Vater seinen Sohn beispielsweise stets Buakrot, so wird im Reisepass des Jungen unweigerlich Bubkröte zu lesen sein.
Die Eltern von Anus einigten sich mit den Lehrern der Gratweiner Volksschule und den Eltern der Klassenkameraden ihres Sohnes darauf, dass dieser von allen Ani gerufen werden sollte.

Da die Familie Jung gut im Gratweiner Dorfleben integriert war, kam Anus viel herum. Er wurde auf andere Höfe mitgenommen und lernte nach und nach die wichtigen Menschen des Dorfes kennen, wie den Arzt, den örtlichen Apotheker und den Betreiber des Gemeindebordells.
Diese Honoratioren wussten zwar, wie Ani wirklich hieß, doch hielten sie sich strikt an die offizielle Sprachregelung.
In der Volksschule und danach in der Hauptschule wurde Anus zwar oft auf dem Pausenhof gehänselt, doch mit der Zeit bildete er eine Resistenz gegen die Verächtlichmachungen seines Vornamens aus.
Nach dem Abschluss der Hauptschule arbeitete Anus auf dem Hof seiner Eltern. Er führte das Leben eines gewöhnlichen Gratweiner Jugendlichen. Er traf sich mit Freunden, trank erst heimlich, dann öffentlich Bier, rauchte Zigaretten und wurde von seinem Vater dafür geohrfeigt, wilderte zwei schöne Rehböcke und einen Habicht, wofür er vom Revierpächter übers Knie gelegt wurde, und macht eine erste Erfahrung bezüglich einer Stellung.

Das Bundesheer war der Ansicht, keinesfalls auf die Dienste des Anus Jung verzichten zu können, und berief ihn zur Musterung ein.
In der Grazer Kaserne, in welcher diese vorgenommen wurde, saßen alle präsumtiven Grundwehrdiener in einem großen Raum und mussten, sobald sie aufgerufen wurden, “Hier!” rufen.
“Anus Ju- Moment mal!”, sagte der Wachtmeister. “Heißen Sie tatsächlich Anus?”
“Sie können mich Ani nennen. Alle nennen mich so”, sagte Jung.
“Das freut mich!”, bellte der Unteroffizier. “Und das ist mir völlig egal!”
Anus begann zu lachen. Der Schnauzbart des Soldaten erinnerte ihn an den von Emil, der der dümmste Knecht auf dem Hof war.
“Was gibt es da zu lachen, Schütze Anus vom letzten Glied?”, rief der Verlachte, als ein Leutnant den Raum betrat und die jungen Männer anwies, ihm zu den medizinischen Untersuchungen zu folgen.

Einer hübschen Krankenschwester fiel die Aufgabe zu, zu verifizieren, dass der Hodensack des Anus Jung gemäß der natürlichen Ordnung gefüllt war, als diesem eine mächtige Erektion schwoll.
Routiniert griff die Schwester nach einem Glas mit eiskaltem Wasser und sagte: “Mach dir keine Sorgen, Anus.” Sie las seinen Namen ein zweites Mal auf dem Papier, das er ihr gegeben hatte, und begann zu kichern. “Das passiert mir oft. Nimm das Glas und geh damit hinter den Vorhang. Dort kannst du dich beruhigen.”
“Das kann ich auch hier”, sagte er und erhob sich.
Er nahm das Glas, prostete der Krankenschwester zu und leerte es in einem Zug, während sein Penis in Richtung der auf einem Sessel sitzenden Frau ragte.
So etwas war der jungen Frau allerdings noch nie passiert. Sie starrte ihn aus vor Schreck geweiteten Augen und mit offenem Mund an, als der Leutnant den Untersuchungsraum betrat.
Sogleich sah er die geweiteten Augen und den offenen Mund, bloß fünf Zentimeter vom Penis entfernt.
“Fräulein Schlauch”, seufzte der Offizier, “ich verwarne Sie hiermit ein weiteres Mal! Machen Sie das doch zu Hause!”
“Nein, Herr Leutnant!”, sagte sie schnell. “Das hier ist eine ganz andere Situation.”
“Das sagen Sie jedes Mal. Jung, Sie kommen mit!”
Anus wurde für untauglich befunden. ‘Zu erwartende Konflikte wegen eigenwilliger Namensgebung vonseiten der Erziehungsberechtigten des Wehrpflichtigen’, so lautete die in schönstem Soldatendeutsch abgefasste Begründung für Jungs Untauglichkeit.

Wieder auf dem Hof seiner Familie, wurde Anus von seinen Eltern zur Rede gestellt.
“Anus, wann bringst du endlich ein Mädchen mit nach Hause?”, fragte Fani Jung.
“Was soll ich mit so etwas anfangen?”, gab er zurück. Die Tatsache, dass seine Mutter ihn nicht Ani genannt hatte, machte ihm den Ernst der Situation klar.
“Na, was man mit einer Frau eben macht!”, rief sein Vater.
“Kochen?”, fragte Anus.
Fani Jung seufze und sagte zu ihrem Mann: “Nimm genug Geld mit, Franz. Vielleicht braucht der Bub zwei Stunden.”
“Komm, Bub, heute wirst du ein Mann!”, sagte Franz und zog seinen Sohn aus dem Haus.

In ‘Josefs Knallerbude’, dem Gratweiner Bordell, wurden Anus zwei Frauen vorgestellt. Dusica, eine Zwanzigjährige, und Edeltraud, ein Urgestein des horizontalen Gewerbes im Dorf, erfahrene vierundfünfzig Jahre alt.
Anus deutete schnell auf Dusica und die beiden setzten sich an einen Tisch. Der Besitzer des Etablissements brachte ihnen zwei kleine Flaschen billigen Sekt und die junge Frau füllte die Gläser. Sie stießen an und Dusica rückte dicht an Anus heran.
“Ich Dusica”, flüsterte sie in sein Ohr.
Er gab ihr die Hand und sagte: “Anus.”
Sofort rückte sie von ihm ab, sah ihn streng an und sagte “No! No Anus!”
Er sah sie erstaunt an.
“Anus”, wiederholte er und versuchte sie auf die Wange zu küssen.
“No!”, rief sie. “Anus no good!”
“Anus very good!”, protestierte er und sah, dass sich Edeltraud bereits die Hände rieb. Offensichtlich stand ihr der Sinn danach, dem Sohn ihres Stammkunden Jung zu zeigen, was nur eine erfahrene Gunstgewerblerin wissen und beherrschen kann.
Da schaltete sich der Bordellier ein.
Er klärte das Missverständnis auf und als Anus nach einer Stunde grinsend zurückkam und von seinem Vater, der an der Bar gewartet hatte, die Bezahlung einer weiteren Stunde forderte, erhielt er eine Ohrfeige.

Als Anus sechsundzwanzig Jahre alt war, erfüllte er den Wunsch seiner Eltern und brachte eine Frau mit auf dem Hof.
Sie hieß Notburga Lunz und bald war sie sowohl in die Gemeinschaft auf dem Hof integriert als auch in die des Dorfes Gratwein. Übelmeinende Zungen setzten das Gerücht in die Welt, dass dafür lediglich eine Tatsache verantwortlich sein konnte: nämlich die, dass Notburga eine Inklination zur Promiskuität innewohnte und sie dieser oft und gerne nachgab.
Anus konnte nichts gegen das Verhalten seiner Freundin ausrichten, zumal ihm dämmerte, dass diese nach dem Tod seiner Mutter ohne Weiteres seine Stiefmutter werden konnte.
So kam es dann auch: Fani Jung starb an einer Lungenentzündung und nachdem sie auf dem paganen Friedhof Gratweins unter dem Schädel eines Ziegenbocks vergraben worden war, musste Anus Notburga mit ‘Mutter’ ansprechen. Von diesem Tag an sagte sie nie wieder Ani zu ihm.

Anus übernahm den Hof von seinem Vater, der sich mit Notburga in ein Ausgedingehaus zurückgezogen hatte.
Nachdem dieses von Anus warm abgetragen worden war, und nachdem er seinen Vater und Notburga aus Rache und gegen eine schöne Spende an die Kirche auf dem katholischen Friedhof begraben hatte, verkaufte Jung seinen Grundbesitz und verließ Gratwein.
Zu seinem Nachbarn soll er zum Abschied gesagt haben: “Ich fliege nach Pattaya. Dort habe ich etwas zu erledigen. Und dann”, bei den folgenden Worten soll sich seine Miene etwas aufgehellt haben, “ziehe ich nach Australien. In Sydney soll es eine Selbsthilfegruppe für Anguse geben, die unter Rechtschreibfehlern bei der Namensgebung zu leiden haben.”

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 16057

Kurze Begegnung

Der Polizist deutet anzuhalten, sie bleibt stehen, die Scheibe surrt runter, er blickt hinein:
Fahrerin: N'Abend.
Polizist: N'Abend.
Fahrerin: Und? Habe  ich was verbrochen?
Polizist: Nein, an sich nichts.
Fahrerin: Und? Kann ich jetzt weiterfahren?
Polizist: Ja. Aber einen Moment noch bitte … –  wissen Sie überhaupt, mit wem Sie's zu tun haben?
Fahrerin: Naja, Inspektor? Oberinspektor??
Polizist: Jeder hier kennt mich, Fräulein, und ich weiß, dass auch Sie mich kennen, bin ja schließlich neben Ihnen auf der Schulbank gesessen. Jahrelang. Von der Ersten bis zur Siebenten.
Fahrerin: Ah ja, jetzt erinnere ich mich.
Polizist: Na, und?
Fahrerin: Na und,  was?
Polizist: Die Antwort auf meine Frage!
Fahrerin: Die letzte Frage war: „Na und?“
Polizist: Die mein ich nicht.
Fahrerin: Was dann?
Polizist: Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie es zu tun haben?
Fahrerin: Ah, ja.
Polizist: Was, ah ja?
Fahrerin:  Ah, ja. Die ursprüngliche Frage ...
Polizist: ... Und?
Fahrerin: ... Sie haben gesagt:  „Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie es hier zu tun haben???“
Polizist: Ja. Wir waren in der selben Klasse.
Fahrerin: Ja.
Polizist: Ja. Und – also einmal ganz ehrlich gesagt – damals in dem sonnendurchfluteten Klassenzimmer vermeinte ich manchmal, bald öfters, ab Ende der Fünften täglich, Sie in die Arme nehmen zu müssen, elegant über die Schulbank zu schleudern, um dich dann ekstatisch zu nehmen. Ich hab es bei Ihnen mit einer Person zu tun, die mich einerseits erotisch anzieht wie sonst niemand, andrerseits ...
Fahrerin: Entschuldigung, aber ich hatte eigentlich vor weiterzufahren ...
Polizist: Ja. Entschuldigung auch. - Sie haben aber meine Frage noch nicht beantwortet.
Fahrerin: Die, ob ich weiß, mit wem ich's zu tun habe?
Polizist: Ja, genau die.
Fahrerin: Ja. (überlegt)
Polizist: Was ja?
Fahrerin: Ja. Ich erinnere mich.
Polizist: An was?
Fahrerin: Und ja, ich weiß, mit wem ich es zu tun habe ...
Polizist: Gut.
Fahrerin:  ... Und auch in mir regten sich in jenen Stunden im hellen Klassenzimmer Lüste ... Anfangs schämte ich mich für meine Vorstellung, von Ihnen über die Schulbank geschleudert und von dir genommen zu werden, später wurde diese Vorstellung immer mehr zu einem guten Freund, ohne den ich alleine in meinem Bettchen keinen Schlaf mehr finden konnte...
Polizist: Ja?
Fahrerin: Ja.
Polizist: (...)
Fahrerin: (...)
Polizist: Gut. Alles in Ordnung. Sie können weiterfahren. Gute Fahrt noch.
Fahrerin: Danke. Noch einen schönen Abend.
Polizist: Danke. Auf Wiedersehen.
Fahrerin: Auf Wiedersehen.
Die Fahrerin lässt das Fenster rauf, legt den ersten Gang ein, gibt den Blinker raus, überzeugt sich durch einen Blick in den Außenspiegel davon, dass die Fahrbahn frei ist, lässt die Kupplung langsam kommen und fährt los.

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 16055

 

 

Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 6

„Mein Freund, der Kellner und ich“ schlug ein wie eine Bombe. Die Producer waren überwältigt, hingerissen, fast demütig in ihrer Begeisterung für mein Drehbuch. Keine Frage, in Kürze würden die Dreharbeiten beginnen, mein Honorar war fürstlich.
Gemunkel in Insiderkreisen zufolge wollte sich das Filmstudio diesmal mindestens einen „richtigen“ Star leisten, dem Casting sollte ich unbedingt persönlich beiwohnen. Es ging alles Richtung höchster Professionalisierung, High-Quality-Performance, und natürlich war „es“ noch immer im Mittelpunkt, das schöne Thema Sex in möglichst vielen Variationen.

Ich flog also nach Reykjavík, keine Ahnung, warum gerade diese Skandinavier so viel Wert auf qualitativ hochwertig gemachte Pornos legten, jedenfalls fand sich dort immer ein offenes Ohr und eine offene Tür für besondere Projekte wie dieses.

Die Geschichte war ein Verwirrspiel um männliche Zwillinge, das liest sich jetzt, wo ich es zu beschreiben versuche, etwas banal, aber es waren viele Spannungsmomente enthalten. Die Protagonistin kommt ewig nicht darauf, dass sie von zwei verschiedenen Personen beglückt wird, nur anhand der leicht differierenden Vorlieben und Sexpraktiken findet sie schließlich die „grausame“ Wahrheit heraus, nämlich dass sie ihr Freund und sein (klarerweise eineiiger – dies aber nicht im doppelten bzw. halben Wortsinn zu sehen…) Zwillingsbruder zur Närrin gehalten haben, wie sie es auch schon mit mehreren Frauen zuvor gemacht hatten. Sie sinnt auf Rache, und so startet der zweite Teil der erotikgetränkten Story.

Aber genug davon, darum geht es hier (noch) nicht, zumindest nicht im Detail. Es war mir schleierhaft, warum ich mir diesmal unbedingt die Schauspieler beziehungsweise angehenden Pornodarsteller beim Casting ansehen sollte, denn normalerweise kam vor dem Verfassen des Drehbuchs ein Besuch des Settings, da die Story glaubhaft wirken sollte. Mit der Auswahl der Darsteller hatte ich bisher noch nie zu tun gehabt. Irgendwie machte mich das auch ein wenig verlegen. Wie konnte man jemandem, der „es“ später tatsächlich vor der Kamera tun sollte, bei einem Bewerbungsgespräch ansehen, ob er „es“ auch gut draufhatte? Tja, wir würden sehen.

Mein Freund sah der Sache auch mit gemischten Gefühlen entgegen, einerseits freute er sich für mich, dass das Drehbuch so außerordentlich gut angekommen war, mein Zusammentreffen mit männlichen Hormonbomben en masse war ihm aber irgendwie suspekt. Er hätte mich sogar gerne nach Island begleitet, aber das fand ich dann doch etwas lächerlich, wenn er mit dort aufkreuzen sollte. Das war meine Arbeit, das gehörte diesmal eben dazu, und dieser Aufenthalt fand ohne ihn statt. Zudem war auch er gerade geschäftlich unterwegs, weshalb ein angedachter anschließender Islandurlaub auch terminlich schwierig geworden wäre. Punktum, ich flog alleine.

Vom Flughafen Keflavík wurde ich abgeholt und ins hochpreisige Hotel gebracht. Dort sollten auch die Bewerbungsgespräche stattfinden, in einem extra für das gesamte Filmteam gebuchten Flügel des Hotels, der, wie man mir unverzüglich mitteilte, normalerweise Konferenzen vorbehalten blieb. In diesem „besonderen Fall“ wolle man aber sehr gerne eine Ausnahme machen, meinte der etwas zu joviale Hotelmanager, der extra geholt worden war, mit einem schiefen Lächeln und mich abschätzendem Blick.
Da erst dämmerte es mir, dass er in die Besonderheiten dieses Castings eingeweiht worden war. Das musste vermutlich sein, denn andere Hotelgäste sollten ja nichts mitbekommen und keinesfalls gestört werden. Weiters vermutete ich stark, dass er mich für eine der sich bewerbenden Darstellerinnen hielt, und da wurde mir seine ans Gönnerhafte grenzende Vertraulichkeit plötzlich unangenehm.

Ich stellte also klar, dass ich der Filmcrew angehörte und nun auf mein Zimmer gebracht werden wollte, in meinem hochnäsigsten Englisch, das ich ab diesem Moment für den Rest des Aufenthalts extra für ihn bereithielt.
Er war kurz sprachlos, erfing sich aber rasch wieder, bedeutete einem Angestellten, meine beiden Koffer zu übernehmen, und wies mir den Weg zum Lift.
Oben angekommen, war ich verblüfft über die Üppigkeit der Einrichtung meiner Räumlichkeiten, Prunk war gar kein Ausdruck dafür. Dies war mit Abstand das feinste, aber gleichzeitig auch überladenste aller Zimmer, die ich jemals bewohnt hatte.
Nach einer kurzen Rast läutete mein Smartphone und Laura, die Assistentin des Producers, wollte wissen, ob ich gut angekommen sei, und versicherte sich, dass der heutige Abendtermin auch bei mir in Ordnung ging. Dann sagte sie noch, es hätten sich in den Vorrunden schon einige Bewerber hervorgetan, aber die Endauswahl sollte am besten recht rasch vonstattengehen, am liebsten sei ihnen eine Entscheidung noch heute.

Das sah ich auch so, je früher, desto besser. Außerdem war noch Zeit für ein kleines Nickerchen, es könnte ein langer Abend werden, wenn auch die Entscheidung über die gesamte Besetzung gleich gefällt werden sollte. Reykjavík wollte ich mir dann morgen ansehen, nach (zumindest teilweise) getaner Arbeit.

Gut, dass ich geruht hatte, denn kaum hatte mein Wecker geläutet, ging es Schlag auf Schlag: der nächste Anruf, es sei ein gemeinsamer Imbiss für die Mitarbeiter vorbereitet, in dem Raum, in dem kurz darauf auch das Casting stattfinden würde.
Das Buffet war großzügig, der Raum hell und stilvoll eingerichtet, wir begrüßten uns freundlich, die meisten hier kannte ich. Das Kamerateam bestand aus zwei Personen, dann die Beleuchter, die Assistenten, wir waren ein Grüppchen von ungefähr zehn bis zwölf Personen, und auch die Assistentin des Producers kam nun dazu, der Chef selbst wollte sich erst nach dem Casting blicken lassen. Laura war seine rechte Hand, und er vertraute ihr vollkommen. Sie hatte schon in unzähligen Filmen den Blick aufs Ganze bewiesen, und er war mit ihrem Gespür bisher glänzend gefahren. Sie begrüßte mich als Erste und meinte, allen nochmals erklären zu müssen, wer ich war, obwohl nur zwei Personen neu im Team waren. Ich fühlte mich geehrt, das gebe ich zu.
Nach dem Imbiss und ein bisschen Smalltalk begaben wir uns zu unseren Sitzplätzen und erwarteten die ersten Bewerber.
Die Männer sollten zuerst an die Reihe kommen; sie mussten außer einem attraktiven Äußeren und den unabdingbaren anatomischen Voraussetzungen auch schauspielerische Qualitäten zeigen können, denn besonders die Doppelrolle des Freundes/Kellners wollte differenziert dargestellt sein. Alle waren daher gebeten worden, zwei oder drei kleine Filmausschnitte mitzubringen, mit denen sie Einblick in ihre bisherigen Arbeiten geben konnten.

Es erschien ein Hüne, ein sehr großer Mann mit einnehmendem Äußeren, er trug ein Muskelshirt, sicherlich sollte man gleich sehen, was er zu bieten hatte. Vielleicht sogar ein bisschen viel für den Protagonisten, der ja eigentlich ein „normaler“ Mann sein sollte und kein Chippendale-Typ, zumindest hatte ich dieses Bild beim Schreiben der Geschichte in meinem Kopf gehabt.
Er stellte sich vor, Laura schien sehr eingenommen von seiner Sprechweise, er hatte einen leichten Akzent, aber das stellte an sich kein Auswahlkriterium dar. Es war schon öfter der Fall gewesen, dass unsere Darsteller synchronisiert wurden, sogar in ihrer Muttersprache, das war kein Problem und hob meist die Tonqualität. Wie mir früher bereits gesagt worden war, wurde ohnehin alles, wirklich jede Szene, im Studio nachbearbeitet, jedes Seufzen, jedes Stöhnen, nichts blieb, wie es „in Action“ tatsächlich gewesen war.

Aber zurück zu unserem ersten Kandidaten, er wurde nach Filmausschnitten gefragt, er reichte den Stick hinüber, der Beamer wurde angeworfen, und auf dem Riesenbildschirm, wie er wohl ansonsten für Konferenzschaltungen gebraucht wurde, erschien der Mann in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit, vollkommen nackt und bereits erregt, wie unschwer zu erkennen war. Er näherte sich einer erwartungsvollen Blondine von hinten, sie hatte ihm ihr Hinterteil einladend entgegengereckt, und er ging gleich zur Sache.
Wir vom Filmteam sahen uns kurz gegenseitig an, es war eine absurde Situation. Doch was hatte ich erwartet? Wir saßen da im Halbrund vor ihm, er stand in der Mitte und blickte wie wir auch – er sichtlich stolz – auf den Bildschirm. Einige Minuten und zwei blonde Orgasmen später endete der Film, der uns alle ganz schön ins Schwitzen oder zumindest zum Erröten gebracht hatte.

Er grinste uns breit an und sagte nichts. Es war an Laura, das Wort zu ergreifen:
„Ähm, well, dear, sehr schön. Danke. Haben Sie noch weitere Filme, andere Ausschnitte vielleicht?“
Er nickte begeistert: „Ja, von vorne noch und Oralsex beidseitig und dann noch ein wenig…“
Laura unterbrach ihn: „Ich meinte ja eher eine Rolle, wo Sie sprechen, etwas schauspielern, damit wir eine Vorstellung haben…“
Er schien verwirrt: „Ich habe noch nie viel geredet in Pornos. War irgendwie keine Zeit dafür.“
Ich musste innerlich lachen, der Mann hatte Humor. Staubtrocken, aber das gefiel mir.
Auch Laura schien sich ein Lächeln kaum verkneifen zu können. „Nun ja, dieser Film ist anders. Wir legen Wert auf die Interaktion der Charaktere, es ist recht anspruchsvoll. Sie müssten zwei verschiedene Männer darstellen, und man sollte beim Sex erkennen, dass es zwei unterschiedliche Liebhaber sind. Trauen Sie sich das zu?“
Er nickte eifrig: „Ja, das kann ich sicher. Ich kann alles machen, was Sie mir sagen, glauben Sie mir.“ Dabei wirkte er so aufrichtig bemüht, dass den weiblichen Anwesenden, die sich gerade erst wieder gefasst hatten, gleich wieder heiß wurde, einschließlich mir. Dann folgte noch eine Auflistung der Filme, in denen er Haupt- oder Nebenrollen gespielt hatte, es waren etliche mit für Brancheninsider sehr klingenden Titeln dabei.
Dem war kaum etwas hinzuzufügen, und so wurde er gebeten, im Nebenraum Platz zu nehmen, dort waren Getränke und Häppchen vorbereitet, er sollte dort warten, bis die beiden Mitbewerber fertig waren.

Der zweite Bewerber war ein gutaussehender Mittdreißiger, ein richtiger Schauspieler mit abgeschlossenem Studium, allerdings doch in letzter Zeit etwas erfolglos, was das Finanzielle anging, und außerdem, wie er uns gleich zu Beginn des Gesprächs mitteilte, hatte ihn seine Freundin wegen eines reichen Knackers verlassen, und nun war ihm „alles egal“. Er hatte sich entschlossen, es jetzt mit Pornos zu versuchen, das stellte er sich „super“ vor, Geld zu bekommen für etwas, was er „sonst sowieso auch machen würde“, wie er das ausdrückte. Zudem könnte sogar seine Ex dann sehen, was ihr entgehen würde, so einen wie ihn bekäme sie nicht mehr, er sei nämlich „eine Granate im Bett“. Dann zwinkerte er noch Laura und mir zu, oje. Der Filmausschnitt, den er mitgebracht hatte, war eher unaufregend, es war ein Mitschnitt von einer Theateraufführung, wo er unter anderem auf einer kleinen, schwach beleuchteten Bühne nackt tanzte, nachdem er zuvor einen philosophischen Monolog über die Vergänglichkeit ausgebreitet hatte.
Laura bat ihn, ebenfalls nebenan Platz zu nehmen, und weiters per Telefon darum, den nächsten Kandidaten erst in ein paar Minuten hereinzuschicken.

Nun wieder unter uns meinte sie zu den anderen: „Ihr wart bei der Vorauswahl dabei. Das hier sind die besten drei. Seid ihr euch sicher??? Ich weiß nicht recht, das ist doch ein Scherz, oder nicht? Der Erste, ja, eventuell, der hat auch eine Menge Erfahrung, aber wie ist denn der Zweite da hereingerutscht? Wisst ihr etwas, was ich nicht checke?“

Ich war froh, dass sie gefragt hatte, mir waren dieselben Fragen auf der Zunge gelegen. Die Antwort kam aus einer unerwarteten Ecke, von einem Kameramann nämlich, der meinte:
„Der ist auf ausdrücklichen Wunsch der Frau unseres Producers in der Endrunde dabei. Sie ist ein Riesenfan, seit sie ihn im Theater gesehen hat. Sie hat gemeint, wenn wir was Anspruchsvolleres drehen wollen, mit richtigen Charakteren statt Sexmaschinen, ist er unser Mann.“
Laura seufzte. Solche Einmischungen liebte sie gar nicht. Allerdings gab ihr das eben Gehörte schon zu denken. Wenn selbst die Frau des Chefs, die als sehr speziell und kritisch galt, ihn für begabt hielt, war es wohl besser, ihn nicht gleich abzuschreiben. Irgendwie kam mir sein Name jetzt auch bekannt vor, oder aber ich täuschte mich.

Nun, der Dritte im Bunde wurde hereingebeten, er war eine Überraschung, da eher kleingewachsen, etwas älter, mit beginnender Lichtung am Haupt und sehr angenehmer, sonorer Stimme.
Er hatte die meiste Erfahrung von allen, er war eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Selbst ich hatte seinen Namen schon gehört. Er wurde von allen nur der „Master of Wide Shot“ genannt, und es gab eine Menge Klamauk-Sex-Filmchen, wo er von Weitem sein Glück bei der Holden versuchen durfte, das war zwar spaßig anzusehen, aber wohl nicht ganz das, wonach wir suchten. Er untermalte seinen sagenhaften Ruf gleich mit einem Filmausschnitt aus dem bekanntesten Werk: „Kein Weg ist zu weit - mach die Beine breit“ lautete die nicht besonders gelungene Übersetzung ins Deutsche. Er hatte durchaus seine Erfolge, aber seine besondere Gabe würde bei diesem Film wohl nicht so zur Geltung kommen können. Anderes Material hatte er jedenfalls nicht dabei.

Laura bat ihn ebenfalls nach nebenan und wandte sich dann an uns: „Also das war doch jetzt ein amüsanter Abschluss dieser Runde. Dem Scherzbold, der sich das ausgedacht hat, schulden wir was. Aber im Ernst, ob der noch etwas anderes draufhat, hat sich mir nicht erschlossen. Vielleicht ist er ja so auch ganz geeignet, und er wird immer nur auf das Eine reduziert?“ Sie sah uns fragend an, gar nicht so ihre Art. Sie schien verunsichert zu sein.

Es folgte eine intensive Besprechung, aus der wir tatsächlich sehr unschlüssig hervorgingen. Wer würde das Rennen machen? Ich war selbst gespannt. Der zweite Bewerber entsprach am ehesten dem Bild, das ich mir gemacht hatte, aber warum nicht einen älteren Mann nehmen? Der letzte Kandidat war sehr bekannt, aber eben nur für seine hervorstechendste Fähigkeit. Und der erste hatte viel Erfahrung, war aber eigentlich ein bisschen zu sehr „das Klischee“ von einem Pornodarsteller für diesen einen Film. Andererseits würde es besonders vielseitig zur Sache gehen, was das Ganze nicht einfacher machte…
Wer wäre Ihre Wahl gewesen?

Wie wir uns schlussendlich entschieden haben? Das verrate ich nicht, ich bin ja keine Spielverderberin. Schauen Sie sich doch einfach den Film an, dann werden Sie es gleich wissen.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 16028

Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 5

Ich weiß nicht, was sie nach diesen Worten über mich gedacht, was sie anschließend über mich geredet haben. Vielleicht vermuteten sie auch, ich sei eine Edelprostituierte. Ich wollte mich nicht erklären, wollte mich nicht melden, einfach eine Zeitlang meine Ruhe haben.
Mein Freund jedenfalls meldete sich völlig aufgelöst und verzweifelt ein paar Tage später, telefonisch. Er bat um ein Treffen. Die Ungewissheit mache ihn fertig, er könne kaum noch schlafen, er möchte wissen, woran er sei, wer ich sei, er wisse gar nichts mehr.

Gut, soll sein, ich sagte zu. Wir vereinbarten als Treffpunkt der Einfachheit halber das Pub neben seinem Büro, wo ich vor dem allerersten Zusammentreffen schon auf ihn gewartet hatte. Er war bereits dort, als ich ankam, hatte anscheinend schon etwas getrunken, ein fast leeres Cocktailglas stand vor ihm, obwohl ich pünktlich war.
Er sah schrecklich aus, Ringe unter den Augen, fahle Haut, er grämte sich offensichtlich seit Tagen und Nächten.
Er stand auf, als er mich hereinkommen sah und entschuldigte sich beinahe sofort: „Du hast recht gehabt. Ich habe tatsächlich kurz überlegt, ob dir das gefallen würde. Und ob es mir gefallen würde. Es tut mir leid.“ Das entwaffnete mich sofort, und ich hatte Mitgefühl mit ihm, er war da in eine widerliche Situation geraten, und das nur wegen meiner promiskuitiven Anwandlungen. (Denn, um ehrlich zu sein, auch wenn wir, er und ich, noch keinen Sex gehabt hatten: Unbedingt gewollt hatte ich es, ich war also eindeutig bereit gewesen, zweigleisig zu fahren.)
Ich äußerte Verständnis, sagte ihm aber auch, dass mich diese Sichtweise sehr gekränkt hatte, diese Vereinbarung unter Männern über meinen Kopf hinweg, wenn auch von seiner Seite stillschweigend. Viel mehr Wut hatte ich klarerweise auf seinen Nachbarn, meinen mittlerweile Ex-Sexpartner, von dem hatte ich wirklich genug. Und das sagte ich meinem Freund auch unverblümt, was ihn zu freuen schien, ein bisschen zumindest. Er gestand mir, dass sie beide tatsächlich noch gerätselt hatten, was ich mit meinem letzten Satz gemeint haben könnte, bevor der Nachbar sich wieder zu seiner Familie verdrückt hatte.
Sie hatten natürlich beide gewusst, dass ich ein Studium an der Akademie der Schönen Künste abgeschlossen hatte, jetzt Freelancerin war, meine Zeit sehr frei einteilen konnte, manchmal reiste und von meiner Profession gut leben konnte: irgendetwas Künstlerisches, Kreatives. (Bei mir zu Hause fanden sich Werke aus meiner Studienzeit, vermutlich hatten sie den Schluss gezogen, dass sich auch mein Arbeitsleben so gestaltete und finanzierte, durch darstellende Kunst.) Ich war aber in der Beschreibung dessen, was mir derzeit mein Leben tatsächlich so ausgezeichnet finanzierte, bewusst immer vage geblieben, ich fürchtete mich vor den Filmen, die daraufhin in den Köpfen unweigerlich zu laufen beginnen würden. Aber nun ging es nicht mehr anders, das sah ich ein, die Karten sollten auf den Tisch.
Als ich gerade begonnen hatte mit meiner etwas verworrenen Erklärung, kam der Kellner, der uns schon die ganze Zeit während der Zubereitung unserer Bestellungen unter Beobachtung gehabt hatte, und unterbrach durch sein Erscheinen meine Worte. Er stellte die Drinks auf das Tischchen, und mein Freund lief in der Zwischenzeit rot an. Er war kurz vor der Explosion. Es muss ihn viel Überwindung gekostet haben, noch zu warten, bis der Kellner unseren Tisch wieder verlassen hatte.

„Du verdienst dein Geld mit… mit… Pornos???!!!!???“, rief er schließlich aus. Er konnte sich nicht mehr beherrschen, es war ihm egal, ob der Angestellte ihn hörte oder nicht. Dem fielen gerade die Augen aus dem Kopf und der Mund stand ihm offen. Ich war so damit beschäftigt, die Reaktionen der beiden zu beobachten, dass ich ganz vergaß, dass ich ja unterbrochen worden war und da vielleicht noch eine winzige Ergänzung angebracht wäre.
Er hatte offensichtlich die erste Hälfte meines Satzes gehört, dann hatte sein Gehirn ausgesetzt.
„Ja, ich arbeite für die Pornoindustrie. Als freie Schriftstellerin. Ich schreibe Pornos für Frauen. Die haben gerne eine gute Story mit viel Sex, anspruchsvollere Dialoge, exotische Settings auf der ganzen Welt, und ich verfasse die Drehbücher dazu. Das sind aufwändige Produktionen, natürlich mit kompletter Filmcrew. Und die Producer sind Vollprofis, die mich engagieren, wenn sie eine Idee haben, da gibt es jede Menge Meetings, Vorbesprechungen. Und die bezahlen gut. Manchmal fliege ich vor einem neuen Projekt sogar zu den Schauplätzen, um mir ein Bild zu machen, damit ich auch weiß, wovon ich schreibe.“

Manchmal ist es doch gut, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Das gilt für ihn, meinen Freund, und auch für mich, die mit der Klarstellung meinen Brotberuf betreffend so lange hinter dem Berg gehalten hatte. Ich hatte mich vor der Reaktion gefürchtet, aber so, nach dieser Vorgeschichte, machte sich einfach nur Erleichterung breit, bei beiden.
Der Kellner sieht mich zwar bis heute an, als ob ich das achte Weltwunder wäre, wenn wir hie und da einen Beislbesuch dort machen, aber mein Freund und ich haben unseren Spaß dabei, ihn im Ungewissen zu lassen.

Ach ja, und Sex haben wir inzwischen auch miteinander. Mein Freund und ich. Nicht der Kellner und ich. Oder mein Freund, der Kellner und ich.
Wenn ich mir das so überlege - das wäre aber zumindest ein guter Titel für ein neues Filmdrehbuch: „Mein Freund, der Kellner und ich“.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 16003