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Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 10

Was dachte sich die Frau? Und was wollte sie von mir? Es war unglaublich. Was als harmloser oder zumindest nicht mit Hintergedanken verfolgter Plan zur Sammlung von Ideen für meinen Porno begonnen hatte, entwickelte sich nun in eine Richtung, die mir gar nicht geheuer war. Ich muss sehr versunken gewesen sein in meine Überlegungen, denn ich schreckte richtiggehend auf, als mein Partner seinen Kopf bei meiner Arbeitszimmertür hereinsteckte. Er kam wie üblich gar nicht herein, wenn er mich vor dem aufgeklappten Laptop sitzen sah: „Hallo Schatz, du arbeitest auch noch so spät, fleißig, fleißig. Wie lange machst du noch? Ich stell mich mal unter die Dusche. Das war vielleicht ein Arbeitstag. Schön langsam wird es normal, dass ich nicht vor zehn rauskomme aus dem Irrenhaus. Bussi, bis nachher.“

Wie sonst auch manchmal hatte er die Antwort auf seine Frage gar nicht abgewartet. Aber ich wusste es ja selbst nicht: Ja, wie lange wollte ich eigentlich noch „machen“? Hm, da hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich war unruhig, unzufrieden, aber ich hatte noch nicht den Knopf gefunden, den ich drücken musste, um wieder ausgeglichen, optimistisch und fröhlich zu sein. So unbeschwert wie zu Beginn unserer Beziehung waren wir wohl beide nicht mehr, waren es auch kaum noch gewesen, als er vor einigen Wochen ins Management einer „systemrelevanten Firma“ aufstieg. Obwohl wir kaum zwei Jahre zusammen waren und erst seit ein paar Monaten gemeinsam mein Appartement bewohnten, erschien es mir wie eine Ewigkeit. Genau danach hatte ich mich ja eigentlich gesehnt: nach jemandem, der da war, beim Einschlafen, beim Aufstehen, beim Frühstücken; danach, ein unaufgeregtes, normales Leben zu zweit zu führen. Aber eben nur eigentlich. Denn mir fehlte das Ungestüme, das Unvorhergesehene, etwas, das mich packen und aushebeln sollte aus meinem Festgefahrensein. Und da war jetzt also diese Frau, diese Göttin, die etwas von mir wollte. War sie es, die ich wollte?
Betrug und Hintergehen waren nie mein Fall gewesen. Sollte ich meinem Freund sagen, was los war? Er hatte sich nach anfänglichem Schock – und dem Aufklären eines im Rückblick ziemlich lustigen Missverständnisses – damals zu Beginn unserer Bekanntschaft doch recht schnell mit meinem unkonventionellen Beruf angefreundet, akzeptiert, dass ich zu Recherche- und Inspirationszwecken oftmals herumstreunte und eben keinen normalen Bürojob hatte. Er wusste, dass ich mit Sex beziehungsweise dem Gustomachen darauf mein Geld verdiente. Und er hatte Respekt davor, dass mich andere für das bezahlten, was davor wohl irgendwann einmal in meinem Kopf gewesen sein musste. Dass er oder unser sexuelles Zusammensein dabei nicht thematisch „verwertet“ werden sollten, hatte er auch gleich zu Beginn der Beziehung einmal klargestellt. Dabei hatte ich schmunzeln müssen, aber insgeheim gedacht, keine Gefahr, mein Lieber, wirklich nicht.

Ich war unfair. Er bemühte sich. Aber Inspiration für ein Pornodrehbuch, hm, na ja, vermutlich zu viel verlangt vom eigenen Partner.
Drum … Warum nicht einmal schauen, was sich ergab mit ihr? Und es war Recherche, es war Ideenfindung, natürlich, und ich musste nicht lügen, wenn ich ihm davon erzählte, dass ich vorhatte, eine interessante Frau, eine flüchtige Bekannte von früher, zu besuchen, um Material zu sammeln für mein nächstes Drehbuch.

Er hörte ohnehin nur mit halbem Ohr zu, als wir uns in der Küche wiedertrafen, er noch mit nassem Haar, ich etwas aufgewühlt, aber entschlossen, ihn zumindest ansatzweise einzuweihen in meine unausgegorenen, ganz frischen Pläne. Er hatte allerdings einen Einwand, der durchaus berechtigt, mir aber noch gar nicht in den Sinn gekommen war: „Schön, eine alte Freundin, ja, sicher, das ist eine gute Idee. Aber wie machst du das, Social Distancing beim Besuchen? Da müsst ihr euch halt was einfallen lassen, ist das Haus sehr groß? Dann könntet ihr wohl Abstand halten. Euch fällt schon was ein.“
Ja, so war er, mein treuer Freund, mein akkurater Begleiter, analytisch, lösungsorientiert. Und er hatte recht. Wollte ich mich jetzt, gerade jetzt, mit einer Frau näher einlassen, die viel unter Leute kam, auch wenn sie als Model wohl gerade weniger zu tun hatte, jetzt, in der Phase, in der alles Spitz auf Knopf stand, wo möglichst jeder persönliche Kontakt vermieden werden sollte, der sich außerhalb der eigenen vier Wände ergeben könnte? Und bei allem Pragmatismus, was seine Vorschläge zum Abstandhalten bei ihr zu Hause betraf; eins konnte er natürlich nicht bedenken, was aber als weiterführende Frage bei mir im Kopf herumspukte: Vielleicht wollten wir dort nicht nur reden miteinander?

Die Tage vergingen, ich getraute mich nicht, mich bei ihr zu melden. Ich schob und schob und schob es hinaus. Um nicht gänzlich untätig zu sein, unterhielt ich mich am Telefon mit einer ehemaligen Schulfreundin. Wir trafen uns persönlich kaum, seit sie aufs Land gezogen war, hielten aber seit Jahren guten Kontakt. Sie war schon lange eingeweiht in meine Tätigkeit und die oftmals damit verbundenen Startschwierigkeiten. Auch stand sie mir als Erstleserin meiner Drehbuchgrundlage zur Verfügung, bevor ich das Skript abgab. Das Einzige, was mich an ihr etwas störte, war, dass sie sich stets recht bedeckt hielt, was ihre eigene Meinung betraf. Ihre Formulierungen wie „das finden sicher viele spannend …“ oder „allgemein wird das schon recht gut ankommen“ sagten nie etwas darüber aus, was sie gerne, lieber oder besser nicht bei einem Porno für Frauen sehen würde. Solche Rückmeldungen wären für mich sehr hilfreich gewesen, aber vermutlich wollte sie einfach nicht zu viel von sich preisgeben. Warum ich also ausgerechnet sie befragte, ob sie mir etwas Aufregendes zu erzählen hätte, das sich irgendwie ins Drehbuch einbauen ließe, weiß ich nicht mehr. Umso erstaunter war ich, dass sie tatsächlich eine Geschichte aus ihrem eigenen Erleben erzählte. Eigenartigerweise hatte auch diese sich im vergangenen Sommer zugetragen, wie die erotische Episode aus dem Schwimmbad, die mir meine andere Freundin wenige Tage zuvor anvertraut hatte. Gab es da eine Sehnsucht nach der Zeit „vor C“? Oder erschienen jene viel zu heißen, aber rückblickend unbeschwerten Sommertage im Jahr 2019 noch paradiesischer im Vergleich zum kühlen Krisenjahr 2020? Jedenfalls wurde  gerne zurückerinnert ins Vergangene, so viel stand fest.

Meine Schulfreundin begann zu erzählen, sehr umschweifend, ich machte mir währenddessen Notizen. Mein Smartphone hatte ich auf Lautsprecher gestellt, um mit beiden Händen tippen zu können, außerdem hatte ich die Sprachaufzeichnung aktiviert, falls ich später auch Details nachhören wollte. Es gab bisher wenig zu notieren für mich, vor allen Dingen kam eine endlose Beschreibung eines lauschigen Settings; ich kürze nun drastisch ab:
Es war ein heißer Tag, sie war mit dem Rad, einen Rucksack auf dem Rücken, an einen kleinen Bach gefahren und hatte es sich nach kurzem Erfrischen im Wasser neben dem Bachbett mit einem Buch auf einer Decke gemütlich gemacht. Sie lag im Halbschatten einer riesigen Weide, die ihre Zweige ins plätschernde Wasser hielt. Die Lesende lag auf der Seite und hatte dabei den Kopf auf eine Hand aufgestützt, in der Ferne hörte sie Traktorengeräusche. Da sie nicht mitten auf der Wiese lag und durch ihre Anwesenheit wohl kaum bäuerliche Arbeiten behinderte, ließ sie sich nicht stören und ignorierte das Tuckern, bis es näherkam und ein Mann ihr etwas zurief. Sie verstand nicht, was er wollte, das Plätschern war laut, der Motorenlärm verschluckte seine Worte ...

Ihre Erzählweise war lähmend, ich wusste nicht, ob das irgendwie brauchbar sein könnte, hörte aber höflichkeitshalber weiter zu.

„Und dann dachte ich mir, vielleicht sollte ich doch etwas anziehen, denn ich lag ja ohne was an auf der Decke, aber da stand er auch schon da, der Jungbauer, und schaute mich an, ganz ungeniert. Er grüßte und meinte, dass er auch lieber sonnenbaden würde als Heu wenden, aber er mache jetzt eine Pause, ihm sei schon so heiß. Und ob ich was dagegen hätte, wenn er schnell mal ins Wasser hüpfte neben mir, das sei sein Lieblingsbadeplatz. Ich grüßte zurück und schüttelte den Kopf, da hatte er auch schon sein Leibchen ausgezogen und die Shorts abgestreift und ging nackt aufs Bachufer zu.“

Stopp, dachte ich, bitte, hör auf zu reden, ich will keine Jungbauernheimatromangeschichte erzählen, auch keinen Rosamunde-Pilcher-Verschnitt mit Erotikkomponente. Niederbayern statt Cornwall, verschwitzter Bauernsohn auf dem Traktor statt versnobter Landadelsspross auf dem weißen Hengst, nö, danke, beides nichts für mich … Irgendwie musste ich recht weit abgeschweift sein, einiges wohl überhört haben, denn für mich sehr unvermittelt beendete meine Schulfreundin ihren Bericht mit dem Satz: „Na ja, und nachdem wir es getan hatten, wollte er sofort nochmal.“

Hä? Wie bitte??? Ich wollte mir keine Blöße geben, nicht zugeben, dass ich anscheinend gar nicht mehr zugehört hatte, und pries insgeheim meine aktivierte Sprachaufzeichnungsfunktion. Bedankte mich sehr freundlich bei ihr und schüttelte innerlich den Kopf über meine Abgelenktheit, während ich  mich von ihr verabschiedete. Komplett unprofessionell, unglaublich. Warum nur, wieso, war mir der potente Prachtnaturbursche so was von egal? Ich war wohl auf Frau gepolt, momentan, und um ganz genau zu sein, auf eine bestimmte mit sehr dunkler Haut und einem anregenden französischen Akzent.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 20121

 

 

 

Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 9

Je weiter der Abend voranschritt, desto unsicherer wurde ich. Getroffen hatte ich diese Frau ein einziges Mal, unter sehr besonderen Umständen. Mein (inzwischen längst) ehemaliger Langzeitliebhaber hatte sie mir damals unbedingt vorstellen wollen, er war stolz auf seine Eroberung gewesen, und das völlig zu recht. Sie war bezaubernd, eine Erscheinung. Eine Frau, der zuzusehen, wobei auch immer, einen faszinierte, fesselte, alles andere vergessen ließ. Genauso war es mir ergangen, als ich sie das einzige und letzte Mal getroffen hatte. Wir zwei Frauen hatten uns nach diesem denkwürdigen dreisamen Abend zwar in einem sozialen Medium „befreundet“, das war von ihr ausgegangen, und gelegentlich auch schriftlich unterhalten, sie war, womit sich mein Exlover damals brüstete, wie ich im künstlerischen Bereich tätig und verdiente zusätzlich als Model für kleinere Firmen dazu. Besonders viel wusste ich tatsächlich nicht von ihr; ihr schriftliches Englisch war besser geworden, so viel stellte ich fest, mit Deutsch tat sie sich schwer, ihre Muttersprache war Französisch, was ich nur sehr rudimentär beherrschte. Aber nicht die möglicherweise auftretenden Sprachhindernisse  verunsicherten mich. Mein Englisch war brauchbar, auch mündlich, und es war mir inzwischen halbwegs egal, wenn sich der eine oder andere Fehler einschlich. Nein, das war es nicht. Es war genau jener Abend vor beinahe zwei Jahren, der mich vor dem vereinbarten Videochat-Zeitpunkt immer nervöser werden ließ. Meine Gedanken flogen dorthin, ob ich wollte oder nicht.  Was hatte sie damals mitbekommen von meiner Verfassung? Wie stand sie dazu? So eigenartig die damalige Situation, in der wir drei uns befanden, so aufregend war auch alles gewesen. Ich hatte später noch oft und lange darüber nachgedacht.

Und nun also das. In einem Anflug von Chuzpe hatte ich gemeint, ein Chat mit dieser unglaublichen Frau würde mir tolles Material einbringen für mein neues Pornodrehbuch. Tja, so einfach war es leider nicht. In der schlichten Anfangsbetrachtung hatte ich darauf spekuliert, dass sie mir ein aufregendes Sexabenteuer schildern würde, einfach so, und ich hatte den Verdacht, dass sie davon jede Menge erlebte. Aber es war etwas ganz anderes, mit einer Vertrauten über Erotik, Lust und Erfüllung zu reden, oder aber mit ihr, die mir doch fremd war, bis auf einen einzigen Berührungspunkt, und das war der Exlover – meiner, denn sie war, soweit mir bekannt war, noch mit ihm zugange.

Auch wenn meine Digitaluhr nicht tickte, so meinte ich doch, das Verrinnen der Sekunden und Nähertasten der Zeiger zu hören, bis der vereinbarte Zeitpunkt fast gekommen war: Ich machte mich frisch, legte etwas Make-up auf, ganz wie vor einem analogen Meeting, und klappte meinen Laptop auf. Ich war fünf Minuten zu früh dran, loggte mich ein, der Link zum Videochat  erschien am Bildschirm, und da war sie auch schon, der Kamera noch nicht gewahr, eben noch mit Eintippen beschäftigt, bis wohl mein Fenster bei ihr am Bildschirm aufpoppte, da sie den Kopf hob, mich anlächelte und begrüßte. Sie sah phantastisch aus, zurechtgemacht, frisch und strahlend, ganz wie in meiner Erinnerung. Ihr einladendes Lächeln erwiderte ich, und ich war froh, dass meine Internetübertragung seit dem ersten Lockdown ruckelfrei und reibungslos funktionierte. Denn was jetzt kommen sollte, wurde am besten nicht abrupt unterbrochen. Sie fragte mich frei heraus, was mich zu dem Chatvorschlag bewogen hätte, sie sei überrascht, positiv überrascht, wohlgemerkt, aber sie habe sich schon gefragt, was mir am Herzen liege, dass ich mich nach all der Zeit nach der einen Begegnung und nach der oberflächlich weitergeführten Internetbekanntschaft nun bei ihr gemeldet hatte. Ich hatte mir eine Menge Einstiegssätze zurechtgelegt und sogar laut vorgesagt, von passabel bis indiskutabel war alles dabei gewesen, aber nun hatte sie mit drei, vier Sätzen eine Punktlandung hingelegt, war bereits mitten im Thema. Drum redete ich auch nicht herum, aktivierte mein flüssigstes Englisch und legte los.

„Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du gleich dazu bereit bist, ich freu mich. Und ich will ehrlich sein: Ich brauche deine Hilfe. Ich weiß nicht, was du über meinen Beruf weißt, vermutlich hat dich unser gemeinsamer Freund ins Bild gesetzt, aber kurz gesagt, ich schreibe Pornodrehbücher, zu Beginn waren sie für Frauen gedacht, sie sind recht gut angekommen, jetzt soll es in dieser Richtung weitergehen, aber Paare ansprechen, also die Storys sind wichtig, die müssen passen. Und ich bin gerade bei der Ideensammlung, ich suche Inspiration, wenn du so willst. Das kann sein für ein einzelnes Kapitel eines Erlebnistagebuchs, dachte ich mir, oder auch ein kompletter Erzählstrang, ich weiß noch nicht, wie ich es verarbeite. Und ich dachte, du hast vielleicht Material für mich.“
Ich machte eine kurze Redepause, merkte, wie ich dadurch etwas verlegen wurde, auch gedanklich ins Stocken geriet. Sie nutzte die Stille, um mich – recht erstaunt, aber freundlich – zu fragen: „Wie kommst du ausgerechnet auf mich? Wir kennen uns doch kaum.“ Und sie lächelte, ein sehr vielsagendes Lächeln.
Ich fühlte mich ein wenig unter Rechtfertigungsdruck, versuchte zu erklären, dass ich sie für eine Frau mit einem recht abenteuerlichen, abwechslungsreichen und inspirierenden Sexualleben hielt, als mich ihr lautes Lachen unterbrach. „Meine Liebe, du hast ja keine Ahnung. Unser beider Freund, der ist zwar recht eifrig, aber doch ein wenig einfach gestrickt. Aber was erzähle ich dir da. Du kennst ihn ja. Jedenfalls ist er seit zwei Jahren mein Mann für gewisse Stunden. Da tut sich dann zwar einiges, aber ich bin weit davon entfernt, ein aufregendes Sexleben zu haben. Er ist ja verheiratet, wie du weißt, die Sache vertieft sich also auch nicht, und irgendwann beginnt das, was oberflächlich bleiben soll, sich auch ein wenig langweilig anzufühlen. Also nicht während wir es tun, aber in der Gesamtbetrachtung ist es nicht so, dass es immer knistert und bebt zwischen uns. Der Sex mit ihm ist gut, das weißt du ja selbst. Aber was das betrifft, kann ich dir wohl kaum mehr sagen als das, was du kennst.“ Sie schaute mir, sofern das möglich war von Bildschirm zu Bildschirm, tief in die Augen. Zumindest verweilte ihr Blick lange auf mir. Sie fuhr fort: „Und wenn du es ganz genau wissen willst: Das Aufregendste, was mir mit ihm widerfahren ist, ist bestimmt schon zwei Jahre her. Und das lag auch nur zum Teil an ihm.“ Mir wurde heiß. Sie sah mich wieder lange an. Ich war sprachlos. Sie meinte doch nicht … Doch, genau das meinte sie. Den Abend, den wir bei ihr im Haus verbracht hatten, er und ich. Als er sich vor meinen Augen vor sie hinkniete, ihren Rock anhob, eine selige Ewigkeit darunter abgetaucht war, ihren Körper zum Vibrieren brachte, ihren Mund zum Seufzen und Stöhnen; ihr flackernder Blick auf mich gerichtet, die ich den beiden gegenüber saß, aufgelöst, fassungslos. Als sie mich fixierte, während er sie   –  für mich unsichtbar, aber ich wusste genau, was er da machte, und wie er es machte  – mit seiner Zunge und seinen Lippen liebkoste, lockte, mit seinen kräftigen Fingern verwöhnte, ihr Begehren steigerte, sie in Ekstase versetzte, als sie tiefer in den Sessel rutschte, sie sich nur noch mit Mühe an den gepolsterten Armlehnen festklammerte; und den Blick konnte sie in all der Zeit nicht von mir lassen. Und ich den meinen nicht von ihrer Lust. So pur, so klar, so fern von Verstellung hatte ich selten etwas gespürt wie diese Lust. Sie hatte, in ihrer rohen Kraft, mich dazu bewogen, aufzugeben. Meine Kontrolle, meine Beherrschung, meinen Widerstand gegen eine solche Situation. Denn er, der Mann der Stunde, hatte noch mehr vor. Er war angeheizt, erregt, nicht befriedigt, er war einfach nur süchtig danach, uns beide zu haben. So sehr, wie ein Mann eine Frau haben kann. Es gab keine Abwehr mehr, es war zu spät. Und als sein Kopf aus ihren duftigen Stofflagen wieder zum Vorschein kam, als er ihr einen Kuss auf die Innenseite eines der entblößten Oberschenkel gab und mich gleichzeitig so unverschämt, so unverblümt fordernd, so furchtbar siegesgewiss ansah, konnte ich nicht anders. Ich ließ geschehen, was er wollte, was ich wollte, was sie wollte …

Oh.
Genau das meinte sie also. Sie hatte während unseres Videochats darüber kein weiteres Wort mehr gesagt. Und doch wusste ich genau, wo sie in Gedanken war. Und sie wusste alles über mich.

Dass ich längst nicht alles über sie wusste, sollten mir die kommenden Ereignisse zeigen. Doch davon soll später erzählt werden; besser der Reihe nach:
Unser Videochat hatte geendet, recht abrupt eigentlich. Sie hatte gesagt: „Oh. Ich glaube, du hast diesen Teil deiner Geschichte ganz gut im Kopf und brauchst meine Hilfe gar nicht mehr. Habe ich nicht recht?“ Und sie hatte mir zugezwinkert, hinreißend, wie einem Flirt, den sie bezaubern wollte, was ihr gelang, und sprach weiter, mit gesenkter Stimme: „Ich für meinen Teil muss mich jetzt etwas abkühlen. Aber es würde mich sehr freuen, unseren Austausch ein andermal fortzusetzen. Lass uns in Kontakt bleiben. Oder noch besser: Besuch mich bald. Du weißt ja, wo ich wohne.“ Sie warf eine Kusshand in den virtuellen Raum, und ihr Fenster schloss sich. Ich blickte auf den eben noch so belebten, nunmehr verwaisten Laptop und war perplex.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 20118

Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 8

„Es war schon so heiß an diesem Maitag, dass ich mit der Lara ins Freibad gegangen bin. Sie ist letztes Jahr noch so klein gewesen, konnte kaum laufen, ich hab sie keinen Augenblick aus den Augen gelassen, auch im Planschbecken nicht, obwohl sie Schwimmflügerl trug. Dann wollte ich mich auch mal ganz abkühlen und bin mit ihr ins Schwimmbecken, blieb aber dort, wo ich noch stehen konnte, und hielt sie hoch oder sie schwamm mit ihren Schwimmhilfen neben mir auf dem Wasser.
Weil ich so mit Lara beschäftigt war, bemerkte ich zu spät, dass …“

Sie redete weiter, in Gedanken ergänzte ich dabei das eine oder andere erotische Detail, je mehr sich die Geschichte entwickelte. Gut, damit konnte ich was anfangen. Ich musste  es eindeutig umformulieren, und Kleinstkinder am Beginn oder als Teil einer erotischen Geschichte … Na ja, eher nicht. Das sind doch die Stimmungskiller schlechthin. Die kleine Lara kam also klarerweise raus aus meinem künftigen Porno. Und sie war auch dem hinderlich, was ich hernach in der Umkleidekabine geschehen lassen wollte …

Aber der Grundgedanke und wie sich das Ganze weiterentwickelte, gefielen mir.
Als sie geendet hatte, bedankte ich mich sehr bei meiner langjährigen Freundin  und meinte, das sei schon ein ziemlich guter Einstieg in die Materie, sie habe mir sehr geholfen. Und dann, quasi übergangslos nach unserer Verabschiedung, kaum war das Meetingfenster am Bildschirm geschlossen, tippte ich auch schon für mein Ideenfindungsdokument in die Tastatur, was da notierenswert war:

Wasser umspült das üppig gefüllte Bikinioberteil und hebt die Brüste an. Die schmalen Bänder gleiten von den Schultern, tragen das Gewicht nicht mehr, der nackte Busen wogt sacht im Rhythmus der Wellen, die die Turmspringer am anderen Ende des Schwimmbeckens beim Eintauchen auslösen.

Der jüngere Mann auf der Stiege daneben will gerade das Wasser verlassen, bleibt stehen und kann seinen Blick vom Dargebotenen nicht abwenden. Geht schließlich doch ein paar Schritte die Stiege hinauf, um das Becken zu verlassen. Die Ausbuchtung in seiner Badehose ist nicht zu übersehen. Er wird dessen gewahr, dreht sich rasch wieder um und kehrt ins Wasser zurück, beschämt zur Seite blickend, aber doch auch dorthin, wo noch immer freigelegt ist, was ihn so fasziniert.

Ihr Blick folgt ihm, er ist bereits ein Stückchen weggeschwommen und kommt nach seiner Kehre am Ende des Bassins zurück in ihre Richtung. Sehr langsam knotet sie die Bänder des Bikinioberteils neu, nicht besonders fest, und schaut ihm in die Augen, als er näherschwimmt. Er verwirft diesmal den Versuch, das Wasser zu verlassen, sofort, und schwimmt noch einmal retour, von ihr weg. Sie stößt sich vom Beckenrand ab und holt ihn auf einer Nebenbahn ein, lächelt ihn an, er errötet. Dann lächelt er ebenfalls, und hat er gerade genickt? Eine Weile schwimmen sie nebeneinander, hin und her, her und hin, und schließlich richtet er seine ersten Worte an sie: „Ich bin jetzt genug geschwommen, und du?“

Statt einer Antwort verlässt sie das Wasser, er geht dicht hinter ihr die Stiege hinauf. Am Weg zur Umkleidekabine fällt kein Wort. Er sieht sich kurz um, ob er von ihr oder jemand anderem abgehalten wird, und schlüpft dann zu ihr in die Umkleide. So schnell sind kaum jemals nasse Badeteile zu Boden gegangen …

Ja, es war eindeutig besser, Lara aus dem Plot ganz zu entfernen. Denn wohin mit ihr im Fall des Falles?

Ich driftete gedanklich schon wieder ab. Ich musste mich von der Alltagslebenswelt der Klientel fernhalten, das schien mir klar. Keine störenden Faktoren, Erotik rules! Aber dieses Setting hatte immerhin Potenzial. Nun ging es darum, möglichst viele solcher Geschichten zu sammeln, auszubauen und in eine Story einzuweben, die nicht allzu hanebüchen zusammengezimmert wirkte. Frauen waren dabei wesentlich kritischer als Männer, und das Niveau musste immer stimmen.

Weitere Ideensammlung war angesagt; und ich geniere mich nicht zu erwähnen, dass ich auf der Suche nach Verwertbarem nicht heikel bin. Ich verabredete per Message einen Videochat für den späten Abend, mit der Gespielin einer meiner größten Inspirationsquellen: der Freundin meines Exliebhabers.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 20117

Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 7

„Mein Freund, der Kellner und ich“ war ein sagenhafter Erfolg; in den nordeuropäischen Ländern war er ein ganzes Jahr lang Spitzenreiter bei den Bezahl-Porno-Downloads gewesen, hatte sich auch danach laufend sehr gut verkauft und erlebte nun gerade ein neues Hoch. Und das erstaunlicherweise nicht nur, wie für dieses Genre naheliegend, überwiegend bei Frauen, sondern mit beinahe gleich hohem männlichen Käuferanteil.  Das Management der Filmproduktion vermutete, es lag an den Ausgangsbeschränkungen, die die Menschen ins häusliche Verbleiben zwangen und gemeinsam lebende Paare vermehrt dazu brachten, ihre Sexualität zusammen zu erforschen, zu erweitern und auszuleben. Was bot sich da als Einstieg oder Aufwärmrunde besser an als ein gut gemachter „Porno für Frauen“, der auch Männer gewaltig auf Touren brachte? Eben. Die Logik der Filmproduzenten war stringent: Nachschub musste her, scharfe Ware für Paare, mit Niveau, aber bitte schnell.

Na ja, um ehrlich zu sein, das mit der flotten Textproduktion war nicht so mein Ding. Pech nur, dass ich als Autorin genau damit mein Geld verdienen sollte. Auch hatte ich mich auf meinen Drehbuchlorbeeren anscheinend zu gut ausgeruht und schon länger nichts Einschlägiges mehr geschrieben, konnte ich doch bequem von den weiterhin sprudelnden Filmeinnahmen leben. Ich war eindeutig außer Übung, uninspiriert außerdem. Was passierte schon in meinem Leben? Aber dies war ohnehin ein Anfängerinnenfehler, nur im eigenen Teich zu fischen, was Ideen betraf. Oft ging ich aus, um Szenen und Eindrücke zu sammeln, beobachtete flirtende Singles und spann deren Geschichten dann in meiner Fantasie weiter. Doch nun die ganze Zeit, bis auf den täglichen Spaziergang, daheim zu verbringen, förderte nichts Neues, Spannendes zutage. Und genau das war gerade gefragt, fürs dürstende Publikum, für jene, denen es ebenso erging wie mir. Eine vertrackte Situation.

Und dann, inmitten eines Videochats mit einer sehr vertrauten Freundin, kam mir die Idee: Wo derzeit beinahe alles digital passierte, war vielleicht meine Ideenquelle auch hier zu finden? Ich lenkte das Gespräch auf erotische Fantasien, auf sexuell aufgeladene Stimmungen, und fragte sie, ob ihr nicht irgendetwas einfiele, das ich ins künftige Drehbuch einarbeiten könnte. Sie lachte laut, wirkte plötzlich sehr fröhlich und meinte, gerade gestern habe sie an eine Situation im Frühsommer vor einem Jahr gedacht, als so ziemlich alles noch völlig anders war. Ich war ganz Ohr.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 20116

 

 

Liberté complet

PROLOG

„Weißt Du, wo hier die nächste öffentliche Toilette ist?“, grinste der Mittvierziger das blonde zarte Mädel mitten im Grünen schelmisch an. Sie verneinte, seine Hosen färbten sich vom Schritt hinab dunkel, und es ergoß sich ein Lackerl über seine Schuhe. Er mußte wohl vorher literweise getrunken haben, um genau diesen Effekt zu erzielen.

Eine – nennen wir sie eine Art von Freundin von mir, es tut nichts zur Sache – erzählte mir unlängst davon. Eine wahre Begebenheit, nichts davon erfunden oder beschönigt.

„Oh, zu spät!“, lachte er dann, sich dabei den Bauch haltend und scheinbar ungläubig immer wieder auf sein Hosentürl blickend. Er hatte es darauf abgesehen gehabt, so meine Art Freundin. „Zu spät!“, „Ha ha“, lachte er, während seine Hosen klitschnaß geworden waren. „Zu spät!“, lachte er immer wieder wie ein Irrer, „Zu spät, haha!“. Ob er sie auf einen Kaffee einladen könne, sie verneinte dankend. Seltsam? Aber so steht es geschrieben. Er empfand Wonne dabei, sie Abscheu und auch ein wenig Angst, die wenigstens durch ihre beiden kräftigen Hunde gedämpft werden konnte. Im Beisein der beiden Hunde und dieser Art von Freundin ließ er alles los. Er befreite sich. Es war Absicht, so dürfen wir alle annehmen.

 

LIBERTÉ!

>Be-kennt Euren Glaa-hau-ben ... Wir glauben an die eine katholische und apostolische Kirche …< So tönt es gerade aus dem Radio. Nachnationaltagsfeiertagssonntagsradiogottesdienst neben einem weichen Ei und etwas Ingwertee. >Gott unser Vat-haaa! Wir bitten Dich, erhöre uns …<

Doch was war zuvor geschehen? Wer hatte mich gestern erhört und angenehm verstört? Es war Viennale und es war Albert Serra, mein Lieblingsregisseur, ich war gepilgert, und er war gekommen. Ganz in Schwarz, wie seine Filme, ein weißes Hemd, darauf eine dunkelblutrote Krawatte. Der Katalane. Der Guru. Schon vor sechs Jahren hatte ich – damals noch Viennalennovize – durch eine damalige gewesene sogenannte Lebensabschnittskurzpartnerin auf das Filmfestival aufmerksam geworden, einen seiner Filme ausgewählt. Es war weiland das historische Metrokino, Mitzi (alle Namen von der Redaktion geändert) fadisierte sich, als da fast drei Stunden lang Casanova fraß, schiß, vögelte, dabei genüßlich grinste und schließlich in der Pampa auf den Grafen Dracula traf. Schräger geht’s nimmer. Einige verließen den Kinosaal, Mitzi verzog das Gesicht, seufzte, lugte andauernd auf die Uhr, ich aber genoß. Endlich einer, der die wesentlichen Dinge des Lebens anschaulich machte. Endlich einer, auf den man sich verlassen konnte.

>Betet, Schwestern und Brüder, daß mein und Euer Opfer Gott dem Allmächtigen gefalle.<

Casanova, mit weiß auftoupierter Perücke, grienend Hühnerkeulen und knackende Hummer schmatzend, gepudert, zartrosa Rüschenhemd, Schönheitspunkt, von hinten eine Mätresse belebend und anschließend beim Stuhlgang gesichtet. Dracula als das Ende der Welt. Der ganze Kreislauf des Lebens in all seiner Schönheit eingefangen.

Albert Serra gestern in der Urania. LIBERTÉ. Ich wußte und wir alle wußten, was wir erwarten dürften. „I guess you all know what is expecting“ so der Maestro launig-trocken vor der Vorführung.

>Nehmet und esset alle davon, das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird< tönt es gerade aus der Radiomesse.

„There is some pain, and also sex!“, und Serra lächelte ein wenig.

> … zur Vergebung der Sünden, tut dies zu meinem Gedächtnis.<

Im Viennalefolder hieß es, daß da ein paar Libertins des späten 18. Jahrhunderts wie Vampire kurz vor dem Verdursten durch die Nacht torkeln. „Allerdings sind nicht alle Körper für die eigenen Ideale gebaut. Als Zuschauer wird man zum Voyeur eines bizarren Spektakels, in dem die männliche Potenz zur großen Abwesenheit im lüsternen Halbdunkel einer lüsternen Erwartung wird.“

Es ist Wien, es ist Ende Oktober, die mystisch skorpionische Zeit des Werdens und Vergehens, der Liebe und des Todes hat bereits begonnen. Halloween, das Tor zur Anderswelt, steht kurz bevor. Die Viennale weiß, was sie wann zu bieten hat. Heart-shaped box.

Mitten im Wald, der sich real in Portugal befindet, erzählt ein junger höfischer Gecke frankophon von der Hinrichtung eines der Attentäter (?) von Ludwig XV., der anschließend gevierteilt wurde, „nur sein Kopf schrie weiter bei vollem Bewußtsein. Das konnten sich drei Damen, Herzoginnen im Range, genüßlich nicht entgehen lassen.“ Hieß es da sinngemäß in der Originalfassung mit englischen Untertiteln. Das alles erinnert ein wenig an „Das Parfum“ von Patrick Süskind, ähnliche Epoche, ähnliche Topographie, diverse Hinrichtungsstätten als zentrales Memento mori und als Dreh- und Angelpunkt von Wort und Bild.

Da treffen sich in einer Kutsche le Duc, der Herzog, also der unvergeßliche Helmut Berger in einer Prinzenrolle, und ein Gesandter von Friedrich dem Zweiten von Preußen. Worüber verhandelt wird, ist wurscht. Es geht nicht um die Handlung. Man parliert einmal en Allemand, um dann wieder unvermittelt ins Französische zu wechseln. Alleinegelassen wolle er sein, le Duc.

Da kommen Menschen ins Spiel, dicke, behaarte, zwergenhafte, große, Männer und Frauen. Da wird von Schmerz gesprochen, auch plötzlich auf Italienisch. Herzog Helmut mutiert stante pede zu il duca! „Senta, duca!“ heißt es da salbungsvoll und es verfehlt seine Wirkung nicht. Ebenso wenig wie die Hermann-Nitsch-haften-Szenen, in denen eine junge, splitternackte, an den Händen an einem Baum aufgehängte Maid nächtens mit Kübeln einer weißen, trüben, zähen (eventuell selbstproduzierten, gar anthropogener Provenienz?? ...) Soße überschüttet wird und sich unter ihren Schreien und ihrem Betteln nach mehr ein wilder Komparse sein Gemächt an ihr reibt, bis sie unter Winseln und Lustgeschrei, das schließlich in ein wollüstiges Wehklagen mündet, endlich reif wie Fallobst im Oktober auf den kalten Erdboden knallt.

Grausamkeit ist keine Disziplin des Albert Serra. Das sind fleischgewordene sadomasochistische Dämmerungsphantasien, wie sie sich der weiland nackt angekettete Hermes Phettberg, größter genialischer Windelhosenwichser vor dem Herrn, nicht hätte bombastischer ausdenken können.

Da belauern sich dann wieder ein paar junge Mannen minutenlang im Gebüsch, olivenfarben die Haut, quellend der Schritt, um sich dann homophilen Dreierkonstellationen hinzugeben. Doch auch die holde Weiblichkeit kommt nicht zu kurz. Sadovoyeuristische Szenen, lesbische Streichelungsszenarien in Reifenkleidern à la Madame Pompadour wechseln sich ab mit mißlungenen Koitusversuchen und den einhergehenden Bestrafungen erektil dysfunktionaler masochistischer Natur. Albert Serra schöpft aus dem Vollen und läßt hier nichts aus. Dort ein stöhnender (Schein?)-Dreier von zwei dickwänstigen Pagen und einem kleinwüchsigen Voyeur, dort eine exhibitionistische Kopulation in der Kutsche, die sich dann doch bloß als Leckorgie a tergo entpuppt.

Enttäuscht? Iwo. Dafür sorgen dann doch ein paar Lustschreie, wenn der alternde Conte (?) unter bestialischem Gebrüll minutenlang um weitere Züchtigungen mit der Reitgerte bettelt. Sein Arsch ist dabei schon so blutig geknallt wie ein Steak in den ersten Minuten am Grill. Daß das alles echt ist, wird Don Albert später in katalanischem Akzent bestätigen, „the whipping really hurts a lot, i’ve tried it on my leg!“

>Herr unser Gott, gib daß deine Sakramente in uns das Heil entfalten, das wir verlangen, damit wir einst …<

Der Conte (oder sonstwer, ist eigentlich egal und für den Plot komplett wurscht) winselt und man glaubt, daß er bald das Zeitliche segnen wird, weil er so erschaudernd laut heult, wie ein Schwein, das man langsam absticht. „Donnez!“, schreit er weiter, „Gebt es mir! Ich befehle es Euch! Oder wollt Ihr so lächerlich sein wie ich selbst?“, liest man da sinngemäß in den englischen Untertiteln. Ich lache etwas erleichtert, auch, um mich von den harschen Bestialitäten auf der Leinwand innerlich ein wenig abzulenken.

Sie lassen von ihm ab und er winselt leiser.

Ein anderer alternder Geck will, daß sein junger Widerpart das Erbrochene einer Geliebten während des Aktes zu sich nimmt. Avec plasir, erwidert nunmehr dieser, er werde es internalisieren und es ihm am nächsten Tage verdaut zum Geschenke machen. Oh, meint darauf der Erstgenannte, er habe den anderen wohl tatsächlich unterschätzt. Dieses Prozedere, diese parabiologischen Vorgänge sieht man zwar (Gott sei Dank) nicht, aber bereits der Gedanke ist grausig genug. Mon Dieu.

Einige Menschen verlassen den Kinosaal.

Wieder ein paar Minuten dunkles Dahin-Stelzen durch den Wald als Abkühlung. Wiederholtes plakatives Gähnen eines Kinobesuchers weit rechts. Böse Blicke meinerseits in der ungesehenen Düsternis nach rechts. Die lemurenhaften Antihelden im Zwielicht dieser roman(t)ischen Nacht spionieren, kriechen, stöhnen in der Zeitschleife eines unendlichen Kontinuums und lecken, knebeln, flagellieren sich gegenseitig weiter völlig losgelöst von Handlung, Sinn, Telos, Topos oder Chronos. Ein erlebnisparkhafter cineastischer Swingerclub im Kopf für ein paar aristophile Postromantiker mit einem Faible fürs außergewöhnlich Lustig-Dreckige.

Ich warte fast nur darauf, daß eine oder einer auf den plüschig-roten, ja beinahe freudenhausmäßigen Nebensitzen, zu denen ich mir sorgfältig mit meiner neuen maßgefertigten Hirschlederjacke und meiner englischen Steppjacke eine natürliche Barriere aufgebaut hatte, das Hosentürl aufmacht und anfängt mitzumachen. Deo gratias erfüllt sich diese meine Befürchtung nicht, wir sind halt immerhin doch noch im Ersten und nicht im Nonstop-Kino am Ottakringer Gürtel, wo dies dem Vernehmen nach Usus sein soll …

Zur weiteren Erbauung ein paar angedeutete Masturbationsszenen, etwas Herumgewälze im Laub und schließlich die Erlösung: Golden Showers für einen kleinwüchsigen Gecken. Zunächst spreizt eine barbusige Hofdame (angeblich eine Art Äbtissin, aber auch diese Andeutung geht im viersprachigen Sprachpanoptikum mangels Relevanz ohnehin unter, weil absolut nebensächlich) ihre schlanken Beine sehr weit, hockt sich über ihn hin und läßt aus ihrem unrasierten dunklen Geschlecht einen halben Ozean auf den (bedauernswerten oder beneidenswerten?) Gesellen plätschern. Dieser reibt sich sein runzliges Gemächt und wähnt sich im Elysium. Zu schön ist diese dunkle Scham! Zu herrlich diese Brüste, diese weiße Perücke und die weiße, glatte Haut! Bebende Brustwarzen.

Schließlich finden die Bäche ihre Verstärkung durch Compagnons, die scheinbar unablässig wie aus tausend Fässern ihren goldenen Nektar auf den beinahe versinkenden Körper des kleinen Herrn laufen lassen. Was wie ein Wunder scheint, ist nur eines: Liberté. Freiheit durch Brunzen. Sich also sozusagen Freipissen, alles auch sich herausludeln.

Cosi fan tutte. Junge Römer. Wir spielen jedes Spiel. Daß in einer unbedeutenden Nebenszene der eingangs erwähnte Duca, Herzog Helmut von und zu Berger, von hinten meuchlings ermordet wird, ist angesichts der Kürze der Szene und des Gesamtkontexts vor allem wieder eines: völlig wurscht.

Einer weniger macht das Kraut also den Wald auch nicht fett.

>so bringen wir Dir das heilige und lebende Opfer dar ...<

Was man aber tatsächlich nie explizit vor die Linse bekommt, ist ein erigiertes männliches Glied. Allesamt sind sie schlafend, friedlich oder höchstens urinierend. Der junge Geck sagt, voyeuristisch beiwohnend, zum alten sinngemäß: „Er (der Dritte, Beobachtete) war schon lange nicht mehr hart. – Wichtig ist auch das Innere, das Erlebte. – Ich glaube lieber das, was ich sehe. – Was zählt, ist die Imagination.“ Schade vielmehr für die interessierte Herrenwelt, daß die organische Weiblichkeit sich immer nur unter einem dunklem Haarwald mystisch erahnen ließ …

Schließlich bricht die Dämmerung über den Wald herein, zu den sonst im Film üblichen Waldgeräuschen gesellt sich etwas Musik und etwas Tageslicht umschwebt die Baumkronen wie Schlagobers eine duftende Melange.

Bei diesem Film weiß ich nicht, ob es sich um absoluten Schwachsinn oder um eine überdimensionale Genialität oder irgendwas dazwischen handelt. Verhaltener Applaus. Beschämung. So eine Palme in Cannes cann [sic!] doch nicht irren!?! Sollen sie lachen oder fluchen? Kaltwarm. Bringt uns (auf) die Palme. Doch, ganz ehrlich: Serra erfüllt mein Universum mit dem Besten. Abgesehen von den Bestialitäten ist es für mich eine intellektuellere Anti-Mainstream-Version von „Interview mit einem Vampir“ mit Brad Pitt aus den Neunzigern, das aber auch nicht ohne war, wenngleich auch weniger explizit sexuell und nihilistisch-infantil. Wer wie ich gerne einmal auf den Zentralfriedhof fotografisch spazieren geht oder zu Halloween vulgo Prä-Allerheiligen ins mystische Venedig wandelt, wird – wieder einmal ganz in der hohen Schule von Eros und Thanatos – seine nicht unhelle Freude an diesem Leckerbissen haben. Eine apokalyptische Irrfahrt in Sloterdijk’sche Tiefen, die Wiener Urania als Darkroom der überschrittenen Grenzen von Raum, Zeit und gutem Geschmack.

Ach, wie schad, daß Wir „Le mort de Louis XIV.“ von Ré Albert noch nicht gesehen haben. Wird noch. Todsicher!

Wir, also ich, lauschten noch seinen Ausführungen im Anschluß an den Film, die da in etwa waren: „some people said it seems like i’ve just abandonned the actors on a stage. and somehow it was like that. J i also wanted to have a great name on the set that’s why i chose helmut berger. we had to bring him in a good condition before. we’ve just spent 3 weeks on the script. some oft the actors where no professional actors but people from a facebook casting or technicians or friends. i basically wanted to show aristocrats in the 17th century without any rehearsal in a dark mood. sensual! with nudity. It was tricky. the tension. the loss of control by this nudity. you expose yourself, there was no communication between the actors in the darkness. the friction between the actors was real, also the golden showers (which was made by several guys). the whipping was real and painful.

i put together handsome people, ugly peoply, young people and old people and looked what would happen. masters and servants. this was complex! i love pasolini as a director. he was a master! nudity provokes tension. the end of the movie with the daylight was the end of a dream. like if you are leaving a discotheque in the morning and recognise: the night is over. the whole project was also influenced by casanova and foucault.“

Ein filmisches Sozialexperiment sondergleichen sozusagen. Echt nicht ohne.

Dann mußte ich gehen, denn ich hatte mich für neun mit einer Frau im Altwien verabredet, die meinen ersten Roman ganz glänzend fand und die darin auch etwas 18es-Jahrhundert-haftes entdeckte. Etwas Pompadourhaftes. Ich erschien eine halbe Stunde zu spät zum Treffen, weil ich Serra lauschte, der immer noch nicht aufgehört hatte, zu plaudern, ich wollte ihm eigentlich noch eine Frage stellen und ihm das Kompliment machen, daß er mein wirklicher Lieblingsregisseur sei, und das seit Jahren, doch ich ging. Zuerst endlich aufs Klo (my private golden shower, moralisch astrein und ethisch bedenkenlos). Und dann ins Altwien. daß ich soviel später kam, mache ihr nichts aus, sie saß schon im Lokal und hatte schon drei weiße Spritzer intus. Sie strahlte mich an.

>Laßt uns beten, so wie der Herr uns zu beten gelehrt hat.<

 

EPILOG

Jemand, den ich gut kannte, fuhr vor kurzem ins Südburgenland des einundzwanzigsten Jahrhunderts zum Schreiben in ein kulturelles Refugium, in dem auch ich vor kurzem gewesen war, auch ein älterer, seit neustem auch überregional recht bekannter unsteter, nicht unbegabter südösterreichischer Literat (Marke: Feuilletondarling der landwirtschaftlichen Bezirkszeitung, immerhin ausgezeichnet mit der PEJNLICHKEJT-Medaille eines bekannten Möbelhauses, Bohnensuppenfetischist) mit stark verbesserungswürdigen Manieren, unvorhersehbarem Gestus und fragwürdig-abstrusen Ausschweifungen, war außerdem schon einmal dort gewesen. Als dieser jemand mit seinem ausgeborgten Klapprad in einen dörflichen Kreisverkehr bog, schnitt ihn fast ein riesiger sauteurer Bauerntraktor. Der Landwirt, dem dieser richtig dicke und sauteure Traktor mit den mannshohen Zwillingshinterreifen augenscheinlich gehören mußte, schrie vom Sitz herunter auf den Radler: „Du Oarschloch!“, und hupte erschreckend laut und überholte knapp und preschte auf der burgenländischen Ortsstraße vor. Der Radfahrer hob spontan den Daumen und deutete dem Traktorfahrer im Rückspiegel „thumbs up!“. Er hatte es ironisch gemeint. Mehr brauchte es nicht mehr. Der bäuerliche Traktorfahrer fuhr rechts heran und parkte seinen Traktor im Straßengraben und sprang von seinem wuchtigen Gerät mitten auf die Straße. Er war voller Zorn bereit gewesen, den Radfahrer von seinem alten Rad zu zerren und Gewalt an ihm und gegen ihn anzuwenden. Diese Region mutet bisweilen als rechtsfreier Raum an, es gilt das naturrechtliche Faustrecht, die sogenannte Freiheit des Vorschlaghammers und der Mistgabel.

Der Radfahrer trat mit voller Kraft in die Pedale und zielte auf den schmalen freien Straßenbereich zwischen aggressivem Traktorfahrer rechts und tiefem Straßengraben links und fuhr mit voller Kraft konzentriert voraus. Der Bauer aber, ja der Bauer! Der stand unmittelbar neben dem knapp rechts an ihm vorbeidüsenen Radfahrer und, anstatt ihn vom Rad zu stoßen, sammelte er seine gesamte Spucke und spuckte dem Radfahrer mitten auf den Körper. Eine bäuerlich-aggressive Munddusche sozusagen. Es war ein sehr kurzer, schnell passierender Moment gewesen, sodaß der Bauer nicht wirklich gut zielen konnte. Vielmehr befanden sich danach lauter kleine weiße Spuckepunkte am grauen-Umbro-Kapuzenpullover des Radfahrers, wie dieser später zuhause entdeckte. Hatte Friedrich Barbarossa noch ein rot-weiß-rotes Hemd vom Blut der Schlacht gehabt, so hatte unser unbekannter Radfahrer einen grau-spuck-grauen Pullover von Umbro erhalten. Es spukte nicht nur, nein es spuckte im Südburgenland. Was wäre passiert, wenn der Radfahrer stehen geblieben wäre und ihm 1. die Hand zum Friedensgruß gereicht hätte oder 2. ihm das blanke Hinterteil als Desavouierung gezeigt hätte oder 3. ihm ebenso ins Gesicht gespuckt hätte?

Man wußte bei dieser Sorte von Menschen insbesondere in Österreich nie, ob der Bauer nicht mit der Mistgabel oder dem Gewehr wiederkommen würde und Ausschau nach dem grauen Pullover gehalten hätte. Er würde die „Schuld“ bis zu den Generationen der Nachkommen rächen wollen. Und sie entweder in einen Keller sperren oder alle auspeitschen, aufhängen und niederpissen. Man macht hier A-A. Alltäglicher Austroprovinzieller Agrarsadismus. „… das ist kein guter Menschenschlag hier, sagte der Doktor … das Lächerliche geht von der Spitze aus ... unser Staat ist eine kleinbürgerliche Unzucht ... das alles sind Untergangssymptome, wie die Menschen: Feinde der Klarheit, die Erniedriger des Verstandes, seine Schöpfer, einer lacht und einer weint. ... die Menschen, die Rechtfertiger ihrer schweinischen Schönheitsfehler ... und alles Naturgeschichte, alles, Urin und Sprache, phantastische Irrtümer eines zwerchfellerschütternden Gottes … die Menschen sind mit Vorsicht zu genießen, jedes Gesicht ist eine Falle, in die man hineintritt  … das ist kein guter Menschenschlag hier, sagte der Doktor, die Leute sind verhältnismäßig klein, man steckt den Säuglingen Schnapsfetzen in den Mund, damit sie nicht schreien … alle im Rausch gezeugt, müssen Sie wissen … größtenteils kriminelle Naturen … Die schwere Körperverletzung und die Unzucht und die Unzucht wider die Natur sind an der Tagesordnung. Die Kindesmisshandlung, der Mord, Vorfälle für Sonntagnachmittage. … Man wünscht sich ein Schwein, kein Kind … die Schulen haben den allerniedersten Standard und die Lehrer sind niederträchtig, verachtet ... Frühreif sind die Kinder, die man hier sieht. Verschlagen, o-beinig, mit Ansätzen zum Wasserkopf. Die Mädchen bleich und dürr und von Ohrringlocheiterungen geplagt … ich habe noch nie einen schönen Menschen gesehen in diesem Land … Die Mädchen verficken sich …“[1] Liberté. C’est rare. Realité. C’est surtout.

> Gehet hin in Frieden! – Dank sei Gott dem Herrn.<

[1] Aus: Thomas Bernhard, Argumente eines Winterspaziergängers. Zwei Fragmente zu Frost.

Elmar Mayer-Baldasseroni
https://elmarmayerbaldasseroni.wordpress.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 19124

(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet und der Text großteils im Original belassen.)

 

Dormire a Roma

Ich weiß nicht, ob das wirklich alles passiert ist. Nachdem, was sie mir an diesem Julisamstagabend am Telefon über sich und ihre Familie erzählte, war mir mehr als klar geworden, daß sie an einer mehr als tiefgreifenden Bewußtseinsstörung beziehungsweise einer gleichwertigen, durch sogenannte verbotene Substanzen hervorgerufenen seelischen Störung litt, wie sie selbst zugab, als ich sie frage, ob sie selbst schon eine therapeutische Behandlung angedacht hatte und sie zögernd erwiderte, daß sie schon seit beinahe vier Jahren in Betreuung sei.
Am nächsten Abend lud sie mich für acht und es gab Kabeljau und Weißwein, mit einem rauchig-gehauchten Hey empfing sie mich wieder in ihrer kleinen Wiener Wohnung, ihr schönes Gesicht und das quadratische Zimmer mit Doppelfensterblick aus dem zweiten Stock empfingen mich freundlich.

Von ihrem Internationalen Kongress in Rom, zudem sie morgen aufbrechen würde, erzählte sie mir. Sie würde dort mit Agathe und Hans in einem Zimmer schlafen, Hans sei außerdem ohnehin bereits vergeben. Ich bemerkte, daß ich hoffte, daß er wenigstens häßlich sei, sie meinte neckisch, daß sie sich in Rom gemeinsam die Nächte um die Ohren schlagen würden. Beschwipst vom Weißwein begann ich auf der Couch Gitarre zu spielen.
Klein war sie, aber verführerisch, wir gingen nach noch einem Bier in ihr heißes Schlafgemach mit Fenster zum taubenübersäten Innenhof und erkannten einander heftig. Danach frug sie mich, wir waren damals gerade drei Wochen zusammengewesen, ob ich Kinder mit ihr wolle, ich sagte, ja, schon irgendwann, sie meinte, sie müsse nur mit den vielen Tabletten aufhören. Gegen vier schliefen wir schließlich ein, das Bewußtsein entschwand uns in der Gluthitze der Bratpfanne im zweiten Stock und wir wachten gegen neun auf, als die Tauben laut gurrten.

Es ging alles sehr rasch, ein paar Kleidungsstücke verschwanden im Rucksack, als plötzlich der Anruf von Agathe, ihrer Kollegin, kam, die nun doch nicht mitreisen konnte, da deren Oma im Sterben lag. Ich war perplex und meine Eifersucht flackerte lichterloh, was ich aber zu verbergen suchte. So würde sie wohl in Rom im selben Bett alleine mit Hans schlafen! Daß ich ja nun anstelle von Agathe das vorreservierte Ticket beanspruchen könne, also den Sitzplatz im Nachtzug und den Platz im Appartement in Rom, meinte sie, ich war plötzlich in einen unglaublichen Entscheidungsnotstand geraten und mir überschlugen sich die Gedanken beim Hinuntergehen der Stiegen.
Am Westbahnhof angelangt, meinte sie, ich solle doch wirklich spontan mitkommen, mit nichts als Jeans und einem Poloshirt bekleidet wäre es doch ein echtes Abenteuer, nach Rom mitzureisen, ich entgegnete, daß dies zu wenig Kleidung sei, sie führte ins Treffen, daß mir Hans ja etwas von seinen Sachen borgen könnte, worüber ich etwas lachte und worauf ich wahrheitsgemäß erklärte, daß ich meinen Reisepaß nicht mit mir führte, sie meinte, ich solle einfach nachher rasch in meine Wohnung fahren und meinen Paß mitnehmen und den späteren Zug nehmen.

Ich geriet in Anfechtung angesichts dieser Verheißung. Schon schossen wir über die Rolltreppe hinaus und trafen Agathe, die sich entschuldigt hatte und Hans mit dessen Lebensabschnittspartnerin Anna. Anna war rotblond-gedrungen und bäuerlich-feist, Hans stämmig, dunkelhaarig mit einem vollbärtigen Wissenschaftlerlächeln und Wiener Dialekt. Die weißroten ÖBB-Lokomotiven standen stoisch auf den Geleisen wie stumme Sklaven. Wir stießen zum Waggon vor, sie beklagte, keine Zigaretten mehr gekauft zu haben und küßte mich, ich wiederum umarmte sie und warf noch einen prüfenden Blick auf Hans, der mir freundlich aus dem Schlund des Railjets entgegenlächelte. Schon waren sie am Horizont verschwunden und das weite Land hatte sie beide verschluckt.

Ich fuhr heim, voll des Grübelns, ich war unschlüssig und rang mit mir selbst. Plötzlich kam ein SMS vom ihr. Ob ich mich schon entschieden hätte, frug sie mich, denn sie würde ansonsten den noch vakanten Platz im römischen Appartement an Hemma, eine reifere Tiroler Kollegin, vergeben. Daß das ganze eben viel Geld kosten würde, daß ja auch dauernd Hans im Zimmer sei, daß sie ja tagsüber auf der Tagung sei gab ich ihr rasch zur Antwort, es war ein Kreuzfeuer der Gefühle und Gedanken, eine absolute Zermürbung. Ach komm, schrieb sie, wenn die vier Kinder daseien, ginge das alles ja eh nicht mehr. Und ich würde ja nicht an Zufälle glauben.
Nach einer Weile rief ich sie dann an, sie sagte, sie sei gerade in Wels und es wäre echt schön, wenn ich mitkäme. Ich sagte, ich überlege, aber es sei echt nicht einfach für mich. Sie sagte, ich solle einfach noch überlegen, aber es wäre zu schön, ich sagte, ich überlege. Wir legten auf und in Villach rief sie mich nochmals kurz an und ich sagte ihr, daß es mir so leid täte, daß ich aber nicht einfach so nach Rom fahren könne, sie meinte ernüchtert und ernüchternd, daß wir nun wenigstens eine Entscheidung hätten. Ich schickte noch eine verzweifelte SMS-Nachricht nach, daß das alles so zermürbend sei und daß es mir leid täte und soff steirischen Whisky mit Schampus. Sie antwortete nicht mehr an diesem Tag und ich grübelte weiter.

Am nächsten Tag erwachte ich um halb elf in erheblicher Besorgnis, denn sie hatte immer noch keine SMS-Nachricht gesandt. Ich kreiselte und verlor fast das Bewußtsein, dieser Kreisel, dieser Sog war sie. Ich fuhr an die Uni, endlich, eine Mail von ihr, sie habe ihren Vortrag am nächsten Tag, ich solle an sie denken. In mir wuchs dennoch die Unruhe stets mehr und mehr zu einem unheilvollen Gebräu heran und wilde Gedanken überschwemmten mein Herz.
Als ich am Fenster zum Innenhof des Institutsgebäudes stand, um zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen, hatte ich eine Vision, ich erblickte im dritten Stock an der gegenüberliegenden Seite ein rosafarbenes Kolosseum, das an eines der oberen Fenster geklebt war. Die Entscheidung war also klar. Ich rief nochmals die Auskunft  an, es gebe noch ein Ticket nach Rom, ich war hin- und hergerissen.

Schließlich buchte ich per Telefon die Tickets, packte ein paar Sachen in den Rucksack. Ich war mehr als gespannt, wie sie das wohl aufnehmen würde. Ich fuhr mit der U 6 zum Bahnhof und setzte mich gespannt in den Zug, kurz vor Klagenfurt rief sie mich aus Rom mit einem freudigen Unterton in der Stimme an, sie sagte, ich solle ein Hotelzimmer für uns finden und sie freue sich und ich war glücklich. Ich dachte an Rom mit seiner erotisch-inhärent-tragisch-morbid-sexuellen Atmosphäre, eingetunkt in die Schwaden des Vergänglichen und emporgehoben in den Olymp des Emotional-Libidinösen.

Als ich gegen halb zehn aus dem Zug ausstieg, atmete ich römische Luft, berührte römischen Boden, ich fühlte mich frei wie ein Adler, ich sprintete zum Ufficio del turismo und buchte ein Zimmer für zwei neben der Piazza di Spagna. Das teilte ich ihr gleich freudig per SMS mit, und ich war etwas stutzig, als sie plötzlich ungewohnt kühl schrieb, daß sie noch einiges am Kongress zu tun habe, sich aber zeitgerecht melden werde, das unterfertigte sie mit den Worten Enjoy Rome.
Ich war innerlich etwas enttäuscht, fuhr per Metro, in der sie traurig Albinoni musizierten, in die Unterkunft in der Via Romagna, zahlte und bezog das Zimmerchen im fünften Stock, der Lift war klapprig, die Rezeptionistin freundlich.
Ich packte meine Sachen aus, fuhr nach unten und setzte mich in ein Caffè. Ich schrieb, daß sie sich Zeit lassen solle, auch wenn mir zunehmend mulmig wurde, die Distanz zwischen uns war nun kleiner geworden, die Atmosphäre zwischen uns jedoch um Klassen entfernter. Sie schrieb sehr trocken zurück, daß ich sie gegen vier abholen solle in ihrem Appartement in der Nähe der Via di Panico.

Schließlich bewegte ich mich zu Fuß in ihre Richtung und gelangte schließlich zu der von ihr genannten Adresse, eine belebte Straße, ich klingelte, niemand meldete sich, ich schrieb ihr ein SMS, sie schrieb zurück, daß sie gleich kommen würde. Nach etwa fünf Minuten war sie endlich da, klein wie immer, mit etwas zerrauftem Haar, anders, zerzauster als sonst, ihre Augen waren kalt und trugen eine bestimmte Boshaftigkeit in sich, da waren zwei schmale Augenschlitze, ein Trolleykoffer und eine Umhängetasche. Sie umarmte mich zaghaft, ein Anflug eines Kusses auf meine Lippen. Sie, die mich drei Tage zuvor noch beschworen und bedrängt hatte, ihr in die sogenannte ewige Stadt nachzureisen, sie wies mich in diesem Moment beinahe von sich, sie behandelte mich nun wie einen Fremden. Sie war gekippt, war auf Droge.

Ich war ein Unwillkommener in einer fremden Stadt. Da war kein Anflug von Freude, sie fragte lediglich, ob mein Ticket nicht sehr teuer gewesen sein müsse, ich stieß innerlich angeschlagen, nach außen hin Contenance wahrend, hervor, daß mich eben Rom sehr gelockt hatte. Wir nahmen die Metropolitana und die Fremde neben mir, meine instabile Freundin, und ich fuhren zur Piazza di Spagna, nahmen im Hotel angekommen in aller Stille den Lift, und schließlich zeigte ich ihr unser Gemach, sie frage mich, ob ich mit ihr zum Abendbankett im Senatorenpalast gehen wolle, es koste siebzig Euro, ich war einverstanden. Ich solle mir aber unbedingt einen Anzug oder zumindest ein Sakko kaufen, sagte sie, denn das, was ich mitgenommen hatte, Poloshirts, sei für ein Abendbankett im Palazzo Senatorio untragbar.
Auch der Hans habe schließlich ein Sakko mitgenommen, ließ sie mich wissen. Ich bekam ein schlechtes Gefühl, schließlich zog ich ein blaues Ralph-Lauren-Poloshirt an und darüber meiner grüne abgewetzte britische Wachsjacke. Sie frug mich, ob sie zum mitternachtsblauen Kleid dunkelviolette Strümpfe tragen solle, ich meinte, dunkelviolett stünde ihr gut, die liturgische Farbe der Buße und der Trauer, passend für sie, tief, unberechenbar, undurchsichtig-gläsern, das alles war sie, sie war als römische Diva sehr hübsch anzusehen und ich mußte ihr den Reißverschluß schließen. Ihr gutgeformter Busen, Größe Bella, der mir schon viel Freude bereitet hatte, war ansehnlich verpackt, ich war schon jetzt eifersüchtig auf Hans gewesen.
Was Hans denn gesagt habe, als er erfuhr, daß ich nachgereist sei, frug ich sie, nichts, meinte sie, angeblich nichts, dachte ich.

Wir fuhren ein paar Stationen mit der Metro, sie erzählte, daß sie gestern noch bis spät in die Nacht hinein mit Hans ihren Vortrag gefeiert habe, im Café neben ihrem Appartement, und wie herrlich das nicht gewesen sei. Schließlich erreichten wir in der inhärenten Tragik des kühlen römischen Regens den Senatorenpalast. Er bot einen vornehm-feudalen Anblick, bei der Garderobe nahm man uns charmant die Oberbekleidung ab und wir bahnten uns den Weg in den kleinen Festsaal, wo uns Kir Royal und Brötchen dargeboten wurden. Eine besondere Schwere lag über diesem feierlich-traurigen Festsaal, so als ob ihn Albinoni selbst in die zärtlich-venezianisch-maritime Trauer seines Adagios in g-Moll eingehüllt hätte.

Sie nahm links von mir Platz und am restlichen Tisch versammelten sich irgendwelche internationalen Wissenschaftlerkollegen und sie plauderte mit ihnen über ornithologische Resultate und Methoden und über die angeblich zu üppige Opulenz des römischen Rathauses. Dann schlug sie plötzlich an, frug laut, wo denn der Hans sei, der Hans, ihr Freund, ja wo sei denn der Hans, frug sie abermals, sie lugte auf ihr Handy und rief ihn an, schließlich, wir waren bereits alle dabei, zu essen, erschien er wie ein Pfau, leger, mit offenem, weißem Hemd, Brusthaare zeigend, das Sakko lässig in der linken Hand haltend, unrasiert, grinsend, sie fiel ihm beinahe um den Hals, er nahm links von ihr Platz, denn sie hatte ihm vorsorglich einen Platz reserviert und er nahm ebendiesen in Besitz und ignorierte mich völlig. Weder grüßte er mich, noch sah er je in meine Richtung.
Er bestellte roten Wein, schlürfte ebendiesen und fraß dann die Gänseleberpastete mit wenigen Bissen wie der letzte Bauer. Das Rülpsen verhielt sich dieser Vogel gerade noch, als er nach dem Mahle meinte, er dürfe nicht soviel fressen und saufen, da er schon so fett sei, und grinste. Dann quasselte er wieder pseudointellektuell irgendwas daher und sie, die neben mir Sitzende, eigentlich meine Freundin, tätschelte ihn am Oberarm und sagte dann laut, ja, der Hans, der macht einmal Karriere, gell, Hans, so himmelte sie ihn an.

Es war nur noch traurig. All das lag wie der göttliche Himmelsfrost kandierter Veilchen bitter auf meiner gepeinigten Seele, die Musik hinter uns war mir einerlei geworden, betroffen war ich, unselig. Ich wandte meinen Kopf in die andere Richtung. Das durfte alles nicht wahr sein. Schließlich verschwand sie, meine vermeintliche Freundin, noch auf die Toilette und just nach einer Minute war auch er verschwunden, in meinem Kopf wuchsen wilde Verschwörungstheorien, und nach kurzer Zeit kehrten sie aus der gleichen Richtung kommend wieder.
Endlich war es Mitternacht geworden und die Farce schien endlich ein Ende zu nehmen, wir gingen hinaus, erhielten unsere Kleidungsstücke wieder und sie hatte unbedingt auf den Hans zu warten, der sich wieder irgendwo im Suff verplaudert hatte.
Als ich dann vor dem Palazzo, da es regnete, ein Taxi für sie und mich herbeiwinken wollte und mich der Fahrer von ebendiesem ignorierte, meinte der dumme Hans neben mir grinsend, winke-winke, hat net funktioniert, gell, nun platzte mir endlich der Kragen und ich grollte in seine Richtung, du bist ja viel zu bekokst dazu!, um ein Haar hätte ich die Contenance verloren, schließlich gingen wir per pedes, ich schwieg, sie schwieg, wir beide voran, etwa zehn Meter hinter uns Hans und Hemma, sie packte pseudodemonstrativ meinen rechten Oberarm beim Gehen, als sich die Wege von Hans, Hemma und ihr und mir bei der Bastille trennten, grinste mich Hans nochmals an und rief mir auf Spanisch Que tu duermes con los angelitos zu, ich nahm sie bei der Hand und fragte sie dann nach ein paar Schritten, was das bedeute, sie sagte, dies bedeute, schlafe mit kleinen Engelchen.

Ich machte mir meine Gedanken darüber, wie Hans dies wohl gemeint hatte. Nach ein paar Schweigeminuten sagte ich zu ihr, daß ich keineswegs auch noch den nächsten Abend mit den beiden verbringen wolle, denn schließlich hatte sie die beiden schon die ganze Zeit gehabt und ich sei eigens wegen ihr nach Rom gefahren, woraufhin sie mich anfuhr und mir entgegenzischte, daß ich zu sagen hätte, daß ich mit ihr alleine sein wolle und wir deshalb den Abend miteinander verbringen sollen.
Es tat alles nur mehr weh. Endlich hielt ein Taxi an. Endlich erreichten wir gegen ein Uhr morgens das Hotel, wir fuhren wortlos in den fünften Stock, sie legte sich grinsend, vom Bankettwein leicht besoffen seiend, auf das Bett, ich legte mich auf sie, wir küßten uns rasch, sie zog sich Strumpfhose und Höschen aus und schließlich beschlief ich sie respektive ihren betäubten Körper, selbst benommen seiend, zu ein, zwei minderberauschten Höhepunkten. Ich spie mich endlich aus, und uns ausgewürgt habend entschliefen wir blitzartig, und über all dem lagen die traurigen Kadenzen von Albinonis Adagio.

Elmar Mayer-Baldasseroni
https://elmarmayerbaldasseroni.wordpress.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 19083

(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet und der Text großteils im Original belassen.)

Holz vor der Hütte

Der Bauer hackt Holz und stapelt es fein säuberlich vor seiner Hütte auf.
Push-up-Bras bringen das Holz vor der Hütte noch besser zur Geltung.
Sie legt den BH auf das Holz vor der Hütte und sich selbst in die Sonne.
Als der Bauer die neue Fuhre Holz zur Hütte bringt, reibt er sich kurz die Augen. Schmunzelnd legt er dann den Büstenhalter beiseite und stapelt das Holz fein säuberlich vor die Hütte.
Sanft massiert er das Holz vor der Hütte.
Leise stöhnt sie auf, die Berührung des Holzes vor der Hütte lässt sie innerlich erbeben.
Fest umfasst der Bauer den Schaft seiner Axt und spaltet das Holz.
Als er mit der neuen Fuhre Holz zur Hütte kommt, ist der BH mit dem Holz vor der Hütte verschwunden.
Leise trällert der Bauer ein Liedchen vor sich hin, stapelt das Holz fein säuberlich vor die Hütte und räumt die Axt in den Schuppen.
Sein Tagewerk ist vollbracht.

Waltraud Zechmeister
www.waltraud-zechmeister.at

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 19050

 

Verlangen

Du reißt mir die Bluse vom Leib,
und gräbst dein Gesicht
in meine Weiblichkeit.
Verwechselst den Drang,
in mir zu sein,
mit dem Verlangen,
bei mir zu bleiben.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 18084

 

Die Polizei

yvonnerichter_Gendarmen

Willst im Bett du was erleben,
sind Gendarmen anzustreben.
Denn, wenn man sie richtig lässt,
nehmen sie dich gerne fest.

Aus: „55 x Blödsinn“,  illustrierte Gedichte aus allen Lagen des nicht alltäglichen Lebens

Zeichnung und Text von
Yvonne Richter
www.yvonne-richter.de
www.fabulus-verlag.de/autoren/yvonne-richter
www.facebook.com/yvonnerichterbuecher/

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 18021

Zum Feiern haben wir nichts

Zum Feiern haben wir nichts, aber eine Flasche können wir ja trotzdem aufmachen. Zum Feiern haben wir wirklich nichts, aber deinen BH können wir ja trotzdem aufmachen. Zum Feiern haben wir nichts, egal, meine Hose können wir ja trotzdem, nein, deshalb aufmachen.

Dachgeschossstimmung.

Hör auf in meine Richtung zu äschern, hör auf mit dem Wind. Der Wind auf deiner Zunge, wenn wir uns küssen, der Wind und deine Asche, wenn wir. Ich wollte deine Einsamkeit sein. Aber der Winter ist in uns hineingekrochen. Und der Winter wird bleiben, unsere Lippen aufreißen, unsere Sprache aufreißen.

Lawinenstimmung.

Pünktlich um Mitternacht verrutschen, kurz nach Mitternacht versagen unsere Organe. Zum Feiern haben wir nichts. Zum Beerdigen genug. Wühlen in Hautfetzen, in dem, was noch übrig ist von dir am Morgen. Wühlen. Solange wühlen, bis ich dich spüre. Du hast mein Bett verwüstet.

Lattenroststimmung.

Ich schreibe dir einen Liebesbrief, du klemmst ihn dir zwischen die Schenkel. Da ist Platz für zwei. Da ist Platz. Mit jedem Schluck Wein werden meine Sätze glitschiger, meine Blicke schlittern in deine Richtung. In deinem Schoß warten warme Füllwörter. Lass uns um die Wette. Lass uns. Was hast du mir nur. Was hast du mir nur unter die Zunge. Unter die Zunge und hinein in meine Sprache geschoben, dass ich so hänge, in deinen Ästen hänge und raschle im Fallen, so laut.

Platzregenstimmung.

Meine erigierten Metaphern prallen ab, dringen nicht ein in dich, meine erigierten, meine verblasenen Metaphern. Zum Feiern haben wir nichts. Dein Lippenstift bröckelt in meine Grammatik hinein. Mir sind die Possessivpronomen ausgegangen. Alles, was du sagst, kann und wird. Alles, was du sagst, ist eine Startrampe. Mein Körper ist kein Tempel. Mein Körper ist ein Raumschiff. Du bist mein Houston. Wir haben ein Problem.

Erdrotationsstimmung.

Ich schenke ein. Da ist ein Loch. Ich trinke. Da ist ein Loch. Ich trinke aus. Da ist ein Loch. Der Wein versickert in meinen Nebensätzen. Wenn ich dich jetzt am Hals berühre, zerspringst du mir in zwei Teile. Und ich weiß nicht, will ich deinen Kopf oder will ich den Rest.

Klebstoffstimmung.

Zum Feiern haben wir nichts, aber eine Flasche zwischen Nicht-schlafen-Wollen und Nicht-schlafen-Können. Das geht sich schon aus. Ich erzähle von dir. Mit meinen Fingerspitzen. Dein Blues ist mein Rhythmus. Ich erzähle von dir. Ganz langsam nimmst du meine harte Prosa in den Mund. Ich widme dir alle meine Hangover, dein Herz schickt mich zum Friseur. Ich will, dass deine Haare an meiner Stirn kleben bleiben.

Lungenzugstimmung.

Wir schenken uns ein halbes Leben, schenken uns ein halbes Leben nach. Ich will, dass du mich verwechselst. Aus Versehen mit Liebe verwechselst. In meinen Sätzen treiben, in deinen Sätzen schmelzen Eisberge. Zum Feiern haben wir nichts.

Countdownstimmung.

Martin Peichl

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 17167