Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 10

Was dachte sich die Frau? Und was wollte sie von mir? Es war unglaublich. Was als harmloser oder zumindest nicht mit Hintergedanken verfolgter Plan zur Sammlung von Ideen für meinen Porno begonnen hatte, entwickelte sich nun in eine Richtung, die mir gar nicht geheuer war. Ich muss sehr versunken gewesen sein in meine Überlegungen, denn ich schreckte richtiggehend auf, als mein Partner seinen Kopf bei meiner Arbeitszimmertür hereinsteckte. Er kam wie üblich gar nicht herein, wenn er mich vor dem aufgeklappten Laptop sitzen sah: „Hallo Schatz, du arbeitest auch noch so spät, fleißig, fleißig. Wie lange machst du noch? Ich stell mich mal unter die Dusche. Das war vielleicht ein Arbeitstag. Schön langsam wird es normal, dass ich nicht vor zehn rauskomme aus dem Irrenhaus. Bussi, bis nachher.“

Wie sonst auch manchmal hatte er die Antwort auf seine Frage gar nicht abgewartet. Aber ich wusste es ja selbst nicht: Ja, wie lange wollte ich eigentlich noch „machen“? Hm, da hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich war unruhig, unzufrieden, aber ich hatte noch nicht den Knopf gefunden, den ich drücken musste, um wieder ausgeglichen, optimistisch und fröhlich zu sein. So unbeschwert wie zu Beginn unserer Beziehung waren wir wohl beide nicht mehr, waren es auch kaum noch gewesen, als er vor einigen Wochen ins Management einer „systemrelevanten Firma“ aufstieg. Obwohl wir kaum zwei Jahre zusammen waren und erst seit ein paar Monaten gemeinsam mein Appartement bewohnten, erschien es mir wie eine Ewigkeit. Genau danach hatte ich mich ja eigentlich gesehnt: nach jemandem, der da war, beim Einschlafen, beim Aufstehen, beim Frühstücken; danach, ein unaufgeregtes, normales Leben zu zweit zu führen. Aber eben nur eigentlich. Denn mir fehlte das Ungestüme, das Unvorhergesehene, etwas, das mich packen und aushebeln sollte aus meinem Festgefahrensein. Und da war jetzt also diese Frau, diese Göttin, die etwas von mir wollte. War sie es, die ich wollte?
Betrug und Hintergehen waren nie mein Fall gewesen. Sollte ich meinem Freund sagen, was los war? Er hatte sich nach anfänglichem Schock – und dem Aufklären eines im Rückblick ziemlich lustigen Missverständnisses – damals zu Beginn unserer Bekanntschaft doch recht schnell mit meinem unkonventionellen Beruf angefreundet, akzeptiert, dass ich zu Recherche- und Inspirationszwecken oftmals herumstreunte und eben keinen normalen Bürojob hatte. Er wusste, dass ich mit Sex beziehungsweise dem Gustomachen darauf mein Geld verdiente. Und er hatte Respekt davor, dass mich andere für das bezahlten, was davor wohl irgendwann einmal in meinem Kopf gewesen sein musste. Dass er oder unser sexuelles Zusammensein dabei nicht thematisch „verwertet“ werden sollten, hatte er auch gleich zu Beginn der Beziehung einmal klargestellt. Dabei hatte ich schmunzeln müssen, aber insgeheim gedacht, keine Gefahr, mein Lieber, wirklich nicht.

Ich war unfair. Er bemühte sich. Aber Inspiration für ein Pornodrehbuch, hm, na ja, vermutlich zu viel verlangt vom eigenen Partner.
Drum … Warum nicht einmal schauen, was sich ergab mit ihr? Und es war Recherche, es war Ideenfindung, natürlich, und ich musste nicht lügen, wenn ich ihm davon erzählte, dass ich vorhatte, eine interessante Frau, eine flüchtige Bekannte von früher, zu besuchen, um Material zu sammeln für mein nächstes Drehbuch.

Er hörte ohnehin nur mit halbem Ohr zu, als wir uns in der Küche wiedertrafen, er noch mit nassem Haar, ich etwas aufgewühlt, aber entschlossen, ihn zumindest ansatzweise einzuweihen in meine unausgegorenen, ganz frischen Pläne. Er hatte allerdings einen Einwand, der durchaus berechtigt, mir aber noch gar nicht in den Sinn gekommen war: „Schön, eine alte Freundin, ja, sicher, das ist eine gute Idee. Aber wie machst du das, Social Distancing beim Besuchen? Da müsst ihr euch halt was einfallen lassen, ist das Haus sehr groß? Dann könntet ihr wohl Abstand halten. Euch fällt schon was ein.“
Ja, so war er, mein treuer Freund, mein akkurater Begleiter, analytisch, lösungsorientiert. Und er hatte recht. Wollte ich mich jetzt, gerade jetzt, mit einer Frau näher einlassen, die viel unter Leute kam, auch wenn sie als Model wohl gerade weniger zu tun hatte, jetzt, in der Phase, in der alles Spitz auf Knopf stand, wo möglichst jeder persönliche Kontakt vermieden werden sollte, der sich außerhalb der eigenen vier Wände ergeben könnte? Und bei allem Pragmatismus, was seine Vorschläge zum Abstandhalten bei ihr zu Hause betraf; eins konnte er natürlich nicht bedenken, was aber als weiterführende Frage bei mir im Kopf herumspukte: Vielleicht wollten wir dort nicht nur reden miteinander?

Die Tage vergingen, ich getraute mich nicht, mich bei ihr zu melden. Ich schob und schob und schob es hinaus. Um nicht gänzlich untätig zu sein, unterhielt ich mich am Telefon mit einer ehemaligen Schulfreundin. Wir trafen uns persönlich kaum, seit sie aufs Land gezogen war, hielten aber seit Jahren guten Kontakt. Sie war schon lange eingeweiht in meine Tätigkeit und die oftmals damit verbundenen Startschwierigkeiten. Auch stand sie mir als Erstleserin meiner Drehbuchgrundlage zur Verfügung, bevor ich das Skript abgab. Das Einzige, was mich an ihr etwas störte, war, dass sie sich stets recht bedeckt hielt, was ihre eigene Meinung betraf. Ihre Formulierungen wie „das finden sicher viele spannend …“ oder „allgemein wird das schon recht gut ankommen“ sagten nie etwas darüber aus, was sie gerne, lieber oder besser nicht bei einem Porno für Frauen sehen würde. Solche Rückmeldungen wären für mich sehr hilfreich gewesen, aber vermutlich wollte sie einfach nicht zu viel von sich preisgeben. Warum ich also ausgerechnet sie befragte, ob sie mir etwas Aufregendes zu erzählen hätte, das sich irgendwie ins Drehbuch einbauen ließe, weiß ich nicht mehr. Umso erstaunter war ich, dass sie tatsächlich eine Geschichte aus ihrem eigenen Erleben erzählte. Eigenartigerweise hatte auch diese sich im vergangenen Sommer zugetragen, wie die erotische Episode aus dem Schwimmbad, die mir meine andere Freundin wenige Tage zuvor anvertraut hatte. Gab es da eine Sehnsucht nach der Zeit „vor C“? Oder erschienen jene viel zu heißen, aber rückblickend unbeschwerten Sommertage im Jahr 2019 noch paradiesischer im Vergleich zum kühlen Krisenjahr 2020? Jedenfalls wurde  gerne zurückerinnert ins Vergangene, so viel stand fest.

Meine Schulfreundin begann zu erzählen, sehr umschweifend, ich machte mir währenddessen Notizen. Mein Smartphone hatte ich auf Lautsprecher gestellt, um mit beiden Händen tippen zu können, außerdem hatte ich die Sprachaufzeichnung aktiviert, falls ich später auch Details nachhören wollte. Es gab bisher wenig zu notieren für mich, vor allen Dingen kam eine endlose Beschreibung eines lauschigen Settings; ich kürze nun drastisch ab:
Es war ein heißer Tag, sie war mit dem Rad, einen Rucksack auf dem Rücken, an einen kleinen Bach gefahren und hatte es sich nach kurzem Erfrischen im Wasser neben dem Bachbett mit einem Buch auf einer Decke gemütlich gemacht. Sie lag im Halbschatten einer riesigen Weide, die ihre Zweige ins plätschernde Wasser hielt. Die Lesende lag auf der Seite und hatte dabei den Kopf auf eine Hand aufgestützt, in der Ferne hörte sie Traktorengeräusche. Da sie nicht mitten auf der Wiese lag und durch ihre Anwesenheit wohl kaum bäuerliche Arbeiten behinderte, ließ sie sich nicht stören und ignorierte das Tuckern, bis es näherkam und ein Mann ihr etwas zurief. Sie verstand nicht, was er wollte, das Plätschern war laut, der Motorenlärm verschluckte seine Worte ...

Ihre Erzählweise war lähmend, ich wusste nicht, ob das irgendwie brauchbar sein könnte, hörte aber höflichkeitshalber weiter zu.

„Und dann dachte ich mir, vielleicht sollte ich doch etwas anziehen, denn ich lag ja ohne was an auf der Decke, aber da stand er auch schon da, der Jungbauer, und schaute mich an, ganz ungeniert. Er grüßte und meinte, dass er auch lieber sonnenbaden würde als Heu wenden, aber er mache jetzt eine Pause, ihm sei schon so heiß. Und ob ich was dagegen hätte, wenn er schnell mal ins Wasser hüpfte neben mir, das sei sein Lieblingsbadeplatz. Ich grüßte zurück und schüttelte den Kopf, da hatte er auch schon sein Leibchen ausgezogen und die Shorts abgestreift und ging nackt aufs Bachufer zu.“

Stopp, dachte ich, bitte, hör auf zu reden, ich will keine Jungbauernheimatromangeschichte erzählen, auch keinen Rosamunde-Pilcher-Verschnitt mit Erotikkomponente. Niederbayern statt Cornwall, verschwitzter Bauernsohn auf dem Traktor statt versnobter Landadelsspross auf dem weißen Hengst, nö, danke, beides nichts für mich … Irgendwie musste ich recht weit abgeschweift sein, einiges wohl überhört haben, denn für mich sehr unvermittelt beendete meine Schulfreundin ihren Bericht mit dem Satz: „Na ja, und nachdem wir es getan hatten, wollte er sofort nochmal.“

Hä? Wie bitte??? Ich wollte mir keine Blöße geben, nicht zugeben, dass ich anscheinend gar nicht mehr zugehört hatte, und pries insgeheim meine aktivierte Sprachaufzeichnungsfunktion. Bedankte mich sehr freundlich bei ihr und schüttelte innerlich den Kopf über meine Abgelenktheit, während ich  mich von ihr verabschiedete. Komplett unprofessionell, unglaublich. Warum nur, wieso, war mir der potente Prachtnaturbursche so was von egal? Ich war wohl auf Frau gepolt, momentan, und um ganz genau zu sein, auf eine bestimmte mit sehr dunkler Haut und einem anregenden französischen Akzent.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 20121

 

 

 

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