Kein Knoblauch

Abendliches Sippentreffen einer italienischen Familie, und ich erstmals dazu eingeladen, als Fremder, welch eine Ehre.

Hoch der Preis dafür, dass ich in die Kochtöpfe von Tante Rosetta blicken darf, hoch wie Zwiebel schneiden, Sellerie und Karotten, und auch den Speck in Würfel, nicht zu klein und nicht zu groß, eine Anweisung von Tante Rosetta jagt die andere. Und geduldig und präzise beantwortet sie all meine Fragen nach der Zubereitung des perfekten ragù alla bolognese, nur die letzte weist sie mit Entrüstung und aller Entschiedenheit zurück:

„Knoblauch? Niemals!“

Und mit einem hastigen Kreuzschlagen über der Brust bringt sie nochmals zum Ausdruck, wie teuflisch mein Ansinnen doch gewesen ist, sodass meine Lippen für die nächsten zwei Stunden versiegelt bleiben und ich gehorsam wie ein Messdiener die Sauce zu ihrer Vollendung rühre.

„Hervorragend“, entfährt mir am Tisch mit der ganzen italienischen Sippe, allein als ich mit der Gabel den ersten Stich in die dampfenden tagliatelle alla bolognese tätige und der Duft mir unwiderstehlich in die Nase steigt.

„Natürlich“, erwidert Tante Rosetta mit dem Selbstbewusstsein eines ganzen Stammbaums von Tanten, die dieses Rezept über die letzten zweihundert Jahre hinweg bis zur Perfektion getrieben haben. Aber sie kann es nicht lassen, nochmals fährt ihr gestreckter Zeigefinger spitz auf mich zu:

„Und kein Knoblauch!“

Und jetzt, am stillen Zusammenzucken des Onkels, an seinem weidwunden Blick, und an der angestrengten Teilnahmslosigkeit des Rests der Sippe kann ich sie mir zusammenreimen, die Geschichte mit Tante Rosetta und dem Knoblauch:

Nämlich dass der Onkel in den frühen Ehejahren ein ansehnlicher Mann gewesen ist und sein Beruf als fahrender Gemüsehändler ihn so mancher Versuchung ausgesetzt hat, so sehr auch Tante Rosetta mit Argusaugen über ihn wachte, über die Blicke wachte, die ihm das eine oder andere kecke Mädchen  bisweilen zuwarf, und besonders, mit welcher Art von Blicken er diese erwiderte, denn sie kannte ihren Luigi, so teilnahmslos er auch in die Luft gucken mochte.

Und so kam es, dass Rosetta eines Nachts mit dem untrüglichen Gefühl aufwachte, dass etwas nicht stimmte. Nicht, dass an diesem Tag etwas Ungewöhnliches vorgefallen wäre, wie üblich war er abends mit seinem Kleinlaster von seiner Tour zurückgekehrt, abgearbeitet und müde, und wortlos und müde hatte er das Nachtmahl in sich hineingeschaufelt, um anschließend todmüde ins eheliche Bett und in den wohlverdienten Schlaf zu fallen, nicht viel anders als sonst. Und trotzdem konnte die gute Rosetta keine Ruhe finden, grübelte und grübelte an der Seite ihres sanft schnarchenden Ehemanns, zerbrach sich den Kopf über die kleinste an diesem Tag vorgefallene Kleinigkeit, die kleinste Abweichung.

Bis ihr mit einem Schlag bewusst wurde, was nicht stimmte: der Geruch, der dem leisen Schnarchen ihres Gatten an ihrer Seite entströmte.

Und so kam es, wie es kommen musste, nämlich dass früh am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, als der Onkel gerade seinen Kleinlaster mit den Gemüsekisten belud, wie aus heiterem Himmel seine Rosetta auf einmal vor ihm stand, resolut die Fäuste in die Hüften gestemmt, und ihm einen einzigen Satz entgegenschleuderte:

„Die Entscheidung liegt ganz bei dir, Luigi: entweder die bolognese mit oder ohne Knoblauch!“

Und auf der Stelle war dem Onkel klar gewesen, dass seine Rosetta Bescheid wusste, und zwar über alles, über sein allwöchentliches Techtelmechtel im Nachbardorf, mit dieser auf blond gefärbten Bianca, über die Rosetta schon immer geäußert hatte, dass sie nichts als eine donnaccia wäre, eine vulgäre Schlampe, so scheckig wie sie lachte, wie ein Pferd, so wie sie ihre üppigen Brüste aus der viel zu großzügigen Bluse geradezu herausplatzen ließ, unverschämt und vulgär, und aller Wahrscheinlichkeit nach sogar so vulgär, dass sie nicht einmal davor zurückschreckte, Knoblauch in die bolognese zu schütten. Und ebenso glasklar war ihm, dass er nicht beides haben konnte, einmal bolognese mit Knoblauch und einmal ohne, sondern dass seine werte Gattin ihn bei falscher Wahl ohne Federlesen aus dem Haus werfen würde, aus ihrem Haus, seine Kleider hinterher in den Staub der Straße, und dass er dann auf der nackten Ladefläche seines Kleinlasters schlafen konnte wie ein vernachlässigter Hund.

Und deshalb fällt es mir so gar nicht schwer mir auszumalen, wie schnell er den Schwanz eingezogen hat, dass er schleunigst zurück in die Gefilde des treuen, hingebungsvollen Ehemanns gerudert ist, dass er dieses Nachbardorf in Zukunft gemieden hat wie die Pest, auch wenn er dort immer gute Geschäfte gemacht hatte, neue Dörfer hat er sich von nun an gesucht. Und dass von nun an die Tante Rosetta ihn in der Hand gehabt hat, über all die Jahre hinweg, für ein Leben lang, bolognese für bolognese.

Die ganze Geschichte vor Augen senke auch ich jetzt gleich dem Rest der Sippe schuldbewusst meinen Kopf vor ihrem stechenden Blick und vertiefe mich ganz in die Pasta. Ja doch, liebe Tante Rosetta, nur zu gut habe ich dich verstanden, fürs Leben habe ich etwas gelernt:

Kein Knoblauch, oder besser gesagt, Knoblauch nur dann, wenn ein Gericht ihn wirklich verlangt, und auch dann nur, wenn ansonsten keine Gefahren lauern.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen | Inventarnummer: 15100

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