Mir verwirren sich die Sinne!

Mir verwirren sich die Sinne!
Kaum vermag ich mich zu fassen.
Wild erregte Stürme rasen,
Drohn von allen Seiten mir.
[Don Giovanni, Erster Akt, 21. Szene]

Lea Richtsfelds Handy klingelte aufsehenerregend. Paul hatte seiner Stiefmutter vor einigen Wochen einen neuen Handyklingelton verpasst – Road to Hell von Chris Rea. Es war ihr bis jetzt noch nicht gelungen, den ursprünglichen wieder einzustellen, sei es aus Zeitmangel oder technischem Unverständnis. Im Landtagsbüro hatte ihr Handyläuten schon so manches beamtete Stirnrunzeln hervorgerufen.
Bruno Richtsfeld beobachtete ihre Reaktion und versuchte zu erraten, wer denn der Gesprächspartner sein könnte, seine Frau verließ jedoch mit dem Handy den Raum, um das Gespräch in der Küche entgegenzunehmen.

Nach dem Telefonat durchquerte sie das Esszimmer, band sich dabei die Haare im Nacken zusammen und eröffnete ihrem Mann auf dem Weg ins Vorzimmer: „Die Nösterer hat mich angerufen, ich muss noch zu ihr ins Büro, da gibt es Ungereimtheiten bei der Ticketvergabe. Sei nicht böse, vielleicht dauert es ja nicht lange. Das mit den Handwerkern kannst Du doch übernehmen?! Bis später!“
Bruno kam mit der Zeitung in der Hand ins Vorzimmer und nickte; sie drückte ihm eilig einen Kuss auf den Mund. „Ich freu mich darauf, wenn die Festspiele wieder ausgespielt haben, dann habe ich endlich wieder mehr Zeit für Dich.“
Kaum hatte Lea ausgesprochen, hörte Richtsfeld auch schon die Tür ins Schloss fallen; ihr Parfum hing noch im Raum und verstärkte das Gefühl des Verlassenseins im immer noch fremden Haus, das ihm sofort wieder leer und überdimensioniert erschien.
Er hatte Leas Telefonat mit der Intendantin nicht mitgehört, in Festspielzeiten war seine Frau als Kulturstadträtin praktisch immer in Bereitschaft, irgendwo zu vermitteln, zu beurteilen, zu entscheiden, aber leise Zweifel hatte Richtsfeld immer, wenn seine Frau nicht bei ihm war. Lea hatte ihm niemals während der sieben Jahre ihrer Beziehung das Gefühl gegeben, ihn nicht mehr zu lieben oder jemanden anderen vorzuziehen, trotzdem gelang es ihm einfach nicht, seine latente Eifersucht zu überwinden.

Er sah ihr durchs Fenster nach, als sie mit viel Elan das Haus verließ. Sie winkte ihm nochmals kurz zu und nahm das Fahrrad – in der Innenstadt kam man damit viel schneller voran; normalerweise; natürlich nicht, wenn man Probleme mit der Ausdauer und mit dem Gewicht hat. Der Kommissar seufzte und bedauerte einmal mehr den erbarmungswürdigen Zustand seines Körpers.

Sollte er jetzt die Bedienungsanleitung seines iPod studieren? Er gähnte herzhaft, streckte sich ausgiebig und sah auf die Uhr. Nun stand ihm also noch eine Begegnung der besonderen Art bevor; Handwerker würden in seine Privatsphäre eindringen und Unruhe und Staub verursachen.
Das Haus war in keinem guten Zustand. Er hatte vorgeschlagen, bis das Haus renoviert wäre, noch in seiner Wohnung zu bleiben, aber Lea wollte nicht zuviel und vor allem nicht zu abrupt renovieren, um den Charakter ihres Elternhauses, in dem bis vor einem Jahr noch ihr Vater gewohnt hatte, nicht ganz zu zerstören. Geplant war, zuerst die Fenster auszutauschen und dann noch im Sommer die Holzböden abschleifen zu lassen.
Die halbe Stunde bis zum Eintreffen der Handwerker wollte er seinem zukünftigen silberglänzenden Begleiter widmen.

Er rückte seinen Sessel vom Fenster weg, durch das nun ungehindert die Sonne schien, Lea hatte zwar die Vorhänge schon gekauft, aber – wegen der bevorstehenden Arbeiten an den Fenstern – noch nicht montiert. Er nahm die Betriebsanleitung des iPod zur Hand.
Sein karges technisches Geschick erschwerte das Verständnis der Anleitung, außerdem war die Schrift sehr klein. Skeptisch musterte Richtsfeld sein Geschenk und erhob seufzend seinen massigen Körper, um seine Lesebrille vom Tisch zu holen.
Näher als seine Brille jedoch lagen die Reste des Frühstücks. Ob er sich nach dem allzu gesunden Vollkornbrot in diesen unbeobachteten Minuten nicht noch so ein außerplanmäßiges Schinkensemmerl gönnen sollte? Natürlich sah das sein Diätplan nicht vor, aber schließlich war heute sein Geburtstag. Er hatte die Semmel schon aufgeschnitten und wollte gerade nach der Butter greifen, als das Läuten seines Handys ihn davon abhielt.

Richtsfeld erreichte nach der sechsten Wiederholung von Don Giovannis „Auf denn zum Feste“ sein Handy, das in der Küche lag; ein wenig außer Atem nahm er den Anruf entgegen. „Hallo Amadé, ich bin’s. Mach Dich schleunigst auf den Weg. Es gibt Arbeit. In fünf Minuten vor dem Hotel Stein!“
Sebastian Nimmervoll, Richtsfelds erster Assistent und Stellvertreter, hatte bereits aufgelegt, bevor sein perplexer Chef Fragen stellen konnte. Richtsfelds Spitznamen, den ihm seine Kollegen vor einigen Jahren während einer Betriebsfeier unter dem Einfluss von mehreren Vogelbeerschnäpsen verpasst hatten, würde er wohl niemals loswerden.

Jana Kornelius
Auszug aus dem Roman: Mordskulisse,
Neuhofen / Krems ; Linz ; Wien, Resistenz Verlag, 2009

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 13030

 

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