Erinnerung

Da ist dieser Geruch in der Luft gelegen, dieser Geruch nach ... ? – Dieser Geruch nach ... – es war nicht hier, es war irgendwo in Mediterranien, in Griechenland, in Italien oder war’s an der Nordküste Afrikas?
Ja! Ich erinnere mich genau: Der Junge hat so ein Instrument gespielt, was war das noch für eines? – Er war jedenfalls dunkelhäutig, ich glaube: nicht sehr, aber doch. Und sein Instrument? Es muss ein Saiteninstrument gewesen sein – oder ein Rhythmusinstrument. Nein! Es war beides: Da war Melodie und Rhythmus – vielleicht hat er ja auch nur auf ein Saiteninstrument geklopft.

Da war also dieser Geruch und es heißt ja: Gerüche merken wir uns ewig, ja: Wir können uns durch bestimmte Gerüche an Ereignisse erinnern, auch wenn sie in ganz früher Kindheit stattgefunden haben. Ich hab so einen Geruch jetzt fast in meiner Nase, kann mich aber trotzdem nicht daran ... – doch! Es war ein Jahrmarkt, irgendwas Außergewöhnliches jedenfalls.
Ja! Es hat ein Ringelspiel gegeben, ein paar Schießbuden und neben dem Jungen viel orientalische Musik, eigentlich viele orientalische Musiken, aus jeder Bude eine andere. Alle haben ähnlich geklungen – vielleicht war es ja auch immer dasselbe Lied, jeweils etwas zeitversetzt aus Kassettenrecordern, deren Lautstärkeregler ganz aufgedreht waren.

Dieser Geruch! Ich hab ihn jetzt genau – kann ihn aber schwer beschreiben. Ich hab ihn in meiner Nase, obwohl ich im Moment ziemlich verschnupft bin. Ich wollte das Ringelspiel mieten – für eine Stunde und ganz für mich alleine. Ich erinnere mich: Es war kurz nach elf Uhr vormittags, eine Zeit, in der es am Rummelplatz ohnehin kaum Besucher gegeben hat.
Ich wollt’ das Ringelspiel einfach für mich ganz allein haben. Das habe ich mir nämlich einmal als vier-, fünfjähriger Bub gewünscht. Aber es hat auch diesmal nicht geklappt und so bleibt das ein Wunsch, den ich nun schon über sechzig Jahre unerfüllt mit mir herumschleppe. Umgerechnet 30 Mark sollte es kosten. Warum war es mir das nicht wert? Welche Währung, wie viele Scheine?
Legen Sie mich nicht fest. Es waren jedenfalls viele Scheine mit großen Zahlen drauf, viele Nullen nach dem Einser. Ja: Zwölf Millionen waren’s. Zwölf Millionen Shertis, Grumlaks, Dinhu-Dollars?

Helfen Sie mir: Riecht das hier nach Mangroven? Was sind überhaupt Mangroven, wie sehen sie aus? Riechen Mangroven? Nein, es riecht nicht nach Mangroven, was immer das auch sein mag.
Und dann wieder die Melodie des Jungen: die Melodie, die in meinen Ohren singt, solange es der Geruch in meiner Nase aushält. Ich kann sie singen: la - lala - la - lalala - lala.
Nein.
Der Rhythmus war etwas anders. Ein unregelmäßiger Rhythmus, der mit der Zeit ins Blut geht – irgendein ungerader, betonter Taktteil ist dabei. Ich spüre diesen Rhythmus fast – es ist der Rhythmus des Lebens, den der Junge klopft, während er sein Gesicht wegdreht, weil wieder eine Böe Sand aufwirbelt.
Ich spüre noch immer den Sand – jedes einzelne Sandkorn, das mir im Gesicht, an Arm und Bein kleine Stiche versetzt. Und ich sehe jetzt alles vor meinem inneren Auge: Da – da links sitzt der Junge mit seinem Instrument, ja: Es ist ein Saiteninstrument und es hat einen Korpus aus einem Schildkrötenpanzer. Ich sehe es ganz genau, als würde ich fernsehen: Er sitzt auf den Stufen des Ringelspiels, und ... – Nein. Dieses Bild ist aus einer Werbung. Welcher Werbung? Werbung wofür? Egal.

Aber dieser Geruch. Der Geruch bleibt. Ich kenne diesen Geruch, der in der Luft gelegen ist, ich hab diesen süß-sauren Geruch in der Nase, diesen Geruch nach ...... Scheiße.
Oje.
Schwester!!! Schwester Helga!!!

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15008

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