Die Frau im Zug

Sie schlief, als ich sie sah.
Wir hatten California bereits hinter uns gelassen. Die kleinen Flüsse, die neben den Bahnschienen ihre Wege zogen und dem Zug mit Wellen hinterherwinkten, waren lange schon verschwunden. Eine neue Weite begleitete uns nun. Grauer Sand, auf dem sich die Sonne zu spiegeln schien, erstreckte sich kilometerlang außerhalb der Fenster. Steppengebüsch bot die einzige Abwechslung zu den sonst kahlen Dünen. In meiner Vorstellung würde jede Sekunde Lucky Luke vorbeireiten und seinen Schatten jagen.
Stundenlang sah ich aus dem Fenster. In meinem Kopf wiederlebte ich kürzlich Erlebtes. Versuchte meine Erinnerungen zu manipulieren und bereiste Orte aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Dann schlief ich ein, wachte auf. Der einzige Hinweis darauf, dass Zeit vergangen war, war die Sonne, die ein Stück weiter rechts, ein Stück tiefer als zuvor stand. Doch die Landschaft war dieselbe.

Das und die Frau, die mir nun schräg gegenüber saß. Mein Blick fiel auf sie und blieb hängen. Wie bei mir wenige Momente zuvor war ihr Kopf seitlich gegen die Lehne ihres Sitzes geneigt. Ihre Augen waren geschlossen. Sanft. Nicht verkrampft, wie bei jemandem, der schlafen möchte, jedoch scheitert, sein Bewusstsein zurückzulassen. Sanft, wie bei jemandem, auf den der Schlaf bereits gewartet hatte. Ich fragte mich, ob ihre Zunge wohl entspannt in ihrem Mund lag oder an ihren Gaumen gepresst war. Ob sie die letzten Strahlen der Sonne spürte, die ihr Gesicht so zärtlich berührten. Sie beleuchteten jedes kleine Härchen auf ihrer Wange. Verliehen ihr einen Glanz, einen Schimmer, der sonst nur Göttinnen umgibt. Kurz meinte ich, sie würde tatsächlich leuchten.
Eine Haarsträhne löste sich von den anderen, die sie hinter ihr Ohr gestrichen hatte, und rutschte nahe an ihre Lippen. Ich hatte Sorge, dass ihr Haar sie kitzeln und aufwecken würde. Ich wollte es für sie zurückstreifen.

Plötzlich saß ich neben ihr. Behutsam strich ich ihr die Strähne aus ihrem Gesicht. Legte meine Hand auf ihre Hände, die übereinander in ihrem Schoß ruhten. Ich küsste ihren Kopf, der an meinen Oberarm gelehnt war. Vorsichtig. Sie brauchte ihren Schlaf. Wo sie wohl gerade war? Was sie tat? Ob sie mich vermisste?
Sie atmete tief ein. Langsam verließ sie den Ort, an den sie nie wieder zurückkehren würde. Ich sah zu, wie sie in sich ankam. Wie sich zu allererst ihr Zeigefinger bewegte. Dann ihre Lippen. Ich sah auf sie hinunter, als sich ihr Kopf und Körper langsam in eine aufrechte Position begaben. Kurz fiel mir ihre Brust auf, als sie ihren Rücken durchstreckte, jeden Teil ihres Körpers aufweckte.
Erst dann öffnete sie ihre Augen.

Über den Gang hinweg sah ich sie an. Ihre Augen fanden meine. Ich fühlte mich entblößt, ertappt. Doch ich sah nicht weg. Sie hielt meinen Blick fest.
Sie lächelte, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand.

Emma Kreska

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20126

 

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