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Die Kinder vom Sonnberg

Die Auskunftsperson ist der Wirt der Redlinger Hütte, der liebenswürdige und redefreudige Johann Riegler, der seit 38 Jahren dieses Gasthaus bewirtschaftet, wahrscheinlich den schönsten Platz im Wienerwald. Charlotte und ich waren auf einer Expedition, um Wege, Distanzen, Zeiten und Rastmöglichkeiten für die zweite Kafka-Wanderung am 11. September 2016 zu erkunden.
Wir bekommen eine Lektion Heimatgeschichte. Die Redlingerhütte geht auf eine Arbeitersiedlung der 1780er zurück, auf Joseph II. Der Reformator und Praktiker unter den Monarchen holte Wald- und Steinarbeiter, vor allem Böhmen und Tschechen, für die Sandsteinbrüche in der Umgebung. Sie stellten Schleifsteine her, die besten in der ganzen Monarchie und exportiert bis nach England. Später kamen die „Gastarbeiter“ für die Westbahn dazu. Ende des 19. Jahrhunderts verwandelten sich die Arbeiterbaracken in einen Wienerwald-Einkehrgasthof, wie sie damals in den Außenbezirken und rund um Wien aus dem Boden sprossen.

Besonders gefällt uns die Vorstellung, dass, wäre Kafka früher und gesünder als 1924 in Kierling angekommen, es diesen Ort schon gegeben hat und der fleißige Wanderer sicher auf diese idyllische Waldlichtung gestoßen wäre. Wahrscheinlich hätte er ihn an einen der Gastgärten in und um Prag erinnert, in denen er gern saß und sich mit Freunden traf. Den Schweinsbraten mit Kraut und Knödeln, für den die Redlinger Hütte heute berühmt ist, hätte der frühe Veganer auch bei bester Gesundheit nicht bestellt, aber vielleicht eine Linzertorte, die er trotz seiner strengen Reformkost immer gern mochte.
Ob er vielleicht ein Kafka-Menü auf die Speisekarte setzen soll, fragt der offensichtlich kafkakundige und einfühlsame Wirt mit einem Augenzwinkern. Gebratene Käfer mit Äpfeln? Charlotte lacht aus vollem Hals, als sie sich dieses „Gesundheitsmenü“ vorstellt: Rohkost, Früchte, Nüsse, Honig, ein Krug Milch, Wasser und – das Ungeziefer. Wir bestellen Linzertorten als eine der Nachspeisen für unseren nächsten Kafka-Spaziergang am 11. September. Bei Radler, Gepritztem und Grammelschmalzbrot mit reichlich Zwiebel und anhand einer Wanderkarte für die Kierlinger Umgebung erklärt uns der Wirt die verschiedenen Wege von hier weg in alle Richtungen und auch die Abstiege ins Kierlingbachtal. Der längere Weg führt in einem großen Bogen um den Marbach zum Sonnberg, dem mit 420 Metern höchsten in der Umgebung.

In einer Senke unter dem Nordhang befand sich einmal ein Steinbruch für den Abbau von Sandstein. Nur noch einige, fast unsichtbare Steinhänge sind geblieben, dicht überwachsen von Bäumen und Unterholz, von undurchdringlichen Brombeerhecken, Kletten und mannshohen Brennnesseln. Noch tiefer in der Senke stand einmal eine Burg, von der nicht einmal der Name bekannt ist und auch nicht die geringsten Spuren übriggeblieben sind, erzählt der Wirt. Nur eine Legende hat sich erhalten: Sie ist durch ein schreckliches Feuer zerstört worden. Und wer dort – natürlich nur um eine mondhelle Mitternacht – vorbeikommt, kann noch immer das Schreien und Weinen von den in der brennenden Burg gefangenen Kindern vernehmen, so grässlich, dass jedem Wanderer das Blut in den Adern gefriert und er schnellstens das Weite sucht. So hat noch niemand das Rätsel der weinenden Kinder erkunden können. Wer waren die Kinder? Die Sprösslinge der Burgherren? Eine Schule, ein Waisenhaus? Ob dieses traurige Ereignis auf den 30-jährigen Krieg, die Türkenbelagerungen oder die Franzosenzüge zurückgeht, kann uns nicht einmal der ortskundige Wirt sagen.

Wir sind uns sicher, dass Kafka, wäre er bei ihm eingekehrt und hätte er diese Geschichte gehört, einen Tagebucheintrag gemacht, einen Brief oder eine Parabel geschrieben hätte.
Die Suche nach der Burg. Das Schloss. Oder wäre Kafka, der passionierte Spaziergänger und Spezialist für Nachtmahre, einmal um Mitternacht diesen Weg gegangen, um dem Geheimnis, das ihn sicher angezogen hätte, auf den Grund zu kommen, um etwas ihm entsprechendes „Kafkaeskes“ draus zu machen.

Wir nahmen den Wanderweg 6 durch das Grüntal nach Kierling zurück. Er sollte laut Wegweiser „40 min“ dauern, wir brauchten aber viel länger, weil es ständig etwas zu bestaunen, bereden und fotografieren gab. Diese Strecke bietet an jeder Stelle so viel Lieblichkeit, dass einem die Tränen kommen und man niederknien möchte: zuerst vorbei an einem Teich, ein Stück durch einen Obstgarten mit rotbäckigen Äpfeln und dann bergauf durch alte Buchenwälder, so dicht und hoch, dass sie über dem Weg einen Tunnel bilden, und wir nicht mehr wissen, wer sich vor wem verneigt.
Charlotte ist fasziniert von der Ähnlichkeit zu der ihr vertrauten Müritzer Landschaft, wo Kafka im Sommer 1923 seine letzte große Liebe, Dora Diamant, kennenlernte. Genauso ein Wald mit Buchen, aber stell dir vor, du kommst aus dem Wald raus, und dann sind da Sanddünen und die Ostsee. Ich bin überrascht, hatte ich bei Müritz doch immer an Föhren gedacht. Meine Erinnerungen an die Ostsee verbanden sich mit der großen Wanderdüne der Kurischen Nehrung, die mit Föhren befestigt wird, mit den Föhrenwäldchen rund um Thomas Manns Haus in Nidden und den Stränden von Klaipeda mit ihren locker im Sand stehenden Föhren.

Im Grüntal mündet der Buchenwaldweg in eine unerwartet weite Wiese mit leichten Wellen und einem freien Rundblick auf die Wienerwaldhügel. Gräser und Blumen stehen hüfthoch, sie werden offenbar nicht gemäht, und Margeriten, Glockenblumen, Skabiosen, Hahnenfuß, Storchenschnabel, Schafgarbe, Ochsenmaul, Kuckucksnelken, Wiesenschaumkraut, Taubnessel, Flockenblume, Giersch, Knabenkraut, Blutweiderich, Beinwell, Pimpernell, Wiesensalbei und verschiedene Kleearten dürfen sich seit dem Frühling ausbreiten.
Wir beugen uns über ein Blumengestrüpp am Wegrand und finden, dass das Blau der Wegwarte noch schöner, tiefer violett ist als das der Kornblume. In zwei Feldern ist der Hafer gelb und eigentlich reif für die Ernte. Ob er auch geerntet wird, bezweifeln wir, weil er vom Regen an vielen Stellen niedergedrückt und von Pflanzen überwuchert ist, die man üblich Unkraut nennt: Ackerwinde, Ackersenf, Distel, Kornrade, Mohn, Beinwurz und Leinkraut.

Am Scheitelpunkt kommen wir an einem Marterl vorbei, dem hölzernen Käferkreuz, umrahmt von einigen Bänken mit der Widmung des Kierlinger Weinbauvereins. Einige große Vögel kreisen darüber, ob es Bussarde oder Falken sind auf der Jagd nach Mäusen? Nur Krähen und Tauben können wir mit Sicherheit bestimmen. Sie sitzen so dicht aufgereiht auf den Hochspannungsleitungen, flattern und fliegen auf, dass man meinen könnte, sie mögen den Elektrosmog und rappen dabei Elektrosongs.
Es ist eine der wenigen Stellen im dicht be- und zersiedelten Wienerwald, an denen man außer einem Stadeldach weit und breit kein einziges Bauwerk sieht. Im Blick voraus ragen die Wienerwaldhügel hoch empor wie ein Gebirgszug, was er ja als letzter Ausläufer der Ostalpen geologisch tatsächlich ist. Vielleicht zum ersten Mal verstehen wir, dass der Wienerwald die zärtlichste Umarmung ist, die die Alpen für eine Stadt bereit haben. Eine besonders schöne Wiesen-Waldbucht in einer Mulde mit Baumstämmen und einem Jägerstand am Rand können wir uns als die letzte Station für eine Kafka-Lesung vorstellen.

Wir stimmen überein, dass Kafka den Grüntalweg wahrscheinlich gemocht hätte und er ihn immer wieder auf- und abgegangen wäre, bei jeder Tages- und Nachtzeit, um zu ergründen, was ihm daran guttut und was ihn stört, um seine Wirkung in sich eindringen zu lassen. Kurz werden wir in unseren Phantasiegesprächen irritiert von der Gestalt eines enorm großen, braunen Tieres, das in der Ferne an einem Weidezaun entlanggeht. Ein Mammut im Grüntal? Kann nicht sein. Weiter unten kommen wir zu einer Weide, auf der sich eine Kuh mit ihrem Kalb an einem Wassertrog labt. Wahrscheinlich sind sie dicht hintereinander gegangen. Eine Schafherde ist in einem Pferch nebenan untergebracht. Es gibt noch einen richtigen Bauern im Wienerwald, wundern wir uns, Landmaschinen, Strohballen und Säcke mit Futtermittel unter einem Stadel, aber kein Mensch weit und breit.
Weiter unten verengt sich der Wiesenweg, gesäumt von Wildkirschen und Edelkastanien, darunter meterhohe Brombeer- und Brennnesselwildnis, in eine dramatische Wienerwaldschlucht, an beiden steilen Seiten bewachsen von Laubwald, mit einem mäandernden Bächlein tief unten, so klein, dass es auf der Wanderkarte nicht einmal eine Linie oder einen Namen hat. An diesem sonnigen Juli-Tag wird es plötzlich so dämmrig-grün, dass wir nicht mehr den Grund des Tales erkennen können. Als nach einer scharfen Wendung des Weges die ersten Häuser im Licht des sich weitenden Grüntals auftauchen, beginnen wir mit steigender Begeisterung, ein von uns imaginiertes Quartier für Kafkas ideale Sommerfrische auszusuchen.

Dieses Haus, nein jenes, zu groß, zu klein, zu teuer, zu einfach, zu laut, schau, das da hat eine Terrasse nach Südosten, die könnte er mögen, aber der Weg hinauf ist zu steil, denk dir den Winter aus. Dann rechts ein grün-weißes Haus, „Villa Frei. geb. 1901“ steht in goldenen Lettern über dem Eingang, das wäre das richtige, meinst du nicht auch? In dem Türmchen könnte er sein Schreibzimmer einrichten. Auf dem Balkon könnte er ungestört seinen Müller-Leibesübungen nachgehen und sich nackt sonnen. Würden seine quälenden Kopfschmerzen nachlassen? Könnte er hier die Nächte durchschlafen oder sogar etwas schreiben? Ein Kanapee muss unbedingt hinein, so wie in allen seinen Prager Zimmern. Aber nicht einmal Charlotte weiß mehr über deren Beschaffenheit. Aus Leder, mit Stoff, welchem? Wie lang, wie hoch? Mindestens so hoch, dass sich das Riesenungeziefer namens Gregor Samsa darunter verkriechen hätte können.

Bellende Hunde, krähende Hähne, kreischende Sägen, heulende Rasenmäher, schreiende Kinder, Schritte der Nachbarn, Husten, Lachen, Gespräche, fast alles störte den extrem lärmempfindlichen, an Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen leidenden Kafka. Schau, hinter dem Haus, ein Stapel Holz und eine Wiese, da könnte er dem Holzhacken, dem Heuen fröhnen und nackt auf der Wiese herumlaufen. Die Hecken sind hoch, niemand würde ihn beim Müllern und Nacktbaden stören. Im Natursanatorium Jungborn am Harz braucht er im Juli 1912 eine Woche, um die Scham und die Badehose abzulegen. Ihm wird übel beim Anblick der alten Männer mit Spitzbauch und Glatze, die nackt mit der Sense hantieren, über Heuhaufen hüpfen, Fußball spielen, miteinander boxen oder nackt über die Wiese stürmen und sich bei Regen im nassen Gras wälzen. Im Tagebuch vom Juli 1912 macht er ausführliche Notizen von dieser Szenerie.

Guck mal, Veronika, in diese Ecke des Garten, unter dem alten Kirschbaum ließe sich leicht ein „Luftlichthäuschen“ bauen, da müsste er nicht einmal auf der Leiter in die obersten Äste steigen, sie fallen ihm direkt in den Mund. Eines war sicher, er würde hier keine Köchin brauchen, ob Vermieterin oder Schwester. Er könnte fast zur Gänze Selbstversorger sein und seiner Angewohnheit des „Fletcherns“ ungestört nachgehen, dem stundenlangen Kauen der Nahrung. Ein Jungborn für sich allein, ideal! Nicht ganz, gibt Charlotte zu bedenken, denn im Grunde liebte er Gesellschaft, er unterhielt sich gerne mit den Gästen der Sanatorien und Pensionen. Immer fand er dort praktischerweise unter ihnen Vorbilder für seine Gestalten. Etwa den christlichen Landvermesser Hilster, der ihn mit der Bibel missionieren wollte. Er ging als Josef. K. in veränderter Form in „Das Schloss“ ein.

Wenn es ihn aus seiner Klause im Grüntal unter Menschen zieht, könnte er zur Redlingerhütte hinaufspazieren und dort mit dem Wirt, seinen Kindern und Angestellten plaudern, vielleicht auch nur schweigend in einer Ecke sitzen, mit dem Hut auf dem Kopf, und mit dem zutraulichen Hund spielen. Er hätte sich amüsiert über diesen freundlichen, dicken Fuchs-Dackel-Schäferhund mit zu kurzen Beinen vom Format und Farbe einer nur leicht angebratenen Rindsroulade, der sich bis heute gern zu Füßen der Gäste im Kies wälzt. Wahrscheinlich hätte er ihn – trotz extremer Unähnlichkeit – Max genannt und mit dem Hundemax gesprochen. Vielleicht eine Karte nach Prag in die Postdirektion geschrieben mit „Lieber Max, du in deinem Anzug, in der Hitze …“ Schreiben oder Notizen machen würde er dort nicht, denn seine Schreibzeit waren die einsamen Nächte.
Eine Schwimmgelegenheit müsste man für ihn ausforschen, denkt Charlotte weiter, denn ohne das Schwimmen würde es kein guter Ort für Kafka sein. Aber die Wienerwaldbächlein reichen nicht einmal einer jungen Forelle zum Schwimmen. Wir überlegen, ob er wohl den 50-min-Weg über den Weißen Hof nach Kritzendorf an der Donau in Kauf nehmen würde? Wir glauben, ja, war er doch ein geübter, ausdauernder Wanderer. Donau oder Strombad, beide hätten Wasser genug für den leidenschaftlichen Schwimmer. Im stillen Donauarm von Kritzendorf könnte er sogar ein Boot mieten, so eines, wie er es in Prag an der Moldau besaß, wo er flussaufwärts ruderte und sich dann nackt flussabwärts treiben ließ. Wir würden auch den Wirt der Redlingerhütte nach einem Pferd für Kafkas Reitlaune befragen. Ein Ritt zum Sonnberg, zur Sandsteinmine oder zur geheimnisvollen Burg der Kinder, bei Mond oder Sonne. Wir waren sicher, dass der Wirt ihn wahrscheinlich bei sich würde gärtnern lassen, wenn es ihn überkam, und ihn vielleicht dafür mit Obst und Gemüse entlohnte.

Wie in allen Gärten des Grüntales blühen um die grün-weiße Villa Frei gerade die Rosen, Oleander, Gladiolen und Hortensien in vielen Farben, die Hauswand entlang ziehen sich volle Ranken mit Him- und Brombeeren, und im Vorgarten warten übermannshohe Ribiselbüsche und Hollerstauden aufs Geerntetwerden. Kafka würde hier ankommen können. Die vorbeiwandernden Quartiermacherinnen sind zufrieden.

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 16102

 

Wahrheit auf Zeit

Und schon im ersten Halbsatz gelogen, mein teurer Tschuschnigg, wenn du mir versicherst, dass es nicht in deinem Interesse ist, denn wenn du mir das mit aller Hartnäckigkeit versichern musst, liegt es ganz und gar in deinem Interesse, an meinen Geldbeutel willst du mir gehen, eine Unterschrift willst du mir abschwatzen, nichts anderes als ein falscher Bibelverkäufer bist du also, eine Bibel mit leeren Seiten versuchst du in mir an den Mann zu bringen, auch wenn ich der Bibel nicht allzu viel abgewinnen kann, das humorloseste Buch, das seit Menschengedenken geschrieben worden ist.

„Nein, ich habe keine Zigarette mehr für dich übrig.“

Nein, Tschuschnigg, du fauler Hund, du kannst ruhig kurz hinaus zu deinem Auto gehen, um dir deine Zigaretten aus dem Handschuhfach zu holen, wo du sie vergessen haben willst, auch wenn ich mir sicher bin, dass du gar keine Zigaretten im Auto liegen hast, und mehr noch, langsam kommen mir die Zweifel, ob du überhaupt ein Auto besitzt.

Und warum mir gerade jetzt diese Episode einer nervensägenden Kaffeehausbekanntschaft in den Sinn kommt, weiß ich nicht zu sagen, wo ich doch einer Lügnerin viel größeren Formats gegenübersitze, hier und jetzt in Ragusa auf seinen beiden widersprüchlichen Hügeln, in dieser Bar getaucht in Jazz, mit einer Theke so lange wie die Einsamkeit, und mir gegenüber diese sizilianische Kellnerin, deren Antlitz der liebe Gott persönlich geschnitzt haben muss. Und mit jedem Glas des vollmundigen Weins, das ich nachfordere, wage ich ihr eine Frage zu stellen, und jedes Mal, wenn sie mir nachschenkt, erwidert sie mir mit der immer gleichen rabenhaften Antwort: magari domani, morgen vielleicht. Morgen, so Gott will, inschallah, und dass Gott morgen sicher nicht will, soweit habe ich sie mittlerweile schon verstanden, und deshalb werden sie mir immer kleiner, die Fragen, bis hin zu meiner letzten:

„Verrätst du mir wenigstens, wie du heißt?“

„Morgen vielleicht.“

Wohltuend jedes Schaudern, wenn du mich anlügst, Magaridomani, immer größer wird das Vergnügen und du mit jeder Lüge schöner, vor lauter Unwirklichkeit deiner Schönheit beginnst du bereits zu flimmern, wie eine Gestalt in einem expressionistischen Stummfilm aus den Zwanzigerjahren.

Vorbei der Spuk von fernen Inseln, vorbei der Spuk einer Erinnerung an eine Begebenheit, die so wahrscheinlich nie stattgefunden hat, nur das Weinglas in meiner Hand scheint mir das gleiche zu sein, ein Glas Wein, von dem ich weiß, dass es besser mein letztes für diesen Abend sein sollte. An einer Brüstung finde ich mich lehnen, und unter mir erstreckt sich der Innenhof des Wiener Museumsquartiers, bunt das Treiben zu meinen Füßen, Pärchen, die Arm in Arm in der Blase ihrer Verliebtheit flanieren, Kinder, die sich in die satte Erschöpfung der Nacht tollen, Studenten, die vertieft in Bier, Zigaretten und endlose Diskussionen sich auf den Bänken räkeln, eine Erscheinung wie aus einem Sommernachtstraum.

Überrascht bin ich von dir, mein Wien, vielleicht sind doch mehr Jahre vergangen als gedacht, seit ich dir den Rücken gekehrt habe, aber so kenne ich dich gar nicht, eine ungekannte Stimmung strahlst du aus, ein Gefühl, das ich immer schmerzlich an dir vermisst habe, denn gütig scheinst du auf sie herabzublicken, auf die Kinder, die so unbedarft in deinem Schoß spielen. Ganz anders habe ich dich in Erinnerung, die zurückreicht an das Ende des letzten, längst vergessenen Jahrhunderts, als du dich noch in Schwarz auf Grau wie aus dem „Dritten Mann“ geschnitten gezeigt hast, als du mir das schauerliche Gefühl über den Rücken gejagt hast, dass sich in deinen Mauern das Leben anschickt, sich diejenigen zu holen, für die bislang nicht einmal der Tod Interesse gezeigt hat.

Und wenn ich dich jetzt so betrachte, mein Wien, in deinem Bemühen, dich aus deinem hundertjährigen Dornröschenschlaf zu schälen, bin ich versucht, mich dir doch noch einmal anzuvertrauen, ein paar Wochen, vielleicht sogar ein paar Monate in dir zu verweilen, aber versprochen, mit Argusaugen werde ich dich dann in jedem Winkel und in jeder Bewegung beobachten, argwöhnisch und misstrauisch, ob du mir nicht doch nur ein potemkinsches Dorf vorgaukelst – und keine Sorge, früher oder später werde ich dir auf die Schliche kommen, denn das habe ich auf meinen langen Reisen gelernt, eine Lüge ist nicht mehr als eine Wahrheit auf Zeit.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 16085

Vier Aventiuren

aventiure 4

Ich biege noch einmal bei der Fiktion ein und überlege die Leseerfahrung von Roman. Da er aus Deutschland stammt, sind seine Vorbilder wahrscheinlich Kafka und Hesse. Er ist aufgeschlossen für die Weltliteratur, jedoch kein Vielleser, Gott bewahre. Roman ist glücklich, wenn er von einem Buch gefesselt  und bei Bedarf unterhalten wird. Roman liebt dicke Bücher, die ihm ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln. Während ich sehe, dass am Nebentisch zwei Espressi getrunken werden, ich könnte mir vielleicht noch eine Geschichte über diese Leute ausdenken, aber ich bin ehrlich gesagt froh, keine weitere schreiben zu müssen, denn eine reicht. Alles ist Übung, und für die Schriftstellerei braucht man wahrscheinlich einen langen Atem. Ich habe Bedenken, ob das Erfinden von Figuren auf Dauer gelingen wird. Und dann wäre da noch meine Abneigung gegen Abenteuergeschichten. Das einzig wahre Abenteuer ist doch – mit Verlaub gesagt – der Alltag.

aventiure 3

Ich erinnerte mich an Menschen, die ich sah und die blöde aussahen, beispielsweise an den Menschen, der einen Menschen mit einem Taschenmesser aß. Er erinnert sich daran, dass vieles blöde aussieht, was tagtäglich, jahrjährlich getan wird. Was von den Reisen übrigblieb. Ein Blick über die Gracht in Holland, ein Blick über eine Brücke in Stockholm. In Erinnerung geblieben ist mir das Öffnen von Karten auf Motorhauben. In Erinnerung geblieben ist mir das Aufbrauchen des Reiseproviants. Das Grün der Wälder – nur sehe ich darin auch keine Geschichte. Ich erinnere mich daran, dass das ganze Leben aus Nebensächlichkeiten besteht und dass sie als Bilder mehr oder weniger fest in deinem Gedächtnis gespeichert sind. Wieder einen Eiskaffee trinken. Und zwischenzeitlich wieder auf Roman zurückkommen. Und ich gebrauche noch ein Wort Wolfs: Horror vor dem Vergessen.

aventiure 2

Ich sehe Roman an meinem Nebentisch mit einer Frau sprechen. Roman trägt eine Brille mit dickem schwarzen Rand, er hat graue Haare und trägt zudem einen blauen Pullover. Er unterhält sich mit einer Frau, die sich etwas in einem Buch angestrichen hat.

Romans Gespräche sind irrelevant und außerdem möchte der Erzähler nicht so genau hinhören – es langweilt ihn zu sehr. Ich als Erzähler habe in einem anderen Café Platz genommen. Stellen Sie sich jetzt einmal das Unterschiedlichste vor, über Roman, und versuchen Sie, mit diesen Vorstellungen ein Buch zu füllen, das wäre meine Definition von Schriftsteller.

Ihm ist es zur Zeit noch nicht wichtig, ob sein Schreiben gut oder mittelmäßig ist. Ihn interessiert einzig, die Bezeichnung Schriftsteller für sich zu beanspruchen. Es liegt nun wieder in der Hand des Erzählers, den Text neuerlich ein Stück weit voranzubringen. Mir fällt ein, dass literarische Versuche über Depressionen meist kein Happy End nehmen, man nehme nur Sylvia Plath “Die Glasglocke“ als Beispiel. So wie ich angesichts meiner ausgetrunkenen Kaffeetasse schon wieder ganz perplex bin, ob es sich lohnt, eine fiktive Geschichte weiterzuschreiben, der geneigte Leser möge entscheiden.

Zum Deutschen möchte ich so viel sagen, dass das Imperfekt die Erzählzeit schlechthin ist. Das Tempus ist das größte Statement des Schriftstellers. Die drei Möglichkeiten stark/schwach/gemischt lassen sich dadurch umgehen, dass die starken Verben durch eine schwache Tempusbildung ersetzt werden können und das in 90% der Fälle mühelos verstanden werden kann. Die Bezeichnung unregelmäßige Verben ist nicht präzise (man vergleiche springe/sprang/gesprungen mit singe/sang/gesungen). Die starke, also ablautende Imperfektbildung ist allen Germanen mit Ausnahme der Afrikaaner zu Eigen.

aventiure 1

Über die vielen Nebensächlichkeiten sprechen. Mir ist nicht wichtig, ob Roman zu Mittag beim Asiaten ein Sushi-Set mittel bestellt hat (oder auch nicht). Auch andere Kleinigkeiten entgehen mir, obwohl gerade ein kriminalistisches Auge darin das Wichtigste sehen könnte: Welches war die Mordwaffe, wie sah der Fluchtwagen aus etc. Ich persönlich bin jemand, der solche Schilderungen gerne überliest. Stattdessen unterstreiche ich mir lieber gelungene Satzkonstruktionen und lerne sie auswendig. Ich bin übrigens wieder in meinem Stammcafé und sehe herüber zu den anderen Tischen. Interessante Begegnungen hat es heute nicht gegeben, wahrscheinlich müsste ich mich erneut mit Roman verabreden. Er war gestern im Museum und im Kino. Das hilft ihm – so sagt er – eine Katharsis zu erreichen. Er betont, dass es sich um Bildträger und nicht um Bilder handelt. Das Bild an sich ist ephemer und flüchtig wie Musik. Ich werde auf Roman wieder zurückkommen, sobald er mir einen Brief hinterlegt hat. Er braucht wahrscheinlich auch wieder Ruhe. Unterdessen kann ich den Raum des Textes tatsächlich mit Nebensächlichkeiten füllen. Ein Nachbar im Café telefoniert mit einem Smartphone, das in einer Kuhfleckenschale steckt. Ich kann schreiben, dass an einem anderen Tisch ein Kind mit einem gelben Auto spielt und gleichzeitig von seiner Mutter ein gelbes Auto in einer Werbeanzeige aus einem Magazin gezeigt bekommt. Nebensächlich ist weiterhin der Fakt, dass ich beim Schreiben eine graue Weste trage. Auch der Salzstreuer neben meinem Heft ist nebensächlich.

“Aber in Wahrheit kann nichts die immer häufigere Wiederkehr jener Augenblicke verhindern, in denen ihre absolute Einsamkeit, das Gefühl einer universellen Leere und die Ahnung, dass ihre Existenz auf ein schmerzhaftes und endgültiges Desaster zuläuft, Sie in einen Zustand echten Leidens stürzen“. Michel Houellebecq

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 16079

 

Adorno träumt

Ich versuche, die Hypernomalie der furz-verkackten Psychonomie zu finden. Steige deswegen auf den Berg der Dummheit, um mich von ihm abseilen zu lassen, um auf ein Trampolin zu springen, um mich wieder hochzuschnalzen, um mich von dem Berg der Dummheit abseilen zu können.

Ein Satz aus dem Mund meiner Tochter, wäre gar nicht so schlimm, nur sie ist acht. Wir sitzen zwischen Schafen und träumen in den Tag hinein. Heidi ist nicht mehr, Peter ein Relikt der Vergangenheit. Ein Traum, der für sich nie enden wird und gar nicht erst anfängt. Wir gehen von einem Schaf zum anderen, die Finger der Linken des einen und die Finger der Rechten der anderen festhaltend. Ein Lächeln des gegenseitigen Verstehens. Das Schaf mit dem schiefen Ohr vor uns springt zur Seite. Flucht vor uns oder die Vertrautheit der Gegenseitigkeit der anderen Schafe. Die Wiese, ein Blumenmeer des Frühlings, gekämmt von einer leichten frischen Brise. Die Füße streifen die kleinen Blümchen blau und weiß, manche knicken, manche nur noch ein zerdrücktes Relikt des Seins. Das Singen des Summens im Baum in voller Blüte am Rande des Weges im Wind des Erwachens.

Wir gehen und hüpfen entlang des Grates zwischen Abgrund und Massivität des Granits. Es ist die Freiheit der Schwerelosigkeit, die uns weiter bewegt. Im Herzen so leicht und doch so gewichtig. Ein Stein, ein Sprung, ein Schritt. Er ist überwunden. Weiter entlang des Pfades. Tief durch das Grüne auf den Stufen hinab zum Grund, um danach die Höhe wieder zu erklimmen. Die Welle nach unten, der Weg nach oben, danach wieder nach unten, entlang der foucaultschen Falte zwischen Realität und Traum. Es ist schön, so zu schreiten in Zweisamkeit der Ruhe und Einsamkeit. Gestört durch Artikulationen des Entgegenkommens mit dem Sinn der Erwiderung. Ein vorsichtiges Annähern und knappes Berühren an manchen Stellen. Vorbei. Das Blau der Tiefe, erweitert durch gelbliche Wärme, verfärbt sich auf den weißen Flächen unserer Hülle in Rot. Ein Kribbeln und Fühlen mit Wärme berührt uns. Der Weg ist das Ziel des Weiterkommens.

Die Schafe lassen sich zählen, aber nicht streicheln. Der Hang ist ihr Leben, hier sind sie zu Hause und freuen sich über das neue Grün. Wir sind tief in uns im Traum, der kein Traum im Traum ist. – Wie geht es Ihnen zu Hause? Die Zeilen aufzunehmen mit den Augen in den Gedanken in das Gefühl der Transformation ins eigene Ich.

Wir sehen uns an, tief in die Augen, faltenbildend. Tief verbunden.

Ein Strömen und Fließen in Richtung des Grundes, über Steine, die dadurch mit einem silbrigen Schimmer spiegelnd überzogen sind. Finger lösen sich voneinander und tauchen tief in die Kühle der umspülten Samtheit ein. Ein Stören des Schimmers, ein Brechen des Flusses des Strömens. Ein Kichern, Funkelndes durchschneidet das Blau und landet auf Rot, es tut gut, diese Kühle zu spüren. Steine werden genommen, angeschaut, gedreht, nach Geschichten betrachtet in ihren Farben, ihr Glitzern untersucht, in den Händen gewiegt die Kälte, die Samtheit, die Rauigkeit gespürt, geherzt. Weg und Flug in den Abgrund, tief das Poltern, lang der Weg, weg für jetzt und immer. Die Schritte am Grat des Seins führen uns weiter, die Wärme öffnet die Schalen, die einen fest umzurren, um geschützt durch das Dasein schreiten zu können. Flatternd und leichten Schrittes, die Finger wieder in sich greifend, die Wärme der Finger spürend, weiter, immer weiter, dem Strahlen des Gesichtes entgegen, zu neuen Schafen. Die Schalen berühren sich und wehen durch den leichten kühlen Wind. Nehmen den Geruch des Blauen, des Gelben, des Weißen, des Blauen auf.

Weich, moosig, zart der Untergrund, die Schritte tief und rund, immer weiter durch das Weite der Träume, die immer freier entlang des Grates entstehen. Das Haar wiegt sich in der Luft von dem ständigen Auf und Ab der Bewegung. Blond und braun, wo sich die Strähnen berühren und ineinander kurz zusammen weben, durchflutet vom Gelb und Blau.

Die Finger verwebt ineinander.

Der Traum ist unendlich und nicht greifbar, die Schafe rücken eng aneinander, es gibt ein schwarzes Schaf dazwischen. Ist das schlecht? Warum sollte ein schwarzes Schaf schlecht sein? Zu Ostern haben wir ja zwei Lämmer gebacken, ein weißes und ein schwarzes, und ehrlich, unser Schwarzes schmeckte uns dreimal besser als das Weiße. In der Mitte steht es, wir schlüpfen durch den Zaun, kein elektrischer, und bewegen uns Finger in Finger auf das schwarze Lämmchen zu. Der Kopf bewegt sich von unten seitlich nach oben zu uns.

Es lächelt, und wir nähern uns. Die Weißen stieben davon. Nur das Schwarze bleibt vor uns stehen. Unsere Finger berühren es. Zwischen den Felsen einer Steinmure finden wir den Rest eines Bergsteigerseils, abgetrennt von der Macht der Mure. Der Schädel und die Knochen eines Schafes liegen verstreut herum. Wir sammeln die Teilchen auf. Einige wurden auf Steinplateaus von Raben durch Fallenlassen zerschmettert. Zerschmetterte Knochen, die nochmals zerschmettert wurden. In einer durchsichtigen Vesperbox finden die gebleichten Schafteile einen Platz. Weiß statt Schwarz im Blau mit Gelb. Finger in Finger, mit der Schachtel in der Hand, über Blumen und Steine hüpfen und springen wir. Tanzen ist ein schönes Wort. Tänzeln zwischen den Schafen und Träumen, tief verwurzelt im Blau, das durch weiße Fläumchen nun gefüllt wird. Der Weg auf dem schmalen Grat weich und glitschig, das Leben in der Tiefe des Sumpfes. Nein, es ist nicht sumpfig, sondern nur glitschig. Der Halt ist da, der Ast biegt sich.

Weiter, der Weg ist lang. Der Blick traumhaft. Die Decke aus Blumen und Grün wunderschön. Der Hauch der Luft, der von der Schlucht gegen den Himmel strömt, streift unsere Nasen tief und befreiend. Der Geruch der Wärme der Tiefe erfüllt uns. Die Ruhe und die Erholung, das Fallenlassen und in die Tiefe des Blaus zu sehen. Die Fläumchen schafen sich zusammen. Eine Herde ohne ein Schwarz darin. Der Traum treibt weiter, die Fläumchen auch. Der Ort ist unbekannt, die Weite spürbar, die Endlichkeit bewegt sich in eine Unendlichkeit des Weiter. Die Knochen in der Kiste rasseln. Es ist das Geräusch des Verlorenen, aber auch Gefundenen. Schaf, du bist bei uns. – Und Sie? Wie weit sind Sie schon? – Ein Fragment des Tages, der sich gerade überlegt, was als Nächstes passieren und erscheinen könnte.

Gesang in der Luft, begleitend ein Singsang aus vielen Melodien, ein Chor, ein Kanon, es ist die Realität, dass vieles, was nicht zusammenpasst, doch ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Ein Verweilen, ein Ruhen in sich, die Stimmen der Vielfalt in sich spüren. Hoch geht es über Gesteinsanhäufungen, die es zu erklimmen gilt. Ein Bachbett am Fuße eines Wasserfalls ohne Wasser, nur mit Steinen, große und mächtige, Überbleibsel vieler Schwalle. Heute stöhnt, schnauft es nur im Echo des Grabens, wo sonst das Raunen und die Stimmen des Wassers zu hören normal ist. Schwer ist der Weg und warm, aber es ist schön, nach oben zu kommen, steil nach oben bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr geht. Ein Ende des Weges, ein Blick nach oben mit den vielen Gedanken, was wäre, wenn ein Strömen und Fallen wäre. Tief ist am Grund ein Loch zu sehen, ausgespült und immer wieder gefüllt mit Material, das der Schwerkraft folgen musste und infolge der Schwerkraft nicht weiter geschwallt wurde. Ein Blick über das Blau mit den vielen weißen Pluderchen, eine Ruhe der Stille, wieder mit den Fingern ineinander verwoben. Ein Atmen aus tiefer Brust, ein Blick des tiefen Vertrauens. Der Block schreit nach Verweilen, auf dem wir uns dann niederlassen zum Blick in den tiefen Grund. Geordnet in sorgfältigen Flächen, mathematisch genau, strukturiert bis zum Gehtnichtmehr, ja, das ist der Grund. Wer hätte das von oben hier je erwartet und vermutet.

Hier von oben auf dem Block, ganz anders betrachtet als auf dem Grund, wie abgehoben und klar plötzlich ersichtlich. Die Schnur zwischen den Strukturen gar störend und laut. Wie eingeschnitten in die Berechnung der Logik und des Seins. Störend und doch zu akzeptieren, als Faden der Bewegung und der Verbindung. Wie geht es weiter, nach einem tiefen Schluck. Weiter muss man, auch wenn der Ort zum Verweilen ist, denn irgendwo muss man hin. Ob das Ziel auch wirklich das Ziel ist oder gar wieder der Ausgangspunkt, das scheint unklar, aber doch so sicher, dass der Ursprung auch das Ende sein wird. Wir gehen dem Grunde wieder zu, leicht annähernd. Ist ja fast irrsinnig, wieder weiterzuschreiten, statt ständig zu verweilen. Ein Ort der Ruhe und der Besinnung. Warum nur der Drang des Weitergehens, warum nur? Des Lachens wegen, das ist es. Zweige wie verzweigte Peitschen streifen uns in unserer gebückten Haltung. Demut oder nur das Durchdringen der Tiefe zur Findung der Lichtung und Freiheit. Wir schieben die Äste mit unseren Armen beiseite, manche sind widerspenstig, manche willig. Der Boden weich und tief. Endlich können sich wieder die Finger ineinander verweben. Die Köpfe sich zueinander bewegen. Die Augen sich gegenseitig in den anderen spiegeln und widerfinden. Ein Lächeln und ein tiefes Atmen.

Schafe auf dem Plateau. Bewegen sich kaum. Manche mit dicken Bäuchen, manche mit kurzem Fell, viele mit gesenktem Kopf. Sollen wir uns ihnen nähern oder weiter am Grat entlangschreiten? Wir wollen die Herde mit den gesenkten Köpfen nicht stören.

Eine Brücke über einen Graben, so tief und verwachsen, dass der Grund nicht wahrgenommen werden kann. Schmal ist sie und wackelig. Ein Schritt folgt vorsichtig auf den nächsten. Die Brücke schaukelt leicht mit uns hin und her. Ein gleichmäßiges Ruhiges. Zu langweilig für uns. Wir laufen nun die Brücke mehrmals auf und ab, springen dabei, und die Brücke schwingt in leichten Amplituden behutsam mit. Sie folgt unseren Vorstellungen, wie und was, jedoch sehr träge und manchmal unerwartet. Die Schlucht unter uns, offen, jederzeit bereit, uns zu verschlingen. Der Pfad schlängelt sich entlang der Lippe des Schlundes, die Zahnreihen unter uns warten auf ein Abrutschen von dieser. Unsere Finger halten sich nun ganz fest, fast ängstlich, mit der Wärme und dem Drücken verschwindet jedoch die Furcht, und die Neugier, die spitzen Reihen unter uns zu betrachten, gewinnt Raum. Das Blau über uns, das nun von weißen Fetzen eingehüllte Gelb, gestaltet den Raum und die Zeit, die in sich fließt und weiterschreitet. Schräg nach unten leitet uns der Pfad. Schmal noch dazu. Im Gesicht ein kalter Wind, der zum Grund schiebt. Kalt und kräftig, die Haare verwirbelnd, die Schalen verschließend. Das Blau und Weiß der Blumen auf den Wiesen nicht mehr breit, sondern in sich verschlossen, sind froh, einen Halt zu haben, um nicht zum Grund gerissen zu werden. Wir klammern uns aneinander, machen uns schmal, das Blau mit den weißen Fetzen gibt uns Halt, denn kein Schwarz ist vorhanden. Die Knochen in der Kiste rasseln bei unseren schnellen federnden, beschwingten Schritten. Es zieht uns nicht in den Grund, und wir wollen auch nicht zum Grund. Wir lieben das Schreiten dazwischen. Weder hoch oben noch tief unten. Wir sind nicht greifbar und festhaltbar, aber nicht ziellos und hoffnungslos.

Schafe vor uns und hinter uns, die Köpfe zum Grund gedreht. Wir durchtrennen sie mit einer klaren geraden Linie. Eine Linie des Schreitens dazwischen, ohne die Absicht, damit etwas bewirken zu wollen. Geradlinig und weiterführend, scheinbar nicht zielorientiert.

Zwischen den Weißen sind nun Schwarze im Blau. Das kalte Blasen spürbar und in sich lauter. Bäume berühren und kommunizieren in sich laut. Es ist kein begleitendes Rascheln mehr, sondern die Dominanz der Töne. Eine Höhle der Geräusche, beklemmend und nach einem greifend. Man duckt sich und macht sich klein, die Kleine drückt sich an den Großen. Die Schritte im gemeinsamen Einklang. Die Finger nach wie vor ineinander verwoben und der Blick gemeinsam. Der Grund nun nicht mehr klar greifbar unter uns, verhängt mit schweren Schwaden. Der Weg geht immer weiter, das Blasen immer kälter. Die Schafe sind weg, nicht mehr sichtbar und nicht mehr fühlbar. – Was machen Sie denn gerade? Wo fangen sich gerade Ihre Gedanken im Wind der Träume? – Der Pfad nur noch schwer erkennbar, zwischen Abgrund und Wand. Der Gang sehr vorsichtig. Das Weiß im Blau, das Blau ist gar nicht mehr, ist vor uns, über uns, seitlich und hinter uns. Es ist dicht da und feucht im kalten Wind. Es umhüllt uns und versperrt den Weitblick. Nur noch die Nähe ist erkennbar und spürbar. Die Ruhe des weißen Mantels fast erdrückend. Die Finger ineinander verwoben, die Sicherheit darin und die Geradlinigkeit des Schreitens. Aus dem Nichts kommt uns eine gemauerte Wand entgegen. Die ist nicht unendlich, sondern endlich. Die Wand eines Gebäudes. Starke Drähte verbinden das Bauwerk über dem Abgrund mit dem Grund. Oder hängt der Grund an dieser Schnur fest, damit der Grund nicht verschwindet? Aus dem weißen Nichts kommt eine Gondel, die einlädt, in das Nichts zu fahren. Der Obolus ist entrichtet, und die Fahrt beginnt, rau und wild, vom heftigen Blasen geschüttelt, dem Grund entgegen durch das Nichts. Arm in Arm und nur zu zweit in dieser Gondel, glücklich, zugleich neugierig und angespannt, dem Grunde entgegen.

Michael Miritsch

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 15143

Nachts

Nachts, umgeben von Ruhe
alle Kaufhäuser blinken weiter
denn Lichter schlafen nie
Reduzierter Verkehr am Asphalt
Abzüge pusten fetttriefende Küchen in die Nachtluft

Das Rathaus liegt im Nebel
Villen versteckt in schwarzen Bäumen
nur ein gelbes Licht blinkt
Zacken von Zäunen ragen spitz in die Schwärze
Besitzer halten Menschen mit Speeren fern

Durch enge Gassen
die durch Finsternis Körper zerdrücken
Graffiti-besprühte Wände, bunt
zerlumpter Müll verteilt in einem Kegel von Licht
Nachts pressen Gedanken sich durch Körper, Wände und Schrott
Zeitgefühl nur im Licht beschleunigt
im LED-Bildschirm
Maschinen beschleunigen Zeit

Im Mondlicht steht alles still

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 15103

Eindrücke im Mai

Mitten im warmen Mai, in praller Sonne, esse ich eine Ecke
eine Frau läuft vorbei mit Blumen in der Hand
sie schnäuzt sich ihre Nase
Tee in der Sonne und ein Plätschern im Hintergrund
ein Vogel spannt seine Flügel, er fliegt herum
dabei macht er Geräusche

Im Vorbeigehen schnippt einer fröhlich die Finger
eine Mutter füttert ihr Kind
ein Pärchen, das Mädchen lacht ihren Freund an
Das große Kirchenkreuz verschmilzt im blauen Himmel
Papier fliegt aus der Schachtel, aus der ich gegessen habe
und die Dicken bewegen sich auch alle

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 15105

Unbekannte Orte

Wenn ich auf dem sanft abfallenden Hügel stehe, den blauen, ungetrübten Himmel über mir habe, und den Blick über das vor mir liegende Tal schweifen lasse, gelingt es mir, mich als Teil dieser Landschaft zu sehen. Schafe umgeben mich und ihr Blöken ist wie ein schützender Mantel aus Lauten, der sich dämpfend auf alles legt. Das Weiche, das der Anblick der Schafe in der Ferne vermittelt, verliert sich, wenn sie näher kommen. Ihr Fell ist schmutzig und zottelig, ihre Gesichter sind ausdruckslos und ihre Augen schauen mich nicht wirklich an. Ich weiß nicht, ob sie auf das Nahe blicken oder auf das Innere, das Ferne ist für sie ohne Belang. Ihre Münder sind mit dem Abrupfen des Grases beschäftigt und es scheint, als wäre das ihre ganze Bestimmung. Mir kommen sie nicht nahe, sie umgeben mich und ich bin weder ein Teil von ihnen noch interessieren sie sich für mich. Als Futterquelle scheide ich aus, folglich ist meine Anwesenheit für sie ohne Belang. Ich bin einfach da, nur so. Schafe sind friedliche Tiere, sie sind bescheiden, unaufdringlich, sie lassen über sich bestimmen, lassen sich scheren und lassen sich schlachten. Lämmer sind weich und verletzlich, sie werden geopfert. Wofür?

Wenn ich mich bewege, weichen sie zurück, geben mir den Weg frei. Dabei will ich gar keinen Weg nehmen. Ich trete näher an den Baum, der frei und selbstverständlich hier sein Zuhause hat. Zufällig ist er hier groß geworden und nun spendet er denen Schatten, die ihn finden. Seit vielen Jahren graben sich seine Wurzeln in den kargen Boden. Das ist kein leichtes Geschäft, aber sie wissen, dass es für sie weiter nichts zu tun gibt. Verdorren wollen sie nicht unter der Sonne, dazu ist ihnen das Leben zu kostbar. Also suchen sie den Lebenssaft in der Erde und finden ihn auch, aber mühsam. Ihre schwere Arbeit geschieht im Dunkeln und bleibt für immer verborgen. Trotzdem sind es die bescheidenen Wurzeln, die aus der Tiefe das lebensnotwendige Wasser holen und den Baum wachsen lassen. In Jahren gewinnt er an Größe und breitet seine Äste mit einer Selbstverständlichkeit aus, über die ich nur staunen kann.
Unmerklich entsteht ein Blätterdach, das den Zauber der Sonnenstrahlen aufzunehmen und zu verwandeln weiß. Schön ist es, darunter zu stehen, an einem Tag wie diesem. Das Rauschen der Blätter lässt die Macht der Gedanken verstummen und hüllt mich ein in jene Geborgenheit, die manchmal im Traum zu Gast kommt und schwerelos macht. Das Rauschen ist leise, aber es schließt den Kosmos um mich. An den starken Stamm gelehnt bleibt meinem Rücken auch nicht die Kraft verborgen, die sich hinter der Rinde gesammelt hat. Lange dauert es, bis ein Baum diese Größe erlangt, und nicht jeder schafft es, den Widrigkeiten zu trotzen und seine geheimen Kräfte zu entwickeln.
Dieser Baum kann seine Kraft, ohne ein Aufhebens davon zu machen, weitergeben. Gastfreundlich ist er und lädt mich ein, bei ihm zu verweilen. Es tut gut, mich an ihn zu lehnen und seinen Gleichmut entlang meiner Wirbelsäule in mich eindringen zu lassen. Gleichmut kann mich der Baum lehren auf jene gefühlvolle Art, die nur ihm zu eigen ist. Gleichmut und Bleiben. Beides wird einem zuteil, wenn man die Widrigkeiten des Himmels genauso hinzunehmen versteht wie die Sonnenstrahlen.
Und noch eines gehört zum Vermächtnis dieses Baumes. Die Einsamkeit ist sein Begleiter, doch sie macht ihn weder schwach noch traurig. Wahrscheinlich ist sie es, die ihm die Kraft verleiht, mir Schutz zu spenden unter seinem rauschenden Blätterdach und meine Augen mit den tanzenden Lichtpunkten zu erfreuen. Was wären die Sonnenstrahlen, könnten sie nicht durch die vom Wind bewegten Blätter ihre Geheimnisse entfalten und besonders schillern und glitzern und mir so von ganz anderen Welten und Zusammenhängen künden. Diese Lichtflecken sehen und in mein Inneres lassen, ist etwas vom Schönsten, was es gibt. Sie vertreiben die dunklen Flecken und machen Platz, um etwas noch Unbekanntes entstehen zu lassen, das mich gespannt macht.

Jetzt bleiben nur noch die Hände, die nicht anders können, als über die rissige Rinde zu streifen und fühlend das unhörbar pulsierende Leben zu ertasten, das dahinter verborgen ist. Ihnen kann nichts entgehen, sie nehmen am deutlichsten wahr, was im Inneren vor sich geht. Kummer und Schmerz und auch die Verletzungen dringen durch meine Haut. Rasch erzählt mein Blut es dem Herzen. Wunden und Narben sprechen Bände. Sind sie auch nicht sichtbar, so lassen sie sich doch von den Fingern ertasten, denen ein besonderer Spürsinn mit auf den Weg gegeben ist. Ein Baum erlebt viel, sein Leben ist lang und hier auf dem Hügel ist er allein. Die Blätter raunen ihre schwer verständlichen Worte in die Weite, doch außer den Schafen hört sie meist niemand. So vermischen sie sich mit deren Blöken und werden zu einem Geräusch, das dem Pulsieren des Blutes gleicht und ohne auf sich aufmerksam zu machen den Rhythmus der Welt mit anschlägt, nach dem alles auf seine Weise lebt und sich bewegt oder still ist, wenn die Zeit es verlangt. Dem Puls im Innern des Baumes können die Hände nachspüren. Ein gleichförmiges Dahinfließen in den zahllosen engen Kanälen können meine Finger erahnen. Weder Hast noch Stillstand kennt der Puls des Baumes. Er hat gelernt, alles hinzunehmen, in sich aufzunehmen, in Holz zu verwandeln und zu bewahren. Da gibt es viel zu lesen in den Ringen, die sich Jahr für Jahr bilden. Wie eine Blindenschrift entziffern sie meine Finger. Und diese Schrift verbindet sich mit der Erinnerung an all jenes, das ich gehört und gelesen und weiß und ahne, und so entsteht etwas Neues in mir.
Liebevoll streichle ich über die Rinde und lasse meine Zuneigung als Pfand zurück, ehe ich mich verabschiede.

Auf dem Weg über das karge Gras begleitet mich noch das Lied jenes Baumes, der sich mir anvertraut hat, und dessen Botschaft ich mit mir nehme in das Dorf, dem ich entgegengehe. Niedrige, weiß gekalkte Häuser erwarten mich. Freundlich blicken mich ihre kleinen quadratischen Fenster an. Die Wimpern unten sind mit roten Blumen geschminkt und die Lider zieren perlenbehangene Spitzen, so dass die Fenster in der Tat Augen gleichen, die den Besucher mit einem Lächeln begrüßen. Ich nicke zum Gruß, als wären wir seit langem bekannt, dabei war ich niemals zuvor hier.
Anscheinend bekümmert das niemand. Kann sein, wir kennen uns von alters her. Nur mir ist die Erinnerung verlorengegangen, während das Auge des Hauses mich sehr wohl wiedererkennt.

Ja, so ist das mit Häusern, man darf sie nicht unterschätzen. Haben sie jemand ins Herz geschlossen, so sind sie ihm treu und heißen ihn wieder willkommen. Mit einem Lächeln gehe ich entlang und fühle die Wärme, die die weiß gekalkte Mauer für mich gespeichert hat.
Ich bin in einer Gasse, deren Boden mit hellem Kalkstein gepflastert ist. Er ist glatt geschliffen von den abertausend Füßen, die darübergegangen sind und unsichtbare Spuren hinterlassen haben. Der Klang meiner Schritte fängt sich in den Mauern und gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. In die Häuser führen bunt gestrichene Türen, die die Fröhlichkeit der Bewohner erahnen lassen. Die Tür muss bunt sein, rot am besten, das ist einladend. Links von mir führt eine Steinstufe zum Eingang des Hauses, eine schmale Tür, so ist es recht. Nicht jedem wird sie sich öffnen.
Eine Katze liegt auf der von der Sonne erwärmten Stufe. Sie räkelt sich und genießt. Das können uns die Katzen lehren. Den Weg zwischen den Häusern gehe ich entlang. Hier sind es die zurückhaltenden Farben Weiß und Grau, die für Ruhe sorgen. Aber die Blumen auf den Fenstersimsen und an den Haustüren sorgen für Aufheiterung. Gelb mischt sich mit Blau und Rot und immer wieder Weiß. Grün sind die Blätter, das Beiwerk der blühenden Blumen. Meist nimmt man es als selbstverständlich hin und schenkt ihm keine besondere Aufmerksamkeit. Es ist satt vom Licht, das es im Übermaß getrunken hat und reckt sich schützend zurückhaltend um die Blüten. Stolz ist das Grün auf seine Schützlinge und weiß sich zu bescheiden.

Nun sind es die Stimmen, die an meine Ohren dringen, unverständlich und fremd. Die Gasse mündet in einen Platz, auf dem reges Treiben herrscht. Es ist Markt und ich werde mit einem Übermaß an Lebendigkeit empfangen. Ganz selbstverständlich werde ich ein Teil davon. Hier kann ich eintauchen und teilhaben. Niemand scheint meine Fremdheit zu bemerken, so fühle ich mich heimisch und drängle mich wie all die anderen zu den einzelnen Ständen. Ich werde angelächelt und lächle zurück, ich blicke in dunkle Augenpaare und kann ihnen begegnen, ohne ausweichen zu müssen. So macht es Spaß, sich unter Menschen zu bewegen. Es gilt das grundlegende Recht des Angenommenseins. So kann die Seele anfangen, sich zu öffnen und frei zu werden. Dieses Geschenk empfange ich hier unter Fremden. So fangen meine Augen an, sich zu öffnen für die Vielfalt der Waren, die feilgeboten werden. Bunt ist alles und laut, so wie ich es lange nicht erlebt habe, dennoch spüre ich eine Harmonie, die wohltuend ist. Bunte Stoffe werden vor mir ausgebreitet. Es sind Farben, die mit ihrer Leuchtkraft nicht geizen müssen: Grün und Orange und Blau und Pink und Violett und Gelb. Die Muster besitzen eine Selbstverständlichkeit, die durch nichts zu überbieten ist. In diesen Stoffen ist das Leben eingefangen, mit dem ich mich einhüllen will. So kann mir nichts geschehen.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 15078

Ruinenruin

Am Beginn des Fuß- und Radweges parallel zur Rohrbacher Bundesstraße mahnt eine Hinweistafel alle Fußgänger, sich links zu halten, also dicht neben der stark frequentierten Fahrbahn zu verbleiben. Wegen des Steinschlags aus den Klüften der Urfahrwänd, der, obzwar durch die alljährlichen Felsräumungen, durch aufwendige Armierungen, Fangnetze, Stahlanker und Betoninjektionen im Zaum gehalten, eben nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Hier, entlang einer vollständig abgebrochenen Ortschaft,  rauscht weniger die Donau als vielmehr der Verkehr vorbei. Zwar gibt es auch einen inoffiziellen Steig, der dem Flussufer folgt, aber der gilt als Parcours der Hundeführer.
Einem schnappigen Köter oder seinem nicht minder bissigen Halter auf handtuchbreiter Fläche auszuweichen, lässt sich nicht immer mit der gebotenen Eleganz vollführen. Wenngleich sich eine Pumpgun im Lärmschatten von Bahntrasse und vierspuriger Bundesstraße wahrscheinlich weniger auffällig abfeuern ließe als unter der Zeugenschaft unzähliger vorbeifahrender Automobilisten. Aber es ist ja so: Man erschießt ja nicht nur den Pitbull und früher oder später kommt man wirklich in die Bredouille und weil man sich vielleicht nicht auf Notwehr ausreden kann, fasst man bei bisheriger Unbescholtenheit trotzdem einige Jahre Gefängnis aus, die man zusammen mit diversen Stumpfköpfen in Stein oder Graz-Karlau verbringt und damit der Gesellschaft der verlorenen Seelen ein weiteres Mitglied hinzuaddiert. Und Doris Day kriegt man ebenfalls nicht als Bewährungshelferin zugeteilt.

Man bleibt also auf dem Streifen Asphalt neben der Rohrbacher Bundesstraße, der man aber natürlich nicht bis Rohrbach, sondern nur bis Puchenau zu folgen beabsichtigt. Gekommen war man durch die Ottensheimer Straße, war mit einer Mischung aus schwermütiger Erinnerung und schwelendem Groll durch dieses Quartier gestapft, das ironischerweise immer noch Alt-Urfahr heißt, gleichwohl die wirklich alte Bausubstanz bald nur noch an der Hand eines Sägewerksarbeiters abzuzählen sein wird. Den Rest des lieblichen Ensembles bilden entkernte Gebäude mit konservierten Blendfassaden und der schlichte Barock der Neureichen – diese Allerweltshochstapelei phantasielos konzipierter Wohneinheiten mit obligatorischem Planschbecken im Vorgarten.

Natürlich will man es nicht darauf anlegen, von einem zufällig herabkollernden Stein erschlagen zu werden, in Quasi-Adaptierung des Ödön von Horváth-Abgangs enden, dem bekanntlich ein herabfallender Platanenast auf den Champs-Élysées das Lebenslicht ausblies. Aber andererseits muss man auf die Radfahrer achtgeben, von denen man nicht weiß, ob sie auf einen achtgeben. Der typische Neurastheniker am Velo ist ja bekanntlich von eher schlichter Anwandlung: nach oben buckeln, nach unten treten – und das mit einer bewundernswerten Unablässigkeit, die selbst die Einsicht in die Notwendigkeit elementarer Verkehrsregeln nicht zu bremsen vermag. Am allerlustigsten sind Kinder unterwegs, wenn sie, im Herumeiern Schwung nehmend, ihren Altvorderen fröhlich krähend in die Parade fahren. Aber sie tragen wenigstens Helm und radeln allfälligem Felsgeriesel immer schon voraus.

Man blickt also ab und zu in die Wand, bzw. die Felswände und -vorsprünge hoch, sucht das Relief des verwitternden Granits nach Auffälligkeiten ab, von denen man aber natürlich nicht weiß, wie sie auszusehen hätten. Überhängende Steinbrocken, die anmuten, als würden sie sich kaum wahrnehmbar im Luftzug wiegen, als Gefahrenquelle ausnehmen kann jeder, der auch nur halbwegs seinen Augen traut. Man blickt aber auch regelmäßig den Weg zurück, um allenfalls aufschließende Radfahrer rechtzeitig zu gewärtigen.
Man hat einen Blick für das Gesträuch in Sepia, das filzig und dornenreich die Flanken der Abhänge hochkriecht und sich im Vorfrühling noch nicht sattgrün wie zur Hochzeit der Vegetation zeigt. Man hält im Unterholz des ausgewiesenen Naturschutzgebietes nach den letzten Ruinen der devastierten Ortschaft Ausschau, die man vor Jahren noch gesehen glaubte. Reste einer gemauerten Vorhausfläche, Ansätze eines Kellerabgangs, aufgehendes Mauerwerk. Das „Gasthaus zur Schiffmühle“ kann man nicht mehr lokalisieren. Den Aufgang in den Urfahrer Königsweg ebenso wenig.

Gegenüber, am jenseitigen Ufer der Donau, zeigt sich die pittoreske Kirchenlandschaft von St. Margarethen. Mit der einzigen Einsiedelei in Landeshauptstadtnähe, die bedauerlicherweise von keinem schrulligen Schratt mehr unterhalten wird. Klar, wenn der Kirche schon die Priester ausgehen, werden auch die gottesfürchtigen Selbstgeißler nicht Schlange stehen, sich um eine schimmelige Bleibe in einem Kabäuschen in grottiger Einschicht zu raufen.
Weil die Bäume noch kahl sind wie jene Weihnachtstannen, die, wenn sie nicht längst verheizt oder gehäckselt wurden, sich spätestens ab Maria Lichtmess im Wohnzimmer als armseliges Staudengerippe präsentieren, sieht man die Umrisse der sogenannten Rosenburg auf der benachbarten Anhöhe ganz gut durch einen struppigen Wald durchscheinen. Die Phantasiefestung des Edward Schiller, die diesen nicht glücklich machte, allenfalls die Kinder, die zum Lampionfest pilgerten, das die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten einst hier veranstaltete.

Man dackelt weiter und gewinnt schließlich den Puchenauer Ortsteil Anschlussmauer. Der Name verweist freilich nicht darauf, dass im 1938er Jahr zu viele Landsleute dem Anschluss die Mauer gemacht haben, vielleicht sogar die gleichen, die sich dann 1945 als erste Opfer verstanden, sondern auf die sogenannte Anschlussmauer als Teil des Bollwerks der Maximilianischen Befestigungsanlage. Und die war genau hundert Jahre früher entstanden, nie wirklich zum Schuss gekommen und kaum einmal zwanzig Jahre als militärische Anlage in Betrieb gewesen, ehe man sie aufgab.

Die Häuser von Anschlussmauer sind in die Leite einer der Ausläufer der Flanken des Pöstlingberges gebaut und etwas lärmgeschützt dank einer Wand, die die Sicht auf die Bundesstraße verbarrikadiert. Das erinnert einen an jene vereinsamte Alte, die, in Waldegg an einer Straßenführung parallel zur Westbahnstrecke wohnend, damit drohte sich umzubringen, falls die hochgezogenen Lärmschutzwände ihr die Sicht auf die rangierenden Züge nehmen würden.
Man weiß nicht, was aus ihr wurde. Die zwei Stockwerke hohen Hürden stehen jedenfalls und wurden schon bald nach ihrer Errichtung innerseits der Gleisanlagen mit dem Schriftzug „Shamsir“ an verschiedenen Stellen verunziert, was vielleicht auf den gleichnamigen persischen Säbel verweisen soll und wohl ein Signet des islamischen Wahnsinns darstellt.

Das Ensemble der Überreste des sogenannten Linzer Lagers wurde nie unter Schutz gestellt, wie es die ausgewiesene Kunsthistorikerin Renate Wagner-Rieger bereits in den 1960er Jahren gefordert hatte. Vielmehrt wurde seither den Relikten beim Zerbröseln zugesehen, sowie da und dort auch noch ein bisschen nachgeholfen. Dass 1975 die linke Klause Kunigunde – sämtliche Bauten unterstanden dem Patrozinium weiblicher Heiliger – geschliffen wurde, war der Notwendigkeit geschuldet, dem stetig wachsenden Verkehrsaufkommen durch Ausbau der Bundesstraße Rechnung zu tragen. Somit also Folge eines Sachzwangs. Dennoch ist es schade um den Anschlussturm, der zuletzt als Wohngebäude in „verkehrsgünstiger Lage“, wie es im Immobilienmaklereuphemismus heißt, gedient hatte: auf einer Insel zwischen Bahngleis und Autopiste.

Jetzt steht man am Waldsaum vor einem überwachsenen Felsblock, der eine für das Mühlviertel typische Verwitterungsform aufzuweisen scheint: Steinlagen wie geschlichtete Tortenböden. Nach genauerem Hinsehen erkennt man das bloßgelegte Mauerwerk aus ineinander gepackten Bruchsteinen, den Rest jener hangwärts führenden Anschlussmauer, die sich hier mit der Klause verband, allein einen Fuhrwerksdurchlass offenlassend, der im Bedarfsfall massiv verbarrikadiert werden konnte.
Man überlegt, weiter nach Puchenau hineinzugehen, in diesen Ort ohne Zentrum, in dem Roland Rainer seine Idee der Gartenstadt in die Realität umsetzen konnte, sich gewissermaßen als Harry Glück des verdichteten Flachbaus verwirklichte, weniger als austriakischer Ebenezer Howard auf potenziellem Überschwemmungsgelände. Beschließt dann aber den Hang hoch durch den Wald zu stapfen, was einen gleich keuchen macht und einem den Ratschlag seines praktischen Arztes in Erinnerung ruft, man könne doch das eine oder andere Bier von mehreren am Abend des Vortags getrunkenen ebenso gut auch nicht trinken. Allerdings, der Springinsfeld ist man ohnehin nicht mehr und Bier reinigt bekanntlich die Nieren und überhaupt: Was sind schon fünf Bier, wenn man zehn eh nicht getrunken hat?

Durchs Laub schlurfend, wühlt man eine mutmaßliche Granatenkartusche oder Büchsenkartätsche aus der Humusdecke und will die Sache gleich gar nicht näher in Augenschein oder gar mit nach Hause nehmen, um sie, in den Schraubstock eingezwängt, experimentell anzubohren. Wie es jener Jugendliche mit seinem brisanten Fundgut gemacht haben musste, ehe der mitsamt Elternhaus in die Luft flog. Natürlich könnte man den Entminungsdienst alarmieren und den Spezialisten, die sich von nervenaufreibender Fliegerbombenentschärfung erholen, den Sonntag damit ruinieren, dass man sie zur Bergung eines, wie sich dann herausstellt, leicht angerosteten, uralten Sodawassersiphons rief.
Stattdessen setzt man die Besteigung des mit lichtem Mischwald bewachsenen Berghangs fort, wähnt auf dieser wilden Passage unweigerlich, weil logischerweise, auf jenen Wanderweg treffen zu müssen, der von der Schießstättenstraße als Kreuzweg abgeht und im Wald schließlich als Turmstraße an Ruinen der Maximilianischen Befestigungsanlage vorbeiführt. Kommt aber plötzlich vor einem Jägerzaun zum Stehen, der ein Areal mit Jungbäumen einhegt, um sie solcherart vor Wildverbiss zu bewahren. Den Jägerzaun im schwierigen Gelände zu umgehen wird insofern zur Herausforderung, als von unterbrochener Waldarbeit loses Geäst herumliegt, zu Scheiterrundlingen portionierte Stämme des Aufgelesenwerdens harren und das Erdreich zudem durch Ziehen und Rücken der Hölzer mit dem Sappel so aufgewühlt wurde als wären die Eber durchmarschiert.

Man legt eine kurze Rast ein, sondiert die Lage, rekognosziert das Terrain, wie man früher im Militärsprech zu sagen pflegte und lenkt seine Schritte dann traversiere zum Hang. Damit weicht man einerseits dem Jägerzaun aus, hält andererseits auf die Anschlussmauer zu, die sich als unübersehbare Barriere vom Ort herauf in sturgerader Linie durch den Wald zieht.
Man erschreckt zwei Rehe, die zunächst auf die Mauer zuschießen, sich aber noch rechtzeitig abwenden, ehe sie an ihr zerschellen. Unter erregtem Ohrenspiel, was eine gewisse Empörung kundzutun scheint, traben sie aus dem Sichtfeld hangabwärts.
Die Anschlussmauer zeigt sich als ein mit dem Felsmaterial der Gegend versehenes Bloßsteinmauerwerk, dem ein Bewuchs aus Stauden und struppigen Baumkrüppeln aufsitzt. Ihre geschätzten drei Meter Höhe mit herangeführten Leitern zu überklettern, wäre jetzt keine Schwierigkeit und vor hundertsechzig Jahren wahrscheinlich auch keine gewesen, wenn sich das Gelände damals so präsentiert hätte wie heute. Aber zu Zeiten des Biedermeiers gab es hier keinen Wald und man hätte sich unweigerlich ins Schussfeld der im Schartenstock der Edelburga-Warte auf Posten befindlichen Füsiliere begeben. Selbst Geschosse abgefeuert aus Steinschlossgewehren können einem das weitere Vorgehen ganz schön verhageln.

Die Anschlussmauer endet mit einem absurden rechteckigen Durchguck knapp über Kopfhöhe an der Außenmauer der ehemaligen Warte, einer Bastion über halbkreisförmigem Grundriss. Am Mauerfuß sammelt sich Ziegelbruch von den Fensterlaibungen. Man streift am leicht nach innen geneigten Gemäuerhalbrund entlang, trifft jetzt nach einigen Schritten tatsächlich auf einen Weg und steht gleich darauf am ehemaligen Einlass in den Wehrbau. Massive Türangeln finden sich dort in den Stein gefügt. Auf solche Weise verankert, dass es unmöglich bleibt sie herauszuziehen, auch wenn eine sich in lockerer Haltung vermeintlich zu lösen scheint. Das deutet darauf hin, dass sie nicht eingestemmt, sondern vielmehr beim Versehen der Steinmauer in die vorbereiteten Ausnehmungen einer Lage eingelegt und verkeilt worden sind.

Setzt man mit kühnem Schwung durch das Portal, stürzt man unweigerlich in eine Grube, die sich an der Stelle auftut, wo schon vor langem eine Zwischendecke eingebrochen ist. Den Bau eines armierten militärischen Beobachtungsstandes als eine Anordnung von Fallgruben zu denken wie die Theaterbühne von Alfred Jarry, daraus in Gestalt einer einzigen Person im Bedarfsfall die gesamte polnische Armee entsteigt, wäre denn doch etwas hirnrissig. Um in das Innere der Warte zu gelangen, ohne ein Fall für die Bergrettung zu werden, klettert man eben durch eine der Fensterhöhlen und landet im ehemaligen Magazinstock auf dem Schutt eingestürzter Gewölbe. Die Anmutung des Ruineninneren hat weniger etwas Beklemmendes als vielmehr etwas Beklagenswertes: Warum musste der funktionslos gewordene Massivbau auch so verkommen? Als man vom Verdeck das provisorisch gedachte Holzdach abnahm, um es zu Ofenscheitern zu zerkleinern, wurde die darüber aufgebrachte Erdschicht, die ursprünglich als Splitterschutz fungiert hatte, zur Humusdecke für die mit dem Wind verbrachten Pflanzensamen. Man möchte sich ausmalen, die hier und in den anderen Türmen stationierten Kanoniere hätten in Friedenszeiten auf abgedunkelter Erde Champignons gezüchtet, wie weiland der Spitzweg’sche Vorposten, der Socken strickte – mit nicht aus der Ruhe zu bringender Raffinesse. Den verschiedenen Wetterbedingungen im Jahreszeitenwechsel ausgesetzt, konnte es aber nur eine Frage der Zeit sein, bis das Mauerwerk anfing, Schaden zu nehmen. Von der Kehre oberhalb der Warte betrachtet, sitzt dieser regelrecht ein Wäldchen auf. Eine Wald-in-Wald-Idylle? Eine pittoreske Szene mit Ablaufdatum jedenfalls.

Während man darüber nachdenkt und sich versonnen endlich wieder nach dem Weg wendet, fährt man unversehens einer Läuferin in die Parade, die mit aufgesetztem Kopfhörer in hochfahrender Gazelleneleganz die ehemalige Turmstraße heruntergesportelt kommt. Das Malheur ist natürlich nicht damit aus der Welt, dass man sich entschuldigt, dabei peinlich darauf bedacht, nicht das von sich zu geben, was man sich eigentlich denkt. Sie fängt sich, eben so wie man sich fängt, schlingt ihren Kopfhörer um den Hals, daraus irgendetwas Unzumutbares greint, das nur Menschen für Musik halten können, deren Gehörschaden irgendwo zwischen Thalamus und primärer Hörrinde zu lokalisieren wäre. Der Austausch von Unfreundlichkeiten unterbleibt trotzdem. Man einigt sich darauf, dass, wenn schon nichts anderes, so doch der Frühling bald kommt. Dann nimmt sie das Laufen wieder auf und man sieht ihrem flatternden Haar noch eine Weile nach und glaubt, es seien die Korinther gewesen, die den Spartanerinnen nachsagten, sie hätten alle einen Vogel. Aber vielleicht brachten die Ersteren das nur deswegen auf, weil sie bei Zweiteren so gar kein Leiberl hatten.

Wenig später steht man vor dem Turmruinenrund des Turms 15, Luitgarde, der, im Gegensatz zur Warte, nicht in den Hang, sondern auf verebnetes Gelände gesetzt worden war. Es umfangen ihn noch der Graben und jenes Erdwerk, das man das Glacis nannte, sodass sich die Anlage gegen die gedachte Angriffslinie als ein in seine unmittelbare Umgebung eingebetteter Kegelstumpf präsentierte. In unseren Tagen betritt man durch den aufgerissenen Eingang an der sogenannten Kehle einen großen, hohlen Gugelhupf, der dadurch entstanden ist, dass von drei konzentrischen Rundgängen nur noch der äußere erhalten geblieben ist, die Balkendecken der inneren längst den Weg allen Irdischen gegangen sind. Wahrscheinlich wurde nach dem Verkauf der einzelnen Bastionen der Sache des Verfalls auch hier etwas nachgeholfen. Deckenholz ließ sich, zugeschnitten, als gut getrocknete Feuernahrung in jeden Ofen schieben.

Im Zentrum des Gugelhupfs erklimmt man einen vermeintlichen Schutthügel, den die Feuerstelle einstiger Lagerfeuerromantik, selchig müffelnde Asche und einiges Dosenblech krönt. Dort pflanzt man sich auf und betrachtet im Rundblick einen mit Baumbesatz überzogenen Mauerkranz. Die sich nach und nach durch die Backsteintonnengewölbe arbeitenden Wurzeltriebe werden letztlich der Ruinen Ruin sein, sinniert man und bedauert, dass der Eigentümer, Stift Wilhering, nicht auslichten lässt.
Der zentrale Schutthügel inmitten der Turmruine ist gar keiner, sondern der innerste Raum, in dem entweder ein Brunnenschacht abgeteuft war wie im Leondinger Turm 9 oder im Heilhamer Turm 24, oder Sprengmittel eingelagert wurden. Ein von klafterdickem Mauerwerk umschlossener Zylinder mit Backsteinkuppel.
Man fragt sich, ob man hier über dem vermuteten Zutritt einmal die Schaufel ansetzen sollte, um ins Innerste vorzudringen und  – ja, auf was wohl zu stoßen? Auf Graffiti, die gelangweilte Sappeure Anno Tobak in den gebrannten Ton der Ziegel geritzt haben?

Für heute hat man keinen Klappspaten dabei und so macht man sich weiter auf der preisgegebenen Turmstraße, der das Pflaster geraubt worden ist, das nirgendwo mehr vollständig, sondern nur noch an bestimmten Stellen aufliegt. Man weicht vom Weg ab, um nach der Ruine der Batterie Thekla zu sehen, welche zusammen mit jener namens Klara einen niemals errichteten Turm 17 in den abschüssigen Lagen des Pöstlingberges ersetzen half. Man streicht vorbei an den trostlosen Überresten des Seraphina-Turms 16 und tritt vom Wald heraus auf eine Wiese, in der jener Felsenkopf zu vermuten ist, der gesprengt worden war, um den Geschützen der in der Nähe befindlichen Bastionen kein natürliches Hindernis innerhalb der Bestreichungsradien zu belassen. Bei dem Manöver zerbröselte der Felsen in weitum streuende, rasiermesserscharfe Splitter, die der Überlieferung nach einer Marketenderin das Leben kosteten. Noch vor einigen Jahren konnte man die Splitter von der Hochfläche der markanten Erhebung auflesen. Jetzt findet sich eine Grasnarbe als Decke darüber geschlagen.

So nahe am Berg, der eine Basilika in der Nachfolge eines an einen Baum genagelten Gnadenbilds trägt, weiß man nichts anderes mit sich anfangen, als ins Wirtshaus zu gehen. Dort isst und trinkt man unter Leuten, die es auch nicht anders betreiben. Später wird man dann entlang der Hohen Straße, die auch noch Hansbergstraße heißt, nach Linz zurückgehen.

Man wird keine der zur Übung gewordenen Sonntagsbesuche mehr machen. Man wird daheimbleiben, in Büchern lesen und abends das Radio anmachen. So erfährt man, dass noch am gleichen Tag die Rohrbacher Straße auf behördliche Anordnung gesperrt wurde. Es gingen Steine aus der Urfahrwänd auf die Fahrbahn ab.

Bernhard Hatmanstorfer

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Im Alsergrund

Anfang Oktober ist es, mehr noch, es ist genau der erste, und ich komme endlich ins Hotel. So gegen halb sechs Uhr abends muss es sein. Ich fahre vom Schottentor eine Station mit der Straßenbahn die Währinger Straße stadtauswärts, dann gehe ich ein Stück im Regen, mit einer Mappe unter dem Arm, auf die vom Schirm das Wasser tropft. Aber die Mappe ist dicht, es dringt kein Wasser hinein. Der Stockschirm ist grün, es ist einer vom Spar, und obwohl er mich im Zug, in der Straßenbahn, in der U-Bahn stört, bin ich froh, ihn mitgenommen zu haben, so sehr schüttet es. Die Stra­ßen glänzen, auf den Gehsteigen und Fahrbahnen spiegeln sich die Lich­ter, die der Autos, die der Straßenbeleuchtung, die der Geschäfte, impressionistisch zergehen sie im Flüssigkeitsfilm und in den Pfützen. Der Regen lässt mich eine seltsame Geborgenheit fühlen, und es scheint mir, als weinte er über die verlorene Jugend der mächtigen alten Stadthäuser.

In der Währinger Straße, direkt gegenüber den Physikalischen Instituten der Universität Wien, liegt mein Hotel. Mein Gepäck habe ich schon am Morgen abgegeben, weil ich früh angekommen bin und dafür Zeit gehabt habe. Es ist ein Haus aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert oder Ende 19. Jahrhundert. Oder Anfang 20., das ist ziemlich dasselbe, und weit fehle ich nicht, bin ich mir sicher. Ich hole meine hellbraune Reisetasche, die mich schon während meiner Interrail-Reisen begleitet hat und die ich an der Rezeption habe stehen lassen dürfen. Der Lift in den 4. Stock braucht ewig, ich bekomme beinahe Angst, er würde überhaupt nicht stehen bleiben, son­dern mit mir ein Experiment zur Relativitätstheorie, zur Gravitation etwa, durchführen, mit stetig wachsender Geschwindigkeit über das Dach hinaus rasen, im­merhin sind die Physikalischen Institute nur ein paar Meter entfernt. Aber da hält er doch. Ver­winkelt orientiere ich mich an den Zimmernummern an den Wänden, ein Pfeil dahin, ein Pfeil dorthin. Schließlich stehe ich vor meinem Zimmer. Num­mer 400. Statt einer Magnetkarte gibt es einen Schlüssel, schwer liegt er in meiner Hand. Ein sympathischer Zug einer stehengebliebe­nen Zeit.
Eigentlich betrete ich eine Wohnung, kein bloßes Hotelzimmer: eine enge Diele, von der es zur Toilette geht, eine Garderobe, ein Bad, ein großes Zimmer mit drei Betten, ein Wohnzimmer fast, hoch oben über der Währinger Straße. Ein winziger Röhrenfernseher steht auf dem dunklen Schreibtisch, an dem man sitzen muss, um das Bild zu erkennen. Vom Bett aus geht da nichts. Höchstens mit einem Opern­glas. Im Vorraum, in der Garderobe steht ein alter knarrender Kasten, mit Kunststofffolie ausgelegt, die mit Röschen verziert ist. Hemden und Unterwäsche lege ich hinein. Vorher vergewissere ich mich, dass kein Staub auf den Folien liegt. Es scheint sauber zu sein. Keine Motten oder sonstiges Getier.
Ich telefoniere mit meinem Handy mit Wolfram. Es han­delt sich um einen Rückruf, den ich kurzhalten will, doch geht das bei Wolfram kaum, er hört nicht zu reden auf, selbst wenn es um nichts geht. Irgendwie schaffe ich den Ausstieg, ohne unhöflich zu sein. Er hat mir das Gasthaus „Wickerl“ zum Abendessen empfohlen, unten in der Porzellangasse. Ich werde danach Ausschau halten. Hungrig bin ich, wir haben wäh­rend der Besprechung tagsüber zwar ausreichend Brötchen bekommen, kleine Häppchen, aber keine warme Mahlzeit. Ich packe die Reisetasche aus, lege die Dinge aufs Bett, auf den Tisch, auf die Couch, einen Teil, der dort hingehört, ins Bad. Die Schuhe lasse ich an, ebenso das Sakko. Der Schirm ist in der Diele aufgespannt und gibt knisternde Geräusche von sich. Die Reiseta­sche ist jetzt leer. Morgen in der Früh kommt alles wieder hinein, was jetzt irgendwo im Zimmer liegt. Wenn ich zurückkomme, werden die Dinge geordnet, selbst wenn es nur für ein paar Stunden ist. Jetzt habe ich keine Lust dazu. So gehört es sich für einen Pedanten, würden ei­nige meiner Bekannten sagen, nämlich dass er peinlich Ordnung hält. Naja. Ich nenne mich positiv ordnungsliebend.

Ich entspanne den Schirm, gehe hinaus, sperre die Tür von außen ab, hole den Lift, steige ein, nachdem er endlich gekommen ist, drücke die Taste fürs Erdgeschoß, und er fährt tatsächlich nach unten. So lange kommt es mir jetzt nicht vor, die Schwerkraft hilft mit, wenigstens dem Gefühl nach. Eine scharfe Ana­lyse eines Physikers im Angesicht der Physikalischen Institute. Ich gehe an der Rezeption vorbei, die ein paar Stu­fen hinauf rechterhand liegt. Draußen bimmelt die Straßenbahn, die Autos verspritzen das Regenwasser der Pfützen, die Leute jonglieren sich mit ihren Schirmen über die Gehsteige, ich atme vor dem Hotel die kühle, vom Regen feuchte Luft, die erfri­schend zum Gehen hin­unter in den Alsergrund ermuntert. Die Ampel schaltet auf Grün, nach­dem ich gewartet habe und die Autos in ziemlichem Tempo vorbeigerast sind und bei Rot abrupt gebremst haben. Ihren Sprit­zern habe ich entgehen können. Am Anfang der Bolt­zmanngasse gibt es ein Gasthaus, das geschlossen ist, also weiter, entlang den Physikalischen Instituten und dann nach rechts in das letzte Stück der Strudlhofgasse. Rechts steht die schöne Villa, in der früher die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika war und links sehe ich eine Tafel, die auf den Schauspieler Raoul Aslan hinweist, der in diesem Haus gewohnt hat.
Und dann ist sie wieder vor mir, wie schon ein paar Mal, wenn ich in Wien war und in der Nähe nächtigte, früher oft an der Ecke Alserstraße/Lange Gasse, und ihr nahe sein wollte: die Strudlhofstiege. Vor Jahren habe ich Doderers Roman gelesen, er hat einen schwarzen Einband, ich habe ihn von meinem Vater geschenkt oder nach seinem frühen Tod bekommen, ich weiß es nicht mehr. Oben ist ein Spruch auf die Mauer gesprüht: „Balkone strahlen vor Schein­freiheit“. Ich gehe hinunter, kann mich nicht recht entschei­den, nehme ich die Kehre nach links oder nach rechts, ich gehe quasi planlos, einmal so, ein­mal so. Die Stiege ist beleuchtet, klar, die Sturz-, Belästigungs- und Rutschgefahr ist nicht ohne. Ein Mädchen kommt mir entgegen, es ver­meidet meinem Blick zu begegnen.
Dann bin ich unten, überquere die Liechtensteinstraße, biege in die Fürstengasse ein, die am Palais Liechtenstein entlang­führt. Schließlich habe ich die Porzellangasse erreicht, durch die der D-Wagen nach Nussdorf fährt und bimmelt und die leuchtet und im Regen glänzt. Märchenhaft. Die Pfützen reflektieren die Lichter, und diese glänzende Nässe, die Regelmäßigkeit des Regens, die Si­cherheit im kleinen privaten Revier unter dem Schirm schaffen eine abendliche Melancholie, eine anregende Melancholie, die nicht belastend ist, im Gegenteil, sie trifft die angenehm heimelige Stimmung im Alsergrund. Fast fühle ich mich hier zu Hause.

Ich habe Hunger und halte Ausschau nach dem Gasthaus „Wickerl“. Es zeigt sich mir nicht. Da fällt mir ein: Vor Jahrzehnten, als ich in Wien an der Nationalbibliothek zu tun hatte, kam ich oft in die Porzel­langasse. Gleich in der Nähe ist die Seegasse mit dem ältesten jüdischen Friedhof in Wien, glaube ich. Und die Berggasse, in der Sigmund Freund wohnte und praktizierte, ist auch nicht weit. Ich besuchte damals Tom, der an der Universität Wien ein Doppelstudium belegte, Informatik und Recht. Beides schloss er ab. Er wohnte im „Porzellaneum“, dem Heim des Studentenheimvereins der Wie­ner Universität. Wir spielten im Garten des Heimes Schach, und wenn es kalt war oder reg­nete, spielten wir im Gasthaus „D’Landsknecht“. Ich weiß nicht mehr, wo es liegt, aber weit, wo ich vor dem Porzellaneum stehe, kann es nicht sein. Ich halte Ausschau. Zunächst erwische ich die falsche Richtung, eh klar, daher nehme ich die andere, und da ist es schon, das „D’Landsknecht“. Bäuerliches Am­biente, warme Atmo­sphäre. Schirm zuklappen, Platz suchen, im Nichtrau­cherbereich, wenn möglich. Dunkles Holz. Ein Tisch am Fenster ist frei, ich sehe draußen den grauvioletten Ton der Dämmerung und höre den Regen. Die Kellnerin bringt mir die Speise­karte und fragt mich nach meinem Ge­tränkewunsch. Nein, kein Alkohol, nicht schon wieder Kopfweh. Also kein Bier, kein Wein, ein Fruchtsaft mit Leitungswasser. Sie trägt ein weiß-blaues Dirndl, kess, hat kleine Zöpf­chen, ein bisschen lolitahaft wirkt sie. Ein Surschnitzel wird es, vorher eine Suppe, das Abendmenü. Hinter mir sitzt eine Altherrenrunde, der Schmäh rennt. Heiterkeit, Gelächter.
Ich rufe meinen Bru­der an, der mir ein Angebot für ein neues Auto per eMail geschickt hat. Nein, er ist kein Au­tohändler, aber er hat eine gute Hand für Autos, überhaupt für alles Technische, er ist ein wirklicher Ingenieur, im Gegensatz zu mir. Ich bin bloß ein Papieringenieur. Stu­denten sind nicht allzu viele hier, vielleicht ist es zu früh am Abend, die werden später das Lo­kal noch füllen.
Inzwischen ist es draußen dunkel geworden, und die Lichter und ihre Reflexionen auf den regennassen Flächen haben an Intensität gewonnen. Die deftige Portion vertilge ich mühe­los, wieder eine gute Tat für mein wachsendes Bäuchlein. Ich überlege, ein Schnäps­chen zu nehmen, unterlasse es aber. Ich will keine Kopfschmerzen provozieren, die sich bei mir nach jedem kleinen Schluck Al­kohol melden. Oft auch ohne Alkohol. Also zahlen, bitte! Und das Dirndl kommt nach eini­gem Warten.

Auf der Porzellangasse klatscht der Regen auf. Mein Schirm ver­mittelt mir wieder ei­nen kleinen Bereich individueller Beschütztheit, es ist nahezu romantisch darunter. Jedenfalls fühle ich Geborgenheit, eine gleichmäßige Gebor­genheit im Rhythmus des Regens. In einem Zielpunkt kaufe ich mir eine Flasche Mineralwas­ser, falls ich in der Nacht Durst bekomme. Das Fließwasser im Hotel, ich traue ihm nicht. Nach der Fürs­tengasse überquere ich die Liechtensteinstraße, und dann sehe ich die Strudl­hofstiege wieder vor mir, hell beleuchtet. Heute gefällt sie mir gar nicht so sehr, die Fill­grader Stiege, die von der Gumpendorfer Straße hinauf zur Mariahilfer Straße führt, ist dagegen ein architektonisches Meisterwerk. Aber durch Doderer ge­winnt die Strudlhof­stiege an inneren Werten. Und das ist doch das Wichtigere gegenüber äußeren Merkmalen. Ich steige bergan und sehe oben wieder den aufgesprühten oder aufgemalten Text „Balkone strahlen vor Schein­frei­heit“. Dann wird es dunkel in der Strudlhofgasse, die kräftige Beleuchtung ist vorbei. Ich biege links in die Boltzmanngasse ein, gehe entlang dem Phy­sikgebäude, links sind die Häu­ser niedrig und lassen mich an das alte Wien, die Pest, den lie­ben Augustin, den Gevatter Tod, die Sagen aus der Residenz- und Kaiserstadt Wien denken.
Im Hotel muss ich wieder auf den Lift warten, er ist besetzt. Endlich kommt der langsame Herr, öffnet ebenso langsam, fährt langsam an und fährt und fährt. Kurze Orientierung. Da ist mein Zimmer, Nummer 400. Ich sperre mit dem schweren Schlüssel auf.
Gegenüber sind einige Räume der Physikalischen Institute beleuchtet, wahrscheinlich manche die ganze Nacht durch. Es laufen wohl Experimente und Versuchsreihen, die überwacht wer­den müssen, möglicherweise auch von Menschen, nicht nur von Computern. Hin und wieder schaue ich hinüber. Einige Fenster werden dunkel, einige bleiben hell. Die Straße glänzt. Die Autos sind weniger geworden, ich höre ihr Fahrgeräusch auf der nassen Fahr­bahn, die nach wie vor vom Regen benetzt wird. Und in meinem Altwiener Hotelzimmer denke ich an Hernals, an die Pezzlgasse, das Gast­haus „Liebstöckl“, an die Höhnegasse. Sie alle sind weit weg vom Alsergrund und doch in ei­nem verbindenden Kreis der Stadt. Ir­gendwie ist alles gegenwärtig für mich, obwohl es die damit verbundenen Personen physisch nicht mehr gibt, außer meiner Tante, der älteren Schwester meines Vaters, die demnächst ih­ren neunzigsten Geburtstag feiert. Ich ziehe die Vorhänge zu, schalte den winzigen Fern­sehapparat ein und schaue mir ein Spiel der Champions League aus dem Bett an. Wie Zwerge fuseln die Spieler über den Bildschirm.
Meine Augen brennen. Bald schlafe ich ein, beim Geräusch des Re­gens, das durch die Vor­hänge dringt, beim zeitweiligen Hupen der Autos.

Günther Androsch

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Atem holen

Alles ist im Fluss, heißt auch nicht viel mehr als: Alles verläuft sich, verrinnt, unterliegt dem Wandel. Andernfalls wäre Existieren die Verewigung des erstarrten Moments – das Schicksal der im Bernsteintropfen eingegossenen Urzeitfliege. Die Metapher vom „Fluss des Lebens“ – mag sie verfangen? Wo soll es denn münden, dieses mäandrierende Gewese? Etwa im Tod, von dem sich der Gläubige erhofft, er stünde zwischen der Verheißung eines Aufgehens in Gott und der irdischen Plackerei? Ist es Sarkasmus, zu monieren, die Zeit hätte lediglich für Lebewesen Bedeutung und keineswegs für die Materie als solche, für das Universum als Ganzes? Lediglich.
Schwermütig sollte man nicht in den Zug steigen. Man wählt einen Platz am Fenster und sieht ein in Gegenrichtung vorüberziehendes Landschaftsband. Darin die vertrauten Intarsien der Geschäftigkeit: Ackerrillen furchende Traktoren, über Baugerüste turnende Maurer, rasende Automobile. Große, weiße Vögel staksen über eine Wiese. Sind es Störche? Kurz vor der Einfahrt in Wels läuft auf der Fassade einer Fabrikhalle ein Mädchen mit abgerissenen Armen – für alle Zeiten in ihrer Dynamik festgefroren – auf den flüchtigen Betrachter zu. Welchen Rat wollte man ihr zurufen?
Hinter Haiding verzehren Maschinen einen Berg. Dieser Waldhügel hieß das Kranall oder Kronal. Der Name soll von den Krähen rühren, die mit den Kreisen ihrer Flugmanöver die Anhöhe umflorten, die das verschwundene Gemäuer einer Feste getragen haben soll. Bald wird es den Berg nie gegeben haben. Die ominöse Burg hat es angeblich schon davor nie gegeben.
Irgendwo zwischen Neumarkt und Riedau wirft sich ein Mensch vor einen fahrenden Zug. Allen nachfolgenden beschert das einen aufgezwungenen Halt, da die Polizei die Ereigniszone für ihre Erhebungsarbeiten kurzfristig sperrt. In welcher Verzweiflung sich einer das antut, sich von anrollendem Stahl über Gleisen förmlich zermanschen zu lassen?

Schärding gilt als Durchfahrtsort auf dem Weg ins benachbarte deutsche Grenzland, als Molkereiadresse und Hochwasserzone allenfalls. Wer hier aussteigt, hat eine Weiterreise also wirklich nicht vor.
Man kann aber auch nach einem Ort sehen, den man vor Jahren einmal flüchtig durchmessen hat und ihn als Ausgangspunkt nehmen den Inn überzusetzen.
Das Bahnhofsgebäude ist ein trostloser Zweckbau, der darauf abgestellt scheint, seinen Zweck nicht zu überleben. Eine Schuhschachtel unter einem gekiesten Flachdach, aus dem an den Tropfkanten Birkenschösslinge windschief sprießen. Die Ankunftshalle präsentiert sich düster verfliest wie eine Rinderschlachtstätte in Rawalpindi. Dem Snackautomaten wurde die Frontscheibe eingeschlagen und der Spenderkasten nie wieder befüllt. Der Automat offeriert ausschließlich Staub und körnigen Glasbruch. Poster, die Reisemöglichkeiten anbieten – wollen sie einem nahelegen, doch woanders hinzufahren? Die Bahnhofsrestauration hat seit ewigen Zeiten zu. Herausgerissene Bänke und umgeworfene Stühle scheinen nicht auf den Anbruch besserer Tage zu hoffen.
Es heißt aber, der Spatenstich zum Start des Neubaus wäre bereits erfolgt. Der amtierende Bürgermeister, ein Vertreter der Österreichischen Bundesbahnen, sowie der Verkehrslandesrat und Landeshauptmannstellvertreter in Personalunion hätten vor versammelter Schar aus Pressevertretern und den unvermeidlichen Gratisblitzern der Feierlichkeitsverköstigung in gelungenem Zusammenspiel lehmigen Aushub auf ihre Schaufelblätter gehäuft.

Man quert die Bahnhofstraße und findet sich wieder vor einem Dornröschenschloss. Das Dornröschenschloss ist ein Gasthaus, das auch Fremdenzimmer anpreist, was im Vorfeld eines Bahnhofs keine abwegige Dienstleistung verheißt. Indes überwuchern den Gastgarten Holunder, Efeu und Dornenranken. Ein Kastanienbäumchen wiegt seine Blätter im zarten Lufthauch. Unter den schlaffen Fangarmen einer Weide morscht, von Stauden umzingelt, ein klobiger Wohnwagenwürfel. Das Gartentor widersetzt sich dem Öffnen mit natürlicher Gegenwehr: Rost heißt hier das Übel. Ein sich aus dem Erdboden wölbender Wurzelstrang liegt auch noch irgendwie im Weg. Man turnt um eine vergessene Mülltonne herum und lässt sich von der Aussicht berücken, hier fließe Bier aus Hacklberg aus dem Zapfhahn. Die Laternen beiderseits des Portals tragen die Embleme der einen der zwei noch existierenden Passauer Brauereien. Schon wähnt man sich in bessere Stimmung versetzt und ignoriert die Spinnweben. Ignoriert auch, dass die zum Aushängen der Speisekarte gedachte Schautafel unter einer der Laternen leer ist. Hinter den geschlossenen Kastenfenstern hängen gräulich gewordene Vorhänge, die Rahmenzier der Fensterlaibungen wirkt stellenweise wie angebissen. Um den Türsturz rankt sich wilder Wein und auf den Steinstufen liegen Laub und verrottende Pflanzentriebe, die der Wind hierher kehrte. Von der zweiflügeligen Kassettentür mit Rauglasoberlichte schält sich der blaugrüne Anstrich, der Türknauf trägt die Farbe der Eisenfäule. Was einen dennoch drängt einzutreten, weiß man hinterher nicht mehr. Vielleicht wollte es die Vollendung einer Bewegung sein, zu der man ansetzte, als man das Gartentor passierte. Die Tür des verlassenen Gebäudes öffnet sich knarzend, aber ohne größeren Widerstand. Lediglich der nicht in der Schwellenvertiefung eingerastete Bolzen eines Standriegels schabt über den Boden und schnitzt eine Kerbe in Form eines Viertelkreises in den mehligen Staub. Den dahinterliegenden Windfang verlässt man durch eine Schwingtür, die einen in den düsteren Zwischenbereich zwischen den Gaststuben fegt. Hier die „Altbayerische Bierstube“, dort der „Frühstückssaal“ und in der Mitte der verschattete Gang ins Haushintere, zu den Toiletten und ins Stockwerk vermutlich. Der abgestandene Geruch von Ewigkeit hinter fest verschlossenen Fenstern schlägt einem entgegen und erinnert einen an die kümmerliche Wohnsituation längst verstorbener Verwandter landwärts. Ein Pult mit darüber aufragendem, ausgeleertem Fächerschrank könnte eine Art Rezeption gewesen sein. In der Staubschicht auf dem Pult hat sich jemand mit dem Schriftzug DOOF in krakeligen Kapitalien verewigt. Was neben allerlei Unrat den Boden bedeckt, könnten die herausgerissenen Seiten eines Telefonbuches sein.

Man wendet sich nach der Bierstube, in die man durch den Rahmen einer eingetretenen Tür einsteigt. Aus der Umfassung ragen Glaszacken, deren Fehlstücke beim Auftreten unter den Sohlen knirschen, wie die Hauer aus dem Maul einer Geisterbahnmonstrosität. Ein kupferfarbenes Blechschild mit der Aufschrift „Pils vom Fass“ hängt über der Theke, deren Borde nichts mehr enthalten als ein paar vereinsamte Gläser, Fliegenleichen und ein Kalenderblatt vom Rauchfangkehrer, Jahre Schnee. Dann meint man die Stille, mit der man rechnete, von einem knurrigen Vibrieren erfüllt. Im Halbdunkel das Refugium eines lauernden Hundes zu stören, wäre das Vorletzte, von dem man sich wünschte, es möge einen ereilen. Dass er einen beißt, das aber wirklich Letzte.
Schließlich entdeckt man über einer Bank hingestreckt den Schattenriss eines schnarchenden Mannes. Zu seinen in schwerem Stollenschuhwerk steckenden Füßen ein aufmontierter Rucksack, wie ihn Huckepacktouristen schultern. Dem friedlich Schlafenden erzittert mit jedem Atemzug sein Vollbart in drolliger Weise, ganz so als wollte der etwas selbständig von sich abbeuteln, was seinen Träger nicht extra zu beschäftigen brauchte. Die über der Brust verschränkten Arme heben und senken sich mit den Lungenstößen. Man schätzt den Liegenden nicht viel jünger als man selbst, mag ihm aber nur ungern das gleiche Gemüt wie das eigene andichten: von zeitweilig geradezu ruppiger Ungeselligkeit und bisweilen sehr verhaltener Freundlichkeit. Wer steigt auch schon in aufgegebene Wirtschaften ein, den nicht die Not, ein Obdach vor den Unbilden zu finden, zwänge? Im Moment lauert im Freien jedoch keine finstrige Nacht oder eiseskalter Dauerregen.
Man versucht sich an den Zapfhähnen, denen aber nicht einmal ein klägliches Fauchen entweicht. Längst sind die an nichts mehr angeschlossen. Dabei täte die Einrichtung der Gaststube es noch machen: Tische und Stühle und Bänke, sowie ein paar verfaulende Sitzkissen. In einem Aschenbecher mumifizieren Kippen. Aus den Lampenschirmen wurden die Birnen gedreht. Über dem vermeintlichen Stammtisch scheinen Mücken zu flirren oder es wabern Spinnweben im fadenscheinigen Gegenlicht vor einem der Fensterkästen mit den patinierten Gardinenschleiern. Von der Decke löst sich Rigips-Dekor. An den Wänden wirken die Fehlstellen der Bilder wie Lichtpausen. Auf einmal denkt man sich die Welt von allen Menschen verlassen, träumt sich dieses Bild ins sonore Schnarchen eines anderen hinein. Was würde einem fehlen? Mit einem Schlage die Möglichkeit, sich von allen anderen absetzen zu können, selbstgewählt alleine zu sein. Das aber würde einen in den Wahnsinn treiben.

Ehe man Wurzeln schlägt, beschließt man, wieder zu gehen, auf dieselbe Weise wie man gekommen ist. Verhalten schlägt die Tür, als man abermals im Unkrautgarten steht. Man umrundet jetzt das Haus, indem man in den Bahnhofweg, in die fußläufige Strecke ins Zentrum, einbiegt. An der Westfassade prangt der Schriftzug GASTHOF auf der Höhe des Stockwerks unter dem Dachfirst. Die Buchstaben G und O haben hier auf der Wetterseite Schaden genommen. Eigentlich steht dort CASTH F zu lesen, aber man weiß jetzt ohnehin schon Bescheid und lenkt seine Schritte weiter, bald entlang eines großen Feldes, in dem in Abständen mächtige Bleistifte liegen, die mit ihren Spitzen auf verplombte, kreisrunde Öffnungen im Erdreich weisen, in welchem ansonsten Bagunta oder eine andere Rübensorte gedeiht. Diese Flur heißt Brunnwies und womöglich haben die seltsamen Bleistifte mit der Beobachtung des Grundwasserspiegels zu tun, sagt man sich, da man niemandem begegnet, der es einem anders deuten könnte.

Bernhard Hatmanstorfer

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