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Die Zeit fließt

Nicht Freund, nicht Feind ist die Zeit.
Sie ist das, was vergeht.
Wie der Fluss, der fließt.
Sekunden und Liter.
Die Zeit hat eine Richtung,
sie ist ein Vektor.
Für uns Menschen kann sie keine Fläche sein,
oder gar ein Raum.
Aber vielleicht für andere Wesen,
falls sie existieren.

Die Uhr des Benediktinermarktes in der Nacht in verkehrten Farben

Die Uhr des Benediktinermarktes in der Nacht in verkehrten Farben

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18167

Das Mädchen ist fort – Teil III

Das andauernde Hupen weckte ihn auf und machte ihn wütend. Er war bereit, den Besitzer des Autos mit Blumentöpfen zu bewerfen. Selbst der ruhigste Mensch würde die Beherrschung verlieren, wenn er so aufgeweckt wird.
Saba ballte seine Fäuste und schlug das Bett mehrmals, dadurch ließ er die Wut raus, und er wollte niemanden mehr umbringen.

Die Augen machte er prinzipiell nicht auf. Der Straßenlärm machte ihm klar, dass der neue Tag angefangen hatte, der für viele Menschen der letzte sein würde. Er versuchte wieder einzuschlafen, aber ohne Erfolg. Schließlich gab er seine Prinzipien auf, und sobald er die Augen aufmachte, sah er den mit gelben Buchstaben geschriebenen Namen an der Zimmerdecke. Am Anfang konnte er nicht verstehen, woher die Buchstaben kamen. Er rieb sich die Augen, und der Name verschwand. Um sich zu vergewissern, wiederholte er: „Katharine Ross, Katharine Ross, Katharine Ross …“

Er fuhr zum Filmverleih und holte sich alle Filme mit ihr.
Man kann vieles über einen Menschen erfahren, wenn man weiß, was ihm gefällt oder gefallen hat. Saba war bereit, mit allen Mitteln diese Information über Elene herauszufinden, und er hatte nicht viele Möglichkeiten dazu.
Die Verkäuferin lächelte ihn an, aber Saba bemerkte es nicht. Er hatte nur eine Sache im Kopf, er hatte nur einen Menschen im Kopf, um es richtiger auszudrücken. Plötzlich hatte er ein Déjà-vu.

Er guckte die Filme, ohne zu blinzeln. Katharine gefiel ihm am meisten in der Rolle, in der sie die Freundin von Dustin Hoffman darstellte. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen mit großer Aufmerksamkeit, und manche Szenen spulte er zurück, um ihre Schönheit nochmal zu genießen. Elene ähnelte ihr tatsächlich. Als Katharine im Film weinte, krümmte sich Sabas Herz und er versuchte, sie von der anderen Seite des Bildschirms zu beruhigen.
Er prägte sich jede Szene ein, aber in ihm kam der Durst, den er nur im Gespräch mit Elenes Mutter stillen konnte, wieder hervor. Saba war wie ein Abhängiger geworden, der versteht, dass er sich falsch benimmt, aber sich trotzdem nicht aufhalten kann, weil er keinen Willen mehr besitzt.

Er verbrachte den ganzen Tag vor dem Haupteingang, wo er auf die Frau wartete. Es fing an zu dämmern. Der Winter ist für die Depression wohl geeignet. Mit der Dämmerung stieg der Frost auf. Saba konnte nicht mehr regungslos sein, und er fing an, hin- und herzulaufen, wie ein Wächter, der etwas Wertvolles beschützt, allerdings war die Lage ein bisschen anders. Der Wächter bewacht den Schatz, der einem anderen gehört, und was Saba bewachte, gehörte nur ihm.
Er fror umsonst. Bevor er in den Wagen einstieg, erleichterte er seine Blase unter einem kleinen, dunklen Bogengang.

Er stellte sich zu Hause unter die heiße Dusche. Das beinahe kochende Wasser wusch die Anspannung ab. Im Badezimmer erschien Elene. Saba bemerkte sie am Anfang nicht, dann drehte er sich um, ließ die Duschbrause fallen und versteckte seine Genitalien. Elene lächelte. Saba fing an zu zittern, ging in die Hocke und fragte ganz leise.
„Wie lange bist du schon hier?“
„Das weißt du besser.“
Ihr nettes, kindisches Lächeln beruhigte ihn ein wenig.
„Kannst du dich bitte eine Sekunde umdrehen?“
Elene nickte ihm zu und drehte sich um, aber sie drehte sich im nächsten Augenblick wieder zurück. Saba war aufgestanden, und von der Plötzlichkeit wäre er fast gefallen. Elene lachte kurz und drehte sich nochmal um. Saba stellte die Dusche ab, wickelte sich in ein Badetuch und stieg aus der Duschkabine.

Elene konnte nicht ruhig stehen. Sie wartete nicht gern. In diesem Alter kocht das Blut in den Adern und lässt einem keine Ruhe. Saba las ihre Gedanken und sagte:
„Du darfst dich umdrehen.“ Er hatte kaum den Satz beendet, als Elene sich schon ganz umgedreht hatte und ihn mit funkelnden Augen anschaute. Saba konnte diesen Blick nicht ertragen und starrte das Shampoo an, danach fragte er:
„Wieso bist du gekommen?“
Elene berührte sein Gesicht und drehte seinen Kopf zu sich.
„Weil du mich gerufen hast.“
Saba stellte ihr viele Fragen, aber keine ihrer Antworten sagte ihm mehr, als er bereits wusste. Er bemerkte nicht, wie er einschlief. Als er am Morgen aufwachte, war Elene spurlos verschwunden.

An diesem Tag fühlte er sich besonders durcheinander. Die Realität, die er ohnehin nicht ganz wahrnahm, schien jetzt noch ferner und obskurer zu sein.
Er wusste nicht mehr, was Tatsache, und was Erfindung war, oder worin die Stabilität der Tatsache und die Verlogenheit der Erfindung lag.
Lange guckte er in die Tasse voller Kaffee. Der steigende Dampf wurde dünner, und letztlich verschwand er. Er trank die fast kalt gewordene Flüssigkeit mit großen Schlucken aus und ächzte, aber es war kein befreiender, erleichternder Seufzer. Er offenbarte bloß die Ermüdung und die Erwartung von zukünftigen Schwierigkeiten.

Er parkte den Wagen direkt vor dem Eingang, drehte die Musik im Radio auf volle Lautstärke, und mit der musikalischen Begleitung verfolgte er die Verwirklichung seines Plans weiter.
Er beobachtete sorgfältig alle Frauen, die aus dem Haus kamen, aber jedes Mal wurde er enttäuscht. Gleichzeitig ließ der Krampf im Hals nach. Er war wie ein Patient, der weiß, dass ihm eine unangenehme, aber notwendige Prozedur bevorsteht, dem dennoch jede gewonnene Minute illusorische Linderung verleiht.
Eine in Schwarz gekleidete Frau erschien und ging mit ruhigen Schritten die Straße entlang. Saba erkannte sie sofort, aber er saß weiter unbeweglich und spürte, wie sein Gesicht blass wurde. Die ganze gesammelte Bereitwilligkeit verdunstete in nur einer Sekunde, und ihr Platz wurde von der Lust des Fliehens eingenommen, aber Saba gab nicht auf. In ihm fing wieder der Kampf zwischen der Angst und dem Willen an. Schließlich gewann der Wille, und mit seiner Gesichtsfarbe kehrte sein Mut zurück.

Er stieg blitzschnell aus und holte die Frau ein. Es blieben ein paar Meter zwischen ihnen, als Saba sie hochachtungsvoll und gleichzeitig hörbar rief:
„Entschuldigen Sie.“
Die Frau blieb stehen, und in wenigen Sekunden drehte sie sich mit dem apathischen Gesichtsausdruck zu dem verwirrten Saba um. Ihre dunklen Augen mit den Ringen darunter konnten in seine Seele hineinsehen. Saba ertrug diese Stille nicht.
„Verzeihen Sie mir, ich weiß, dass ich mich sehr unkorrekt verhalte. Wahrscheinlich verdiene ich auch, gescholten zu werden, aber ich bin mir sicher, wenn Sie mir zuhören, dann werden Sie verstehen, dass in meiner Handlung nichts Übles liegt, sondern im Gegenteil, ich werde nur von guten Motiven bewegt.“

Die Frau stand schweigend da und hörte zu.
„Ich kannte Ihre Tochter nicht, und es macht mich wahnsinnig.“ Das Gesicht der Frau zuckte leicht.
„Aber ich möchte, dass Sie Folgendes wissen. Zwar bin ich nicht Ihr Vertrauter, aber es tut mir unendlich leid, was passiert ist. Noch mehr, ich habe das Gefühl, als ob ich mich verspätet und etwas sehr Wichtiges in meinem Leben verpasst hätte. Ich kann spüren, dass zwischen mir und ihr eine starke, geistige Verbindung entstanden ist.“ Saba hörte kurz mit dem Reden auf, dann fügte er ganz leise hinzu:
„Vielleicht erschien sie deswegen gestern bei mir.“

Nach diesen Worten begann ihr starres Gesicht sich schnell zu ändern. In ihm trat zuerst Ekel, dann Zorn auf, und sie schrie.
„Was fällt dir ein, du kranker Mensch? Verschwinde, sofort!“ Ihre strenge Stimme fing an, von drückenden Tränen zu zittern. Sie weinte auf offener Straße. Die Passanten hielten und glotzten die beiden an.
Saba versuchte sich ihr anzunähern, aber sie sagte strikt:
„Halt!“ Sie suchte nach einem Taschentuch.
Saba erinnerte sich, dass die ganze Packung in seinem Auto lag, und er lief schweigend, um sie zu holen. Von hinten hörte er einen Mann schreien: „Lasst ihn nicht los!“

Saba drehte sich um und sah auf ihn zu rennende Menschen. Er hatte die Wahl. Sich ins Auto zu setzen und fliehen, womit er ihre unklare Anschuldigung an sich bestätigen würde, oder sich mit dem ruhigen, unschuldigen Gesicht seinem Schicksal zu stellen. Er hatte keine Angst mehr. Er stand und wartete auf die wütende, verständnislose Masse, der er keineswegs seine bizarre, aber reine Liebe erklären konnte.
Etwa zehn Menschen hatten sein Fahrzeug umzingelt. Ein schmutzig gekleideter, dicker Mann mittleren Alters war besonders aktiv. Er stellte sich vor Saba, griff ihm in den Nacken und fragte.
„Was hast du angestellt?“
„Nichts“, antwortete er ruhig.
Der Mann kniff eines seiner Augen zu und starrte Saba wie ein erfahrener Psychologe an.
„Warum weint dieses Fräulein dann?“
„Ich hab nichts Schlimmes getan.“

Die Schaulustigen glotzten aus den Fenstern. Der Mann wollte noch etwas fragen, aber man hörte die Polizeisirene. Alle Anwesenden schauten in deren Richtung. Als Saba den Streifenwagen sah, dachte er: ‚Jetzt sind sie sofort an Ort, und Stelle, aber wenn man vergewaltigt, ausgeraubt oder abgeschlachtet wird, dann gähnen sie und stopfen sich mit den Backwaren aus, wie die Kühe mit dem Gras.‘
Der Mann schaute Saba nochmal ins Gesicht, und befriedigt sagte er: „Jetzt kriegst du Ärger.“
Die Polizisten stiegen aus, wie Helden. Einer ging zu der Frau, und der andere zu Saba. Saba stand kurz vor der Verhaftung, aber er spürte gar keine Angst, und der Grund war nur ihm bekannt.

Auf dieser Welt existiert immer noch ein Gefühl, das stärker ist als das Übel. Es ist egal, ob du dieses Gefühl für eine lebende Person oder für schon Verstorbene empfindest. Derjenige, der über dieses Gefühl verfügt, wird dadurch stärker als all die anderen, denn es trägt die größte Kraft in sich. Die meisten Menschen haben diese Empfindung vergessen, und sie sterben, ohne zu wissen, wie es mal war zu leben.
Saba hatte es seit seiner Kindheit in seinem Herzen, und weder chirurgische Instrumente noch irgendwelche fortgeschrittenen Medikamente wären imstande, es aus ihm auszutreiben.

Er sah die verweinte Frau an, die zwanzig Meter entfernt stand und dem Polizisten etwas erzählte. Plötzlich trafen sich ihre Augen. Die Frau hörte auf zu reden und sah ihn ununterbrochen an. Der Polizist, der zu ihm gekommen war, stellte ihm eine Frage, deren Inhalt oder Objekt für ihn unklar blieb, weil er nichts mehr vernahm. Viele Informationen wurden zwischen ihm und ihr mit dem Blick ausgetauscht. Danach sagte sie etwas zu dem Polizisten, ohne ihn anzusehen. Der unzufriedene Polizist kam mit langsamem Gang zu der schaulustigen Masse, stellte sich zu seinem Kollegen, und offenbar enttäuscht sagte er.
„Er ist ihr Verwandter.“
Der dicke und agile Mann rief aus:
„Ich hab gesehen, wie sie sich stritten, ihr habt es auch gesehen, oder?“, fragte er die anderen, und sie nickten ihm zu. Damit ähnelten sie den Marionetten, die gleich aussehen.
Saba konnte nicht verstehen, wie es sein konnte, dass all diese unterschiedlichen Menschen wegen eines Dranges zu einem Mechanismus wurden, der so ungerecht und verheerend arbeitete.
Der Polizist konnte die von dem Mann erwähnte Tatsache nicht als Delikt verwenden.
„Verwandte haben manchmal auch Konflikte.“

Beide Personen in ihren Uniformen drehten sich um und gingen zum blinkenden Wagen. Die Menschen lösten sich wie in der Hand angesammeltes Wasser auf. Die, die aus den Fenstern glotzten, hatten es auch verstanden, dass es nichts geben würde, wofür es sich lohnte, in der kaum erwärmten Wohnung zu erfrieren, und alle Fenster wurden synchron geschlossen.

Saba dachte, dass er während dieses ganzen Vorfalls nicht geatmet hatte. Langsam ging er zu der Frau, die auf ihn wartete. Saba hielt für alle Fälle Abstand und blieb ein paar Meter von ihr entfernt stehen, dann schaute er um sich herum, um zu wissen, ob jemand sie beobachtete.
„Danke“, sagte er leise.
Die Frau nickte ihm zu und wollte schon gehen, aber Saba sprach weiter.
„Einen Augenblick bitte.“ Mit den Worten kam der Dampf raus und verbreitete sich wie der Schall im Raum.
Die Frau hielt an und drehte sich verwundert um.
„Sagen Sie mir bitte, welche Blume sie am liebsten hatte?“
„Lilie“, sagte sie und ging.
Saba wiederholte es für sich und ging zu seinem Auto.

Es blieb wenig Zeit bis Silvester. Es herrschte ein schreckliches Getümmel in der Stadt. Überall waren bunte Geschäfte und lächelnde Menschen, die nichts um sich her außer diese grellen Farben bemerkten. Dieser geschmacklose, künstliche Regenbogen tat Sabas Augen weh. Sehr wohl sah er den Kontrast, den zwischen diesen geschmückten und auf das sinnlose Fest wartenden Menschen vorhandene düstere Personen erzeugten, die anstatt grundlosen Glücks tiefe Traurigkeit und Kummer erregten. Saba versuchte zu verstehen, woran diese Menschen dachten. Er wollte wenigstens fünf Minuten mit ihren Gedanken leben. Er stand und saugte ihre Apathie ein, wie eine Mücke das Blut.

Eigentlich ist es so, dass, wenn man an etwas leidet, man für das Leiden anderer Menschen empfindsamer wird, und dadurch vertieft man sein eigenes Leiden. Die Folge kann zweiseitig sein. Entweder man analysiert es und bekommt die Erlösung, oder diese Gedanken werden noch chaotischer und der psychische Zustand verschlimmert sich.
Saba dachte nicht an die Folgen und las unendliche Demütigung, Enttäuschung und Hunger ab. Am Ende kriegte er einen Schwächeanfall und ging zu seinem Wagen, der ihm als Unterkunft dienen sollte.

Der 31. Dezember endete. Das neue Jahr war geboren, das sich von den anderen genauso wenig unterschied wie die neugeborenen Kinder.
Saba traf es mit seinem liebsten Menschen. Er umarmte Elene und küsste sie zum ersten Mal. Alle feierten dieses Ereignis.
Im Zimmer duftete es nach Vanille, und für Saba, der vom Champagner ein wenig beschwipst war, kreiselte die ganze Welt sehr schnell, und er selbst erstarrte wie eine Statue, umarmt von dem schönsten Mädchen.
Als er aufwachte, war er schon wieder allein und er wusste nicht was wirklich, passiert war und wovon er geträumt hatte.
Er sah aus dem Fenster. Die Straße hatte ihre Stimme verloren, und man konnte nur die schwere Stille hören.
Morgen würde Saba zwei Menschen besuchen.

„Geben Sie mir bitte alle Lilien, die Sie haben“, sagte er zu der Blumenhändlerin.
Während sie die Blumen aus den Eimern nahm und die Wassertropfen abschüttelte, tauchte in Sabas Gedächtnis ein wichtiges Detail auf. Die Lieblingsblume seiner Mutter war auch die Lilie. Wie konnte er sich daran nicht erinnern, als Elenes Mutter sie erwähnte … In letzter Zeit träumte er ständig nur von Elene, deswegen gab es keinen Platz für die Mutter in seinen Gedanken. Er ließ sie in die Peripherie seines Sinns, woher sie ihn wahrscheinlich genau mit dieser Einzelheit an sich zu erinnern versuchte, und das war ihr endlich gelungen.
Am Friedhof lief er an Elenes bildlosem Grab schnell vorbei und ging direkt zu seiner Mutter. Er sprach lange mit ihr und schwor, dass so was nie mehr vorkommen würde, dabei fühlte er, wie schwierig es sein würde, seinen Schwur zu halten. Gleichzeitig verstand er, dass er verpflichtet war, es zu tun.
Die meisten Lilien ließ er bei der Mutter, und nach allerlei Entschuldigungen spürte er Erleichterung. Mit ruhigen Schritten und reinem Herzen ging er zu seinem Mädchen und legte die verbliebenen Lilien nieder.

Elene erschien neben ihm und bat ihn, sie loszulassen. Saba ging, ohne sie anzusehen, und jeder Schritt fiel ihm leichter. Am Auto angekommen, erlebte er die Freiheit, aber sie ähnelte der Freiheit des Häftlings nicht, wovon er seit vielen Jahren träumte, ganz und gar nicht! Dies war eine unerwartete Freiheit, denn Saba befand sich seit Kurzem nicht mehr als Gefangener in seinen Gedanken.
Er schaute den Friedhof noch einmal an, den er in der Zukunft öfter mal besuchen würde, aber das unsichtbare, unaussprechliche Gefühl verband ihn nicht mehr mit diesem Ort.
OKA-001 kehrte in die Stadt der Lebenden zurück, und sein Besitzer wurde zu einem von ihnen.

Der Mann schaut einen Grabstein an, von dem ein junges Mädchen ihr letztes Lächeln der jenseits gebliebenen Welt unendlich schenkt. Der Mann legt eine weiße Lilie auf die schwarze Erde und lächelt. Er hat Falten um die Augen. Er hält noch eine Lilie in seiner Hand und langsam geht er in die Tiefe des Friedhofs, wo er von seiner Mutter, die für immer ein Mädchen bleibt, erwartet wird.

2014

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18165

Das Mädchen ist fort – Teil II

Die Sonne hatte noch nicht vor aufzugehen. Die Stadt war leer. Unterwegs traf er nur ein Auto, dessen Besitzer, anscheinend betrunken von einem Restaurantbesuch, zu schnell nach Hause fuhr. Saba bemerkte ihn im Rückspiegel und wich ihm aus. Er hatte keine Zeit für einen Autounfall. Er parkte vor dem Haupteingang, aber das massive, schwarze Tor war mit einem Schloss verriegelt. Er dachte nach. Die Autoheizung arbeitete laut und blies ihm die heiße Luft ins Gesicht. Es fing an zu dämmern. Er stieg aus und ging zum Tor, dann vergewisserte er sich, dass ihn niemand beobachtete, und kletterte hinüber. Beim Runterspringen verfing sich seine Jacke und zerriss. Er schaute die verwundete Jacke, in der die Federn wie Blut zu sehen waren, unzufrieden an und ging weiter.

Auf Elenes Grab waren viele Blumen verstreut. Da lag auch ihr Foto im Rahmen. Das Mädchen auf dem Foto sah glücklich aus. Es hat noch sein ganzes Leben vor sich, hätte man denken können. Saba erinnerte sich sofort an seine Mutter, die ganz in der Nähe lag. Neben Elene war noch jemand begraben. Auf dem Grabstein stand Elisabed Gurgenidze 1938-2006.
‚Anscheinend ihre Großmutter‘, dachte Saba und flüsterte: „Und, wie hießest du?“
Er kam zum Grab von der Seite heran, beugte sich und hob das Foto auf, dessen Glas die Morgendämmerung reflektierte und Sabas Gesicht beleuchtete. Saba atmete beschwerlich aus und streichelte Elenes Gesicht mit dem Finger. In der Stille erklangen die Krähen, und er ließ fast das Foto fallen. Er suchte nach den Krähen, aber fand keine, dann legte er das Foto zurück und ging zu seiner Mutter, um ihr alles zu erzählen.
Sie hörte ihm aufmerksam zu und bewertete seine Empfindungen positiv. Das ließ ihn beruhigt nach Hause gehen.

Der Sonntag war gekommen. Saba zitterte wegen der Schlaflosigkeit. Er schlüpfte unter die Decke und schlief sofort ein.
Er stand zum zweiten Mal an dem Tag auf, schaute in den Spiegel und wunderte sich, denn seine Augen hatten sich verändert. Sie waren dunkler geworden und ein neuer Glanz trat von innen nach außen.
Solche Augen dringen sehr leicht in die Seelen anderer Menschen hinein, weil ihr Besitzer die Tiefe seiner Seele erreicht und durchlebt hat.
Die Veränderung gefiel ihm. Endlich konnten die anderen sehen, was er wirklich fühlte. Sie mussten es verstehen, aber wenn nicht, dann wenigstens spüren, dass nichts in diesem Leben oberflächlich und leicht sei.
Er legte den niederländischen Käse auf das Brot und schob es in den Backofen. Der Käse schmolz, und Saba genoss es. Heute musste er den Verwalter des Friedhofs treffen.

Der Verwalter stellte sich als älterer Mann mit vom Tabak verfärbtem Schnurrbart heraus. Er empfing Saba sehr herzlich, denn er dachte, dass Saba jemanden zu bestatten hatte, aber sobald er verstand, dass der junge Mann aus einem anderen Grund hier war, wurde er kalt. Saba ignorierte es und fragte nach dem Namen des gestern begrabenen Mädchens. Der Verwalter sah ihn argwöhnisch an, dann schlug er sein Notizbuch unzufrieden auf und murmelte nach kurzer Zeit.
„Elene Pataraia, 17 Jahre alt.“ Dann machte er das Notizbuch grob zu und schmiss es auf den Tisch.
Saba bedankte sich und verließ eilig das Verwaltungsgebäude.
Ein davorstehender Bettler bat ihn um nichts.
Saba saß lange in seinem Auto mit beschlagenen Scheiben und fuhr nicht los.
„Elene Pataraia, wie jung bist du von uns gegangen!“
Um ihn herum kamen und gingen die Leute.
Der Mensch stirbt nicht, er stirbt nur für die anderen.

Er stieg aus dem Wagen aus und ging wieder zum Verwalter. Seine erste Reaktion war wieder Unzufriedenheit, aber plötzlich erschien Mitleid in seinem Gesicht. Fürsorglich fragte er.
„Was ist passiert, mein Junge?“
„Ich bitte Sie, geben Sie mir die Telefonnummer ihrer Eltern.“
Der Mann tat es unverzüglich.
Saba wählte die Nummer nervös in einer Telefonzelle. Erst beim siebten Summton nahm eine Frau mit heiserer Stimme ab.
„Allo.“
Saba wagte es nicht, was zu sagen, und legte den Hörer langsam auf. Er wusste seit dem Tod seiner Mutter, dass die Angehörigen am neunten Tag nach der Bestattung zum Grab gehen, und entschied sich, auf diesen Tag zu warten. Bis dahin schloss er sich in seiner Wohnung ein.

Er erinnerte sich an das Leben in Deutschland und roch den Duft der Bäckereien. Er lächelte warm, wenn er an seine Tante dachte. Er würde ihr bis zum Ende seines Lebens für ihre Fürsorge dankbar sein. Sie fühlte sich schuldig, weil sie ihre Schwester alleine ließ, um ihr Wohlergehen einzurichten. Irgendwie stimmte es auch. Saba konnte in ihrem Blick Gewissensbisse sehen. Er erinnerte sich an seine Freundin Emma: ‚Wahrscheinlich trifft sie sich schon mit einem anderen, aber was sollte sie noch tun? Ich hoffe, sie wird glücklich sein.‘

Endlich war der Tag gekommen. Saba rasierte sich, zog sich elegant an und verließ die Wohnung. Das Tageslicht tat seinen Augen weh und er erreichte schwerlich seinen Wagen. Der Motor wollte nach der einwöchigen Pause nicht anspringen. Nach vielen Versuchen belebte Saba den Wagen wieder. Die Musik fing an zu spielen, und Saba schloss sich dem Stadtleben an, falls man so zum Friedhof fahren nennen kann.
Er wartete lange, bis er Elenes Angehörige sah. Er beobachtete sie aus der Ferne, dann entschied er sich, ihnen näher zu kommen, um zu hören, worüber die Trauernden sprachen.

Nebenan war ein Grab von einem alten Mann. Saba hockte sich vor das Grab und zog eine traurige Miene. Obwohl er den Mann namens Genadi, der seit 25 Jahren tot war, nicht kannte, konnte er dort sehr deutlich die Worte, die Elenes Mutter sprach, hören. Darin war so viel Schmerz, dass er beinahe anfing zu weinen. Er bemerkte eine auf dem Tannenast sitzende Krähe, die wie er lauschte.
„Sie wollte seit ihrer Kindheit eine Schauspielerin werden. Katharine Ross war ihr größtes Vorbild. Vielleicht, weil sie ihr so ähnlich sah. Seht, wie sie lächelt, als ob sie vor einer Kamera steht.“ Die Frau hörte auf zu reden, dann küsste und umarmte sie das Porträt.

Nach einer längeren Pause fing der Junge, den Saba für Elenes Bruder hielt, an zu reden an:
„Sie benahm sich immer so, als ob sie die Heldin eines Films wäre. Jedes ihrer Worte und jede ihrer Bewegungen war vollkommen.“
Nach dem Jungen fügte ihre Freundin hinzu:
„Sie spielte, aber dabei blieb sie ehrlich.“
Saba stellte sich die lebendige Elene, die energiegeladen und heiter war, vor, aber ihre Energie erschöpfte die anderen Menschen nicht, wie es üblich ist, sondern im Gegenteil, sie bewirkte Lebensfreude in ihnen.
Wer das Leben liebt, der liebt auch die Bewegung, weil das Leben selbst die Bewegung ist. Wenn wir uns regungslos stellen, womit werden wir uns dann von den Toten unterscheiden?

Saba spürte den Blick eines Mädchens, das ihn achtsam beobachtete, als ob sie genau wüsste, dass er täuschte. Saba fing an laut zu sprechen.
„Wieso hattest du es so eilig, Gena? Du hättest uns noch so viel erzählen können!“
Alle außer Elenes Mutter drehten den Kopf zu ihm. Saba verstand, dass seine Lage sich damit noch verschlimmerte. Er stand sofort auf und ging weg.
Beim Laufen versuchte er die Ruhe zu bewahren, um die entstandene Vermutung nicht zu bestätigen, aber seine Füße gehorchen nicht und liefen von allein.
Während er im Auto saß, sah er Elenes Mutter, die in ihren Händen das Porträt hielt. Seine erste Reaktion war die Reue, denn er dachte daran, das Bild zu stehlen, aber er schmiss diese unaufrichtige Idee sofort aus dem Sinn und fing an, Elenes Bildnis zu absorbieren. Wie ein durstiger Mensch saugte er unersättlich alle Einzelheiten ihres Gesichts auf, das bald verschwinden würde. Er schloss seine Augen, und es erschien ihm ganz deutlich aus der Dunkelheit, und nichts konnte es aus seinem Gedächtnis mehr löschen.

Saba wartete im Wagen, bis alles vorbei war, dann verfolgte er den schwarzen Geländewagen und merkte, dass sein Benehmen merkwürdig war. Einige Male wollte er den Wagen wenden, aber die Notwendigkeit einer solchen Handlung kam immer wieder zurück, und er fuhr weiter, obwohl er keine Ahnung hatte, was genau er verfolgte und was er zu tun hatte. Er folgte einfach seinem Trieb.
Der Geländewagen hielt an und in der Nähe von ihm OKA-001. Die Tür ging auf. Elenes Mutter stieg aus dem Wagen aus und ging in den Haupteingang eines fünfstöckigen Hauses. Der Geländewagen fuhr los und Saba folgte ihm wieder, dabei konnte er nicht verstehen, wieso der Fahrer nicht mit der Mutter ins Haus gegangen war. In diesem Moment ließ er die Möglichkeit zu, dass der Fahrer nicht ihr Sohn und folglich kein Bruder von Elene war. Wer war er dann?

Saba hatte neue Fragen und er war bereit, dem Wagen, in dem die Antwort saß, in die Hölle zu folgen, um sie zu kriegen.
Der Junge fing an, sehr schnell und gefährlich zu fahren. Anscheinend wollte er auch ins Jenseits.
In der Wirklichkeit verstand Saba sehr gut, wem er folgte, aber nur der Gedanke daran, dass Elene einen Freund hatte, schmerzte ihn. Abgesehen davon, dass er sich wie ein Verrückter benahm, tauchten bei ihm auch die Anzeichen vom Egoismus auf. Etwas veränderte ihn. Er fühlte es, aber er versuchte es nicht zu bekämpfen, denn es hatte keinen Sinn.

Von Mtatsminda[1] eröffnete sich eine wunderschöne Aussicht auf die Stadt. Saba war seit vielen Jahren hier nicht mehr gewesen, aber für die Aussicht hatte er keine Zeit.
Er hielt direkt hinter dem geparkten Wagen an und entschied rücksichtslos, zum Jungen zu gehen, der immer noch im Wagen saß. Offensichtlich dachte er an dieselbe Person wie Saba. Das war das Einzige, was sie gemeinsam hatten. Gleichzeitig beneidete Saba diesen Jungen, denn er hatte Elene angefasst, geküsst und sie zum Schluss lebend betrachtet.

Saba stellte sich neben den Jungen, nur die Autoscheibe trennte sie. Am Anfang bemerkte der Junge ihn nicht. Saba wartete nicht lange und klopfte an die Scheibe. Der Junge erhob schnell seinen Kopf und schaute ihn verwirrt an, danach drehte er das Fenster runter.
„Du warst doch am Friedhof?“
Saba beantwortete seine Frage mit einer anderen Frage.
„Hat sie dich geliebt?“
Der schockierte Junge stieg aus. „Was?“
Saba machte dreist weiter: „Sag mir, wie sie war. Sag mir alles, was du über sie weißt!“
„Wie kannst du es wagen? Wer bist du überhaupt?“, erhob der Junge seine Stimme.
In diesem Moment bogen vier Jungs um die Ecke und kamen zum Wagen. Einer von denen rief aus.
„Alles in Ordnung, Rezi?“
Der Junge wiederholte seine Frage an Saba: „Wer bist du?“
Saba wandte seinen Blick vom Quartett an Rezi, der schon ziemlich sauer war. Saba verstand, dass er es übertrieben hatte, aber es gab keinen Weg zurück, und er packte Rezi am Kragen.
„Hat sie dich geliebt?“

In seinem Auto kam er zu sich, und er hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Das Letzte, an was er sich erinnern konnte, war ein starker Schlag ins Gesicht und das Augenbrennen.
‚So was geschieht, wenn du gegen fünf kämpfst‘, dachte er und versuchte, den Kopf zu erheben. Die Jacke war vom Nasenbluten verschmiert. Er schmeckte den bitteren Geschmack des Blutes und versuchte, ihn runterzuschlucken, aber der blieb fest im Hals. Ringsum war niemand. Er wusste nicht, wie lange er in diesem Zustand gewesen war.
Wenn wir nichts zu verlieren haben, gewinnen wir auch nichts.

Zu Hause brachte eine Eiskompresse seiner Nase die normale Form zurück, obwohl sie vor dem Schlag auch nicht vollkommen gewesen war. Saba saß im Sessel und versuchte, sich an den Namen der Schauspielerin zu erinnern, die erwähnt worden war. Er schloss die Augen und bildete sich ein, dass die Dunkelheit eine Leinwand wäre, auf der der Name stehen würde. Er spannte seinen Verstand mehr und mehr an, bevor der Kopf begann, schrecklich weh zu tun. Um sich von diesem Schmerz zu befreien, floh er in einen tiefen Schlaf, den wir nach großem Stress als kleine Entschädigung bekommen, wie ein kleines, bedeutungsloses Geschenk für den Verlierer.

[1] Mtatsminda – Ein Bezirk in Tbilisi, der am Berg liegt.

 

Giorgi Ghambashidze

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Das Mädchen ist fort – Teil I

In der Stadt der Toten, die sie auch den Friedhof nennen, ist die Silhouette eines Mannes zu sehen, der auf dem schmalen Pfad zwischen den Gräbern wie ein Gespenst umherschleicht. Auf den Spitzen der Tannenbäume sitzende Krähen beobachten ihn. Sie wissen, was es bedeutet, hierher zu kommen. Sie beobachteten wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten, wie die Menschen hierher kamen, um ihre verstorbenen Angehörigen zu beweinen, und sehen so den Schmerz dieser Menschen. Obwohl sie diesen Ort verlassen und wegfliegen könnten, bleiben sie, weil es nirgendwo anders einen solchen Ort gibt, wo sie so viel Reue und Liebe zu sehen bekommen wie hier, in der Stadt der Toten, die sie den Friedhof nennen.
Der Mann hält vor einem Grab an, auf dessen Grabstein das Bildnis einer jungen, wunderschönen und lächelnden Frau eingraviert ist. Der Mann sieht nach oben und lässt Dampf aus dem Mund entweichen. Vielleicht verlässt die Seele genauso den Körper! Der Mann ist ziemlich warm angezogen, aber dem Frost gelingt es trotzdem, bis in dessen Knochen vorzudringen. Ihn überzieht eine Gänsehaut, aber nicht wegen der Kälte.
Eine der Krähen krächzt und fliegt weg, denn sie möchte sich  nicht in die Angelegenheiten eines anderen einmischen.

Im Flughafen sah er nur unbekannte Gesichter, die ihn nicht wahrnahmen, weil sie in ihren eigenen Gedanken gefangen waren. Es regnete. Der Regen erzählte ihm viele Geschichten, die er nicht verstand, trotzdem hörte er jedem Regentropfen aufmerksam zu.
Er nahm ein Taxi und teilte dem Fahrer die Adresse mit, die sich in seinem Kopf drehte und so fremd und seltsam für ihn klang, als ob er den Namen eines unbekannten Landes erwähnt hätte.
Als er sein Ziel erreicht hatte, öffnete er die Tür und ein bestialischer Gestank schlug ihm entgegen. Er bedeckte rasch mit dem Jackenkragen seine Nase. Der Gestank war so intensiv, dass ihm schwindelig wurde. Er setzte sich deshalb auf den Holzstuhl, der an der Wand stand. Der Stuhl quietschte und begrüßte so seinen zurückgekommenen Besitzer. Derr saß mit gesenktem Kopf da und sah den Fußboden an, der langsam durchsichtig wurde, bis er den schmutzigen Grund des Hauses sehen konnte.

Als die Mutter starb, blieb er hier ganz allein zurück. Das Institut besuchte er schon lange nicht mehr, weil er auf die an das Bett gefesselte Mutter aufpasste. Er hoffte, dass seine Liebe zu ihr die dunkle Zukunft verbessern würde. Er glaubte wirklich daran, und wie er es glaubte! Und jetzt nannte er sich einen Idioten, nur weil er vergeblich gehofft hatte.
Noch eine Sache bereute er sehr. Er war nicht dabei, als sie ihren letzten Atemzug gemacht hatte. Er konnte ihr letztes Wort nicht hören und ihren letzten Blick nicht fangen, einen Blick, der immer voller Liebe war. Die Mutter bedankte sich bei ihm für seine unendliche Hingabe. Sie war nicht undankbar, so wie die anderen, und das schmerzte ihn noch mehr. Er wollte nicht, dass die Kranke sich über so etwas Gedanken machte.
„Ruh dich einfach aus“, sagte er zu ihr und küsste sie auf ihre schwitzende, glühende Stirn.

Er fühlte mit seinen Lippen, wie sie brannte, und wie dieses innerliche Feuer ihre Seele langsam in Asche verwandelte. Nachts saß er vor ihrer Tür und betete. Er sah dabei den Himmel im Flurfenster. Der Schmerz schnürte dabei seinen Hals zu, und er wollte schreien, aber er wusste nicht, was! Er harrte aus. Jetzt brauchte eine andere Person seine Hilfe. Er aß zu wenig, nahm gemeinsam mit seiner Mutter ab und wurde so zusehends schwächer.
Eines Tages ging er dann zur Apotheke. Mit zerfetzten 5 Lari[1] wollte er ihr ein Antibiotikum kaufen. Die Pharmazeutin lächelte ihn warm an, aber der Junge bemerkte kein Lächeln.
Als er nach Hause kam, war das Zimmer seiner Mutter schon leer, drinnen lag nur noch ein verlassenes Gefäß. Seine Mutter war fort, dahin, wo ihr keiner folgen konnte.

Der Junge konnte es in der Wohnung kaum aushalten. Hier, wo alle Wände vom Leid weinten und dieses Weinen an sein Gehör gerichtet war. Wenn er geblieben wäre, wäre er gestorben und er bereute manchmal, dass er nicht geblieben war. Obwohl er jetzt keine Lebenslust mehr hatte, besaß er auch keinen Willen, um es zu beenden. Stattdessen übermannte ihn eine schreckliche Apathie. Selbst reden wollte er nicht und auch das Denken war das Einzige, was ihn noch mit seinem Körper verband. Dabei glaubte er, dass es allein sein Geist war, der zu denken vermochte.
Er schloss die Tür ab und flog zu seiner Tante nach Deutschland, die die Einzige war, die sein Leid teilte. Der warme Umgang der Tante und seiner Cousins brachten ihn ein wenig auf diese Welt zurück.

Er lernte ihre Sprache und ging erneut an die Universität. Er versuchte, nicht daran zu denken, was ihn am meisten quälte, aber als er verstand, dass er wie ein Feigling weggerannt war, fand er keine Ruhe mehr. Ab und zu tauchten Erinnerungen in ihm auf. Er erinnerte sich an seine Kindheit, als er in die Augen der Mutter geschaut hatte, als ob er spürte, was auf sie zukam, und er ließ sie keine Sekunde allein. Die Mutter nahm ihn auf den Schoß und erklärte ihm, dass er mit Gleichaltrigen spielen sollte und seine Kindheit nicht in den vier Wänden verbringen dürfte.

Als er in die Pubertät kam, konnte seine Mutter ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, aber sie setzte sich vor ihn und sagte ihm, dass er Mädchen lieben und sich von ihnen lieben lassen sollte. Der Junge wusste, dass sie recht hatte, aber etwas störte ihn daran. Damals wusste er noch nicht, was genau das war, aber in wenigen Jahren bekam seine Angst den Namen „Der Krebs meiner Mutter“.
Die Zeit war gegen ihn. Anstatt die Vergangenheit zu vergessen, kehrte sie immer wieder zu ihm zurück. Er wachte fast jede Nacht schweißgebadet auf. Sein Herz raste, und die dunkle Leere drückte ihn nieder.

Er absolvierte seinen Uni-Abschluss und fing an zu arbeiten. Er lernte ein Mädchen kennen, das sich in ihn verliebte, aber weder ihre Tränen noch seine Tante konnten seine Entscheidung ändern. Wenn ein Mensch etwas ein für alle Mal entscheidet, dann ist kein anderer in der Lage, dies zu verhindern. Er verließ alles und kehrte nach fünf Jahren in die Stadt zurück, die ihn genauso anlockte wie der Tatort den Täter.
Wenn ein Mensch sich schlecht fühlt, bemerkt er die Dunkelheit um sich herum besser. Für glückliche Menschen besteht das Leben nur aus Sonne und lustigen Liedern, aber gibt es überhaupt wirklich glückliche Menschen auf dieser Welt? ‚Wenn ja, dann gibt es keine Gerechtigkeit‘, dachte der Junge und verbrachte den ganzen Abend in der kleinen Küche.

Am Morgen fing er dann an, an die Zukunft zu denken. Um präzise zu sein, er dachte an das, was er vorhatte. Er fand, dass es für ihn keine Zukunft mehr gab, und das Einzige, was er noch hatte, war die Fortsetzung der Vergangenheit, die nichts Gemeinsames mit der richtigen Zukunft haben konnte.
In Deutschland gab ihm seine Tante einfach alles. Natürlich versuchte sie, alles für den Sohn ihrer verstorbenen Schwester zu tun, und das konnte sie auch, denn sie war mit einem reichen Juden verheiratet. Wenigstens mit seiner Tante hatte er Glück.

Er wollte nur einen Ort besuchen, und so bald er mit dem Frühstück fertig war, zog er seine Jacke an, wickelte den Schal um seinen Hals, und ging raus. Diese Wohnung wurde zu einem großen Sarg für ihn.
Es fiel ihm schwer, die richtigen Blumen auszusuchen. Die Verkäuferin versuchte ihm am Anfang mit der Auswahl enthusiastisch zu helfen, aber seine Unsicherheit übertrug sich auf sie und ließ ihr Lächeln in eine schreckliche Müdigkeit verwandeln. Schließlich kaufte er die Feldblumen und ging den Friedhof von Saburtalo[2] entlang.
Je mehr er sich dem Grab näherte, desto langsamer schlug sein Herz. Wenn es so weitergehen würde, hätte er am Ort keinen Herzschlag mehr, und er wäre nicht anders als die Menschen, die früher wie er liefen, fühlten, litten und ihrem eigenen Herzklopfen als ferne, mystische Musik zuhörten und jetzt um ihn herumlagen.

Am Himmel spannte sich eine Dezemberwolke aus und ließ die Sonnenstahlen nicht zur Erde. Auf dem schmalen Pfad laufend, bemerkte er einige Männer, die eine Grube gruben, in der bald ein für ihn unbekannter Mensch beigesetzt werden sollte. Die Totengräber schauten ihn an. Es kam ihm so vor, als hätte einer gegrinst.
Er hielt vor dem bekannten Grab an. Fast nichts hatte sich in der Umgebung verändert. Bloß hier und da waren neue Gräber entstanden, wie die Häuser in der Stadt.
„Wie geht es dir, Mutter?“, fragte er. Der sich erhebende Dampf flog wie ein Vogel in den Himmel. Die Mutter lächelte ihn vom Grabstein an. Er setzte sich und erzählte ihr, was er all die Jahre so machte. Wie er lebte, wie er verreckte.
Wenn ein Mensch wenigstens einmal den Tod einatmet, wird er ihn nie wieder los.

Es wurde dunkel. Er erkannte das in den schwarzen Stein gravierte Gesicht nicht mehr. Sie hatten noch viele Begegnungen vor sich. Er stand auf und versprach ihr, dass er sie nie wieder alleine lassen würde. Er hatte vor zu gehen und machte einige Schritte, aber er drehte sich plötzlich um und fiel mit den Knien auf die Erde. Leise stieß er hervor:
„Vergib mir Mutter, dass ich dich verlassen habe! Vergib mir.“
Die leichte Brise wehte und streichelte sanft seine Haare. Er erhob seinen Kopf und schaute das Bildnis der Mutter noch einmal an.

Im Taxi dachte er an Mutters Foto, das aufgenommen worden war, als sie noch gesund gewesen war und ihr ganzes Leben vor sich gehabt hatte. Die Beleuchtung der Nachtstadt beruhigte seine Augen, und die leise Musik vom Radio machte ihn schläfrig. Er lehnte sich zurück und war fast eingeschlafen.
In der Nacht hatte er geträumt, dass er träumte.
Selbstverständlich würde er seine Mutter heute wieder besuchen. Er hatte nichts anderes in der Stadt zu tun, wo nicht nur die Toten, sondern auch die Lebendigen vergessen worden waren.
Während er im Bett lag, entschied er, ein Auto zu kaufen.

Es war ein kleines, rotes „OKA“. Er fühlte sich sofort gemütlich, als er einstieg.
Er stand vor der Autowäsche und beobachtete, wie sein „neuer“, alter Wagen, der das Autokennzeichen OKA-001 hatte, gewaschen wurde. Der junge Mann kriegte auch einige Wasserspritzer ab. Er stieg in den frisch gewaschenen Wagen und atmete dessen Duft tief ein. Im Handschuhfach entdeckte er eine Kassette. Am Anfang wollte er sie wegschmeißen, aber dann legte er sie ins Kassettenradio ein. Auf der Kassette befanden sich Lieder von „The Doors“. Mit „Riders on the Storm“ in den Ohren fuhr er schnell zu seiner Mutter.
Er erzählte ihr begeistert, was für ein tolles Auto er gekauft hatte.
„Mam, weißt du, wie niedlich es ist? Dazu verbraucht es sehr wenig Sprit, und damit ist es sehr einfach zu parken. Ich kann die Menschen in dieser Stadt nicht verstehen! Jeder zweite besitzt einen Geländewagen, wozu brauchen sie so viel Aufwendung und Unbehagen? Anscheinend glauben sie, dass sie desto größere Bürschchen werden, je größer ihr Auto ist.“

Nur darüber sprach er mit ihr und ging. Er hatte vor, in sein Auto einzusteigen, als er eine in seine Richtung kommende Prozession bemerkte. Ganz vorne lief ein Junge mit dem Porträt eines sehr hübschen Mädchens. Neben dem Jungen lief eine weinende Frau, gekleidet in Schwarz. Die Angehörigen versuchten vergebens, sie zu beruhigen.
In einem solchen Augenblick gibt es kein richtiges Wort. Dann existiert nur der Schmerz, der mit der Zeit vergeht, aber nie tut er es vollständig.
Da waren viele junge Menschen in der Prozession. Der junge Mann folgte ihr. Die Prozession bog in eine ihm bekannte Kurve ein, und bald hielt sie an. Es wurde still, nur das Weinen der Frau konnte er hören, und sein Herz schrumpfte. Er stellte sich auf eine kleine Erhöhung und sah, dass das Mädchen in diejenige Grube beigesetzt wurde, die er gestern zufällig gesehen hatte. Er konnte es nicht mehr ertragen und lief mit schnellen Schritten weg. Unterwegs stolperte er und wäre fast gefallen.

Den ganzen Weg nach Hause hatte er das Gesicht des Mädchens vor seinen Augen. Er hatte nie in seinem Leben so etwas Schönes gesehen, und er war voller Lust, alles über sie zu erfahren, aber ihm fiel auf, dass er schwärmte, und hörte damit auf.
Er betrat ein Sakhachapure[3]. Alle Tische waren besetzt, aber er hatte keine Lust, woandershin zu fahren, und entschied zu warten. Er lehnte sich an die Tür und wartete, bis an irgendeinem Tisch jemand bis zum Hals satt sein und mit einem eleganten Gang verschwinden würde. Er musste ziemlich lange warten. Ab und zu merkte er unzufriedene Blicke an seine Adresse. Endlich war ein unschönes Paar aufgestanden und bewegte sich Richtung Ausgang. Beim Rausgehen schaute und lächelte ihn die Frau an. Was ihren Kavalier anging, so starrte der ihn boshaft an und wollte ihn vermutlich schlagen. Der Junge ignorierte diese unangenehme Zu- und Abneigung und ging mit ruhigen Schritten zum frei gewordenen Tisch, den die Kellnerin schon tüchtig abwischte.
Er bestellte ein Acharuli[4] und eine Cola und erinnerte sich, dass, bevor er nach Deutschland gegangen war, es nur drei Lari gekostet hatte, und jetzt kostete es das Doppelte. „Na ja, das Land entwickelt sich“, dachte er und schmunzelte ironisch. In Deutschland aß er es ziemlich oft, aber das waren „deutsche Acharuli“.

Er fing wieder an, an das Mädchen zu denken. Woran war es so jung gestorben? Sie war ungefähr 17 gewesen. Was sind 17 Jahre im Vergleich zum Alter des Universums? Was sind 17 Jahre, um dieses komplizierte Leben wenigstens ein bisschen zu verstehen? Ihr Leben war wie ein Funke, der statt sich ins Feuer umzuwandeln von der Dunkelheit für immer verschluckt wurde. Das gebrachte Acharuli brachte ihn ins Sakhachapure zurück. Zerstreut bedankte er sich bei der Kellnerin und fing an zu essen, aber ihm war der Appetit vergangen. Jedes Stück kaute er widerwillig, und um es runterzubekommen, spülte er mit der Cola nach.

Plötzlich hielt ein junger Mann vor ihm und starrte ihn an. Der Sitzende schaute ihn an und fragte:
„Was ist los?“
„Du bist Saba Eradze, oder?“
„Ja, der bin ich“, antwortete er angespannt.
„Wir waren an der Uni in derselben Gruppe. Erkennst du mich nicht mehr?“
„Nein“, antwortete er sofort und kalt, aber natürlich erkannte er ihn wieder. Er war der Einzige aus der Gruppe, der zur Bestattung gekommen war. Es war Saba trotzdem unangenehm, dass er erkannt wurde.
„Ich bin‘s, Irakli“, fügte der verwirrte Junge hinzu.
Saba stand sofort auf, legte genügend Geld auf den Tisch und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Irakli stand da und guckte erstaunt, bis Saba aus der Tür verschwand.
Auf dem Rückweg bereute Saba, dass er seine Identität preisgegeben hatte.

In der Nacht träumte er vom gestorbenen Mädchen. Sie stand am leeren Strand, im farbigen Sommerkleid, das die vom Horizont wehende Böe flattern ließ. Saba sah um sich herum und ging zum Mädchen, das zum dunklen Meer schaute. Seine Schritte klangen mit lautem Nachhall, aber sie drehte sich trotzdem nicht zu ihm. Saba stellte sich neben das Mädchen und starrte sie an. Plötzlich nannte er sie mit dem Namen und wunderte sich selbst im Traum.
„Elene.“
Das Mädchen wendete den Blick zu ihm, und kaum erkennbar lächelte sie. Saba bekam Gänsehaut. Elene schaute wieder zum Meer, und nach kurzer Zeit sagte sie leise:
„Mir ist kalt.“

Saba wachte mit Schüttelfrost auf. Er legte die Hand an die Stirn, die glühte. Das Fieber sank bald.
Er saß in der Küche und wiederholte ihren Namen. Er wollte schnellstmöglich zum Friedhof fahren. Es war fünf Uhr morgens, aber er konnte es nicht mehr aushalten, zog sich hektisch an und fuhr los.

[1] Lari – Nationale Währung in Georgien.
[2] Saburtalo – Ein Bezirk in Tbilisi, der Hauptstadt von Georgien, mit einem großen Friedhof.
[3] Sakhachapure – Eine Art Gaststätte, in der vor allem Khachapuri, ein georgisches Gericht aus Teig, gefüllt mit Käse, zubereitet wird.
[4] Acharuli – Bootformige Teigtasche mit georgischem Käse und einem Spiegelei in der Mitte.

 

Giorgi Ghambashidze

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18163

Maxhütte: Denkmal – Kainsmal – Vielmal

Augen lassen durch den Zaun sich locken
Kein Panther zieht dahinter seinen Kreis
Rost steigt auf Stiegen in Gefilde
Gefahr heißt dieser Ort gefährlich

Kalt flirrt der Atem, Finger klamm
Erfroren der Hochofen schon lang
Man weiß von einer großen Zeit
In der die Männer Eisen kochten
Bedrängt die Glieder von der Glut
Das Brot verzehrt in der Kantine
Kurz lockt das Leben, Kinder zeugen
Es kommt schon der Tod

Maxhütte – Industriepalast
Seine Majestät thront, wird mit Eisen entlohnt
das für den Frieden nicht taugt
Die Nacht ist der Tag, keine Zeit für die Ruh‘
Arbeit adelt! Ach was
Klammnasses Schuften ein Leben lang
Ehre und Ruhm, was kostet das?
Väter, Söhne geschunden
Verschwunden – mal still, mal laut
Siech, malad, krank und marod
Dem Himmel sei Dank

Als Ungetüm kniest du nun auf dem Acker
Die Hände gefaltet, die Flügel gestutzt
Stumm sind Gebete und still dein Gesang
Feige war der, der die Stimme dir nahm
Verlassen, verloren, mit ruhenden Händen
Wie dich erhören,
erwecken, verstecken, begraben?
Zeit heilt die Wunden, doch wann?

Nackt bist du, zahnlos, allein
Die Feuer der Nacht
haben die Scham dir verbrannt
Wer kann Recht dir verschaffen, sag wer?
Der erkaltete Himmel sieht deine Not
Mag Hilfe dir kommen von dort

Rost frisst deine müden Knochen
Du dauerst mich
Gott erbarm

im Februar 2018

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18156

 

Passagier

Du lebst dort, wo es keinen Anfang und kein Ende, wo es keine Zeit gibt und weder oben noch unten. Du bist an Bord eines Raumschiffs, welches das All durchmisst, in seiner Schwerelosigkeit, als Pilot und einziger Passagier. Schon so lange bist du auf der Reise, dass du vergessen hast, wie Wolken aussehen, wie Schnee sich anfühlt, wie es ist, zu schwimmen und zu tauchen. Im astronomischen Koordinatensystem sind dein Raumschiff und du nur ein Punkt. Worauf du dich ständig konzentrierst, ist: Kurs halten, seit 32 Jahren und 186 Tagen.

Sternwarte Klagenfurt im Winter

Sternwarte Klagenfurt im Winter

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18154

Die Waage

Wie ein Kind, das plötzlich fällt
Und sich an der Erde hält
Wie ein Kranich, sturmbegehrt
Und eben darum unversehrt
Wie Pollux, der nach Kastor rief
Als dieser ihm im Arm entschlief
Wie des Gedankens Doppelsprung
Nicht Niedergang, nicht Besserung
Du siehst die allgemeine Lage
Alles hält sich grad die Waage
Welche Schale wird sich senken?
Die Waage zuckt in den Gelenken

Doch wider allen bösen Schein
Eins entscheidet diese Frage
Das Zünglein an der Waage
Du weißt, welches ich mein
Es ist dein

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18146

Paradies

Sie kennt das Gefühl schon: wenn ihr Herz rast und der Schweiß auf der Stirn steht. Diese innere Unruhe, dieses Gefühl, weder real noch unreal zu sein. Am liebsten nimmt sie an solchen Tagen ihr Feuerzeug mit und kauft sich auf dem Weg nach Hause eine Packung Zigaretten. Im Wald – sie lässt ihren Toyota am Rand der Forststraße stehen – läuft sie herum, ohne Ziel. Ein Zug an der Zigarette. Einmal die Zigarette gegen die nackte Haut drücken, dort, wo sie Jacke, Pullover hochgezogen hat und wo schon ein paar hellrote, kreisrunde Stellen die weiße Haut vernarben. Tief einatmen. Die Tränen kommen von selbst. Dann heult sie. Sie rennt heulend herum, bei jedem Wetter, im strahlenden Sonnenschein und im dichtesten Schneegestöber.

Sie fühlt sich, als könne sie ihrem eigenen Leben nicht entkommen. Deshalb rennt sie. Gegen die Zeit, gegen die Leere, gegen sich selbst. Manchmal kommt das Gefühl wochenlang gar nicht, dann trifft es sie, mit einem Schlag, so einengend, so brutal überwältigend, dass sie in ihrer Firma aufs Klo flüchtet, einen Schluck aus dem Wodkafläschchen in ihrer Handtasche nimmt und noch einen und noch einen. Danach geht sie zurück und arbeitet weiter, als wäre nichts gewesen. Manchmal baut sich das Gefühl schon tagelang auf, breitet sich aus, wie Wasser, das langsam durch ein Leck in ein Boot sickert. Sie nimmt dann die Zigarettenschachtel vom Regal im Vorzimmer und legt sie in das Handschuhfach. Das gibt ihr ein beruhigendes Gefühl von Zuversicht.

An Tagen, an denen es besonders viel wird, steigt sie in den feuerroten Toyota und nimmt den langen Weg nach Hause, nicht über die Bundesstraße, sondern über die Dorfstraßen und den Waldweg. Sie kennt die Route mittlerweile auswendig, weiß, bei welcher Kurve sie bremsen muss, wo es Schlaglöcher gibt und wo der Wald so nah an die Straße kommt, dass ein entgegenkommendes Auto gar nicht vorbei kann.

Dort drinnen, tief zwischen den Bäumen, gibt es eine kleine Einbuchtung, kurz bevor ein Trampelpfad rechtwinkelig abbiegt, auf dem manchmal Traktorspuren den weichen Boden aufwühlen – dort lässt sie das Auto stehen, holt die Bergschuhe aus dem Kofferraum und rennt los.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit durchtränkt mit sinnlosem Schmerz, steigt sie zurück ins Auto. Sie fährt nach Hause, frischt ihre Wimperntusche im Autospiegel auf und holt ihre Tochter vom Kindergarten ab.

Heute fährt sie langsam, die Straße spiegelt sich, der Regen prasselt gegen die Windschutzscheibe. Der Regenponcho und die Bergschuhe liegen schon bereit. Sie ist alleine, schon seit zehn Minuten kommt ihr kein anderes Auto entgegen. Bei der Einbuchtung bleibt sie stehen. Auf der anderen Straßenseite ist eine große Fläche gerodet worden, ein mit Baumstämmen beladener Anhänger steht einsam in der Mitte. Eine große Tafel wurde errichtet, doch ihre beschriftete Seite zeigt zur anderen Straßenrichtung.

Sie steigt aus, zieht sich die Bergschuhe an und den Regenponcho über. Die Zigaretten und das Feuerzeug schiebt sie in die Hosentasche. Langsam geht sie los, umrundet die Tafel, die mit jedem Schritt bedrohlich größer wird, und als sie auf der anderen Seite steht, brüllt ihr die Tafel in neonorangen Buchstaben entgegen: „Hier entsteht ein Naherholungszentrum. Ein Kletterpark, Ausflugshütten, Wanderwege und ein Parkplatz für zweihundert Autos sind in Planung. Willkommen im Paradies!“

Während der Regen langsam seinen Weg über das Gesicht und in den Nacken sucht, um schließlich in kleinen Rinnsalen über den Rücken zu fließen, steht sie nur da. Zum ersten Mal seit Langem hilflos in ihrer eigenen Verzweiflung.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18120

Prophezeiung

Windige Horden umzingeln das Wild.
Kreisen über dem verletzten Elend.
Frösche fliehen, ins Dunkle, still!
Kein Ton wird ihnen entkommen.

Mein Körper nur ein leerer Brunnen,
siehst hinein und kein Ende:
Die Kiesel einfach vom Dunkel verschlungen.
Gedenke allein der aufgegebenen Nächte!

Der Tag verschläft, und auch der nächste.
Es ward kein Licht mehr,
Nur mehr schleichende Stille.

Gib dich hin, den lüsternen Horden!
Schämt sich der erwachte Wille,
wenn‘s doch dann endlich Tag geworden.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18099

 

Steiniger Weg

Wir mögen den ganzen Weg alleine gehen,
alle Biester allein abwehren,
und uns im Dunklen einsam fühlen.
Aber oben an der Spitze,
werde ich auf Dich warten,
damit wir den Ausblick zusammen genießen.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 18091