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Alla Gerber war in Abramcewo

Alla S. Gerber lernte ich in ihrem dritten Leben kennen, wie sie ihre Zeit mit Jelzin nannte. Sie saß als Abgeordnete in der ersten Duma, und Ende der 90-er Jahre machte er sie zur ersten Direktorin des eben gegründeten Moskowskij Zentr Golokost (MZG). An dieser Institution arbeiteten auch die österreichischen Gedenkdiener, die von der Botschaft, also von mir, betreut wurden.
Alla war eine schöne, elegante Dame von siebzig plus, geistig und körperlich agil, wortreich und voller Energie. Wir konnten von Anfang an gut miteinander und setzten viele Pläne um. Da schienen sich zwei Gleichgestimmte getroffen zu haben. Gesegnet mit einer großen Portion Humor, mit dem sie auf ihre drei Leben blickte.
Und hallo, jetzt kommt das vierte mit dir!

Als öffentliche Figur wahrgenommen habe ich Alla S. Gerber schon früher, als absolute Ausnahmeerscheinung im russischen TV, in den Endlosübertragungen aus der eben entstehenden Duma, die sich gerade damit mühte, sich vom Obersten Sowjet zu einem richtigen Parlament zu entwickeln. In dieser historischen Zeit hielt ich mich manchentags bis zu 16 Stunden im Kreml auf. Es gab noch keine Handys.

Aller S. Gerber war dabei eine wichtige Stimme. Sie war elegant und gestylt, redegewandt, emotional, doch ohne nationalistisches Pathos und immer mit einem Schalk im Auge. Ich mochte sie schon aus der Ferne. In diesen Jahren lernte ich nur noch zwei andere Frauen kennen, die mich so beeindruckten. Die eine war Galina Strarowoitowa, die mutige Petersburger Abgeordnete der neuen Demokraten, ermordet von der Mafia im zweiten Wahlkampf. Mit ihr hatte ich aber nur ein schnelles Gespräch während einer krawallischen Demonstration. Und in Tatarstan die islamische Präsidentin Ibragima Selimwowitschna Karaulowa der autonomen Republik Tatarstan Schön, aufrecht, in traditioneller Prachtkleidung, ohne Kopftuch mit einem dicken schwarzen Haarzopf über der linken Schulter. Absolut souverän und überzeugend, unterstrichen von ihren fast zwei Metern. Die Entwicklung eines aufgeklärten russischen Islam, das war ihr Projekt, heraus aus der Verbannung.
Ich traf sie nur einmal in ihrem Palast in der Hauptstadt Samara zu einem Interview. Im Duma-Fernsehen war sie oft beeindruckend anwesend. Aber Alla Gerber habe ich kennengelernt, wirklich und leibhaftig. Und mich mit ihr befreundet, wie ich meinte. Was für ein Irrtum!

In meinem persönlichen Ranking stand Alla Gerber an der Spitze.
In der ersten Amtszeit des russischen Präsidenten war sie Abgeordnete für den Wahlkreis Birobitschan, früher eine autonome Region, die Stalin für die Sammlung der sowjetischen Juden ausgedacht hatte. Eine sowjetische Phantasie wie Madagaskar oder Uganda auf der anderen Seite, alle Juden in einem Gebiet zu versammeln. Birobitschan ist ein Landstrich in Ostsibirien von der dreifachen Größe Deutschlands, ein Binnengebiet ohne jegliche Aussicht auf Prosperität, mit einer menschenfeindlicher Natur in der unfruchtbaren Tundra und fast menschenleer. Sie bekamen nie genügend Männer zusammen für einen einzigen Kaddish. Die Urvölker wie die nomadischen Ewenken, Nanken oder Tschuktschen hatte man schon im ersten Fünfjahresplan vertrieben, umgebracht oder in Kolchosen kollektiviert. Eine alte Regel, aber noch schlimmer als in der zaristischen Kolonisierung Sibiriens.
Zumindest das Nomadentum hatten ihnen die Zaren nicht austreiben wollen.
Die freiwilligen Ansiedlungskampagnen von Juden hatten nie Erfolg, zwangsmäßige gab es bis auf kleine Ausnahmen keine. Sie setzten Ende der 30-er Jahre ein, wurden aber mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion eingestellt. Aber darüber weiß man noch sehr wenig, gibt auch Alla zu. Sie würde das gerne erforschen, wenn man sie lässt und ihr Gelegenheit gibt. In die Thematik des deutschen Golokost Zentr passt es allerdings nicht. Denn der sowjetische „Golokost“ mit den vorgelagerten Fragen zum sowjetischen Antisemitismus ist noch immer kein Thema.

Das würde sie gerne noch erleben, sagt sie. Sie schildert ihre Erschütterung über den neuen Antisemitismus in Erinnerung an die jüngsten Ereignisse in Belarus. Sie hatte unlängst als Präsidentin des MZG bei Minsk und Mogiljew Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust eröffnet, am nächsten Tag waren sie verwüstet, bis zur letzten kleinen Tafel zerschmettert und in den Boden getreten. Das gleiche Bild im westrussischen Smolensk und Kaluga. So wie Alla ist, erzählt sie ungeschützt, dass sie selbst das Wort Golokost nicht kannte, am Anfang nicht aussprechen konnte und üben musste, ein Zungenbrecher, im Russischen vollkommen ohne Bedeutung. Genauso wie Shoah, nur kürzer.
Eine Gedenkkultur über die Vernichtung der europäischen Juden durch das Nazi-Regime gibt es in Russland nicht. In der Sowjetunion war es verboten, ein Volk oder eine Nationalität auszuzeichnen für den jeweiligen Beitrag zum Sieg über den faschistischen Feind. Es gab nur das EINE siegreiche sowjetische Volk. Keine Zahlen, kein Gedenken, keine Denkmäler.

Jahrelang ging ich durch den pompösen Eingang des Schriftstellerklubs in Moskau, bis ich einmal innehielt und die Gedenktafel für die im Großen Vaterländischen Krieg geopferten Mitglieder, eingemeißelt in Goldbuchstaben in zwei langen Marmortafeln, las. Meiner Zählung nach war es etwa ein Drittel mit mir jüdisch erscheinenden Namen. Kein Garant, denn bei der Stalin‘schen Verfolgung der „jüdischen Verschwörung“ um 1948 ließen viele russische Juden ihren Namen in einen unverfängliche Iwan Simonow oder Sergej Iwanow umändern.

Jelzin meinte mit der bekannten Menschenrechtlerin Alla Gerber – ob er wusste, dass sie Jüdin, war, weiß sie selbst nicht – die ideale Kandidatin für diesen fernen Landstrich gefunden zu haben. Ein historischer Witz der besonderen Art, meinte sie, ohne Groll. Sie hatte weder etwas mit Birobidschan noch mit dem Judentum am Hut. Ihre Familie, kommunistisch assimilierte Intellektuelle, Universitätsprofessoren, Anwälte, Kaufleute und Journalisten, stammte aus Kiew und wurde von den Nazis vollständig ausgerottet.
Als kleines Mädchen von menschenfreundlichen Nachbarn zuerst versteckt und dann nach Moskau gebracht. Nur der Überfall auf die Sowjetunion und der Holocaust hatten sie indirekt zu einer Jüdin gemacht.
Als sich die Nachricht vom Heranrücken der Wehrmacht auf Kiew verbreitete, setzte sich ihr ältester Bruder in Kiew auf eine Parkbank, in seiner besten Kleidung, mit Gehstöckchen, Hut und einer Ausgabe der Times unter dem Arm. Er wartete auf die Befreiung von Kommunismus und der Unfreiheit durch das Kulturvolk der Deutschen. Er war Journalist mit Hang zum Dandytum und glühender ukrainischer Anti-Kommunist. Niemand konnte ihn überzeugen, dass er fliehen müsse, solange er noch konnte. Er wollte das nicht glauben.
Alles verdammte kommunistische Propaganda. Ein Volk, das einen Kant, Beethoven und Nietzsche hervorgebracht hat, unvorstellbar …, das sind unsere Befreier, die konnten doch nicht …, nein, unmöglich!

Jakov S. Gerber war wahrscheinlich einer der ersten von den 30 000 Kiewer Juden, der für den Todesmarsch nach Baby Jar eingesammelt wurde, von der Bank im Stadtpark aufgelesen.
In ihrem zweiten Leben war Alla Gerber Journalistin und wissenschaftliche Übersetzerin für Englisch und Französisch. Eine relativ ruhige Bucht ohne Ideologie. Sie war die geborene Dissidentin, meint sie, mit dieser Familiengeschichte nicht anders möglich. So gehörte sie zu den 14 Demonstranten, die 1968 in Moskau gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei demonstriert haben. Später, im Helsinki-Prozess, setzte sie sich für die zwangshalber in die Psychiatrie eingelieferten Intellektuellen und Künstler ein, eine professionelle Dissidentin. Mehrmals festgenommen, verhört, aber nie verurteilt, nie im Gefängnis oder Lager.

Seit Gorbatschows Glasnost und Perestroika war sie Dauerdemonstrantin in allen Teilen der Sowjetunion, sie unterstützte den Bergarbeiterstreik in der Ukraine, die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen und kaukasischen Republiken, reiste unermüdlich durchs Land und stellte Dokumentationen für Zeitungen und das Fernsehen zusammen. Dazu übersetzte sie unermüdlich bis dahin in der Sowjetunion verbotene Bücher und gab viele russische Autoren heraus. Eine wunderbare Zeit, die schönste, erinnert sie sich, weil die Menschen voller Hoffnung waren, Morgenluft von Freiheit witterten. Am Horizont dämmerten die ersten Strahlen einer russischen Demokratie. Alles schien möglich. Russland würde sich selbst befreien können und in den Strom der allgemeinen Menschheitsgeschichte zurückkehren. Ich pflichtete ihr bei, hatte ich doch diese Jahre als Journalistin genauso erlebt. Ich vermute, das gefiel ihr an mir und verband uns. Endlich eine Ausländerin, der man nicht alles vom kleinen Einmaleins an über Russland beibringen musste.
Ich arbeitete in vielen Projekten mit ihrem MGZ zusammen. Ich wage zu behaupten, dass ich es zusammen mit der engagierten Arbeit der Gedenkdiener zu einer gewissen Blüte und Bekanntheit bringen konnte. Von der Wiener Zentrale hatte ich volle Unterstützung, es waren die Jahre nach Vranitzkis Gedenk-Rede.

Langsam wurden wir so gut miteinander bekannt, dass ich es wagte, sie auf meine Datscha in Abramcewo einzuladen. Dieser Ort war mein privates Sanktissimum, das öffnete ich nicht jedem.
Ein wunderbarer August-Samstag, ich holte Alla an ihrer Wohnung beim Gagarin-Platz ab, und wir schaukelten in meinem Jeep Nissan Patrol über die Jaroslawskoje Schossee aus Moskau raus nach Nord-Westen in Richtung Sergijew Posad. Im Fond meine jugoslawische Hündin Laika und mehrere Katzen, alle vom Dorf.

Ein Bilderbuch-Sommertag, fast kitschig, fast schon zu oft beschrieben in der russischen Literatur. Ein spätes Mittagessen im Garten, ein kleiner Spaziergang zur heiligen Quelle des Sergius von Radonesch, Kaffee-Jause, Gespräche, Alla im Liegestuhl ruht und döst, die Brille sinkt auf die Zeitung. Der Hund und die Katzen tollen im Gras. Einige Vogelstimmen, ansonsten Stille. Eine wahre Idylle, kann man das nennen, Frieden pur. Als sie unter den niedrigen Strahlen der westlichen Sonne die Augen aufschlägt, fällt ihr der Kirschgarten ein, obwohl es außer einer verkrüppelten Weichsel bei mir keine Ähnlichkeit zu den Cechow‘schen Gärten gibt. Alles umstanden von hohen Nadelbäumen. Wissen Sie was, es ist noch schöner bei Ihnen, weil hier keine Menschen ständig allerhand unnützes Zeug reden. Sie hatte wieder die Cechow-Bilder vor sich oder auch zeitgenössisches Datschen-Leben.

Beim Abendessen wieder meine tausend Fragen zu Allas Leben. Sie leistet keinen Widerstand. Offenbar kann ich sie zum Erzählen anregen. Mein Journalisten-Blut ruht nicht, alles wissen und verstehen zu wollen, und Alla ist eine faszinierende Erzählerin. Sie kann in ihrer Lebensgeschichte auf- und abgehen wie in einem breiten Stiegenhaus. Es ist Weltgeschichte im Brennglas eines einzigen individuellen Lebens. Die berühmte Fliege eingeschmolzen in einen Tropfen Harz, 44 Millionen Jahre im Bernstein. Das alles garniert mit einer Fülle von Selbstironie und Souveränität. Als politische Aktivistin, Wahlwerberin und Deputierte zur Duma hat sie auch viel Dramatik angesammelt, viele Einblicke, viele Anekdoten. Wir lachen gemeinsam, und ich kann gar nicht genug davon kriegen.
So kommt auch die Geschichte ihres ältesten Bruders ans Tageslicht, ihre Kindheit im Kiew der Vorkriegszeit, das Wenige aber deutlich, ihre Eltern, die noch auf den Ansiedlungsrayon beschränkt waren, sich von der bolschewistischen Revolution befreit fühlten und die Chance bekamen, sich zur Elite hochzuarbeiten. Für mich Zeitgeschichte eins zu eins. Sie wundert sich selbst, sie erzählt das alles zum ersten Mal jemandem Fremden.
Obwohl, wenn sie es so bedenkt, hat sie ihr Leben immer auch für den Dandy-Bruder gelebt. Es geht ihr erstaunlich leicht von den Lippen. Wie es im Herzen aussieht, kann ich natürlich nicht sehen. Trotzdem kommt es zum ersten Du-Angebot. Einfach Alla-Veronika, sie will keinen Vaternamen, nicht wegen des Solomonowitsch an sich, sondern wegen der Länge. Wir waren ausgelassen und entspannt. Auch sie war an meinem Leben interessiert. Eine neue Freundin in Moskau, dachte ich.

Für Alla ist das Gästezimmer vorbereitet, sie möchte sich zurückziehen, vermisst aber zuletzt ihre Lesebrille. Wir suchen sie in ihrem Gepäck, mit Taschenlampen im Garten, im Haus, in Küche Badezimmer und Garderobe. Vergeblich. Macht nichts, sie ist ohnedies zu müde zum Lesen. Ein langer Tag. Alla legt sich schlafen.
Wenig später entdecke ich beim Aufräumen des Tisches die Brille unter einer Schüssel. Ganz sicher bin ich, dass ich im Bewusstsein meiner neuen Vertrautheit mir vorgenommen habe, sie auf ein neues Modell einzuladen. Dieses alte sowjetische Gestell passte einfach nicht zu ihr, sonst in allem so elegant. Schnell mache ich noch einen Tee, stelle Kanne und Tasse auf ein Tablett, lege dazu die Brille, stolz. Ich klopfe leise an ihrer Tür, lausche, höre keine Antwort und trete trotzdem ein.

Dieser kleine Schritt sollte einer meiner größten Fehler sein. Im Licht der kleinen Nachttischlampe sehe ich, wie sich ihr Oberkörper aufbäumt wie unter dem Schlag eines Defribrillators. Dazu schmeißt sie in heftigster Abwehr die Hände nach vorne und schreit in höchster Stimmlage: Won, won, won – weg, weg, weg, immer wieder, es steigert sich, ich geh nicht mit, weg, weg von hier. Dabei sind die Augen aufgerissen, größer, runder und hohler als im Schrei-Gemälde. Wahrscheinlich verstärkt durch das Fehlen der Zahnprothesen. Bin nicht sicher, wage nicht richtig hinzusehen und zittere immer noch vor diesem Anblick.
Ich war zu der geworden, die sie abholen sollte, wie ihren Bruder und die ganze Familie.
Mir gelang es gerade noch, mich mit dem schwankenden Tablett zurückzuziehen. Drei Zimmer weiter in meinem Bett sitze ich die ganze Nacht aufrecht und zitterte. Ich hatte in die Hölle geblickt.

Wir frühstückten am nächsten Morgen wenig und stumm. Welche Worte hätte es geben sollen? Draußen wieder ein traumhaft schöner Tag. Alla packte ihre Sachen und bedeutete mir, dass sie sofort nach Moskau zurückfahren wollte. Won-weg. Auch die Fahrt zurück wortlos, kein Blick, keine Verabschiedung. Nicht einmal ihr Gepäck darf ich hinauftragen. Nur weg von mir und diesem Erlebnis. Mehrmals habe ich angerufen, ohne Antwort, mehrmals an ihrer Wohnungstür am Gagarin-Platz gekratzt, habe gejault wie ein verstoßener Hund und die Türschwelle abgeleckt, die Taschen voll mit Geschenken und Leckerbissen, die sie mochte. Zum Beispiel, alle Sorten von Danone-Joghurts, damals neu in Moskau und bisher nur in meinem Supermarkt zu haben. Ich ließ sie da stehen. Die Berge von Joghurt vor ihrer Türe waren das Letzte. Eine banale Scheiße. Trauer, Hohn und viel Wut. Das ist alles, was du mir lässt?

Eine Entschuldigung vielleicht, Vergebung, aber wofür? Verbrechen und Strafe. Was hatte ich getan, ihr angetan? Ging es ihr besser so? Ich lebte einige Zeit in einer Zwischenwelt von Schuld und Sühne und hoffte nur noch, dass der Schock erst bei ihr, und dann bei mir nachlassen würde.
Alla mitsamt ihrem S zwischen dem Gerber wollte mich nicht sehen. Und tatsächlich habe ich sie auch nie wieder gesehen.

8.7.17

Veronika Seyr
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Der Tunnel

Die Wochen, erfüllt von Düsternis, näherten sich ihrem Ende, das Licht, dunkel, aber doch nicht gänzlich, einen leichten Anflug von Grau beinhaltend, sollte die Dunkelheit erhellen. Eine andere Farbe sollte das Licht haben, doch offenbar war Grau die einzig zugestandene. Inwiefern der Begriff Grauen mit dem Farbton Grau zusammenhängt, bleibt ungewiss, doch Grauen ist nicht gleichzusetzen mit Dunkelheit, befindet sich doch immerhin ein helles Element darin, wenn auch ein kaum wahrnehmbares. Die Tage der Wochen erfüllt von diesem diesigen Licht, das empfunden werden kann in einem Flugzeug, welches durch dunkle Wolken voll von Regen und Gewitter fliegt, um schließlich das Blau des Himmels vor sich zu haben, nachdem die Dunkelheit zurückgelassen worden war.
Die scheinende Sonne mit ihrem gleißenden Licht sandte schwärzliche Strahlen, alles verdunkelnd, verwandelte die Individuen auf den Straßen in schemenhafte Gestalten, kaum wahrnehmbar, tünchte die Straßen in graue Farbe und zerschnitt das Leben auf belebten Arealen.

Die schwarze Sonne legte ihr Licht über die gesamte Welt, ließ das Leben auf dem Planeten dunkel erscheinen, ließ die Menschen und alle Lebewesen, wie auch die Objekte, untergehen in ihren Strahlen, die Luft zum Atmen machte sie schwer und das Wasser zum Trinken bleiern und die Nahrungsmittel verdorben schmeckend. Die Musik machte sie düster, die Texte der Musikstücke schwermütig und die instrumentale Leistung der Spieler unhörbar. Den Alkohol machte das Licht wohlschmeckend und nicht ausreichend in seiner Menge, das Schreiben machte es schwer, das Denken, Fühlen, Lieben, Handeln und Wollen löschte es aus.

Der Eingang des Tunnels, unsichtbar, ein plötzlich auftretendes Gefühl der Gefangenschaft, in der Mitte des Tunnels ein glänzend schwarzer Streifen, in die Ferne führend. Der Tunnel selbst zweigeteilt, auf der einen Seite schwarzer Samt, eine dunkle Wärme, ihre Existenz kaum fühlbar, dunkles Licht erleuchtet den Samt, hinter diesem schemenhaft wahrnehmbare Gestalten, Menschen, nicht fühlbar, nicht hörbar, nur durch Bewegungen zu erkennen. Vom Samt eine Flüssigkeit laufend, untrinkbar und dennoch wohlschmeckend, schwarz und die Konsistenz von Blut aufweisend. Auf der anderen Seite der Linie in der Mitte des Tunnels schwarzer Beton, kalt, hart und undurchdringlich. In den Beton eingearbeitet eine Unzahl an Klingen und Stacheldraht, viel zu scharf, um sich an sie zu schmiegen.
Von der Decke eine klare Flüssigkeit tropfend, scharf im Geschmack, trügerische Erhellung in sich tragend, die, wenn sie verschwunden, sich in Unheil verwandelt. Kälte, die durch nichts in Wärme verwandelt werden kann, die das kurzzeitige Gefühl der Wärme der samtenen Seite aussaugt, von der Decke hängen Leuchten, ein grellschwarzes Licht verbreitend, zu dunkel, um nach vorne zu sehen, hell genug jedoch, um die eigenen Unzulänglichkeiten nicht übersehen zu können.

Der Wechsel von der einen, samtenen Seite zur stahlbewehrten Betonseite, fließend, einem Ball gleich, immer wieder von der einen zur anderen Hälfte geworfen, in der Mitte, auf dem Boden, zwischen den Seiten, ein stets nach vorne führender schwarzer Pfad. Der Weg zurück, verschlossen, die samtene Seite einen samtenen Vorhang bildend, hinter diesem an ihren Bewegungen erkennbare Menschen, die Betonseite eine bedrohliche Mauer bildend aus scharfem Stahl und eisiger Grabeskälte. Die Schritte nach vorne, erleuchtet und begleitet von schwarzem Licht, nicht auszuhalten, ein ständiger Begleiter.
Am Ende des Tunnels, in weiter Ferne und zugleich nah, ein schwaches Licht. Es ist schwarz.

Michael Timoschek

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Die Angst vor dem Erfolg

Am zwölften September im Jahr der Venlafaxinunverträglichkeit kommt Robert nach einem langen Tag, den er alleine, er arbeitet in einem kleinen Büro, in welchem er vor dem Bildschirm eines Computers zu sitzen hat, denn er ist kollegenlos bei seiner Tätigkeit, die das Beantworten und das Abwickeln von Anfragen beinhaltet, präzise gesagt ist die Beantwortung respektive die Abwicklung von Anfragen der einzige Inhalt von Roberts Tätigkeit, die telefonisch, also die Anfragen, per Telefax oder via E-Mail an ihn gestellt werden, also an Robert, zugebracht hat, denn sein Kollege, Marcel Fleischbon, war ihm entzogen worden aufgrund von Sparmaßnahmen, welche die Etage der Chefs, die über allen und allem stehen, angeordnet hat, um an Mammon, also am Geld zu sparen, heim in sein Haus, welches am Rand der Stadt, in der Robert wohnt und wirkt, also werkt, präzise gesagt arbeitet, gelegen ist und welches außer ihm noch drei weiteren Menschen, also Roberts Ehefrau, sie heißt Marion und ist Cellistin in einem großen Orchester in der Stadt, in der sie beide leben, sowie seinen beiden Kindern, die er mit Marion gezeugt hat, denn Robert ist der Ansicht, dass Kinder das Beste sind, was ein Mensch der Welt schenken kann, sofern sie, die Kinder, zu guten Menschen erzogen werden, ihnen, also den Kindern, das Gute, was ihren Eltern innewohnt, vermittelt wird, Obdach gibt, ihnen also ein Dach über ihren Köpfen bietet, außerdem Wärme und Sicherheit, präzise gesagt Geborgenheit, und findet sein Abendmahl, gegrillten Fisch mit einer Beilage aus selbstgezogenem Spinat, auf dem Esstisch vor, der umringt wird von seiner Familie, also an dem Marion, Roberts Ehefrau, die er über alles liebt, sowie Anna und Ronja sitzen, die Kinder, präzise gesagt die Töchter, von Robert und Marion, die beide über alles lieben, und vice versa, noch warm, denn Robert kommt acht Minuten nach dem mit Marion vereinbarten Zeitpunkt nach Hause, und berichtet, während er den Fisch und die Beilage aus Spinat aus dem eigenen Garten hinter dem Haus zu sich nimmt, von den Vorkommnissen, die er in seiner Firma, präzise gesagt in der Firma, die ihn beschäftigt hält und ihn bezahlt, am heutigen Tag, und welche durchaus positiver, also förderlicher Natur waren und immer noch sind, denn Robert wird in der Hierarchie der Firma, die ihn beschäftigt hält und bezahlt, aufsteigen, er wird zum Leiter der Abteilung für das Design der neu zu entwickelnden Inkontinenz-Unterwäsche befördert werden, ein neuartiges Produkt, das die Firma, die ihn beschäftigt hält und ihn bezahlt, in ihren Katalog, also in ihr Angebot, das sie für ihre Kunden bereitstellt und bereithält, aufnehmen wird, denn diese Firma verdient sehr viel Geld, indem sie Gegenstände, um präzise zu sein Kleidungsstücke, herstellt, der letzte Verkaufsschlager dieser Firma waren atmungsaktive, dennoch geruchsundurchlässige und flüssigkeitsundurchlässige Schweißfußsocken, hergestellt nach einem von der, mittlerweile verstorbenen, Großtante des Besitzers der Firma entwickelten streng geheimen Verfahren, die den Schweiß der Schweißfüße der Verwender dieser Socken in olfaktorischer Hinsicht verschwinden, also, so kann man es sagen, verduften lassen, durch ihre, also die der Socken, Undurchlässigkeit bleibt der Schweiß in den Socken und durchdringt deren Gewebe nicht, was es den Menschen, die mit dem Problem des Schweißfußes ihr Leben führen müssen, erlaubt, ihre Schuhe abzustreifen, ohne befürchten zu müssen, den Mitmenschen in ihrer unmittelbaren, im Fall der schlimmsten Ausformung des Schweißfußes, des sogenannten Großen Zehenkäslers, in weitem Umkreis dieselbe unangenehme olfaktorische Erfahrung, in Verbindung mit verschämtem Halten der Nase in die dem Stinker entgegengesetzte Richtung, zu bereiten, die offen im Kühlschrank stehen gelassener Klosterkäse der Nase bereitet, in Ländern, in welchen Menschen sich mehrmals täglich ihrer Schuhe entledigen müssen, beispielsweise um den in diesen Ländern eingemahnten religiösen Verhaltensweisen, präzise gesagt um zu beten, zu entsprechen, erweist sich diese Art Socke immer noch als regelrechter Bestseller, und er, also Robert, soll die Gestaltung dieses neuartigen Produkts übernehmen, er geht davon aus, dass ihm diese Aufgabe übertragen wird, weil er ein überaus feinfühliger Mensch ist, der die heikle Aufgabe der Schöpfung dieses Kleidungsstücks, der Inkontinenz-Unterwäsche, mit der erforderlichen Sensibilität erfüllen wird, schließlich ist es essenziell wichtig bei Inkontinenz-Unterwäsche, auf die Dichtheit, sodass idealiter kein Tropfen Flüssigkeit aus ihr treten kann, darüber hinaus muss sie sich olfaktorisch gänzlich neutral verhalten, Augenmerk zu legen, und nachdem Männer in verschiedenen Ländern dieser Erde unterschiedlich lange Glieder vor sich her tragen, bei Frauen sieht die Sache weniger kompliziert aus, muss Robert unterschiedliche Modelle des neu zu entwickelnden Produkts entwerfen, um inkontinente Männer in allen Ländern dieser Erde, zumindest augenscheinlich, trocken zu halten und der Firma einen weiteren Verkaufsschlager zu bescheren und es soll sein Schaden nicht sein, hat sein Chef ihm versichert, denn wenn Robert die ihm gestellte Aufgabe mit der für diese heikle Sache, unterschiedliche Längenangaben von Gliedern von Männern aus verschiedenen Ländern zu erhalten, sein Chef ließ offen, ob Robert selbst wird Maß nehmen müssen oder ob guter Glaube ausreichen wird, Robert ist aufgrund seiner Sensibilität in der Lage zu erkennen, ob ein Mann ihn belügt, wenn die Sprache auf das Thema Gliedlänge kommt, erforderlichen Feinfühligkeit erledigt, wird Robert eine gewisse Beteiligung am Umsatz, den die Inkontinenz-Unterwäsche der Firma bescheren wird, erhalten, was Marion, Roberts Ehefrau, sehr freut, denn sie drängt seit geraumer Zeit auf den Ankauf eines Sportwagens, eines Cabriolets eines niedereuropäischen Herstellers, denn sie möchte ihre Freundinnen beeindrucken durch die Vorfahrt in einem solchen Cabriolet, noch dazu jetzt, wo Robert, ihr geliebter Ehemann, erfahren hat, dass er zur Prüfung antreten darf, dies ist die zweite Neuigkeit, die Robert seiner hocherfreuten Familie am Esstisch zur Kenntnis bringt, also dem zweiten, dem mündlichen Teil seiner, lange Jahre hinausgezögerten, Dissertation in der Studienrichtung Transzendentale Sensibilität, deren erster Teil, also der erste Teil der Prüfung, also die schriftliche Arbeit, Roberts Dissertationswerk, von einem Professor der Transzendentalen Sensibilität an Roberts Universität mit der Benotung Sehr Befriedigend versehen wurde und er, also Robert, auf dem besten Weg ist, die Doktorwürde zu erlangen, also ein Transzendentaler Sensibilist erster Kapazitätsklasse zu werden, und mit einem solchen Mann als Ehemann, findet Marion, und spricht dies auch aus, steht ihr ein Cabriolet zu, und als Robert einwilligt, freuen sich sämtliche Mitglieder der Familie, also Robert, Marion und ihre beiden gemeinsamen Töchter am Esstisch, an welchem Robert den Text seiner Dissertationsarbeit verfasst hat, doch im selben Augenblick beginnen Sorgen in Robert zu wachsen, es sind nicht Sorgen von der Art, beispielsweise finanzieller Natur, die ein Mensch empfindet, der von einem Augenblick auf den nächsten seine Arbeitsstelle verliert und nicht weiß, ob er im nächsten Monat in der Lage sein wird, anfallende Kosten zu decken, also Rechnungen zu begleichen und Nahrungsmittel zu erwerben, um selbst genug zu essen zu haben oder, in diesem Fall werden die Sorgen für gewöhnlich größer, seine Familie satt machen zu können, oder von der Natur, die ein Mensch empfindet, dem eine Diagnose zu Ohren gebracht oder vor Augen gehalten wird, die ihm bewusst macht, dass er an einer schweren Krankheit, die eine lange und risikoreiche Operation erforderlich macht, oder die überhaupt als unheilbar gilt und in kurzer Zeit, verbunden mit starken Schmerzen, unweigerlich zum Tod des erkrankten Menschen führen wird, eine Art Sorge, die sich steigert zur Angst vor dem, was passieren wird, Robert empfindet das stumpfe, das diffuse Gefühl der Unsicherheit, das des Nicht-Wissens, Nicht-greifen-Könnens der Dinge, die vor ihm liegen, die eintreten werden, geschuldet ist dies der Unsicherheit, welche die beiden positiven, seine eigene Zukunft und die seiner Familie in eine gute Richtung lenkenden Neuigkeiten des Tages in Robert keimen lassen, er ist erfreut über das Gute in den beiden Neuigkeiten, doch fühlt er im selben Augenblick, dass diese beiden Umstände, die Beförderung in der Firma, die ihn beschäftigt hält und bezahlt, sowie die Aussicht auf die baldige Erlangung der Doktorwürde, sein Leben, das Dasein, das er bis jetzt, bis zu diesem zwölften September im Jahr der Venlafaxinunverträglichkeit geführt hat, verändern, doch verbirgt Robert seine Sorgen vor seiner Familie, er möchte seine geliebte Ehefrau nicht mit seinen Sorgen belasten, ebenso-wenig die beiden geliebten gemeinsamen Töchter, mit Marion, seiner Ehefrau, pflegt er die Praxis des Miteinander-Redens nicht, er hat das, also das Reden mit Marion, trotz der Liebe, die zwischen ihm und ihr existiert, die so groß ist, dass ihr zwei Kinder entsprungen sind, nie gemacht, und er will in diesem Moment nicht damit beginnen, denn er fürchtet, von seiner Ehefrau nicht verstanden zu werden, er fürchtet sich davor, dass sie ihn nicht anhören wird und seine Sorgen, just an diesem Tag des Triumphs, dem Tag der beiden guten Neuigkeiten, als unbegründet abtun wird, und so schweigt Robert, trinkt eine Flasche Wein mit seiner Ehefrau, liebt sie dort, wo sie es am liebsten hat, auf dem Sofa im Wohnzimmer, ihre Töchter sind in ihren Betten und schlafen den unschuldigen Schlaf von Kindern, um sich nach dem Akt im Wohnzimmer gemeinsam mit Marion in das Ehebett zu legen, doch er findet, im Gegensatz zu Marion, die tief neben ihm schläft, keinen Schlaf, seine Sorgen wachsen und werden immer größer, das Nicht-Wissen, wie die neue Situation werden wird, wie sie sich anfühlen wird, wird Robert so unerträglich, dass er keine Sekunde länger im Bett an der Seite seiner geliebten Ehefrau zubringen kann, so steht er auf, gibt seiner Ehefrau einen Kuss auf die Stirn, präzise gesagt handelt es sich um den Hauch eines Kusses, er möchte sie nicht wecken, er haucht seinen beiden geliebten Töchtern zwei flüchtige Küsse zu, steigt, wie er gewandet ist, also in seinem Schlafanzug, in sein Auto und fährt, einer plötzlichen Eingebung folgend, zu einem Bahnhof außerhalb der Stadt, in der er mit seiner Familie lebt, und er macht sich nicht die Mühe, die Tür seine Autos zu schließen, auch dessen Scheinwerfer lässt er an, sie erleuchten gespenstisch die Umgebung, sie erleuchten die diffus im Nebel liegenden Geleise der Bahn, und Robert stellt sich auf sie, also auf die Geleise, wartet auf das Eintreffen des, gemäß dem Fahrplan der Bahn, nächsten Güterzugs, er sieht die Scheinwerfer der Lokomotive des Zugs auf sich zurasen, sie werden immer größer und heller und Robert steht auf den Geleisen und wartet.

Michael Timoschek

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Reise nach Asbest

Wo der Teufel nicht selbst hinwill, schickt er einen Pfaffen oder ein altes Weib.
Russische Volksweisheit

Es war einer dieser unvergleichlichen Vorfrühlingstage, die nur in Russland so wunderbar sein können, weil Mensch und Natur sich nach acht Monaten des Eises und der Finsternis in das Ende des Winters hineinsehnen.

Eine schwarze Regierungslimousine, ein dem Opel Kapitän nachgebauter Wolga, holte mich am Morgen von meinem Hotel in Jekaterinburg ab. Ich war in der Funktion der österreichischen Kulturrätin an der Botschaft in Moskau Gast der Stadt- und Regionsregierung. Offenbar damit eines Wolga mit Chauffeur würdig. Eigentlich wäre ich viel lieber mit den jungen Musikern aus Vorarlberg im Bus mitgereist. Das gestattete man mir nicht, man empfand das einer Vertreterin der Republik nicht angemessen. Wenn man die Busse in Russland kennt, ist das auch irgendwie zu verstehen. Diese russische imperiale Mentalität – nur nicht zu viel Volksnähe für die Repräsentanten der Staatsmacht.

Das „Young Brass Ensemble“ war zum Endbewerb des „Internationalen Festivals der Kinder – und Jugendorchester“ eingeladen, und so fuhren wir nach Asbest, in eine Kleinstadt neunzig Kilometer hinter dem Ural. In Sibirien nennt man eine solche Distanz einen „Flohsprung“ oder gleich nebenan. Alles unter tausend Kilometer ist gleich nebenan. Nach dem Zerfall des Ostblocks und der Sowjetunion bedeutete „international“ Russland, die GUS-Staaten plus zwei befreundete Nationen, Türkei und Österreich. Die zwölf Gymnasiasten aus Vorarlberg hatten zuvor schon den Stadtwettbewerb in Jekaterinburg gewonnen. Jetzt sollten in Asbest die „Internationalen“ gegen die Regionsorchester antreten. Im Ausbau der Sowjetunion zu einer Wirtschaftsmacht war es beliebt, neue Städte nach ihren Bodenschätzen oder Produkten zu benennen: Nikel ist so eine, Magnitogorsk, Peschtschannij (Sand), Lesnoj (Wald), Izjumowka (Rosinen), Tekstilnik und eben Asbest.

Ich überquerte den Ural nicht zum ersten Mal, vor vielen Jahren schon einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Irkutsk. Damals hatte ich den Nachtschaffner der Transsib bestochen, mich unbedingt aufzuwecken, ich wollte den sagenhaften Ural nicht verpassen, diese magische Linie zwischen Europa und Asien sehen und erleben.
Er weckte mich nicht auf, ich erwachte am Morgen und sah aus dem Zugfenster – es war nichts zu sehen, nur der lange Zug in einer Schneise durch endlose Wälder, links und rechts Birken und Fichten. Keine Spur von Ural-Gebirge, das wie ein Gebirge ausgesehen hätte. Wenn man wie ich aus den Alpen kommt und diese seit der Kindheit besteigt, waren das nicht einmal wahrnehmbare Hügel. Langgezogene Bahndämme höchstens. In dem schlenkernden Eisenbahnwaggon konnte man keine Höhen und Tiefen empfinden, geschweige denn eine Steigung oder einen Abstieg sehen.
Bei der ersten Reise über den Ural hatte ich noch kein Körpergefühl und keine Augenlust entwickelt für die Weiten, in denen sich über tausend Kilometer nichts ändert. Und die Zeiten, die vergehen sollten, bis sich irgendein Unterschied auftat, um sich zu versichern, dass man überhaupt weitergekommen war. Wie in alten Filmen, in denen ein Bild stehenbleibt und alles wieder zurückläuft.

Aber an diesem April-Tag des Jahres 2004 saß ich in einem Staats-Wolga und schaukelte durch die leere Landschaft Asbest entgegen. Ich sagte mir immer wieder: Ich bin hinter dem Ural, ich bin in Sibirien, in Asien. Die hinteren Seitenfenster hatten noch aus der Zeit vor der Einführung des getönten Glases dunkle Vorhänge, festgehalten an Stäben, sodass sie in Rüschen herabfielen.
Ich machte nach vorne einige Gesprächsversuche, es kam kein ganzes Wort zurück. Dieser Chauffeur hielt es offenbar noch mit der Propaganda von den feindlichen Ausländern, Imperialisten, Kapitalisten, Agenten, Spionen und Verrätern. Oder war das im vierten Putin-Jahr schon die Wende von der Wende? Eine große Tellermütze auf dem klobigen Kopf , darunter ein rötliches Gesicht mit platter Nase, schmalen Lippen und geschlitzten Augen. Meine Einschätzung: eine Mischung aus Lette und Sibijrak.

Immer noch schaukelte ich im Fond des Wolga über die Landstraße. Wie lange sind zweihundertfünfzig Kilometer? Der Chauffeur umfuhr geschickt und weitläufig die tiefsten Löcher. Der Permafrost war nach den Monaten mit Eis und Schnee aufgebrochen. Ich war nicht böse über das Rumpeln, eine kleine Entschädigung für das Fehlen des Gebirges. Ich weiß nicht, wer das erfunden hat, der Opel Kapitän oder der Nachbau des Wolga, auf jeden Fall saß ich im Wagen so tief unten, dass ich vom Chauffeur meistens nur seine Kappe zu sehen bekam. Nach einem kurzen Dösen am Anfang der Reise rappelte ich mich aus dem falschen Leder auf, schaute rechts aus den Fenstern und versuchte mich auf die Landschaft einzulassen, sie zu verstehen, in sie hineinzukriechen, sie einzuatmen, sie in mich aufzunehmen.

Wenn einmal die Wälder zurückwichen, gab es auch nicht viel zu sehen, endlose Wellen, manche noch mit Schneeresten, die Dörfer in die Landschaftsfalten hineingekauert, Katen, Hütten, Stadel, Dächer, Zäune, alles aus grauem Holz, fahl, ausgebleicht und abgeschabt, ohne einen Farbtupfer. Kein höheres Gebäude, selten ein Kirchturm. So konnte es noch siebentausend Kilometer weitergehen durch Sibirien bis nach Nachodka am Japanischen Meer. Ein gängiger russischer Spruch heißt, du musst Russland lieben, einfach weil es deine Heimat ist. Dieser Liebeshunger, auch noch das Hässlichste zu lieben.
Ich liebe mein Volk, ich liebe meine Heimat. Das trägt jeder Russe viel zu leicht auf den Lippen. Ist es denn nicht schwer genug, einen Menschen zu lieben?
Das ist nicht nur ein primitives Gefühlskonstrukt, sondern auch Ideologie. Denn wer kann, darf kritisieren, was man liebt? Wer sein Land nicht liebt, soll es verlassen. Aber wer bestimmt, wie man sein Land zu lieben hat? Mir kommt vor, es handelt sich dabei um so etwas wie Trotz-Patriotismus, Beharrungspatriotismus. In dieser Heimat-Mystik liegt eine Parallele zur Mutterliebe.

Ich weiß, dass ich gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstieß, aber ich versuchte trotzdem, ein Gespräch mit dem Fahrer aufzunehmen. Neugierig wie immer, vorlaut, meines Russisch sicher und Volksnähe suchend. Dieser Mann aber war unerbittlich, geschult beim KGB. Er antwortete nie mit einem eindeutigen Wort, keinem ganzen Satz. Hm, ahm mit und ohne Fragezeichen in Variationen von Höhen und Tiefen, von Stöhnen und Grunzen. Nie wandte er sich zu mir mehr zurück als bis ins Halbprofil. Ich bemerkte seine tiefen Falten, die von den Augenwinkeln die Wangen hinunterkrochen. Ein schütterer Schnurrbart in Blond-Grau. Er blickte geradeaus auf die Straße, ein Asphaltband mit einer weißen Mittellinie, eine schnurgerade Schneise durch den Ural.

Manchmal bogen sich die dünnen, kahlen Birkenstämme über die Straße und bildeten einen fast geschlossenen Tunnel. Die Bäume standen tief im Wasser, viele waren umgestürzt oder abgestorben. Tauwasser oder Sumpf, zu dieser Jahreszeit konnte man das nicht sagen.
Wen hatte der schon alles gefahren? Sergej Kirow, den beliebten Parteichef von Swerdlowsk, überlegte ich. Einige Zeit der Konkurrent von Stalin. Das geht sich nicht aus. Den hatte Stalin 1935 in Leningrad umbringen lassen. Aber vielleicht den jungen Kommunisten Boris Jelzin, später Parteichef von Swerdlowsk, bevor er Moskau und ganz Russland eroberte.
Der Kappenkopf wandte sich nie nach rechts oder links, war auch nicht nötig, denn die Straße führte immer geradeaus über sanfte Wellen, dazwischen dürftiges Unterholz aus Sträuchern von Vogelbeeren und Haselnuss. Er musste nur seine Augen bewegen, um alles zu überblicken. Alles? Kein Gegenverkehr. Einige Lastwagen, je mehr wir uns der Stadt Asbest näherten. Einmal blieb der Chauffeur unvermittelt stehen, hieß mich barsch aussteigen und knurrte: Fotografiere! Snimi! Er war also innerlich per Du mit mir.

Am rechten Straßenrand stand in einer kleinen Waldbucht ein Denkmal, unter einem riesigen Schriftzug AC-ECT, das B fehlte gerade, ein unbehauener Felsbrocken, auf dessen Spitze einige aus dem Stein gehauene Figuren kauerten. An ihren demonstrativ hochgehaltenen Werkzeugen waren sie als Bergleute zu erkennen. An der Vorderseite prangte in goldenen Lettern die Inschrift Heldenstadt Asbest 1889 – 1989, wahrscheinlich eines der letzten Denkmäler der alten Sowjetunion. Ich war folgsam und fotografierte. Als wir kurz danach an den Gruben vorbeifuhren und ich die Kamera zückte, gab der Fahrer Gas, sodass ich nur verwackelte Fotos zustandebrachte, im Vordergrund die verwischten Bäume, dahinter einige Bohrtürme, Kranmasten, Schlote, Fabriksgebäude und Baracken.

Aber doch konnte ich sehen, dass der Tagebau riesig war, tiefe Krater wie umgekehrte Kegel in die Erde gegraben, auf deren Grund ich in meiner Lage nicht blicken konnte. Der Globus war über viele Kilometer aufgegraben. In vielen Terrassen konnte ich Schichten von gräulichem und grünlichem Gestein erkennen, ein Blick in die aufgeschnittene Hölle. Die Gruben zogen sich über Kilometer hin, bis wir den Stadtrand erreichten.

Im Bürgermeisteramt wartete man schon auf mich. Neben den Organisatoren des Musik-Festivals war eine Wirtschaftsdelegation aus Japan zu Besuch. Der junge Bürgermeister hielt eine dynamische Lobrede auf das Produkt seiner Stadt, das berühmte russische Asbest. Auf dem langen Tisch waren Broschüren und Bücher über das Mineral aufgelegt, und der Bürgermeister hatte für die Gäste als besonderes Schmankerl Säckchen mit Asbest-Brocken vorbereitet. Wir sollten uns daran bedienen. Die Westeuropäer griffen nur zögerlich zu, wussten sie doch, dass Asbest bei uns schon längere Zeit in Verruf geraten war, ja sogar als Baumaterial verboten war, wie ich mir nicht verkneifen konnte, einzuwenden.
Für den Bürgermeister der Anlass, das russische Asbest in den höchsten Tönen zu loben und den Gegensatz zu dem giftigen aus dem Westen herauszuarbeiten. Er schäumte über vor Asbest. An seiner Seite ein Chemiker und ein Geologe als Vertreter des „Trest Uralasbest“, die die Vorzüge und Harmlosigkeit mit vielen Formeln und Tabellen wissenschaftlich nachzuweisen versuchten. Asbestos kannten schon die alten Griechen und bedeutet unvergänglich, obwohl der Bürgermeister es lieber vom englischen as best abgeleitet gesehen hätte.

Das russische Asbest ist ein Chrysotil und gehört zur Serpentingruppe, faserförmige, kristallisierte Silikat-Minerale. So wie es jetzt in den Plastiksäckchen am Tisch liegt, könnte man meinen, es sei vergilbter Minzetee oder grünstichige Schafwollbällchen. Es habe eine andere chemische Zusammensetzung, die keinen Krebs, keinen heimtückischen, unheilbaren Bauch- und Brustfelltumor, keine Asbestose – das Eindringen von Asbeststaub und -fasern in die Lunge – verursache. Der Stadtobere kam geradezu ins Schwärmen über die hohe Qualität, Reinheit, Dichte, Effizienz.
Nicht einmal die schöne grün-weiße Färbung vergaß er hervorzuheben. Lange verbreitete er sich über die günstigen Investitionsbedingungen im größten Asbestlager der Welt. Sicher weniger an mich und die Kinderkulturaktivisten, denn an die Japaner gerichtet. Das war in etwa so komisch, wie damals, als uns Anhänger der sozialistischen Atomkraft überzeugen wollten, dass die Neutronen im Ostblock in einer anderen, unschädlichen Richtung marschieren oder Mascherl haben, auf denen steht: Keine Angst, wir sind die Guten. Die Japaner nickten zu allem höflich, verzogen keine Miene, stellten keine Fragen, behielten ihre Handschuhe an und die Masken vor den Gesichtern.

In Europa und den USA hat es Jahrzehnte gebraucht, bis die heimtückische Asbestose er- und anerkannt wurde. Aber viele Menschen leiden noch immer unter den Spätfolgen und kämpfen bis heute um eine Entschädigung. Das in Baumaterialien verarbeitete Asbest findet sich als Eternit aber noch immer in vielen Häusern, Mauern, Dächern und Schalungen, deren Beseitigung gefährlich ist und Unsummen verschlingt. Aber bevor man die Schädlichkeit von Asbest erkannte, verwendete man es auch in feuersicheren Textilien, in Estrichen, Dämmungen, im Schiffsbau und sogar in Zahnpasten.

Endlich entließ uns der Bürgermeister, nicht ohne dass er uns reich beschenkt hätte mit Literatur über Asbest, die Stadt und das Mineral, und wer wollte, mit einem Plastiksäckchen, durch das die fasrigen Brocken grünlich durchschimmerten. Mir gelang es, aus den Händen einer Bürgermeister-Assistentin ein solches Päckchen anzunehmen und ohne es zu berühren, mit Hilfe einer Broschüre in meine Tasche zu bugsieren.

Bis zum Konzert blieb noch etwas Zeit, die ich für einen Spaziergang durch die Stadt benützte. Im Zentrum zwei breite Straßen mit gemauerten Häusern, den Lenin- und den Sowjetski-Prospekt, an deren Kreuzungspunkt eine große Lenin-Statue stand. Sakralarchitektur als öffentliches Machtsymbol.
Weiter verliefen sie sich in einem Gewirr von vierstöckigen Plattenbauten, typischen Chruschtschowkas, schnell und billig aufgezogenen Wohnblöcken. Im Sommer könnten sie vielleicht ganz hübsch aussehen mit den Baumgruppen und Grünflächen dazwischen, nun im April wirkten sie räudig wie ein getretener Hund. Der gerade auftauende Ural-Frost hat in die Straßenbeläge tiefe, erodierende Löcher gerissen, in die ich in der Dunkelheit nicht stolpern möchte. Manche so groß wie kleine Kraterseen ohne Grund. Ob darunter nicht gleich der Reichtum der Stadt lag, das Asbest, schoss es mir durch den Kopf. Es ist früher Nachmittag des sonnigen Apriltages. In den zwei Hauptstraßen mit ein paar Geschäften sind Menschen unterwegs. Meistens Frauen, junge, alte, Kinderrudel aus den Schulen, aber keine Männer. Das fällt mir auf. Eine Stadt ohne Männer. Sie sind in der Arbeit.
Aber Alte wird’s doch ein paar geben. Die sitzen doch so gerne vor den Häusern und wärmen sich die alten Knochen. Die Stadt uferte aus in vielen ländlichen Sträßchen, die Holzhäuschen, manche mit geschnitzten und bunt bemalten Verzierungen, windschief standen sie in den endlosen Weiten von Chagalls weißrussischen Landschaften bis hinter den Ural. Von Gärtchen umgeben, zehn Quadratmeter, war die stalinsche Norm für Privatbesitz, es reichte für Petersil, Zwiebel, ein paar Erdäpfel, Gurken, Kraut. Lattenzäune darum so lückrig wie ein durchschnittliches russisches Gebiss. In einer kahlen Hollerstaude tschirpen Spatzen, irgendwo auf einer Zaunzacke sitzt eine schwarze Katze, in einer trockenen Kuhle räkeln sich herrenlose Hunde in den ersten Sonnenstrahlen. Ein leicht eingefärbter Stich von Sibirien aus dem 19. Jahrhundert. Das unveränderliche, ewige Russland, ewig arm und elend, denke ich.

Als ich einmal von einer solchen Straße aufsah, erschrak ich zutiefst. Wo war ich hingeraten, hatte ich mich verirrt? Eine Fata Morgana im Ural, am Westrand von Sibirien? Ich kann beschwören, dass ich beim Bürgermeister keinen Tropfen Wodka angerührt habe, sowenig wie das Asbest! Ich befand mich plötzlich ohne Vorwarnung, Andeutung oder Übergang auf einem anderen Planeten. Vor mir öffnete sich ein Platz so weit, dass er der Hauptstadt würdig gewesen wäre. Aus dem Nichts der absoluten Leere erstand ein griechischer Tempel, nicht in Marmor, ganz in Kalkweiß über russischen Ziegeln, eine breite Treppe, ein doppelreihiger Portikus mit dorischen Säulen, umgeben von korinthischen Girlanden, gekrönt von einer gigantischen Kuppel wie die der Isaaks-Kathedrale auf dem Newski-Prospekt. Ich fühlte mich in einem einzigen Augenblick zur Größe von einer Ameise geschrumpft. Mit vorsichtigen Schritten durchwatete ich die Kraterseen auf dem Platz und näherte mich andächtig über breite Stufen dem „Kulturhaus der Stadt Asbest“. Vor der Giganten-Statue Maxim Gorkis machte ich natürlich meinen Kotau.

Im Dreiecksgiebel über dem Portikus kündeten die goldenen Lettern „Dem siegreichen sowjetischen Volk“ von der Entstehungszeit des Kulturtempels. Väterchen Stalin. Da ich allein hier war, konnte ich mit niemandem die Säulen ausmessen, meine zwei eigenen Arme plus mein Mittelkörper reichten vielleicht für ein Viertel des Umfangs. Weil der Giebel aus unerfindlichen Gründen nach hinten versetzt war, machte das leere Flachdach des Portikus den ernüchternden Eindruck einer Garage.
Ich war viel zu früh dran für das Konzert, stand oben unter dem sibirischen Portikus und sah mich im Rund um: Menschen strömten aus allen Richtungen auf das Kulturhaus zu, viele Kinder, Frauen, Mütter, Großmütter, Tanten, aber keine Männer. Naja, die arbeiten wohl alle, normal, dachte ich.

Der falsche Tempel in Sibirien. Ein leerer Platz mit Schneematsch, Pfützen und Gatsch. Rundherum grindige Holzkaten und schiefe Lattenzäune. Ich ertappte mich beim Gedanken an den französischen Marquis de Custine mit seinen Blicken auf St. Petersburg im Jahr 1839. „Dreckige, verlauste Bauern lagern in Lumpen auf Stroh und Dreck unter falschen griechischen Tempeln.“ So fasst er polemisch seine Eindrücke vom Newski-Prospekt zusammen. Astolphe de Custine, ein reaktionärer französischer Adeliger, hatte in Paris in polnischen Exilantenkreisen verkehrt und bereiste drei Monate Russland ohne Russisch-Kenntnisse und Kontakt zum Volk. Mit seinem bahnbrechenden Werk „ La Russie en 1839“ prägt er noch immer das westliche Bild vom barbarischen Russland. Er beschreibt den zaristischen Absolutismus als „expansionistische und despotische Gefahr für die freiheitliche Kultur und die ganze nicht-orthodoxe Christenheit“. Es erlebte in Frankreich gleich sechs Auflagen und erschien in ganz Europa. In Russland und der Sowjetunion blieb es immer verboten und wurde erst 1985(!) unter Gorbatschows Glasnost auszugsweise als „Russische Schatten“ veröffentlicht.

Einmal war es mir schon ähnlich ergangen, als ich die zentralrussische Stadt Arsamas besuchte.
Dort hatte man nach dem Sieg über Napoleon 1812 die Auferstehungs-Kathedrale erbaut, in der der Petersdom leicht zweimal Platz hätte. Auch er auf einem leeren Platz von enormen Ausmaßen, wie ein Meteor von einem Planeten heruntergefallen. Aber der Unterschied zu Asbest ist wichtig: Arsamas ist ein hübsches, altes Landstädtchen, eingebettet in eine liebliche Landschaft, idyllisch wie in eine Turgenjew-Erzählung oder die Tschechow‘sche Kirschgartenlandschaft vor der Zerstörung. Vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass ich an einem herrlichen Sommertag nach Arsamas kam. Die Straßen sind gesäumt von den Köstlichkeiten aus Gärten und Wäldern, Kübel und Körbe voll mit Obst, Gemüse, Beeren und Pilzen. Ich erinnere mich mit Wonne daran, einen 10-Liter-Kübel mit den schönsten Herrenpilzen um 40 Rubel gekauft zu haben. Es sieht aus wie das biblische Land, in dem Milch und Honig fließen.

Arsamas liegt auf einem Hügel am Steilufer der Tjoscha, einem Nebenfluss der Oka. Ein Balkon, von aus dem man meinte, in die Ebenen Sibiriens bis nach Wladiwostok sehen zu können. Kein Hindernis dazwischen. Arsamas besitzt die größte Ansammlung von Holzhäusern, damals schon viele stilvoll restauriert, die ich bis dahin gesehen hatte. Ein Gefühl, durch eine Gemäldegalerie zu spazieren. Die Anmut dieses Ortes und seiner Umgebung hatten auch schon einige Peredwischniki entdeckt. Die russischen Wandermaler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wandten sich gegen den steifen Akademismus, einige von ihnen haben sich hier niedergelassen. Bis heute ist ihnen ein kleines, aber liebevoll zusammengestelltes Museum gewidmet.

Noch zwei Besonderheiten hat Arsamas aufzuweisen. Beim Bau der Eisenbahnstrecke Moskau- Nishnij Nowgorod hat man auf Arsamas vergessen und an ihm vorbeigebaut. Arsamas, das einen aufblühenden Handel und eine Textilindustrie hatte, fiel in Dornröschenschlaf, bis etwa hundert Jahre später die Atomindustrie es aufweckte und gleichzeitig wieder versteckte. Eine der größten Forschungs- und Produktionsstätten legte man in die Nähe des Städtchens, eine geheime, geschlossene Stadt, von der man erst erfuhr, nachdem Andrej Sacharow nach Nischnij Nowgorod verbannt worden war. Arsamas 16 war einst sein Arbeitsplatz gewesen, wo er die sowjetischen Atombomben entwickelte.
Bis zu mir, heute vor dem Kulturtempel in Asbest, dringen die Bilder des Marquis de Custine ein.
Weil er ein verdammt genaues Auge hatte und eine genaue Sprache für diese Unterschiede, diese Diskrepanzen. Er hat das Falsche, das nur Nachgeahmte an der russischen Kultur erkannt, ohne jede Kenntnis von ihr zu haben. Das Nachgemachte, das Angenommene, das aus Europa Übernommene und oft falsch Verstandene. Der größte Irrtum war wohl der Marxismus.

Das Innere des Kulturhauses überraschte wiederum mit seiner Nüchternheit: Halle, Garderoben, Treppenhäuser und Korridore – alles war in der sowjetunionweiten Nutzbauweise aus Beton gehalten. Aber dafür hatte es der zentrale Konzertsaal in sich. Ich stand wie geblendet da und brachte meinen Mund nicht mehr zu. Ein in einem Halbrund amphitheaterartig aufsteigender Raum, bestuhlt mit rot-goldenen Reihen in Samt, eine Bühne und ein Orchestergraben vorne. Die Decke bildete eine Kuppel, die zur Gänze ausgemalt war. In den Segmenten konnte man Stalin in verschiedenen lebensnahen Situationen sehen: von Kindern umringt, die ihm Blumen in Körben und Girlanden überreichen, wofür er sie wie der gute Hirte mit ausgebreiteten Armen segnet, von diversem Arbeitsvolk umgeben, das ihm Produkte aus Wald, Feld, Fabriken und Bergwerken überreicht.
Wo in den Barockgemälden die Putti sind, schwebten hier Blumen, einzeln, in Körben oder in Gebinden durch die blauen Hintergründe. Die Stuckrippen prangten in Gold. Vom höchsten Punkt in der Kuppel hing ein riesiger Luster aus Kristallglas, würdig einer Staatsoper. Eindeutig, die Maler kannten sich gut aus in der Kunstgeschichte, praktisch von allen Epochen war etwas in Asbests Theaterhimmel versammelt. Ich bemerkte beim Staunen über dieses in der Provinz vergessene Überbleibsel des grenzenlosen Stalin-Kults, dass ich nach kürzester Zeit in die hier angebrachte Körperhaltung verfiel, in eine Nackenstarre. Um all diese gemalte Pracht und Herrlichkeit zumindest mit Blicken zu erfassen, musste ich den Kopf extrem nach hinten beugen. Mit dem Geist ist es für einen Westler nicht so einfach. Vielleicht ist in Asbest Stalin noch gar nicht tot, so wie manche Zeitgenossen glauben, dass Elvis lebt. Vielleicht ist in Asbest auch der 2. Weltkrieg noch nicht zu Ende?

Unser Schüler-Ensemble gewann wieder unter den ausländischen Formationen. Das Balalaika-Orchester aus Asbest trug natürlich den Gesamtsieg davon. Beim nachfolgenden Bankett kam ich neben einer Journalistin aus Jekaterinburg zu sitzen. Sie klärte mich über das Geheimnis des eklatanten Männermangels auf: In Asbest werden die Männer nicht älter als fünfzig, bis fünfzig graben sie den Schatz aus der Erde.

19., 20.6. 17
Fortsetzung Jekaterinburg – An den Stätten des Zarenmordes

Veronika Seyr
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Provokation

1

Am Anfang war es ein Streit, nicht einmal ein Kampf, geschweige denn ein Krieg. Begonnen hatte die Sache, die sich zwischen Anna und Martin zu einem vernichtenden Krieg auswachsen sollte, als beide dreiundzwanzig Jahre alt waren.
Sie hatten einander vier Jahre zuvor kennengelernt, auf einem Fest auf dem Campus der Universität, an der sie studierten. Anna hatte damals gerade ihr Psychologiestudium begonnen, Martin mit Betriebswirtschaft. Es war eines dieser Feste, die sich dadurch auszeichneten, dass die Lampions tief hingen und die Gläser in die Höhe gehoben wurden. Dieses spezielle Fest fand in einer Vollmondnacht statt. Die Gläser reichten zwar nicht ganz bis an die Lampions heran, doch der Mond und die allgemeine Berauschung hatten zur Folge, dass nur die Allerhässlichsten alleine nach Hause gehen mussten.

Martin hatte Anna angesprochen und sie keck gefragt, ob sie am nächsten Morgen alleine aufwachen wollte.
Sie hatte nur wenige Sekunden um zu entscheiden, welche von zwei Möglichkeiten sie wählen sollte: eine Ohrfeige oder ein Tanz, verbunden mit einem Kuss und einer gemeinsam verbrachten Nacht.
Am nächsten Morgen führten sie ein langes Gespräch über ihre beruflichen und privaten Ziele und kamen überein, es miteinander zu versuchen.

Vier Jahre lang ging das gut, sie kamen auf der Universität gut voran, und auch privat schien alles nach Plan zu laufen. Sie nahmen einander als gegeben, als selbstverständlich wahr.
Eines Tages jedoch brach das Eis, welches das Schweigen über kleine Unzulänglichkeiten des Partners gewesen war, explosionsartig auf. Eine achtlos in die Ecke des Schlafzimmers geworfene Socke Martins war der Zündfunke.
Anna nahm die Socke zum Anlass, ihn mit harschen Worten auf seine sämtlichen Versäumnisse im Haushalt aufmerksam zu machen, derer er sich ihrer Ansicht nach schuldig gemacht hatte.
Martin war erst verdutzt, dann gekränkt, und schließlich verärgert. Er wies sie in ebenso scharfen Worten auf ihre Unzulänglichkeiten hin und auch dafür zurecht.
Zwei Tage lang sprachen sie bloß das Nötigste miteinander, dann setzten sie sich zusammen und sprachen sich aus.
Friede war wieder eingekehrt, doch in jedem von ihnen blieb etwas von diesem Zerwürfnis zurück. In Anna war es der unterschwellig weiterbohrende Ärger über seine Unordentlichkeit, und in Martin blieb der Stachel der Verletzung zurück, so plötzlich und seiner Meinung nach grundlos angeherrscht worden zu sein.

2

Claudia, die Tochter von Anna und Martin, war fünf Jahre alt, als sie sich an der Klinge eines Küchenmessers in den Daumen schnitt. Ihr Vater war an diesem Abend für sie verantwortlich, denn Anna war mit Freundinnen ausgegangen, um auf ihren zwei Wochen zurückliegenden dreiunddreißigsten Geburtstag anzustoßen.
Er desinfizierte die Wunde und wickelte Gaze um sie, sodass sie zuverlässig vor Schmutz geschützt war.
Gegen zweiundzwanzig Uhr kam Anna in angeheitertem Zustand nach Hause. Sie schlich ins Kinderzimmer, um ihrer Tochter einen Kuss zu geben. Unglücklicherweise stieß sie mit dem Fuß an einen Sessel und Claudia erwachte. Stolz zeigte sie ihrer Mutter den eingebundenen Daumen. Anna fragte wie das geschehen wäre, und Claudia teilte ihr mit, dass Martin sie mit dem Messer hatte hantieren lassen.
Die Ohrfeige, die Martin aus dem Schlaf riss, war erst der Anfang.

Anna schlug auf ihn ein und warf ihm vor, das Leben ihrer Tochter vorsätzlich zu gefährden. Martin wehrte sich nicht mit Körperkraft, und nachdem seine Frau aufgehört hatte, ihn zu schlagen, fuhr er sie an. Was sie sich denn einbildete, ihm so etwas zu unterstellen, brüllte er. Kinder würden sich nun einmal von Zeit zu Zeit verletzen, das gehörte zum Aufwachsen.
Der Streit zog sich über eine volle Woche hin, erst dann konnten Anna und Martin wieder eine vernünftige Gesprächsbasis finden.
Ihr Eheleben jedoch hatte erheblichen Schaden genommen.

Martin war vom Gewaltausbruch seiner Frau dermaßen eingeschüchtert, dass er sich ihr kaum körperlich zu nähern wagte. Anna wollte dies auch gar nicht. Sie blockte seine Annäherungsversuche ab und machte es sich zur Angewohnheit, im Wohnzimmer auf dem Sofa zu schlafen. Jedes Mal, wenn Martin sie flehentlich bat, die Dinge doch wieder so werden zu lassen wie sie einst gewesen waren, lächelte sie bloß milde und schüttelte den Kopf.
Eines Abends sprach Martin das Thema Trennung an, da rastete Anna erneut aus. Niemals würde sie sich von ihm trennen, rief sie. Er wäre ein Teil ihres Lebens, einmal gebrauchte sie sogar das Wort Besitz, und sie würde ihn eher töten, als ihn ziehen zu lassen.
Martin war schockiert. Er fragte sie, ob sie das ernst meinte, und als sie bejahte, hatte er zum ersten Mal wirklich Angst vor ihr.
Claudias Wunde verheilte so gut, dass nach zwei Wochen keine Narbe mehr zu sehen war.

3

Im Alter von achtzehn Jahren schloss Claudia das Gymnasium mit ausgezeichnetem Erfolg ab. Anna und Martin lebten danach alleine in ihrer Wohnung, denn ihre Tochter hatte sich für ein Studium in Amerika entschieden. Am Tag nach Claudias Abreise begannen die Dinge aus dem Ruder zu laufen.
Waren Anna und Martin durch die Anwesenheit ihres Kindes noch gezwungen gewesen, wenigstens ein wenig Anstand im Umgang miteinander zu wahren, so konnten sie nun, da sie zu zweit waren, ihren aufgestauten Gefühlen freien Lauf lassen.
Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stichelte sie gegen ihn. Diese Sticheleien waren oft durchsetzt von Suggestivfragen und versteckten Anspielungen – als Psychologin kamen ihr diese leicht über die Lippen.

Martin fand keinen probaten Weg, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Als Betriebswirt war er es gewöhnt, die Dinge nüchtern zu analysieren und sachlich zu diskutieren. Jedes Mal, wenn er ansetzte, genau dies zu tun, hörte sie ihm mit einer Miene zu, in der aufgesetzte Geduld lag. Dadurch vermittelte sie ihm das Gefühl, ein lästiger Patient in einer Therapiestunde zu sein, ein hoffnungsloser Fall, den sie bloß aufgrund ihres Langmutes anhörte – oder weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatte.
Er kam sich so vor, wie sie ihn behandelte – wie ein Tölpel. Tatsachen, welche erwachsene, intelligente Menschen in wenigen Minuten besprochen gehabt hätten, breitete sie wortreich vor ihm aus, wie vor einem uneinsichtigen Kind, und stets endeten ihre Ausführungen mit der Phrase, dass er das eben Gehörte doch verstehen müsste.

Damit versuchte sie ihn zur Weißglut zu treiben, und Martin wusste das. Er fragte sich oft, was ihre Beweggründe dafür sein mochten, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen.
Er fragte auch Anna einige Male, was sie mit ihren Provokationen bezweckte, doch antwortete sie stets mit triumphierenden Blicken, Worte kamen nicht aus ihrem Mund. Eines Tages, nachdem sie ihm wieder einmal gesagt hatte, dass er ihre Sichtweise doch verstehen müsste und er bloß stumm dagesessen und sie angestarrt hatte, schlug sie ihm ins Gesicht. Er nahm die Ohrfeige stoisch zur Kenntnis, wie er es immer machte, doch etwas in ihrem Blick irritierte ihn. Hatte sie bislang bei solchen Gelegenheiten wütend dreingeblickt, so tat sie dies nun auffordernd, als würde sie seine Reaktion erwarten. Martin indes reagierte nicht.

4

Acht Jahre später sollte sich das ändern.
Sie hatten ihre Wohnung in Zonen aufgeteilt und diese mit Klebeband kenntlich gemacht. Die Sanitärräume und die Küche waren, ebenso wie die Diele, beiden erlaubtes Gebiet, das Wohnzimmer hingegen war streng aufgeteilt. Dies hatte ganze drei Tage Bestand.
Claudia hatte sich überraschend angesagt, ihr Ehemann und ihr Baby kamen auch mit.
Anna und Martin entfernten die Klebebänder und mussten, als sie sich dabei in die Augen sahen, unwillkürlich lachen.
Claudia blieb eine Woche und danach ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Anna und Martin arbeiteten am Tage, und an den Abenden stritten sie.
Anna schlug Martin noch einige Male ins Gesicht, und eines Tages kam er der Aufforderung in ihrem Blick nach. Er schlug zurück. Es war keine allzu feste Ohrfeige, die er ihr verabreichte, doch reichte sie aus, um Anna zu der mit Zufriedenheit geäußerten Feststellung zu bewegen, dass er nach so vielen Jahren endlich aus sich herausgegangen wäre.
Doch es waren zu viele Jahre gewesen. Martin konnte an diesem Abend nicht mehr aufhören, sie zu schlagen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17117

Krieg I

Stimmen bringen ihn zur Lähmung,
er macht nichts richtig,
Verspätungen,
Nichts als Verspätungen,
Er hasst mich,
wirf mir Flüche in die Seele,
kann dir nicht vergeben,
Bomben platzen,
so nahe der Abgrund,
ein Bild von Aufschlag,
Liegt der Kopf in Trümmern,
wird es still,
Er wird mir vergeben

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 17109

Eingegraben

Die Sanduhr längst abgelaufen,
im Glas wachsen Sprünge
Weiche Hände sind selten geworden,
Salzwasser und Minustemperaturen
Nachts schwimmen Träume,
Momente kurzer Bewusstlosigkeit
Jemand hat den Föhn in das warme Wasser,
fallen lassen,
Schwarze Erde,
Faulig und matschig gräbt man,
nach Samen,
Welche im Frühling blühen

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 17108

Das Feuer oder die Kerze

Eine Kerze kannst du natürlich ausblasen.

Ja, das kann ich. Und genau das habe ich auch vor zu tun.

Aber du wirst, du kannst es nicht fertigbringen, ein Feuer auszublasen.

Ist das nicht dasselbe?

Nein, das ist nicht dasselbe. Überhaupt nicht!

Ich sehe das anders.

Dann erkläre mir bitte, wie du die Sache siehst.

Ich sehe sie folgendermaßen: Wenn eine Kerze erlischt, wenn sie ausgeblasen wird, ist alles, was in dieser Kerze war, weg, fortgeblasen.

Und was ist das, ›alles‹?

Na, ihr Licht, das sie abgibt, ihr Schein, der das erleuchtet, was sich in ihrem Umkreis, in ihrem Lichtfeld befindet, ist weg. Einfach weg, verschwunden. Und die Wärme, die sie abstrahlt, die ist natürlich auch weg.

Und was ist dann noch übrig?

Rauch, der sich bald verzieht. Dunkelheit. Und natürlich Kälte.

Du hast etwas vergessen.

Was?

Den Stumpen der Kerze. Der ist auch noch da.

Ja, ein Fragment. Erkaltet, verrußt und oftmals unförmig, wenigstens an der oberen Seite, dort, wo die Hitze der Flamme das Wachs verformt hat. Wo sie den ursprünglich glatten Rand weggeschmolzen hat.

Unförmig – ein gutes Wort. Wie ein lebloses Lebewesen.

Du sagst es.

Und? Ist sie ein erstrebenswerter Zustand, die Unförmigkeit?

Dieser Zustand lässt sich letzten Endes nicht vermeiden. Am Ende, wenn alles vorbei ist, ist doch jeder und alles unförmig. Das geht gar nicht anders.

Das ist richtig. Jedoch sollte diese Unförmigkeit erst dann eintreten, nachdem alles auf natürliche Art und Weise geendet hat.

Oftmals ist es aber so, dass sie viel früher eintritt.

Ja, durch Abnützung, Materialermüdung, mutwillige Zerstörung, Krankheit und andere Umstände.

Eintreten wird dieser Zustand dennoch unweigerlich.

Bei Menschen darf er aber nicht vor der Zeit eintreten!

Ist es nicht jedem Menschen von Geburt an freigestellt, den Zeitpunkt des Eintretens dieses Zustands selbst festzulegen?

Du meinst, sich auszusuchen, wann genau er einzutreten hat?

Ja.

Aber was soll es bringen, diesen Zustand selbst herbeizuführen?

Sehr viel. Freiheit, das Ende einer Krankheit, ein Zeichen des Protests setzen.

Protest? Wogegen denn?

Gegen Umstände, die ein einzelnes Individuum nicht ändern kann.

Und wenn die Kerze dieses Menschen erloschen ist? Ändern sich dann die Umstände oder Zustände, gegen die er protestiert hat?

Natürlich!

Nein! Das ist einfach falsch! Diese Person hat dann zwar mit den Umständen nichts mehr zu schaffen, muss nicht mehr unter ihnen leiden, doch sind sie weiterhin vorhanden. Bloß diese eine Person kann sie nicht mehr wahrnehmen.

Das ist doch schon was!

Aber für alle anderen Menschen ändern sie sich doch nicht dadurch, dass einer von ihnen sein Licht zum Verlöschen gebracht hat!

Das stimmt, doch dieser eine Mensch hat dann seine Ruhe.

Aber das Feuer brennt weiter. Das ganz große, alles verschlingende Feuer, es wird nicht, es kann nicht ausgehen, bloß weil das Feuer einer Kerze verloschen ist. Was ist denn mit den Menschen, die sich anzünden, sich also selbst zu Kerzen machen?

Die haben dann ihren Frieden.

Aber ändert das etwas an den Zuständen, derentwegen sie sich verbrennen?

Nein, nicht wirklich.

Eben. Also, ich frage dich direkt heraus: Glaubst du wirklich, dass du das Feuer der Oberflächlichkeit und der Ignoranz zum Ausgehen bringen kannst, oder wirst, indem du deine eigene Kerze ausbläst?

Nein, ich weiß, dass ich das nicht kann.

Warum hast du dann vor, dein Licht auszublasen?

Um meine Ruhe und meinen Frieden zu haben. Und natürlich um ein Zeichen zu setzen.

Ein Zeichen? Wogegen?

Gegen die Oberflächlichkeit und die Ignoranz natürlich.

Aber die wird es nach dir weiterhin geben, sie werden weiterexistieren. Die Tat des Märtyrers, die du vorhast, wird an dieser Tatsache nichts ändern, wie du selbst sagst!

Wenigstens setze ich ein Zeichen dagegen!

Eines, das mit dem größten aller Risiken behaftet ist!

Warum?

Weil noch etwas kommen könnte!

Was sollte denn noch kommen?

Etwas Schönes vielleicht?

Das wäre möglich, so etwas könnte noch kommen.

Dann warte noch ab! Deine Kerze kannst du zu einem späteren Zeitpunkt immer noch ausblasen. Außerdem würde später vielleicht dichterer Rauch vom Stumpen deiner Kerze aufsteigen als der gegenwärtig dünne des verzweifelten Märtyrers.

Das stimmt, ich kann es später auch noch tun.

Es erfüllt mich mit Freude, dass du die Sache mittlerweile auch so zu sehen scheinst.

Ich mache anderen Menschen eben gerne eine Freude.

Möchtest du mir eine weitere machen?

Ja. Was soll ich tun?

Nimm die Pistole von deiner Schläfe und gib sie mir.

Bitte sehr.

Danke. Sag, warum ist sie nicht geladen?

Ich war mir eben selbst nicht sicher, ob der Rauch, der von meinem Stumpen aufsteigen würde, dicht genug wäre.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17085

Lebendige Waffen

Die Horde hat eine Meinung,
Horden haben immer Recht,
zerschmettern Sätze,
drehen die Lautstärke auf,
dort rufen sie
Der Betrachter wird verflucht,
eine wirre Kette schlingt sich hinauf,
der Baum soll fallen,
er soll zerschellen,
an den dicken Wurzeln

Die Betrachtung besteht jetzt aus Stille,
ein roter Saft saugt sich in das Moos,
Rot wie die Blätter,
die bedecken den Körper,
es ging um nichts,
Herbst gehe mit ihm,
Verstreut den Toten Samen,
In alle Windrichtungen
Die Horde hat eine Meinung,
Horden haben immer Recht,
zerschmettern Sätze,
drehen die Lautstärke auf,
dort rufen sie
Der Betrachter wird verflucht,
eine wirre Kette schlingt sich hinauf,
der Baum soll fallen,
er soll zerschellen,
an den dicken Wurzeln

Die Betrachtung besteht jetzt aus Stille,
ein roter Saft saugt sich in das Moos,
Rot wie die Blätter,
die bedecken den Körper,
es ging um nichts,
Herbst gehe mit ihm,
Verstreut den Toten Samen,
In alle Windrichtungen

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens| Inventarnummer: 17078

Ein einsames Gespräch

Was starrst du mich so an?

Was ist? Was?

Antworte mir!

Sag etwas. Bitte!

Seit Wochen sprichst du nicht mit mir.

Ich bin deine Frau. Du sollst mit mir reden. Du musst!

Weißt du noch, welch gute Gespräche wir früher geführt haben?

Wir haben nächtelang geredet.

Über alles. Einfach alles.

Was hat sich geändert?

Ich bin immer noch dieselbe Frau. Deine Frau.

Ich liebe dich doch!

Wie an dem Tag, als wir uns kennengelernt haben.

Seit mehr als sechs Wochen sprichst du nicht mit mir!

Sag, liebst du mich eigentlich noch?

Nicht einmal jetzt sagst du etwas!

Früher warst du kommunikativer. Und liebevoller.

Denkst du etwa an eine andere Frau?

Ich weiß, ich kann dir keine Kinder schenken.

Aber das habe ich dir zu Beginn unserer Beziehung gesagt.

Und du hast gesagt, dass das kein Problem ist.

Sag was. Rede mit mir. Bitte!

Du isst auch nicht mehr.

Wann hast du zum letzten Mal was gegessen?

Jeden Tag koche ich ein Gericht, von dem ich weiß, dass es dir schmeckt.

Und du isst nichts! Jeden Tag muss ich die Hälfte wegwerfen.

Ach, es ist schlimm mit dir. Willst du mich überhaupt noch?

Seit Wochen hast du mich nicht mehr berührt.

Kein Kuss, kein Streicheln, kein Beischlaf.

Findest du mich denn gar nicht mehr anziehend?

Jedenfalls lasse ich mich nicht gehen!

So wie viele Frauen in meinem Alter.

Und so wie du!

Du hast schon recht gehört!

Jeden Tag mache ich mich für dich schön. Und was tust du?

Du lässt dich gehen! Wann hast du dich das letzte Mal rasiert?

Wann hast du dir zum letzten Mal die Haare gewaschen? Wann die Zähne geputzt?

Du siehst aus wie ein Penner!

Und du riechst auch so. Wenn nicht schlimmer!

Du stinkst! Wenigstens nicht mehr nach Bier und Schnaps.

Ich bin ja glücklich darüber, dass du nicht mehr säufst.

Trotzdem stinkst du. Wie ein nasser Hund.

Nein, wie ein Iltis! Und du hast auch schon Krallen wie ein solcher.

Wann hast du dir das letzte Mal die Fingernägel geschnitten?

Ich liebe dich sehr, aber in diesem Zustand widerst du mich an.

Seit Wochen kann ich meine Freundinnen nicht einladen.

Ich kann ihnen doch nicht zumuten, dich so zu sehen.

Ich will mich nicht für dich schämen müssen!

Früher warst du ein attraktiver Mann.

Und ein gepflegter. Und heute?

Wann hast du zuletzt die Kleidung gewechselt?

Vor Wochen, möchte man meinen.

Nein, so geht es nicht weiter. Ich liebe dich, aber so kann es nicht weitergehen.

Ich habe alles versucht. Wirklich alles! Was soll ich denn noch tun?

Dass ich dir vorgestern ein Büschel Haare ausgerissen habe, tut mir leid.

Du hast nicht einmal reagiert. Keinen Ton hast du von dir gegeben.

Gestern erst habe ich sechzehn Fliegen auf deinem Kopf erschlagen. Sechzehn!

Ich weiß nicht mehr weiter! So kann es nicht weitergehen. Ich muss mich von dir trennen.

Ja, das muss ich tun. Um mich selbst zu schützen.

Glaube aber nicht, dass ich das Haus verlassen werde!

Du wirst das Haus verlassen!

Ich werde dir dabei helfen. Weil ich dich immer noch liebe.

Ich gehe dabei sogar so weit, dich zu tragen.

Ich trage dich in den Garten. Noch heute Nacht.

Ich habe dort ein Loch gegraben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens |Inventarnummer: 17085