Schlagwort-Archiv: auszugsweise

Outsourcing

Den Mist den ich
gebaut
lasse ich die anderen
beseitigen
sonst fallen sie hinein

Viele Menschen
wissen nicht
dass sie Schweine
sind
weil sie nicht
im Schweinestall wohnen

Irena Habalik
https://irenahabalik.wordpress.com

aus: Wenn es mir im Herzen grünt: Gedichte und Aphorismen.
Bonn: Free Pen Verlag 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22118

Alt, aber schmerzlich

Natürlich sind wir
für etwas Neues
aber wir wehren uns
gegen jegliche
Veränderungen

So wie einst
die Ahnen uns
so wir jetzt
den Enkelkindern

Irena Habalik
https://irenahabalik.wordpress.com

aus: Wenn es mir im Herzen grünt: Gedichte und Aphorismen.
Bonn: Free Pen Verlag 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22117

Generationen von Irrtümern

Die Erwachsenen streicheln Displays vor dem Schlafen
Die Alten paaren sich in Würde
Sex ist ein Geschenk Gottes erklärt der Pontifex

Die Kinder machen Speeddating
Die Eltern warten auf bessere Zeiten
Die Kreuze in den Sälen beobachten das Geschehen

Irena Habalik
https://irenahabalik.wordpress.com

aus: Wenn es mir im Herzen grünt: Gedichte und Aphorismen.
Bonn: Free Pen Verlag 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22116

Macht im Rausch

Nichts Neues in der Politik:
Machtspiele der Parteien
und das Volk darf zuschauen und kiebitzen

                        —

Der Kanzler ruft begeistert: nimm was dir zusteht
Und ich frage mich
was mir zusteht in dieser schönen neuen Welt

                        —

Diese schöne neue Welt:
sie bedarf eines nur, einer Schönheitskorrektur

Irena Habalik
https://irenahabalik.wordpress.com

aus: Wenn es mir im Herzen grünt: Gedichte und Aphorismen.
Bonn: Free Pen Verlag 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22115

Geld oder Leben

Manche schreiten über den roten Teppich
Die anderen sitzen nackt auf dem dürren Land

Die Reichen fahren Bentley und weinen
Die Armen schweigen weil Schweigen Gold ist
Die Ärmsten werden im Himmel die ersten

Die Loser machen sich zurecht in der Gosse
Die Bosse drehen sich geschickt in ihren Posen
Ein Boss verkündet: für mein Millionengehalt
mache ich alles, gehe ins Gefängnis halt

Irena Habalik
https://irenahabalik.wordpress.com

aus: Wenn es mir im Herzen grünt: Gedichte und Aphorismen.
Bonn: Free Pen Verlag 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22113

Die präzise Friedenstaube

Die Friedenstaube fliegt unglaublich flott
über Weizenfelder, verlassen von Gott.
Sie flitzt dahin mit stoischer Miene;
ohne auf, ohne ab – wie auf Schiene.

Wohin wird sie den Frieden bringen?
Dürfen wir bald „War is over“ singen?
Seht hin, das pfeilschnelle Tier
hat schon ein Haus in seinem Visier.

Die Friedenstaube fliegt kerzengerade
ins Hauptquartier der Generalsbrigade.
Ein Krach ertönt, wie von einer Kanone!
Die Friedenstaube war – eine Drohne!

Bernd Watzka
aus: Wenn Wale weinen, Post-anthropozentrische Tiergedichte, 2022
Informationen zu Live-Terminen, Buchbestellungen und Videos

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 22131

Das Museum der Brentanos: Abfahrt

Um sieben läutete der Wecker. Ich zog immer noch meinen alten analogen Wecker, den ich manuell einstellen musste, meinem Handy vor, obwohl er einen unerträglichen Ton von sich gab, der rasendes Herzklopfen verursachte. Die Körperreinigung erledigte ich auf sparsame Weise, notgedrungen. Solange es noch kühl war, wollte ich zum Hilton Molino Stucky Ve­nice gehen. Ich ging nicht ent­lang der Fondamenta, sondern südlich davon, an der Rückseite des Fortuny-Gebäudes. An der östlichen Außenwand des Hilton näherte ich mich dem Haupteingang, vor dem die Boote an der Vaporetto-Station anlegten und die Gäste auf die Abfahrt warteten und die neuen anleg­ten. Dann wandte ich mich dem Campo Junghans zu, der wegen der früher dort angesie­delten Fabrik Arturo Junghans so heißt. Es handelte sich tatsächlich um die berühmte Uhren­fabrik.

In der Bar nahm ich wie gestern einen Espresso und zwei Brioche, setzte mich nach draußen, ver­folgte das morgendliche Geschehen. Die engen Gässchen, in denen am Morgen die Müllsäcke abgeholt wurden – die Müllentsorgung schien auf Giudecca zu funktionieren, ganz anders hingegen in Rom, wo die Müllberge wuchsen –, ein Winkelwerk, brachten mich zur Vaporetto-Station Pa­lanca, es ging hin­über nach Zattere. Eine Tafel machte auf den russischen Lyriker Joseph Brodsky aufmerksam, der in der Villa hinter der Mauer gelebt hatte. Achtzehn Jahre hatte er in Venedig verbracht. Wer blieb vor dieser Tafel stehen? Wem fiel sie auf? Brodsky starb zwar in New York, den­noch liegt sein Grab auf der Friedhofsinsel San Michele. Mir fiel ein, dass Franz Kafka in Venedig an Felice Bauer schrieb. Wo stand das Haus, in dem er abgestie­gen war?

Bevor ich das Kunstmuseum Punta della Dogana besuchte, besichtigte ich die sich wie ein übergewichtiger Körper präsentie­rende Kathedrale Santa Maria della Salute, deren Inneres mich nicht sonderlich be­eindruckte. Alles war übertrieben groß und nach meinem Geschmack überladen, ein Ausdruck barocker Gottesfurcht. Im Kunstmu­seum, einer Dependance des Pa­lazzo Grassi, stellte man unter dem Titel Accrochage Objekte, Plastiken, Collagen aus, da­run-ter Objekte des österrei­chischen Künstlers Franz West. Ich durchschritt die großen Hallen, die das Gefühl der Verlo­renheit und Unbedeutendheit ange­sichts der teilweise riesengroßen Aus-stellungsobjekte her­vorrufen soll­ten, und empfand ein distanziertes Interesse an den Kunst-werken, nicht wirklich Begeiste­rung, geschweige Ergrif­fenheit oder gar Identifikation. Die Objekte schienen mir abstrakte, ohne Beteiligung von Emotionen entworfene Gebilde zu sein, Konstrukte, bei deren Entste­hen CAD oder Maschi­nen oder Roboter im Spiel hätten sein können.

Ist der Mensch bereits abgelöst worden als alleiniger Schöpfer, als Hervorbringer künstlerischer, auch intellektueller Leistungen? Selbst­verständlich, lange schon. Man denke nur an Schachcom­puter. Die Besucher gingen still durch die Aus­stellung, hin und wieder hörte man ein Räus­pern, die geflüsterte Unterhaltung von Paaren zur gegenseitigen Erklärung des Gese­henen, die Schritte der Aufseher und der Besucher. Obwohl nicht religiös bedingt, ähnelte die Atmo­sphäre in der Tat jener in der nahen Santa Maria della Salute, abgesehen von der dorti­gen Dunkelheit und der geringeren Zahl an Besuchern hier. Stille, Schweigen, stumme Fra­gen. Informativ war der Besuch der Ausstel­lung allemal. Es zog mich – die Aus­stellung hatte mich überfordert, vor allem hinsichtlich meiner Haltung zu gegenwärtigen künstlerischen Strö­mungen – nach Giudecca zurück.

Mein Bru­der würde mich wohl einen hoff­nungslos Konservativen nennen, wenn nicht einen Banausen, einen, der in seiner Kunstbe­trachtung hilflos auf seinem Stand von vor dreißig, vierzig, ja fünfzig Jahren verharrt. Die Impressionisten, Gauguin und die klassische Moderne, das war’s, dann bist du stehen geblieben, würde er sagen. Ich stieg ins nächste Vapo­retto  nach Palanca, und da es erst später Vormittag war, fand ich sogar Platz in einem der Restaurants an den Fondamenta, aß eine Portion Spaghetti Carbonara und schämte mich nicht mehr. Ein Mittags­schläfchen im alten Bett der Brentanos mit dem hohen Kopfteil aus dunk­lem Holz, mit dem ebensolchen Fußteil, im kühlen, verdunkelten Zimmer. Vorher gegen Insekten eincremen. Einige Gedichte Rilkes schob ich ein, bevor ich nachmittags wieder losziehen wollte.

Ein Steg verbindet Giudecca südwestlich des Hilton mit der kleinen Insel Sacca Fisola. Man hatte dort uniforme Sozialwohnungen gebaut. Wohnblöcke in eher dunklen Farben, moos­grün, die zum Teil aussahen, als wären sie vom Schimmel oder von Flechten, von Algen und von Feuch­tigkeit be­fallen. Ich sah kaum Menschen. Alleine ging ich zwischen den monotonen Quadern, und ich fühlte mich unwohl dabei, genierte mich, die vom lebendigen Giudecca getrennte Ghetto­siedlung neugierig, mit dem Fotoapparat in der Hand, den ich fleißig be­nützte, zu durchwan­dern. Ich kam mir vor wie in einem postkommunistischen Land, inmitten einer rasch heraus­gestampften Siedlung aus Plattenbauten, die man wie Neuland, wie ein exotisches Territorium besichtigte, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war. Die Häuser hier ähnelten jenen in ihrem großenteils  vernachlässigten Zustand sehr.

Nur selten begegnete ich einem Bewohner, der eine oder die andere Jugendliche streunte aus Langeweile herum, eine Ziga­rette in der einen, eine Dose Bier oder einen Energydrink in der anderen Hand, das Handy in der Gesäßtasche. Von der Vapo­retto-Anle­gestelle kam manchmal eine Person und strebte ihrer Wohnung zu. Ein Einkaufs­zentrum fiel mir nicht auf, dafür ein, zwei kleinere Geschäfte, eine Trafik. Vom Canale della Giudecca drangen Signale der Schiffe in allen möglichen Tonlagen und Laut­stärken her, laut, wie es mir bisher noch gar nicht aufgefallen war. Möglicherweise trug der Wind zu einer akustischen Verstärkung bei. Die Siedlung deprimierte mich. So interessant sie in sozialer Hinsicht war, als deutlicher Gegenentwurf zum historischen, klerikalen, imperialen Venedig, stellte sie einen realisti­schen Ausschnitt eines Areals dar, das der offenbar ärmeren Bevölke­rung zuge­dacht war. Sie war gewissermaßen ein Kontrapunkt zur prunkvollen Welt der Kunst, der Kir­chen, zu histori­schen Orten, Museen, Palästen, überfüllten Lokalen, Restaurants und staunen­den, oft wohlha­benden Besuchermassen.

Zurück auf den Fondamenta hoffte ich, dass eine Pizza, dass ein Glas Rotwein meine Melancholie vertreiben und nicht ver­stärken würden. Einen Ver­such war es wert. Vor Il Redentore fand ich einen angenehmen Platz, etwas zurück­gesetzt von den Fondamenta. Es gab dort gerade keine Pizzas, weil der Ofen de­fekt war. Ich nahm Frutti di Mare, köstlich. Keine Spaghetti diesmal, obwohl ich das Stadium des Schämens überwunden hatte. Es dauerte etwas, dann fühlte ich mich wohler, und der rote Wein schmeckte fruchtig und warm. Ich spürte die wunderbar befreiende Wirkung des Alko­hols und Zuversicht in mir aufsteigen. Im Wes­ten, wie ein Fanal, zogen dunkle Wolken auf. Zunächst beachteten wir alle sie kaum, aber dann ging es schnell: Eine schwarze Wol­ken­wand baute sich in rasendem Tempo auf, der Wind wurde innerhalb von Augenblicken stär­ker, schwoll ebenso rasch zum Sturm an, erste Regentropfen wandelten sich in Sekunden zum Regen­guss, zum Wolkenbruch.

Wir, die Gäste, das Personal und Leute von der Straße, stürzten ins Res­taurant. Ich bezahlte, wartete lange Minuten, dann fasste ich mir ein Herz und rannte unter Blitz und Donner zum Museum der Brentanos. Nach mehreren zitternden Versuchen konnte ich endlich die Haustür aufsper­ren. Ich war völlig durchnässt. In der Wohnung brach mir der Schweiß aus, mein Herz schlug heftig, ich atmete stoßweise. Nachdem ich mich beruhigt hatte, nahm ich eine Rinnsaldusche, begleitet von hef­tigem Donnern und Blitzen draußen. Die Fensterläden schloss ich immer, bevor ich die Woh­nung verließ, deshalb hatte der Wind, hatte der Wolken­bruch nichts an­richten können. In der Wohnung entstand ein Gefühl der Heime­ligkeit und des Geschützt­seins, und die schummrige Beleuchtung, die trotz des Unwetters durchhielt, verstärkte es sogar. Einige Rilke-Gedichte, dennoch schlechter Schlaf.

Ich schreckte auf. Der unsanfte Wecker! Der Tag des Abschieds war gekommen, ich musste nach Hause zurück. Nach einer Katzenwäsche verstaute ich die letzten Dinge im Trolley, ließ ihn in der Wohnung, um ein Abschiedsfrühstück am Campo Junghans einzunehmen. Der be­hinderte Mann hinter dem Tresen und einige Männer parlierten lautstark vor dem großformatigen Fernseher, in dem ein Fußballspiel lief, und das am frühen Morgen, offenbar eine Auf­zeich­nung. Zwischendurch sangen die Männer, wahrscheinlich so etwas wie Schlachtgesänge oder Vereinshymnen. Ich mochte diese morgendliche Ruhe am Campo Junghans, die von den Fans drinnen kaum gestört wurde, in die sich die paar leisen Jogger, die Leute mit Hunden harmo­nisch einfügten. Die Reflexionen des Wassers eines schmalen Kanals bildeten sich auf der Unterseite einer nahen Brücke ab, tanzende helle Flecken auf Stein. Ein Mann fegte die Brü­cke und die Stiegen sauber, ging dann in die umliegenden Gassen und fegte weiter. Draußen auf der La­gune hörte ich Motoren­geräusche, von den ersten Fähren, von Fischerbooten auf morgendli­chem Fang.

Die Beschau­lichkeit des frühen Morgens wich mehr und mehr Geschäftigkeit, Leute gingen zur Arbeit, Touristen kamen und gingen mit rollenden Trolleys. Jogger mischten sich darunter, immer wieder Menschen mit ihren Hunden. Aus dem Lokal drangen nach wie vor der über­laute Kommentar des Reporters und die Stimmen jener Männer, die dem Fußball­spiel folgten und diskutierten und sangen. Ich ging vor zum südlichen Rand der Insel und schaute auf die Lagune, vor mir eine im Dunst liegende kleinere Insel. „Wo liegt Punta Sab­bioni?“, fragte ich mich und war mir der Richtung einigermaßen sicher. Von dort hatte mein erster Besuch Venedigs seinen Ausgang genommen, da mochte ich vielleicht zehn, elf Jahre alt gewesen sein. Wir standen damals auf der Fähre und sa­hen bald den Campanile als markantes Wahrzeichen, zunächst schemenhaft, dann größer und größer und klarer werdend.
Das damalige Bild hatte ich noch vor mir: Venedig, das ich bis dahin nur von Bildbän­den, Fotos und Gemäldereproduktionen gekannt hatte, lag zunächst in der Ferne, der Cam­panile dann deutlich erkennbar, je mehr wir uns näherten, schließlich kamen der Dogenpalast, die Markuskirche, Santa Maria della Salute ins Blickfeld. Und dann war ich das erste Mal in Venedig, und alles an und in dieser Stadt war und ist im­mer wieder wunderbar und zum Staunen und über­wälti­gend. Eine Stadt der Sehnsucht nach ihr.

Es wurde Zeit aufzubrechen. Ich ging zurück zu den Fondamenta, holte mein Gepäck aus dem Museum der Brentanos, gab die Schlüssel in der Bar zurück und fuhr mit dem Vaporetto zum Parkhaus. Ich wandte mich Giudecca zu und hatte das ganze Panorama vor mir. Es lag zum Abschied malerisch im hellen Sommerlicht. Keine Spur mehr vom gestrigen Unwetter.

Unversehrt stand mein Auto auf seinem Platz. Kein Kratzer, nichts, sogar die Tauben hatten sich zurückgehalten. Das Bezahlen am Automaten, das Verstauen des Gepäcks, das Einsteigen, das Starten und schließlich die Ausfahrt und das Ent­fernen von Venedig auf der Straße nach Mestre war stetig begleitet vom Bedauern, dieser so nahen und doch so exotischen, dieser vertrauten und doch fremden Stadt und dem Museum der Brentanos den Rücken kehren zu müssen.

Günther Androsch
Auszug aus der Erzählung: Das Museum der Brentanos, Verlag Bucher, Hohenems, 2020

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20105

Das Museum der Brentanos: Ankunft

Einer der beiden Schlüssel sperrte die Haustür, und ich betrat eine kleine Eingangshalle. Dunkelheit empfing mich. Eine Stufe führte nach links in ein enges finsteres Stiegenhaus. Ich fand endlich den Schalter für die Beleuchtung, die den Namen jedoch kaum verdiente. Ein trübes, schwaches Licht ging an. Das Haus schien mir in den Fünfzigerjahren adaptiert und renoviert worden zu sein. Die Eingangstüre, der Steinbo­den im Eingangsbereich, Holzkassetten an den Wänden. Es gab einen Lift, einen Mini-Lift, ich wählte aber die steile Wendeltreppe in den zweiten Stock, um mir vorzumachen, ich bewege mich ausreichend. Deshalb nahm ich zwei Stufen auf einmal. Ohne Atemnot erreichte ich den zweiten Stock. Brentano stand an der Wohnungstür.

Von Bekannten hatte ich erfahren: Professor Robert Brentano, ein Spezialist für mittelalterliches Englisch und italienische Geschichte und Professor an der University of California, Berkeley, hatte hier eine Zeit lang die Sommer ver­bracht. Eines seiner Bücher, Zwei Kirchen: England und Italien im dreizehnten Jahrhundert, gewann 1968 den „John Gilmary Shea“-Preis und die Haskins-Medaille. Er, 1926 geboren, hatte die Wohnung auf Giudecca erworben. Die brentanosche Wohnung war völlig unbewohnt  – der Professor war schon lange tot, 2002 war er gestorben, und von seiner Familie und seinen Nachkommen schien niemand mehr Interesse an ihr zu haben –, durfte ich mich für ein paar Tage einmieten. Der zweite Schlüssel sperrte die Wohnungstür.

Als ich eintrat, empfingen mich ein abgestandener Geruch und Dunkelheit, aber nicht der Eindruck der Leere, vielmehr der Eindruck einer vollständig eingerichteten Wohnung, deren Bewohner überstürzt aufgebrochen waren und alles, so wie es war, zurückgelassen hatten. Oder vielleicht waren sie nur kurz weg, gingen Besorgungen nach und würden gleich zurückkommen und vor mir, dem Eindringling, über den man sie nicht verständigt hatte, erschrecken und mich brüsk hinauskomplimentieren. Verlassenheit empfing mich und eine Kulisse außerhalb der Zeit, die in mir, dem fremden Besucher, eine historisie­rende Faszination hervorrief.

In jedem Zimmer schaltete ich die Beleuchtung ein­, weil die Fensterläden geschlossen waren. Die meisten kleinen Zimmerfenster gingen in dunkle Schächte hinaus, die kaum Tageslicht hereinließen, nur die Wohnzimmerfenster, ebenso klein und erhöht, schauten zum Canale della Giudecca hinaus. Ich öffnete die Fensterläden. Zerbröckelnde Insektenschutzgitter konnten ihrer Aufgabe kaum gerecht werden. Gegenüber, jenseits des Canale della Giudecca, fiel mir die Kirche Santa Maria della Visitazi­one auf, deren graue Fassade an einen griechi­schen Tempel erinnerte. Im Nordos­ten ragte die Kuppel von Santa Maria della Salute über die Dächer, und dahinter der Campanile auf der Piazza San Marco.

Die Wohnung, das bemerkte ich nach dem Blick in mehrere Zimmer, war vollständig möbliert, die Re­gale voll mit Büchern, Kleidungsstücke hingen über Sessel, lagen über Lehnen, hingen in den Kästen. Über der Lehne des Schreibtischsessels hing eine Weste, auf die der Professor bei kühlerer Temperatur zurückgegriffen hatte. Hätten mir die Kleidungsstücke gepasst und hätte ich nicht auf den Zeitgeschmack und den Geruch der Vergangenheit geachtet, sie wären mir zur Verfügung gestanden. Gerahmte Fotos standen auf Tischen, Kästen und Schränken.
Der Schreibtisch in dem Zimmer, wo das Bett für mich stand, machte den Eindruck – wieder kam diese Vorstellung in mir hoch –, als wäre Professor Brentano – der dieses Bett wohl benutzt hatte – nur kurz hinausgegangen, um in einer Bar einzukehren, einzukaufen oder sich Zigaretten zu holen. Würde er mich der Wohnung verweisen, wenn er mich in seinem Arbeitszimmer antraf, oder würde er meiner Erklärung Glauben schenken, man hatte mir diese Übernachtungsmöglichkeit nach bestem Wissen und Gewissen ausnahmsweise angeboten? Ich konnte es ihm erklären, wie es dazu gekommen war.

Kugelschreiber, für die nächsten Aufzeichnungen bereit, in Wirklichkeit trocken und deshalb unbrauchbar, lagen auf der Schreibfläche, Notiz­zettel, einige beschrieben, einige blank. Bü­cher standen in einem Wandregal gleich über dem Schreibtisch: eine Geschichte Venedigs, ein Kunstführer, englisch-italienische Wörterbücher, lateinische Texte, zahlreiche weitere Bücher, die ich mit Ehrfurcht und Achtung betrachtete. Das eine oder andere nahm ich behutsam zur Hand, Staub löste sich. Ich blätterte darin, roch daran. Wie fast immer ließ der Geruch von Büchern in mir ein Glücksgefühl, ein Gefühl der Zufriedenheit entstehen.
Ich hatte beinahe das Gefühl, ich tat etwas Verbotenes, so als schnüffelte ich in fremden Dingen, als störte ich eine fremde Intimität, indem ich die Abwesenheit des Inhabers ausnützte. Der Staub auf den Büchern verflüchtigte sich durch die Entnahme aus dem Regal und durch vorsichtiges Wegblasen. Die Erschei­nungsjahre zeugten von einer vergan­genen Zeit, einer Zeit, in der ich selber noch jung war: die späten Siebziger-, frühen Achtzi­gerjahre des vorigen Jahrhunderts.

Da entdeckte ich auf dem Schreibtisch, etwas nach hinten geschoben, ein Kaleidoskop. Staub bedeckte das Rohr, das mit bunten Mustern ver­ziert war. Ich blies ihn vorsichtig weg, um nicht in eine Staub­wolke eingehüllt zu werden. Es war halb so wild, ich bekam keinen Nies- oder Erstickungsanfall. Mit einem Papiertaschentuch brachte ich das Kaleidoskop zum Glänzen. Ich blickte durch das Kaleidoskop in Richtung Fenster, dessen Läden ich geöffnet hatte, und war plötz­lich wieder ein Kind, vielleicht zehn Jahre, vielleicht etwas älter, und ich fragte mich, ob ich überhaupt erwachsen war.
Ich drehte am bewegli­chen Teil, und vor mir erstanden ver­schiedenste symmetrische Muster, Sterne in allen mögli­chen Farben – rote, grüne, blaue, gelbe, lila Glassteinchen –, ebenso Kreise, Ro­setten, Ringe, sphärische Gebilde, Fraktalen ähnlich. Die Spiegelungen zauberten Muster in nahezu vollkommener Symmetrie vor meine Augen. Ich war fasziniert. Und diese Muster lebten, änderten sich mit jeder Drehung, bildeten Mischfarben, schienen selber Freude an ih­ren Metamorphosen zu haben, die jeder statischen Langweiligkeit entge­genstanden.

Professor Brentano schien wie ich von Zeit zu Zeit mit kindli­chem Gemüt gesegnet gewesen zu sein, je­denfalls was Kaleidoskope betraf. Das bestätigte sich, indem ich auf dem Schreibtisch einen Bausatz für ein Kaleidoskop entdeckte. Die Verpackung war aufgebrochen, und ich leerte sie auf dem Schreibtisch aus. Offenbar war das funktionierende Kaleidoskop, durch das ich ge­schaut hatte, ein gekauftes Fabrikat. Das andere hätte der Professor wohl gerne zusammengebaut.

Am liebsten hätte ich mich hinge­setzt und das Kaleido­skop nach der Bauanleitung gebastelt. Die Anleitung war zwar italienisch, doch gestand ich mir in einem Zustand der Selbstüberschätzung so viel Geschick­lichkeit zu, den Zusammenbau zu schaffen, und ein paar Brocken Italienisch konnte ich auch. Außerdem zeigten Zeichnun­gen, wie man vorzugehen hatte. Die Gegen­stände, die ich auf dem Schreibtisch sah, verführ­ten mich, mich hinzusetzen, mitten am hell­lichten Sommertag, und zu beginnen: ein Bogen fester Karton im DIN-A4-Format, ein Bogen Pergamentpapier, eine Klarsichtfolie, eine selbstklebende Spiegelfolie, bunte Perlen oder Schmucksteinchen, Lineal und Bleistift, Cutter und Schneideunterlage, Papierschere und Na­gelschere, Klebefilm.

Günther Androsch
Auszug aus der Erzählung: Das Museum der Brentanos, Verlag Bucher, Hohenems, 2020

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20104

Adele Sauerzopf erbt ein Schloss

Frau Sauerzopf, eine ehrbare Straßenbahner-Witwe von 69 Jahren, lebte still und zufrieden in ihrer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Wien-Hernals. Sie ging einmal wöchentlich mit zwei Freundinnen zur Seniorengymnastik und danach auf ein Tratscherl ins Café und hatte sonst keine großen Ambitionen mehr. Gesund bleiben wollte sie halt noch ein paar Jahre und einmal nach Paris fahren. Im Gemeindebau und Grätzel wohlgelitten (sie wohnte seit ihrer Geburt dort) und von abgeklärt-heiterer Lebensart, war sie höchst überrascht, als sie am Mittwoch (13.6.) – vom Einkaufen heimkehrend – im Briefkasten das Schreiben einer Rechtsanwaltskanzlei fand. Sie wagte es erst gar nicht zu öffnen und durchforschte ihr kindlich-reines Gewissen, was denn die Ursache dieses bedrohlichen Briefes sein könnte; noch nie im Leben hatte sie mit Anwälten zu tun gehabt, weder hatte sie Böses getan, noch jemals selbst Anklage erhoben. Dann fuhr ihr wie ein Blitz die Angst ins Herz, der einzige Sohn (er lebte schon seit Jahren in Amerika) könnte etwas angestellt haben oder – Gott behüte – es wollte ihn jemand verklagen oder Ähnliches. Mit zitternden Händen riss sie den Umschlag auf, aber im Brief stand nur die lakonische Mitteilung, sie möge sich in der Erbschaftssache Ruggenthaler in den nächsten Tagen in der Kanzlei einfinden.

„Erbschaftssache Ruggenthaler“, murmelte sie nachdenklich vor sich hin, „ich kenn keinen Ruggenthaler, und zu erben gibt’s doch für so ein altes Möbel wie mich nix mehr?“

Aber der Brief lag gleichwohl am Küchentisch wie auf der Seele – und die zu röstende Zwiebel fürs Erdäpfelgulasch verkohlte fast, so sehr spukte die unbekannte Erbschaft im Kopf von Frau Sauerzopf. Sie erwog, eine in Purkersorf lebende Nichte zweiten Grades anzurufen, um sich zu erkundigen, ob ihr solch ein Name geläufig sei, kam aber davon ab, weil sie schon so lange nichts mehr von ihr gehört hatte – und außerdem: Sie würde natürlich über den Grund ihres Interesses ausgefragt werden, und bevor sie nichts Genaueres wusste, konnte und wollte sie nichts sagen. Es gäbe doch gleich Gerüchte und Neid und Gerede – genau das, was sie verabscheute und demnach aktiv wie passiv immer zu vermeiden trachtete.

Der Donnerstagmorgen (14.6.) kam nach einer unruhigen Nacht, der Kaffee wurde nicht wie gewohnt in Ruhe und dabei Zeitung lesend getrunken, sondern geistesabwesend geschlürft. Hier ist zu bemerken, dass Frau Sauerzopfs gesunder Hausverstand und gute Menschenkenntnis keinen Platz für Phantastereien ließen – im Gemeindebau wurde sie manchmal ob ihrer treffend-knappen Ausdrucksweise die Frau Jolesch genannt (nach Torbergs Anekdotensammlung) –, aber ihr Leben war seit ihrer Pensionierung und dem Tod des Gatten arm an Neuigkeiten und Veränderungen, sodass dieser Brief und die damit verbundene Ungewissheit die gewohnte Alltagsroutine störten. „Jetzt will ich’s wissen“, sagte sie beim Ankleiden – was zieht man für einen Rechtsanwalt an? Schon etwas besser, aber halt seriös, das Dunkelblaue mit weißen Tupfen hat sie sowieso schon lange nicht mehr getragen. Und 10 Minuten nach 9.00 Uhr läutete sie energisch bei Mag. Dr. Strnad & DDr. Vlcek im 9. Bezirk.

„NehmenS’Platz, liebe Frau Sauerzopf, ein Schalerl Kaffee gefällig – oder ein Glas Güssinger? Ja, ein Momenterl, die Frau Srp wird gleich den Akt bringen“, sagte der dicke kleine Anwalt, ein guter Fünfziger mit goldumrandeter Brille, „das ist aber freundlich, dass S’so schnell kommen sind. WissenS’, der Fall ist ja schon fast ein Jahr im Laufen. Ja ja, eine Verlassenschaft im Ausland und ohne direkte Erben gibt schon ein paar Probleme, da heißt’s Geduld haben und nicht nachlassen. War gar nicht so leicht, Sie ausfindig zu machen – danke, Frau Srp, bitte jetzt eine halbe Stunde keine Anrufe – ja also, liebe Frau Sauerzopf, Sie werden ja schon neugierig sein, wieso wir Sie gebeten haben zu kommen. Kennen Sie eine Familie Ruggenthaler – eventuell aus der Verwandtschaft Ihres verstorbenen Gatten?“

Frau Sauerzopf schüttelte langsam den Kopf: „Nein, könnt ich wirklich nicht sagen – ich denk eh schon seit gestern nach, aber es fallt mir nix ein. Von meine Leut’ sicher nicht, aber mein Seliger war ein uneheliches Kind – die Mutter war eine Fabriksarbeiterin aus Teesdorf – und in der Nachkriegszeit hat man wohl andere Sorgen g’habt als die Ahnenforschung.“ Sie hob ratlos die Schultern.

„Tun S’Ihnen nicht plagen, liebe Frau Sauerzopf, ich kann ein bisserl nachhelfen – also der Erblasser, ein gewisser Karl Ruggenthaler, ist in der Schweiz verstorben, voriges Jahr – er war aber ein gebürtiger Österreicher, besser gesagt, ein Alt-Österreicher – aus Czernowitz in der damaligen Tschechoslowakei. Aber seine Leut’ sind seinerzeit aus Salzburg nach Czernowitz ausg’wandert – eine richtige Odyssee, nicht wahr? Ja, und besagter Karl ist im Tessin in der Schweiz Konditor gewesen, offenbar ein tüchtiger Geschäftsmann, und als Witwer kinderlos verstorben – auch von seiner Gattin waren keine Angehörigen auffindbar – also hat man begonnen, die Familie des Erblassers auszuforschen. Kurzum, ein Onkel vom Karl Ruggenthaler, ein gewisser Eugen Navratil aus Pressburg, gewesener Mittelschullehrer, soll der Vater Ihres seligen Gatten gewesen sein.“

„WartenS’“, sagte Frau Sauerzopf sinnend, „ich glaub, ich erinner mich jetzt, dass mein Anton einmal erzählt hat, dass er als Schulbub auf einem Bauernhof im Mährischen auf Erholung war – er hat ein paar Wort’ Tschechisch können – aber das war ja damals nix Seltenes. Dass ich 40 Jahr’ mit an Böhm’ verheirat’ war, ohne dass ich’s g’wusst hab.“ Sie kicherte vor sich hin.

Dann gab sie sich einen Ruck und fragte den Anwalt: „Aber jetzt sagen S’mir doch endlich, warum ich da bin – wollenS’bloß eine Auskunft oder soll ich was erben?“ Obwohl sie mit resoluter Stimme sprach, klang etwas Unsicheres mit – schließlich ist es ja keine Kleinigkeit, nach einem bescheidenen Leben auf einmal mit einer eventuellen Erbschaft aus der reichen Schweiz konfrontiert zu sein.

„Sitzen S’gut, liebe Frau Sauerzopf?“, fragte der Advokat lächelnd „es ist zwar fast kein Geld da, aber – wenn die Formalitäten abgeschlossen sind, ich brauch noch ein paar Unterlagen und von Ihnen die Papiere des verstorbenen Gatten, Sie werden ja alles aufgehoben haben, nicht wahr, und wenn sich nicht noch ein anderer Erbberechtigter meldet – ja, also, dann könnten Sie ein Schloss erben!“

Frau Sauerzopf saß auf einmal stocksteif und kerzengerade, den Blick in die Ferne gerichtet: „Was sagen S’da – ich soll ein Schloss erben – ich, die Frau von ein’ Hernalser Straßenbahner, soll eine Schlossbesitzerin sein?“ Sie drehte sich zur Seite und trank das vorhin abgelehnte Glas Güssinger in einem Zug aus. Ein paar Sekunden saß sie kopfschüttelnd stumm auf ihrem Sessel, schaute bald den geduldig wartenden Anwalt, bald ihre abgearbeiteten Hände an, bis sie wieder reden konnte: „Jetzt weiß ich nicht recht, was ich sagen soll – sowas kommt ja sonst nur im Film vor. Erst gestern hab ich einen neuen Vorzimmerteppich kauft – und morg’n brauchert ich vielleicht schon so neumodische Rollschuh’ für die endlos langen Gäng’ im Schloss. Also, wenn mein Seliger das noch erlebt hätt – der hätt schön g’schaut. Immer wollt er ein Häuserl hab’m am Stadtrand, aber es hat halt nie g’reicht für was Anständiges – und Schulden wollt’  er nicht machen. Und jetzt ein Schloss – aber sagn S’mir, Herr Doktor, wo wär denn das Schloss – in der Schweiz? Weil in mein’ Alter möchte ich nimmer ins Ausland übersiedeln, nein, das haltert ich nimmer aus, so ein alt’s Leut’ ganz allein in der Fremde! Da nutzt mir auch das schönste Schloss nichts!“

Der erfahrene Anwalt hatte taktvoll die Schockminute abgewartet und mit verständnisvollem Nicken den Ausbruch von Frau Sauerzopf begleitet: „Nein, nein, Frau Sauerzopf, da können S’beruhigt sein. Das Schloss liegt im südlichen Niederösterreich, also eine knappe Autostunde von Wien weg. Aber eigentlich ist es kein Schloss, sondern eine mittelalterliche Burg, aus dem 13. Jahrhundert – und für das Alter noch ganz passabel erhalten. Und ein paar Hinweise muss ich Ihnen schon noch geben, weil so unproblematisch ist so eine Erbschaft auch nicht!“ Er hob bedeutsam die rechte Hand mit dem abgewetzten Ehering, um seine mahnenden Worte zu unterstreichen: „Da ist immer wieder was zu reparieren und zu investieren, da sind Auflagen vom Denkmalamt und von der Gemeinde, und schließlich ist ja auch noch das Finanzamt da – gelln’S, Frau Sauerzopf, das sind schon rechte Haifisch’, diese Finanzer. Aber so weit sind wir ja noch gar nicht, ich hab Ihnen g’sagt, was voraussichtlich zu erwarten ist – und jetzt kommt’s zur entscheidenden Frage – nämlich, ob Sie überhaupt interessiert sind, das Erbe anzunehmen. Wie gesagt, es ist noch nichts endgültig spruchreif und entschieden, aber nach meiner Erfahrung schaut’s nicht mehr so aus, als ob sich noch was zu Ihren Ungunsten ändern könnt. Nein, nein, liebe Frau Sauerzopf, Sie brauchen jetzt noch gar nichts sagen. Ich würd Ihnen raten, Sie schlafen ein paarmal drüber, und was das Wichtigste ist – die Frau Srp hat Ihnen da im Kuvert die Adress’ und einen Lageplan hergerichtet, mit einem alten Foto, und wie Sie mit dem Autobus hinkommen. Schaun S’Ihnen die Sache einmal an, sozusagen unverbindlich und ohne dass wer davon weiß. Wenn jemand fragt, können S’ja sagen, dass die Burg nach dem 2. Weltkrieg ein Ferienlager war – das hab ich im Ort von einer alten Bäuerin g’hört – und dass S’als jung’s Mädel zwei Wochen dort war’n und neugierig sind, wie’s jetzt ausschaut. Da nehmen S’Ihnen meine Karte mit – bitte immer bei sich tragen, Sie können mich jederzeit anrufen, ich hab die Büronummer auch am Handy. Also auf Wiedersehen, Frau Sauerzopf – und rufen S’mich in ein paar Tag’ wieder an, wenn Sie einen ersten Eindruck haben! Und vorm Zurückfahren sollten S’unbedingt beim Grabner schräg vis-à-vis von der Autobushaltestelle auf einen Kaffee reinschaun“ – der Anwalt hob wieder die rechte Hand, Daumen und Zeigefinger zu einem Ring formend, und schnalzte leise mit der Zunge „das ist die beste Konditorei auf 40 Kilometer Umkreis!“

Frau Sauerzopf erhob sich, noch etwas benommen von der Neuigkeit (man kann schließlich auch einen Koffer voll Geld mitten auf den Schädel bekommen) und von den vielen gutgemeinten Ratschlägen des freundlichen Advokaten. Sie lebte ja schon seit Jahren allein und war so viel konzentrierte Aufmerksamkeit nicht mehr gewohnt. „Ja, da weiß ich gar nicht, was ich tun soll, Herr Doktor, es ist alles viel auf einmal – ich werd wirklich ein paar Täg’ brauchen, bis ich das begreif. Und danke für die freundliche Beratung – hätt nie geglaubt, dass mir einmal ein Rechtsanwalt sympathisch sein könnt‘!“

Mit diesem zweischneidigen Kompliment gab sie dem Advokaten die Hand und wollte schon die Kanzlei verlassen, als ihr noch etwas einfiel: “T’schuldigen S’, Herr Doktor, Sie haben da so eine kurze Bemerkung g’macht, es ist fast kein Geld da – können S’nicht einmal ungefähr sagen, was das sein könnt?“

Herr DDr. Vlcek drehte sich – schon im Ledersessel vor dem Schreibtisch sitzend – mit Schwung um und sagte, dabei die auf den Lehnen liegende Hände nach oben öffnend: „Das ist noch nicht zu sagen, liebe Frau Sauerzopf, das Bankguthaben ist nicht hoch – und es können noch immer offene Verbindlichkeiten auftauchen – ich möchte Ihnen da wirklich keine Illusionen machen – wär momentan unseriös. Und die Gerichtsspesen und Schweizer Anwaltskosten sind auch noch nicht abgerechnet – ja, also rechnen S’lieber mit sehr wenig bis gar nichts – da können S’nur angenehm enttäuscht werden.“

Das Telefon läutete, und während Herr DDr. Vlcek abhob, wurde Frau Sauerzopf von der Sekretärin, Frau Srp, hinausgeleitet. Ein guter Vorzimmerdrache hat Augen und Ohren überall und tut selbständig und unauffällig seine Pflicht.

So war das nun – Frau Sauerzopf trat aus dem düsteren Treppenhaus in den sonnig-warmen Vormittag und blieb blinzelnd und ratlos auf dem Gehsteig stehen. Nach so einem Ereignis kann man nicht einfach nach Hause gehen und Fensterputzen oder Staubsaugen, als ob nichts geschehen wäre! Nein, dieser Tag war ein besonderer und sollte auch so durchlebt werden. Sie beschloss also – es war so angenehm im Freien – mit dem D-Wagen weiterzufahren bis Nussdorf und sich dort den seit dem Tod des Gatten nicht mehr gemachten Spaziergang zu gönnen: vom Nussdorfer Platzl in die Hackhofergasse, an den Spitzbuben und dem nunmehr geschlossenen Heurigen Stift Schotten vorbei – ewig schade, dieser weiträumige Garten mit den großen Bäumen, und den besten Krautstrudel von ganz Wien gab es dort – links hinauf in die Nussberggasse und deren Verlängerung, den Dennweg, weiter bis zur Kahlenbergerstraße. Dort war das dem Heiligen Severin geweihte Wegkreuz die natürliche Wende, um nunmehr genüsslich langsam mit dem schönen Ausblick auf Wien und die Donau bergab zu schlendern, im Mai ein paar Stammerln Flieder von einem Gartenzaun oder im Juni vor dem Schweizerhäusl – einer alpenländisch gebauten Villa am Weg – eine der fantastisch duftenden weißrosa Rosen zu stibitzen und ein gutes Wort zu reden, fernab von der häuslichen Enge, ohne Druck und Hast. An die 20 Jahre lang war das der wöchentliche Lieblingsspaziergang ihres seligen Anton gewesen – und mit ihm wollte sie nun stille Zwiesprache halten – genau das wollte sie jetzt tun, dort war sie ungestört. Es gibt für jeden Menschen wenigstens einen Platz, wo die Seele Raum zum Atmen hat, wo man Sorgen und Beruf und planendes Denken ablegt, wo man ganz einfach Mensch sein will und darf, wo man Herzbewegendes sagen und Gefühle empfangen kann wie sonst nirgendwo. Für sie war das am Nussberg in Wien. So fuhr Frau Sauerzopf im D-Wagen gemächlich an der Glasfassade der Wirtschafts-Uni in der Augasse vorbei, die Heiligenstädter Straße stadtauswärts – beim Karl-Marx-Hof gedachte sie seufzend der Steffi, einer jung verstorbenen Schulfreundin, die zuletzt dort gewohnt hatte – und schließlich stieg sie am Nussdorfer Platz aus. Es war alles wie gewohnt, als ob die Zeit stillgestanden sei, nur, dass ihr geliebter Mann nicht mehr an ihrer Seite war. „Toni, was sagst – jetzt wär’n wir auf einmal Schlossbesitzer – so was Verruckt’s – jahrzehntelang hätt’st so gern ein Schrebergartenhäuserl g’habt – grad ein paar Obstbäum’ und Rosenstöck’ und ein Fleckerl Wies’n für einen Sitzplatz zum Jausenkaffee oder zum Grillen am Abend – nicht und nicht hat’s g’reicht zu so was – und jetzt das!“

Ja, wie redet man mit einem verstorbenen lieben Menschen – Frau Sauerzopf hatte eine Mischung aus abwechselndem Denken und Murmeln entwickelt, was nicht sonderlich auffiel, wenn niemand in unmittelbarer Nähe war. Sie bog um die mit abbröckelndem Putz und Efeu bedeckte Ziegelmauer des ehemaligen Schotten-Heurigen – „Zwettler Hof, erbaut 1730“ stand auf einer Tafel neben dem Tor – in die Nussberggasse hinauf, welche tatsächlich eine schmale Allee von Nussbäumen war. Im September hatte sie mit ihrem Anton gerne ein paar abgefallene Nüsse zusammengeklaubt, um diesen wohlfeilen Schatz, ausgelöst und kleingehackt, in den nächsten handgezogenen Apfelstrudel zu mischen – ihr Strudel war im Freundeskreis berühmt und begehrt. Auch das kam ihr jetzt in den Sinn, als sie nach ein paar entgegenkommenden Passanten wieder in ihrem einsamen Zwiegespräch fortfuhr: „Ist ja kaum noch wer da, für den ich was bachen könnt – die Charwats sind schon im Altersheim, die Frau Göd vom 3. Stock ham s’vor vier Wochen eingrab’n, und unser Bua kommt höchstens alle zwei Jahr einmal auf Besuch – meiner Seel, ich verlern ja noch ’s Kochen und ’s Reden. Schön wär’s schon, stell dir vor, ich könnt in der Früh in ein’ großen Himmelbett aufwachen, die Sonn’ scheint ins Schlafzimmer, was so groß ist wie mei’ ganze Wohnung, und dann tät ich durch die Verandatür auf die Terrasse mit den Oleanderkübeln gehn und in Schlosspark rausschaun, wo alles so frisch und grün ist und nach Blumen und Gras riecht. Und dann kommt die Wirtschafterin und fragt mich, ob ich draußen frühstücken will, wo die Vogerl singen und wo kein Autolärm und kein Auspuffg’stank is! Da müsst ich mir halt so einen schönen wärmeren Schlafrock kaufen aus dem ganz dicken Frottee – aber nein, Frottee ist ein Armeleut’stoff, es g’hörert einer aus g’fütterter Seide, so ein lichter mit große Blumen drauf!“

Frau Sauerzopf verlor sich in schwärmerischen Gedanken und spann diese behagliche Vision mit Genuss weiter, bis ihr wieder etwas dem Toni Mitteilenswertes einfiel: „Ja freilich, da müsst’n auch ein paar Zimmern herg’richt werdn für unsern Buam und seine ganze Familie – da täten s’gern alle Jahr drei Wochen auf Urlaub kommen – das wär eine Freud und ein Leben in den alten Mauern, und die Zwilling’ könnten die ganzen Ferien bei mir bleiben und Ritter spiel’n und auf d’Nacht im Kamin ein Feuer machen, da lernetens’wenigstens wieder ein g’scheit‘s Deutsch und würden von ihren Schulkameraden beneidet. Allein wär ich da bestimmt nimmer so viel, da hätt ich Besuch, so oft ich wollt’ – aber da brauchert ich natürlich wen, der die ganze Arbeit macht – was hat der DDr. Vlcek g’sagt, ich soll mit kein’ Geld rechnen – ja wie soll man denn ein Schloss – oder in Gott’s Nam’ eine mittelalterliche Burg erhalten ohne Geld – mit meiner Rent’n komm ich zwar selber ganz gut aus, was brauch ich denn schon, aber für eine Burg brauchert ich ja mindestens zehnmal so viel, oder?“ Frau Sauerzopfs vordem euphorische Stimmung fiel zusammen wie ein Germteig im kalten Zug – und zunehmend kamen ihr höchst beunruhigende Gedanken: „Ja, und überhaupt, wer tät’ sich denn um alles kümmern – ich bin schon fast siebz’g, und so ein Schloss ist doch riesengroß – da müsst ich ja eine Hausbesorgerin und eine Putzfrau fürs Grobe und noch eine Wirtschafterin anstell’n, und die Hausverwaltung mit die Reparaturen und die Behörden – wer machert das nachher? Ich kann doch net alles selber machen – und außerdem – bin ich deppert, dass ich mir so ein’ Binkel Arbeit und Sorgen antu in mein’ Alter – da leb ich ja in Hernals in meiner Zimmer-Kuchl-Kabinett-Wohnung viel besser! Toni, was soll ich da machen, ich weiß mir nimmer ein und aus? Was hast immer g’sagt, wenn ich nervös war – ich soll erst einmal bis zehne zähl’n und dann nachdenken, was hintereinander g’macht g’hört – die Übersicht ist das Wichtigste, die Arbeit rennt dann ganz allein. Also gut, eins, zwei, drei, …. achte, neune, zehne – so, also was ist es Wichtigste – Toni, natürlich, vor lauter Luftschlösser bau’n“, hier musste Frau Sauerzopf nun wirklich lachen, „es ist ja gar kein Luftschloss – die Burg steht ja schon seit ein paar hundert Jahr’, hat der DDr. Vlcek g’sagt – also jetzt hab ich’s wieder – ich hab ja noch gar nicht ins Kuvert g’schaut – da ist eh gleich ein Bankerl – vis-à-vis vom Friedhof, das passt grad – jetzt schau ich mir’s einmal an, mein Luftschloss, hihi!“

Und genau das tat sie auch – kramte aus der Handtasche das alte Foto heraus, welches Frau Srp vorsorglich hergerichtet hatte: „Jö, ist das was Romantisches – wie im Film, so eine schöne Burg mitten im Wald auf an klein Kuvert Mugl, mit einer Schlosskapell’n und einer Fahne drauf – ich werd narrisch – so was gibt’s doch net. Toni, das muss ich mir anschaun – wo ist denn das Blatt’l mit’n Autobusfahrplan – wart, da brauch ich die Aug’ngläser, das ist so klein’druckt – also, wo sind die Abfahrtszeiten – da hammas – was ist denn heut – Donnerstag – aha, Montag bis Freitag um 7:30, 10, 12:30 und 17 Uhr – wie spät ist’s denn eigentlich – elfe, da könnt ich noch zum Mittagsbus z’rechtkommen, aber wann geht der z’ruck, und wie lang fahr ich denn da – aha, Ankunft 14:20 – und der nächste nach Wien geht um 16:30 – nein, nein, das wurd’ eine Hudlerei, das mag ich net. Für so was Wichtiges muss Zeit sein, da g’hört es sich vorbereitet und anständig anzog’n, Schirm hab ich auch kein’ mit – und überhaupt, mei’ selige Mutter hat immer g’sagt, früher derwart’ man sich was als dass man sich’s derrennt. Hihi, ein Schloss hätt ich mir mein Lebtag nie derrennt – aber derwart’ hab ich eins! Also, Toni, morg’n geh ich’s an, da schau ich mir’s an, unser Schloss! Muss ich halt z’Mittag wo essen gehn, das muss drin sein, hoffentlich halt es Wetter, g’sagt haben’s es im Fernsehen.“

Mit den letzten Worten erhob sich Frau Sauerzopf – und obwohl der Zweck erreicht war – sie hatte mit ihrem Anton gesprochen und wieder einen klaren Kopf – lenkte sie automatisch ihre Schritte weiter bergan in den Dennweg, wo sie träumerisch links die Häuser – aha, da war auf dem jahrelang verwilderten Grundstück gerade ein Rohbau hingestellt worden, aber viel zu groß für das schneuztüchelkleine Grundstück, dünkte es ihr – und rechts die Weingärten betrachtete, bis sie oben an der Kahlenbergerstraße war und wie gewohnt das Severin-Marterl umrundete zum Abstieg.

Robert Müller
Romanauszug aus „Adele Sauerzopf erbt ein Schloss“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 20064