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Pussy Riot – junge Revolutionärinnen in alter Tradition gegen die Autokratie

Zu viel der Zufälle. Die erste Pressekonferenz zwei Tage nach ihrer Freilassung aus dem GULag gaben die Pussy-Riot-Frauen Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa im kleinen, privaten Sender Doschd (Regen). Doschd ist in der ehemaligen Schokoladenfabrik „Roter Oktober“ genau gegenüber der Christus-Erlöser-Kathedrale an der Moskwa angesiedelt. Dort nahmen sie am 21. Februar 2012 ein Video auf, in dem sie vor dem Altarraum in bunten Kleider und die Köpfe verhüllt mit Wollhauben einen Tanz aufführten, ursprünglich vollkommen stumm. Das Spektakel dauerte genau 41 Sekunden, bis die fünf Frauen aufgehalten und abgeführt wurden. Das Video, das kurz danach in internationalen Medien erschien und alle kennen, war um einige Bilder aus einer anderen Kirche bereichert und mit dem inkriminierten Lied unterlegt worden: „Muttergottes, Jungfrau Maria, verjage Putin, befreie uns von Putin.“

Zwei Monate fahndete der FSB nach den Frauen, nahm schließlich drei von ihnen fest und klagte sie nach Paragraph 213 wegen Verletzung der öffentlichen Ordnung und Rowdytums an. Die Staatsanwalt und die Russisch-Orthodoxe Kirche verlangten sieben Jahre, das Gericht verurteilte sie zu zwei Jahren, von denen sie 20 Monate in verschiedenen Strafkolonien verbrachten.

Der Mann hinter all dem ist Präsident Putin. Vielleicht fiel das Urteil deswegen so hart aus, weil er seine eigenen Erfahrungen mit dem Rowdytum gemacht hat? Putin stammt aus einer Leningrader Proletarierfamilie und wuchs in einer „Kommunalka“, einer Gemeinschaftswohnung, auf. Er war ein richtiger Schlägertyp und Straßenköter, der sich ständig mit Gleichaltrigen prügelte. Wegen seines amtsbekannten Rowdytums, der „Chuliganstvo“, wurde er erst verspätet bei den Pionieren aufgenommen. Und auch sein erster Aufnahmeantrag in den KGB blieb vorerst unerhört. Chuliganstvo lautete der Strafbestand, unter dem er die Aktionskünstlerinnen verurteilen ließ.

Auf ihrer Pressekonferenz kündigten Pussy Riot die Gründung einer Organisation zur Unterstützung von Strafgefangenen an, „Zona prava“, eine Zone des Rechts (Zone ist das russische Wort für die Strafkolonien, Anm. d. V.). Ihre Freilassung fällt fast genau mit dem 40. Jahrestag der Veröffentlichung von Solschenizyns „Archipel GULag“ zusammen, in dem er die Unmenschlichkeiten des sowjetischen Strafvollzug anklagt. Er ging ins amerikanische Exil und erhielt den Nobelpreis. Literarisch bedeutsamer als Solschenizyn ist der Langzeitbewohner von GULags, Warlam Schalamov, dessen Bücher über seine siebzehn Jahre in den Strafkolonien von Solowezk, Kolyma und Magadan erst nach dem Ende der Sowjetunion veröffentlicht werden. Der hochdekorierte Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe, Andrej Sacharov, wurde, als er gegen das Sowjetsystem aufstand, mit einer schikanösen, zehnjährigen Verbannung und völliger Isolation in Gorkij (Nishnij Nowgorod) bestraft, bis ihn Gorbatschov im Triumph heimholte. Sacharov veröffentlichte etwa fünfzehn Bücher und Schriften gegen das Atomprogramm der SU und setzte sich für die Menschenrechte ein.

Keine andere Nation außer Russland hat ein eigenes Genre der Lagerliteratur hervorgebracht. Angefangen hat es 1825 mit den adeligen Jakobinern, den Dekabristen, die nach ihrer Verschwörung gegen Zar Nikolaus I., wenn nicht zum Tode, zu lebenslanger Haft und sibirischer Verbannung verurteilt wurden und darüber Erinnerungen verfassten. Dostojewski legte nach seiner vierjährigen Lagerhaft mit dem Bericht „Aus einem Totenhaus“ den Grundstein für seine Schriftstellerkarriere, und Anarchisten wie Kropotkin, Netschaew und Bakunin haben ein reiches literarisches Werk hinterlassen. Cechov reiste 1890 für dreieinhalb Monate in den Fernen Osten auf die Insel Sachalin, die der zaristischen Autokratie als Verbannungsort diente. In einem ausführlichen Reisebericht schildert er die Grauen des Strafvollzugs.

Fast unüberschaubar ist die Literatur der Frauen, die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Terror-Organsiation „Narodnaja volja“ (Volkswille) anschlossen und für ihre Beteiligung an den Attentaten auf die Zaren Alexander II. und III. für Jahrzehnte in Lager verbannt wurden. Verblüffend klangen die Worte, mit denen Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina auf ihrer Pressekonferenz Russland als großes Straflager charakterisierten, frei, ruhig und gesetzt, in druckreifen Sätzen, klar wie Fanfarenstöße. Sie hätten fast gleich lautend aus den Schriften von Vera Figner oder Vera Zassulitsch stammen können, so wie sie die heutige „Nacht über Russland“ beschrieben. Zu viel der Zufälle?

Als hätten sie sich bewusst gestylt, sehen Tolokonnikowa und Aljochina ihren Vorkämpferinnen gegen die zaristische Selbstherrschaft, Figner und Zassulitsch, auch physiognomisch ähnlich. Sie waren die ersten Frauen, die öffentlich ihr Haar offen trugen, sie studierten im Ausland, waren hochgebildet, übten bürgerliche Berufe aus und waren mit Gleichgesinnten im Westen vernetzt. Mit ihrer radikalen Hingabe an die Revolution, Verachtung des Kompromisses und ihrem Opferwillen galten sie als die moralische Führung der Intelligenzija. Vera Figner war 20 Monate in der Peters-Paul-Festung in St. Petersburg in Untersuchungshaft und 20 Jahre lang, von 1884 bis 1904, unter schrecklichen Bedingungen in der Festung Schlüsselburg eingekerkert, aber sie kehrte geistig frei, stolz und ungebrochen zurück und setzte sich noch bis zu ihrem Tod 1942 für die soziale Umgestaltung Russlands ein.

Haben Tolokonnikowa und Aljochina in den vier Monaten Untersuchungshaft und 20 Monaten Lager Figner und Zassulitsch studiert, oder vielleicht auch Nadeschda Krupskaja, Inessa Armand, Adriana Tyrkowa oder Alexandra Kollontai? Bei einem Arbeitstag von bis zu achtzehn Stunden in einer Näherei, Kälte, Hungerstreik und Einzelhaft eher unwahrscheinlich, sie werden diese ersten „Töchter der Revolution“ schon vorher gekannt und als Orientierungslichter benützt haben. Während des Prozesses erklärten sie, dass sie die Kunst gewählt hätten, um auf die Missstände in Putins Russland aufmerksam zu machen, so wie 140 Jahre zuvor die Narodniki an die Kraft der Bombe glaubten. Das ist der große Unterschied. Aber die Leidenschaft für große Ideen, die der Schlüssel für die Umgestaltung der Welt wären, machen die Einzigartigkeit und Kraft aus. Die Formen mögen andere geworden sein, aber wie im 19. muss auch im 21. Jahrhundert wieder die Kunst als Ersatz für Politik herhalten, nirgends sonst so tragisch relevant wie in Russland. Freiheit der Kunst, Freiheit der Wissenschaft ist im Putin-Russland noch immer ein Fremdwort. Sie geht nur so weit, wie es dem Regime nützt. Alles, was an Kritik darüber hinausgeht, wird einen Kopf kürzer gemacht.

Die Frauen von Pussy Riot versuchten nach ihrer Freilassung noch etwa ein halbes Jahr künstlerisch und politisch tätig zu sein, dann gaben sie unter dem zunehmenden Druck auf und gingen ins westliche Ausland.

Wien, 29.12.2013, 27.1.17

Veronika Seyr
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Synagoge – Beit Ha Midrasch – Haus des Gebets

In deiner Mitte hat das Wort gewohnt
Doch lange schon ist es geflohen
Von diesem in das andre Leben
Wie hätt‘ es sich in acht Jahrzehnten
Verstecken können fern und fremd?
Von Asyl hat es bis dato nicht gehört

Geschunden und geschändet
Entfremdet
Dem Vergessen anvertraut
Gar totgeschwiegen, totgetrampelt
In leeren kalten Winkeln
Hattest du dich allzu lang verborgen
Bis dir der lange Atem ausgegangen
Und du davongeflogen bist
Entschwunden uns

Doch liebend aufgenommen
In den Himmeln
Eingeatmet und geborgen

Hier ist noch deine leere Hülle
Der tote Leib
Die kalten Mauern
Wohlig warm solarbeheizt
Die wir ehrfurchtsvoll bestaunen

Ansehnlich restauriert kündet dies Haus
Von einer Zeit
In der das Wort unter den Menschen wohnte
Wohnen wollte liebend gern
Es ist ihm nicht geglückt

Was aber kündet von der Schande
Der Entgleisung
Dem millionenfachen Mord?
Verkniffene Lippen – ein beredtes Schweigen
Stille, die zum Himmel schreit

Sulzbach-Rosenberg im Februar 2018

Claudia Kellnhofer

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Lobio und Chatschapuri

Kaukasus in Wien

Auf meiner Straße machen in letzter Zeit immer mehr kleine Restaurants auf, die von Ausländern geführt werden, exotische Küche oder sonst eine Spezialität haben. Die Welt zieht ein unter die Lindenallee von Wieden. Eine brasilianische Tapioca, ein Allergikercafé, ein veganes Lokal, eine kroatische Mini-Eisdiele will es aufnehmen mit dem berühmten Il Giardino, ein junger Vietnamese mit den alteingesessenen Chinesen. Das Neueste ist ein georgisches Restaurant, das mich besonders anzieht. Geworkian, Sohn des Georg, nennt es sich. Im Vorbeigehen lese ich jedes Mal die Speisekarte auf den schwarzen Tafeln, aufgeschrieben mit Kreide in lateinischer Schrift, aber mit geschwungenen Buchstaben, die an die georgischen erinnern. Die Rundungen und Kringel nach oben und unten sind liebevoll ausgemalt, rot und grün, die Landesfarben. Ich finde das einladend und heimelig, weil ich mich ja viel in Georgien aufgehalten habe, in Moskau oft im Restaurant Tiflis zu Gast war und schon lange einige ausgewählte georgische Gerichte nachkoche.

Meine Gäste sind immer begeistert von meinem Lobio, einer frugalen Paste aus roten Bohnen, dem Chatschapuri, dem berühmten Käsebrot, oder dem Sazivi, einem Hühnchen in einer Sauce mit ungefähr dreißig Gewürzen, Butterbergen, Obersflüssen und Tonnen von Walnüssen. Die gefüllten Auberginen Gozinaki gelingen immer, und auch die süße Nachspeise Chinkali kommt gut an, bei denen, die dafür noch Platz haben. Viel Butter, viel Obers, Kräuter ohne Zahl und Namen und Nüsse, Nüsse und noch einmal Nüsse. Kein Gericht ohne Nüsse. Wer von Nüssen schlechte Haut oder Verdauungsprobleme bekommt, sollte vorsichtig sein. Wir hier kennen ja nur den einen oder anderen vereinzelten Nussbaum in einem Garten oder am Wegesrand. Aber wer die Nussbaumwälder auf den unteren Abhängen der Kaukasusberge gesehen hat, die Düfte, die von ihnen ausgehen, gerochen hat, die Wundermeldungen von der Wirkung ihres Schnapses oder Medizinen gehört hat, versteht die Nuss-Vorherrschaft in der georgischen Küche.
Sogar manche Weine schmecken leicht nussig. Nach ihrer Religion und ihrem Wein steht wahrscheinlich die Nuss an dritter Stelle ihrer Identität. Vielleicht gehört die Musik noch davor.

Ich höre mir die Lobeshymnen der Partygäste gerne an und denke mir: Naja, einigermaßen gut, den Rest behalte ich für mich. Nur ich weiß, dass die Gerichte ein ferner Abklatsch der georgischen sind, weil wir hier nicht die aberhundert Kräuter des Kaukasus haben. Einzig mit dem auch bei uns heimischen Koriander kann ich meinen Speisen einen fernen Anklang der georgischen Küche geben.

Wenn Geworkian auch noch die Weine aus Kachetien servierte, müsste das eine Dependance des Himmelreichs auf Erden sein. Obwohl die ausgehängte Speisetafel einladend wirkt, spüre ich eine eigenartige Scheu, das Lokal zu betreten. Ich fühle mich angezogen, trotzdem fürchte ich mich davor, die Schwelle zu übertreten. So luge ich nur durch die Fensterscheibe oder schaue dem Treiben im kleinen Schanigarten unter den Linden zu.
In der winzig kleinen, offenen Küche werkt ein älterer Mann mit graumeliertem Knebelbart und einer hohen, weißen Mütze. Ausgeprägtes Profil, ein Kaukasier, stellt mein schneller Blick fest. Aber warum eigentlich? Kann nicht ein Grieche, Türke, Italiener, Bulgare oder Mazedonier genauso aussehen? Ist mein Blick rassistisch? Hat man nicht in unseliger Zeit von einer „kaukasischen Rasse“ gesprochen?

Der Koch hebt den Blick vom Tisch auf und schaut mich direkt an, offen und klar, aber nicht einladend. Nicht das geringste Anzeichen von Lächeln, nicht in den Mundwinkeln, nicht in den Augen. Sie sind wimpernlos und starr, er scheint nichts zu sehen, irgendwie abwesend und entrückt. Serviert werden die Gerichte in vielen appetitlichen Schüsseln und Schälchen mit den typisch georgischen Blumengirlanden in Rot und Grün von einer jungen Kellnerin, die ihre natürliche Schönheit auf dem Laufsteg oder vor der Kamera zur Geltung bringen könnte. Vielleicht kommt sie von dort und verdient hier nur ihr Taschengeld. Warum gehe ich nicht hinein? Ich habe doch keine Illusion, dass mein Lobio, Chatschapuri und Sazivi auch nur annähernd so schmecken wie im Kaukasus.

Dann will es einmal der Zufall, dass ein Freund mich zum Essen einlädt, und er schlägt eben dieses Lokal vor, weil er in einer Programmzeitung davon gelesen hat. Ausgezeichnet, sensationell, überschwänglich schreibt der Restaurantkritiker, ein absolutes MUST, echt, typisch Kaukasisch. Blödmann, wie kann der denn wissen, was echt und typisch ist? Ich mache noch einen schwachen Versuch, meinen Freund auf den neuen Brasilianer gegenüber umzulenken. Hör auf, wenn etwas brasilianisch heißt, kann es nicht gut sein, denn dort gibt es hundert Küchen. Er hat Jahre in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern gelebt, also werde ich ihm glauben und mich zum Georgier schleppen lassen. Dazu muss ich noch erklären, dass mein Freund früher Koch war und sich für alle Küchen der Welt interessiert.

Ein prachtvoller Maitag, die Linden haben zu blühen begonnen und hüllen die Straße in eine süße Duftwolke. Wie durch ein Wunder kann sie sich gegen die Autoabgase durchsetzen, und die Luft weht in Honigwellen durch die Straße.

Wir lassen uns im Schanigarten unter einem zitronengelben Sonnenschirm mit der lieblichen georgischen Girlandenschrift nieder, und ich erkläre meinem Freund die ihm unbekannten Gerichte. Wir stellen einen Querschnitt durch die kaukasische Küche zusammen und bekommen von der Schönheit ein Dutzend Schälchen auf den Tisch gesetzt. Mein Freund will Bier, es gibt nur heimisches, ich bestelle einen Zinandali, den georgischen Weißwein, den ich dort gern getrunken habe. Angeblich Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwilis Lieblingsweißer. Bei uns würde man ihn Gewürzwein nennen, aber er ist von der Natur angereichert durch die vielen Blumen und Kräuter der kaukasischen Erde. Die Georgier rühmen sich ja, dass sie die Erfinder des Weines sind, vor 7000 Jahren, lange vor den Griechen und Römern.

Wahrscheinlich ist es diese spontane Bestellung eines Zinandali, die den Koch auf mich aufmerksam macht. Er verlässt seinen Arbeitsplatz, stellt sich in den Türrahmen und lässt den Blick schweifen, als würde er die Straße rauf- und runterschauen. Ich bemerke aber, dass er mich im Visier hat. Hat er mich wiedererkannt als die seltsame Passantin, die schon oft bei ihm stehen geblieben ist und reingeglotzt hat? Er lässt sich nichts anmerken, sein Blick ist wie immer offen und leer, und so kann ich nur weiterrätseln.
Da mein Freund auch Fotograf ist und nie ohne seinen Rucksack voll mit Kameras auf die Straße geht, bleibt es nicht lange aus, bis er die Schönheit fragt, ob er sie fotografieren darf. Sie schenkt ihm ein strahlendes Lächeln wie die aufgehende Sonne am Kazbek. Sie scheint nicht scheu zu sein und sich ihres blendenden Aussehens bewusst. Sie posiert nicht, sondern arbeitet weiter, geht aus und ein, serviert und räumt ab, bringt Gläser und Schälchen, kassiert, wischt die Tische ab und richtet die Sonnenschirme aus.

Mein Freund ist absolut glücklich, weil er am liebsten Menschen bei ihren natürlichen Tätigkeiten fotografiert, also keine Porträts oder Posen. Man müsste sie eigentlich filmen, denke ich laut, ob man denn die Anmut ihrer Bewegungen in Fotos wiedergeben kann. Na, wart nur, das ist eben die Kunst des Fotografierens, genau das in einem Bild einzufangen. Er hat recht, ich kenne viele Fotos von ihm, die tanzende, kämpfende oder religiösen Ritualen nachgehende Menschen darstellen. Habe einige gerahmt und bei mir aufgehängt.

Als der Koch wieder in die Tür tritt, fragt mein Freund mit Gesten auch ihn um die Fotografiererlaubnis. Der schüttelt leicht, aber bestimmt den Kopf und verschwindet wieder in der Küche.
Oje, fragt mein Freund erschrocken, hab ich was falsch gemacht?
Nein, er dürfte etwas eigen sein, und erzähle ihm von meinen früheren Beobachtungen.
Als wir fast schon aufbrechen wollen, kommt der Wirt mit einem Tablett heraus, auf dem drei Gläser und eine Flasche mit rotem Kindzmarauli stehen. Er hat Schürze und Kochmütze abgelegt und setzt sich ohne Einladung zu uns. Obwohl sein Gesicht in seiner Faltenlosigkeit jung wirkt, hat er schlohweißes Haar, gewellt und hinten zu einem Zopf gebunden. Ein Gespenst.

Darf ich Sie zu einem Glas einladen?
Aber gerne, ich bin überrascht, mein Freund begeistert. Er liebt es, Zufallsbekanntschaften zu machen.
Der Wirt öffnet die Flasche, gießt die drei Gläser voll mit rubinrotem Gefunkel und wendet sich unmittelbar an mich:
Entschuldigung, kann es sein, dass ich Sie schon einmal gesehen habe, früher?
Ja natürlich, ich wohne nebenan und komme oft bei Ihnen vorbei.
Nein, das meine ich nicht, früher, viel früher.
Sein Deutsch hat einen Akzent, ist aber ansonsten nahezu perfekt.
Wie denn, Sie haben doch erst vor einem Jahr hier aufgemacht.
Langes Schweigen mit gesenktem Kopf.
Waren Sie einmal im Kaukasus?
Ja, oft, hauptsächlich in Georgien, aber auch in Armenien, in Jerewan und Umgebung, am Sewansee und …
Ich merke, wie der Mann aufgeregt wird und schwer zu atmen beginnt.
Vielleicht auch in Leninakan? Er haucht es mehr, als dass er den Namen ausspricht.
Ja, auch in Leninakan, im Jänner 1989, kurz nach dem Erdbeben. Ich war beim ORF und …

Jetzt springt der Mann so heftig auf, dass der Stuhl umfällt, und er flüchtet in der Küche.
Oh Gott, was hat ihn so verärgert?
Die aufmerksame Kellnerin eilt herbei und legt den Finger auf die Lippen.
Bitte, nicht davon reden, bitte!
Aber, aber, stottere ich, er hat mich doch selbst danach gefragt …
Ja, aber Le-ni-na-kan nicht aussprechen, das verträgt er nicht.
Soll ich denn leugnen, dass ich als Jounalistin nach dem Erdbeben vom 7. Dezember 1988 mit einer Hilfslieferung mitgeflogen bin und davon berichtet habe.

Auch ich habe das nie vergessen, diese vollkommen zerstörte Stadt, alle Dörfer in einem weiten Umkreis komplett entvölkert und dem Erdboden gleichgemacht, unvorstellbare 25 000 Tote. Jeder fünfte Einwohner.
Die Österreicher hatten Geld gesammelt und mehrere Flugzeugladungen mit Fertigteilhäusern mitgebracht. Rasch wurde ein Modellhaus aufgebaut und eine Tafel darangehängt – Mozartstraße, so soll sie heißen, und in dem Österreich-Dorf werden noch eine Schubert-, Haydn-, Beethoven- und Mahlerstraße folgen. Was ich jemals gedreht habe, vergesse ich nie wieder.
Ein Kinderchor sang für die Gäste ein Lied aus der Zauberflöte, das der drei Knaben. Sie zitterten und hatten blaue Lippen. Es war Jänner, und die Stadt liegt auf 1600 Metern, rundherum verschneite Drei- und Viertausender.
Ein kleines Mädchen überreichte mir einen Blumenstrauß in Plastikfolie. Wo haben sie denn den her in dieser Wüstenei?

Reden wurden gehalten, auf einem schnell gesäuberten, vollkommen leeren Platz, früher einmal der Hauptplatz von Leninakan, flüchtig eingeebnet, an den Rändern die Berge von Ruinen, an einigen Stellen von Planen spärlich verdeckt, überragt von der zerstörten Erlöserkirche. In der strahlenden Wintersonne sieht alles besonders grausig und gespenstisch aus. Ich erinnere mich, wie es mich geschüttelt hat, nicht nur vor Kälte.
Als ich mich von den hiesigen und heimischen Honoratioren absetzen konnte, schlich ich mich hinter eine der Stoffbahnen.
Ich hatte den aberwitzigen Plan, eine Handvoll Erde aufzusammeln und sie für Arnak nach Wien mitzunehmen. Der Mann meiner Freundin J. war Armenier aus der ägyptischen Diaspora, hatte aber nie einen Fuß ins Land seiner Vorfahren gesetzt. Ich wollte eine Vase kaufen und sie anfüllen. Dabei wusste ich, dass das ein Sakrileg war. Kein Mensch durfte auch nur ein Krümel von armenischem Land entfernen, im Gegenteil, jeder Besucher sollte ein Säckchen Erde mitbringen, um es zu vermehren.

In armenischen Häusern werden die Schuhsohlen abgebürstet, der Staub und die Krumen aufgesammelt und ausgestreut.
Ich hatte mich niedergehockt, um schnell etwas Erde zusammenzukratzen, da stand plötzlich ein kleiner Junge vor mir und schaute mich mit großen Augen an. Er war vielleicht zehn Jahre alt, hatte aber schlohweisses Haar, das einen Greis aus ihm machte, ein Gespenst in Bubengestalt. Ich hatte meine Manteltasche schon mit Erde angefüllt und lief unter seinen stummen Blicken schnell wieder zu meinem Team zurück.
Die Bilder standen wieder vor mir, als sei es gestern gewesen. Ich kann nichts machen, mein Hirn ist so gebaut. Schnell stürze ich das Glas Kindzmarauli hinunter und will meinen Freund aus dem Lokal ziehen.

Da kommt der Wirt zurück und entschuldigt sich.
Ich brauchte ein Glas Wasser, heiß heute.
Ich sehe aber, dass er nicht nur Wasser getrunken, sondern sein Gesicht, Hals und Nacken bewässert hat.
Er setzt sich wieder zu uns, gießt noch eine Runde ein und beginnt stockend zu erzählen.
Er hat ins Russische gewechselt.
Ich war drei Tage und drei Nächte verschüttet, in unserem Haus in Leninakan.
Man hatte schon aufgehört zu suchen. Alles war so zerstört, dass man keine Überlebenden mehr unter den Trümmern vermutete. Aber ich wurde doch noch gerettet, unser Hund hat mich erschnüffelt. In dieser Zeit sind meine Haare weiß geworden und ich konnte nicht mehr sprechen.
Meine ganze Familie ist umgekommen, zwei Schwestern, die Eltern und Großeltern. Ich kam zu den anderen Großeltern nach Tbilisi, dort bin ich aufgewachsen und habe den Schulabschluss gemacht. Zuerst haben sie mich zu einem Schuster gesteckt, da muss man nicht sprechen.

Nach zwei Jahren bin ich ausgewandert, zuerst nach Deutschland, und dann hab ich mir ganz Europa angeschaut. Ich hab nicht Koch gelernt, aber mir alles von meiner Großmutter abgeschaut. Kochen kann man wie Schustern, auch ohne zu sprechen. Jetzt bin ich schon zehn Jahre in Österreich, in Wien, hab immer irgendwo gekocht, das ist mein erstes eigenes Lokal, im Freihausviertel, um die Ecke der Mozartbrunnen und das Papagenohaus. Das ist mir wichtig. Ja, und die Linden, die auch. Wie in Tbilisi.
Er senkt den Blick zu Boden und fährt sich über die Augen.
Und die deutsche Sprache, Sie sind ja perfekt!
Neinnein, wehrt er ab, wieder auf Deutsch.
Wissen Sie, ich habe viele Jahre immer nur zugehört. Wenn man selbst nicht spricht, kann man alles besser speichern.

Noch einmal geht er zurück ins Lokal und kommt mit einer Flasche Ararat Nr. 7 zurück.
Der beste Cognac der Welt, den müssen Sie probieren.
Die bauchige Flasche mit den sieben Medaillen der Pariser Weltausstellung von 1913.
Oh, Gott, und das am frühen Nachmittag!
Widerspruch ist zwecklos, der kaukasischen Gastfreundschaft kann man nicht entrinnen.
Mein Freund, ein Kenner und Genießer, ist im siebten Himmel.

Einmal hab ich im Theater an der Wien die Zauberflöte angehört, und bei der Arie mit den drei Knaben habe ich plötzlich mitzusingen angefangen. Die Leute rundherum haben mich angestarrt und pschschtt gezischt, aber das war mir wurscht, ich habe geweint. Da war der Bann gebrochen, eine Erlösung, seither kann ich wieder sprechen. Das Einzige, was mir von Leninakan geblieben ist, ich kann meine Augen nicht mehr schließen.

Wien, Pfingstsonntag, 20. Mai 2018

Veronika Seyr
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Über ein Verbrechen, das keines war, und die Willkür, die beständig ist

Eines Morgens, eines Tages, eines Jahres wurde Frau A., als sie gerade auf dem Weg in die Bäckerei war, in der man sie beschäftigte, von zwei Herren mit Hut links und rechts an den Armen gepackt und in ein nahestehendes Auto geführt. Ohne Angabe von Gründen wurde Frau A. von zwei Herren mit Hut aus der Stadt gefahren. Ihr weiteres Schicksal wird sich nun im Folgenden entscheiden.

Eine nackte Glühbirne. Ein Tisch. Zwei Stühle. Sonst nichts.
Keine Tür.
Doch. Irgendwo ist eine Tür. Hinter mir. Bestimmt. Ich bin durch sie hineingegangen und dann habe ich mich auf den Stuhl gesetzt. Sodass ich die Tür nicht sehen kann. Ich würde mich umdrehen. Sie wäre da. Aber mich jetzt zu bewegen. Undenkbar. Zu lange war ich regungslos. Sie würden es merken. Und dann würde es beginnen.
Ganz schnell. Um sicherzugehen. Hinter mir ist eine Tür. Ich bin nicht schon immer hier.
Mit einer raschen Bewegung dreht sie sich um. Tatsächlich. Eine Tür. Beruhigt wendet sie sich wieder ihrem Gegenüber zu. Ein hagerer Mann. Vermutlich etwas über fünfzig Jahre alt. Brauner Anzug. Runde Brille. Glatze. Das ist gerade in Mode.

Ob sie wisse, warum sie denn hier sei, möchte er wissen. Die Tiefe seiner Stimme irritiert sie.
Unmöglich kann dieser Herr ein solches Organ besitzen. Sie bleibt still. Er solle noch etwas sagen. Gebannt starrt sie auf seinen Mund. Doch anstatt eines Wortes spuckt er neben sich auf den Boden. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, greift er in die Innentasche seines Sakkos und holt ein ledernes, schwarzes Zigarettenetui hervor. Sie fixierend, öffnet er es, nimmt eine Zigarette der Marke Makedon heraus und steckt sie sich zwischen die Lippen.
Ob sie auch eine möchte, will er wissen, während er in seiner Hosentasche nach Zündern kramt.
Diese Stimme. In Wahrheit spricht nicht er. Jemand anders spricht durch ihn. Er führt nur aus, was man ihm aufgetragen hat. Das ist sein Beruf.
„Danke ich rauche nicht.“ Das war gelogen. Warum? Es wäre ja nichts dabei. Mit diesem Herrn eine Zigarette rauchen. Ganz einfach. Rauchen verbindet. Egal. Später werde ich alleine rauchen.

Mit diesem Herrn verbindet mich nichts. Das soll er ruhig wissen.
Er zündet die Zigarette an. Bläst Frau A. den Rauch ins Gesicht. Schnippt das noch brennende Streichholz in die Ecke. Es geht noch in der Luft aus. Er schlägt ein Bein über das andere. Dreht ihr die Seite zu.
Überlegt einen Moment. Er sagt, gegen die blassgraue Wand blickend, sie solle sich nicht dumm stellen. Je schneller sie mit ihm reden würde, desto schneller könne sie nach Hause gehen. Er würde ihr noch einmal dieselbe Frage wie zu Beginn des Gesprächs stellen: Warum?

Er äschert auf den Boden. Wendet sein strenges Gesicht ihr zu. Erwartungsvoll und zugleich desinteressiert sieht er sie an. Sie bleibt ruhig. Denkt nach. Sie beginnt zu schwitzen. Sie spürt, wie sich auf ihrer Stirn hunderte kleine Schweißtröpfchen bilden. Kalter Schweiß. Sie braucht Wasser. Und sie muss atmen. Wie ist es möglich, dass dieser Mensch keinen Durst zu empfinden scheint? Und auch kein Problem mit der abgestandenen, bereits mehrere Male wiederverwerteten Luft hat? Absurd. Absurd ist die Sache. Wie lange sitzen wir schon hier?
Fünf, sechs Stunden? Bestimmt. Aber hier ist doch eine Tür. Ich habe es überprüft. Ich kann gehen.
Ganz einfach. Aufstehen. Tür öffnen. Hinaus. Atmen. Es gibt keinen Grund für mich, hier zu sein.

Mit ihm. Dessen glatte Stirn kein Ende zu nehmen scheint. Ob sein kahler Schädel eine Frisur darstellt? Oder ist es ein genetisch bedingtes Manko? Wie es doch allzu oft bei Männern seines Alters vorkommt. Es wirkt nicht so, als würde etwas nachwachsen. An den Seiten ein bisschen. Ein paar Härchen scheinen sich einen Weg durch die käsig-weiße Kopfhaut bahnen zu wollen. Wer weiß, wie lange wir hier noch sitzen. Vielleicht beantwortet sich meine Frage von selbst. Wie er mich ansieht. Als würde ich jeden Augenblick.
Na gut, Frau A., sagt er, keine Antwort ist auch eine Antwort. Sie kennen das Gesetz, Frau A, meint er, so nehme er zumindest an. Da werde noch einiges auf sie zukommen. Es sei besser für sie, würde sie kooperieren. Dann sei es schneller vorbei. Aber so ginge es auch. Ihm sei es gleich.

Sobald er aus dieser Tür gehe, sei seine Arbeit getan. Er habe versucht, ihr zu helfen. Ob ihr das klar sei? Nicht jeder bekomme die Möglichkeit für ein Verhör. Also?
Er zieht an der Kette, die an seiner Brusttasche befestigt ist und holt eine goldene Taschenuhr hervor. Klappt sie auf. Bläst Rauch darauf. Schließt sie. Wirft sie zurück in die Tasche. Denkt einen Moment nach. Dann hebt er die Augenbrauen und verzieht den Mund. Der Mann nimmt noch einen letzten Zug und dämpft die Zigarette schließlich auf der Tischplatte aus. Halb geraucht. Eine Weile bleibt er noch sitzen. Bis er endlich aufsteht. Um hinauszugehen, wie sie erhofft. Während er um den Tisch herumgeht, holt er nochmals die Taschenuhr heraus. Wiegt sie in seiner Hand. Macht sie auf. Er bleibt neben der Frau stehen. Schaut auf sie herab. Sagt: „Die kennst du doch?“

Er lächelt. Sie blickt starr geradeaus. Presst die Zähne zusammen. Die Lippen, ein schmaler Strich.
Der Sekundenzeiger tickt neben ihrem Ohr. Er dreht in aller Ruhe am Aufzugsrad. Beobachtet sie.
Klappt die Uhr zu. Steckt sie zurück.
Sie könne gehen, sobald sie ihren Mantel fertiggemacht habe, bemerkt er teilnahmslos.
Der Mann geht langsam zur Tür und verlässt lautlos den Raum. Eine Brise weht herein. Es riecht nach frischer Erde, Lehm, Tod.

Meinen Mantel. Fertig. Das habe ich vergessen. Wo ist denn? Die Nadel? Gerade hatte ich sie doch noch. Da. Wozu? Was bedeutet das überhaupt? Nichts. In Wahrheit. Zu jeder Zeit sichtbar soll es sein. Das Symbol, wie sie es nennen. Immer tragen. Fein. Immer tragen, sagen sie. Wer war der Herr überhaupt? Hat er seinen Namen genannt? Wohl kaum. Seine Arbeit mit mir ist ja zu Ende. Ich werde ihm nicht mehr begegnen. Was es nun mit seinen nicht vorhandenen Haaren auf sich hat, werde ich jetzt wahrscheinlich auch nicht erfahren. Schade.
Von irgendwo klingt Musik. Ein bekannter Schlager.
Sie kennt den Titel trotzdem nicht. Auch die Sängerin ist ihr unbekannt. Sie dreht sich um. Die Tür ist verschlossen. Wenn sie fertig ist, kann sie gehen. So hat er es ihr gesagt. Sie widmet sich wieder dem Aufnäher. Sie macht es gründlich. Wenn sie ihn schon tragen muss, dann soll es wenigstens ordentlich aussehen. Von draußen ist etwas zu hören. Geräusche. Laute, die sie nicht zuordnen kann. Sie werden von der beschwingten Melodie und dem kräftigen Gesang gut übertönt.

Eine nackte Glühbirne. Ein Tisch. Zwei Stühle. Eine Tür. Sie ist fertig. Steht auf. Schafft es kaum.
Zieht ihren Mantel an. Nicht so tragisch. Es wird gut werden. Am Ende. Doch bevor sie aus der Tür geht, möchte sie einen Blick durch das Schlüsselloch werfen. Was sie erwarten wird. Draußen. Sie kneift ein Auge zu und drückt das andere gegen die kleine Öffnung. Mittlerweile ist es finster geworden. Das einzige Licht scheint von den tausenden Sternen zu kommen, die den Himmel bedecken. Sie strahlen auf tausende Sterne, die hier am Boden wandeln. Machen ihnen Licht. Wo keines mehr ist. Sie richtet sich auf. Atmet tief durch. Öffnet die Tür. Und geht zu ihnen.

Frau A.s Schicksal war nun, obwohl es doch von Anfang an feststand, offiziell besiegelt. Von hier an verliert sich ihre Spur.

 

Anna Bartl

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Nimmst mir mein Leben

Die durchdringende Aggressivität deiner Natur,
lauernd schon im ersten Händedruck.
Da hilft weder Gift noch Kur.
Manchmal glaube ich nur,
sogar dein Atem an meiner Wange,
kostet mich mein Leben.

Ich fing mir den Virus ein,
bin ihm so leicht erlegen.
War so anfällig, so schwach.
fieberte dir entgegen.
Ich habe mir schon viele wie dich eingefangen.

Doch keiner war so persistierend.
So heimisch in mir,
So Zell-irritierend,
So hoch ansteckend
wie Du.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

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Pauli, Petko

Die Bauarbeiter stiegen vom eingerüsteten Glockenturm und setzten sich auf ein paar Holzkisten. Links über ihnen hing ein riesiges Banner von der Hauswand herab. Is there Beauty after Alleppo?
Wastl packte sein Pausenbrot aus und biss hinein. „Woher bist du, aus Serbien, eh?“ Eine halbe Essiggurke fiel zu Boden.
Jagoš zog an seiner Zigarette. „Kroatien.“

Der Kollege neben ihnen faltete die Bildzeitung auf und vertiefte sich in den Anblick eines halbnackten Fotomodels. Jagoš Blick schweifte durch das gusseiserne Tor. Der riesige Rasenmäher vor der Kirchenruine erinnerte ihn an sein Heimatdorf, er war oft Trecker gefahren und hatte Mutter bei der Ernte geholfen. Jagoš betrachtete die von Büchern überquellenden  Regale hinter den Fenstern des Rückgebäudes. Kurz vor Kriegsausbruch war er zum Studieren nach Zagreb gegangen, er hätte Ingenieur werden sollen, wie Onkel Zlatko. Doch nach ein paar Semestern hatte Jagoš abgebrochen und war nach Deutschland geflohen. Damals wollte er nur noch weg von dem Chaos. Drei Tage davor war sein kleiner Bruder ums Leben gekommen.

„Ma-ma!“ Ein Junge lief über den Platz und heulte.
Wastl schmatzte. „Der Dumme hat sich beim Taubenjagen verlaufen.“ Er schraubte eine Thermoskanne auf und schenkte sich Kaffee ein.
„Komm mal her“, sagte Jagoš. „Suchst du deine Mama?“
Der Junge nickte und ging zögernd auf ihn zu, seine Augen waren vom Weinen rot und an einem Nasenloch hing Rotz.
„Wie heißt du denn?“
„Pauli.“ Er zog die Nase hoch.

Petko war ungefähr in Paulis Alter gewesen, als er nach den Schüssen im Straßengraben gelegen hatte, ganz still, mit seinem Gesichtchen im Dreck. Mutter hatte es ihm weinend am Telefon erzählt, doch ihm war, als hätte er es selbst gesehen, eine unauslöschliche Erinnerung.

Paulis Hose hatte Grasflecken. „Weißt du, wo meine Mama ist?“
„Ich weiß alles“, scherzte Jagoš und raffte sich hoch. „Sollen wir sie suchen gehen?“
Er streckte Pauli die Hand hin. Die Finger des Jungen fühlten sich kalt und klebrig an, als hätte er Eis gegessen. Sie gingen quer über den Parkplatz. Als sie um die Ecke bogen, kam ihnen hastig ein Paar entgegen.
„Da bist du!“, rief der Mann. „Wenn du das noch einmal machst, dann –“
Pauli blieb abrupt stehen; sein kleiner Körper versteifte sich.
„Warum regen Sie sich so auf?“, sagte Jagoš. „Sie haben ihn ja wieder.“

„Warum bist du schon wieder weggelaufen?“, fragte die Frau; der Junge sah ihr auffallend ähnlich. Sie zupfte ein Taschentuch aus einem Päckchen und putze ihm die Nase. Ihre Zähne waren ein klein wenig schief und auf ihrer Wange hatte sie ein winziges Muttermal. Sie lächelte Jagoš an. Wie lange war es her, dass ihn eine Frau so angelächelt hatte. Er wusste es nicht. Nur, dass er mit ihr und dem Jungen bis ans Ende der Welt hätte gehen wollen. Stattdessen machte er sich von der kleinen Hand los, die seine Finger nach wie vor umklammert hielt, und steckte sich noch eine Zigarette an.

„Sag auf Wiedersehen zu dem netten Mann.“
„Tschüss“, sagte Pauli und winkte. Pauli, Petko.
Jagoš nickte ihm zu und wischte sich eine Träne aus dem Auge.

Angela Kreuz

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 18010

Die verkrüppelte rechte Hand des Gesetzes

Sitzt sie da, tief über ihre Unterlagen gebeugt, mit feister, dennoch konzentriert wirkender Miene. Tief in den Schminkkasten getaucht. Mit Tinkturen beschmiert, die nach und nach ihre Tiefenwirkung entfalten sollen. Kaum ahnen könnend, was sich hinter dieser noch vor dem Zerbröckeln geschützten Fassade abspielt, sitzen wir da und schauen.

Nach oben gehievt gibt es nun keine Möglichkeit mehr, die Schuld einzugestehen. Trotz oder gerade wegen des Wissens eines jeden. Von dieser Warte aus ist sie gewissermaßen unangreifbar, was ihr jedoch Hohn und Spott, wenn auch offenen nicht, keineswegs erspart.
Das Gesicht hast du längst verloren.
Warum man dir noch nicht auf offener Straße die Augen ausgekratzt hat, bleibt jedoch unbegreiflich.

Staunen darüber, dass als nebensächlich betrachtet wird, was uns als notwendig erscheint.
Staunen darüber, dass als Schönheitsfehler qualifiziert wird, was sich uns als Brandwunde aufdrängt. Ein Darüberhinweggehen ist es, welches du praktizierst. Als würde von vornherein angenommen werden, dass die Vorfälle in Vergessenheit gerieten.
Sie geraten nicht in Vergessenheit.
Das ist nicht der Fall.
Ein einzelner reicht aus, um unerbittlich und unermüdlich und immerwährend an die Dreistigkeit der legitimierten schwachen Spitze zu gemahnen.

Der Fall wird neu aufgerollt.

Erhebt sie sich, schwerfällig, beherrscht, Haltung einnehmend. Bemüht um Haltung, die mühelos Korrumpierbare. Gewissenlosigkeit zerrt an ihr, zieht sie hartnäckig in die Tiefe. Das deformierte Rückgrat kaum verbergen könnend im fraglich gemusterten Einteiler, wankt sie mehr schlecht als recht durch die Dienstgänge der eigenen Verantwortungslosigkeit.

Solange der Rubel rollt, rollt auch sie sich weiter durch ihre täglichen Pflichten.
Vergessen und rechtfertigen. Rechtfertigen und Vergessen. Standhaft rechtfertigen, die skandalöse fettäugige Giermonströsität, die angefressen immerwährend Tribut fordert.

Kreuzen sich schließlich und immer die Wege mit dem angelachten und angelernten ökonomischen Emporkömmling, dessen Statur und ansprechendes Äußeres noch nicht die hohlen, versifften Innenräume verrät.
Noch wird alles zusammengehalten.
Irgendwie.
Mit gutem Glauben und Hoffnung. Mit Hoffnung und gutem Glauben.
Im seriösen Dreiteilerzwirn schlängelt er sich katzengleich durch die wogende Masse der Immergleichen, um sich ihr an die Brust zu werfen, der Ziehmutter, der geistigen. Sie bereits aus der Ferne mit Luftküssen begrüßend, bewegt er sich auf sie zu, zielstrebig, ein sonniges, weltzugewandtes und ach so unschuldiges Lächeln auf den hübschen, anzüglichen Lippen. Dient er sich an ihr hoch, der hohle Günstling. Arbeitet er sich an ihr ab, der welken Fassade. Lässt sie ihm höhere Weihen zuteilwerden.
Zieht er an ihr vorüber, blickt sie ihm nach wie ein Mädchen, hoffnungsfroh, verzweifelnd, ungerührt.

Man weiß um eure verdorbenen Spielchen hinter verschlossenen Türen.
Man weiß um eure verwerflichen Vereinbarungen, die euer Fortkommen sichern sollen.
Man weiß um die verruchten zwielichtigen Ecken, wo ihr euch gegenseitig gern den Garaus macht.
Die Gerüchteküche kocht.
Die Gerüchteküche schmeichelt unseren Gäumchen und versorgt uns mit immer neuen entsetzlichen Kreationen, deren lustfördernde Wirkung nicht zu unterschätzen ist.
Als wäre es nicht schon genug gewesen.
Es war schon genug.
Kocht er dich ein, langsam, gründlich, bis nichts mehr übrigbleibt außer deinem versiegenden Röcheln und den vielfarbigen Nichtigkeiten, nichtssagend aufgehend und vergehend im kalten Meeresschaum.

Die Geburt ist angesetzt.

Es macht schon lange keinen Sinn mehr und hat trotzdem noch nicht aufgehört zu funktionieren. Mühelos und routiniert werden die täglichen Rituale aufrechterhalten. Gekürzt, gestrafft, verschlankt und beschnitten, gekürzt, gestrafft, verschlankt und beschnitten soll sie werden, die Essenz, die Basis eurer Rechtfertigung, während du bereits aus allen Nähten platzt und auf zeitiges Erbarmen hoffst.

Erbarmungslos brennt es auf dich hernieder, das Licht der späten Aufklärung. Brandlöcher mannigfaltig im Kunststoffüberzug deiner geschmacklosen Kostümierung. Lässt du die Asche achtlos auf den Boden fallen, schwer wie Zementsäcke. Glüht im Halbdunkeln noch der obligate Glimmstängel, den du dir notgedrungen als effektive Beruhigungsmaßnahme regelmäßig zwischen die aufgedunsenen Lippen schiebst.
Wo war ich nochmal?
Nur nicht hier.
Weiter weiter.
Walz. Walz. Walz.

Traudi, magst du mir mal zur Hand gehen? Erschallt die greinende süßliche Stimme der blonden Beleidigung. Da ereignet sich gerade eine mittlere Katastrophe. Lacht er mit gespieltem Entsetzen und fröhlich intoniertem Wellengang. Ich komme schon. Und walzt an unter kaum zu unterdrückendem Dampfen und Stöhnen.
Dampfplauderer. Dampfplauderer. Dampfplauderer.

Walzt durchs All und um die Ecke, wo sie ihn antrifft, den sklavisch Untergebenen, der mit nichts bekleidet als einem neckischen Kropfband, den Kopf entschuldigend zur Seite geneigt, ein niedliches Lächeln auf den Lippen, nach oben deutet. Folgt sie seinen Fingern im Zeitlupentempo, vorsichtig, zweifelnd, ahnungsvoll.
Den Kopf weit in den Nacken legend. Und noch weiter.
Bricht das Rückgrat. Ein, zwei, drei Mal. Bricht es endlich richtig.
Dann kann sie es auch sehen.

Schwarz angelaufen ist er, der Plafond. Mühsam reckt sich ein verkrusteter Krater aus der Decke hervor, Gift und Galle speiend. Bröckelt es. Bröckelt es hernieder auf den illegitimen Grund und Boden.
Da ist was aus den Fugen geraten, meine Liebe, verzärtelt das Blondtier seinen Auswurf.
Wirft sich in zierliche Posen für unbekannte Beobachter, während sich am Himmel immerwährend dicke, schmierige Brandblasen aufwerfen und senken. Aufwerfen und senken.

Wo ist der Kitt, der alles zusammenhält?

Du sollst hier drinnen nicht rauchen. Das weißt du doch. Was sollen die Kinder denken?
Vorwurfsvoll blickt er sie an, aus großen, schönen, blauen, traurigen Augen.

Ungerührt weiterposierend, einem abwesenden Herrn huldigend, trollt sich der körperbetonte Königsanwärter, um aus dem benachbarten Zimmer gekränkt verlauten zu lassen: Und hier erst, Traudi. Schau dir mal dieses Schlamassel an. Da werden wir ja unseres Lebtags nicht mehr froh.
Dumpf tönen ihre schweren Schritte in der spätsommerlich beschienenen Kammer, als sie sich aufmacht zu neuen Ufern.
Kaum die Schwelle überschritten, steht er schon da, verrucht, verklärt, verirrt, verliebt.
Angelehnt und abgestützt. Abgewinkelt und angespitzt. Aufgebauscht und abgelöst.
Ächzt es, das Wandregal, voll überbordend schöner Wälzer.
Ächzt es unter der Last des besseren Wissens.
Kein Rahmen hält das mehr aus.
Dieser Rahmen hält das nicht mehr aus.
Gespielt empört richtet er sich auf, der entblößte halbgare Luftikus mit eindringlichen Worten.
Ein Mahnmal, ein Denkmal, ein Monument, überschlägt sich seine kleine Stimme.
Mein Land, mein Gesetz, mein Recht, setzt er noch eins drauf.
Stampf. Stampf. Stampf.
Das ist doch nicht dein Ernst.

Reich mir deine helfende Hand, Traudi! Reich sie mir im Bund der festgeschriebenen Ehe. Ehern und unverbrüchlich soll es sein, das Bündnis unserer fortschreitenden Verbrechen. Gemeinsam schaffen wir das!, frohlockt er und beginnt sogleich, sich an dem Gestell zu schaffen zu machen, die unheilvoll gebleckten Zähne nie von ihr abwendend.

Du stehst nur da, unfähig, unbewegt, unberührt zuschauend, verfolgend, frontal, während er seine kümmerlichen Muskeln spielen lässt, während er seine vergeblichen Urteile vollstreckt.
Wirst du wohl. Wirst du wohl. Wirst du wohl.
Es ist zu spät.

An allen Ecken und Enden fehlt es. An allen Ecken und Enden.
Und dann ist es endgültig zu spät.

Mit vor unmenschlicher Anstrengung verzerrter Miene versucht er es aufrechtzuerhalten, das Gerüst der eigenen Verantwortungslosigkeit. Doch der Druck ist zu groß. Der Körper zu schmächtig. Nach und nach knallen sie ihm alle auf den nachgiebigen Schädel, begraben ihn, der sich vergeblich windend, krümmend aus den Bergen zu retten versucht, unter sich, bis zuletzt der Rahmen selbst bricht und ihm die Pfähle in den Leib rammt. Auf platzt die Bauchdecke, entlassend ins unbekannte Freie die verschlungenen Gedärme der eigenen unauflösbaren Widersprüche.

Wie vom Donner gerührt steht sie da, die rechte Hand des Vorstandes.
Viel zu spät war es.

Während er sich langsam in seine Bestandteile auflöst, bückt sie sich zur Erde, um einen der berüchtigten Wälzer aufzuheben. Kaum schlägt sie ihn auf, schon erschlägt sie der fette Großdruck, der maximalen Raum einnimmt. Seitenweise Buchstaben um Buchstaben um Buchstaben.

Unrettbar. Unrettbar verliebt war ich in dich. Sagt sie sich.
Aber es macht alles keinen Sinn. Sagt sie sich.
Diese Worte machen keinen Sinn. Sie ergeben keinen Sinn.

Verleg dich aufs Beten! Schnell!!

Du krachst mit deinen Knien auf die Erde. Du raufst dir die Haare, unrettbar.
Du schlägst verzweifelt die Hände vor der Brust und über dem Kopf zusammen.
Du krampfst akut, während dir die Tränen heiß hinter die Fassade steigen.

Vergib mir oh Vater im Himmel für meine zahlreichen Sünden, die ich hier als dein unbescholtener Diener begangen habe! Vergib mir oh Sohn am Kreuz, dem falschen Götzen des Mammons gehuldigt zu haben, während ringsum die Türme in Schutt und Asche gelegt wurden! Vergib mir, oh Geist in der Leere, dass ich dich verunreinigt habe, mit meinen Gedanken, Worten und Werken.
Vergib mir schon! Vergib mir endlich, du zweifelhaftes Produkt meines unstillbaren Größenwahns!!

Es ist noch nicht vorbei.

Rings um dich hat sich ein purpurner See gebildet, der noch das letzte Licht von draußen zu reflektieren vermag. Und dich. Und auch du spiegelst dich wider im dickflüssigen Saft deiner letzten Mahlzeit. Dreh dich, wende dich, verwerte dich nach allen Seiten. So haben wir es gern. So soll es sein.
Schön sollst du sein im Abgang.

Langsam erhebst du dich aus der Sickergrube. Dein Ende ist ein anderes. Unbekümmert tröpfelt es dir aus den Stofffalten, den Fingerspitzen, dem gespannten Nylon an den feisten Waden. Ohne ein Gefühl für die Zeit watest du schließlich durch die Räume zurück in den einstmaligen Dienstgang, der nun sehr entblößt vor uns liegt.

Dunkel ist es allmählich geworden. Dunkler ist es geworden. Orientierung fällt schwer. Du tastest dich entlang an den Wänden, Ritzen und offenen Fragen, den unmöglichen Antworten, den unidentifizierbaren Gesichtern. Die immer nur das Profil preisgeben. Die sich immer entziehen. Das Antlitz gottesgleich immer millimeternah am frischen Putz. Erlösung suchend. Die Lippen immer Millimeter entfernt vom chemischen Einerlei. Der Geschmack von grotesker Freiheit.

Und bald ist er da, der verheißungsvolle Ausweg, die noch verschlossene Tür zum tödlichen Finale.
Und tödlich muss es sein. So viel ist gewiss.
Im Finsteren gibt man sich leichter den Illusionen hin, den kleinen Irrlichtern, die einen betören und verführen. Die einem den roten Teppich ausrollen ohne Frühjahrsputz. Samtig wogend über Leichenberge lässt er sich überraschend leicht beschreiten, der Pfad der Gewissenlosen. Der Pfad der Könige. In der Erbfolge stehst du an vorderster Stelle. Ein Spitzenplatz ist dir gewiss.
Dem allen ist nun der Garaus gemacht.
Niemand weiß das besser als du.

Hier gibt es nichts mehr für dich.

Doch schau einmal da.
Was hat es damit auf sich?
Wohin wandern die dubiosen Gesellen, wenn nicht hierhin?

Ungläubig, ermattet fällt dein Blick auf die Schwelle.

Vergessen, leugnen und rechtfertigen. Vergessen, leugnen und rechtfertigen.
Hattest du fast vergessen, dass es sich vermehrt hatte, das Unwesen, der Untrieb.
In ein oder zwei oder drei oder vier Schäferstündchen.
Hattest du es tatsächlich vergessen?
Es war ja nicht umsonst gewesen. In deinen Augen.
Wie hübsch er da gelegen hatte, der vom Rahmenwerk Zerteilte. Wie hübsch er sich verausgabt hatte, der Blut Lassende. Wie brav er sein Erbe in dir hinterlassen hatte. Auf der Schwelle hinterlassen hatte.

Ob es gut oder schlecht oder nichts ist, kann nun heute keiner mehr so genau sagen. Es ist auch einerlei. Verzecht wurde alles. In der ewigen Nacht, die sich nun langsam dem Ende zuneigt.
Und du neigst dich hinab zu dem unbestimmten Nachfolger, der noch nicht die unübersehbaren Male der Versehrtheit aufweist. Der noch nicht gezeichnet ist von eurem Versagen. Aber bald ein Zeichen setzen könnte. Für und wider. Für oder wider.

Es ist einerlei. Bald hast du ausgedient.

Es ist der letzte Weg, der beschritten werden muss.

Verbeugst dich in einem vollendeten Diener vor deinem in Vergessenheit geratenen Kind.

Es streckt dir die Arme entgegen und du streckst es nieder. Mit einem Mal. Mit einem Biss. Einem Schluck. Ist es vollbracht, das meisterhafte Verbrechen der Verantwortungslosen. Es ist dahin, sie ist dahin, die glücklose Zukunft, der noch niemand die Pforten geöffnet hat. Es ist vorbei und vollendet.

Von Übelkeit übermannt und schwer zu benennender Befriedigung erfüllt, lässt du dich hinuntergleiten am Rahmen deines Vollzugs.

Das muss erst einmal verdaut werden.

Bevor der Sterbeprozess einsetzen kann.

Angelika Holl

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 17197

Wie im Film

Ich fühle mich auf meinem Balkon gerade wie in einer Theaterloge. Ich habe direkte Sicht auf das Geschehen, das in meiner Straße gleich stattfinden wird. Die beiden Menschenmassen sind nur mehr hundert Meter voneinander entfernt.
Zwei rauchende, brüllende Organismen, die sich die Häuserschlucht entlangwälzen, um wohl genau unter meinem Balkon aufeinanderzutreffen. Loyalisten auf Oppositionelle, Rechte auf Linke – eigentlich es ist mir egal, wie sich diese Leute nennen, ich will mit keinem von ihnen etwas zu tun haben.

Die spärliche Polizeitruppe, die die Leute auseinanderhalten sollte, hat sich in Sicherheit gebracht. Es sieht nicht so aus, als ob bald Verstärkung kommen würde, niemand hat diese Massen an Menschen erwartet. Die Schlachtrufe werden lauter und aggressiver. Die vordersten Reihen beider Seiten haben sich verhärtet, es gibt kein Zurück mehr.
Ich stehe da, jeder einzelne meiner Muskeln ist angespannt, die dritte Flasche Bier zittert halbvoll in meiner Hand. Um mich herum stehen die Leute ebenfalls auf ihren Balkonen und verfolgen gebannt das Geschehen auf der Straße. Manche haben ihr Handy auf das Spektakel gerichtet. Ich versuche mir auszumalen, was passieren wird, wenn die beiden Gruppen aufeinandertreffen. Baseballschläger, Stahlrohre und Schlagstöcke ragen auf beiden Seiten aus der Menge. Der Hass, der in der Luft liegt, scheint diese dickflüssig zu machen. Aber es liegt wohl eher an den Schwefeldämpfen der Signalfackeln, die auf beiden Seiten brennen. Ich frage mich, wie viele Tote es geben wird.

Da sehe ich die beiden auf der rechten Seite. Ein Vater mit seinem kleinen Sohn wird in der ersten Reihe zwischen Sturmhauben und Motorradhelmen vor den anderen hergeschoben. Verzweifelt versucht er, sich und das Kind weiter nach hinten zu bringen, doch die anderen sind zu dicht aneinandergedrängt.
Niemand scheint sie zu beachten. Ich werde wütend. Was will dieser Idiot mit seinem Kind hier? Jeder wusste, dass es so enden würde.
Fünfzig Meter. Die besonders Kräftigen können mit ihren Steinen schon fast die andere Fraktion erreichen.

Der Vater hat es geschafft, sich in die zweite Reihe zu drängen, wird einfach mitgerissen. Man sieht, dass er in dem Gedränge Angst um seinen Sohn bekommt und sich wieder nach vorne kämpft. Das Kind taucht zwischen gepolsterten Knien und Cargohosen wieder an der Hand seines Vaters auf.
Der Junge wird zerfetzt, wenn er zwischen die Fronten gerät. Noch immer scheint niemand die beiden zu bemerken. Vielleicht ist es auch einfach allen egal. Es gibt keine Seitenstraßen mehr, keine frei zugänglichen Innenhöfe, in die die beiden flüchten könnten, nur noch Fassaden auf beiden Seiten mit versperrten Türen. Die zwei sind verloren.
Bier spritzt aus der Flasche, als ich sie auf den Boden wuchte, sie wankt, als ich durch die Balkontür in meine Wohnung springe. Ich reiße meine Wohnungstür auf und renne die Stiege vom zweiten Stock hinunter, nehme drei, vier Stufen auf einmal.

Die rechte Fraktion ist noch zehn Meter von meiner Haustür entfernt, als diese auffliegt. Ich winke dem Vater zu, brülle nach seiner Aufmerksamkeit, bin selbst erstaunt über die Lautstärke, die ich zustande bringe. Unsere Blicke treffen sich. Ich deute ihm, zu mir zu kommen. Er hat Glück, schon so weit auf meine Seite gedrängt worden zu sein. Er läuft auf mich zu, sein Sohn stolpert an seiner Hand hinterher.
Nicht einmal jetzt werden sie bemerkt. Sie fallen in die Haustür und ich schlage diese zu, als ein Pflasterstein daneben an der Hauswand abprallt.
Keuchend steht der Mann im dunklen Hausflur, er hat die Hand seines Kindes nicht losgelassen.
Dankbarkeit ist in seinem Gesicht zu lesen, und ich hoffe, dass die Entrüstung darüber, ein Kind dieser Gefahr auszusetzen, in meinem Gesicht zu lesen ist.
Schweigend stehen wir uns gegenüber. Der Lärm von draußen dringt durch die Haustür, wir sehen durch das Milchglas Schatten und Lichter herumspringen. Die beiden Gruppen haben sich erreicht, wir können es hören. Diese Geräuschkulisse kenne ich aus Filmen, jetzt in der Realität wirkt sie fast unreal.

Krachend fliegt etwas durch das Glas der Haustür an meinem Knie vorbei. Wir haben genug Zeit unten im Flur verbracht. Ich deute den beiden, mir zu folgen, und gehe die Stiege hinauf.
Unsicher folgen mir die zwei, noch immer Hand in Hand.
Im ersten Stock höre ich den Mann das erste Mal sprechen.
„Danke“, kommt es atemlos von hinten. Ich gehe weiter, drehe mich nicht um.
„Schon okay.“
Meine Wut über seine Verantwortungslosigkeit ist schon wieder fast verflogen.
Als wir in meiner Wohnung ankommen, verriegle ich die Tür.
In dem Lärm, der von draußen durch die offene Balkontür dringt, höre ich den Mann zu seinem Sohn sprechen.
Ich verstehe nicht, was er sagt. Ist mir auch egal. Mir sind auch ihre Namen egal. Mir haben sie zu verdanken, dass sie jetzt nicht zertrampelt unten auf der Straße liegen, das muss reichen.

Ich will die Balkontür schließen, doch muss ich einen Blick nach unten riskieren. Dieser Anblick hat etwas Fesselndes.
Schon stehe ich wieder am Balkon und starre in die Gewalt, die sich unter mir ausbreitet.
Zu der Geräuschkulisse kommt nun der Anblick, den ich nur aus Filmen kenne. Jeden Moment wird jemand „Cut!“ schreien, denke ich, die Statisten würden aufhören zu kämpfen, sich gegenseitig den Dreck von der Kleidung klopfen, sich anlächeln und die leblosen Körper würden wieder zum Leben erwachen.
Aber es passiert nicht. Die Statisten verausgaben sich. Besser hätte ein Regisseur es sich nicht vorstellen können.
Meine Hände sind an die Balkonbrüstung geklammert, und ich kann meinen Blick einfach nicht abwenden.
Es sieht nicht so aus, als ob die Reihen an Kämpfern bald erschöpft wären. Passiert das gerade im ganzen Land? Ich muss an meine Eltern denken, hoffentlich sind sie in Sicherheit. Es gibt nichts, das ich jetzt für sie tun kann.

Ich bemerke den Vater, der hinter mir am Balkon aufgetaucht ist. Er nimmt ebenfalls einen Platz in der Loge ein. Schweigend stehen wir nebeneinander und betrachten das Geschehen. Er umklammert ebenfalls die Brüstung, und ich kann sein Zittern spüren. Ich drehe mich zu ihm. Tränen schießen ihm in die Augen, die Angst in seinem Gesicht ist verflogen und hat der Wut Platz gemacht. Sein Sohn ist drinnen und sitzt still auf meinem Sofa.
Er nimmt seine Hände von der Brüstung und dreht sich um, kann wohl den Anblick nicht ertragen. Ich will ihm gerade zurück in meine Wohnung folgen, da dreht er sich wieder um. Er hat eine meiner leeren Bierflaschen in der Hand und wirft sie mit einem Schrei nach unten. Meine Augen folgen der Flugbahn.
Ein Mann sinkt am Kopf getroffen zu Boden. Glückstreffer.

Ich starre ihn entgeistert an. So bedankt er sich also für seine Rettung. Er beachtet mich gar nicht und hebt eine zweite Flasche auf. Er setzt zum Wurf an, aber das kann ich nicht zulassen. Ich habe nicht vor, mich an diesem Krieg zu beteiligen. Und von meinem Balkon aus wird sich auch nicht daran beteiligt. Ich packe seinen Wurfarm, er dreht sich überrascht nach mir um. Die Entschlossenheit in seinen Augen macht mir Angst. Er versucht sich loszureißen, doch ich lasse mich nicht abschütteln.
Seinen Arm und seinen Rumpf umklammert, werde ich am Balkon herumgeworfen. Er schreit mich an, ich kann ihn nicht verstehen. Sein Sohn ruft ängstlich von drinnen nach seinem Vater. Ich schaffe es, seinen Arm nach unten zu beugen, greife nach der Flasche, Speichel spritzt durch meine Zähne auf seine Jacke. Da habe ich die Bierflasche in der Hand und stoße ihn von mir weg.
Zu fest. Er stolpert nach hinten, rudert mit den Armen und fällt über die Brüstung vom Balkon. Seine Füße sind das Letzte, was ich von ihm sehe. Schon als ich eingezogen bin, habe ich mir gedacht, dass die Brüstung gefährlich niedrig ist.

Unfähig zu atmen stehe ich an die Wand gepresst am Balkon und starre das Kind an, das nach seinem Vater schreiend nach draußen gelaufen kommt und seine kleinen Hände durch das Gitter streckt.
„Fuck.“
Das ist das Einzige, was mir durch den Kopf geht.
Der Kleine schluchzt und springt hilflos auf und ab, seine Hände noch immer durch die Gitterstäbe gestreckt.
Der erste Schock klingt ab, ich kann mich wieder bewegen, springe nach vor und packe ihn, erhasche dabei einen kurzen Blick auf seinen Vater, der zehn Meter weiter unten auf dem Kopfsteinpflaster liegt.
Blut rinnt aus einer Öffnung in seinem Kopf und bildet eine Pfütze.

Ich hebe den strampelnden Jungen auf, mache drei große, hastige Schritte nach drinnen, setze ihn unsanft auf das Sofa, schließe die Balkontür und ziehe die roten Vorhänge zu. Der Junge ist schon wieder aufgestanden und trommelt an die Glastür, ich versuche ihn mit tiefer, ruhiger Stimme zu besänftigen.
Er schlägt nach mir, ich muss ihn umklammern und seine Arme unter Kontrolle bringen.
So liegen wir auf meinem Teppichboden, der Kleine schreit und windet sich in meinen Armen und ich habe keinen Schimmer, was ich tun soll. Dumpf dringt der Lärm von der Straße nach innen.
Die ersten Schüsse fallen, das Geschrei draußen wird lauter.
Ich frage mich, ob das die Polizei, das Militär oder bewaffnete Zivilisten sind. Doch dann fällt mir wieder ein, dass es mir eigentlich egal ist. Ich hoffe nur, dass von den Leuten da draußen keiner auf die Idee kommt, das Haus durch die kaputte Eingangstür zu betreten.

Samuel Deisenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 17186

Ein Hundeleben in Luhansk

  1. CHANEL

Ich liebe den Duft meines Frauchens, … am stärksten ist er im Schlafzimmer, in der verbotenen Zone. Sie nennen den Geruch CHANEL und halten ihn in kleinen Fläschchen. Herrchen ist ganz meiner Meinung, auch er schnuppert häufig am Nacken von Frauchen. Schade, wenn Frauchen abends nachhause kommt, ist der Duft weg. Dann riecht sie müde. Nur an den Abenden, wo ich allein in der Wohnung bleiben muss – ich mag das nicht – bleibt für mich auch ein wenig Duft im Badezimmer zurück. Ich bin nicht gerne allein, ich bin gerne mit den Menschen und höre Ihnen immer gut zu.

Wer bin ich … ja also, ich bin ein schöner Hund, ich bin ein braver Hund, ich bin ein kluger Hund, ich bin ein süßer Hund, ein edler Hund!!!

Nur die schwitzende Alte – Frauchen ruft sie „Schwiegermutter“ – mit den dick angeschwollenen Beinen, sie nennt mich auch: „Dummer Hund, lästiger Hund … verwöhnter Hund.“

  1. TULPEN

Schon bei der Wohnungstür hat mir Frauchen die rote Leine zum Tragen gegeben und wir gehen die Treppe hinunter bis zum Ausgang des großen Hauses. Da kommt uns Herrchen nachgelaufen und ruft: „Liebling, heute gehe ich mit dem Hund hinaus … du weißt ja, der Park liegt vor dem besetzten Verwaltungsgebäude. Dort sind gestern Kerle mit Maschinengewehren umhergelaufen … Das gefällt mir nicht!“ Frauchen lacht: „Ach, lass nur! Ich kann auf mich selbst aufpassen.“ Ich lache auch, da fällt mir die rote Leine aus dem Maul.

Wie immer laufe ich wenige Meter vor Frauchen. Am Weg entlang kenne ich jede Markierung. Ja, ich kenne sie alle. Heute duftet der Park nicht mehr nach feuchter Erde, er duftet nach Tulpen, … große bunte Tulpen.

Plötzlich ruft mich Frauchen zurück: „Tut mir leid, heute gehen wir nicht bis zu deinem Lieblingsplätzchen. Siehst du die Männer mit Gewehren dort hinten bei den Büschen? … Komm, wir kehren um!“

Ja, ich sehe eine Gruppe von Menschen. Sie stehen ruhig da in dicken Jacken und machen keinen Lärm, wie die wohl riechen?? … Aber ich gehorche meinem Frauchen.

  1. KUCHENKRÜMEL

Ich verstehe nicht, und ich will auch nicht brav sein. Frauchen und ihr Mann sind nicht freundlich heute, sie haben es eilig und laufen von einem Zimmer ins andere.

Frauchen spricht heute sehr laut in ihr kleines Telefon: „Wir werden jedenfalls nicht warten, bis hier in Luhansk das große Chaos ausbricht! … Im Büro geht bereits jetzt alles drunter und drüber, die meisten Verwaltungsgebäude sind besetzt, an funktionierende Arbeit ist nicht mehr zu denken … ich muss rasch in die Zentrale nach Kharkiv!“

Keiner von beiden hat heute einen Leckerbissen für mich, keiner will mit mir hinausgehen, spielen … Berge von Kleidern, große Bündel Papier, … ein dunkler Koffer, noch ein großer Koffer, und noch eine Tasche.

Da steht plötzlich Frauchen vor mir und ihr Mann ruft aus dem anderen Zimmer: „… Für den Hund ist jetzt kein Platz mehr im Auto!!“… Ich blicke die beiden aus traurigen Augen an. Ja, ich bin traurig, sie sollen es sehen. Ich liebe Autofahren, sie nehmen mich nicht mit und haben mir keinen Leckerbissen gegeben. Ich lecke traurig die Kuchenkrümel vom Küchenboden auf.

  1. SCHWERTLILIEN

Mein Frauchen ist weggefahren mit ihrem Mann und hat mich mit der schwitzenden Alten allein gelassen. Die Alte hat einen sauren Geruch und spielt nie mit mir. Die Wohnung stinkt. … Endlich, endlich gehen wir hinaus. Ich will in den Park und habe es sehr eilig, ich ziehe an der Leine. Ich will schneller in den Park. Die Alte zetert und ächzt.

Auf dem Gehsteig merke ich, etwas ist anders. Wo sind die Menschen, die immer so eilig laufen? … Ich sehe nur wenige heute.

Die Sonne strahlt warm und ich schnüffle an den Markierungen meiner Freunde und Nicht-Freunde. Die Schwertlilien im Park duften schwer und süß. Die Alte will mich an der Leine fortziehen. Plötzlich schreit ein Mensch neben mir laut auf „In Deckung, … ein Angriff!“ Ich schrecke zusammen und ducke mich …, ein Pfeifen, dann Krachen und Staub.

Noch ein Pfeifen über mir, der Krach fährt wie eine Flamme durch den Kopf, ich sehe nichts mehr, die Alte zerrt mich in ein Haus, die Leine würgt mich. Ich will weg, an die Luft, mehr Luft! … Ich reiße mich los und rase durch die Staubwolke, weg von dem Krachen.

  1. FLEISCH

Wo ist mein Frauchen und ihr Mann, wo ist die schwitzende Alte? … Ich finde die dunkle Wohnung mit dem Sauerkrautgeruch nicht, ich finde nicht mehr zurück. Die Stadt ist groß, mit geraden Straßen ohne Markierungen.

Ich bin hungrig, sehr hungrig … sitze vor einem Kiosk am großen Markt. Dort riecht es wunderbar, der Duft ist himmlisch, so wie mein Lieblingsfutter oder Chanel. Ich trotte zu zwei jungen Menschen, die eilig aus einem Papier fressen und sehe ihnen in die Augen: „Ich bin ein braver Hund, gebt mir etwas! … Gebt mir doch etwas!

… Der eine junge Mensch vor dem Kiosk, es ist das Mädchen, lacht und wirft mir ein Stückchen zu, aber es ist nur Brot, kein Fleisch, leider kein Fleisch … „Komm her mein schöner Hund, ich nehm dir deine rote Leine ab, … die stört dich nur beim Laufen.“

Ich mag diese beiden jungen Menschen, sie sind fröhlich, sie lachen … sie haben einen guten Geruch und sie haben keine Angst. Angst habe ich heute in vielen Straßen gerochen. Die Menschen in der Stadt laufen sehr rasch und mit eingezogenem Kopf den Gehsteig entlang.

Plötzlich ein Pfeifen, das kenne ich!!!!!! … Dann das Krachen, wieder das Schreien der Menschen. Der Kiosk bricht auseinander, dunkle Teile fliegen durch die Luft, es riecht verbrannt, … Rauch und Schreie aus dem großen Gebäude hinter dem Kiosk. Das Mädchen liegt mit starren Augen unter dem Tisch, zwei Menschen knien vor ihr. Ich springe an den beiden vorbei und schnappe alle Fleischstücke auf dem Boden, eine große Menge.

Das Fleisch ist herrlich warm und saftig … das tut so gut, ich bin glücklich, … ich fresse, kaue, würge und fresse. Da plötzlich spüre ich den Schmerz, ein scharfer, bohrender Schmerz an der Seite.

  1. TABAK

Die lange Straße ist dunkel, sehr dunkel, alles ist ruhig. … Keine Menschen. Ich habe Schmerz, so großen Schmerz … ich kann nicht mehr laufen, ich bleibe steh‘n und lecke meine blutige Flanke. Ich will zurück in meine Wohnung! … Ich will meine rote Leine wieder! … Ich will zu meinem Frauchen!

Dort hinten sind zwei Lichter auf der Straße, mitten im grellen Licht steht ein Mensch und markiert sein Territorium an einem Baum.

Ich kann nicht mehr weiter, ich setze mich hin, gebe brav Pfote und sage leise „… Nimm mich mit, bitte bitte, … nimm mich mit!“

„Verdammt noch mal! … Du kommst da einfach daher und gibst Pfote, na lass dich mal anschau‘n … Ein Straßenköter bist du sicher nicht, eher ein Reinrassiger.“

„Ja, ja … ich bin ein schöner Hund, ein braver Hund“, winsle ich.

Der große Mensch sieht mich lange an, hebt mich hoch und legt mich im großen Wagen auf den Beifahrersitz. „Du bist genau das Richtige für die Burschen draußen bei der Brücken-Stellung, die sollen dich verpflegen … dann kommen sie auf keine schiefen Gedanken, wenn’s mal länger ruhig ist und nicht kracht.“

Der große Mensch riecht stark nach Tabak, seine Hände, sein Atem, seine Jacke. Aber er hat gute Laune. Er lenkt den brummenden Kastenwagen, bläst Rauch in die Luft und spricht mit mir.

„Na, dich vornehmen Köter hat´s wohl erwischt beim Raketen-Angriff auf die Stadt? Tja, Krieg ist nicht jedermanns Sache …, aber für mich passt es gut, was da so draußen abläuft. … Endlich Aufräumen, endlich Dreinhau‘n … die feinen Schnösel mit ihren Aktenkoffern haben jetzt ausgespielt … sind abgehau‘n oder hocken mit vollgepissten Hosen in ihren Kellern.

Ich sag dir, mein Hündchen … Krieg ist eine feine Sache! … Da hört es sich auf mit dämlichen Verwaltungsstrafen oder Alimenten für irgendeinen Balg, den du nicht mal besuchen darfst. Da draußen ist seit Tagen die Hölle los, und genau jetzt brauchen sie schlaue Typen wie mich …!“

Der Tabak-Mensch bläst fröhlich den Rauch gegen die Wagenscheibe und nickt: “Jawohl, jetzt brauchen sie die Typen wie mich, … und zwar auf beiden Seiten.“

Ich habe großen Schmerz, aber ich bemühe mich den rauchenden, freundlichen Menschen dankbar anzuwinseln. Bei ihm rieche ich keine Angst.

  1. WURST

Einer der Menschen mit dem glänzenden Gewehr gibt mir zu fressen. Jeden Morgen, wenn der Nebel noch am Flussufer hängt. Er lebt mit einigen anderen in einem Erdloch neben der Brücke, aber er hat gutes Fressen und umwickelt jeden Tag meine Wunde mit grässlich stinkenden Fetzen. Er spricht mit mir sanft und freundlich und erklärt mir, dass ich bald Hundebabys haben werde.

„Heute ist ein besonderer Tag, es ist mein Geburtstag …“, sagt er zu mir „deshalb kriegst du die Hälfte von meiner Wurst“. Mit dem großen Messer schneidet er eine Scheibe ab, noch eine Scheibe, noch eine Scheibe … bitte, bitte noch eine Scheibe!

Plötzlich sieht er mich nicht mehr an, er lächelt nicht mehr … Seine Augen werden dunkel, er schaut auf das glänzende Gewehr neben sich … „Was zum Teufel tu ich da eigentlich? … Ich füttere Hunde, aber ich schieße auf Menschen“. Sein Geruch ist plötzlich anders, kein guter Geruch.

Ich will, dass er lächelt und will mehr Wurst. Mein Bauch ist schwer, ich bin hungrig, Ich belle ihn an … du bist ein guter Soldat, ein süßer Soldat, ein kluger Soldat, ein braver Soldat!!!“ … Aber es kommt keine Wurst, kein Lächeln mehr. Er starrt auf sein Messer in der Hand.

  1. MILCH

Ich lecke meine Jungen ab. Meine Kleinen … sie müssen sauber bleiben und gut riechen. Sie schlafen oder sie saufen. Meine Zitzen geben viel Milch, denn das Fressen ist gut hier bei den Soldaten in den Erdlöchern.

Die Erdloch-Männer sind freundliche Menschen, denn sie streicheln meine Jungen. Aber wenn die Kleinen an den glänzenden Gewehren kratzen, werden die Soldaten ärgerlich und schieben sie weg. Die Bäume haben begonnen, die Blätter zu verlieren, nachts muss ich die Jungen mit meinem Körper gut wärmen.

Der Soldat mit der sanften Stimme und der Wurst hat mir einen Halsschmuck gemacht. Wenn ich unten am Flussufer saufe, glänzt das helle Metall mit dem Lederband im dunklen Wasser. Ich bin zufrieden hier, ich lecke meine Jungen ab und manchmal meine vernarbte Wunde. Ich beginne mit dem Schwanz zu wedeln, …, ich bin sehr, sehr zufrieden.

  1. ERDE

Krachen, Schüsse … der Baum neben dem Erdloch stürzt um, alles um mich bebt, Sand und Erde beginnt zu rieseln. Die Soldaten im Erdloch schreien durcheinander, einer stürzt über mich und bleibt liegen, seine Beine zucken. Ich rieche warmes, frisches Blut, … Ich presse mich mit den Kleinen in den dunkelsten Winkel des Erdloches. Erde fällt auf mich, schwere weiche Erde, ich kann mich nicht mehr bewegen … meine Jungen, die Kleinen, wo sind sie alle? Mehr Luft, ich brauche Luft! … Ein Junges winselt neben mir, ich schnappe es und grabe mir den Weg frei zum Licht. Ein Gewehr liegt vor mir, daneben ein Arm, der Arm von einem der Erdloch-Soldaten.

Wieder Krachen, ein Ast stürzt auf mich nieder … ich muss hier weg! Schnell weg … der Fluss, das Wasser, ich springe hinein … spüre das eisige Wasser, aber ich paddle, paddle, paddle … und halte mein Junges zwischen den Zähnen.

  1. UFER

Ich ziehe mich am Ufer hoch. Ich habe den Fluss durchschwommen und das Kleine nicht losgelassen. Mein Fell tropft, ich friere, es ist kalt. Ich lasse mein Junges ins welke Laub fallen. Ich höre es winseln. Es lebt, mein Junges lebt … wir zittern vor Kälte.

Hinter den Büschen sehe ich Rauch gerade in den Himmel steigen und eine Hütte. Ich krieche mit dem Kleinen im Maul die Böschung hinauf und kratze an der Hüttentür. Ich winsle und zittere. Ich kann nicht mehr.

Zwei Menschen mit Gewehren treten aus der Hütte. Einer legt das Gewehr zur Seite und kniet sich zu mir nieder: „Na Hundemutter, du warst unten im Donets schwimmen, war wohl ein wenig kalt für euch beide!“ Er nimmt das Junge hoch und umwickelt es mit seiner Jacke.

Der andere beugt sich herunter und sieht meinen Halsschmuck an. Er beginnt die glänzenden Metallzeichen laut zu lesen. Dann springt er auf, … sein kahler Kopf ist plötzlich rot geworden, er beginnt zu schreien: „Dieses Hundevieh war bei den Kosaken am anderen Ufer! … Diese Schweine von drüben haben drei unserer Leute am Fluss unten abgeschossen!“

Der andereMensch bewegt sich nicht, er hält mein Junges im Arm und fragt leise: „… Und Andreii, so sag mir bitte, was kann dieser Hund dafür?“

Der rote Kahlkopf schreit dem anderen Menschen ins Gesicht: „… Du fragst mich, was kann der Hund dafür?!!!“

Er beginnt noch lauter zu brüllen, in meinen Ohren pfeift es, ich muss mich hinlegen: „… Ja, dann frag bitte auch, was können denn WIR dafür?! … Und was können DIE am anderen Ufer dafür?! … So kapier es doch endlich, Krieg hat nun mal seine eigenen Regeln!!!“

„Dieses Viech gehört abgeknallt, auf der Stelle!“ … Er hebt sein Gewehr hoch. Stechender Schmerz durchfährt mich, einmal, noch einmal. Ich bekomme keine Luft mehr, ich will zu meinem Jungen, aber ich komme nicht hoch.

Der andere Mensch nimmt das Junge aus seiner Jacke und legt es vor mir nieder, er sieht mir in die Augen und flüstert: „Ich kümmere mich um dein Kleines, ich bringe es morgen nach TROKHIZBENKA, zu meiner Tante ins Dorf.“

Mit meiner letzten Kraft lecke ich es sauber. Es winselt zufrieden und gewärmt. … Ja, die Menschen sind gut, … sie werden sich um mein Junges kümmern.

Doris Vogl

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 17163

Paschkas Aktentasche

Was ging mit mir vor an diesem 24. Dezember 1971, als ich beschloss, den Weihnachtsgottesdienst in der amerikanischen Botschaft zu besuchen. Ich kenne kein Heimweh, bildete ich mir ein. Es war keine Idee, nicht im Bereich eines klar gefassten Gedankens oder Beschlusses, sondern eine vage Sehnsucht, ein Ziehen in der Herzgegend. Nebulöses Erinnern an Nadelduft, die typische Mischung aus Adventkranz, Punsch, Keksen, Kerzen und Weihrauch. Dazu Weihnachtslieder, Flöten und Orgelspiel im Kreis der Familie.
Heiße Bilder schwappten über mich, gemildert von der Moskauer Dunkelheit, dem Frost und dem Schnee.

Dabei war ich damals schon lange nicht mehr Kirchenmitglied und hatte mich auch innerlich weit von der Familienreligion mit ihren Traditionen entfernt. Dachte ich. Der Zauber des 24. Dezembers, des Heiligen Abends, ist einem offenbar tiefer in die Seele eingesenkt worden, als man zugeben möchte. Nicht zum Loswerden. Überfälle hinterrücks. Ein Tiefenlot hängt noch immer ins Unermessliche. Sentimentalität nennt man das, unbezwingbar wie eine DNA.
Dazu kam noch: Wenn man in einem Land lebte, dem der 24. Dezember, der Heilige Abend, nichts bedeutet, den es gar nicht gibt und nirgendwo sichtbare Anzeichen dafür zu sehen sind, an dem das Leben wie gewöhnlich weiterfließt, grau, ordinär und banal. Als Kind hatte ich immer das Gefühl, dass am 24. Dezember die Welt stillsteht und den Atem anhält – eine Heilige Nacht eben.

Mit dem schwachen, lächerlichen Ersatz der sowjetischen Figuren von Väterchen Frost und Snegurotschka, dem Schneeflöckchen, zu Silvester habe ich mich nie anfreunden können, schon nicht zu Weihnacht 1954 im Stadtsaal von Tulln, als die sowjetischen Besatzungstruppen ihr Neujahrsfest für die befreite Bevölkerung abzogen. Was sich in der Stadtpfarrkirche St. Stephans abspielte, war so viel schöner.

Aber was, um Himmels Willen, hat mich dazu gebracht, mich von meinem Freund Paschka zur Botschaft begleiten zu lassen? Weil wir, so gut es ging, alles gemeinsam machten, uns nicht trennen konnten, wollten? Nach dem Kreml gab es wahrscheinlich in ganz Moskau keinen Ort, der schwerer bewacht war als die amerikanische Botschaft am Gartenring. Vielleicht sogar noch mehr, denn innen hatten die Amerikaner ihre Regimenter, draußen der KGB. Als Mitarbeiterin der österreichischen Botschaft mit Diplomatenpass wurde ich zwar doppelt kontrolliert, durfte aber passieren und an der Weihnachtsfeier teilnehmen. Katholiken aus aller Herren Länder des Westens sollten die Gelegenheit haben, sich ihre nostalgischen Weihnachtsehnsüchte zu erfüllen.

Ich erinnere mich sogar an meine Enttäuschung, weil die Amerikaner in ihrer kleinen Kapelle den Heiligen Abend natürlich nicht so feierten, wie ich es von zu Hause in Erinnerung hatte. Eine stattliche, aber kitschig geschmückte Fichte mit flackernden elektrischen Girlanden, jede Menge Santa Clauses, rot-weiße Strickstrümpfe und lächerliche Mützchen, anstatt Tannenzweigen die hässlichen Stechpalmen, anstatt einer feierlichen Orgel ein elektrisches Harmonium, verstimmt quietschend. Dazu ertönten natürlich auch nicht unsere schönen Weihnachtlieder – Vom Himmel hoch, In dulci jubiloo, Es wird scho glei dumpa, Leise rieselt der Schnee, Maria durch ein Dornwald ging, Ihr Kinderlein kommet – sondern die Ohrwürmer aus den amerikanischen Kaufhauslautsprechern: Jingle Bells, Merry Christmas, grüner Tannenbaum auf Englisch, Silent night. Bei Rudolph, the rednosed reindeer reichte es mir, und ich verließ die Veranstaltung, verzichtete auf Weihnachtsumarmungen, cookies und Punsch.

Draußen auf dem Gartenring war es vollkommen dunkel und menschenleer. Die vermummten Milizionäre in ihren dicken Mänteln waren die einzigen Gestalten weit und breit. Sie sahen nicht wie Menschen aus, sondern wie aufrecht taumelnde Bären. Keine Spur von Paschka. Ich wollte eigentlich beim Ausgang auf ihn warten, wurde aber von den Vertretern der Sowjetmacht grob weggescheucht. Also fuhr ich allein nach Hause und wartete auf meinen Freund. Natürlich hatte ich in meiner Wohnung ein echtes Weihnachtsfest vorbereitet, mit allen Ingredienzien, soweit sie in diesem Land, das Weihnachten nicht feiert, überhaupt zu bekommen waren.
Am letzten Adventsonntag waren Paschka und ich abends mit der Metro weit hinaus nach Kolomenkoje gefahren und hatten in einem Wäldchen eine kleine Fichte geklaut. Das Umsägen war ein Kinderspiel, der Transport gestaltete sich aber schwierig. Niemand konnte in diesen Tagen unbemerkt einen Christbaum in der Metro transportieren. Es gab ja keine zu kaufen, und die aus Plastik für den Neujahrs-Baum, die Jolka, gab es erst wenige Tage vor dem Fest. Also mussten wir zuerst weit durch die dunklen Vorstädte marschieren – Paschka die mickrige Fichte unter dem Mantel – bis wir weiter gegen das Zentrum zu einen Moskwitsch aufhielten, ein schwarzes Taxi, und mit Glück vorbei an dem Milizionär ins Haus schlüpfen konnten.

Paschkas Mantel ist eine eigene Erzählung wert. Damit wir überhaupt gemeinsam auftreten konnten, hatte ich ihn von Anfang an mit westlicher Kleidung ausgestattet. Mein Bruder Bernhard, der mit Paschka schon Jahre befreundet war, hatte im Kaufhaus Frank in Tulln einen Großeinkauf getätigt, Herrenbekleidung für alle Jahreszeiten und Lebenslagen. Das Riesenpaket konnte ich über die Diplomatenpost empfangen.
Ohne seine Verkleidung als Westler hätten wir gemeinsam keinen Schritt unbehelligt auf der Straße machen können.
Allerdings habe auch ich mich manchmal umgekehrt verkleidet. Auf einer heimlichen Reise in die für Ausländer gesperrte Westukraine, nach Lemberg und Tschernowitz, trug ich Kleider und Kopftuch seiner Mutter, um als russische Bäuerin durchzugehen, er blieb diesmal bei seinem original sowjetischen Stil.

Auch Kekse, Kerzen und Christbaumschmuck hatte ich mir von zu Hause schicken lassen und einige Köstlichkeiten im Devisenladen Berjoska eingekauft: finnischen Rentierschinken, französischen Käse, deutsche Würstchen und Hähnchen, Riesling aus Österreich, russischen Beluga-Kaviar, und suchoje krimskoje schampankoje.
Ich hatte gebackenen Karpfen mit Majonnaise-Erdäpfelsalat zubereitet. Alles zusammen mit Kerzen und Keksen duftete wirklich weihnachtlich. Nur die Fichte machte noch zuletzt Probleme. Ich hatte vergessen, zu Hause einen Ständer zu ordern, und im sandgefüllten Kübel wollte sie nicht aufrecht stehen. Auf einem schrägen Baum kann man keine Kerzen anzünden. Es war halt doch kein echter Christbaum, noch dazu geklaut. Ich machte ihn mit Mühe mit Spagatschnüren an den Möbeln fest und er sah damit  noch jämmerlicher aus.

Dabei sollte es nach Möglichkeit ein echter Heiliger Abend werden, fast wie zu Hause.
Wahrscheinlich sah ich dem Bäumchen nicht unähnlich aus. Ich saß fünf Stunden allein da und spielte unter Tränen die Weihnachtspassion, Dies irae und Deutsches Requiem am Plattenteller auf und ab. Heute Nacht wollte ich nichts Russisches hören. Eigentlich horchten meine Ohren aber mehr ins Stiegenhaus hinaus, ob der Lift bei mir im 7. Stock hielt. Er ratterte, quietschte und pfauchte wie immer, fuhr aber vorbei. Wie sehr ich sonst dieses Produkt der sowjetischen Ingenieurskunst hasste, heute sehnte ich jetzt den lauten Krach und das Erdbeben herbei, mit dem er sonst stoppte.

Im letzten, dem 9. Stock ratterte er wie ein Maschinengewehr von W.W. Kalaschnikow, und unten im Erdgeschoss konnte ich ihn noch hören, wie er zornig aufstampfte, dass er nicht in den Keller fahren durfte. Diese Geräusche musste auch Schostakowitsch in den Ohren gehabt haben, als er seine 7., die „Leningrader“, komponierte, also klangen auch in St. Petersburg, Petrograd und Leninburg, wie er seine Stadt nannte, die Lifte ähnlich, dazu noch einige Fis-Töne von den Fabriksirenen und das Stampfen der Lokomotiven am Finnländischen Bahnhof, wo er als Zehnjähriger Lenin gesehen haben will, als der aus dem gepanzerten Zug der Deutschen stieg, um auf einem Heuhaufen – wo kam der eigentlich her, Pferdefutter? – seine April-Thesen vorzutragen.

Paschka kam erst spät in der Nacht zurück, rollte gleich an der Tür wild mit den Augen und hielt den Finger vor den Mund. Nicht sprechen! Ich legte sofort einen Leonard Cohen auf. Wir brauchten noch eine Platte mit Chopins Nocturnes und Impromptues, die Vier Jahreszeiten und zweimal den Sergeant Pepper, bis Paschka die Geschichte seiner letzten fünf Stunden erzählt hatte.
Anfangs konnte er gar nicht sprechen und zitterte so sehr, dass er seine Kasbek nicht anzünden konnte und den Krimsekt verschüttete. Kognak war jetzt besser. Sein Magen war für meine vorbereiteten Köstlichkeiten nicht bereit, ganz im Gegenteil, immer wieder suchte er die Toilette auf. Angst geht immer zuerst in die Hose. Vor Stalins Kabinett standen neben den KGB-lern immer auch zwei kräftige Sanitäter, die die beim Diktator Vorgeladenen und wieder Entlassenen schnell in einen Nebenraum zogen, sie abspritzten und mit einer sauberen Hose neu einkleideten. Das ist Fakt, weil einige Überlebende dies nach dem Tod des Diktators freiwillig erzählten.

Was war passiert? Als ich in der Botschaft verschwunden war, wurde er sofort von den Milizionären festgehalten und auf eine Wache gebracht. Aber nicht auf die nächste der Miliz, sondern in einem Auto zu einer Stelle des KGB. Wo, konnte er nicht sagen, üblicherweise in die Ljublanka, weil der Niva verdunkelte und vergitterte Fenster hatte und er draußen nichts sehen konnte. Sie haben ihn so lange verhört, bis beide Seiten nicht mehr konnten. Die KGB-ler rauchten ihre Schachteln Belomor, Paschka hatte seine Kasbek. Sie fanden nichts Verdächtiges an ihm, außer dass es einem Sowjetbürger nicht erlaubt war, sich so nahe an der amerikanischen Botschaft aufzuhalten. Aber das war nur eine Übertretung. Dafür, dass er mit der Vertreterin des kapitalistischen, imperialistischen Westens befreundet war, bekam er eine Rüge. Alle sind Spione, und er sollte sich nicht in Versuchung bringen, ein Vaterlandsverräter zu werden. Als ehemaliger Rekrut war er aber immer noch in der Armeereserve und sollte solche Kontakte besser unterlassen.

Paschka hatten sie aber doch so sehr verängstigt, dass er mir erst lange später das eigentlich Dramatische dieses Abends gestand. Als wir zur Botschaft gingen, hatte er seine Aktentasche, die portfelj, bei sich. Er kam von der Uni, also nichts Ungewöhnliches, wahrscheinlich waren Bücher und Mappen, Hefte und Bleistifte drin. Im Auto der Miliz war es ihm gelungen, diese Aktentasche unter den Vordersitz zu schieben, sodass er beim Verhör ganz ohne Gepäck war. Es befanden sich auch in der Aktentasche keine Uni-Utensilien, sondern sie war vollgestopft mit der frisch gedruckten letzten Samizdat-Ausgabe. Wir hatten sie vor einiger Zeit in der Wohnung von Freunden abgezogen: Texte von Daniil Charms, Michail Bulgakow und Sergej Dowlatow, einige Filmkritiken von westlichen und verbotenen sowjetischen Filmen, Personennachrichten von in Psychiatrien inhaftierten Intellektuellen und Künstlern, Texte und Gedichte von ihnen, Informationen aus dem feindlichen Ausland und von Bürgerrechtlern aus den Bruderländern.

Sprengstoff, brennheiße Ware, wenn sie sie gefunden hätten. Unter Breshnew kam man 1971 dafür nicht mehr in den Gulag, aber Relegierung von der Uni und Verbannung aus der Hauptstadt mit Sicherheit, nie mehr einen akademischen Beruf, Folgen für die Familie bis ins letzte Glied, in die Psychiatrie oder ins Arbeitslager mit großer Wahrscheinlichkeit.
Vorerst war nichts Schlimmeres passiert, als dass ihm die KGB-ler Wintermantel und Sakko abgenommen hatten. Wenn die gewusst hätten, dass darin vor Kurzem etwas so Gefährliches wie eine jolotschka, ein Christbaum, transportiert worden war!

Was mir Paschka erst bei einem Wiedersehen Jahre später beichtete, war, dass er lange vom KGB verfolgt wurde, immer wieder vorgeladen und befragt, immer wieder konfrontiert mit einem Papier, das ihn zur Zusammenarbeit einlud. Er hatte ja gute Kontakte in die Uni und in die Diplomatie.
Aber sie hatten ihm nie nachweisen können, dass die Aktentasche ihm gehörte.

Vielleicht waren es die Engelschöre der Weihnachtspassion oder Rudolph, das Rentier, die es ihm zehn Jahre später möglich machten, eine andere Österreicherin in Moskau zu heiraten und mit ihr in ihre Heimat auszuwandern. Ich war ja nach dieser unheiligen Nacht ungeplant schnell nach Österreich zurückgegangen, das heißt geflüchtet. Weniger vor dem KGB, der tat mir ja nichts, mehr vor Paschkas Dringlichkeit.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lebt er noch heute mit vier Kindern, zwei Enkelkindern und seiner Frau in der Idylle des oberösterreichischen Städtchens Freistadt.

12. Juli 17

Veronika Seyr
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