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Mein kleines serbisches Tagebuch: Teil 1 – Kirschen aus Novi Sad

Novi Sad, im Frühsommer 2021

Es ist die Kirschenzeit! Überall in der Stadt wird das Obst zum Verkauf angeboten. Auf der Herfahrt hat man die Bäume gesehen, sie bogen sich schwer und schwarz unter ihrer Last. Außerdem gibt es Erdbeeren, Paradeiser und Paprika. Der Verkäufer auf dem Markt wollte, dass ich einen Bund Knoblauch mitnehme, und vielleicht tue ich das, wenn es wieder zurück nach Hause geht. Aber jetzt bin ich erst einmal angekommen. Der Balkon meines Zimmers geht zum Hinterhof hinaus und ist groß und geräumig. Zwei Eisenstühle und ein Cafétischchen ranken sich verschnörkelt und verspielt im nachgebauten Dekor des Fin de Siècle. Die Bäume vom Nachbargrund spenden angenehmen Schatten und über die Mauern wächst der Efeu. So etwas Feines hatte ich noch nie in meinem Reisequartier!

Nur abends wird es laut, denn die Innenstadtlokale in der Umgebung tun, was sie können: entweder schmalzige Musik oder Fußball. Gestern spielte Frankreich gegen Deutschland. Die Teilnehmer waren unschwer zu erraten an ihren Nationalhymnen. Irgendwann wurden hinter dem Hauptplatz Feuerwerkskörper gezündet, ohne dass ich, immer noch am Balkon sitzend, wusste, wem der Jubel galt. Sehen konnte man die Knaller ebenfalls nicht am bedeckten Nachthimmel. In einem gegenüberliegenden Wohnblock hob ein aufgeschreckter Hund zu bellen an und kläffte sich verzweifelt die Seele aus dem Leib, dann fiel ein Artgenosse ein, irgendwann hatten sich die armen Tiere wieder beruhigt. Im Nachbarhaus läuft ständig ein Generator, der sich anhört wie mein Staubsauger zuhause auf Höchststufe.

Zum Glück sind das Fenster und die Balkontüre lärmdicht. Ich gehe früh zu Bett, stehe früh auf und genieße die Ruhe am Morgen. Aber heute Nacht schlief ich schlecht, ich habe geträumt. Dies ist nicht mein erster Aufenthalt in Novi Sad. Vor fast sieben Jahren kam ich zum ersten Mal in diese schöne Stadt an der Donau, die so in jeglicher Hinsicht an der Donau gelegen ist, und habe mich in diesen Platz verliebt. Inzwischen ist es mein vierter Besuch, aber diesmal ist es anders als sonst. Ich habe einen kleinen Rucksack an Sorgen mit im Gepäck. Nichts worüber ich mich lange ausbreiten möchte, ganz im Gegenteil, ich würde die schweren Gedanken am liebsten verdrängen, möchte sie aus meinem Bewusstsein schieben, so gut es geht. Aber sie sind eben da. Das Nagen und Bohren hat sich eingenistet in meinem Hinterkopf, vor allem nachts, wenn die Gelsen auf Angriffsmodus schalten. Dann ist da noch die Pandemie, die hier scheinbar niemanden kümmert, alle sind recht sorglos auf den ersten Blick, auf den zweiten allerdings sind die Straßen etwas leerer als sonst und die Abende nicht so quirlig. Vorerst einmal.

***
Stich, Moskito, Stich!
Brennt und beißt so fürchterlich
Bei-ßen, juk-ken
Kratzen mit den Tatzen
Und wieder so ein neuer Stich!
Ah esbrennt so fürchterlich
Nimm an Spray, sag’n die Leut
Tust ihn rauf
Is a Ruh
San die Muck’n weg wie fix
…nutzt a nix…

***

Ich habe zur Ausstellungseröffnung Geschenke von serbischen Künstlerinnen und Künstlern bekommen. Genauer gesagt, der Ehemann der Malerin O., der perfektes Deutsch spricht, stellte sich mir vor als Marketing-Profi in eigener Sache. Er verkauft selbst gemachte Produkte aus Weihrauch, die er auch in Österreich vertreibt. Ich erhielt ein Stück Seife und eine Dose mit Balsam, beide sind verpackt in hübsche runde Kartonschächtelchen und auf der Packung klebt allerlei Heiliges, denn ein Hauptabnehmer der Produkte ist die serbisch-orthodoxe Kirche. Das macht nichts. Ich mag den aromatischen Duft, wünschte mir nur, der Weihrauch würde ein wenig helfen, die Gelsen zu vertreiben. Was er nicht tut, trotz der vielen erwiesenen therapeutischen Qualitäten des Stoffes. Der zweite Künstler, S. überreichte mir ein kleines Bild, eine Collage mit Ölmalerei kombiniert. Will mir dafür einen schönen Platz ausdenken.

Es ist Abend geworden und Zeit für ein neues Platzkonzert. Die Musik hat sich deutlich verbessert gegenüber dem letzten Mal. Eine Brass-Band spielt populäre Hits und Evergreens im Balkan-Sound, sie spielen gut! Der Anlass des Konzerts ist mir unbekannt. Doch heute Nachmittag war die Haustüre zur Unterkunft abgesperrt, was bisher noch nie der Fall war. Meine kleine Herberge ist nämlich in einem gewöhnlichen Mehrparteienhaus untergebracht. Als ich nun heimkehre vom Einkauf meines ersten serbischen Sendvics, tritt gleichzeitig eine ältere Dame durch die Tür, sie mustert mich misstrauisch und fragt mich etwas, das wohl heißen sollte: Was machen Sie hier? Worauf ich ihr meinen Schlüssel zeige und den Namen des Hostels nenne. Sie entgegnet nichts, steigt langsam und wie mir scheint schon etwas beschwerlich die Treppe hinauf und ich kann ihr ohne Worte ansehen, dass sie sich ärgert über die unzähligen fremden Leute, die hier beständig im Haus ein- und ausgehen. Möglicherweise, so meine Überlegung, besteht ein Zusammenhang zwischen dem abgesperrten Haustor, der argwöhnischen Hausbewohnerin und dem abendlichen Hauptplatz-Event. Ich kann es den Anrainern, die hier tagtäglich leben müssen, nicht verdenken, wenn es ihnen manchmal zu viel wird. Vielleicht gab es schon schlechte Erfahrungen mit unerwünschten Hausbesuchern, wer weiß. Es ist gut möglich.

***

Heute Morgen leuchtete in den Bäumen kurz ein Bild auf, eine Eule mit einem altklugen Gesicht. Eine Laune des Zufalls, die Eule ist das Logo meines Hostels. Es war nur ein Spiel der Sonnenstrahlen auf den Blättern, flüchtig und gleich wieder vergangen. Trotzdem, ein schöner Morgengruß! Die Luft ist schwer. Es duftet, seit gestern Abend schon und die ganze Nacht hindurch. Erst dachte ich, jemand aus dem Haus hätte eine Ladung Raumdeo in seine Lüftung gekippt, doch inzwischen frage ich mich, ob da etwas im Baumgürtel aufgeblüht ist, zum Beispiel Jasmin. Ich denke, es könnte Jasmin sein.

 

Ulla Puntschart
https://ulla-puntschart.jimdo.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 21093

 

Connected

Der Regen wurde schwächer. Ich nahm meine Kapuze ab und blinzelte zum Himmel. Die Bäume um mich herum boten mir Schutz, nahmen mir aber auch die Sicht nach oben. Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden und ging eine paar Schritte vor auf die Wiese. Die Donau breitete sich vor mir aus. Hier in der Wachau schlängelte sie sich durch die Wein- und Obstbauterrassen der Gegend. Ich befand mich gerade an einer Donaubiegung und überblickte die glitzernde Wasseroberfläche. Die letzten Regentropfen gaben gemeinsam mit der wieder hervortretenden Sonne einen Regenbogen preis, der den Anblick unwirklich erscheinen ließ.

Saftige Grüntöne, wohin das Auge blickte. Das Wasser schimmerte blau-grau, kleine Wellen plätscherten gegen das Flussufer, das sich nur wenige Meter vor mir befand. Alle paar Minuten veränderte sich die Lichtstimmung, während die Sonne stückchenweise hinter dem Horizont verschwand. Diese Farben waren unbeschreiblich! Die Variationen aus Gelb, Orange, Rot, Lila – warme Farben, beruhigend. Diese Erde hat so viele schöne Plätze und Momente zu bieten und ich hatte noch viel zu wenige davon gesehen und erlebt. Ich machte ein Foto, atmete tief ein und genoss den Moment. Der Geruch der Luft, wenn es gerade geregnet hatte, erzeugte eine wohlige Wärme in mir und ließ meine Muskeln entspannen. Mein Blick wanderte über das gegenüberliegende Ufer. Ab und zu ein Häuschen, keine Menschen. Auch auf dieser Seite des Ufers war es ruhig. Ich befand mich in einer Art Waldinsel, recht klein, abseits der Wanderwege und Straßen. Allein. Perfekt.

Seit rund einer Woche war ich zu Fuß von Wien unterwegs Richtung Passau. Die meiste Zeit hielt ich mich an den Donauradweg, aber wenn es mich wegzog, ging ich einfach abseits der Wege und erkundete die Naturlandschaft. Der Plan war grob gesteckt. Ich hatte vier Wochen Zeit, was sehr großzügig kalkuliert war. Die reine Gehzeit hatte ich mit 17 Tagen berechnet, die restlichen Tage wurden eingeschoben, wenn ich ein Plätzchen genauer erkunden oder auch durch eine nahe gelegene Stadt oder Sehenswürdigkeit flanieren wollte. Für die Nacht suchte ich mir Privatzimmer oder schlief unter freiem Himmel, wenn es das Wetter zuließ. Jetzt war ich hier – und jeden Tag aufs Neue fasziniert. Ich, ein eingefleischtes Stadtkind, hatte mich doch wirklich zu Fuß auf den Weg gemacht. Kein Rad, kein Bus, kein Auto. Per pedes. Ein Grinsen machte sich auf meinen Lippen breit, weil ich wieder mal über mich selbst schmunzeln musste. Keine Ahnung, was da in mich gefahren war, aber ich musste einfach raus. Raus aus der Stadt. Raus aus dem Alltag. Allein. Perfekt.

Ich holte meinen Rucksack vom Waldrand. Den Schlafsack warf ich auf die Wiese, mein Reisetagebuch und ein Schokoriegel flogen hinterher. Ich entledigte mich meiner Regenjacke und schlüpfte in den Schlafsack. Die Luft war warm, der Wind blies sachte über das Wasser und die Wiesen. Einen Baumstumpf, der aus dem Boden ragte, benutzte ich als Rückenlehne. Ich nahm mein Reisetagebuch und knabberte an dem Schokoriegel. Langsam fuhr ich mit meinem Zeigefinger die Buchstaben am Buchdeckel nach: Carpe diem! Nutze den Tag! Ich dachte an meine beste Freundin, die mir das Buch vor meiner Abreise geschenkt und sich mit einer Widmung auf der Innenseite verewigt hatte: „Hey Süße! Schreib, was du denkst, was du fühlst und erlebst! Und mach viele Fotos! Hab Spaß und pass auf dich auf – ich hab dich lieb!“ Sie hatte zwar nicht verstanden, warum ich unbedingt solo durch Österreich laufen musste, aber sie akzeptierte es. Ich hatte es auch nicht gut erklären können. Ich musste einfach allein sein. Perfekt.

Ein Geräusch dicht über meinem Kopf ließ mich zusammenzucken. Ich duckte mich, und im nächsten Moment platschte ein großes weißes Etwas auf das Fußende meines Schlafsacks. Der schuldige Vogel flog knapp über mir hinaus auf das Wasser und hatte sich über mir seines verdauten Mittagessens entledigt. „Oh no! Du bist ja ein nettes Kerlchen, hast du keine Manieren?!“, rief ich dem Vogel lachend nach und ließ meine Arme zur Seite fallen. In Wien hätte ich mich fürchterlich geärgert, geekelt und gestresst. Aber jetzt, hier, inmitten der Natur, deren Ruhe ich mit jedem Atemzug mehr und mehr einsog, entkam mir nur ein phlegmatischer Seufzer. Es war ja nichts dabei, warum sollte man sich darüber aufregen? Natur pur, würde man in der Werbung sagen. Gott sei Dank war kein Stadtmensch dabei. Der hätte mir sicher die Ruhe genommen, die ich schon gewonnen hatte. Allein sein. Perfekt.

Ich schälte mich aus dem Schlafsack und ging damit zum Wasser, um den Dreck abzuwaschen. In meinem Rucksack fand ich noch ein paar Taschentücher, die den Rest erledigten. Dann kuschelte ich mich wieder hinein und suchte die nächste leere Seite. Ich überlegte kurz und begann dann zu schreiben: „Es ist kurz nach acht Uhr abends und ich habe es mir hier im Freien am Donauufer gemütlich gemacht. Es ist so wunderschön hier – siehe Beweisfoto mit Regenbogen … Mir glaubt doch sonst keiner, dass es hier wirklich so aussieht! Ich bin jeden Tag mehr überzeugt davon, dass es das Richtige war, diese Tour zu machen. Daran kann nicht mal der inkontinente Vogel was ändern, der mir gerade auf den Schlafsack gekackt hat. Morgen wird brav weiter marschiert, bis mittags sollte es sich schön ausgehen, dass ich zur Burgruine komme. Den restlichen Tag werde ich dann dort die Gegend etwas unsicher machen. Allein. Perfekt.

Ich legte Buch und Stift beiseite und ließ meinen Blick umherwandern. Hinter mir knackte und raschelte es im Geäst, aber das beunruhigte mich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Meine Augen erspähten im dämmrigen Abendlicht eine Smaragdeidechse, die aus einem Freiraum zwischen ein paar größeren Steinen hervorkrabbelte und kurz die Lage checkte, bevor sie in der nächsten Lücke wieder verschwand. Ein kurzer, hoher Pfiff ließ mich den Blick auf eine kleine Böschung lenken, die sich ebenfalls nahe am Ufer befand. Nach ein paar Sekunden sah ich Mama Ziesel, die besorgt am Eingang ihres Baus nach ihrem Nachwuchs Ausschau hielt. Ein erneuter Pfiff, und zwei Jung-Ziesel zischten von den Bäumen hinter mir kommend vorbei zur Böschung und verschwanden gemeinsam mit ihrer Mutter im Bau. Betthupferl war angesagt.

Solche Augenblicke genoss ich mit jeder Faser meines Körpers. Das bewusste Wahrnehmen meiner Umgebung, der Natur, von all der Kleinigkeiten, die laufend geschahen, aber nicht gesehen wurden. Ich sah sie jetzt wieder. Oder vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben so richtig. Und es war wunderschön. Eins zu sein mit der Umgebung. Durch den Schlafsack spürte ich die Unebenheiten des Erdbodens, der mir trotz seiner Unregelmäßigkeit die Stabilität gab, die ich brauchte. Ich roch das nasse Holz des Baumstumpfes hinter mir, der mich trotz seiner eigenen Endlichkeit stützte. Ich hörte den Wind, der sanft durch die Blätter der Bäume und über das Wasser glitt und mir trotz seiner Unberechenbarkeit ein Gefühl der Freiheit vermittelte. Rundherum machte das Licht den nächtlichen Schatten Platz und ich starrte auf die Sterne über mir, die immer mehr wurden. Einfach so. Bis ich irgendwann einschlief. Allein. Und doch verbunden. Perfekt.

Verfasst im Juli 2020

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 21060

Ich gehe auf Wolken

Ich gehe auf Wolken.
Mit meinen Fußsohlen spüre ich ihren Widerstand.
Eine Feder würde durch sie fallen.
Wie leicht mag ich nur sein?
Die Luft ist schon dünn, doch das macht mir nichts aus.
Seltsamerweise weht mich der Wind nicht davon.
Ich werde weitergehen, bis es keine Wolke mehr gibt,
dort werde ich warten.
Wird mich auch der Nebel tragen?

Wald, Stein und Wolken

Wald, Stein und Wolken

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 21045

Das Fenster

Schaue ich aus dem Fenster meines Zimmers, sehe ich die Bäume am Waldrand. Aber trete ich ins Freie, ist da nur Weiß, keine Materie, nur Licht als Farbe.

„Wo bin ich?“, frage ich mich selbst. „Ich bin vor meinem Haus“, ist die logische Antwort.

Ich gehe wieder ins Haus und auf mein Zimmer. Hinter dem Fenster sehe ich wieder die Bäume, später auch eine Amsel und noch später ein Eichhörnchen dazu.

Hinter dem Fenster

Hinter dem Fenster

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 20113

Automatisch

So verworren, so verworren,
keine Ordnung, nicht, nicht.
Und doch steigt jeden Morgen die Sonne hoch
und verschwindet für die Nacht.
Automatisch, automatisch,
du musst nichts tun.
Herrlich ist der Himmel anzuschaun.
Und siehst du nicht hin, ist er trotzdem da.

Das Sonnenblumenfeld am 14. September 2020 in Pritschitz

Das Sonnenblumenfeld am 14. September 2020 in Pritschitz

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 21004

 

Sommermorgenland

Als der Läufer sein Haus verließ,
waren die Scheiben der Autos noch beschlagen.
Die Sonne kroch hinter den Bäumen hervor.
Dunst lag auf den kleinen Bergen hinter dem See.
Der Aussichtsturm wartete, von Touristen bestiegen zu werden,
und die Kirche auf die sonntäglich Betenden.

Blick vom Strandbad Klagenfurt im Dezember zum Pyramidenkogel über den Wolken

Blick vom Strandbad Klagenfurt im Dezember zum Pyramidenkogel über den Wolken

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 20099

Corona-Tagebuch: Maskenball und Taxifahrer

2. Mai 20, der Tag nach der Befreiung

Wer einen Garten hat, ist meist ein Besessener. Ich dilettiere nur, aber die Leidenschaft ist sicher nicht kleiner. Noch dazu, wenn es März ist und die Frühjahrsarbeit wartet. Schließlich hängt der Rest des Jahres davon ab, die Schönheit, die Freude, der Ertrag. In diesem Jahr ohne Winter habe ich schon früher begonnen. Das erste waren Aufräumarbeiten, bei mir vor allem der Kampf gegen die „Nadelhölle“, die mir eine sehr hohe und alte Föhre auf meinem Grundstück bereitet. Der fast immer wehende Westwind schüttelt dazu noch viele Bockerl und Äste vom Baum. Da kam Corona in unser Leben und die staatlich verordnete Ausgangssperre für die „Risikogruppe“, zu der ich altersmäßig eingeteilt wurde. Niemand hat gefragt, wie alt ich mich fühle, wie gesund oder krank ich wirklich bin, ob Krankheit oder Beeinträchtigung zu einem erhöhten Risikofaktor führen – für mich selbst oder andere.
Weil ich gesund bin und keine Vorerkrankung aufweise, habe ich mich keinen einzigen Tag eingeschränkt. Im Rucksack führte ich als Camouflage immer Lebensmittel und Medikamente mit mir, sollte ich polizeilich kontrolliert werden. Also waren schon zwei der vier Ausnahmebedingungen erfüllt: Lebensmittel einkaufen und zur Apotheke gehen dürfen. Vermummt bin ich schon lange vor Covid-19 herumgelaufen, weil ich eine unerkannte Allergie habe, allgemein Rhinitis genannt, mit der die Nase dauerrinnt.

So war das Aufkommen der Masken und die Maskenpflicht geradezu eine Erlösung für mich (Motto: Always look on the bright side of life). Die Schals um Nase und Mund rutschten immer und waren entsetzlich heiß und feucht mit dem Ballen von Taschentüchern darin. Oft dachte ich nach, wie man so etwas wie bei den Teekannen für die Nase machen könnte, einen Tropfenfänger, dieses Schaumgummiröllchen, das bei Tante Paula mit einem Gummiband um den Teekannenschnabel angebracht wurde. Aber meine Nase hat nun einmal nicht die Anatomie eines Teekannenausgusses.

Als zweiten Vorteil der Maskenpflicht empfand ich, dass ich nicht mehr allein mit verhülltem Gesicht herumlief. Meine albanische Änderungsschneiderin von nebenan, Miranda Martini – sie heißt wirklich so oder es steht zumindest so auf ihrem Geschäftsschild – stellte sich schnell auf die Produktion von Masken um und bot eine bunte Auswahl von Baumwollmodellen in ihrer Auslage an. Sie hat sie auf einem Baumast aufgehängt – die Osterdekoration dieses denkwürdigen Jahres. Ich kaufte gleich zehn Stück zu je 10 € und hatte die originellsten nicht nur selbst im Gesicht, sondern als Ostergeschenke parat. Natürlich nicht selbst übergeben oder im Osternest versteckt, sondern mit der Post verschickt.

Jaja, die Masken, das wird noch einmal ein Thema für Soziologen und Modehistoriker werden, der Maskenball von 2020. Da ich viel mit den Öffis fahre, sehe ich mir die Modelle gerne an. Abgesehen von den einfachen, türkisen (niemand denkt dabei an die Kanzlerpartei) Supermarktmasken aus China, gibt es viel Individualität zu bemerken. Von den alten Palästinensertüchern bis zu Rapid-Schals, von Alpenvereins-Blümchentüchern bis zu den schwarzen Rocker- und Bikermasken – fast nichts kommt nicht vor. Einige Totenkopfmasken habe ich schon gesehen oder den zugenähten Mund von Hannibal Lecter. Dazu Mickey Mouse, Spiderman und Hexenzähne, als sei der abgesagte Fasching in den März und den April verrutscht. Exotisch wirkt auf mich der Anblick von Kopftuchfrauen, besonders wenn sie Brillen tragen, über der Maske noch Kopfhörer aufhaben und aus den Ohren Kabel baumeln, Riesenameisen nicht unähnlich. Einmal sah ich in der U-Bahn einen Typ mit einer Gasmaske.

Natürlich gibt es auch die kleine Gruppe der Vermeider, die in den Öffis die Masken zusammengeschoben unter dem Kinn tragen. Erinnert mich an die Einführung der Gurtenpflicht – wann war das? –, als manche Autofahrer pro forma den Gurt nur lose um den Oberkörper gelegt hatten. Als die polizeilichen Kontrollen in der U-Bahn besonders intensiv wurden – das Osterwochenende – stieg ich vollständig auf Taxi um. Begünstigt durch die Gemeinde Wien – Wahl steht bevor –, die an die Teilnehmer der Risikogruppe kostenlose Gutscheine für 50 € ausgab. Mein Nachbar, 85 und Autofahrer, gab mir seine dazu. E-Mail geschrieben und nach vier Tagen zugeschickt bekommen. 20 5-€-Gutscheine, blassgelb, die irgendwie an Lebensmittelkupons aus historischen Dokumentationen erinnern.
Als diese verbraucht waren, beschloss ich, das leidende Taxi-Gewerbe privat zu unterstützen und ließ mich mercedesmäßig zu meinem Garten hinausschaukeln. Außerdem hatte ich immer viel Gepäck dabei: Übersiedlung in die Hütte nach dem Winter, neu gekaufte Pflanzen, Blumenerde, Rasensamen, Schneckenkorn, Konserven, Klopapier.

So kam ich als leidenschaftliche Öffifahrerin in kurzer Zeit mit dem bunten Völkchen der Taxifahrer in Kontakt.
Am Ostermontag, einen Tag vor der Einführung der verpflichtenden Maske, trug einer keine. Ich hielt die Türe auf und bellte hinein: Maske, bitte!
Er: Erst morgen.
Typ Pakistani, er tippte mit seinem Finger wortlos gegen die Stirn, der Vogel, zumindest so viel Wienerisch hat er schon gelernt.
Ich: Okay, dann fahre ich nicht mit Ihnen.
Schlug die Tür zu und holte meine Bagage wieder aus seinem Kofferraum heraus und ging zum hinter ihm stehenden Wagen. Der war leider kein Mercedes, sondern ein klappriger Japaner. Auch dieser Driver trug keine Maske. Also zum dritten, ein geräumiger VW, geht auch. Der hatte die Maske unterm Kinn und die Sonnenbrille über der Stirn. Auf der bunten Gratiszeitung, die er neben sich liegen hatte, stand in Riesenlettern „Ab morgen – Österreich maskiert!“ Ein paar Tage später traf ich wieder auf den Pakistani, jetzt hatte er schon eine Maske auf.

Eine andere Taxi-Fahrt von Hütteldorf zu mir nach Hause brachte mir hohen Gewinn.
Ein junger, asiatisch aussehender Mann konnte relativ gut Deutsch, und wir kamen ins Gespräch. Ich frage immer ausländische Taxifahrer nach ihrer Herkunft, mir wurscht, ob political correct oder nicht, ich bin neugierig. Einmal Journalistin, immer Journalistin. Und meistens freuen sie sich, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt, das ist meine subjektive Beobachtung.
Das Gespräch begann mit meinem Garten, wo ich gerade ein paar Heidelbeersträucher gepflanzt hatte.
Ah, Heidelbeeren, die macht meine Frau auch immer, gut für Blut und noch viel mehr.
Er kicherte und griff sich zwischen die Beine.
Er bezeichnete sich als Ainu. Zufällig wusste ich, was die Ainu sind. Doch zufällig ist nichts, aber ich wusste, dass die Ainu die Urbevölkerung der nördlichsten Insel Japans Hokkaido sind und auch der Kurilen. Dass der Zweite Weltkrieg zwischen Russland und Japan wegen der Kurilen offiziell noch immer nicht beendet ist. Noch dazu hatte ich kurz davor auf arte eine Doku über „Japans wilde Inseln“ gesehen, Hokkaido im Mittelpunkt. Als ich auch noch die Erinnerungen und die Bilder auspackte, die Fernseh-Bilder von den in warmen Naturbecken planschenden Makaken, den japanischen Schneeaffen, die einander lausen und kosen, und auch noch von den aus Sibirien einfliegenden Kranichen und ihren Brauttänzen erzählen konnte, da ließ er das Lenkrad los und klatschte vor Freude in die Hände, dass er fast die scharfe Linkskurve beim Amtshaus in der Schönbrunnerstraße zur Pilgrambrücke nicht geschafft hätte.

Wegen des Kurilen-Problems zwischen Russland und Japan habe ich mich mit den Ainu beschäftigt und wusste, dass sie nach der sowjetischen Besetzung versklavt und fast völlig ausgerottet wurden. Als ich ihm meine Erinnerungen an die TV-Bilder schilderte, war er so begeistert von seinem Fahrgast, dass er kein Geld verlangen wollte und mich zu sich, seiner Frau und zu Heidelbeersaft einlud. Aber ich entstieg seinem Gefährt an der Waaggasse und zahlte ihm dagegen den doppelten Fuhrpreis. Scheiß drauf, das muss auch noch drin sein in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Er war schließlich der erste Ainu meines Lebens.
Er hat mir noch gesagt, dass er vier Stunden am Platz gestanden ist ohne einen einzigen Fahrgast. Jetzt fährt er nach Hause.

Wieder eine Fahrt zurück ins Zentrum. Zwar kein Mercedes, dafür aber ein junger Mann, Wiener Türke mit Maske. Er spricht perfekt Wienerisch, schätze Ottakring.
Eigentlich hat er Architektur studiert. Warum nicht weiter? Familie, geheiratet, gleich Kind, brauchte Geld. Aber er will immer noch Architekt werden, vielleicht aber auch erst mein Sohn, lacht er. Die Art und Weise, wie er das Lenkrad berührte, unmerklich mit den Fingerkuppen lenkte, als würde er einen Kinderkopf streicheln, da sah ich ihn mit Bleistift , Zirkel und Lineal, den Architekten.
Worüber wir zu reden angefangen haben, weiß ich nicht mehr so genau, ich glaube, ich lobte ihn für seine gute und intelligente Fahrweise, geschmeidig und flott, ohne dass er jemals die Geschwindigkeitsbeschränkung von 50 überschritten hätte. Alle Kanaldeckel und Schienen überfuhr er ohne Erschütterungen. Ich hatte ja nun schon genügend Driver auf meinen Wegen dahin und dorthin erlebt, aber dieser war genial. Er schaffte die Strecke nicht nur in viel kürzerer Zeit, schlängelte sich elegant durch den mäßigen Verkehr wie ein Fisch im Schwarm, sondern schaffte es auch noch auf den Niedrigstpreis von 15,20 €, während die anderen immer um die 20 verlangten.

Ein Fahrer aus Sri Lanka mit Sikkh-Turban, der in Simmering wohnt, war noch nie so weit im Westen von Wien.
Gar nicht sattsehen konnte ich mich an seinem Aussehen. Er trug einen himmelblauen Turban und eine gelbe Jacke, wie sie Krone-Verkäufer anhaben, ein Paradiesvogel. Das Gesicht war fast vollständig zugewachsen mit einem graumelierten Bart, der ihm weit auf die Brust reichte. Vor Mund und Nase hatte er vorschriftsmäßig die Maske gespannt, die musste aber zwergnasemäßig groß sein, weil aus den Falten ein Riesenhöcker ragte. Sein Bart war so breit, dass die Nase erweiterte Flügel zu haben schien.
Aber je weiter wir ins Rosental fuhren, desto unruhiger wurde er.

Sind wir wirklich noch in Wien?
Er hatte Angst, der Tarif ins Bundesland ist anders.
Ja, das ist Penzing, Hütteldorf, 14. Bezirk, das Rosental.
Er manipulierte an seinem GPS am Mini-Bildschirm herum und fand das Rosental nicht.
Seines sagt ihm Rosentalstraße, ich sage Rosentalgasse.
Ich immer nur Simmering und Donaustadt.
Ich bemühe mich: Linzerstraße, Rosental, Dehnepark, Satzberg und links steil hinauf ein paar Kurven in eine Gartensiedlung.
Nicht Niederösterreich? Immer Wien?
Ja, immer Wien, 14. Bezirk, der ist so grün.

Als ich am Rosenhang seinem Gefährt entstieg und er mir mit dem Gepäck half, schaute er sich um, all die blühenden Obstbäume, der Flieder, die Forsythien in den Gärten, hellgrüne Hügel, die schmucken Häuschen, Villen und Pools, er drehte sich mehrmals um sich selbst und kam aus dem Staunen nicht heraus.
Ist teuer hier?
Ich weiß nicht, ich miete.
Glück gehabt.
Dabei hat er nicht einmal die dramatischen Felsenklippen und den Silbersee am Satzberg gesehen, nicht den „Vatikan des Wienerwaldes“, die über dem Waldrand thronende goldene Kuppel der Otto-Wagner-Kirche, die ihn vielleicht an eine Pagode seiner Heimat erinnert hätte.
Ja, wirklich Glück gehabt, denke ich, als ich mein Gepäck zu meiner Hütte schleppe.

Die gesprächigste Fahrt machte ich mit einem Bosnier, als der er sich sofort vorstellte.
Odakle ste?
Da riss es ihn herum, als hätte ihn jemand ins Genick geschlagen.
Er klappte den Rückspiegel herunter und holte einige Fotos hervor.
Das ist mein Haus in Velika Kladuscha.
Ein großes, dreistöckiges, noch unverputztes Haus mit rotem Ziegeldach zwischen grünen Hügeln, im Tal ein Fluss, das ist die Una, dort gibt es viele Fische, wunderbare Wälder, er kommt ins Schwärmen, Heimat eben.
Das Haus hab ich selbst gebaut. Jetzt leben nur meine Eltern dort. Aber ich komme oft auf Besuch, muss noch weiterbauen. Frage mich, nur für wen? Werden seine Kinder dorthin zurückkehren und dort leben wollen?
Er sprach fast perfektes Deutsch. Knapp nach Ausbruch des Krieges 1991 ist er nach Deutschland gegangen und hat am Bau gearbeitet, erzählt er, später nach Wien und ist schon lange Fahrer bei 40 100.

Ich erzähle ihm, dass ich Erinnerungen an Velika Kladuscha habe, ein Großdorf gleich hinter der kroatisch-bosnischen Grenze. Der Krieg war noch nicht voll ausgebrochen, aber Velika Kladuscha hatte sich schon in drei Zonen geteilt. Am Dorfrand, von Norden kommend, hatten sich kroatische Einheiten festgesetzt, die Mitte mit Burg und Moschee wurde von Bosniaken gehalten, der südliche Rand von den Serben. Wir mussten dreimal verhandeln, um weiter nach Sarajewo zu kommen. Später kam noch eine vierte Front dazu, die Truppen von Fikret Abdic, dem früheren Direktor des mächtigen Konzers „Agrokomerz“.

Mein Fahrer schnaubte. Ja, alle waren verrückt, damals. Ich wollte da nicht mitmachen und bin abgehauen. Alle sind Lügner, alle betrügen einander und die ganze Welt. Glauben Sie nie etwas, was Ihnen ein Jugo sagt. Ihm auch nicht? Wie oft habe ich solche Schutzbehauptungen schon gehört. So richtet sich jeder seine Vergangenheit zurecht, damit er irgendwie weiterleben kann. Vom Alter und der Statur her könnte er ein Kämpfer gewesen sein, auf welcher Seite auch immer.
Das war meine bisher letzte Fahrt ins Rosental hinaus, mit einem Taxi, da wir aus der Quarantäne entlassen worden sind. Zumindest meine Kulturstudien werde ich vermissen.

Wien, 2. Mai 20

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 20082

Beobachtend durch die Stadt

Schlendernd gehe ich herum
Ohne Ziel,
beobachtend
Gedanken sammeln sich an
Eindrücke wirken leer
Da, wo alles schwimmt,
sind Wasserfarben grau
Ich muss nach Hause
Hier sammeln sich Gewichte an
Mein Rücken wird davon nicht besser

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 20076

Idyllische Momente

Bunte Häuser
Gärten mit Weintrauben
Zeiger wandern langsam über die Felder
ruhige Gedanken
zerstreute kann man zusammensetzen,
Im Betonbau
wo es wuselt
werden sie wie Mikado-Stäbe zusammengeworfen

Nachts leuchten Sterne herab
wie selten ein Stadtkind sie erblickt
Sommerliche Tage
Weinreben hängen am Stock,
auch wenn man nicht trinkt
Mein Geist ist betrunken von der Schönheit
Violette Beeren schmecken süß-sauer
etwas Raues bleibt als Nachgeschmack

Ein langer Fluss zieht an Häusern vorbei
Alte Häuser mit schiefen Zäunen
Rehe, Böcke, Hasen, Ziegen, Hühner, Habichte, Rinder, Schafe, Schweine, Hunde, Katzen

Nichts, was den Geist krank macht
vielleicht der Alkoholkonsum mancher
Blaskapelle
Tamburizza
Ziehharmonika
Feste finden sich immer

Altes magyarisches Geschlecht geistert
noch immer in den Städten

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 20071