Schlagwort-Archiv: hin & weg

Auf dem Mars

Wir schreiben das Jahr 2059. Ich sitze vor meinem Piccolo Computer im Marshabitat. Es ist 17:48 Uhr, um 18 Uhr wird eine Nachricht der Bodenstation eingehen. Übermorgen wird die Fähre eintreffen, die mich zur Erde zurückbringen wird. Dann habe ich die drei Jahre Marsaufenthalt hinter mir und eine Stange Geld auf dem Konto.

Hier lebe ich gemeinsam mit Anja, Maria, Hermann und Olaf. Die vier sind zwei Paare, aber nicht, wie man vielleicht denken würde, je eine Frau mit einem Mann, sondern Anja und Maria sowie Hermann und Olaf. Ich bin das klassische fünfte Rad am Wagen. Außerdem bin ich hier gezwungenermaßen Vegetarier.

„Beep – beep – beep.“ Das ist meine Nachricht! „Hallo, Herr Randolph, hier ist Maren.“ „Ah, Maren, das freut mich sehr!“ Man muss immer nett sein, denke ich. „Das ist schön, Herr Randolph, aber ich muss Ihnen leider etwas Unerfreuliches mitteilen.“ „Oje, Maren, so schlimm wird es wohl doch nicht sein.“ „Ich fürchte doch, Herr Randolph. Wissen Sie, übermorgen wird keine Fähre bei Ihnen eintreffen.“ „Was, wie, warum denn nicht? Wann denn dann?“ „Gar nicht, Herr Randolph.“ „Das kann doch nicht sein! Weshalb denn nicht“ „Sparmaßnahmen.“ „Sparmaßnahmen?“ „Genau, Herr Randolph, aber ich habe auch eine gute Nachricht für Sie, Sie erhalten Ihr Geld weiter pünktlich an jedem Monatsletzten.“ „Aber kann es hier ja nicht ausgeben.“ „Es tut mir wirklich leid, Herr Randolph. „…“

Jetzt werde ich bis zu meinem Ableben nur noch diesen roten Planeten sehen, das Habitat, die Gewächshäuser für Gemüse, die zwei Rover, das Labor und den Fitnessraum mit dem Tischtennistisch, wo mich niemand mitspielen lässt. Keiner führt so ein elendiges Leben, wie ich es tue.

Der Marsmensch mit Augenklappe in seiner fliegenden Untertasse und 20

Der Marsmensch mit Augenklappe in seiner fliegenden Untertasse und 20

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 23160

 

Karibik

Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

Wir, das sind meine Frau, unsere vier Kinder und ich, können uns keinen Urlaub leisten. Kein Wunder bei vier Kindern. Wer hat heutzutage noch vier Kinder? Wir eben, deshalb geht sich kein Urlaub aus. Ich verdiene als Angestellter im mittleren Management gar nicht so schlecht, doch meine Frau muss wegen der Kinder zuhause bleiben.

Wir brauchen aber einen Urlaub. Gar nicht zur Erholung oder zwecks Abwechslung, sondern aus Imagegründen. Jeder von uns sechs möchte Urlaubsfotos posten, Urlaubsvideos auf den sozialen Medien, die er verwendet, online stellen. Das muss man einfach. Tut man das nicht, gilt man als arm und wird Spott ertragen. Auf keinen Fall, mir wäre das ja egal, darf das meiner Hilde und den Kleinen zustoßen.

Zum Glück gibt es dafür das Reisebüro Vi-Holidays. Vi stellt bestimmt für virtual. In Wirklichkeit müsste es Fake Holidays heißen. Für zwanzig Prozent des errechneten Preises der Reise erzeugt es die Illusion dieses Urlaubs, mit allem, was dazugehört. Zwanzig Prozent, das ist zwar happig, aber es geht sich aus. Diesen Sommer fahren wir in die Karibik.

Das Ukulele spielende Hulamädchen im oooh-YEAH-Auto

Das Ukulele spielende Hulamädchen im oooh-YEAH-Auto

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 23132

Ein Reisender

Er reist gerne in die Ferne
Tut er das?
Ja, man weiß es in der Nachbarschaft
Wo keine Lücke klafft
Wo jeder weiß, worum es geht
Wenn er mit dem Koffer vor dem Taxi steht
Geht ein Raunen durch die Nachbarschaft
Ob er wohl diesmal auch die Rückkehr schafft?

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 23087

 

Die ewige Nacht  

Diese Nacht wird niemals enden.
Ich werde in den Himmel hochsteigen
und oben bleiben,
im schwarzen Weltraum,
in der ewigen Nacht.

Lichter entlang des westlichen Teils der Villacher Straße in Klagenfurt in der Nacht des 17. November 2022

Lichter entlang des westlichen Teils der Villacher Straße in Klagenfurt in der Nacht des 17. November 2022

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 23030

Komm zurück!

Angeregt von Brigitte Kranz

Komm zurück!
Du bist im Himmel,
aber in keinem schönen, sondern im schwarzen.
Komm zurück!
Und in welcher Zeit lebst du überhaupt, 1967 oder 2092?
Heute ist der 14. August 2022.
Da solltest du sein.
Geh dorthin!,
sonst verschwindest du in Zeit und Raum.

galaktisch

galaktisch

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 22133

Immer am Meer

Immer am Meer wird mein Herz so schwer.
Dann fühlt es sich an, als ob darin nur Ballast wär,
der sich aufgetürmt hat und an den Wänden drückt,
es in die Tiefe zieht und auf den Narben zwickt,
und ich lauf gebückt und mit gesenktem Blick rastlos umher,
kann mein Herz kaum noch tragen, weil sich der Kummer
in jeder Kammer durch die Täler frisst, in die Schluchten gräbt,
will an mir nagen, bis mein Herz vergisst zu schlagen.

Dann hilft mir das Meer und schlägt mit den Wellen
meinen Takt, so horche ich auf und sehe es an,
atme den Wind und fühle dann, wie es aufschäumt in mir,
sich in mir verströmt, und wie die Wellen durch mein Blut schnellen, meine Adern
anschwellen, und das Leben in mich schießt, alles fließt, Gefühle erwachen,
weil die Wellen mein Herz neu entfachen, es am Zipfel packen, daran rütteln,
es ausschütteln, bis mein Kummer weicht, klammheimlich
zu den Wolken schleicht, und ich atme auf.

Und bin federleicht.

Claudia Lüer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 22096

Ode an eine Ionische Insel

Angesichts des attisch blauen Meers
Das Kefalonia
Die Krone der Ionischen Inseln
Umgibt
Meint man
Nach dem Genuss
Des süffigen Weins
Die antiken Götter
Verbergen sich
In den Zypressen- und Ölbaumhainen
Und haben uns
Im Auge

Und blickt nicht Odysseus selbst
Vom Enos
Auf das attische Blau
In dessen Dunst
Himmel und Meer verschmelzen?

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 22092