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Der Gefangene von Schloss Weyerburg

Nachdenken über Rache, die Fälle Skripal, Litwinenko, Beresowski u.v.a.

Es ist eine dunkle, stürmische Novembernacht des Jahres 1717. Vier Kutschen rasen aus der Reichshauptstadt hinaus durch die Ebene nach Norden. Die erste, ein Militärtransporter mit schwarzem Doppelgespann von kräftigen Rössern, ist voll besetzt mit Soldaten. Die zweite eine reichverzierte Staatskarosse, die dritte Kutsche ist mit schwarzen Tüchern verhangen, auf dem Kutschbock sitzen Soldaten, und auch auf den Trittbrettern sind ungarische Husaren postiert. Die vierte ist so wie die erste ein Armeetransporter. Eine geheime Staatsaktion. Wer versteckt sich in diesem seltsamen Begleitzug zu nachtschlafener Zeit? Warum diese Eile? Was ist das Ziel der Fahrt?

Dahinter verbirgt sich eines der monströsesten Kapitel der an Schrecknissen wahrlich nicht armen Geschichte Russlands. Die Verfolgung und die Ermordung des Zarewitsch durch seinen eigenen Vater, Peter den Großen. Der Familienkonflikt beginnt schon in der Kindheit. Peter erkennt früh, dass Alexej von Natur aus missraten ist und stellt ihm strenge Erzieher zur Seite, die ihm aber nichts beibringen außer Duckmäuserei, Verstellung, Heuchelei und Intrigenspinnen. Alexej will nichts lernen, interessiert sich nicht für Politik und Militär, was dem Zaren am meisten am Herzen liegt. Ausschließlich die Religion hat es ihm angetan, beeinflusst von seiner frommen Mutter. Er versenkt sich in katholische Mystiker wie Thomas von Kempten und liebäugelt einmal mit den geächteten Altgläubigen, einmal mit dem verhassten Katholizismus.

In seiner Umgebung treiben sich allerhand zwielichtige Popen herum, die ihn gegen die Reformen seines Vaters aufstacheln. Er gefällt sich darin, dass ihn das Volk als wiedergekehrten Demetrius feiert. Bald vermutet der Zar Verschwörungen gegen sich und schickt den Zarewitsch auf Reisen. Gegen seinen Willen wird er mit einer hässlichen, protestantisch-deutschen Prinzessin verheiratet, die er ignoriert, wenn er sie nicht misshandelt. Sie stirbt nach nur fünf Jahren Ehe, nachdem er die Schwangere getreten und eine Treppe hinuntergestoßen hat.
Er nimmt sich eine Mätresse ins Haus, huldigt Völlerei und Sauferei im Palast und in den Vorstädten. Dort sammelt er das Moskauer Volk um sich im Widerstand gegen die neue Hauptstadt und Peters Staatsumbau. Bald droht ihm der Vater an, ihn von der Thronfolge auszuschließen, ihm seine Mätresse zu nehmen und ihn ins Kloster zu schicken. Seine verstoßene Mutter hat Peter schon früh nach Susdal zu den Nonnen verbannt. Als Alexej sie einmal heimlich besucht und Peters Spione das herausfinden, bestraft er den Sohn derart mit Prügeln und Auspeitschen, dass der nur knapp überlebt.

In seiner Not flüchtet der Zarewitsch zu Kaiser Karl VI. nach Wien. Der kann den lästigen Gast nicht einfach abweisen, weil Alexej über seine verstorbene Frau Charlotte von Braunschweig-Wolffenbüttel mit den Habsburgern verwandt ist. Verkleidet als polnischer Offizier Kremenetzky steigt er zusammen mit seiner Mätresse Afronisia, einer leibeigenen Bauernmagd, ihrem liederlichen Bruder und einem idiotischen Diener im Gasthof zum Schwarzen Adler beim Freihaus ab. In Breslau, Frankfurt/Oder, Dresden und Prag hat er sich noch als Oberstleutnant Kochanowski mit Frau und Bediensteten ausgegeben. Es ist zehn Uhr abends, der Vizekanzler Schönborn ist schon im Schlafrock und will sich zu Bett begeben, als „Kremenitzky“ hereinstürmt, sich auf die Knie wirft, zittert und stottert, Speichel fließt aus dem Mund, und ihn anfleht, dass der Kaiser ihn vor dem schrecklichen Vater und Herrscher retten soll. Es ist der 10. November 1717.

Kaiser Karl VI. erteilt seinem Vizekanzler Schönborn den Befehl, den ungebetenen Gast schnellstens verschwinden zu lassen, möglichst ohne Spuren und Wissen anderer. Graf Friedrich Karl Schönborn hat zwei Jahre zuvor eine Burg im Weinviertel erstanden, die Weyerburg in der Nähe von Hollabrunn. Das ist nur eine kurze Strecke von der Hauptstadt entfernt, die Burg ist schwer befestigt, hat dicke Mauern und tiefe Keller, Verliese und Tunnelsysteme. Die Umgebung ist nur dünn besiedelt, und es konnte gut sein, dass niemand etwas von diesem Gast mitkriegen würde. Der Kaiser hat sich noch nicht endgültig entschieden, wie er sich gegenüber der Forderung des Zaren, den Flüchtling auszuliefern, verhalten soll.
Peters Botschaft ist eindeutig: Sollte der Kaiser seinem Wunsch nicht nachkommen, würde er seine Truppen in die österreichischen Länder Böhmen und Schlesien verlegen. Oder sich den ungehorsamen und verräterischen Sohn selbst holen. Also Krieg. Staatskrise. Blamage vor ganz Europa. Für Karl eine ganz besonders unangenehme Lage. Also, der Schönborn soll sie lösen. Ab nach Weyerburg, den Flüchtling dort lebendig begraben und Gras über die Sache wachsen lassen. Habsburgisch.

Der Zarewitsch soll sich in einer schönen, ruhigen Weinviertler Burg ausrasten, nicht zuletzt braucht auch die schwangere Afronisia Erholung. Alexej und seine bunte Entourage werden in die Weyerburg verfrachtet. Wie beschaulich die Ruhepause war, ist nicht bekannt, sie dauerte aber nicht länger als sechs Wochen.
Karl hat nicht mit dem unaufhaltbaren Zorn und Rachegelüsten des Zaren gerechnet. Der lässt nicht locker und schickt seine Agenten nach Wien. Sie sind reichlich mit Geld und Spitzeln ausgestattet und können einen Bediensteten in der Hofburg bestechen. Bald tauchen fremde Gestalten um die Weyerburg auf. Es ist klar, Alexej ist dort nicht mehr sicher. Der Zar bombardiert den Kaiser mit Briefen und mit immer dreisteren Forderungen und Drohungen.

Wieder ein geheimer Transport bei Nacht und Nebel, diesmal in die Festung Ehrenberg in Tirol. Eine uneinnehmbare Burg auf einer einzeln stehenden Felsnadel ohne Zugang in einer unwirtlichen Berglandschaft.
Die Bewohner werden über Körbe an Seilen versorgt. Sogar trainierte Falken und Seeadler werden eingesetzt, um notwendige Güter über Ehrenberg abzuwerfen. Alexej und seine Gesellschaft hausen in Felszellen mit Gittern vor den Fenstern. Es nützt alles nichts. Peters Jäger und Spürhunde nehmen die Fährte auf. Die Geheimdienstoffiziere Wjesselowski, Rjumanzew und Tolstoj sind unermüdlich und fintenreich. Wieder können sie einen Referendar der Hofkanzlei bestechen und erfahren, dass Alexej in Tirol verborgengehalten wird. Karl will keinen Krieg wegen einer Person, die für ihn nicht wichtig ist und die er verachtet, er will jeden Skandal vermeiden und nicht zum Gespött Europas werden.

Im Bezirk Reutte werden die Menschen schon unruhig, weil so viele fremde Gestalten auftauchen. Sie schleichen um die Burg herum und machen die ganze Gegend unsicher. Zwielichtige Personen treiben sich herum, mit falschen Pässen jüngstens Datums, fraglicher Nationalität und verteilen Geld. Russische Spione wollen den Zarewitsch entführen, berichtet der Staatssekretär Kühl, für einen Beamten ungewöhnlich aufgeregt, nach Wien.
Die Feste in Tirol ist nicht mehr sicher.
Große Achtung vor Peters Jagdaktionen hat der Kaiser nicht. Zorn steigt in Karl hoch, und er fühlt sich in seiner Ehre gerührt. So schreibt er an Prinz Eugen von Savoyen auf Französisch:
Keiner dieser barbarischen Moskowiter soll sich des Zarewitschs bemächtigen oder Hand an ihn legen. Diese Schurken – und das sind diese Moskowiter allesamt – sind zu allem fähig.
Bei Prinz Eugen denkt er natürlich an die Armee.

Am liebsten wäre ihm, wenn der Sohn die Verzeihung des Vaters erlangen könnte und schreibt in diesem Sinne an Peter.
Kaiser Karl denkt nach und wendet sich an den Vizekönig von Neapel, den Grafen Daun. Sie beraten sich miteinander.
Du Daun, ich hab da eine russische Wanze im Pelz. Der missratene Sohn vom moskowitischen Peter. Barbaren, Barbaren durch und durch. Hast du dort irgendetwas, wo ich diese Ratte verschwinden lassen kann. Nicht wirklich wichtig, aber sehr lästig. Wanze, Laus, Moskowiter eben.

Ja, Daun hat etwas. Das Schloss Sant’Elmo auf einer Felseninsel im Golf von Neapel.
Von Mantua an sind die Jäger ganz nahe an den Flüchtlingen, von Station zu Station. Bis nach Neapel, bis nach Sant‘Elmo. Daun tut, was er kann, aber die Agenten belagern die Burg und bestechen halb Neapel. Peter droht in endlosen Briefen an Kaiser Karl weiter und immer intensiver. Einmal kündigt er sogar an, von Petersburg aus durchzumarschieren bis nach Neapel, um sich seinen Sohn mit der Armee zurückzuholen. Sein heiliges Recht, als Vater und Alleinherrscher, wie er meint. Der Vater- und Staatsverräter muss gerichtet werden. Was kann mich aufhalten? Karl knickt ein. Für einen Trottel und Unhold wie Alexej, den missratenen Zarensohn, will er nicht mehr riskieren. Schließlich gelingt es Peters Agenten, die schwangere Afrosinia zu kaufen, die Alexej zur freiwilligen Rückkehr bewegen kann. Sie verrät ihren Liebhaber. Was man ihr bei Widerstand alles angedroht hat, kann man sich leicht vorstellen.

Das Ende ist so unendlich schrecklich, dass die russische Geschichtsschreibung darüber hinweggeht, die die Romanows in eine ungebrochene Geschichtstradition stellt. Unter Putin, der sich gern als moderner Peter sieht, ist das wieder besonders modisch geworden.

Peter holt schließlich seinen Sohn aus Sant‘Elmo heraus, mit Hilfe der Spione und von falschen Versprechungen auf Verzeihung und Milde. In Moskau wirft er ihn ins Gefängnis, lässt ihn foltern und unterzieht ihn einem grausamen Prozess. Dann darf ihn die Kirche öffentlich aburteilen. Eines Tages liegt Alexej tot in seiner Zelle. Herzversagen. Manche sagen, Peter, der Vater, hat ihn eigenhändig stranguliert. Auch die Rechtmäßigkeit dieser Art von Bestrafung lässt er von der Kirche absegnen. Er richtet ein pompöses Begräbnis aus und gleich danach ein Volksfest mit Feuerwerk, Zirkus, Flüssen von Freibier und Wodka. Die Moskowiter dürfen auf Alexejs Grab tanzen.

23.3.18

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 18144

Musik und Mord

Lange grüble ich schon darüber nach, wende die Sache in meinem Kopf hin und her und kann zu keinem objektiven und endgültigem Urteil kommen. Aber vielleicht braucht es gar keine Objektivität, kein Urteil, und schon gar kein endgültiges. Wie komme ich überhaupt dazu, mir anzumaßen, ein Urteil fällen zu können, das bis zum Ende der Zeiten gültig sein soll?

Höchstwahrscheinlich ist mein Verstand nicht dazu gemacht, dies zu entscheiden, nicht scharf, nicht analytisch und nicht genau genug. Aber kann überhaupt ein Verstand dazu im Stande sein, eine solche Entscheidung mit den Mitteln der Vernunft zu treffen? Es hat sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass die menschliche Rationalität begrenzt ist. Gleichzeitig ist es gerade die vorläufige rationale Kontrolle, die es uns erlaubt, der Fantasie scheinbar alle Freiheit zu lassen. Daher habe ich entschieden, die beiden Seiten der Sache darzustellen und den Gefühlen und der zeitweiligen Urteilskraft der Leser freien Lauf zu lassen.

Es war einmal ein Russe namens Wladimir Fjodorowitsch Odojewski, der lebte zwischen 1803 und 1869 in St. Petersburg und Moskau. Er stammte aus einer reichen, fürstlichen Familie, war Jurist, Schriftsteller, Komponist, Philosoph, Kinderbuchautor, Musikpädagoge und Naturforscher, hatte lange die Stelle des Direktors der kaiserlichen öffentlichen Bibliotheken inne, später des Rumjanzew-Museums in Moskau. Fürst W. F. Odojewski war sicherlich kein einfältiger Mensch, sondern fast so etwas wie ein Universalgelehrter. In seinen späten Jahren gerierte er sich wie Faust in seiner Studier- und Alchimistenstube. Mit seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen beeinflusste er die Großen der Literatur wie Turgenjew, Dostojewski und Tschechow. Er bezieht sich eindeutig auf die deutsche Romantik, dabei vor allem die Phantastik eines E.T.A. Hoffmann, und bringt die epische Sprache des Russischen zu ihrem ersten Höhepunkt. Trotz seiner adeligen Herkunft enthalten viele seiner Erzählungen in Form der Satire scharfe Kritik am russischen Adel und dem zaristischen Absolutismus. Kein Geringerer als Dostojewski bekennt 1861, selbst schon berühmt, wie sehr ihn Odojewskis Schreiben geformt hat und wie sehr er ihn verehrt und liebt.

Als Komponist und Musikpädagoge beschäftigt er sich intensiv mit Bach, Wagner und Piranesi, auch mit dem für ihn größten Gestirn, mit Beethoven. Nur sechs Jahre nach dessen Tod schreibt Odojewski die Erzählung „Das letzte Quartett Beethovens“, lange bevor eine umfassende Lebens- und Werkbeschreibung erschienen ist. Er verrät nicht, wie ihm als sehr jungem Menschen bekannt geworden ist, dass der russische Fürst Nikolai Galitzin 1822 bei Beethoven „ein, zwei oder drei Streichquartette“ bestellt hat. Er schickte einen Brief an „Monsieur Louis van Beethoven a Viennes“. Solche vagen Angaben reichten damals, dass die Post aus dem fernen St. Petersburg den berühmten Komponisten in Wien erreichte, und das bei den Dutzenden von dessen Wohnadressen. Galitzin fühlte eine enge Verbindung mit Wien, war doch einer seiner Vorfahren lange Zeit Gesandter am Hof von Maria Theresia und Joseph II. gewesen. In diesem Schreiben bezeichnet sich Nikolai Galitzin als leidenschaftlichen Cello- Spieler und Bewunderer von Beethoven. An seinem Hof habe er ein von ihm bearbeitetes Streichquartett aufgeführt, berichtet er ihm. Gleichzeitig poltert er gegen den schlechten musikalischen Geschmack in Europa, vor allem gegen „la charlanterie italienne“, die derzeit vorherrsche, aber vergänglich sei im Gegensatz zu den unsterblichen Meisterwerken Beethovens. Als ob er es gewusst hätte, dass sich Beethoven ständig in Geldnöten befand, überließ er es dem Meister, den Preis selbst festzusetzen. Beethoven schlug ein und setzte die exorbitante Summe von 50 Dukaten pro Streichquartett fest, auszahlbar durch eine St. Petersburger Bank nach Lieferung.

Kurz zusammengefasst, Beethoven lieferte, konnte liefern, weil er schon einige Zeit etwas im Kopf hatte: Op. 127, op 131 und op 130 gelten als die „Galitzin-Quartette“. Das erste schrieb er in nur zehn Wochen und schickte es ab. Es traf die prompte Zahlung ein, für die beiden anderen verzögerten sich die Transfers, teils weil die Bank sie verweigerte, teils wegen eines Streits mit Galitzin. Beethoven hatte es sich nicht nehmen lassen, sie alle vorher mit seinen bewährten Musikern in Wien uraufführen zu lassen. Dann gestand Galitzin ein, in finanziellen Schwierigkeiten zu sein, weil er sich an dem zaristischen Feldzug gegen Persien, an dem er selbst teilnahm, überhoben habe. Der Geldstreit um die Streichquartette hielten Beethovens Erben und Testamentsvollstrecker noch bis 25 Jahre nach seinem Tod in Atem. Es ist nicht einmal gesichert, ob der Besteller selbst je eines von den Streichquartetten gehört hat.

Odojewski klärt das in seiner Erzählung ebenso wenig auf wie die Frage, ob er selbst sie kannte. Aufgrund der vagen, dafür umso schwulstigeren Wortkaskaden, die auf viele Musikstücke zutreffen könnten, ist das zu bezweifeln.

Jedenfalls bezieht er sich nicht auf eines der drei „Galitzin-Quartette“, sondern auf das allerletzte, das F-Dur, op 135, an dem Beethoven bis zu seinem Tod gearbeitet hat.
Aber offensichtlich geht es ihm gar nicht um das Streichquartett und die Umstände seiner Entstehung, sondern um die Verteidigung des Meisters gegen die Wiener. Die Erzählung ist eine infame Verteufelung und Verhöhnung der Wiener, die nichts von dem Genie in ihrer Mitte verstanden hätten. Odojewski, der nie in Wien war und nie am musikalischen Leben in dieser Stadt teilgenommen hat, weiß es besser. Die Wiener sind Phäaken und Ignoranten mit schlechtem Geschmack, sie gingen lieber ihren niedrigen und ungezügelten Leidenschaften nach, Wein, Weib und Gesang, Gesang vor allem von billigen Italienerinnen, die er allesamt in den Niederungen von Untalentiertheit, Strich und Puff ansiedelte. Er insinuiert sogar, dass die Wiener das göttliche Genie, dessen sie nie würdig waren, ihn indirekt umgebracht haben, indem sie ihn nicht genügend anerkannt und gefeiert hätten. Und übrigens sei er taub geworden, damit er ihr schales Gerede in einer verhunzten Sprache (komisches Deutsch) nicht mehr anhören musste.

Nur Russen wie der Fürst Galitzin (und natürlich er selbst) hätten ihn retten können vor den von Wald, Walzer und Wein besoffenen Wienern. Das ist schon eine großartige Fernsicht aus St. Petersburg. Mit seiner übergroßen Liebe zu Beethoven schimpft sich der russische Fürst in eine überschäumende, geifernde Verunglimpfung des Wiener Musiklebens und ihrer Liebhaber hinein, die ein klassisches Vorbild hat:
Puschkin hat die Richtung und den Ton vorgegeben mit seiner „Kleinen Tragödie“ über Mozart und Salieri. Eine in marmorne Poesie erstarrte Lüge über den angeblichen Giftmord Salieris an Mozart, die Legende vom Kampf des akkuraten, alternden Handwerkers gegen das überschäumende, junge Genie. Puschkin wusste von dem unhaltbaren Gerücht, es passte ihm aber in den eigenen Kram, es als vom Zaren persönlich verfolgter Künstler aufzufrischen und in eherne Verse zu gießen. Ich selbst traf auf viele Russen, die vom Giftmord völlig überzeugt waren. Ein trauriges Zeugnis für die Erkenntnisschwäche der Russen, aber auch für die Macht der Poesie. Darüber hinaus konnte ich mich davon überzeugen, dass die Russen nichts so sehr lieben wie Verschwörungstheorien, den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, wobei sie sich so gern auf die Seite des vermeintlich Guten stellen und damit selbst gut werden. Tausende Male diskutiert, warum keine andere Kulturnation so viele seiner Dichter, Komponisten, Kritiker, Regisseure, Wissenschaftler, Lehrer und Geistliche über die Jahrhunderte an die Staatsmacht ausgeliefert und in Sibirien ermordet hat. Das waren doch nicht wir, das war damals die zaristische Ochrana, das war die Tscheka, der NchWD, der KGB, der FSB. Und was machen sie jetzt mit Serebrennikow?
Aber zurück zu diesem philanthropischen Fürsten Odojewski.

Also, die Wiener sitzen ununterbrochen auf langen Bänken unter den Kastanien, fiedeln und tanzen und trinken ihren frischen, sauren Wein, für den der Fürst nur Verachtung hat im Vergleich zu seinem französischen Champagner oder dem heimischen Wodka.

Während sie sich so vergnügen, stirbt das Genie. Wie können sie nur. Odojewski leidet mit aus der Ferne. Es kümmert ihn nicht, dass sich Beethovens Todeskampf von Dezember 1826 an abgespielt hat und am 26. März 1827 ausgestanden ist. Als sich die Nachricht von Beethovens Krankheit in Wien verbreitet, hört der Besucherstrom vor dem Schwarzspanierhaus nicht mehr auf. Bis auf die engsten Freunde und Familie wird niemand mehr vorgelassen, aber die Wiener bringen stapel- und kistenweise Wein, Kuchen, Süßigkeiten, Honigmet, Riechflaschen, Wein, Arzneien, Kräutertrank, Mandelmilch, Blütentee, Petersilsuppe und andere Geschenke. Die Wiener wussten sogar, dass er beim Bier das dunkle Horner aus dem Waldviertel bevorzugte. Es waren dem Volk nicht nur die vielen Wohnadressen bekannt – er ist ganze zweiundvierzig Mal umgezogen – sondern auch seine Vorlieben, von denen sie viele mit ihm teilten. Sie wussten, dass Beethoven sein Leben lang dem Wein gerne und meist im Übermaß zugesprochen hat. Rhein- und Moselweine sind seine Favoriten, aber er verschmähte auch keinen alten Gumpoldskirchner oder frischen Grinzinger, wenn einmal der Rüdesheimer ausging. Sein Bruder Johann schwor auf den Wachauer aus Gneixendorf.

Am 5. Jänner traf ein großes Paket aus London ein: die Gesamtausgabe von Händels Werken in vierzig Bänden; sie machte ihm große Freude, weil Händel für ihn der größte Komponist gewesen ist. Er freute sich wie ein Kind und ließ sich immer wieder einen Band reichen, über den er zärtlich mit der Hand strich, berichtet ein Besucher. Er musste vielen davon erzählt haben, denn die Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode brachte am 27. Jänner eine Meldung darüber. Nicht nur Freunde und Kollegen eilten herbei, als Beethovens schlechter Gesundheitszustand bekannt wurde. Auch der halbe Hof und viele Adelige stellten sich ein, schickten Botschaften und Geschenke. In den drei Monaten nahmen die Wiener regen Anteil an Beethovens Krankheit.
Am 21. März diktierte er den letzten Brief an Fürst Galitzin, in dem er diesen an seine Zahlschuld für die zwei letzten Streichquartette erinnerte, die Nr 13, op 130 und Nr 14, op 131. Die Erben und Nachlassverwalter werden noch fünfundzwanzig Jahre mit den Russen darüber streiten.

Am 25. März, kurz nach der letzten Ölung durch einen Priester, traf ein Kistchen mit Wein und Kräuterbalsam ein, zwei Flaschen Rüdesheimer 1806, ein hervorragender Jahrgang. Der Diener stellte es auf das Tischchen neben Beethovens Bett, der schaute sie an und sagte: Schade, schade …. zu spät. Man tröpfelte ihm davon löffelweise auf die Lippen, aber er konnte nicht mehr schlucken, er war ins Koma gefallen.

Am Montag, dem 26. März, machten sich gegen Mittag seine engsten Gefährten, Vater und Sohn Breuning von der Schwarzspanierstraße aus auf den Weg hinaus ins Währinger Dörfl, um auf dem Friedhof eine Grabstelle auszusuchen. Der aus Graz herbeigeeilte Freund Anselm Hüttenbrenner – Komponist, Pianist und Musiklehrer – und die Haushälterin Sali sind die einzigen Menschen neben dem Sterbenden.
Zeitgenossen und Biographen stimmen überein, dass sich am Montag, dem 26. März im Laufe des Nachmittags ein schreckliches Gewitter zusammenzuziehen begann, dunkle Wolkenfelder ganz niedrig, ein Ungewitter, mit Schneegestöber und Hagel.

„Da fährt unter einem gewaltigen Donnerschlag ein greller Blitz, von einem gewaltigen Donnerschlag begleitet, herunter und erleuchtet das Zimmer im Schwarzspanierhaus. Beethovens Augen öffnen sich weit, er hebt die rechte Hand, ballt sie zur Faust und starrt ernst und drohend in die Höhe. Dann sinkt die Hand wieder auf das Bett und die Augen schließen sich halb.“ (Der Biograf … ) Der Musiker Anselm Hüttenbrenner ist neben der alten Haushälterin Sali in Beethovens Sterbezimmer. Hüttenbrenner legt dem Sterbenden die Hände auf die Brust. Beethoven atmet nicht mehr und sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Hüttenbrenner drückt ihm die Augen zu und küsst seine Lider. Dann zieht er seine Uhr heraus, es ist dreiviertel sechs. Jetzt lässt Hüttenbrenner den jungen Maler Josef Teltscher ins Sterbezimmer rufen, damit er einige Zeichnungen vom Toten anfertigt. Danach schneidet er ihm eine Locke aus dem Haupthaar und bewahrt sie in seinem Notizbuch auf.

In der Sterbematrik der Minoriten auf der Alser Straße steht eingetragen: Ludwig van Beethoven, gest. 26. März 1827, lediger Tonsetzer, geb. 1770 zu Bonn im Reichsgebiet, gest. an Wassersucht, begraben am Gottesacker des Dorfes Währing.

Beethoven wurde am 29. März in der Alserkirche aufgebahrt. An den Feierlichkeiten und dem Trauerzug nahmen 20 000 Menschen teil, damals die Hälfte der Bewohner der Innenbezirke.
Das Gedränge war so groß und die Stimmung so heftig, dass Militär eingesetzt werden musste, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Schulen und Ämter blieben geschlossen. Es ging heftiger Schneeregen nieder und es wehte ein eisiger Wind. Das Leben in Wien steht praktisch still. Am Eingang zum Friedhof trägt der Schauspieler Heinrich Anschütz die bewegende Grabrede, die Franz Grillparzer verfasst hat, vor. Den Sarg begleiten 36 Fackelträger, von denen Franz Schubert einer ist. Nur ein Jahr später wird er selbst unter großer Anteilnahme der Wiener zu Grabe getragen.
… Drum scheidet trauernd, aber gefaßt von hier, und wenn euch je im Leben, wie der kommende Sturm, die Gewalt seiner Schöpfungen, übermannt, wenn Eure Thränen fließen in der Mitte eines jetzt noch ungeborenen Geschlechts, so erinnert Euch dieser Stunde, und denkt: Wir waren auch dabey, als sie ihn begruben, und als er starb, haben wir geweint.
(Ende der Grillparzer-Rede)

1863 wird Beethoven erstmals – wieder unter großer Anteilnahme der Bevölkerung –exhumiert, die Gebeine und der Schädel vermessen und fotografiert, 1888 ein zweites Mal, diesmal aber umgebettet in die Ehrenhalle des eben eröffneten Zentralfriedhofs.
Nach Odojewskis Ansicht hätten die Wiener, so wenig wie sie das Sterben und den Tod in ihrer Kulturlosigkeit und Oberflächlichkeit gebührend gewürdigt haben, kollektiv Selbstmord begehen müssen, um dem Genie in ihrer Mitte gerecht zu werden, das sie nicht erkannt haben, sozusagen als Buße dafür, dass sie ihn mit ihrer Ignoranz nicht gerade ermordet, aber in den zu frühen Tod getrieben hätten. Es ist der unerträgliche moralische Alleinvertretungsanspruch, der die Odojewski-Erzählung so abstoßend macht. Es ist der ekelhafte Schwindel, zu dem Odojewski unter dem Deckmantel der künstlerischen Freiheit, der freien Einbildungskraft, greift.

Und was hätte Odojewski erst daraus gemacht, hätte er gewusst, dass die schwindligen Wiener zugelassen haben, den Mozart-Mörder als Lehrer von Schubert und Hüttenbrenner wirken zu lassen. Sicher auch wieder nur eine typisch wienerische, hinterlistig-dumme Verschwörung gegen Beethoven. Dass Hüttenbrenners Requiem Nr. 1 in c-Moll bei Salieris Einsegnung 1825 gespielt wurde, ebenso wie bei Beethovens 1827 und ein Jahr später bei Schuberts. Hüttenbrenner überlebte seine Freunde so lange, dass er noch mit Liszt befreundet sein konnte.

Nicht nur, dass Odojewski in seiner Erzählung das namensgebende 13. Streichquartett für das letzte hält und es mit dem ihm unbekannten 14., op 135 verwechselt und die äußeren und inneren Umstände von Beethovens Sterben und die Wiener völlig „falsch“ darstellt. Unwesentlich ist auch die Frage nach der historischen Wahrheit, denn um die Authentizität eines historischen Geschehens geht es hier nicht.

Es ist die Haltung, mit der Odojewski die „dichterische Freiheit“ anwendet. Wie heißt die Definition von Wilhelm von Humboldt: Kunst besteht in der Vernichtung der Natur und ihrer Wiederherstellung als Produkt der Einbildungskraft. Danach hat Odojewski die Natur = Geschichte recht ordentlich vernichtet und mit viel Einbildungskraft irgendetwas hergestellt.

Er hat mit diesem Machwerk ein Bild vom Wiener Volk erschaffen, das nach ihm viele russische Dichter und Reisende ( u. a. Gogol und Tschechow, aber die waren im Gegensatz zu Odojewski zumindest für einige Tage in der Stadt ) wiederholt haben und das so unausrottbar ist wie der von Puschkin geschaffene Giftmörder Salieri. Nicht nur, weil seit Generationen die Kleine Tragödie Mozart und Salieri zur Schullektüre in Russland gehört und auswendig gelernt wird. Immer wieder werden neue Varianten auf den Bühnen aufgeführt, Vertonungen ohne Zahl. 1898 singt der tiefste Bass aller Zeiten, Schaljapin, den schrecklichen Salieri.

Sowohl die Wiener wie auch Salieri werden es aushalten, dass sie bei den Russen so schlecht wegkommen. Aber wie weit darf künstlerische Phantasie gehen, und wo beginnt die Denunziation? Ist Odojewskis Beethoven-Erzählung eine frühe Form von fake news? Ganz abgesehen davon, dass es bei den Russen Volkssport ist, immer und überall an Verschwörungstheorien zu basteln. Das scheint ihre zweite Natur zu sein. Wenn es nicht so verschrien wäre, könnte man von einem Nationalcharakter sprechen. Sondern vor allem – das ist meine Interpretation – das messianische Bewusstsein der Russen. Sie, die großen Kunstversteher, die großen Künstler-Retter, das ist es, was einem den Magen umdreht. Sie hätten eigentlich genug zu tun, bis zum heutigen Tag, ihre eigenen Künstler vor Verbannung, Ausweisung, Gefängnis, Gulag und Tod zu retten – aktuell den Kirill Serebrennikow.

Puschkin hat Mozart und Salieri 1830 geschrieben, es wurde 1932 in St. Petersburg uraufgeführt. Sehr wahrscheinlich hat Odojewski es gesehen, denn kurz danach erschien seine Beethoven-Erzählung. Zwingend ist der Zusammenhang nicht, er ist nur ein zeitlicher, aber möglich, die Parallelen sind unleugbar. Der böse Salieri ist Wien – Beethoven ist Mozart, und umgekehrt.

Genie gegen Mittelmäßigkeit, gottgegebenes Talent gegen Handwerk, schöpferische Uneigennützigkeit gegen eifersüchtigen Ehrgeiz. Die Fronten sind klar, aber nur von Salieri her, der vermeintliche Komponistenkrieg ist einseitig, was den Puschkin-Salieri so besonders wurzt.

Wenn ich Puschkin je recht verstanden habe, kämpft er immer für sich selbst und seine künstlerische Freiheit.

Klar, Puschkin glaubt nicht wirklich an den Giftmord von Salieri an Mozart aus „schwarzem Neid und Eifersucht“. Diese Legende war schon zu Puschkins Lebzeiten genügend widerlegt. Als Dramatiker brauchte er aber zwei gegensätzliche Künstlertypen, die er gegenüberstellen und deren Argumente er ausbreiten konnte. Er brauchte seinen Mozart und seinen Salieri, weil er sich selbst eher zu so einem Mozart zählt, der von einem Typus à la Salieri drangsaliert wird. Zeit seines Lebens, angefangen vom absolutistischen Zaren bis zu den niedrigen Neidern und Speichelleckern. Das ist sein Konstrukt und hat mit dem historischen Salieri nichts zu tun.

Puschkin brauchte den bösen Salieri als Selbstverteidigung und den Mozart als Appell für die Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst. In diesem Kontext interpretiert, kann seine kleine Tragödie von mir aus bestehen bleiben.

Ich nehme Puschkin in diesem Bestreben in Schutz, obwohl ich sehe, was er durch die Anfälligkeit für Fehlinterpretationen angerichtet hat.

Ich persönlich vermeine das Augenzwinkern bei Puschkin zu bemerken, mit dem er seinen Salieri bei seiner Selbstrechtfertigung für den Giftmord auf die absurde Legende über Michelangelo Buonarotti anspielt, der zufolge er ein Model ermordet habe, um das Pathos des Todes bei seiner Kreuzigungsdarstellung wahrheitsgetreuer einfangen zu können.
Bei Odojewski dagegen sehe ich die reine Lust an der Denunziation, um die Überlegenheit der „russischen Seele“ gegenüber dem oberflächlichen, genusssüchtigen, verspielten und tumben Westen herauszustellen. Nur die russische Seele mit ihrer Tiefe, mit ihrer Fülle an Gefühlen und Einfühlung kann die Größe eines Giganten wie Beethoven verstehen. Die phäakischen Wiener haben so einen gar nicht verdient, sie mit ihrem Wein, Weib und Gesang, ihrem Heurigen, Walzer und ihrem Himmel voller Geigenseligkeit. Nur die Russen können einen Beethoven vor ihnen retten. Die Anmaßung, dass Beethoven es nötig hat, von einem Russen gerettet zu werden. Und nur ein Russe mit seiner Glaubenstiefe und seiner gottgegebenen Natur kann die Göttlichkeit eines Mozart oder Beethoven erkennen und gebührend würdigen.

Der Witz an diesem überbordenden Nationalstolz ist, dass er ideengeschichtlich aus Deutschland kommt, vom Schelling-Kult. Schelling wurde in Russland wie ein Gott verehrt, und Odojewski war der Erzpriester der neu entdeckten Nationalseele. Er behauptete, dass der Westen in seinem Streben nach materiellem Fortschritt dem Teufel seine Seele verkauft hatte. Nur Russland mit seinem jugendlichen, unschuldigen Geist und den angeborenen Eigenschaften der russischen Seele könnten Europa retten. Er spricht der russischen Seele eine besondere Art von Liebe zu. Die christliche Bruderschaft Russlands habe eine ganz eigene Botschaft an die Welt (Odojewski, Russische Nächte). Der Fürst, Großgrundbesitzer und Inhaber von tausenden von Leibeigenen predigt vom „unverdorbenen Land und der kreativen bäuerlichen Seele, die ein viel größeres Potenzial hat als die westliche Naturwissenschaft“. Das ist nicht mehr weit entfernt von Iwan Aksakow, dem Begründer des Slawophilentums: „Das russische Volk ist nicht bloß ein Volk, es ist eine Menschheit.“

Die russische Sprache kann aus vielen Gründen geliebt werden, von ihren eingeborenen Trägern so natürlich wie ihre eigene Haut, was für die anderen schwer zu verstehen ist. Mit Hilfe eines einzigen mitleidlosen Wortes kann es die Quintessenz eines weitverbreiteten Defekts bezeichnen, für den die anderen drei europäischen Sprachen zwanzig brauchen und doch zum wahren Wesen vorstoßen. Poschlost heißt dieses fette, weiche Untier, mit der Betonung auf dem ersten O und einem feuchten T am Ende. Niedertracht, Falschheit, Verlogenheit, Schamlosigkeit, Verkommenheit, Schändlichkeit stehen an der Spitze; es folgen: unecht, billig, gemein, geschmacklos, schrottig, minderwertig, schäbig, fies, schleimig, hochgestochen, nachgeäfft, aufgedonnert, lächerlich, flittrig, schundig – alles, was gewisse falsche Werte bezeichnet. Wenn es eine derartige Zeitmaschine gäbe, würden daraus solche Figuren herauspurzeln wie später Gogol sie in den Toten Seelen und im Revisor erschaffen hat. So hat Odojewski die Wiener seiner Phantasie gezeichnet, viele anonyme Tschitschikows, Ljapkin-Tjapkins, Dobtschinskis und Bobtschinskis. Trotzdem bleibt diese Charakterisierung am Autor hängen, ein Schwindler, ein Taschenspieler ist der wahre Poschlotschkin, Schmutz und Schund sind sein Spielkapital.

Dass seine Beethoven-Geschichte kein einmaliger Ausrutscher ist, davon zeugen auch seine Erzählungen über Bach und Wagner, die im Herzen echte Russen sind und nur den einzigen Fehler haben, keine Russen zu sein. Für diesen Größenwahn hat das Russische ein schönes Sprichwort: Die Heimat der Elefanten ist Russland. Oder: Unser Iwanow hat die Glühbirne erfunden. Das Unappetitliche an Odojewski ist, dass er ohne jedes Augenzwinkern schreibt, ohne Anstalten zu machen, sich der Groteske als Kunstform zu bedienen, sondern mit dem Anspruch: Seht her, so sind sie, ich weiß es, es ist die Wahrheit.

Odojewskis Beethoven-Darstellung ist meines Wissens nach die erste Spur der später als Slawophilie in Mode gekommenen Geistesströmung in Russland. In der Konstruktion des „Dritten Rom“ führt der Weg später im Jahrhundert ganz leicht zum Panslawismus und russischen Nationalismus. Und das bis ins heutige Putistan.

1.- 4. September 17

Veronika Seyr
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Bikinimadl

Das Bikinimadl ist beinamputiert, aber das fällt nur denen auf, die noch nie hier waren. Es hängt da über der Tür zum Südbahnkeller und lockt mit ihren Neonkurven. Sie klatscht ihr frostiges Licht auf den verdreckten Gehsteig. Dabei ist verdreckt ja noch schön gesagt. Wegen dem Sauwetter spiegelt es sich kalt und wacklig in einer Regenlache wider. Stören tut das fehlende Bein niemanden. Die, die dort drinnen sitzen, kommen ohnehin, egal ob amputiert oder nicht.

Sperrstund ist schon lang vorüber. Manchmal wär gescheiter, die Rosi würd die paar B’soffenen gleich um zehn rausschmeißen, so wie heut. Der Schnaps schlägt Wellen im Stamperl, das in der Pratzn vom bladen Gustl beinah verschwindet. Die Wellen kommen von seinem Zittern. Sein „Geh Rosi, einen Doppelten noch“ unterstreicht er mit einem unterdrückten Rülpser, der seinem massigen Körper entweicht.

„Ganz schön durstig heut?“, meint die Rosi und wirft ihre wasserstoffblonde Mähne, die ihr in die Jahre gekommenes Gesicht viel zu wenig verdeckt, nach hinten. Weil die Falten in ihrem Gesicht kommen nicht vom vielen Lachen, wenn du mich fragst. Die Schnapsflasche ist nun schon halbleer, und das hat sie ganz allein dem Gustl seinem Durst zu verdanken. Dabei sitzt er noch gar nicht so lang hier, in seinem Stammbeisl. Der Durst und der Verdruss sind mein bestes G‘schäft, sagt die Rosi immer.

Hinten im Eck am Wurlitzer steht noch so ein Übriggebliebener. Einer, den keiner kennt. Einer, den gar keiner kennen will, wenn du weißt, was ich meine. Er schmeißt eine Münze in die Maschine, drückt und wartet, bis seine Musik durch die Boxen dröhnt. Der Kurt Ostbahn spielt seinen Tequila Sunrise. Sein Wienerisch arbeitet sich von der Musikbox durch die Rauchschwaden bis zum bladen Gustl und kriecht in seine Gehörgänge. Das ist dem Gustl sein Lieblingslied. Irgendeiner spielt das immer, wenn er da ist.

Aber irgendwie scheint er sein Lied gar nicht richtig zu hören. Der ist woanders. Mit den Gedanken, mein ich. Weil wenn du grad jemand‘ abg‘stochen hast, dann nützt dir der schönste Tequila Sunrise nichts. Nicht einmal der vom Kurt Ostbahn. Da brauchst erst mal ein ordentliches Schnapserl, oder zwei. Schließlich passiert einem das ja nicht jeden Tag. Dem Gustl schon gar nicht. So eine wilde Sau ist er nämlich nicht. Zugegeben, ein bisserl Robin Hood spielen tut er schon gerne. Aber jemanden abstechen ist dann schon was anderes. Das ist eine andere Liga, eher was für den Schurli, seinen älteren Bruder.

„Hab das Zeug jetzt eing’sperrt, in die Garage“, murmelt der, als er sich grade neben den Gustl an die Ausschank setzt und dessen Schnaps auf ex runterkippt. „Wenigstens hat sich das Theater aus’zahlt“, erklärt er ihm. „Hat verdammt viel sauteuren Krempel ang’sammelt, die Alte“, sagt er und strahlt fast dabei. Aber so richtig freuen wie der Schurli tut sich der Gustl nicht, das spürt man schon.

Dass dem bladen Gustl seine Hose noch voller Blut ist, merkt irgendwie auch keiner. Aber was fällt hier drin schon noch auf? Man sieht ja kaum bis ins Eck rüber, wo sich der Ferry grad über ein frisches Madl hermacht. Wo der immer das Geld für sowas herkriegt, weiß keiner. Auch seine zweite Frau nicht und seine drei Kinder schon gleich gar nicht. Die klobigen Finger seiner rechten Hand krallen sich in ihren Busen. Für einen ersten Zwanziger zeigt sie ihm dafür ihre weißen Zähne, die aus ihrem farbigen Gesicht durch den ganzen Südbahnkeller strahlen, hell und kalt wie das Bikinimadl draußen über der Tür. Der Ferry glaubt, sie mag das, wie er sie abschleckt und ausgreift. Ob sie das Geld zu ihren Eltern runter nach Afrika schickt oder sich nur ein wenig Stoff dafür kauft, ist ihm heut egal. Und vermutlich morgen auch.

Ganz schön aufdreht ist der Schurli und schwitzen tut er auch. Ob das von der Hitz hier drin kommt oder von der Arbeit, die er grad erledigt hat? Oder ist vielleicht sogar bei ihm, dem eiskalten Hund, ein bisserl ein ungutes Gefühl da, das ihn nicht mehr loslässt? Dieses Gefühl, als ob du gleich kotzen musst, obwohl dir gar nicht richtig schlecht ist. Der Gustl merkt schon, dass der Schurli auch ein bisserl unlocker ist wegen der ganzen G’schicht.

„Die Alte hat noch kein Bankerl g’rissen. Die hat noch g’röchelt, als ich den Fernseher mitg’nommen hab“, stammelt der Gustl halblaut vor sich hin.

„Halt die Goschn, Trottel!“, fährt der Schurli gleich dazwischen.

„Aber glaubst nicht, dass da ein Doktor noch was machen könnt?“

„Sei ned so deppert, die Alte hat die Patschen längst auf’dreht. Die spürt scho nix mehr und die hätt so auch nimmer lang g’lebt“, resümiert er trocken.

So kann das gehen, wenn einer nicht genau aufpasst. Da ist dann plötzlich die Alte im Zimmer gestanden und das Geschrei ist losgegangen. Dass die Furie glatt eine Sportpistole in der Kommode liegen hat, damit haben die beiden nicht gerechnet. Nur gut, dass sie das Ding nicht richtig unter Kontrolle gekriegt hat. So hat die Kugel dem bladen Gustl seinen Fuß nur gestreift. Da ist dann sogar der Gustl schlagartig richtig sauer geworden. Gleich darauf war sie dann still. Ist am Boden gelegen, mit dem Brotmesser im Bauch, das da auf dem Tisch herumgelegen ist. „Scheißdreck verreckter!“, hat der Schurli gemeint, und der Gustl hat schon fast geweint. Hat sich die Hand vor den Mund gehalten, die Augen weit aufg‘rissen, wie wenn er den Leibhaftigen vor sich hätt‘. War halt immer schon ein bisserl zu nah am Wasser gebaut, der Gustl.

„Es lebe der Zentralfriedhof, und alle seine Toten“, schreit der Woiferl Ambros aus der Musikbox, an der jetzt grad der Ferry steht, weil sein eingekauftes Madl am Klo ist und sich was einwirft. Damit sie ihr Hirn ein bisserl abschalten kann. Damit sie noch alles machen kann, was der Ferry heut noch von ihr so verlangt. „Leiwand, der Ambros“, denkt sich der Gustl. Und der Ferry denkt sich das auch, nur das farbige Madl versteht nichts von dem, was der Ambros da von sich gibt.

„Ich will nimmer in den Häfen, Schurli. Da geh ich bestimmt nimmer hin“, jammert der Gustl wieder. Dabei kann man das schon verstehen, weil Karlau kennt er besser, als ihm lieb ist. Das ist kein Ort für einen wie den Gustl.

„Wir müssen nur die Goschn halt‘n, so wie immer.“

Brüderlich drückt der Schurli den Gustl an sich. Wie früher, wenn die beiden was ang‘stellt haben und den Gustl das schlechte Gewissen geplagt hat. Meistens war es ja der Schurli, der was ausg‘fressen hat. Aber auf seinen Bruder hat er sich immer verlassen können. Der hat’s Maul nicht aufgemacht, nicht ein einziges Mal. Und so hat der Gustl den Scheiß ganz allein ausgebadet, in Karlau.

Da schau, jetzt kriegt der Südbahnkeller noch frischen Besuch. Die beiden gehören alles andere als hierher. Jeans, lässige Leiberl, schwarze Lederjacken, moderne Schuh‘, zweimal Dreitagesbart, der eine keine dreißig, der andere Mitte vierzig, beide mit gut trainiertem Oberkörper. „Fesche Buben“, denkt sich die Rosi und stellt sich vor, was sie mit ihnen anstellen würd, wenn sie dreißig Jahr jünger wär. Aber klar ist, dass die beiden gleich ihre Uniform anlassen hätten können. Oder sie hätten sich „Kieberer“ auf die Stirn tätowieren können. Zivile Kieberer um diese Uhrzeit? Rosis „Wollt ihr was trinken oder eh nur herumschnüffeln?“, kommt bei den beiden genauso ungastlich an, wie sie es meint.

Der Schurli ist fest davon überzeugt, dass die beiden wen suchen. Er spürt nur zu gut, dass es jetzt eng wird. Da gibt er dem Gustl einen Rempler und befiehlt: „Oida, geh scheiß‘n!“ Dass er sich jetzt über die Häuser hauen soll, hat der Gustl sogar in seinem Verdruss-Rausch auf Anhieb verstanden. Man möcht gar nicht meinen, wie der seinen übergewichtigen Kadaver geschmeidig entfernen kann.

Dass in dem Kastl, das da hinten an der Wand hängt, eine Puff‘n versteckt ist, hat ihm die Rosi einmal erzählt. Hätt sie besser nicht g’macht, weil die greift sich der Gustl noch schnell beim Rausschleichen. Hat keiner gesehen. Draußen im Gang stolpert er fast über das farbige Madl, das vor dem grunzenden Ferry kniet und sich einen weiteren Fuffziger verdient. Die scheint das wirklich gut zu machen. „Gut investiert, dieser Fuffziger“, denkt sich der Ferry.

Als die Rosi den beiden Gfrastern die Safterln auf die Ausschank stellt, fangen sie endlich an zu fragen. Ob denn hier Leut‘ arbeiten, die gar nicht arbeiten dürften. Ob die Rosi denn ihr Beisl wirklich sauber hält von dem ganzen G‘sindel, das sich in diesem Grätzl immer rumtreibt. Ob denn hier Huren rumhängen, die gar nicht rumhängen dürften. Konkret nach dem Madl, das immer noch am Gang dem Ferry einen lutscht, und das sie – aus welchem Grund auch immer – suchen, fragen sie erst zum Schluss.

Der Schurli kriegt das Ganze natürlich mit und beruhigt mit einem weiteren Schnapserl auf ex seinen in Wallung geratenen Adrenalinspiegel. Aufatmen, aber nicht zu laut, ist angesagt. Grad als die Rosi mit: „Leckt’s mich doch, ihr …“, beginnt, kann sie plötzlich nicht mehr weiterreden, weil es knallt. Wirklich laut knallt. Aber nur einmal. Die zwei Kieberer greifen reflexartig nach ihren Waffen. Schreien gleich rum, dass jeder seinen Arsch da behalten soll, wo er ihn gerade hat. Die scheinen sich glatt zu freuen, dass da bei der Rosi was los ist. Passiert denen schließlich nicht jeden Tag, dass wo geschossen wird.

Der Übriggebliebene sitzt an seinem klebrigen Holztisch. Der Wurlitzer hat aufgehört zu spielen. Kein Ambros mehr, kein Ostbahn. Die Rosi schenkt sich selbst einen Doppelten ein. „Ich hätt ihn heut nicht mitnehmen sollen“, denkt sich der Schurli und seine Augen sind auf einmal ganz glasig. Die beiden Kieberer bewegen sich langsam in Richtung Gang. Das farbige Madl wischt sich den Mund ab. Der Ferry packt sich ein und zieht sich sein Hosentürl zu. Die Neonröhre im Gang zuckt. Unter der Klotür kommt das Blut daher.

Erstveröffentlichung: Schreiblust, Jänner 2014

Helmut Loinger

www.verdichtet.at |Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 17182

Ende geplant

Ullrich von Halen war ein großer, schwerer Mann. Sein mächtiger Körper war mit dichten, kleinen Inseln schwarzen Haares überzogen. Ein bärenhafter Mann. Doch war an ihm nichts Schwerfälliges. Er bewegte sich leicht, fast tänzerisch schob er seine 130 Kilo durch den Raum.

Eben traf er Vorbereitungen, mit Ernst und größter Sorgfalt, denn er wusste: Es musste beim ersten Mal funktionieren – es gab kein zweites Mal.

Er fand es spannend, mit einem einzigen Versuch alles entscheiden zu müssen. Er plante schon eine Weile, experimentierte. Ein halbes Jahr war er nun trocken. Keinen Tropfen, damit nicht gesagt wurde, was nicht gesagt werden durfte. Alles auf eine Karte, mit dem geringstmöglichen Einsatz der größtmögliche Gewinn, das war es – wie immer.

Ein Risiko, ein prachtvolles Risiko.

Es war ungeklärt, was Ellen allen Freunden, Bekannten und weniger Bekannten erzählt hatte. So fragte er sich wieder einmal, ob Ellen eine gescheite Frau war. Unter anderen Umständen hätte er sich diese Frage nie gestellt, aber jetzt hing viel von der Antwort ab. Ellen, mit ihren großen, gelbgrünen Augen, ihren dünnen, blonden Federn von Haaren. Ellen, die immer Makellose, immer nach der letzten Mode Gekleidete. Nie ein Gramm zu viel und nicht einmal in der Lage, eine Eierspeise zu kochen. Ellen, klein und zierlich, hatte Hilflosigkeit zur Kunst erhoben. Hilflosigkeit und Perfektion, das war sie. Sie hasste es, wenn ein Haar nicht an seinem Platz lag. Wenn das Kleid nicht millimetergenau die richtige Rocklänge hatte, der Brillant vom Finger rutschte, und wenn andere ihre schwer erschlichenen Reichtümer, Häuser, Autos herumzeigten. Aber selbst tat sie nichts lieber.
Die Beschaffenheit von Intelligenz ist etwas sehr Wundersames, dachte er. Ganz objektiv betrachtet, hielt er seine Frau für geistlos und hohlköpfig. Sie hatte keine Spur von Fantasie und keine Spur von Logik oder Konstruktivität, das war gewiss – er musste es wissen, er war seit sechzehn Jahren mit ihr verheiratet. Dennoch wusste sie sehr genau, was zu einem Leben in Wohlstand führt, wo es zu finden war. Dort hing sie dann fest, wie ein Pilotenfisch. Jedes Mittel war ihr recht, um zu behalten, was sie einmal besaß. Sie war nicht wählerisch, und sie wusste immer, welche Mittel einzusetzen waren – Hilflosigkeit und Perfektion. Gott, wie fade!
Sie wählte damals das richtige Mittel, als wieder einmal eine andere Frau ein bisschen Heiterkeit, ein wenig Lebenslust in seine Tage brachte. Die nette, runde Sylvia – so ganz anders. Ellen hatte sich gequält, Angst und Hass verteilt. Sie, die Makellose, hatte Sylvia aufs Ordinärste mitten in der Nacht übers Telefon beschimpft. Sylvia sie natürlich auch – aber das war zu erwarten. Üppig, ordinär und voller Leben, so wollte er es, und so war Sylvia.
Aber niemals seine Gattin. Doch in der Not war sie zu allem bereit. Und dann war seine liebe Gattin plötzlich schwanger, nachdem jahrelang davon die Rede gewesen war, dass sie zu schwach zum Kinderkriegen sei. Eine zarte Wölbung unter dem Designerkleid war seine Tochter, und sie saß in Ellens Bauch, gerade, als er wieder einmal das Weite suchen wollte. Seine reizende, kleine, hilflose Tochter mit den großen, grünen Augen und den blonden Federn, genau wie seine geliebte Schwester.

Vom Moment der Schwangerschaft an hatte sie sein Kind als Hebel benutzt, und alle Bekannten und Verwandten dazu. Wie gesagt, Ellen war sorgfältig, kultivierte Hilflosigkeit und verstand es, sich Hilfe zu holen, auch gegen ihn. Aber sie hing an ihm, weil sie Autos, Häuser, Brillanten als lebensnotwendig ansah. Ihre Art von Liebe? Sie war ihm ergeben, unbedingt verlässlich ergeben, weil sie keinen anderen Gedanken im Kopf hatte, außer diesen seltsamen Pilotenfischinstinkten. Er war ihr Hai.

Genauso wie sie alle Leute veranlasste, sich für sie zu bemühen, wenn er wieder einmal fremd unterwegs war, hatte sie auch jetzt mobil gemacht, seit sie den Verdacht hatte, dass er sie umbringen wollte. Aber verlassen würde sie ihn nie. Nein! Bis zum bitteren Ende festgesaugt. Wie sollte sie auch ihrer Schwester gegenübertreten, wie sollte sie ihr sagen, dass sie ihren Mann los war? Ellen ohne Standard, ohne Position? Kein Leben für Ellen. Eigentlich hatte alles an ihm seine Bedeutung, nur er selbst nicht. Und das verlässlich, weil sie absolut zu nichts anderem fähig war.

Alles wäre nett und einfach, könnte er seine Frau zu einer Bergtour überreden – ein kleiner Unfall und alles wäre okay. Die Idee, dass seine gepflegte, stöckelbeschuhte Ellen eine Bergtour machte, hätte die gesammelte Verwandtschaft augenblicklich zur Polizei laufen lassen, nach derzeitigem Stand der Dinge. Die Berge fielen also aus.

War das herrlich, vergangene Weihnachten! Zu Hause sehr trocken, das Designerchristkind für Anette, grausliches Essen von irgendeinem Superluxusladen. Fürs Album mit dem Bärchen spielen. Aber am Tag danach gab’s „wichtige Geschäfte“, und er und Sylvia waren auf einer Hütte. Bis zwei Uhr Früh Glühwein, ein fetter Hintern im Schnee, soviel er sich dunkel entsinnen konnte, war’s heiß und kalt gleichzeitig. Leben floss gemischt mit Glühwein durch seine Adern.

Also Ellen und Berge konnte er streichen. Dennoch war ein „Unfall“ das Richtige. Risiko war immer dabei. Man kann nicht gewinnen, ohne zu riskieren. Er war immer schon ein Spieler und blieb ein Spieler, aber mit vernünftigem Risiko. Unfälle gab es immer einmal – auch unter verdächtigen Umständen.

Es bot sich da noch etwas an. Beide konnten durch einen seltsamen Zufall nicht schwimmen. Eine Bootsfahrt war auch mit Stöckelschuhen zu machen. Auf einem möglichst großen See ließ sich alles arrangieren. Nur mit ins Tiefe fuhr sie nie freiwillig, da konnte er sicher sein. Sie würde mitfahren, aber nur am Rand, und das konnte er nicht brauchen. Vielleicht konnte er sie mit einem Schwimmreifen überreden?

Ullrich versuchte gerade, eine heiße Zange in das Mundstück eines Schwimmreifens zu bohren. In dem Augenblick, wo er sie zu etwas überreden musste, war ihm ihr Misstrauen sicher, und sie würde ablehnen. Also hatte er ein leichtes Betäubungsmittel besorgt. Das war gar nicht einfach. Er verbrachte geraume Zeit damit, eine Quelle für Betäubungsmittel aufzustöbern ohne Arzt und Apotheke. Er war inzwischen ein begabter Giftmischer mit einer Reihe von Selbstversuchen. Sogar mit Fliegenpilz hatte er es probiert. Aber wie bitte sollte er Ellen einen Fliegenpilz verfüttern? Es wäre sicher weniger verdächtig, sie besoffen zu machen. Das Dumme war nur: Sie trank nie. Und dann hatte ihm ein Zufall geholfen. Ein mageres, sechzehnjähriges Bürschchen mit blauen Ringen unter den Augen. Gott, welche Erbärmlichkeit … Wenn er an sein kleines Mädchen dachte, wurde ihm übel. Wenn die ganze Sache einige Zeit vorüber war, würde er etwas unternehmen – eine Anzeige, oder vielleicht selbst Ordnung schaffen? In seinem Besitz war nun ein Päckchen mit weißem Pulver. Er hatte es ausprobiert. So hatte er etwas für Ellens Sonntagssuppe.

 

Beide saßen im Boot. Ellen hatte den roten Schwimmreifen um, und einen sehr seltsamen Blick, sonst hätte sie den Schwimmreifen nie angezogen – kein Designerstück, aber glaubhaft. Sie würde nicht ohne Sicherheit mit ihm aufs Wasser fahren. Er war mit dem Pulver sehr sparsam gewesen. Hoffentlich ließ die Wirkung bald nach. Er hatte zwar vier Stunden eingerechnet, aber seine angelesenen Informationen waren zu oberflächlich, seine Selbstversuche auch wegen der Kilos nicht verlässlich – er hatte 130, sie 46. Wie unzureichend Buchwissen war, merkte er erst jetzt, bei ansteigendem Stress.

Das Boot bewegte sich langsam über die Wasserfläche.

Ein stiller Wochentag.

Das Wasser gekräuselt und eher grau.

Ihm wurde übel bei dem Gedanken, was jetzt geschehen würde. Dann bereitete ihm das Abenteuer vor allem in Hinblick auf Ellen aber auch prickelnde Vorfreude.

Sie lag mehr, als sie saß, ihm gegenüber mit stierem Blick. Das allein schon war Genuss pur. Für den Zustand hätte er mindestens einen halben Liter in sie hineinbringen müssen, was war das doch praktisch mit den kleinen Päckchen!

Eigentlich, wenn er so zurückdachte, war das Schwierigste die Bearbeitung des Schwimmreifens. Er war bereits so verärgert gewesen, dass er ohne Schwimmreifen beginnen wollte. Aber mit Schwimmreifen war es sorgfältiger. Er hatte den Stöpsel im Backrohr erhitzt, das Mundstück in Salzlösung gelegt. Die wussten gar nicht, was für haltbare Sachen sie erzeugten! Er konnte nur Mittel verwenden, die keinen Sichtbaren ungewöhnlichen Schaden entstehen ließen. Dann fand er in einem der vielen Geschäfte einen kleineren Stöpsel. Wenn Druck auf den Reifen kam, ging die Luft aus. Genau das war’s!

Langsam, langsam zog Ellens Rausch ab.

„Fahren wir zurück“, murmelte sie schläfrig.

Dann plötzlich setzte sie sich auf. Sie versuchte, ihren Blick zu ordnen, der Atem ging schnell. „Ich will zurück, wir müssen das Kind holen“, sagte sie mit etwas höherer, hektischer Stimme. Natürlich, schon wieder das Kind vorschieben. Nicht Ellen hatte Angst. Nein, man musste das Kind holen.

„Wir sind mitten auf dem Wasser“, sagte sie ruhig aber panisch mit leichtem Zungenschlag. Er wusste genau, sie würde nicht schreien. Er stieß sie nicht. Er zog ihr die Stöckelschuhe aus und ließ sie langsam zu Wasser, obwohl sie sich anklammern wollte. „Du hast ja einen Schwimmreifen“, murmelte er, und sorgte dafür, dass sie sich nicht anklammern konnte. Das Boot trieb ein wenig ab, und sie hing erschöpft im Wasser. Er schaute über die Wasserfläche – er konnte jetzt keine Helfer brauchen. Ein Segelboot, ein Motorboot, aber alle weit weg. Er hörte fast das leise Zischen des Reifens. Er sah interessiert ihr Erschrecken. Sie hatte wohl noch Hoffnung gehabt, jetzt war die vorbei.

„Die Luft geht aus“, sagte sie schwach.

„Das hat mich auch genug Mühe gekostet. Du hast ja keine Ahnung, wie schwer das Material zu bearbeiten ist. Salzwasser, heiße Zangen und was weiß ich. Aber die Leute werden sagen, du hattest extra einen Schwimmreifen – zum Üben.“

„Ich hab’s gewusst, ich hab’s die ganze Zeit gewusst“, sagte sie verbissen und mit Tränen in den Augen, „wegen dieser albernen, fetten Nutte willst du mich los sein – die Mutter deines Kindes!“

„Lass endlich meine Tochter raus. DU kriegst keine Luft.“

Er musste sie widerwillig bewundern. Er hatte immer gewusst, dass seine Ellen ein „Steher“ war – so viel Verbissenheit und kein hysterischer Ausbruch.

„Und was wird mit Anette?“, versuchte sie’s ein letztes Mal.

„Oh, der wird’s gut gehen, wenn sie nicht mehr dauernd als Druckmittel eingesetzt wird. Ein nettes Kindermädchen und Mama werden kommen, und meine Schwester sowieso.“

Er musste leider warten, bis sie ganz untergegangen war. Sie stand senkrecht im Wasser. Er konnte ihre geballten Fäuste sehen. Ihre Tränen tropften ins Wasser, aber sie sagte kein Wort mehr.

Ein Motor brummte näher. Er manövrierte das Boot an sie heran. Sie hielt praktisch nur mehr die Nase an die Luft. Das Geräusch kam schnell näher. Hoffentlich hatte sie schon mit dem Schicksal abgeschlossen. Er überlegte, ob sie unter Wasser hören konnte. zwanzig oder dreißig Sekunden. Das Boot zog vorüber. Ein Pärchen merkte gar nichts. Seine Gänsehaut glättete sich, die Haare legten sich wieder an. Das Boot war nun schon weit entfernt.

Dann zog er sie an den Haaren aus dem Wasser. Das Pärchen war im Dunst verschwunden.

Er drehte das Boot zum Ufer, und sie fuhren.

Gott, sie schaut aus wie eine nasse Ratte, dachte er. Der Spieler hat gewonnen. Aber wenn das Boot näher gekommen wäre, wenn die beiden sich eingemischt hätten, hätte er seinen letzten Sou verspielt. Er fragte sich, ob ein Motorboot für die Aktion nicht gescheiter gewesen wäre. Er wog das Für und Wider ab. Ellen rang noch immer nach Luft. Sie war erschöpft, aber nicht von der Rolle.

„Aber…“, sagte sie mit schwacher Stimme.

Er sah sie voll an: „Du siehst nun ein: Ich werde dich nicht umbringen. Auch wenn ich öfter das Bedürfnis danach habe.“

Er drehte sich weg und wusste es genau – Ellen suchte den Spiegel, um sich wieder perfekt herzurichten.

Sanne Prag

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um |Inventarnummer: 17129

 

Die Morgen danach

Am Morgen des vierzehnten November 2014 erwachte Peter in seinem Einzelbett und wusste gleich, dass etwas anders war als sonst.
Die Sonne schien durch das Fenster. Ihre Strahlen waren ganz anders als in den Tagen davor. Diese Tage waren nebelig und trostlos, schon morgens war klar, dass sie das werden würden. Durch die wabernden grauen Nebelschwaden vermochte die Sonne lediglich in Form von vereinzelten hellgrauen Strahlen zu dringen.

Dieser Morgen jedoch war freundlich. Peter, der es gewohnt war, beim Aufwachen in Ruhe gelassen zu werden, spürte, dass ihm in seinem Bett weniger Platz als gewöhnlich zur Verfügung stand. Schlaftrunken murmelte er einen Morgengruß, erhielt aber keine Antwort.
Dass er bestimmt nicht alleine im Bett lag, merkte er an der Hand, die auf seiner linken Schulter lag. Er drehte seinen Kopf aber nicht zur Seite um zu sehen, wem die Hand gehörte, es war ihm egal. Er genoss den Moment der Wärme, die die Hand abgab. Er machte sich nicht allzu viel aus körperlicher Nähe, suchte selten nach ihr. Wenn es sich jedoch ergab, dass er am Morgen in Gesellschaft war, so nahm er diesen Umstand als die Bestätigung hin, dass seine Verführungskünste wieder einmal eine dankbare Empfängerin gefunden hatten.

Peter war dreiundvierzig Jahre alt. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft hatte er in einer großen, international tätigen Bank angefangen und war schnell aufgestiegen, allerdings nur bis in eine bestimmte Ebene der Hierarchie. Eines Tages, nach einer Besprechung, legte ihm der Vorstand für Internationale Geschäfte die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr. Wenn Peter seine Aufgaben als Controller bei zwei gewissen heiklen Auslandsgeschäften weniger genau ausführte, ließe sich durchaus etwas machen, erfuhr er. Eine andere Abteilung, die Verdreifachung seiner Bezüge und ein Dienstwagen wurden ihm diskret offeriert. Daraufhin drückte er beide Augen zu, die Geschäfte wurden abgeschlossen, und Peter war ein gemachter Mann.

Er lebte in einer luxuriös eingerichteten Wohnung, trug die teuersten Anzüge, und konnte dennoch keine Frau dazu überreden, bei ihm zu bleiben. Dies lag an der Art seiner Brautwerbung. Als ein Mann, der sich alles kaufen konnte, ging er davon aus, dass dies auch auf den Bereich des weiblichen Geschlechts zutreffen müsste. Wenn er also eine seiner berühmten, und bald auch berüchtigten, Austernpartys gab, und ihm eine Frau ins Auge gestochen war, zögerte er nicht lange, sie darüber in Kenntnis zu setzen, was sie sich als seine Frau alles würde leisten können.

Zwei Frauen hatten sich darauf eingelassen. Die erste, Christina, verließ ihn nach nur drei Monaten, und auch die zweite, Ludmila, suchte bald fluchtartig das Weite, ohne mit Peter vor den Traualtar getreten zu sein. Er war kein Mann fürs Leben, das hatten die beiden schnell herausgefunden. Er arbeitete bis siebzehn Uhr und wollte dann bloß noch seine Ruhe. Dabei ging er sogar so weit, ein zweites Schlafzimmer in seiner Wohnung einzurichten, für die Frau an seiner Seite. An lediglich einem Abend in der Woche standen ihm die Sinne nach Intimität, und nach diesen fünfzehn Minuten verließ er das Schlafgemach, um sich in sein Einzelbett zu legen.

Da keine Frau bei ihm bleiben wollte, obgleich sein Vermögen stetig anwuchs, verlegte sich Peter auf das Bestellen per Telefon. Ein Vorstandskollege hatte ihm eine Telefonnummer gegeben, unter welcher man Frauen ordern konnte.
Diese Hinwendung zur käuflichen Liebe war der Wendepunkt, was Peters Verhältnis zur körperlichen Nähe anlangte. Fürchtend um die teuren Gegenstände, die überall in seiner Wohnung standen und herumlagen, sah er sich gezwungen, die bestellten Damen, die nur für die ganze Nacht gebucht werden konnten, zu beaufsichtigen. Diesbezüglich wählte er die einfachste Methode, nämlich das Schlafen an der Dame Seite. Da sich viele dieser Damen nach ein wenig Wärme sehnten, lagen sie eng an Peter geschmiegt, und so kam es, dass er sich allmählich daran gewöhnte, eine Hand oder gleich einen ganzen Körper beim Aufwachen zu spüren.

Als Bankmanager begriff er diese amourösen Episoden als simples Geschäft. Die Frau kam, er bezahlte sie, und nachdem auch der Morgen gekommen war, ging sie wieder. So lebte Peter als reicher und in erotischen Angelegenheiten zufriedener Mann. Im Vorstandssessel seiner Bank saß er bequem und fest, so fest, dass selbst die ambitioniertesten Versuche übelwollender Konkurrenten, ihn aus diesem zu hebeln, ohne Erfolg blieben.
Diese herkulische Anstrengung konnte nur ein einziger Mensch bewältigen, nämlich Peter selbst.

Am siebzehnten Juli 2011 hatte er schließlich damit begonnen, diese Aufgabe zu erledigen. Ein bankinternes Dokument hatte ihm aufgezeigt, dass ein Konto des größten Stahlproduzenten des Landes mit einer wahren Unsumme an Schwarzgeld gefüllt war. In den folgenden Monaten bediente sich Peter mit beiden Händen reichlich aus diesem ebenso unerschöpflichen wie fremden Topf. Eine hübsche Segelyacht, einen Porsche und einen Kokoschka später war der Spuk vorbei, und Peter stand vor Gericht, vertreten von den besten Anwälten des Landes.

Am Morgen des vierzehnten November 2014 konnte sich der noch schlaftrunkene Peter trotz aller Anstrengungen nicht an den Namen der Person erinnern, deren Hand auf seiner linken Schulter lag. Er wusste, dass er diesen Namen am Abend zuvor etliche Male ausgesprochen hatte, doch wollte er ihm nicht einfallen.
So drehte er seinen Kopf zur Seite, um die Hand zu betrachten. Er erschrak. Hatte er perfekt manikürte Damenfinger erwartet, so bot sich ihm nun ein Bild der Armseligkeit. Die Finger waren wulstig und an den Seiten mit Schwielen übersät, die Nägel viel zu lang, schmutzig, und einer war sogar eingerissen.
Peter wandte sich um, um zu sehen, wer neben ihm lag.
Er sah eine breite, behaarte Brust und einen Bauch, der Unmengen von Bier und Steaks in sich aufgenommen haben musste. Nun wusste Peter, dass er neben Walter lag. Walter war sein Arbeitskollege in der Spenglerei, und auch nach Dienstschluss teilten sie sich eine Zelle.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um |Inventarnummer: 17009

Zwei Schüsse

Heute kam ich am frühen Nachmittag von der Jagd zurück und ging in den Keller meines Elternhauses. Dort reinigte ich meine Flinte, stellte sie in den Waffenschrank und entsorgte zwei Patronenhülsen, die Schrot enthalten hatten.
Als ich damit fertig war, hörte ich die Stimme meiner Mutter.
“Egon, komm bitte in die Stube!”
Dies sagte sie in dem für sie typischen Tonfall, den sie immer dann in ihre Stimme legt, wenn sie etwas Wichtiges mit mir besprechen möchte. Dieser Tonfall macht es mir unmöglich, ihrem Wunsch zuwiderzuhandeln.

Ich eilte also in die Stube unseres Hauses. Sie ist mit Zirbenholz getäfelt, und in der Mitte steht ein großer Tisch, ebenfalls aus Zirbe, und darauf liegt stets ein rot-weiß kariertes Tischtuch.
“Frau Mama, was wünschen Sie?”, fragte ich.
Ich pflege meine Eltern zu siezen, denn ich finde, dass sich dies in gewissen Kreisen gehört. Meine Familie ist nämlich sowohl adelig als auch reich.
“Egon, ich habe deine Erzählung gelesen”, begann sie.
Ich blickte sie erwartungsvoll an. Innerlich war ich sehr angespannt, denn meine Mutter ist meine strengste Kritikerin. Ich sehe mich nämlich als Schriftsteller, auch wenn der Erfolg bislang ausgeblieben ist.
“Ich bin zu neunzig Prozent stolz auf dich und dein Werk”, fuhr sie fort.

Ich war freudig erregt.
“Es sieht so aus, als hätte mein einziges Kind endlich begriffen, wie man Geschichten verfasst. Das Ende missfällt mir, doch dazu kommen wir später.”
“Vielen Dank, liebe Frau Mama”, sagte ich.
“Wenn ich an deine früheren Erzählungen denke, Egon, an deine Theorien über die, wie du sie genannt hast, Betätigung im Rudel, muss ich sagen, dass du dich eindeutig weiterentwickelt hast.”
Sie zog einen Hunderteuroschein hervor und reichte ihn mir.
“Das Geld hast du dir verdient, Egon”, sagte sie.
“Danke, Frau Mama. Sie sind sehr großzügig.”
“Du darfst das Geld aber nicht wieder an einem Abend vertrinken!”, mahnte sie.
“Versprochen, Frau Mama.”

“Nun zu deiner Erzählung, Egon. Der Anfang gefällt mir überaus gut. Du beschreibst sehr anschaulich, wie du mit deinem Vater in unser Jagdrevier fährst. Gibt es dort wirklich so viele Eichelhäher?”
“Ja, Frau Mama. Sie sollten einmal mitkommen, dann würden Sie sie sehen.”
“Egon, du weißt, dass ich die Jagd verabscheue!”
“Ich würde niemals wagen, in Ihrer Gegenwart auf ein Tier anzulegen”, sagte ich schnell.
“Lassen wir das. Du hast Talent, Egon. Leider hast du bislang nicht allzu viel Gebrauch davon gemacht.”
“Ich weiß, Frau Mama”, sagte ich kleinlaut.
“Du beschreibst die Tiere und Pflanzen vor dem Hochstand sehr naturnah. Auch Situationen des Zwischenmenschlichen kannst du gut wiedergeben. Hast du dich auf der Fahrt ins Revier wirklich mit deinem Vater gestritten?”
“Ja, Frau Mama. Jedes Mal, wenn ich mit Herrn Papa im Auto saß, gerieten wir in Streit.”
“Egon, du musst verstehen, dass dein Lebenswandel den Unmut deines Vaters erregt.”
“Ich mache doch nichts Unartiges”, warf ich ein.
“Aber auch nichts Artiges, Egon. Du arbeitest nicht und trinkst zu viel. Da darf es Dich nicht wundern, dass er dir seit sechs Jahren kein Geld gibt. Immerhin bist du achtunddreißig Jahre alt!”
Ich schwieg.
“Aber zurück zu deinem Text. Der Mittelteil ist dir ebenfalls gelungen.”
“Vielen Dank.”
“Du hast die Einsamkeit auf dem Hochstand gekonnt in Worte gefasst. Wie ihr nebeneinander sitzt und schweigen müsst, um das Wild nicht zu verscheuchen, und wie ihr bloß abwarten könnt, bis sich ein Reh oder Wildschwein aus der Deckung wagt.”
“Das ist das Schwierigste an der Jagd, Frau Mama. Man darf keinen Laut von sich geben.”

“Wann hast du die Kurzgeschichte denn geschrieben?”
“Gestern.”
“Möchtest du ein Glas Rotwein?”
“Sehr gerne, Frau Mama. Sie sind sehr großzügig.”
“Dann hole bitte eine Flasche Lafite.”
Ich ging in den Keller, holte den Wein, entkorkte und dekantierte ihn.
“Ich habe ein Geschenk für dich, Egon”, sagte meine Mutter und verließ den Raum.
Zwei Minuten später kehrte sie zurück und drückte mir eine goldene Armbanduhr in die Hand.
“Erkennst du diese Uhr, Egon?”, fragte sie, doch es war eine rhetorische Frage.
“Ja, Frau Mama. Es ist meine Patek Philippe”, sagte ich leise.
“Der Besitzer des Nachtclubs, in dem du offenbar Stammgast bist, hat sie mir gegeben.”
Ich wagte kein Wort zu sagen.
“Nachdem ich deine Schulden in seinem Bordell beglichen hatte!”, sagte sie und sah mich streng an.
Ich errötete.
“Was hast du dir bloß dabei gedacht, Egon?”, rief sie.
Mir wurde abwechselnd heiß und kalt.

“Ich brauche ein Glas Wein”, seufzte sie.
Ich goss ein und wir tranken einen Schluck.
“So etwas darfst du nie wieder machen, Egon! Du machst uns noch zum Gespött der ganzen Umgebung.”
“Es tut mir sehr leid, Frau Mama.”
“Du hast in dieser Bar übrigens Lokalverbot. Das hat der Besitzer mir versprochen.”
Ich wurde von einer plötzlichen Panik ergriffen, doch wagte ich nicht zu protestieren.
“Gut, Egon. Betrachten wir die Sache als erledigt.”
“Vielen Dank, Frau Mama”, sagte ich und war froh, dass dieses peinliche Thema vom Tisch war.

“Lass uns über den Schluss deiner Erzählung sprechen, Egon. Dieser ist dir wohl entglitten.”
“Wieso denn?”
“Nun, er ist unlogisch. Du steigst mit deinem Vater vom Hochstand, ohne dass ihr ein Tier erlegt habt.”
“Das kam leider häufig vor”, gab ich zu.
“Vor dem Hochstand geratet ihr erneut in Streit über deinen Lebenswandel.”
“Auch das war nicht ungewöhnlich.”
“Gut. Bis hierher konnte ich dir folgen. Was dann jedoch passiert, erscheint mir unlogisch.”
“Was genau, Frau Mama?”
“Ihr steht im Gras und streitet. Plötzlich lösen sich aus deiner Flinte zwei Schüsse und dein Vater bricht tödlich getroffen zusammen.”
“Was verstehen Sie daran nicht?”
“Du verwendest doch eine einläufige Flinte, weil sie leichter ist als eine mit zwei Läufen, oder?”
“Das stimmt.”
“Wie ist es denn möglich, dass sich zwei Schüsse aus einem Gewehr lösen, das bloß einen Lauf hat? Das ist doch unlogisch.”
Ich versuchte nicht zu grinsen, doch vergeblich.
“Das ist die künstlerische Freiheit des Schriftstellers, Frau Mama”, sagte ich.

Meine Mutter dachte einige Sekunden lang nach. Dann begann sie zu verstehen.
“Bist du verrückt?” rief sie. “Soll das heißen, dass du nach dem ersten Schuss nachgeladen hast?”
Ich schwieg und versuchte, ernst zu bleiben. Bald jedoch konnte ich nicht anders und begann schallend zu lachen.
Meine Mutter starrte mich entgeistert an.
“Egon, du bist verrückt! Deinen eigenen Vater um die Ecke zu bringen und dazwischen auch noch nachzuladen, um ganz sicher zu gehen, also das ist der Gipfel! Dieser Text ist der perfideste, den ich je gelesen habe!”
Sie war außer sich.

Ich redete beruhigend auf sie ein, und nach zehn Minuten hatte sie sich wieder gefangen.
Wir tranken die Flasche leer und sprachen über Belanglosigkeiten. Über den Schluss meiner Kurzgeschichte sprachen wir nicht, doch nach dem letzten Glas kam meine Mutter nochmals darauf zurück.
“Egon, ich habe mir das Ganze durch den Kopf gehen lassen. Ich sehe leider keine andere Möglichkeit, als deinem Vater zu erzählen, welches Ende du ihm zugedacht hast. Es tut mir leid, aber den Zorn, den deine Erzählung bei ihm entfachen wird, hast du dir selbst zuzuschreiben!”
Ich schwieg.
Meine Mutter sah auf die Uhr und sagte: “Es ist spät geworden, Egon. Ich werde zu Bett gehen.”
“Das ist sicherlich eine gute Idee nach all der Aufregung, Frau Mama.”
“Wo ist eigentlich dein Vater?”
Mit meiner unschuldigsten Miene beantwortete ich ihre Frage: “Frau Mama, der Herr Papa befindet sich im Jagdrevier.”

Michael Timoschek

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Ein Knall und doch kein Fall

Das Leben legt manchmal Fallstricke aus, doch nicht jeder Mensch, der von ihnen zu Fall gebracht wird, fällt tief.
Eine Frau zum Beispiel, die von ihrem Liebhaber schwanger wird, daraufhin ihren Ehemann verlässt und fortan glücklich mit Freund und Nachwuchs lebt, ist, wie man sagt, auf die Butterseite gefallen.
Ein Politiker oder Manager, der, damit er nicht noch mehr Schaden anrichten kann, weggelobt wird, indem er Minister oder Aufsichtsrat wird, fällt definitiv nach oben.
Man sieht: Nicht in allen Fällen muss ein in eine Falle Gefallener seine Felle davonschwimmen sehen oder gar an einen Strick denken.

Karl, ein Österreicher von vierzig Jahren, hat noch nie an einen Strick gedacht, und Felle sieht er nur dann nass werden, wenn er den Bisamratten dabei zusieht, wie sie im Bach schwimmen.
Er denkt stets in großen Dimensionen, denn um Kleines schert er sich überhaupt nicht. Es wäre auch unwirtschaftlich, würde er in seiner liebsten Wirkungsstätte, dem Wirtshaus, kleine Biere konsumieren, denn wie jeder Biertrinker weiß, rentiert sich das nicht. Die große Weiße Mischung, die Karl gelegentlich zu sich nimmt, kostet zwar das selbe wie zwei kleine Spritzer, doch da er nun einmal gerne aus großen Gebinden trinkt, hält er es auch mit dem Spritzwein so. Beim Schnaps dürfen es ruhig kleine Gläser sein, denn diese zeichnen sich durch hohe Stabilität aus. Die ist vor allem dann essenziell, wenn Karl zur Bekräftigung des eben Gesagten mit der Faust auf den Tresen haut und zuvor vergessen hat, das Stamperl auf der Theke abzustellen.

Das Gasthaus ist Karls Lieblingsort, wenngleich es dort Fallen gibt, die er besser meidet. Er verhält sich Menschen, die er nicht kennt, gegenüber zurückhaltend, beinahe maulfaul, denn er sucht tunlichst zu vermeiden, dass sie herausfinden, wie er denkt.
Befindet er sich jedoch im Kreise seiner Trinkkumpane, nimmt er schnell Fahrt auf. Er erklärt, was in der Welt schiefläuft, macht bald die daran Schuldigen aus und gerät derart in Harnisch, dass seine Trinkgesellen ängstlich um sich blicken, ob ein Polizist im Raum ist, wenn Karl seine Lösungsvorschläge unterbreitet, was er oft brüllend macht. Dann denkt er manchmal an seinen Großvater, den er bloß aus Erzählungen kennt und von dem Foto, auf dem sein Ahn die gut sitzende schwarze Uniform eines Standartenführers trägt, und seine Augen werden feucht. Er verlässt das Gasthaus und nimmt auf dem Heimweg aus gesundheitlichen Gründen einen Melissengeist ein.

Am nächsten Morgen duscht er und rasiert sich, dann legt er Tracht an und blättert in der größten kleinformatigen Tageszeitung des Landes. Karl liest erst den Politikteil, dann, um sich wieder abzuregen, die Seiten mit den Gebrauchtwagenanzeigen. Er hätte gerne einen Sportwagen, am besten einen deutschen, doch da ihm das Geld für eine solche Anschaffung fehlt, träumt er einfach weiter davon.
Er geht in den Stall und füttert die Kühe und die Schweine. Eine Magd wäre ihm hierbei eine große Hilfe, doch kann er sich nicht vorstellen, mit einer Frau zu arbeiten. Karl hat Probleme mit Frauen, seit ihm seine davongelaufen ist. Sie konnte seine rustikale Wesensart weder schätzen noch verstehen.
Nach der Versorgung seines Viehs trinkt er ein großes Glas Most, und danach ein weiteres. Hierauf pflegt er in sein Schlafzimmer zu gehen und sein Arsenal an Jagdwaffen zu inspizieren. Die Gewehre liegen unter seinem Bett. Sie sind geölt, in Decken eingeschlagen und stets geladen, denn Karl weiß nur zu gut, dass man nie wissen kann.

Ein tragischer Unfall mit einer Schusswaffe hatte das Leben seines Vaters vorzeitig beendet. Dem Alten hatte es gar nicht gefallen, von seinem Sohn im Jagdrevier um Geld angebettelt zu werden, also hatte er Karls Ansinnen schroff zurückgewiesen. Dieser geriet in Rage, und nachdem sich zwei Schüsse aus seiner einläufigen Flinte gelöst hatten, war er sich sicher, dass er das Geld erhalten würde.
Der Kommissar, der den Unfall bearbeitete, versuchte Karl eine Falle zu stellen, doch dieser fiel nicht hinein. Nach dem Tod seines Vaters fuhr er mit allen zweiundzwanzig Gewehren in den Wald und gab Schüsse aus ihnen ab, sodass es der Polizei unmöglich war festzustellen, durch welche Waffe der Alte zu Tode gekommen war.

Mit Menschen fremdländischer Herkunft hat es Karl nicht so. Sie passen einfach nicht in das Bild, das er vor seinem geistigen Auge hat. Im Zentrum dieses Bildes befindet sich sein Stammlokal, in welches Ausländer niemals einkehren, und das soll, wenn es nach Karl geht, auch so bleiben. Schließlich wird der Boden dieses schönen Ortes jeden Tag von der ungarischen Raumpflegerin aufs Penibelste gekehrt.

Karl liest keine Bücher, aber er weiß dass es Schriftsteller gibt und dass diese schreiben. Gelegentlich nimmt er an kulturellen Veranstaltungen teil, zum Beispiel wenn der Kameradschaftsbund, der Karl selbstverständlich zu seinen Mitgliedern zählen darf, die Einweihung einer neuen Fahne zelebriert. Dann gibt es zu essen und auch zu trinken, und endlich tragen alle Anwesenden ihre Fahnen zu dem Tisch, auf dem die neue Fahne liegt, beugen sich über diese und loben mit schweren Zungen die Kunstfertigkeit, mit welcher das Ritterkreuz gestickt wurde. Da Karl im Gasthaus oft gesagt wird, dass er eine laute und schöne Stimme hat, lässt er diese gerne erklingen und bleibt im Vereinshaus, bis die Fahne weggeräumt ist und der gesellige, der musikalische Teil des Abends beginnt. Dann werden die schweren und blickdichten Vorhänge, die keinen Ton nach draußen dringen lassen und keinen Blick nach drinnen, zugezogen und Karl stimmt ein paar aus der Mode gekommene Lieder über geschlossene Reihen, die Untreue aller und die Insel Kreta an.

Er hat oft Zeit, großen Gedanken nachzuhängen. Er sinniert gerne über eine generelle Neuordnung des Staates Österreich unter der Führung von Generälen. So würde wieder Zucht getrieben und Ordnung einkehren. Wehrdienstverweigerer könnten, an den Pranger gekettet, beschimpft werden und die Grenzen würden dichtgemacht. Karl würde liebend gerne Dienst an der Grenze versehen, doch da er seinen Präsenzdienst nicht ableisten durfte, bleibt ihm diese hehre Aufgabe verwehrt.
Er wurde für untauglich erklärt, nie durfte er sich als Soldat fühlen. Seine Augen wären zu schlecht, hatte er seinen Eltern erzählt.
Die Jagdprüfung legte er mit Bravour ab, womit er das vernichtende Urteil der Militärpsychologin ad absurdum führte, dass er keinesfalls eine Schusswaffe in Händen halten sollte.

Karl ist ein guter Jäger. Jedes Mal, wenn er in sein Revier fährt, kommt er mit Beute zurück. Am liebsten erlegt er Habichte, doch da diese Raubvögel selten und außerdem schwer zu erwischen sind, muss er sich oft mit einem Falken oder Bussard zufriedengeben. Da er darauf achtet, dass nicht zu viele Beutegreifer, wie Füchse oder Dachse, in seinem Wald ihr Unwesen treiben, hat er zahlreiche Fallen ausgelegt, welche ihm einen schönen Ertrag an Fellen einbringen. So besitzt Karl acht Fuchskappen für die kalte Jahreszeit, welche seinen Kopf warmhalten, während eines seiner fünf Katzenfelle seinem Wanst wohlige Wärme spendet.

Karl isst für sein Leben gerne Schweinsbraten aus Bauchfleisch. Das Brechen der im Backrohr kross gegrillten Schwarte ist ihm Lebenselixier und Daseinsbestätigung gleichermaßen. Der austretende Saft lässt ihn auf Beilagen wie Reis oder Salat vergessen, und er bestellt sich oft eine zweite Portion Bauchbraten. Dieses Gericht lässt ihn die Mühe vergessen, die ihm das Streichen von kühlschrankkaltem Grammelschmalz auf sein Frühstücksbrot bereitet hat, und macht ihn zugleich sicher, sich eine solide Unterlage für den Abend zuzuführen. Hin und wieder isst Karl Gemüse, vor allem Essiggurken, die er auf ein Brot mit Hartwurst legt, oder Silberzwiebel, die er neben dieses legt. In der Zeitung liest er gerne die Reklame von Supermärkten, weil er weiß, dass seine bevorzugten Gemüsesorten oft verbilligt sind.

Karl ist kein begnadeter Sportler, dafür aber begeistertes Mitglied des Turnerbundes. Es bereitet ihm Freude zu sehen, dass sich bereits kleine Kinder für die Ideale des Turnvaters begeistern lassen. Sein Herz macht Freudensprünge, wenn seine Augen Knirpse beobachten, wie sie sich an den Geräten versuchen, ganz in weiß gekleidet, mit lediglich drei Buchstaben in Frakturschrift als Farbtupfer. Einmal im Jahr, beim Bergturnfest, feiern sich die Turner und Karl feiert mit. Nach dem Ende der Wettkämpfe, wenn die Sportlichen keine roten Wangen mehr haben, und die Backen von Karl und den übrigen Zuschauern immer roter werden, wenn die Sonne ihre letzten warmen Stahlen auf die Szenerie fallen lässt und die Polizisten weg sind, gefällt es allen, dass er seine Stimme ertönen lässt und die Lieder, die er beim Kameradschaftsbund so gerne singt, anstimmt, und alle stimmen sie ein.

In seinem Umfeld ist Karl ein geachteter Mann. Er wird für die Art, wie er sein Leben lebt, bewundert. Etwaige kritische Bemerkungen diesbezüglich wischt er weg wie Bier auf dem Tresen, das einem überschäumenden Glas entkommen konnte. Seine Überzeugungen sind kein Fels in der Brandung, vielmehr sind sie so stark in seinem Leben verankert wie eine hunderte Jahre alte Eiche auf einem Hügel, und wer sich daran reibt, gilt Karl als Borstenvieh. Es wäre sinnlos, Karl eine Falle zu stellen, er würde nicht hineinfallen, bloß hineintappen. Beim Inspizieren der Falle würde lediglich sein Fußabdruck auffallen. Karl wird auffällig, wenn er glaubt, er selbst sein zu dürfen, doch das fällt nicht auf.
Karl ist Österreicher.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 16105

Von Steinen und Bräuten

Seit dem Tag seiner Geburt war Alois Möstl seinem Nachbarn Franz Mierz in Feindschaft verbunden. Diese hatte familiäre Gründe, denn die Väter von Alois und Franz hassten einander mit einer Inbrunst, wie es sie im kleinen Dorf Gratwein, welches im Steirischen liegt, nie zuvor gegeben hatte und wie sie dort wohl auch nie wieder ihre Flammen lodern lassen wird.

Die Verwerfungen zwischen den Großbauernfamilien Möstl und Mierz haben ihren Ursprung in der Versetzung der Steine, die die Grenzen der weitläufigen Latifundien beider Sippschaften hätten markieren sollen, jedoch immer weiter in den Grund der Möstls wanderten. Dies taten die Grenzsteine vorzugsweise bei Nacht und von den Möstls unbemerkt, denn Wilfried Möstl, der Großvater von Alois, der für die Wahrung des Besitzstandes der Seinen verantwortlich war, verbrachte die Abende und ersten Nachthälften aus Prinzip im Gasthaus Zur Zunft, wo er sich mit großen Mengen Wein und Schwarzgebranntem von den Strapazen seiner Tage erholte.

Kam er durch Zufall dahinter, dass sein Grundstück kleiner und das seines Nachbarn wieder einmal größer geworden war, ohne dass er Geld dafür erhalten hatte, stattete er Josef Mierz, seinem direkten Widersacher, einen Besuch ab und teilte diesem in unflätigen Worten mit, dass es so aber nicht gehen konnte, und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass ein paar seiner Maulschellen zwar rasch verabreicht wären, aber lange Zeit brennen würden.
Wilfrieds Sohn Heinrich brannten in der Tat oft die Wangen, was ihn dazu brachte, seinen Unmut über die rustikale Wesensart seines Vaters in eine bestimmte Bahn zu lenken, nämlich Gustav Mierz, den Vater von Franz, aus ganzem Herzen zu hassen, denn diesen machte er für das Unglück im Umgang seines Vaters mit ihm verantwortlich.

Als Heinrich und Gustav das Erwachsenenalter erreichten, ging es nicht mehr um das Versetzen von Grenzsteinen, denn dieses Thema war durch den allgemeinen technischen Fortschritt obsolet geworden. Das steirische Amt für Vermessung hatte nämlich nicht bloß elektrisches Licht in seinen Räumen erhalten, sondern auch einige Apparate, mit welchen die Außendienstmitarbeiter des Amtes, allerdings nur von den Strahlen der Sonne illuminiert, auf den Dezimeter genau ermitteln konnten, wie viel Grund und Boden jedem Gratweiner Bauern tatsächlich gehörte.

Der Streit zwischen den beiden Männern fußte auf den Folgen des in der Steiermark üblichen Brautraubes während einer Hochzeitsfeier, welcher einen prinzipiell humoristischen Charakter haben sollte und auch hat, nur eben nicht im Fall Möstl gegen Mierz.
Da der Großbauer Mierz nämlich der Ansicht war, dass die Braut seines Nachbarn und Standesgenossen Möstl genau der Stein war, der ihm zum ordnungsgemäßen Leben auf seinem Hof fehlte, gab er sie weder zurück noch frei, nachdem er sie geraubt hatte, und ehelichte sie drei Wochen nach ihrer Scheidung von Heinrich Möstl, welche vier Wochen nach der Eheschließung vollzogen wurde.

Mit dieser Handlung war die Feindschaft zementiert, da half es auch nichts, dass Heinrich doch noch eine Frau fand, nämlich Helga Schinagl. Diese war in Gratwein allseits bekannt, doch wurde sie bloß von den männlichen Dorfbewohnern geschätzt. Die Ehefrauen der Männer hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu ihr, und das aus einem einfachen Grund. Waren sie einerseits froh über die Tatsache, dass Helga ihnen die Mühen des ehelichen Vollzugs gerne abnahm, so hatten sie gar keine Freude damit, dass ihre Gatten sich penetrant nach Helgas Mandelölduschbad duftend neben sie legten und beim Einschlafen von Gratweins bester Matratze murmelten, ohne näher darauf einzugehen, ob sie diejenige meinten, auf der sie gerade lagen.

Alois Möstl und Franz Mierz wiederum lagen sich aus einem gänzlich anderen Grund in den Haaren. Als Gratweiner Bauern waren sie große Jäger, und wie auf ihren Höfen waren sie auch in ihren Jagdrevieren Nachbarn.
Alois fiel auf, dass der Bestand an schönen Rehböcken und kapitalen Keilern stetig abnahm, und insgeheim wusste er, wer dafür verantwortlich sein musste, doch fehlten ihm die Beweise, um Franz Mierz zur Rede stellen zu können.

Eines Tages saß er auf seinem Hochsitz und legte auf einen schönen Rehbock an, als dieser, von einem Blattschuss tödlich getroffen, zusammenbrach. Da das Projektil nicht aus seiner Büchse ausgetreten war, wusste er sofort, wer das Stück zur Strecke gebracht hatte. Alois lief zum Bock und wartete auf das Eintreffen von Franz Mierz.
Als der kam, wurde er von Alois äußerst ungehalten darauf aufmerksam gemacht, dass er gewildert hatte, denn er hatte ja keinen Jagdschein mehr.
Mierz klärte Möstl über die Tatsache auf, dass er zwar im Gefängnis in Graz gesessen hatte, doch da er seinen Vater lediglich erschlagen hatte, wofür nicht einmal nach dem steirischen Jagdrecht ein Jagdschein vonnöten war, hatte er seinen Schein beim Verlassen des Zuchthauses von dessen Direktor zurückbekommen.
Dass der Rehbock nicht in seinem Revier gefallen war, sondern knapp über dessen Grenze, konzedierte Franz Mierz zwar, doch sein wissender Blick auf den streng geschützten Habicht, den Alois Möstl auf der untersten Sprosse der auf den Hochsitz führenden Leiter abgelegt hatte, entschärfte die Situation.
Sie einigten sich dahingehend, dass Alois den Bock und Franz den Vogel bekam und über die Sache Stillschweigen bewahrt werden sollte.

Zwei Wochen nach diesem Vorfall fand eine revierübergreifende Treibjagd statt. Im Zuge dieses Ereignisses, und nachdem er mit Franz Mierz mit einem doppelten Schwarzgebrannten angestoßen hatte, wie es in Gratwein Brauch ist, sah Alois Möstl seine Chance gekommen, den jahrzehntelangen Streit seiner Familie mit den Mierz‘schen endlich zu begraben.

Nachdem er, als guter Weidmann, Franz Mierz einen Tannenzweig als letzte Äsung in den Mund geschoben hatte und bevor er sich entfernte, denn er wollte seinen Nachbarn nicht als seinen Abschuss deklarieren, sagte er: „Eigentlich habe ich dich gar nicht gekannt.”

Michael Timoschek

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Der Jagderfolg

Ich saß vor dem Häuschen meiner Eltern und las eine Kurzgeschichte, die in einer Literaturzeitschrift erschienen war. Ich war so vertieft in die Erzählung, dass ich auf den Mann, der an unserem Gartentor lehnte, erst aufmerksam wurde, als er mir höhnisch zurief: „Ist ja klar: Der Schreiberling sitzt in der Sonne und lässt den Herrgott einen guten Mann sein!”
Ich blickte zum Tor und sah, dass ich von Alois Pöllhammer in meiner Lektüre gestört worden war. Ich legte das Magazin behutsam auf den Boden, dann sprang ich auf und und stürmte auf Pöllhammer zu.
„Was passt dir denn schon wieder nicht, Alois?”, rief ich. Heiß fühlte ich die Zornesröte auf meinem Antlitz.
„Mir passt alles, Michael”, sagte er mit ruhiger Stimme. „Ich habe mir gedacht, dass ich mal durch Gratwein radeln sollte, damit alle Eingeborenen mein neues Mountainbike bewundern können.”

Die Arroganz, die in seinen Worten lag, trieb mich zur Weißglut, doch unwillkürlich warf ich einen Blick auf den Drahtesel. Ich bin wahrlich kein Experte, was geländetaugliche Räder betrifft, doch erkenne ich ein teures Rad, und das von Pöllhammer war definitiv das teuerste, das ich je gesehen hatte.
„Na, Timoschek, was sagst du dazu?”, fragte er und sah mich herausfordernd an.
Ich sagte nichts.
Er begann zu sticheln.
„Mein Bike ist wohl besser als dein klappriges Puch Spezial, das du von deinem Vater übernommen hast, oder? Na ja, als erfolgloser Autor kann man sich eben nicht viel leisten.”
Damit hatte er recht, doch das störte mich nicht. Was mich jedoch störte, war der Knutschfleck, den er auf dem Hals hatte. Dieses Mal stammte nämlich von Sonja Schwaighofer, die Pöllhammer mir zwei Wochen zuvor ausgespannt hatte.
„Na, dann fahre ich wieder heim in mein schönes Haus zu meiner Sonja”, sagte er süffisant und fuhr davon.
Erst wollte ich beschließen, mich nicht aufzuregen, doch dann beschloss ich, es Pöllhammer heimzuzahlen, so erregt war ich.

Der Zufall wollte es, dass sechs Tage nach diesem Vorfall das jährliche Fest der Freiwilligen Feuerwehr in der Gratweiner Mehrzweckhalle stattfand.
Viele Menschen waren gekommen, auch Pöllhammer, und an seiner Seite Sonja Schwaighofer. Sie sah mich, kam auf mich zu und küsste mich zur Begrüßung auf die Wange. Er streckte mir seine Hand herablassend entgegen, und ich schüttelte sie mit meiner.
Ich stellte mich an die Bar und trank ein paar Biere mit meinen Freunden, und es hätte ein angenehmer Abend werden können, wäre Pöllhammer nicht auf die Idee gekommen, mich vor allen Anwesenden demütigen zu wollen.

„Da steht er, der Timoschek, unser Schreiberling!”, grölte er, trunken vom Obstler.
Ich war nicht mehr nüchtern, und da Steirerblut nun einmal kein Himbeersaft ist, geriet ich in Harnisch.
„Und da wankt er, unser Pöllhammer!”, gab ich nicht eben leise zurück. „Er befindet sich in dem Zustand, in dem wir alle ihn nur zu gut kennen.”
„Was willst du damit sagen?”, zischte er.

Die Marktmusikkapelle hatte aufgehört zu spielen, und so kamen immer mehr Menschen von der Tanzfläche an die Bar und wurden Zeugen unserer Konversation.
„Dass du ein Trinker bist, das will ich sagen!”
„Besser ein Säufer als ein armer Schlucker, der sich das Saufen nur zweimal im Monat leisten kann!”, rief er.
Ich errötete, ging aber dennoch auf seine Worte ein.
„Ja, ich bin arm. Aber du, Pöllhammer, bist auch nur durch den frühen Tod deines Vaters zu Geld gekommen”, gab ich zu bedenken.

Schlagartig war es still in der Halle, bloß das Geräusch der Bierzapfanlage war zu hören.
Sonja Schwaighofer hatte sich zu ihren Eltern gesellt und beobachtete Alois und mich aus angemessener Distanz.
„Das ist richtig, Timoschek, ich habe viel Geld geerbt – und weiter?”
„Du führst ein Leben in Saus und Braus, trägst die teuersten Anzüge, fährst die schnellsten Autos – doch am Anfang deines Reichtums steht ein Mord!”, rief ich.

Die Zapfanlage verstummte.
„Was sagst du da, du Gauner?”, rief er.
„Die Wahrheit, du Halunke!”, brüllte ich. „Wie war das denn mit dem Tod deines Alten?”, fuhr ich fort. „Ihr wart doch an diesem Tag, als er seinen Jagdunfall gehabt hat, zu zweit in eurem Revier!”
„Woher willst du das wissen, Timoschek?”
„Ich habe euch beobachtet.”
„Was?”, schrie er.
„Ich war Schwammerl suchen und habe gehört und gesehen, wie du mit deinem Vater wegen Geld gestritten hast. Und dann ist er gestorben.”
„Ich habe oft mit meinem Alten gestritten, das stimmt schon, aber nie wegen Geld!”
„Natürlich wegen Geld, Pöllhammer!”, brüllte ich. „Ein paar Tage, bevor du deinen Alten um die Ecke gebracht hast, hat er deine Saufschulden in sämtlichen Wirtshäusern bezahlt und den Wirtsleuten aufgetragen, dich nie wieder anschreiben zu lassen. Er hat auch zu jedem einzelnen Wirt gesagt, dass er dir kein Geld mehr geben wird, weil du immer alles, was er dir gibt, gleich versäufst oder nach Graz zu den Huren trägst!”
„Das ist eine Lüge, Timoschek!”
„Nein, das stimmt schon! Viele hier in der Mehrzweckhalle könnten das bezeugen, denn sie sitzen ständig im Gasthaus! Jedenfalls, nachdem du deinen Vater in eurem Jagdrevier erlegt hast, hast du sein Sägewerk schnell zu Geld gemacht und lebst nun in Saus und Braus.”
„Das war ein Unfall!”, schrie er.
„Dass sich zwei Schüsse aus deiner Flinte gelöst haben? Nein, mein Böser, das war bei Gott kein Unfall! Ich habe es ja gesehen: Dein Vater hat dir gesagt, dass er am nächsten Tag sein Testament ändern würde, und da musstest du eben handeln!”, rief ich.

Dann fühlte ich, dass es an der Zeit war, die doch etwas bedrückte Stimmung in der Halle aufzulockern, also stellte ich Alois eine Frage, um ihn daraufhin abzuklopfen, ob er ein guter Jäger war.
„Sag, Pöllhammer, hast du deinem Alten wenigstens die letzte Äsung zuteilwerden lassen? Hast du ihm einen Zweig in den Mund gesteckt? Ich bin nämlich davongelaufen, nachdem du ihn erlegt hast.”
„Ich habe ihn nicht erlegt, du Falott! Zwei Schüsse haben sich aus meiner Flinte gelöst, und er wurde das Opfer eines Unglücks!”
„Zwei Schüsse aus einer einläufigen Flinte”, stellte ich fest und blickte die Umstehenden an.
„Ein technisches Versagen, sonst nichts!”, zischte Pöllhammer.
„Natürlich handelt es sich um ein solches. Vor allem, wenn man eine Kipplaufflinte in der Hand hält!”

Ich musste unwillkürlich lachen.
„Die Polizei hat auch festgestellt, dass es ein Unfall war”, sagte er und sah mich triumphierend an.
„Natürlich hat sie das, Alois. War der damalige Postenkommandant nicht der Bruder des Vorarbeiters im Sägewerk deines Alten? Und konnten sich die beiden Herren nach diesem Unglück nicht ihre Häuser bauen, das eine mit einem Schwimmteich, und das andere sogar mit einer riesigen Voliere für Graupapageien?”
„Warum hast du mich nicht angezeigt, Timoschek?”
„Das hätte doch nichts gebracht, Pöllhammer. Es gibt in jedem Dorf die Gleichen, und es gibt die Gleicheren. Außerdem ist es um deinen Alten nicht schade.”
Alois Pöllhammer kam auf mich zu, verabreichte mir eine Ohrfeige, dann drehte er sich um, rief: „Ein Schreiberling eben – so einer erfindet gerne Geschichten!” und stürmte aus der Halle.

Ich rieb meine Backe und sagte zu den Festbesuchern: „Es tut mir leid. Ich wollte euch den Abend nicht verderben, aber das musste gesagt werden.”
Der Bürgermeister kam zu mir, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Es ist, wie es ist.”

Dann kam Sonja Schwaighofer, küsste mich auf die nicht schmerzende Wange und flüsterte: „Pöllhammer wird bald kein Geld mehr haben, wenn er es weiterhin mit beiden Händen rauswirft. Dass er seinen Vater umgebracht hat, habe ich gar nicht gewusst, ehrlich. Na ja, ich wollte ihn morgen ohnehin verlassen und zu dir zurückkommen.”
Ich lächelte wissend und nahm sie zurück.

Michael Timoschek

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