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Stadtluft macht frei

Endlich frei! Und gleich! Und sicher!
Keiner, der mir blöde kommt!
Selbst – nicht fremdbestimmt, todsicher!
Garantiert Beweglichkeit, echt prompt.

Natürlich gibt es auch Verlierer,
Erfolg ist meistens nicht von Dauer.
Die Sieger sind nicht nur Kassierer,
am Ende tragen manche Trauer.

Ich richte mich nach den Gesetzen,
die mir mein Menschsein garantier’n.
Doch gleichzeitig fasst mich Entsetzen,
über Dinge, die in der Stadt passier’n.

Die meisten haben wirklich alles,
was das Herz begehrt, und mehr.
Ein Neustart droht, wohl jeden Falles,
zu Tod’ gesiegt, scheint mir’s. Unfair!

Denn langsam wird es um uns eng,
für das, was weidlich ausgelebt.
Und Raum wird knapp, nach Schwinden drängt.
Gerammelt voll. War so nicht angestrebt!

Es trampeln oftmals die Befreiten
schon auf den Füßen and’rer ’rum.
Im Umfeld heißer Metropolen streiten
sich die Leut’, in Massen. Dumm!

Stadtluft!, sehnt man sich herbei,
Stadtluft, sagt man, die macht frei!
Obwohl die Straßen vollgerammelt,
Straßen, Häuser oft vergammelt.

Über uns stau’n Satelliten,
heiß geht’s her, geg’n gute Sitten!
Hetz-Mobs, einen Tweet entfernt,
was hat der Mensch schon groß gelernt?

Bloß heiße Luft, die überhitzt,
fertig ist man und man schwitzt.
Beschränkt die and’ren, beim Entfalten,
Reibungsflächen sich gestalten.

Es knallt an planetaren Grenzen,
nichts wächst, bloß Turbulenzen.
Der Ruf, laut, nach Autonomie,
ist hörbar und so stark wie nie.

Konflikte, die aus Trümmern ragen,
von Gewinnern und Verlierern ausgetragen.
Zwischen Opfern und den Tätern,
sozialen Ankern und Verrätern.

Individuen vermeiden,
sich festzulegen, zu entscheiden,
wohin sie eigentlich gehören,
und gottgewollte Ordnung stören.

Die Wirtschaft wächst kaum so wie früher,
der Erdball hitzt, wird langsam glüher.
Zwischen Sieger und Verlierer
bleibt nicht viel, bloß für Paktierer.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25147

Der Mann, der seine Stadt rechnete

Aron Kurz lebte seit 30 Jahren in seiner Stadt, die wir hier Dönen nennen. Wir tun das, weil weder Aron noch Dönen gewollt hätten, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Aron hatte immer schon einen besonderen Kopf besessen, der Zahlen liebte und besonders viel Ordnung brauchte. Spontaneität wirkte auf Aron wie Hindernisse auf eine Schnecke; beide zogen sich in sich zusammen.

Er arbeitete in einem Computerzentrum, was er gerne mochte, weil dort alles seine Ordnung hatte. Das Computerzentrum, wo Aron arbeitete, gehörte zur Stadtverwaltung.

Seine Stadt unterschied sich nicht von anderen Städten, die 200.000 Einwohner hatten, halb in einer Hügellandschaft, halb in einer Ebene lagen, von zwei Flüssen durchschnitten wurden, etwas Industrie und etwas Kultur aufwiesen und langsam mit den Nachbarorten verschmolzen.

Das Stadtbild des IT-Spezialisten hatte für ihn keine sinnlichen Qualitäten, obwohl die Stadt sich in Regen, Sonne und Schnee veränderte. In der Sommersonne schien sie metallisch zu gleißen, unter Wolkenhimmel verschwammen ihre Konturen. Sie roch nach Gummi, Autos, Feuchtigkeit, manchmal auch dumpf und machte die üblichen Geräusche, welche von Sirenen und Baumaschinenlärm durchstoßen wurden. Doch das war für Aron unerheblich, seine Stadt bestand aus Zahlen, aus Bits und Bytes.

Manche Menschen definieren die Stadt durch ihre Bewohner, ihre Ereignisse, ihren Tageslauf. Der Dreißigjährige mit den kurzen karottenroten Haaren, die sich dank der Schermaschine in Reih und Glied befanden und kaum aufgrund eines Kammes ihre Wuchsrichtung veränderten, mit dem glühbirnenförmigen Kopf, dem schlaksigen mittelgroßen Körper und immer ein wenig abwesend wirkenden braunen Augen hatte nur einen Freund und eine Schwester und seine Eltern, die aber woanders lebten. Außerdem gab es eine etwas jüngere braunhaarige Frau, die sich für ihn interessierte. Auch er interessierte sich für sie, aber er dosierte die Begegnungen so, dass sie in seine Ordnung passten.

Die Brünette mit den grünen Augen und dem etwas fülligeren Körper durfte ihn etwa täglich zwischen 18.00 und 19.34 weder persönlich noch per Handy stören, denn da rechnete Aron seine Stadt auf seine Weise aus. Geburt und Tod, Kartoffel- und Fleischverbrauch, allgemeiner Wasserverbrauch, spezieller Wasserverbrauch, Diebstähle, Müllverbrauch, Christbaumverschleiß.

Seine Stadt hatte 174 Frisöre, die 130.000 Liter Wasser pro Tag brauchten, sofern sie einen Durchschnitt von 5 Kunden pro Tag hatten, was wenig war, denn 870 Kunden waren unverhältnismäßig für eine Stadt mit 200.000 Einwohnern. Das verbrauchte Wasser hätte den täglichen Trinkwasserbedarf eines Dorfes von 2.400 Einwohnern gedeckt.

Andererseits, mit Kochen, Waschen und Duschen brauchte eine Person alleine 60 bis 100 Liter, schon weil eine Dusche 16 Liter Wasser pro Minute raussprüht. Das waren für seine Stadt 20 Millionen Liter täglich. Damit würden 100 Menschen ihr ganzes Leben lang nie Durst haben.

Mit dem Wasser spülte seine Stadt etwa 80.000 Tabletten pro Tag runter, vorausgesetzt, jeder nahm durchschnittlich 2 Stück.

Außerdem wusste Aron, dass 30.000 Plastiksackerln oder 600 Kilo am Tag verwendet wurden. 600 Kilo, das produzierte eine Person jährlich an Gesamtmüll.

Arons Verehrerin erfuhr das auch, als sie ihn auf einen Kaffee einlud. Für die Kaffeepause hatte Aron exakt 100 Minuten eingeplant. Weil er nicht besonders gut in Konversation war, unterbreitete er seiner braunhaarigen Schönen seine Ergebnisse und erntete ein Seufzen.

„Das heißt, ich habe in einem Jahr 600 Kilo Mist zur Mülltonne geschleppt?“

„Statistisch gesehen ja.“

Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen an, während er anstatt ihrer fragenden Miene nur das dumpfe Geplapper im Hintergrund und das zeitweilige Klappern und Klirren von Geschirr registrierte.

„Angefühlt hat es sich wie 300 Kilo“, legte sie nach.

„Davon kann ich nichts sagen, wie es sich anfühlt.“

„Es wäre schön, wenn ich meinen Mist nicht alleine tragen müsste“, wagte sie ihrer Meinung nach eine Andeutung, sie wolle ihren Haushalt irgendwann mit einem Partner teilen.

Doch Andeutungen verstand Aron nicht. Außerdem war Mist das unromantischste Thema, das man sich vorstellen konnte, um die Kurve zu einem Partnerschaftsangebot zu kratzen.

„Aron, wie viele Menschen heiraten pro Jahr?“

„922. Aber wir haben schon hundert Minuten gesprochen. Ich muss jetzt gehen. Bis nächste Woche zur selben Zeit.“

Wir wissen an diesem Punkt der Ereignisse noch nicht, ob Aarons Treffen mit seiner Braunhaarigen irgendwann zu was anderem führte als zu zahlenmäßigen Erörterungen seiner Stadt. Wir wissen aber, dass die Zahlen für Aron etwas Besonderes waren und dass man sich ihm und seinem Leben am besten nähern konnte, wenn man das berücksichtigte.

Und mehr als seine persönlichen Beziehungen wuchs seine klar quantifizierbare Beziehung zur Stadt.

Sein Leben begriff er als einen geringfügigen prozentualen Anteil an ihr. Wie oft er seine Straßen zur Arbeit und zurück beging, wie viele Autos an ihm vorbeifuhren, wie hell sie in der Nacht leuchtete (etwa ein 12-Tausendstel der Leuchtkraft der Sonne, rechnete er aus).

Diese Berechnungen trug Aron fein säuberlich in ein Heftchen ein.

Doch irgendwann ging ihm auf, dass man die Menschen nicht berechnen konnte. Nicht die Braunhaarige, nicht mal seine eigene Verwandtschaft, und das irritierte ihn.

Und eines Tages kam das Unvermeidliche.

Die Frau, die mit ihm Kaffee trinken ging und sich übrigens Eva nannte, hatte, seiner Ausführungen müde, auf ihn, Aron, persönlich Bezug genommen.

„Aron, immer sprichst du von Zahlen. Von deiner Stadt in Zahlen. Wann sprichst du von dir? Können wir sogar nicht auch einmal von uns sprechen?“

Das verschreckte den Mann, der sich deshalb so an seine Zahlen klammerte, weil er allem, das nicht auf eine numerische Größe reduzierbar war, zutiefst misstraute. Damit konnte er nicht umgehen.

Eva hatte seine Grenzen überschritten. Sie merkte es erst, als sie Arons verkrampftes Gesicht sah. Dass dieser seltsam korrekte zahlenbesessene Mann nicht anders konnte, ahnte sie. Aber dass er so heftig reagierte, überraschte sie, die bisher keinem Menschen mit einem so speziell arbeitenden Gehirn begegnet war.

Alles in Zahlen zu fassen, zu quantifizieren, war ja grundsätzlich auch ein Männerding.

Doch ihr Kaffeepausenpartner tat etwas Unübliches. In der 87. Minute sprang er auf, schnappte seinen Mantel und verließ die Kantine der Stadtverwaltung, wo die beiden ihr Heißgetränk einzunehmen pflegten.

Eva blieb überrascht sitzen. Sie blieb sogar noch 20 Minuten vor ihrem erkalteten Kaffee sitzen, weil sie nun ihrerseits nicht einordnen konnte, was passierte.

Fassung zu gewinnen, dazu brauchte Aron mehr als seine Wegstrecke nach Hause. Er wusste nur, er wollte durchaus wieder die Gewohnheit, mit dieser Frau Kaffee trinken zu gehen, aufnehmen, wenn er sich eingekriegt und stabilisiert hatte. Dass er diese Gewohnheit des gemeinsamen Koffeinkonsums jetzt schon misste, war ein Ausdruck dessen, dass er Eva durchaus positiv zugetan war. Alleine, dass er ihr Zeit eingeräumt hatte, die sie miteinander verbrachten, war ein Indikator dafür. Auch, dass der Verlust dieser Gewohnheit ihn mit einem Bangen erfüllte, das über die Befürchtung hinauswuchs, seinen Tagesplan neu auffüllen zu müssen, er sorgte sich sogar, die Gegenwart dieser Frau nie wieder zu erfahren.

Es war also ein Weg zu finden, mit ihr zu sprechen, ohne dass sie auf dramatische Weise erneut plötzlich Verbindliches oder gar Persönliches einforderte. Er musste vielleicht unter Umständen die Möglichkeit zulassen, diesen Aspekt wohldosiert den Begegnungen hinzuzufügen.

Zu Hause setzte er sich an seinen Tisch, nahm eines der sorgfältig aufeinandergestapelten Heftchen, in denen er seine Stadt rechnerisch festgehalten hatte, und suchte in all den statistischen Zahlen etwas Zwischenmenschliches, etwas Persönliches. Denn all diese Zahlen mussten doch in ihrer Generalisierung auch etwas Individuelles geborgen haben. Tatsächlich war er gezwungen, mehrere Hefte auf einmal zu nehmen, zu öffnen, zu überfliegen, zu schließen und wieder fein säuberlich auf ihren fest bestimmten Platz im Stapel zu legen.

Etwas, worüber er Eva berichten konnte und das ihre Beziehung ins Lot brachte, war nicht so leicht zu finden, genauso wie etwas, das vielleicht auch so etwas wie eine Beziehung von zwei Menschen in einer Stadt ausdrückte.

Zwischen 18.00 und 19.34 Uhr war für solche Recherchen nicht viel Zeit. Tage vergingen ohne Ergebnis, ohne die Gewohnheit, mit Frau Eva Kaffee zu trinken oder gar einen neuen Schritt zu wagen. Er war sich schmerzlich bewusst, dass es eine Veränderung geben musste.

Nach drei Wochen war es so weit. Genau 15 Minuten vor Dienstschluss wählte er mit seinem Amtstelefon das Amtstelefon von Frau Eva an.

„Hallo, Frau Eva.“

„Hallo Aron.“

„Frau Eva, ich bedaure, dass ich überstürzt weggelaufen bin.“

„Du bist nicht nur das. Ich habe lange nichts von dir gehört. Ist das das Ende unserer Kaffeetreffen?“

„Das möchte ich nicht. Ich habe eine Lösung gesucht. Eine Lösung, auch anders mit Ihnen zu sprechen.“

„Oh, ist das so schwer für dich?“

„Ja. Ich sage es nicht gerne, aber ich bin als Autist klassifiziert. Ich kann nächstes Mal gerne erklären, was das ist. Aber Sie sollten wissen, dass meine neurologische Spezifikation eine wesentliche Rolle in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen spielt. Sie verlangt Ordnung und Absehbarkeit.“

„Hat es was mit deiner Vernarrtheit in Zahlen zu tun?“

„Ja auch. Zahlen geben mir Sicherheit. Spontane Gefühle, abrupte Wendungen verunsichern mich zutiefst.“

Eine Pause von gut zwei Minuten trat ein. Sie wurde ihm nur um weniges leichter, weil er ihre Atemzüge zählen konnte, die sich nicht auf die Minute genau ausgingen.

„Gut, wir können ja uns einmal treffen. Dann erzähl mehr.“

Zum ersten Mal merkte Aron, dass er die Asymmetrie der persönlichen Anrede als störend empfand. Er musste sich also auch zurechtlegen, das Sie und das Du in ein Gleichgewicht zu bringen. Aber zuerst brauchte er eine Lösung, auch seine Beziehung zur Stadt, zur Arbeit zu den Zahlen und zu persönlichen Interaktionen in Einklang zu bringen.

Arons Lösung mag für Außenstehende verblüffend wirken. Sie würde möglicherweise auch sein Leben beeinflussen.

Wochenlang hatte er danach gesucht. Und dann subtrahierte er sich und Eva aus den Berechnungen. Zahlenmäßig würde das nicht ins Gewicht fallen. Etwa 20 Millionen Liter weniger 200 Liter Wasser. Oder die 0,34 Plastiksackerl, die er und Eva durchschnittlich pro Tag brauchten und welche die 30.000 dieser Stadt nicht erheblich dezimierten.

Aber, es war für Aron ein erster Schritt, das Unberechenbare des Menschlichen zuzulassen. In statistisch unerheblichen Dimensionen, versteht sich. Er konnte sich nun beruhigt mehr auf Eva einlassen.

An das Chaos, das dieses Verhalten auslösen würde, wenn jeder so handelte wie er, verschwendete er keinen einzigen Gedanken.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25125

Dasein voller Lücken

Ein Leben voller Lücken,
mit Ecken und Kanten versehen,
ohne unsere Schwächen zu verstehen,
was kann uns damit glücken?

Mängel, Haken und Ösen,
ist das die Wurzel alles Bösen?
Können wir am Ende nur noch träumen
und dabei unser wahres Glück versäumen?

Wir Menschen sind alles andere als perfekt,
doch das macht unser Dasein bunt, nicht defekt,
darum gibt es keinen Grund für Trauer oder Groll,
leben wir optimistisch und hoffnungsvoll.

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25121

Der Wirrer

„Alles vergebens!“, brüllt der Wirrer in die Stille der Nacht. „Es hat keinen Sinn mehr! Ich bin eine Null, ein Nichts, ein Niemand! Ich mache Schluss! Jetzt! Sofort! Ende! Finito!“

Anne und Jan, beide soeben im Begriff einzuschlafen, schrecken hoch und lauschen dem verzweifelten Monolog ihres Wohnungsnachbarn. Anne knipst das Licht an und flüstert: „Sollen wir die Rettung rufen? Nicht, dass der Ernst macht mit einem Suizi – …“

„Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!“, schreit der Wirrer nebenan.

Jan steht auf und schlüpft in seine Hose. „Ich klopfe mal bei ihm an.“

„Aber es ist doch schon nach Mitternacht“, sagt Anne, doch Jan geht kommentarlos aus der Wohnung.

„Und? Was war? Hat er dir geöffnet?“, fragt sie gespannt, als er sich kurze Zeit später wieder ins Bett legt und das Licht ausschaltet.

„Ja, einen Türspalt. Als ich ihm erklärte, dass wir uns Sorgen um ihn machen, hat er irgendetwas von einer höchst komplizierten Arbeit gestottert, die ihm seit Monaten den Schlaf raubt und über die er sich vorhin leider lautstark geärgert hat. Er lässt sich bei dir entschuldigen, hat nicht geahnt, dass die Mauern im Haus so dünnwandig sind.“

„Der Wirrer und Arbeit?!“, schüttelt Anne, hellwach und aufrecht im Dunkeln in ihrem Bett sitzend, den Kopf. „Nie im Leben – der arbeitet doch nichts! Ich frage mich echt, wie er sich die teure Miete leisten kann. – Oder hast du ihn jemals in den drei Monaten, seit er hier wohnt, untertags außer Haus gehen sehen? Aber stell dir vor, was mir die Fuchs vom dritten Stock erzählt hat. Als sie gestern gegen vier Uhr früh mit ihrem inkontinenten Hund rausmusste, ist draußen der Wirrer an ihr vorbeigehastet und hat laut Schimpfwörter und Zahlen vor sich hingebrabbelt. Die Fuchs hat er nicht mal registriert. Also mit dem stimmt etwas ganz und gar nicht.“

Jan gähnt. „Er ist halt ein Eigenbrötler. Einer von vielen. Nicht unser Problem, Anne.“

„Aber er könnte ein Problem für uns werden, Jan!“, gerät Anne in Fahrt. „Hör zu: Die alte Kozmann vom ersten Stock hat mitgekriegt, dass er sich täglich Essen liefern lässt. Das ist doch nicht normal! Der Wirrer ist sicher noch keine fünfzig und nicht bettlägerig. Auch der Pecker vom Erdgeschoß findet ihn äußerst dubios. Er hat ihn einige Male gesehen, als er unten seine Post aus dem Briefkasten holte. Immer machte der Wirrer einen sehr ungepflegten und äußerst nervösen Eindruck, hat er gesagt. Weißt du, was die Kozmann, der Pecker und ich vermuten? – Dass der Wirrer direkt von der Psychiatrie ausgerechnet in unser Haus eingezogen ist. Wir sollten etwas unternehmen, bevor etwas Schlimmes passiert. Was meinst du, Jan?“

Jan schnarcht leise.

Drei Tage später, als Anne mit Einkäufen bepackt das Haus betritt, kommt ihr der Wirrer entgegen, und Anne fällt vor Überraschung eine Tasche aus der Hand. Der Wirrer trägt nämlich einen eleganten hellen Anzug und eine Krawatte. Er ist rasiert, und sogar sein strubbliges Haar wirkt geordneter als sonst.

„Guten Tag“, nickt er freundlich, als er, lässig an ihr vorbeigehend, das Haus verlässt, und diesmal ist Anne diejenige, die nicht grüßt, so perplex ist sie von der Wirrer-Verwandlung.

Die Hausmeisterin, Frau Sauer, wäscht gerade schnaufend die Stufen des Stiegenhauses.

„Frau Sauer, sagen Sie, haben Sie soeben den Herrn Wirrer gesehen?“, fragt Anne.

Die Hausmeisterin wischt sich den Schweiß von der Stirn und verdreht vielsagend die Augen.

„Und ob! Er war ja auch nicht zu übersehen, unser feiner Herr Wirrer!“ Und Anne und die Hausmeisterin schütteln zuerst synchron ihre Köpfe, bevor sie sie aufgeregt flüsternd zueinander neigen.

„Die Sauer und ich vermuten eine massive Persönlichkeitsstörung“, überfällt Anne Jan, als sie ihm abends die Wohnungstür öffnet.

„Wer ist die Sauer? Und wer die massive Persönlichkeitsstörung?“, seufzt Jan müde. „Lass mich doch bitte erst mal reinkommen.“

Und während Anne die verblüffende Metamorphose ihres Nachbarn schildert, lässt sich Jan aufs Sofa fallen, schenkt sich ein großzügiges Glas Wein ein und schaltet den Fernseher ein.

„Die Sauer, du und ich – wir drei werden morgen den Wirrer aufsuchen und ein ernstes Wort mit ihm reden. Weißt du, ich fühle mich nicht mehr sicher, seit er neben uns – “

„Das gibt’s doch nicht! Schau, Anne, das ist doch –“

Jan zeigt auf den Bildschirm. Anne schaut hin und traut ihren Augen nicht. Da sitzt doch tatsächlich der Wirrer vis-à-vis von Max Redeweis, einem der bekanntesten Moderatoren des Landes. Mittendrin in einem Live-Interview. Max Redeweis gratuliert soeben ehrfürchtig Herrn Dr. Dr. Georg Wirrer dazu, den Code eines mathematischen Rätsels, an welchem renommierte Experten jahrelang gescheitert sind, geknackt zu haben. Auf die Bitte des Moderators hin erläutert der Wirrer seinen Code-Knack-Prozess, wobei Anne und Jan schon zu Beginn geistig aussteigen müssen. Als Max Redeweis danach den Wirrer diskret über sein Privatleben befragt, erzählt der Wirrer, dass er geschieden und vor wenigen Monaten umgezogen sei. Und dann schaut und spricht er plötzlich Anne und Jan direkt aus dem Fernseher an:

„Falls meine Nachbarn mich jetzt zufällig sehen, möchte ich mich in aller Form für mein unmögliches Verhalten entschuldigen. Wenn ich einem mathematischen Problem auf der Spur bin, befinde ich mich wie im Rausch, bin kaum ansprechbar. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in dieser Zeit richtiggehend verwahrlose, die Nacht zum Tag mache, laute Selbstgespräche führe, und tja, im Eifer des Gefechts auch schimpfe und fluche. Darum kann ich mir lebhaft vorstellen, was völlig zu Recht über mich getratscht worden ist.“

Annes Handy läutet. Hektisch schaltet sie auf Lautsprecher. Die aufgeregte, sich überschlagende Stimme der Frau Sauer erschallt:

„Haben S’ auch den Wirrer im Fernsehen gesehen? Ich sage Ihnen, kein Wort glaube ich dem! Ein Dr. Dr. soll der sein?! Ha! Auf seinem Türschild steht nur G. Wirrer. Ein Hochstapler ist der! Ich fühle mich verpflichtet, das sofort dem ORF zu melden. Was meinen Sie?!“

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25114

Le vrai amour³

Eins

Kurz vor Weihnachten überquerte ich in der Stadt eine Ampelkreuzung. Zwischen den teuren Geländeautos stand ein alter japanischer Kleinwagen. Das Fahrzeug war sehr gepflegt und hatte keine Beule. Am Kennzeichen sah ich, dass es den weiten Weg aus Bukarest zurückgelegt hatte.
Als ich einen Blick durch die Windschutzscheibe erhaschte, sah ich ein Ehepaar, einen Mann am Fahrersitz und eine Frau am Beifahrersitz. Beide waren gut gekleidet, die Frau trug einen Hut und einen eleganten Mantel.
Wie armselig kamen mir danach die großen SUV vor.

Zwei

In einer Radiosendung rief eine Frau zum Thema „Unangenehme Erlebnisse“ an. Sie erzählte selbstbewusst, dass sie bei einem Spaziergang mit ihrem Mann Durchfall bekam. Sie sah eine Sporthalle, zu der sie ging. Als sie eintreten wollte, bemerkte sie, dass die Tür abgeschlossen war. Da sie nicht wollte, dass es in die Hose geht, setzte sie sich an die Hauswand. Als der Radiomoderator einwarf: „Hatten Sie keine Angst, das Ihrem Mann zu erzählen? Hat er geschimpft?“, entgegnete sie: „Ach was, ich habe einen sehr lieben Mann. Er gab mir einen Kuss und scherzte, ich hätte auch ein Gen von einem Hund.“

Drei

Die Klassenbeste bekam in einer Lateinschularbeit in der Oberstufe einmal „Ungenügend“. Mich verwunderte das sehr und ich fühlte mich – wenn ich ehrlich sein darf – auch etwas erleichtert. Ein paar Tage später erzählte sie davon, wie ihre Eltern reagiert hatten. Ich wusste, dass es an meiner Schule gute Schüler gab, die schon bei einer Eins minus in Tränen ausbrachen. Die Reaktion der Eltern war folgende: Der Vater der Schülerin holte eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank und die Familie stieß an. Dabei sagte er: „Wenn meine Tochter einmal ein Ungenügend hat, muss das gefeiert werden.“

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25112

Die Roboter-Gegenwart

Der Automontageroboter spricht: „Meine Kumpels, der Mähroboter und der Staubsaugroboter, haben bei Tests sehr schlecht abgeschnitten. Übrigens hat jemand dem Staubsaugroboter Augen aufgeklebt, und jemand anderer hat den Mähroboter „Gurki“ genannt. Dadurch funktionierten beide aber auch nicht besser. Burschen, reißt euch am Riemen! Es geht um unsere Roboter-Zukunft.“

Können Roboter fröhlich sein Fragezeichen

Können Roboter fröhlich sein Fragezeichen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25022

Bernhard und Bianca aka Bibi und Bernard

1990 – Wie alles begann

Bernhard und Bianca kannten sich bereits seit ihren ersten Lebenswochen. Ihre Familien waren Nachbarn gewesen, und wie es das Schicksal so wollte, wurden ihre Mütter zur selben Zeit schwanger. Im Grunde genommen waren sie wie Geschwister, denn ihre Geburtstage lagen nur knapp sieben Tage auseinander. Auch konnte man ihnen eine gewisse optische Ähnlichkeit nicht absprechen – die einem gemeinsamen Spieleabend der damals frisch eingezogenen Nachbarspaare geschuldet sein könnte. Man schenkte dieser Erkenntnis nur wenig Beachtung, war man doch im besten Einvernehmen – speziell was die regelmäßigen Spieleabende anging.

Die Kinder hatten eine wunderbare Kindheit, denn wie Zwillinge erlebten sie die schönsten Augenblicke ihres Weges gemeinsam. Sei es der erste Schultag, ihre kindliche Leidenschaft für zwei von Disney erfundenen Mäusepolizisten, die zufällig dieselben Namen trugen, oder ihr gemeinsamer Berufswunsch, Friseurin und Friseur zu werden, um später einen Beauty-Salon zu eröffnen. Die erste Liebe traf beide recht hart, denn sie waren Hals über Kopf in denselben Kerl verknallt.

Heute – wie es weitergeht

Es waren nun schon beinahe 15 Jahre vergangen, seit Bianca und Bernhard ihren Beauty-Salon „Chez Bibard“ eröffnet hatten. Sie waren hinlänglich als Bibi und Bernard bekannt, was die Namensgebung ihres Salons nicht unwesentlich beeinflusst hatte.

Es waren ihnen viele gute Jahre vergönnt gewesen, doch mit der Zeit stiegen auch die Mietpreise und Kosten ins Unermessliche. An die Liebe war – bis auf ein paar kürzere Affären hier und da – kaum zu denken, war doch stets ihr Salon der Mittelpunkt ihrer beider Aufmerksamkeit gewesen. Doch nun war es Zeit für einen Neuanfang. Mit Mitte dreißig würden sie nun aufs Land ziehen, die horrenden städtischen Mietpreise gegen mehr Lebensqualität eintauschen, und wer weiß, vielleicht hätte man sogar noch Zeit für die große Liebe.

Gesagt, getan, bezogen sie nach einem tränenreichen Abschied aus ihrem städtischen Umfeld ein kleines Häuschen im Dorfkern eines idyllischen Örtchens, das ihnen Möglichkeit bot, oben zu wohnen und unten ihren Salon zu betreiben.

Alles schien perfekt, und am Tag der feierlichen Eröffnung glänzten neben dem Salon auch sie selbst von Kopf bis Fuß. Bibi pflegte sich im Stil der 50er-Jahre zu kleiden, mit rückenfreien Petticoat-Kleidern, die ihren Tattoos die nötige Bühne boten. Auch Bernard war Tattoos nicht abgeneigt, doch sah er seinen Körper als lebende Leinwand, seinen Kopf zierten unzählige Piercings. Doch sein ganzer Stolz galt seinen Ohr-Tunneln, die nahezu faustgroß auf seinen Schultern ruhten.

Sie verstanden sich als Künstler, und obwohl ihnen die Wünsche Ihrer Kunden stets Befehl waren, durfte die eigene Note nach erfolgter Verschönerung des Individuums nicht fehlen.

In ihrem neuen Umfeld erschienen die beiden wie zwei Paradiesvögel, die das Idyll eines heimatlichen Schwarz-Weiß-Filmes schmückten. So war es gewiss nicht verwunderlich, dass am Tag der Eröffnung nur sehr wenige Besucher den Weg in den neuen Salon fanden.

Einige Wochen später fanden sich dennoch immer mehr Kunden bei ihnen ein, denn der nächste Friseursalon war sage und schreibe eineinhalb Stunden Autofahrt entfernt. Und im Vergleich zur langen Autofahrt schien das bunte Duo dann doch das geringere Übel zu sein.

Nun endlich angekommen und sogar teils ins Dorfleben integriert, hatten Bibi und Bernard ihr Ziel erreicht: günstigere Mieten, weniger Arbeitsstunden und mehr Freizeit. Doch waren sie es nicht gewohnt, damit umzugehen. Schnell wurde ihnen langweilig, denn Clubbings oder andere Events konnte man im Dorf nicht finden. So saßen sie abends bei einem Bierchen im Wohnzimmer und frönten ihrer Leidenschaft – Krimis. Zwar wurden die Mäuse-Helden ihrer Kindheit aus der gleichnamigen Disneyserie mittlerweile durch Agatha Christies Hercule Poirot abgelöst, denn dieser war stets stilecht und mit Bartwichse gezwirbeltem Schnurrbart ihr neuer Held ungelöster und kniffliger Kriminalfälle.

Als Bibi eines Tages die Pfarrersköchin mit Lockenwicklern versah, hörte sie, wie diese mit der Wirtin im Nebensessel den neuesten Tratsch teilte.

„Hast du schon gehört“, begann sie, „die Schwester vom Huber-Bauern ist aus dem Afrika-Urlaub nicht mehr zurückgekommen, anscheinend hat sie sich dort einen Einheimischen angelacht.“ Mit großen Augen entgegnete die Wirtin: „Ah da schau her, mit Anfang vierzig hätte sie hier wohl auch keinen mehr abbekommen.“ Gehässig grinsend erwiderte die Pfarrersköchin: „Na ja, wer’s braucht“ und ließ schulterzuckend von ihrem nicht anwesenden Opfer ab, um nun deren Bruder verbal in Angriff zu nehmen. „Am Huber-Bauer-Hof selbst ist es seit neuestem des Nachts übrigens immer hell beleuchtet. Im Stall brennt Licht, man hört laute Musik spielen und sieht Schatten, die sich auf- und ab bewegen. Vielleicht feiert er ja jetzt Orgien, wo sie nicht mehr da ist.“ „Welche Musik?“, fragte die Wirtin neugierig, doch die Pfarrersköchin entgegnete nur gleichgültig: „Das weiß ich doch nicht, aber der Jäger vom benachbarten Wald hat es beobachtet und im Tante-Emma-Laden erzählt.“

Nachmittags wiederholte sich das Szenario, jedoch nun in maskuliner Ausführung zwischen dem Mann der Wirtin und dem Gemeindearbeiter, die sich zur selben Zeit ihre Haare schneiden ließen. Es folgten Aussagen zu diversen Praktiken im Stall, gewissen Bedürfnissen alleinstehender vierzigjähriger Frauen – in Afrika, und weitere Aussagen in Bezug auf Größenunterschiede. Zwar hatte sich der Dialog zwischen den Männern nicht wirklich in politisch korrekter Sprache und ohne sexuelle Anspielungen zugetragen, doch das wahre Ausmaß des Gesagten würde die guten Sitten erheblich erschüttern.

Bibi dachte bei sich: Diese dummen Tratschmäuler, wenn die Schwester vom Bauern sich in Afrika bei oder auf jemandem niedergelassen hatte, wäre diese wenigstens zweimal erfüllter, als sie es sich von den einheimischen Männern in diesem Kaff hätte erwarten können.

Des Abends tranken Bibi und Bernard ein gepflegtes Feierabendbier auf ihrem Balkon. Als Bernard Bibis grübelndes Gesicht bemerkte, fragte er gerade aus: „Was los Bibi, bedrückt dich was?“ Diese erzählte ihm unmittelbar vom Tratsch des Tages, doch die Geschichte mit dem hell erleuchteten Stall, der Musik und den Schatten ließ sie nicht recht Ruhe finden. Auch Bernard war unmittelbar interessiert, da die Geschichte dem ländlichen Feierabend ein wenig mehr Würze verlieh. Voller Tatendrang meinte er zu Bibi: „Lass uns zum Hof fahren, vielleicht finden wir ja was heraus?“ Bibi musste nicht lange überredet werden, und gemeinsam fuhren sie mit ihren breiträdrigen E-Bikes – einem Überbleibsel ihres städtischen Lebens – zum Hof des besagten Huber-Bauern.

Dort angekommen dämmerte es bereits. Sie ließen sich im Wald nieder, und während sie den Hof beobachteten, fühlten sie sich wie zwei Hobby-Detektive, die an einem heißen Fall dran waren.

Gegen zehn Uhr begann das Spektakel: Im Stall wurde es taghell, Musik erklang aus dem mit Brettern verkleideten Gebäude, und wie es die Tratschweiber erwähnt hatten, begannen auch Schatten auf  und ab zu tanzen. Neugierig pirschten sie sich näher heran, und das Herz schlug ihnen bis zum Hals. Diesen Adrenalinkick hatten sie sich nach so vielen Monaten ländlicher Assimilation wahrlich verdient!

Aufgeregt und voller Vorfreude über das, was sie entdecken könnten, hofften sie fast darauf, dass sich die Orgien-These der Tratschweiber bewahrheiten würde. Vor dem Stall angekommen, versuchten sie, einen Blick durch die Bretter zu erhaschen, und was sie beobachteten, war wahrlich bemerkenswert:

An der nächstgelegenen Wand des Stalls war eine Leinwand befestigt, die einem alten Reflektor als Wiedergabefläche diente. Zu sehen war eine Szene aus dem Ballett Schwanensee und auch die Musik entstammte dem besagten Stück. Vor der Leinwand tanzte der Huber-Bauer, der in einem Tutu und Gummistiefeln die Bewegungen der verzauberten Schwanenprinzessin nachahmte.

Nach anfänglicher Verwunderung waren Bibi und Bernard regelrecht berührt von der Hingabe, die dieser stämmig gebaute und große Mann in seinen Bewegungen ausdrückte. Nach einigen Minuten fassten sie einen Entschluss: Sie wollten den Huber-Bauern davor bewahren, sein Gesicht vor den Dörflern zu verlieren, und mussten ihn mit dem Tratsch konfrontieren sowie mit der Tatsache, dass er Beobachter hatte.

Sie fassten sich ein Herz und klopften laut an die Stalltüre. Es wurde still im Stall, und nach einiger Zeit öffnete der Huber-Bauer einen Spalt breit die Türe. „Was wollt ihr hier?“, brummte er griesgrämig aus dem Stall, doch Bibi und Bernard nahmen ihm sogleich den Wind aus den Segeln.

„Wir haben dich beim Tanzen gesehen“, entgegnete Bernard, „und wir wollen dich vor den Dörflern warnen, die bereits jetzt eifrig über die die Beleuchtung und die Musik in deinem Stall tratschen.“

Beschämt und unsicher blickte der Huber-Bauer auf die beiden, doch er wusste, dass sein Treiben aufgeflogen war. „Bitte verratet mich nicht“, sagte er mit leiser Stimme. „Die Leute hier können gemein werden, wenn man nicht so tut, wie sie es von einem erwarten.“ Da lachten Bibi und Bernard und erwiderten: „Oh das wissen wir nur zu gut. Schau uns an, wir entsprechen ja wohl kaum dem Bild, das man hier gewohnt ist.“ Der Huber-Bauer musterte die beiden von Kopf bis Fuß und meinte lachend „Ja, da mögt ihr wohl recht haben.“ Als Zeichen seines Vertrauens ließ er sie herein und gemeinsam heckten sie einen Plan aus, der die Dorfbewohner täuschen sollte …

Schon am nächsten Tag hingen Plakate im Salon „Chez Bibard“, die verkündeten, dass sie gemeinsam mit dem Huber-Bauern ein Hofkino veranstalten würden, jeder war dazu eingeladen, und sollte es im Dorf Anklang finden, würde man es regelmäßig anbieten.

Als die Dörfler die Plakate lasen, stellte sich beim einen oder anderen durchaus ein gewisser „Aha-Moment“ ein, denn plötzlich ergaben die Beobachtungen des Jägers Sinn: Der gute Huber-Bauer hatte nur sein Equipment justiert, um einen willkommenen Beitrag gegenüber der Dorfgemeinde zu leisten. So ein toller Mann aber auch. Zwinker …

Vierzehn Tage später fand das erste Hofkino statt, und es sollten noch viele folgen. Die Frauen aus dem Ort kamen mit Köstlichkeiten, die sie für kleines Geld verkauften, und die Männer trugen Bier- und Limokisten auf den Hof. Man freute sich über das Zusammenkommen, und bei ein, zwei, drei Bier ließ es sich plötzlich auch ganz ungezwungen miteinander reden.

Bibi und Bernard waren nun gänzlich angekommen. Sie waren Teil der Gemeinschaft, und auch der Huber-Bauer, Martin war sein Name, war gerettet. Vielleicht mag es fast ein wenig kitschig erscheinen, doch mit Martin fand Bernard die Liebe, vielleicht sogar die große, aber das würden sich die beiden noch ein wenig genauer ansehen.

Doch auch Bibi hatte sich ein wenig verknallt. Denn gemeinsam mit dem Dorfpfarrer konnte sie endlich wieder ihre geliebten Spieleabende veranstalten.

Und die Moral von der Geschichte? Die Anstößigkeit liegt immer in der Imagination des Betrachters …

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 24165

Wieder „Single“

Ein Mann um die fünfzig steht an einer Wand, hält eine Tafel mit der großen Nr. 2518 mit beiden Händen vor die Brust. Man sieht nur sein Brustbild: Dreitagebart, Stoppelglatze, blauweiß-gestreiftes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Der Hintergrund ist unscharf.

„Guten Abend! Ich bin Insasse 2518 im größten österreichischen Gefangenenhaus. Wir sind fast eine Million Bewohner hier in der psycho-sozialen Haftanstalt ‚Zur Einsamkeit‘, mit Filialen in der ganzen Welt. – Nein, wir sind nicht hinter Mauern eingesperrt, wo denken Sie hin – es ist eine offene Anstalt!“

Die Kamera geht zurück, man sieht ein etwas verschlamptes Wohnzimmer, einen Wandverbau mit TV und Büchern, vis-à-vis eine Couch, daneben ein Tisch mit vier Sesseln. Der Mann geht zum Tisch, wo einige Zeitungen liegen, eine Kaffeetasse mit Rand, ein Schneidbrett mit Brotkrumen, ein fettiges Pfandl auf einer Zeitung, eine Gabel und ein Löffel. Der Mann dreht die Tafel um – vorne ist ein Hochzeitsfoto mit lachenden Gesichtern – und hängt sie an die Wand. Dann setzt er sich an den Tisch, legt die Unterarme auf die Platte und verschränkt die Finger:

„Wir haben ja den modernen Strafvollzug; und die meisten wissen gar nicht, warum sie gestraft werden – sie haben ja nichts getan. Diese Idioten – genau deshalb sind sie ja hier, weil sie nichts getan haben! Das war ja auch mein Verbrechen:  Ich habe 25 Jahre nichts getan! Nichts, um meiner Frau, die ich ja aus Liebe geheiratet habe, das Gefühl von Wärme, Lebensfreude und Geborgenheit zu geben. Immer war nur Arbeit und Überstunden und Sparen wichtig – das mit dem schönen Leben, füreinander da zu sein, sich an den sogenannten kleinen Dingen zu freuen und so weiter – das hatte ja noch so unendlich viel Zeit! Zuerst muss eine Wohnung her – wenn man mit zwei Koffern in Untermiete anfängt, ist das ein langer Weg. Dann die ganze Einrichtung, das Leben wird nicht billiger, die Frau in den ersten Jahren beim Kind – als Alleinverdiener muss man da ganz schön strampeln. Ja, mit dem ersten Halbtagsjob der Frau ging es etwas leichter, aber der Kindergarten kostet auch was, und der alte VW ist ebenfalls nicht umsonst – doch schön langsam läuft es besser.

Und das Zusammenleben hat sich auch eingelaufen – nämlich auseinander. Ganz unmerklich ist aus der eingleisigen Strecke eine zweigleisige geworden, weil die Gewohnheit, das viele Schuften und der Egoismus und die Gedankenlosigkeit eine Eigendynamik entwickelt haben. Was der Körper verlangt, holt man sich in einem grausam monotonen Ritual. Dann umdreh’n und schlafen – wie schön. Dass die Frau, die einen mehr geliebt hat als sich selbst, die alles getan hat, um bei dir zu sein, ihr ganzes Leben nur mit diesem einen Ziel und Inhalt, die so viele Nächte auf dich gewartet hat, bis du endlich heimkommst, die von ihrem ohnehin nicht üppigen Wirtschaftsgeld monatelang ein paar Euro abgezwickt hat, um dir goldene Manschettenknöpfe zu kaufen, die so lange wie ein Gebrauchsgegenstand ganz selbstverständlich da war, dass diese Frau mit einem jungen Körper und einem Herz voll ungenützter Liebe nun mit großen, leeren Augen stundenlang jede Nacht neben dir liegt und sich verzweifelt fragt, ob das alles ist, was sie noch vom Leben erwarten kann, und was sie falsch gemacht hat, dass sie so lieblos behandelt wird – was heißt behandelt – ignoriert wird! Lieblos – das ist das Wort – ohne Liebe! Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern lieblos.

Experten sagen, dass sogar eine negative Zuwendung besser ist als Gleichgültigkeit und Weggeschobenwerden. Wenn man mit jemandem streitet, nimmt man ihn wenigstens ernst, man kann seine Sicht der Dinge, seine Gefühle vorbringen – es ist nicht unmöglich, sich zu versöhnen, sich erschöpft anzusehen und in einem langen Atemzug zu erinnern, dass man viel zu verlieren hat, … und sich schlussendlich zu fragen, warum man sich gegenseitig so ankeift? Na ja, das wäre ein unwirklich schönes Happyend in einem Film. Genau: unwirklich! Weil meistens dominiert das langjährige unnachgiebige Betonieren der eigenen Standpunkte! Aus die Maus! Aber wenigstens fragen hätt’ ma sollen!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 24143

Nähe und Ferne

Ich mag sie beide – obwohl sie kompliziert
hab ich sie inspiziert
Wo beginnt der Nahbereich der Ferne
und wo der Fernbereich der Nähe

Nah und fern
So nah und doch so fern
Dieses zu vermessen
obliegt wohl in jedes einzelnen Ermessen

Meine liebste Nähe bist du mein Schatz,
da hat die Ferne keinen Platz
Wenn ich dir in die Augen sehe,
ist das die schönste Nähe

Wozu also in die Ferne schweifen,
wenn du Liebste, bist so nah
Selbst wenn du in der Ferne wärest,
bliebest du mir sehr sehr, sehr nah

Copyright: Wilfried Ledolter

Copyright: Wilfried Ledolter

Wilfried Ledolter (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 24118

Fünf Zentimeter

Ich gehe gern weite Strecken. Heute war ich wie immer mit meinem Rucksack unterwegs. Ich war einkaufen, Sachen, die im Rucksack keinen Platz mehr hatten. Daher kaufte ich mir eine große Einkaufstasche, die immer voller und schwerer wurde. Dann ging ich von der Stadt nachhause, was eine Strecke von zirka zwölf Kilometern ausmacht. Die Einkaufstasche schleifte am Boden. Was aber eigenartig war, war, dass die Einkaufstasche rechts nur wenig schleifte, links allerdings sehr stark. Zuhause angekommen sah ich, dass sie ein Loch hatte. Ich vermaß mich, mit dem Ergebnis, dass mein linker Arm um fünf Zentimeter länger ist als mein rechter. Ich konnte es nicht glauben, legte noch einmal Maß an, mit demselben Ergebnis. Fünf Zentimeter sind echt viel!

Meine Eltern kümmerten sich nie gut um mich. Ich war ihnen anscheinend egal. Mit meiner jüngeren Schwester hatten sie eine Freude. Ich war der Doofmann. Mit sechzehn zog ich von zuhause aus. Ist meinen Eltern nie aufgefallen, dass meine Arme unterschiedlich lang sind? Mit, sagen wir, zwölf war mein linker Arm ungefähr drei Zentimeter länger. Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich über keinen mannsgroßen Spiegel verfüge. Ja, ja, dennoch, ich muss doch bemerkt haben, dass meine Pullover links viel kürzer wirken. Habe ich aber nicht.

Fängt jetzt für mich ein neues Leben an? Nein, das alte geht weiter.

Waiting in in SoCa's Atelier am 1. Februar 2024 in Villach

Waiting in in SoCa’s Atelier am 1. Februar 2024 in Villach

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 24112