Schlagwort-Archiv: ärgstens

Wacht auf, wacht auf!

Milliarden können es nicht schaffen,
hört, und staunt, von einem Affen,
sich von diesem zu befreien?
Wenn’s nicht wahr wär, echt zum Schreien.
Ein Phänomen nur, und das zählt:
Gottverdammte Männerwelt!

Lassen uns tyrannisieren,
schlagen, treten, schikanieren,
von ehemals Spitzeln und korrupten,
wie sich später bald entpuppten,
Geisteskranken und Agenten,
spiel’n mitunter Präsidenten.
Ist er erst einmal gewählt,
keiner sein Versprechen hält!
Gottverdammte Männerwelt!

Kriminelle Kleptokraten,
die das eig’ne Volk verraten.
Lügen, stehlen und missbrauchen,
die, wenn’s eng wird, untertauchen.
Blutrünstig, korrupt und mies,
wählt sie nicht, sind alle fies!

Unreif wär’n die Leut’, sag’n die,
starke Führung brauchen sie.
Prügel müsst dem Volk verschreiben,
die nicht hergehör’n, vertreiben.
Mag ertragen, wem’s gefällt.
Gottverdammte Männerwelt.

Dann also schnallt die Gürtel enger,
macht den Kerlen Angst und bänger,
werft sie auf die Scheiterhaufen,
haltet sie, lasst sie nicht laufen!
Tut ihnen dasselbe an,
das, was sie euch angetan.

Lasst sie eure Schmerzen spüren,
die ihnen schon längst gebühren,
so, wie sie euch oft gepeinigt,
gehasst, gefoltert und gesteinigt.
Hängt sie auf, am nächsten Ast,
so viele von ihnen, bis es passt!

Herunter dort vom gold’nen Sessel,
legt sie allesamt in Fessel!

Heraus aus der gold’nen Limousin’,
Vetter, Onkel und Cousin
Zündet diesen Haufen an,
dass er nichts mehr anstell’n kann.

Das Lametta reißt herunter,
Kopf ins Wasser, taucht sie unter.
wie sie es mit euch getan.
Bloß nicht zaudern, spuckt sie an.
Prügelt sie, bis dass es gellt!
Gottverdammte Männerwelt!

Selbst der Wunsch nach Macht den Kindern,
wäre besser zu verhindern.
Schon die Kinder spielen Krieg,
krank machend verfluchter Sieg!

Vorbilder sind weder Schiller,
Goethe nicht, sondern Godzilla.
Irgendein brutaler Scheiß,
und einer, der alles besser weiß.
Immer Macht und Ruhm und Geld:
Gottverdammte Männerwelt!

Worte auf Papier verschwendet,
all die Jahre, nichts beendet.
Alles fängt von Neuem an,
weil man sich nichts merken kann.
Einerseits zu blöd zum Lesen,
dann so tun, wär nichts gewesen.
Weil der Mensch nicht anders kann,
fängt er stets von vorne an,
der, dumm gebor’n und nichts behält,
in der verdammten Männerwelt.

So sucht nach geistigen Eliten,
solche, die euch Hoffnung bieten,
selbstlos, klug und auch gerecht!
Einen mit Bildung und Gefühl,
keinen, der macht, was nur er will!

Und seht euch vor, wen ihr anheuert,
nicht wieder einen, schwanzgesteuert,
mit viel Muskeln, ohne Hirn!
Bietet solchen jäh die Stirn!

Frauen schätzen Leib und Leben,
weil sie es sind, die’s schließlich geben.
Nichts davon versteht ein Mann,
weil er sich’s nicht vorstell’n kann.
Foltern Frauen oder morden,
rücksichtslos, wie Männerhorden?
Die Welt bedroh’n, zu lange schon,
bloß Kerle, voll Testosteron.
Wir brauchen wen, der zu uns hält,
nicht die verdammte Männerwelt!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25110

 

 

 

 

 

 

Männerhölle

In den Unruhstand gerettet,
gleich mal seh’n, wohin man jettet,
jedoch davor noch eine Hürde.
Ob man dennoch nicht mal würde,
zur Gesundenuntersuchung geh’n?,
meint das Weib, du musst versteh’n,
ich will einen fitten Alten, am Strand,
und überhaupt,
nicht nur bloß zum Handerlhalten.

Männer sind ja, wie man kennt,
vor Beratung resistent.
Sollt’ ich meinen Stand verraten?
Lieber ins Kaffeehaus waten?
Besser noch, ins Kino geh’n?
Doch mein Hasi riecht den Braten.
Den Befund? Den will sie seh’n!

Cowboyschritt hin zum Labor.
Enge Jeans und Stiefeletten,
wie Clint Eastwood, täuscht man vor,
Unrasiert würd’ man auftreten,
hart und rau. Oui, je suis d’accord!
Da unten mal für Ordnung sorgen,
wie Kilgore, bei Coppola.
Lieutenant Colonel glaub ich?
Griff ans Gemächt, na hoppala!

Beim Blutdruck fragt die Laboröse,
was ist das denn für ein Getöse?
Jetzt sagen Sie, wos homma do?
Anwort; Nix, is immer so!
Bloß nichts zugeb’n, wär ja g’lacht,
dass man sich noch Sorgen macht!
Erleichtert geht man auf ein Bier,
Prostata! Drauf trinken wir!

Auf diesem Mail hier steht kein Kitsch,
ernstzunehmende Messitsch!
Geht recht hart an den Humor.
Roter Marker beim Tumor!
Was zum Henker steht geschrieben?
PSA, mit Nummro sieben?
Herz rutscht hurtig in die Hose.
Nur ein Griff zur off’nen Dose
bringt,
Linderung in höchster Not.
Grauenhaft, was sich hier bot!
Das zu lesen, jetzt und hier!
Prostata! Drauf trinken wir!

Die Frage ist, was kann man tun?
Hasi steht nur ratlos rum.
Vielleicht einmal paar Freunde fragen,
hören, was Erfahr’ne sagen.
Innsbruck wär der heiße Tipp!
Dorthin führt der nächste Trip.
Eastwoodgang scheint längst passé.
Schauspiel offline, waß ma eh.
Gang sieht aus nach Kreuze kriechen,
Einstellmodus Richtung Siechen.

In Innsbruck trifft ein Radiologe
schon nach kurzem Dialoge
rasch auf eine heikle Stelle,
von der er schließlich hielt,
dass sie zu beachten gilt.
Er überweist, mir vis-à-vis,
mich zu einer Biopsie,
wobei er hofft, von mir zu hören
um die Sache abzuklären.

Banges Warten im Spital,
Gleich beginnt das Infernal.
Die Position im birthing stool
is’ alles andere als cool.
Sechzehn superschnelle Pfeile
schießen, sehr zu meinem Leide,
tief in meine Eingeweide.
Stundenlang dauert der Schmerz,
noch danach, ganz ohne Scherz.
Schon seh ich meinen Stern im Sinken,
Prostata! Drauf woll’n wir trinken.

Bei Therapist in shabby chic,
hab ich leider gar kein Glück.
Unverblümt macht sie mir klar:
Gleason-Score, Wert drei sogar,
general anesthesia.
Photonendosis volles Rohr,
das kommt mir ziemlich komisch vor.
Worin frag ich, liegt hier der Sinn?
Hinterher is alles hin.
Artig sag ich: Dankeschön!
Bye, bye, bis bald, auf Wiederseh’n.
Keine Sekunde bleib ich hier.
Prostata! Drauf trinken wir!

Geht’s nicht weiter, wird’s nicht besser,
sucht man nach einem Professor.
So einer ist rasch gefunden.
Der verrechnet nach Sekunden
und der Deal wird rasch verhandelt,
Gleason drei wird nicht behandelt!
Freu mich, da gibt’s eine Chance,
nämlich, active surveillance.

Schnell vorbei ist brav und bieder,
es erwacht Clint Eastwood wieder.
Auf dem Weg hierher es gab,
wie gerufen, auch ein Pub.
Tisch und Hocker vor der Tür,
Prostata! Drauf trinken wir!

Nun sind fast zwei Jahr’ vergangen,
und Corona abgefangen.
Wieder geht man ins Labor.
Scheiße! Nun steht elf davor!
Vor der Elf steht der Professor,
seine Worte, like Kompressor.
Herz klopft wild, mein Kopf wird rot,
in zwei Jahren sind Sie tot!
Wenn wir nicht sofort was tun,
werden Sie auf ewig ruh’n.
Angst sitzt in den Eingeweiden,
sehe schon mein End’ erleiden.
Im Kopf geht’s wie im Kreis herum!
Alles umsonst? Es ist zu dumm!
Weib, Kind und Studium.
Grad jetzt, wo fern die Freiheit rief,
nun droht des Todes fieser Mief.
Wie’s weitergeht? Am End’ kein Licht!
Prostata! Wir trinken nicht.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25077

 

 

Sister

Lens Parka von oben bis unten zuknöpfen. Die Kapuze über deinen Kopf und tief in die Stirn ziehen. Seinen langen Schal ein paar Mal über den Hals und deine untere Gesichtshälfte schlingen. Dankbar sein, dass es eisig kalt draußen ist, und du dich dementsprechend vermummen kannst.
„Ich gehe jetzt, bis später“, rufst du, durch den Schal gedämpft, Richtung Wohnzimmer. Keine Antwort. Du seufzt, zögerst, gehst dann ins Zimmer. Stellst dich neben deinen Vater, der sich, tief im Ohrensessel versunken, wieder mal irgendeine Doku im Fernsehen ansieht – oder vorgibt, es zu tun.
„Papa, ich gehe jetzt“, sagst du.
Er schreckt auf, räuspert sich. „Ja. Wohin denn, Kind?“
„Ach, unwichtig“, murmelst du in den Schal.
„Weißt du, Lea, wir sind so froh, dass du – trotz allem – “ Er beendet den Satz nicht.
Ein unangenehmer Lachreiz steigt in dir hoch. Wegen dem absurden ‚so froh‘. Dem ‚wir‘.
‚Wen meinst du denn mit ‚wir‘, Papa? Den Fernseher und dich?‘, würdest du gerne fragen.
„Ich meine, deine Mama und ich sind – “ Wieder stockt er mitten im Satz.
‚Deine Mama und ich‘, echot es in dir ‚ – miese Wortwahl.‘
Genauso mies, wie alles seit drei Wochen und zwei Tagen ist. Seitdem du ein Einzelkind bist. Seitdem es anstatt Mama nur mehr eine Art Schattenmama gibt. Die beinahe den ganzen Tag in ihrem verdunkelten Zimmer auf dem Sofa liegt, schläft – oder vorgibt, es zu tun. Die Pillen, die sie nimmt, machen sie lethargisch und dauermüde.
„Schon gut, Papa, ich weiß“, sagst du, legst ihm kurz die Hand auf die Schulter, und gehst.
Ja, du weißt. Dass deine Eltern erleichtert sind, dass du so tapfer, so stark bist – oder vorgibst, es zu sein. Dass du jeden Wochentag zur Schule gehst – oder vorgibst, es zu tun. Dass du dich mit Freund:innen triffst – oder vorgibst, es zu tun. Du weißt, dass sie beide nicht die Kraft haben, genauer nachzufragen, nicht die Kraft, sich um dich zu kümmern. Zu schwer, zu erdrückend ist die Trauer, an der sie, jeder für sich, tragen. Papa vor dem Fernseher. Mama im dunklen Zimmer.

Du gehst jetzt Richtung U-Bahn und bist erleichtert, weil sich soeben eine erholsame Leere anstelle der furchtbaren, intensiven Gefühle, die dich seit Wochen beherrschen, in dir einstellt. Die Psychologin hat letztens gefragt, ob du über diese Gefühle reden möchtest. Du hast eisern geschwiegen. Es reicht dir doch so was von, sie aushalten zu müssen, wozu um Himmels willen auch noch über sie sprechen!?
Über den Schmerz: Weil Len tot ist.
Über die Distanziertheit: Zu Eltern, Verwandten, Freund:innen. Seit Len tot ist.
Über die Einsamkeit: Mitten unter Menschen, egal, ob Fremde oder Freunde. Seit Len tot ist.
Über die Wut, den Hass: Auf dich. Auf alle Menschen. Weil ihr lebt und Len tot ist.
Über die Wut, den Hass: Speziell auf Jonas. Mit dem du dich jetzt treffen wirst. Und schon steigen sie wieder in dir empor, diese beiden schrecklichen Gefühle, verbünden sich mit den Gedanken, die ständig in deinem Kopf kreisen:
Warum nur ist Jonas, der Führerscheinneuling, an diesem Freitag trotz des drohenden Unwetters mit Len ins Auto gestiegen? Du siehst den sich verdunkelnden, den beinahe schwarzen Himmel wieder vor dir. Siehst die Äste an den Bäumen, die sich unter dem aufkommenden gewaltigen Sturm biegen, brechen. Und dann – der plötzlich einsetzende Hagel! Ein Hagel, von dem noch heute entsetzt gesprochen wird. Mensch und Natur waren ihm hilflos ausgeliefert – so wie du seit diesem Tag deinen quälenden Emotionen. Nie zuvor in dieser gewaltigen Dimension erlebt. – Babyfaustgroße Eisklumpen. – Umgeknickte Sträucher und Bäume. – Unzählige Schäden an Fahrzeugen, Gebäuden, Hausdächern. – Unfälle. Viele Verletzte. Und ein Toter. Len.
Jonas hat die Kontrolle über sein Auto verloren. Es ist frontal gegen einen Baum geprallt. Warum hat Jonas überlebt und Len nicht? Warum hattest du ausgerechnet an diesem Tag Migräne? Sonst wärest du bestimmst mitgefahren, dann wärest vielleicht du tot und Len würde um dich weinen …

Obwohl: Weinen? Du kannst nicht weinen. Die Psychologin hat gemeint, das wäre der Schock. Tolle Erkenntnis. Sowieso wirst du nicht mehr zu ihr gehen, seit ihrer Aussage in der letzten Therapiestunde. Sie hat dich professionell – unterstellst du ihr – mitfühlend angeschaut, und, bemüht vorsichtig, gesagt: „Vielleicht ist es zu früh, das zu sagen, aber glaube mir, Lea, irgendwann wirst du dankbar sein für die sechzehn Jahre, in denen du mit deinem Zwillingsbruder so viel Schönes und Unvergessliches erlebt hast.“
In dir hat es geschrien: ‚Was redest du da für Scheiße! Sechzehn Jahre sind viel zu wenige! Ich will, dass er lebt! Ich will ihn wiederhaben! Jetzt, hier, neben mir! Sofort!‘

Bei diesen Gedanken platzt du fast vor Schmerz. Nie wirst du Jonas verzeihen können! Auch, wenn er im Mail, in dem er dich um das heutige Treffen gebeten hat, geschrieben hat, dass er jede Nacht Alpträume vom Unfall habe, von dem unfassbaren Hagelsturm, der sein Auto, der Len und ihn – im wahrsten Sinn des Wortes – aus der Bahn geworfen hat; dass er sich die ärgsten Vorwürfe mache; er traumatisiert, todtraurig sei, dass dein Bruder – sein bester Freund verunglückt ist.
‚Was erwartet er sich denn?‘, denkst du bitter. ‚Dass ich ihn tröste? Dass ich ihm verzeihe? Unmöglich. Er ist schuld daran, dass Len tot ist, und das werde ich ihm ins Gesicht sagen …
Aus jetzt! Stehen bleiben. An die Mauer lehnen. Die Augen schließen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Jetzt einen Fuß vor den anderen setzen. Und langsam, Stufe für Stufe, hinunter zur U-Bahn-Unterführung.‘

Unten gehst du um die Ecke, und siehst John. Möchtest sofort umdrehen und flüchten. Verfluchst dich innerlich, weil du nicht daran gedacht hast, dass du ihm begegnen wirst. John ist immer um diese Zeit hier. Es ist zu spät, um wegzulaufen. Sein Gesicht strahlt auf, als sich eure Blicke treffen, nimmt dann aber sogleich einen besorgten Ausdruck an. Schnell willst du an ihm vorbeigehen.
„Hello Sister“, hörst du John wie immer zu dir sagen. Wenn er wüsste, was diese beiden Worte in dir auslösen. ‚Ich bin keine mehr! Bin keine Schwester mehr, keine Schwester mehr!‘, schreit es in dir. Der Schmerz ist unerträglich. Nie wieder wirst du ‚Hi, Schwesterherz‘ von Len auf dem Display lesen, nie mehr sein scherzhaftes ‚Na, kleine Schwester?‘ hören, wenn er betonen will, dass er ein paar Minuten vor dir auf die Welt gekommen ist …

Du schmeckst Salziges auf deinen Lippen. Registrierst, dass du direkt vor John stehst und weinst. Das erste Mal weinst, weinen kannst, seitdem das Unglück passiert ist. Im denkbar ungünstigsten Moment. In einer belebten U-Bahn-Station. Kannst es nicht verhindern. John legt seine Zeitungen zu Boden, öffnet seine Arme. Du schluchzt, heulst, rotzt in seinen rauen Jackenstoff. Er hält beschützend seine Arme um dich, sagt nichts, lässt dich weinen.

Bilder blitzen durch deinen Kopf: Len und du als Volksschulkinder, als ihr auf eurem Schulweg wochentags an John vorbei zur U-Bahn gegangen seid. Johns fröhlicher Gruß jeden Tag: ‚Hi, my little Friends! Hello Sister! Hello Brother!‘ Len, der mit John scherzt und lacht. Len als Elfjähriger, der vor eurer Klasse ein Referat hält. Thema: „Ein Mensch, den ich bewundere.“ Len erzählt von John, dem Straßenzeitungsverkäufer. Der immer freundlich und heiter ist, obwohl er unvorstellbar Grausames erleben musste. Der als Jugendlicher seine gesamte Familie im Krieg verloren, als Einziger überlebt hat, allein aus seiner Heimat flüchten musste. Du erinnerst dich, dass es mucksmäuschenstill im Klassenraum war, als Len sein Referat mit den Worten beendete: ‚Ich bewundere John, und ich mag ihn sehr.‘

Du löst dich nun aus Johns schützender Umarmung. Er fragt nicht, sieht dich nur still an. Du putzt dir die Nase, dann bricht es stotternd aus dir heraus: „Es war – es war ein Autounfall. – An dem Tag, als das Unwetter – als es so furchtbar gehagelt hat … – Len ist tot. Er ist tot.“
Nun weint ihr beide. Später dann, als du gehst, ruft John dir mit fester Stimme nach: „You are not alone, Sister. Don’t lose hope.“

In der U-Bahn schauen dich ein paar Leute verstohlen an. Weil du nach wie vor weinen musst. Du nimmst ein Taschentuch an, das dir jemand reicht. Schämst dich nicht deswegen. Denkst an John. Ob er von Lens Referat über ihn weiß? Du wirst es suchen, kopieren und ihm geben. Bestimmt wird ihn dies freuen. Wie ist es möglich, fragst du dich, dass er trotz seiner Schicksalsschläge ein so herzlicher, fröhlicher Mensch ist? Seine Positivität wirkt nicht aufgesetzt, sie ist echt. Wie hat er es geschafft, den Verlust seiner Geschwister und Eltern zu bewältigen?
‚Meine Eltern leben, ich lebe‘, denkst du, und dann an Johns Worte, die er dir nachgerufen hat. Unerwartet flammt tatsächlich ein kleiner Funke Hoffnung in dir auf, die leise Hoffnung, dass vielleicht doch langsam alles wieder etwas leichter, etwas lichter werden könnte. Für deine Eltern und dich, für alle, die um Len trauern.

Gleich wirst du bei der U-Bahn-Station ankommen, bei der du aussteigen musst. In Kürze also wirst du Jonas gegenüberstehen. Du trocknest noch einmal dein Gesicht, steckst das Taschentuch ein, atmest tief durch. Du wirst Jonas sagen, dass er und Len nicht wissen konnten, dass das Unwetter an diesem Freitag derart heftig werden würde, als sie sich ins Auto setzten. Dass weder deine Eltern noch du ihm Vorwürfe machen würden, und er sich ebenfalls keine machen solle. Das würde Len auf keinen Fall wollen.

Beim Aussteigen aus der U-Bahn rempelt dich versehentlich ein Junge an. Er hat lange, dunkle Dreadlocks. Solche, wie Len sie trug. „Ups, sorry“, lächelt dich der Junge entschuldigend an. Spontan lächelst du ebenfalls. Es ist ein echtes Lächeln.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25067

 

Manuela

„Hast du gestern „Tarzan in Gefahr“ gesehen?“, fragt Manuela.

Wir spazieren durch den lichten, kleinen Eichenwald am Rande unseres Dorfes. Manuela geht zwei Meter vor mir. Ihr langes Haar fällt in hellen Strähnen über ihren Rücken. Mit ihrer rechten Hand schwingt sie energisch einen Stock und schlägt ihn hin und wieder gegen Sträucher und Baumstämme.

„Ja“, antworte ich geistesabwesend.

‚Sei doch still‘, denke ich. Ich stelle mir nämlich gerade vor, eine wunderschöne Prinzessin zu sein. Der Wald hier gehört zu meinem riesigen Reich. Manuela ist meine Zofe; sie hält mir den Weg frei und beschützt mich vor Schlangen und Wölfen. Es belustigt mich, dass Manuela nichts von der Rolle weiß, die ich ihr insgeheim zugeteilt habe.

„Und, ist dir etwas an Tarzan aufgefallen?“, stört Manuela schon wieder. Ihre Stimme klingt ungeduldig.
„Na? Ob dir etwas aufgefallen ist, will ich wissen!“

Redet so eine Zofe mit einer Prinzessin?
„Nein“, sage ich und fühle mich unbehaglich.

„Dann höre mir jetzt gut zu.“
Manuela bleibt abrupt stehen, lässt ihren Stock fallen, dreht sich um und fixiert mich aus zusammengekniffenen blauen Augen. Fast wäre ich gegen sie gerannt.
„ICH war der Tarzan im Fernsehen!“ Triumphierend streckt sie ihr Kinn nach vor.
„Blödsinn! Du bist doch viel kleiner als der Tarzan.“
„Ich bin auf Stelzen gegangen und manchmal auf einem Schemel gestanden“, sagt sie schnell und blinzelt mich listig an. „Natürlich immer so, dass die Zuseher es nicht erkennen können.“
„Ach, Manuela, du bist ein Mädchen, hast blonde Haare – du bist das pure Gegenteil von Tarzan!“

Ich schüttle den Kopf, gehe an ihr vorbei, weiter den Waldweg entlang.
„Schon etwas von Schminke gehört und von Perücken, du Dummi? Glaube mir, die können viel, die im Fernsehen. Sie haben mich so toll geschminkt, dass ich wie Tarzan aussah. Echt, ich schwöre!“, läuft sie aufgeregt neben mir her.
„Da, schau!“

Sie überholt mich, stellt sich mir in den Weg und zieht den rechten Ärmel ihres Pullovers hoch. Ich sehe einen großen, blauen Fleck auf ihrem Oberarm.
„Hier haben mich die Elfenbeinjäger verletzt, als sie mich gefangen nahmen. Aber Chita hat mich dann zum Glück befreit.“
Manuela öffnet weit ihren Mund, legt ihre Hände herum, den Kopf in den Nacken, und brüllt: „AAUUAA HHUUAA!!! Das war der echte Tarzanschrei! Was sagst du jetzt?“
„Du hast Mundgeruch“, sage ich.
Manuela blitzt mich wütend an.
„Du bist nicht mehr meine beste Freundin“, zischt sie.

Sie dreht sich weg und setzt sich auf einen Baumstumpf.
„Und tschüss“, sagt sie böse, ohne mich anzusehen.
Etwas ratlos stehe ich da. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Manuela vorsichtig eine große Weinbergschnecke von dem Baumstumpf löst, auf dem sie sitzt. Die Schnecke zieht sich sofort in ihr Haus zurück. Manuelas linke Hand greift sich einen Stein und schlägt damit in kurzen Abständen auf das Schneckenhaus zwischen Zeigefinger und Daumen in ihrer rechten. Die Schale bricht. Ich sehe nackte, feuchte Schneckenhaut schimmern.
„Was machst du da?“, rufe ich fassungslos.

Manuela wirft den Stein weg und bricht konzentriert ein kleines Stück Schale vom Schneckenhaus ab, dann das nächste.
„Tja, meine Liebe, andere Schnecken haben auch keine Häuser“, sagt sie im sanften Tonfall.
„Spinnst du? Das arme Tierchen!“
„Ah, wegen einer Schnecke regst du dich auf! Aber dass mich die Elfenbeinjäger gestern schwer verletzt haben, das lässt dich völlig kalt!“
Manuela springt auf und wirft die Schnecke in einen Strauch.
„Du bist echt keine Freundin!“

Ich möchte etwas entgegnen, als plötzlich ein Radfahrer den Waldweg einbiegt und abbremst, als er uns sieht. Es ist Robert aus der Klasse über uns, den weder Manuela noch ich leiden können.
„Guten Tag, die Damen“, grinst er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Auf Wiedersehen, der Herr“, Manuela ist aufgesprungen und zieht mich am Ärmel.
„Komm, Nora, gehen wir.“

Doch Robert fährt langsam neben uns her, als wir losgehen.
„Wie geht es denn deinem Vater? Hat er sich schon erholt?“, fragt er Manuela, die starr geradeaus blickt und schneller geht.
„Meine Mutter hat ihn nämlich gesehen, weißt du“, sagt Robert im Plauderton an mich gewandt, „gestern Vormittag, als sie auf dem Weg zur Arbeit war.“
„Hör auf, du Vollidiot!“, schreit Manuela mit plötzlich hochrotem Gesicht und schubst ihn mit dem Ellbogen, fest, so dass er beinahe vom Rad fällt.
„Ihr Vater ist mitten auf dem Gehsteig gelegen, stockbesoffen, am helllichten Tag …“
„Halt dein blödes Maul! Schleich dich, du Lügner, sonst …“ Manuela hat blitzschnell einen großen Stein in der Hand, hält ihn in Wurfposition.

Robert schaut Manuela an, den Stein, dann mich.
„Suche dir besser eine andere Freundin!“, ruft er mir zu, während er sein Rad wendet und wegfährt. „Die da ist ja echt das Letzte.“
Manuela schleudert ihm den Stein nach, er bleibt einige Meter von uns entfernt liegen.
„Und du bist das Allerletzte!“, schreit sie.
„Du glaubst doch diesem Lügner nicht“, sagt sie zu mir. Tränen treten in ihre Augen. Ungeduldig wischt sie sie weg, doch es kommen neue. Sie tut mir leid.
„Komm, vergiss es, gehen wir zu mir“, sage ich.
Schweigend gehen wir den Waldweg entlang, dann durch die zwei kurzen Gassen bis zu meinem Elternhaus.

Wenig später sitzen wir still in meinem Zimmer und malen.
Ich male eine wunderschöne Prinzessin, die allein in ihrem gepflegten Schlossgarten unter einem Baum steht. Manuela lässt auf ihrem Blatt Papier eine dunkelrote Sonne in einem wilden, tiefblauen Meer versinken. Wir verwenden Deckfarben.
Ich tauche den Pinsel ins Wasser, dann in die schwarze Farbe und beginne, zum Schutze der Prinzessin eine hohe Mauer um den königlichen Garten zu malen.
„Hast du gestern nach Tarzan „Superman in Not“ gesehen?“, fragt Manuela plötzlich.
„Superman? Hat es gestern nicht gespielt.“
„Doch, gestern war Superman im Fernsehen, um acht Uhr. Das weiß ich ganz sicher, denn ICH WAR Superman.“

Ich sage nichts, arbeite konzentriert an meiner Schlossmauer weiter.
„Du glaubst mir nicht! Dabei bin ich auch über euer Haus geflogen. Ich habe sogar an dein Fenster geklopft, aber du hast schon geschlafen. Über das ganze Dorf bin ich geflogen! Ich habe Saltos geübt, hoch oben, und dann – dann habe ich mich an der Kirchturmspitze verletzt. Es hat furchtbar wehgetan! Da, schau her, wenn du mir nicht glaubst!“
Sie springt auf, wendet mir den Rücken zu und zieht ihren Pullover bis zu ihren Schulterblättern hoch.

Erschrocken sehe ich blaue Flecken und rote Striemen auf Manuelas Haut.
„Und, glaubst du mir jetzt?“ Manuela zieht den Pullover wieder hinunter, dreht sich zu mir.
„Manuela“, flüstere ich schockiert. „Wer hat das getan? War das dein – ?“
„Du bist so gemein!“ Manuela schießen Tränen in die Augen. „Ich habe dir doch vorhin erzählt, wie es passiert ist. Nie glaubst du mir. Du bist nicht mehr meine beste Freundin!“
Sie greift fahrig nach ihrem Zeichenblatt, zerknüllt es und wirft es auf mich.
Abwehrend fange ich es mit der linken Hand und sehe, wie das Blau ihres Meeres vermischt mit dem Rot ihrer Sonne über meinen Handrücken rinnt.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 24120

Wenn’s einmal aus wird sein. Selbstmord auf Wienerisch

Frühling ist, wenn der Tichy aufsperrt! Egal, wie das Wetter ist, wenn die Türen des (zu Recht) bekanntesten/beliebtesten/größten Eissalons in Wien offen stehen, dann gibt’s trotz Eis keinen Winter mehr. Und die größte Affenhitze lässt sich aushalten, wenn man, genüsslich von einer Tüte Erdbeer-Zitrone (o.Ä.) schleckend, auf einer schattigen Bank vor dem urbaneren Eissalon am Schwedenplatz sitzt. Da schrumpfen alle Sorgen, und man kann so herrlich die Seele baumeln lassen, während beachtenswerte Mädchenbeine wie im Film vorüberziehen und etliche Gesprächsfetzen von der Nebenbank ans Ohr dringen. Und weil – ebenfalls zu Recht – den Wienern ein eher gemütliches Naheverhältnis auch zum Tod nachgesagt wird (wo sonst nennt man ihn harmlos verkleinernd „Gangkerl“?), fing der Verfasser einmal ein in leichtem Plauderton gehaltenes Gespräch über gleich drei Selbstmorde und deren nähere Umstände ein:

Auf der Nebenbank saßen, gemächlich aus ihren Bechern löffelnd, zwei ältere Damen, von denen die dickere, dominante das Gespräch führte, während die schmächtigere, einfacher gekleidete (vermutlich eine entferntere Bekannte) kaum mehr als gelegentlich erstaunte, beipflichtende oder erschrockene Bemerkungen in den Satzpausen (während ein Löfferl Erdbeereis geschaufelt wurde) einfügte.

Zuerst wurde der mittels Schlaftabletten durchgeführte Suizid einer Nichte abgehandelt: Diese hätte nach ihrer Scheidung zwar ein Jahr später ihren Mann wieder zurückbekommen, es aber nicht verwunden, dass dieser sein schlampertes Verhältnis zum Scheidungsgrund noch aufrecht hielt. Ja, und so hätte sie das Leben nicht mehr gefreut und sie hätte beschlossen, nach Einnahme von zwölf Schlaftabletten nicht mehr aufzuwachen. Und nun zu den Details: Da besagte Nichte gelesen hatte, dass manche Menschen den giftigen Abschiedstrunk nicht vertragen und ihn wieder erbrechen, war ihr die Idee gekommen, vorher eine Haferschleimsuppe einzunehmen, damit der Magen beruhigt sei. Die Polizei hätte vorerst nicht an Suizid gedacht, weil die Nichte ja auch Kreislaufprobleme gehabt hätte. Aber der Hausmeisterin, welche die Tür geöffnet habe, wäre der Topf mit der restlichen Suppe aufgefallen und deshalb habe sie die Polizei informiert, dass da was nicht stimmen könne, weil der Nichte doch nachweislich seit ihrer Kindheit vor Haferschleimsuppe gegraust hätte. Und so sei das eben herausgekommen.

„Entsetzlich, gelln’s, so ein junger Mensch, das ist doch so ein teppert’s Mannsbild gar net wert, net?“, so die Monolog-Partnerin.

Die Erzählerin schwieg eine halbe Minute, weil sie in ihrem Nocciolone-Eis eine Haselnuss gefunden und daran gekaut hatte, dann kam sie zum Teil zwei:

Es sei dann kaum ein halbes Jahr vergangen, bis sich ein Cousin wegen seiner enormen Spielschulden nicht mehr aus noch ein gesehen hätte, und der zwielichtige Geldverleiher, an den er sich zuletzt in seiner Not gewandt habe, hätte ihm bei Terminverlust eine Schlägertruppe in Aussicht gestellt. Das sei alles in einem flüchtig hingekritzelten Abschiedsbrief gestanden. Und als es dann an seiner Türe stark geklopft habe, da hätte er das Fenster aufgerissen und sich aus dem fünften Stock in die Tiefe gestürzt. Er sei sofort tot und damit schuldenfrei gewesen. Dabei war es doch nur der Hausmeister, weil eine Partei Gasgeruch gemeldet hätte. „Und jetzt stellen S’ Ihnen vor, wenn der Cousin noch eine letzte Zigarette geraucht hätte, dann hätte das ganze Haus in die Luft fliegen können. Das wär ja gar nicht auszudenken!“

„Da hätt er ja dann gar nimmer Selbstmord machen brauchen, gelln’s?“ gab da die entzückend naive Gefährtin zu Protokoll, worauf die Erzählerin einen Lachkrampf bekam und beinahe den Eisbecher fallen ließ.

Dann setzte sie fort, dass es immer die Falschen träfe, er sei so ein harmloser und gutgläubiger Mensch gewesen, alles hätte man von ihm haben können, er wäre wirklich zu gut für diese Welt gewesen. Und dass dafür den größten Gfrastern ein langes Leben beschert sei.

Die Monologpartnerin widersprach zaghaft, dass aber der Wiener Kardinal König, der wohl unbestritten ein sehr wertvoller Mensch war, doch schon fast 100 Jahre alt geworden wäre.

Jaja, das sei natürlich die Ausnahme, welche die Regel bestätige, stimmte die Erzählerin zu, aber eben eine seltene. Da wäre zum Beispiel ein Schwager zweiten Grades, der knapp zwei Jahre später auch nicht mehr leben wollte. Dieser habe nämlich mit seiner mühsam aufgebauten Firma Konkurs anmelden müssen und hatte nicht den Mut, es seinen Angestellten zu sagen, und außerdem fürchtete er die Ächtung durch seine Geschäftsfreunde und seine Familie, weil er sich entgegen dem Rat seines Schwiegervaters selbständig gemacht hätte. Und so habe er sich – weil er vom Freitod des Cousins wusste – ebenfalls aus dem Fenster gestürzt, aber weil er nur im dritten Stock gewohnt hätte, habe er mit geknickter Wirbelsäule und mehreren Beinbrüchen überlebt. Noch ein Jahr sei er im Rollstuhl gesessen, bis ihn ein Schleimschlag erlöst habe.

„Gelln’s, da sieht man, was zwei Stockwerke ausmachen“, war die erschütterte Reaktion der Zuhörerin.

„Wie ich schon g’sagt hab, es trifft immer die Guten“, setzte die Erzählerin fort, und dass sich ihr Seliger darüber auch sehr gekränkt habe. Außerdem sei der zuletzt Verblichene sein ständiger Tarockpartner gewesen, und nun sei die Partie zerfallen, weil kein Ersatz aufzutreiben gewesen sei.

„Also da tun S’ mir aber schon leid“, bemerkte nun die Zuhörerin, „Haben S’ da überhaupt noch wem, wenn sich Ihre Verwandten so schnell hintereinander verabschieden? Das muss ja furchtbar sein, da kommen S’ ja gar nicht aus dem schwarzen G’wand ausse!“

„Nein, nein, die waren ja alle von seiner Seit’n“, beruhigte die Erzählerin, und sie selber hätte noch genug Verwandte, weil in ihrer Linie fast alle drei, vier Kinder hätten. Da würde ihr die nächsten Jahre bestimmt nicht fad!

Tja, die besten Geschichten schreibt immer das Leben. Oder dessen Ende.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 24047

Der Treck

Ich kann nicht mehr, sagt er. Er setzt sich hin. Die anderen beratschlagen. Er ist zu schwach. Wenn wir auf ihn warten, sterben wir mit ihm. Er soll alleine sterben, beschließen sie. Sie gehen weiter.

Das Flüchtlingslager ohne Flüchtlinge, 2017

Das Flüchtlingslager ohne Flüchtlinge, 2017

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 24026

Horror-Modus

Ich spiele gerade ein Browser-Game, da erscheint die Meldung auf dem Bildschirm: „Wollen Sie den Horror-Modus aktivieren? Ja / Nein.“ Natürlich klicke ich auf Ja.

Plötzlich gehen alle Lichter aus. Ich begebe mich zum Schaltkasten und bringe den Strom wieder zum Laufen. Den Computer lasse ich ausgeschaltet, da es schon spät ist und ich morgen Früh in die Schule muss.

Ich gehe zu Bett und schlafe bald ein. Mit dem Gefühl, verschlafen zu haben, wache ich auf. Und tatsächlich, ein Blick auf meinen Wecker zeigt, dass dieser stehengeblieben ist. Es ist zwar schon hell, Vögel sind aber keine zu hören. Ich stehe auf, kontrolliere die Uhren im Haus, sie sind alle stehengeblieben, und zwar um 10:30 Uhr, meine Digitalarmbanduhr um 22:30 Uhr, das war direkt, bevor der Strom ausfiel. Etwas beunruhigt schalte ich mein Handy ein, kein Netz, Uhrzeit: 22:30, Datum: gestern. Normalerweise aktualisiert sich das Handy über die mobile Internetverbindung, doch Uhrzeit und Datum sind immer noch die gleichen, als ich eine ungefähr eine halbe Stunde später das Haus verlasse. Was auch nicht anders möglich ist, da keine mobile Internetverbindung hergestellt werden kann.

Auf dem Weg zur Schule sehe ich keinen Menschen, kein Auto, nicht einmal ein Tier. Schließlich stehe ich vor der Schultür. Sie ist geöffnet. Im Flur steht die Uhr auf 10:30 Uhr, ich erwartete es nicht anders. Ich gehe in meine Klasse. Die Schulglocke läutet, eine Unterrichtsstunde hat begonnen. Ich bin völlig alleine. Auf der Tafel steht: „Lauf weg!“ Ich blicke nach rechts, auf der Innenseite der Klassentür sind Kratzspuren und kleinere Blutspuren, sie sind ebenfalls auf der Innenseite der Fenster zu sehen. Ich weiß genau, dass ich diesen Ort verlassen sollte, aber in meinem Hinterkopf sagt mir eine Stimme, dass jetzt Mathematik auf dem Stundenplan steht und dass ich mich darauf konzentrieren sollte, ein strebsamer Schüler zu sein. Ich gehe zur Tafel und schreibe Rechnungen aus dem Mathematikschulbuch an. Ich rechne sie durch. Es funktioniert problemlos.

Nach ein paar Minuten muss ich pinkeln gehen. Auf der Toilettenwand steht mit Blut geschrieben: „Hilf mir!“ und „Du wirst sterben!“. In einem Pissoir sind Menschenzähne. Ich gehe zurück in die Klasse. Meine innere Stimme sagt mir, dass ich das hier durchstehen und vorerst einmal weiterrechnen sollte. Als ich wieder die Klasse betrete, bemerke ich, dass die Tafeln gewischt sind. Plötzlich ertönt eine Sirene, Feueralarm!

Ich verlasse die Klasse und laufe den Gang entlang. Am Ende des Ganges sehe ich den Schulwart mit seiner kurbelbetriebenen Handsirene. Er geht in sein Büro. Ich laufe dorthin. Dort sehe ich den Schulwart in seinem Sessel sitzen, mit dem Rücken zu mir. Auf mein „Hallo, brennt es wirklich?“ reagiert er nicht. Während ich mich weiter auf ihn hinzubewege und ein zweites lautes „Hallo“ anstimme, fällt mein Blick auf das Regal an der linken Wand. Da stehen kleine, gegerbte Köpfe, Schrumpfköpfe. Die meisten sind mir bekannt, es sind Klassenkameraden und Lehrer. Von Panik erfüllt, stürze ich aus der Schule. Ich renne so schnell ich kann. Auf dem Fußballplatz der Schule sehe ich einen Ball rollen, obwohl niemand dort ist.

Erst nach mehreren Kilometern, als ich außer Atem haltmachen muss, fällt mir das vollkommen veränderte Stadtbild auf. Plötzlich tauchen von allen Seiten Menschen auf. Sie greifen nach mir. Ich will losrennen, doch ich stolpere. Ich schließe die Augen, ergebe mich meinem Schicksal, aber nichts passiert. Ich öffne wieder die Augen. Ich liege in meinem Bett, bin gerade aufgewacht.

Vom Erdgeschoß ruft meine Mutter nach mir: „Das Essen ist fertig.“ Mit Hunger im Bauch laufe ich hinunter. Vater und Schwester sitzen schon am Tisch. Es gibt Herrengulasch, Gulasch mit Würstchen, Spiegelei, zerschnittenen Gürkchen und Semmelknödeln. Appetitlich dampft der Topf. Vater, Mutter und Schwester grinsen ständig. Irgendetwas stimmt nicht. Möglichst beiläufig frage ich: „Sag mal, wie geht es dir denn eigentlich jetzt in der Schule, Sophie?“ Meine Schwester heißt allerdings nicht Sophie, sondern Magdalena. „Ganz gut“, sagt sie. „Möchtest du noch etwas?“, fragt mich meine Mutter. „Na klar, Mama“, sage ich. Sie gibt mir zwei Schöpfer Gulasch mit einem Semmelknödel in meinen Teller. Ich rühre mit dem Löffel um. Was schwimmt da. Es ist kein Fleischstückchen, kein Würstchen, es ist ein Zeigefinger. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Hat niemand außer mir den Finger gesehen? Alle drei sind völlig unbeeindruckt. „Danke, ich bin schon satt“, sage ich und stehe auf. Ich gehe auf mein Zimmer, setze mich an meinen Tisch und denke nach, wie ich möglichst schnell möglichst weit davonkommen kann. Draußen höre ich einen Zug vorbeirauschen. Mir fällt ein, dass weniger als einen Kilometer von unserem Haus entfernt ein Bahnhof liegt. Gespannt warte ich, bis ich aus dem Erdgeschoß keine Geräusche mehr vernehme.

Dann laufe ich los. Ich brauche ein paar Minuten bis zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin treffe ich auf keinen Menschen. Mein Plan ist es, den ersten Zug zu nehmen, egal, wohin er führt. Ich warte am ersten Bahnsteig, fünf Menschen, zehn Minuten, eine Würstelbude. Jetzt fährt von links ein Zug ein. Ich steige ein, betrete den Waggon und setze mich hin. Viele Sitze sind besetzt. Jetzt fährt der Zug an. ich blicke auf meine Armbanduhr. Es ist 22:30 Uhr. Sie steht still. Ich sehe mir die Menschen zu meiner Linken an. Es sind alles Männer mit dem gleichen Gesicht und dem gleichen Gewand. Meine Armbanduhr beginnt wieder zu ticken.

A.C.A.B. - ALL COMPUTERS ARE BROKEN

A.C.A.B. – ALL COMPUTERS ARE BROKEN

Johannes Tosin (Text und Bild)
und
Michael Tosin (Text)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 23142

 

 

 

(Foto: A.C.A.B. – ALL COMPUTERS ARE BROKEN.jpg von Johannes Tosin)

 

365 Sekunden vor dem Untergang

365 Sekunden vor dem Untergang

Die Tage sind gezählt. 1, 2, 3. In drei Tagen, am 23. Juni um 19:42 Uhr Ortszeit, wird ein Komet, der sich von der Oortschen Wolke, welche die Erde vor zwei Millionen Jahren passierte, gelöst hat, mit der Erde kollidieren. Dieser Komet wird in den Medien als Hades-13 bezeichnet, sein Durchmesser beträgt 1247 Kilometer. Sein Aufprall wird 200 Kilometer südwestlich von Island stattfinden. Es wird das Ende jeglichen Lebens auf der Erde sein.

Gestern wurde die zukünftige Katastrophe bekanntgegeben. Heute ist

Tag 3 vor dem Untergang.

Man müsste den Kometen, wenn er noch weit von der Erde entfernt ist, mit einer massiven Nuklearsprengladung treffen. Diese Technik ist aber nie entwickelt worden. Alle Prognosen sagen auch aus, dass keine Sprengladung stark genug wäre, den Kometen bersten zu lassen.

Da es keine Möglichkeit gibt, das Unglück abzuwenden, kann man sich nur damit abfinden, dass alles aus sein wird. Es ist eine seltsame Vorstellung: Plötzlich, ohne jede Vorwarnung wird jeder und alles sterben, alle zum fast gleichen Zeitpunkt. Vor einiger Zeit sind die Dinosaurier ausgestorben und mit ihnen der größte Teil des Lebens auf der Erde, aber ein kleiner Teil blieb eben, die Lebewesen entwickelten sich weiter, und unter anderem entstand der Mensch. Diesmal wird es endgültig sein. Die einzige Möglichkeit zu überleben wäre, mit einem Raumschiff die Erde zu verlassen, aber dazu ist die Menschheit heutzutage nicht imstande, und Zukunft wird es für sie keine geben. Der Tod ist der ultimative Gleichmacher. Ist jemand wirklich reich, stirbt er nicht leichter als ein Armer, wahrscheinlich stirbt er schwerer, weil er sich ärgern wird, alles zu verlieren. „Wozu war das Ganze dann gut?“, wird er sich selbst fragen. Und die Antwort wird sein: „Für nichts.“

Der Tod wird durch die gewaltigsten Erdbeben, die es jemals gegeben haben wird, veranlasst, durch wolkenkratzerhohe Tsunamis, die Menschen werden erschlagen werden oder ertrinken, es ist auch möglich, dass die Atmosphäre entweicht, das wäre wohl der gnädigste Tod. Es ist ja nicht der Tod, der wehtut, sondern das Sterben. Bestimmt gibt es auch Selbstmordkandidaten, denen der Kometeneinschlag die Arbeit abnimmt. Viele von ihnen trauten sich wohl nie, sich selbst zu richten, jetzt, in drei Tagen, erledigt das der Komet. Es wird das Ende jeden Kalenders sein, vom 24. Juni an hat er keine Fotos mehr, keine Beschriftung, er ist nur noch weiß. Weiß ist das Sterben, die Trauer ist schwarz. Die Liebe ist rot, der Glaube violett, grün ist die Hoffnung. Und blau? Blau ist das Wasser.

Die Kirchen, die Moscheen, die Synagogen sind nun gefüllt. Kein Platz ist mehr frei. Die Menschen beten für die Vergebung ihrer Sünden, damit sie ein gutes Leben nach dem Tod führen können, dass sie in den Himmel kommen und nicht in die Hölle. Manche wollen auch ihr irdisches Leben gerettet sehen. Was nicht passieren wird.

Aber, was wirklich seltsam anmutet, ist, dass viele Beschäftigte heute an ihrem Arbeitsplatz erschienen sind. Die Büroarbeiter tippen in ihre Computer, die Arbeiter in den Werkhallen produzieren, in der Qualitätskontrolle werden die Waren geprüft. Die Sekretärinnen wollen Termine für ihre Chefs vereinbaren. Sie rufen bei Stellen an, wo ihnen gesagt wird: „Die Erde wird untergehen, der letzte mögliche Termin ist der 23. Juni. Sollen wir bis zu diesem Tag etwas vereinbaren?“

Florian ist einer dieser Büroarbeiter. Er mag Blumen nicht besonders, obwohl er diesen Namen trägt, aber den suchten ja seine Eltern für ihn aus. Seine Frau ist zuhause bei dem Baby, das niemals ein Kleinkind werden wird. „Bist du verrückt, warum gehst du in die Firma?“, fragte sie ihn in der Früh. „Ich muss etwas fertigmachen“, antwortete Florian. „Du musst gar nichts mehr fertigmachen“, sagte seine Frau, „das Einzige, was du musst, ist sterben, in drei Tagen, wie wir alle.“ „Ich gehe nur noch heute hin“, sagte Florian, „ich bin ja am frühen Abend wieder zuhause bei euch.“ Seine Frau wusste nicht, wie sie Florian von seinem Vorhaben abbringen könnte, und wenn man etwas nicht weiß, fällt man oftmals in eine Art Schockstarre. Sie stand nur da und sah ihn an. „Okay“, sagte sie dann. „Okay, bis dann“, gab Florian zurück.

Ja, und jetzt ist Florian in seiner Firma. Natürlich gibt es einen Grund, dass er hier ist. Er ist keiner dieser Verrückten, die Bestelllisten abarbeiten, wo nie mehr eine Lieferung folgen wird. Florians Grund ist Isabel, die in den technischen Abteilungen verschiedene Arbeiten erledigt. Er hat sich schon seit Langem in sie verschaut, machte aber nie Anstrengungen, sie zu erobern, da berufliche Affären ein No-Go für ihn waren. Mittlerweile war das einerlei, Job-Nachteile innerhalb der letzten drei Tage, nach denen die Erde untergeht? Lächerlich, obwohl nun nicht die Zeit zum Lachen war. Egal, jetzt war anything goes angesagt, es war keine Zeit mehr übrig, um zu warten. Now or never. Florian wusste noch gar nicht, ob er überhaupt abends nachhause fahren würde. Es war bekannt, dass Isabel Drogen nahm. Er nahm auch Drogen, was höchstwahrscheinlich niemand in der Firma wusste. Heute war seine Aktentasche gleichzeitig ein Drogenkoffer – mit Dope, Koks, Es gefüllt, genug für eine gute Zeit, mit Isabel, wenn sie denn will. Mal sehen, bislang hat Florian sie nicht ausgemacht.

„Knien Sie nieder, Sie Schwein!“, tönt es aus dem Büro des Abteilungsleiters. Es ist Herrn Warmuths Stimme. Das Verhältnis zwischen dem Abteilungsleiter und ihm war immer schon sehr angespannt, inzwischen hat sich das noch verschärft. Jetzt hört man den Abteilungsleiter laut beten. Noch vor dem Amen schallt es „Bumm, Bumm, Bumm, Bumm, Bumm!“ Das war Herrn Warmuths Intention, heute ins Büro zu kommen. Verständlich, findet Florian, den einen treibt die Liebe, den anderen der Hass. Der Hass ist vielleicht das wirkungsvollere Stimulans.

Später erfuhr Florian, dass Isabel bislang nicht in der Firma erschienen war. Er verbrachte noch einige Zeit beim Kaffeeautomaten in der Fertigungshalle rauchend und den paar Wahnsinnigen zusehend, die Maschinenteile produzierten, die nie mehr verbaut werden würden. Dann fuhr er nachhause. Wohl hat sich Isabel auch ihren Traum wahrgemacht, der nichts mit der Firma und nichts mit ihm zu tun hat.

Tag 2 vor dem Untergang

Ein Open-Air-Konzert wird vorbereitet. Musiker sind da, um Songs zu spielen, das Publikum zu unterhalten, manche wollen auch Messages transportieren. Wann, wenn nicht jetzt, sollen Musiker auftreten? Jetzt, genau! Die Instrumente und die Mikros auf der Bühne sind verkabelt. Der Soundcheck fällt aus. Gleich wird es beginnen. Die Musiker kommen auf die Bühne. Abertausend Menschen stehen davor. Es ist 20:07 Uhr. Noch existiert die Erde, sonst könnte niemand stehen und niemand könnte spielen und singen. Es ist eine Death-Metal-Band. Die Sängerin singt vom Tod. Die Menschen toben, recken die Arme in Richtung der Bühne. Diesmal ist es nicht nur eine Show. Es ist der vielleicht letzte Auftritt dieser Band. Und alles wird mit dem allgemeinen Sterben ändern. Die Toten werden nicht mehr begraben werden, und niemand wird sich ihrer erinnern, weil niemand mehr da sein wird. Auch darüber singt die Sängerin. Diesmal ist es mehr als Unterhaltung. Es ist so ernst, wie der Tod ernst ist, nach dem nichts mehr folgt. Jeder hofft, dass es danach weitergeht, doch das wird es nicht. Es ist kein vorläufiges Ende, es ist das absolute Ende. Der Punkt des ewigen Satzes.

Statt einer Lightshow brennen Feuer auf der Bühne. Alle Musiker sind schwarz gekleidet, wie die meisten im Publikum. Dann sieht man von den Menschen nur die Gesichter und die Hände, die weiß herausleuchten. Überall werden Joints geraucht, wie früher bei Konzerten, als es noch keine Handys mit Kameras gab. Am Rand sitzen Leute mit pulverförmigen Substanzen, Löffeln, Teilen von Zigarettenfiltern und brennenden Feuerzeugen. Jeder nimmt ein, was er hat. Keine Security ist hier, und auch keine Polizei. Alles ist scheinbar legal, da es keine Veranlassung mehr gibt, jemanden abzustrafen. Die Band auf der Bühne bietet die beste musikalische Darbietung, zu der sie fähig ist. Und das ist eine fantastische. Es ist traurig, denken wohl die allermeisten der Zuseher und Zuhörer, dass es das letzte Mal ist, dass ich diese Band erlebe. Natürlich muss alles irgendwann beendet sein, aber doch noch nicht jetzt, ich bin doch noch viel zu jung.

Mit den Worten: „Goodbye Leute, wir lieben euch, wir sehen uns wieder in der Hölle“, tritt schließlich die Band ab.

Eine andere Band tritt auf und gibt, was sie kann, was diesmal absolut der Superlativ ist. Der helle Gesang lässt eher an den „Stairway to Heaven“ denken als an die Treppe in die Unterwelt. Die Stimme entführt zu anderen Galaxien, was die Rettung wäre, doch sobald man die Augen öffnet, ist man wieder hier, innerhalb der Menge, auf der Erde gefangen.

Seb und Lene verlassen nun den Platz vor der Bühne. Sie gehen durch den Park, in dem sie aufgebaut ist. Da ist Rasen, sind Bäume und Kies, der scheinbar weiß strahlt, Eichhörnchen sind da und Enten, die quaken. Die beiden jungen Leute hatten große Pläne, zuerst ihre Ausbildung beenden, zusammenziehen, ein Kind, mindestens, besser zwei oder drei. Die Pläne werden nun Pläne bleiben, sie können nicht mehr realisiert werden. Leider. Sie besuchen den städtischen Friedhof, auf dem Leute wie sie gerne ein Picknick veranstalteten. Jetzt sitzen sie bloß im Schneidersitz neben einem Grab, jeder schaut für sich, von ihnen fällt kein Wort.

Sie sind nicht die einzigen Schwarzgekleideten hier, von denen man denkt, sie seien Satanisten. Einige haben sich auf dem Friedhof versammelt. Heute reißt niemand das Kreuz eines frischen Grabes heraus und steckt es andersrum zurück in die Erde.

In Wirklichkeit will ja niemand von ihnen, dass sie der Teufel holt. Wenn es denn so wäre, dann wäre das übermorgen der Fall. Es kann gut sein, dass diese Leute von dieser besonderen Ruhe eines Friedhofs angezogen sind, und auch davon, dass er ein historischer Ort ist, mit den altertümlichen Namen und manchen Schwarzweiß-Fotos der Verstorbenen. Es ist der richtige Platz, um langsam zu atmen. Nachts kommen die Geräusche fast nur vom Wind und von kleinen Tieren.

Jetzt greift Lene nach Sebs Hand. „Es ist schade um uns“, sagt sie. „Ja, es ist schade um uns“, sagt Seb.

Tag 1 vor dem Untergang

Die Tageszeitung liegt vor der Wohnungstür. Der Kolporteur macht weiter, als wenn nichts wäre. Er ist Sikh. „Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr“, stand auf einer Karte von vor ziemlich genau einem ½ Jahr, die mit Singh beschriftet war. Wahrscheinlich sammelt er Pluspunkte für sein zukünftiges Leben, denkt Tino. Aber wo will er ohne Erde leben? Doch das soll mich nicht kümmern, es geht mich auch nichts an. Der Mann wird schon wissen, was er tut. Er arbeitet ja nur noch um der Arbeit willen, denn Lohn wird er keinen mehr erhalten.

Tino blättert die Zeitung durch. Sie hat weniger Seiten als früher, aber sie ist erschienen, die Seiten sind bedruckt mit Text und Fotos, Redakteure und Fotografen waren an der Arbeit. Als ob sie einen Auftrag zu erfüllen hätten, oder sie glauben, dass das Unglück doch abgewendet werden kann. Tino ist nicht zur Arbeit gegangen „Scheiß drauf!“, hat er sich gesagt, „diese Arbeit ist nicht mein Lebenszweck.“ Und bald darauf fragte er sich: „Morgen werde ich sterben, was soll ich dann heute tun?“ Bald bemerkte er, dass ihm niemand wichtig genug war, um ihn – oder sie, in jedem Fall viel eher eine Sie – zu besuchen und vielleicht bis zum Ende zu bleiben. Nein, das war es nicht, was ihm fehlte. Er ließ seine Gedanken schweifen, und dann hatte er es vor sich: eine Gebirgslandschaft. Ja, das war es: Er würde wandern gehen, auf den Hochobir. Dort war er noch nie, und genau jetzt war es an der Zeit, ihn zu besteigen. Sonst gäbe es ja auch keine Gelegenheit mehr dafür.

Tino macht sich fertig. Er würde alleine gehen. Als er jünger war, hat er oft lange Sportausflüge unternommen, bei so gut wie allen war er solo. Das ist ihm lieber, er braucht sich nach niemandem zu richten, keiner ist da, der ihn beschwatzt. Und besonders jetzt möchte er in Ruhe gelassen werden. Er setzt sich in sein Auto, unterwegs tankt er kostenlos, er fährt bis zum Fuß des Hochobirs. Von ganz unten wäre die Gehzeit für ihn zu lange, er fährt die Serpentinen des Berges hinauf, bis da ein großer Parkplatz ist. Dort stellt er das Auto ab. Von hier bis zum Gipfel und zurück müsste er es bei seiner schlecht gewordenen Kondition in vier bis längstens fünf Stunden schaffen.

Der Parkplatz ist fast voll. Tino geht los. Viele Menschen gehen mit ihm und kommen ihm entgegen. Es ist ein Run auf den Berg. Steile und flachere Abschnitte wechseln einander ab. Wunderschön findet er die Natur, und interessant, wie sie sich mit steigender Höhe verändert. Jetzt sieht er unten in einem Tal einen kleinen See. Tino kennt ihn gar nicht. Er wird morgen dort baden gehen, bis es aus sein wird. Wenn der Komet einschlagen wird, wird er am Ufer des Sees liegen.

Überall sind jetzt viele Bergsteiger unterwegs, touristische, welche die Berge begehen, und Kletterer, die Felswände vertikal hinaufkrabbeln. Man würde denken, dass praktisch alle Kletterer freeclimben würden – es muss doch toll sein, einen langen freien Fall zu erleben, bevor man stirbt, was morgen ja ohnedies der Fall sein wird –, aber nein, mehr als wahrscheinlich üblich sind angeleint, sie wollen wohl keine einzige Stunde versäumen.

Nun hat Tino den Gipfel erreicht. Er sieht sich beim Gipfelkreuz um, dann geht er bergab, in Richtung des Parkplatzes, wo sein Auto steht, zwischen vielen anderen. Jetzt, wo er dort ist, kommt ihm ein kleiner, böser Gedanke: Warum habe ich, wo ich mich mein Leben lang immer bemüht habe, nur einen als gebraucht gekauften Kleinwagen, und manche von den anderen, die die totalen Flaschen sind, haben hier ihre Nobelkarossen stehen?

Und so nimmt er seinen Autoschlüssel in die Hand und zerkratzt den Lack von einigen der Limousinen, Sportwagen, Riesen-SUVs. Er macht das unauffällig. Trotzdem kann es natürlich sein, dass manche von den anderen Wanderern hier seine Aktion bemerken. Jedenfalls sagt niemand etwas – weil es nicht ihr Auto ist, überlegt Tino, diejenigen, die feststellen werden, dass bei ihrem Auto der Lack zerkratzt wurde, sind bestimmt, wenn schon nicht fuchsteufelswild, dann wenigstens nur wild, eher aber doch fuchsteufelswild – obwohl sie in etwas mehr als 24 Stunden sowieso sterben werden und die gesamte Erde unbewohnt sein wird.

Während er nachhause fährt, denkt er nach, wie er morgen zu diesem kleinen See gelangen soll. Das Internet wird ihm eine Lösung aufzeigen, kein Problem. Er stellt sich das Wasser vor, in das er dort tauchen wird. Wasser ist für ihn ein angenehmes Medium, wie komprimierte Luft. Schwimmt man lange Strecken, kann das wie Schweben anmuten.

Ob es Surfer auf den Tsunamis geben wird? Der Großteil der Menschen wird ja recht unmittelbar nach dem Kometeneinschlag sterben, aber auch wenn es manche Surfer danach noch aufs Meer schaffen würden, und selbst wenn sie einen Tsunami erreichten, bevor der sich zur vollen Größe aufgebaut hätte, wäre er viel zu schnell, um ihn zu reiten. Es wäre absolut unmöglich. Aber es gäbe ein spektakuläres Bild, einen Surfer auf einer viele hundert Meter hohen dahinrasenden Welle zu sehen.

Tag des Untergangs

Es ist 00:26 in Österreich. Theo ist auf einer Party. 20 Stunden und 16 Minuten ist noch Zeit. Überall sind jetzt Partys, Farewell-Partys, Goodbye-to-Earth-Partys. Musik und Visuals, DJs, DJanes. Put your hands up in the air. Never stop.

Doch genau jetzt denkt Theo: Was tue ich eigentlich hier? Er zieht sich in eine ruhigere Ecke zurück und schreibt auf seinem Smartphone Nachrichten, an Frauen, die ihm wichtig waren und, ja, es noch immer sind. Es gibt schon seit Langem keinen Kontakt mehr, aber sie ist wichtig, die eine, und sie ist wichtig, die andere, und einige mehr, die ihm wichtig sind, an alle die schreibt er. Nach einiger Zeit kommen auch Nachrichten zurück. Eine schreibt ihm: „Theolein, warum hast du mir das nicht vor drei Jahren geschrieben?“ Dann könnten wir jetzt vielleicht beisammen sein, weiß er.

Man kann das Leben so sehen, dass es aus Taten besteht, oder man kann es so sehen, dass es aus Versäumnissen besteht.

Anyway, heute ist es aus.

Jetzt, je näher der Untergang rückt, desto mehr Menschen sitzen vor ihren Fernsehern. Manche lassen sich unterhalten – bestimmte Sender strahlen Blockbuster-Filme aus. Andere betrachten Zusammenschnitte von historischen Filmaufnahmen ohne Ton. Dort wird genau jetzt eine Zahl in dieser Schrift eingeblendet:

365 Sekunden bis zum Untergang

364, 363, 362, 361, 360. Sieht man aus Fenster, ist der Komet bereits deutlich größer als die Sonne, bei jeder weiteren niedrigeren Zahl ist er weiter gewachsen. Bei 100 beschleunigt die Luft stark. Der Komet ist jetzt so groß wie ein Fußball 50 Zentimeter vor den Augen.

Bei 30 schließt Fiona die Augen. Sie wird sie erst wieder öffnen in dem Moment, in dem sie stirbt.

Die Totenszene mit der jungen Frau am Kreuz

Die Totenszene mit der jungen Frau am Kreuz

 

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 23139