Manuela

„Hast du gestern „Tarzan in Gefahr“ gesehen?“, fragt Manuela.

Wir spazieren durch den lichten, kleinen Eichenwald am Rande unseres Dorfes. Manuela geht zwei Meter vor mir. Ihr langes Haar fällt in hellen Strähnen über ihren Rücken. Mit ihrer rechten Hand schwingt sie energisch einen Stock und schlägt ihn hin und wieder gegen Sträucher und Baumstämme.

„Ja“, antworte ich geistesabwesend.

‚Sei doch still‘, denke ich. Ich stelle mir nämlich gerade vor, eine wunderschöne Prinzessin zu sein. Der Wald hier gehört zu meinem riesigen Reich. Manuela ist meine Zofe; sie hält mir den Weg frei und beschützt mich vor Schlangen und Wölfen. Es belustigt mich, dass Manuela nichts von der Rolle weiß, die ich ihr insgeheim zugeteilt habe.

„Und, ist dir etwas an Tarzan aufgefallen?“, stört Manuela schon wieder. Ihre Stimme klingt ungeduldig.
„Na? Ob dir etwas aufgefallen ist, will ich wissen!“

Redet so eine Zofe mit einer Prinzessin?
„Nein“, sage ich und fühle mich unbehaglich.

„Dann höre mir jetzt gut zu.“
Manuela bleibt abrupt stehen, lässt ihren Stock fallen, dreht sich um und fixiert mich aus zusammengekniffenen blauen Augen. Fast wäre ich gegen sie gerannt.
„ICH war der Tarzan im Fernsehen!“ Triumphierend streckt sie ihr Kinn nach vor.
„Blödsinn! Du bist doch viel kleiner als der Tarzan.“
„Ich bin auf Stelzen gegangen und manchmal auf einem Schemel gestanden“, sagt sie schnell und blinzelt mich listig an. „Natürlich immer so, dass die Zuseher es nicht erkennen können.“
„Ach, Manuela, du bist ein Mädchen, hast blonde Haare – du bist das pure Gegenteil von Tarzan!“

Ich schüttle den Kopf, gehe an ihr vorbei, weiter den Waldweg entlang.
„Schon etwas von Schminke gehört und von Perücken, du Dummi? Glaube mir, die können viel, die im Fernsehen. Sie haben mich so toll geschminkt, dass ich wie Tarzan aussah. Echt, ich schwöre!“, läuft sie aufgeregt neben mir her.
„Da, schau!“

Sie überholt mich, stellt sich mir in den Weg und zieht den rechten Ärmel ihres Pullovers hoch. Ich sehe einen großen, blauen Fleck auf ihrem Oberarm.
„Hier haben mich die Elfenbeinjäger verletzt, als sie mich gefangen nahmen. Aber Chita hat mich dann zum Glück befreit.“
Manuela öffnet weit ihren Mund, legt ihre Hände herum, den Kopf in den Nacken, und brüllt: „AAUUAA HHUUAA!!! Das war der echte Tarzanschrei! Was sagst du jetzt?“
„Du hast Mundgeruch“, sage ich.
Manuela blitzt mich wütend an.
„Du bist nicht mehr meine beste Freundin“, zischt sie.

Sie dreht sich weg und setzt sich auf einen Baumstumpf.
„Und tschüss“, sagt sie böse, ohne mich anzusehen.
Etwas ratlos stehe ich da. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Manuela vorsichtig eine große Weinbergschnecke von dem Baumstumpf löst, auf dem sie sitzt. Die Schnecke zieht sich sofort in ihr Haus zurück. Manuelas linke Hand greift sich einen Stein und schlägt damit in kurzen Abständen auf das Schneckenhaus zwischen Zeigefinger und Daumen in ihrer rechten. Die Schale bricht. Ich sehe nackte, feuchte Schneckenhaut schimmern.
„Was machst du da?“, rufe ich fassungslos.

Manuela wirft den Stein weg und bricht konzentriert ein kleines Stück Schale vom Schneckenhaus ab, dann das nächste.
„Tja, meine Liebe, andere Schnecken haben auch keine Häuser“, sagt sie im sanften Tonfall.
„Spinnst du? Das arme Tierchen!“
„Ah, wegen einer Schnecke regst du dich auf! Aber dass mich die Elfenbeinjäger gestern schwer verletzt haben, das lässt dich völlig kalt!“
Manuela springt auf und wirft die Schnecke in einen Strauch.
„Du bist echt keine Freundin!“

Ich möchte etwas entgegnen, als plötzlich ein Radfahrer den Waldweg einbiegt und abbremst, als er uns sieht. Es ist Robert aus der Klasse über uns, den weder Manuela noch ich leiden können.
„Guten Tag, die Damen“, grinst er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Auf Wiedersehen, der Herr“, Manuela ist aufgesprungen und zieht mich am Ärmel.
„Komm, Nora, gehen wir.“

Doch Robert fährt langsam neben uns her, als wir losgehen.
„Wie geht es denn deinem Vater? Hat er sich schon erholt?“, fragt er Manuela, die starr geradeaus blickt und schneller geht.
„Meine Mutter hat ihn nämlich gesehen, weißt du“, sagt Robert im Plauderton an mich gewandt, „gestern Vormittag, als sie auf dem Weg zur Arbeit war.“
„Hör auf, du Vollidiot!“, schreit Manuela mit plötzlich hochrotem Gesicht und schubst ihn mit dem Ellbogen, fest, so dass er beinahe vom Rad fällt.
„Ihr Vater ist mitten auf dem Gehsteig gelegen, stockbesoffen, am helllichten Tag …“
„Halt dein blödes Maul! Schleich dich, du Lügner, sonst …“ Manuela hat blitzschnell einen großen Stein in der Hand, hält ihn in Wurfposition.

Robert schaut Manuela an, den Stein, dann mich.
„Suche dir besser eine andere Freundin!“, ruft er mir zu, während er sein Rad wendet und wegfährt. „Die da ist ja echt das Letzte.“
Manuela schleudert ihm den Stein nach, er bleibt einige Meter von uns entfernt liegen.
„Und du bist das Allerletzte!“, schreit sie.
„Du glaubst doch diesem Lügner nicht“, sagt sie zu mir. Tränen treten in ihre Augen. Ungeduldig wischt sie sie weg, doch es kommen neue. Sie tut mir leid.
„Komm, vergiss es, gehen wir zu mir“, sage ich.
Schweigend gehen wir den Waldweg entlang, dann durch die zwei kurzen Gassen bis zu meinem Elternhaus.

Wenig später sitzen wir still in meinem Zimmer und malen.
Ich male eine wunderschöne Prinzessin, die allein in ihrem gepflegten Schlossgarten unter einem Baum steht. Manuela lässt auf ihrem Blatt Papier eine dunkelrote Sonne in einem wilden, tiefblauen Meer versinken. Wir verwenden Deckfarben.
Ich tauche den Pinsel ins Wasser, dann in die schwarze Farbe und beginne, zum Schutze der Prinzessin eine hohe Mauer um den königlichen Garten zu malen.
„Hast du gestern nach Tarzan „Superman in Not“ gesehen?“, fragt Manuela plötzlich.
„Superman? Hat es gestern nicht gespielt.“
„Doch, gestern war Superman im Fernsehen, um acht Uhr. Das weiß ich ganz sicher, denn ICH WAR Superman.“

Ich sage nichts, arbeite konzentriert an meiner Schlossmauer weiter.
„Du glaubst mir nicht! Dabei bin ich auch über euer Haus geflogen. Ich habe sogar an dein Fenster geklopft, aber du hast schon geschlafen. Über das ganze Dorf bin ich geflogen! Ich habe Saltos geübt, hoch oben, und dann – dann habe ich mich an der Kirchturmspitze verletzt. Es hat furchtbar wehgetan! Da, schau her, wenn du mir nicht glaubst!“
Sie springt auf, wendet mir den Rücken zu und zieht ihren Pullover bis zu ihren Schulterblättern hoch.

Erschrocken sehe ich blaue Flecken und rote Striemen auf Manuelas Haut.
„Und, glaubst du mir jetzt?“ Manuela zieht den Pullover wieder hinunter, dreht sich zu mir.
„Manuela“, flüstere ich schockiert. „Wer hat das getan? War das dein – ?“
„Du bist so gemein!“ Manuela schießen Tränen in die Augen. „Ich habe dir doch vorhin erzählt, wie es passiert ist. Nie glaubst du mir. Du bist nicht mehr meine beste Freundin!“
Sie greift fahrig nach ihrem Zeichenblatt, zerknüllt es und wirft es auf mich.
Abwehrend fange ich es mit der linken Hand und sehe, wie das Blau ihres Meeres vermischt mit dem Rot ihrer Sonne über meinen Handrücken rinnt.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 24120

image_print

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert