Das Fleisch unsrer Kinder zart

Da ward ein Fremder am Tore verlangend nach Einlass, mit ihm sein Eslein, dem auf dem Rücken nach vorne er beugte sich. Ein Weiter, es blieb ihm verwehrt. Des Fremden Faust, sie ward steif und gefror’n dann geschickt gen Himmel, mit der Kraft der, die seine letzte war. Wie könne er, ein Männlein, ein schwaches kleines, kein Einlass bekommen zu so einer derart Stadt? Mit den Zinnen der Mäuer, dick mit Gold sie beschlagen, einer welchen, derer ihr Wachposten, so es schien, nicht zu erkennen im Stande ward, welch Elend da vor ihm stünde. Von wie weit her er gekommen schon, erkenne er sie denn nicht, die Wärme, um die er zu betteln sich nicht mehr zu schade ward? An der Kutte durchnässt, in den Rissen der Frostbrand, an den Ärmeln, den magren, am Anblick, schier jämmerlich ganz? Erkenne er denn das nicht?, fragte der Fremde, bemüht im guten Glauben, die Antwort doch, sie schüttelte durch ihn mit Graus:
„Nein, mein Herr. Das erkenne ich nicht, mein Herr.“
Der Wachposten gab Antwort, gleich höflich wie ernst ebenso, und tat die gute Lanze drei Mal am Boden dann aufstampfen.
Worauf sich eine Gestalt erhob.
Im Lichte der Fackeln, tiefer drin in der Stadtmauer Rachen,  beinah im Vorhof bald schon. Dorten, dort schlürfte ihr Schatten gar garstig das Bier mit den Lippen vom Barte sich noch, und eilte nach vorne hin.

Der Fremde.
Entgegen ihm rief, entgegen ihm rief im Verzweifeln:
„Sind sie jener Einer, der sich zeigt hier für dies hier verantwortlich? Für diese Schmach, die hier frisch mir wird angetan?“
„Stets zu Diensten, euer von und zu Gnaden! Stets zu Diensten.“
Der Kommandant.
Heran er kam, und er trat hin vor des Esleins Nüstern trocken, mitnichten gewillt, den Hof zu machen dem Fremden. Mit den Armen verschränkt gleich vorm ledernen Harnisch, dem Bauche dick, breit stand er da zu Verbergen seines Korporals Zähne, die aus dem Mund ihm schon kamen spitz.
„Ihr Anliegen, euer Durchlaucht?“
„Mein Anliegen?! Seid ihr bei Trost so wenig wie die Mannschaft, die ihr euer nennt? Brot und Wasser und ein Platze zum Schlafen, das Einz’ge wonach es mir sehnen kann, nicht? Wie allem auf Gottes Erden?“
„Auf des Herzogs Befehl: mitnichten!“, ein Schreiben eins, mit Grobheit sehr, der Kommandant zog aus dem Beutel um die Schulter.
Das Papier ward bräunlich.
Das Siegel ward wie Blut.
Im Wachse gebrochen, zwei Drachen gefangen, der Kommandant hielt vors Gesicht sie dem Fremden nun hin, auf das nicht zu übersehen mehr ward, die Schwere seiner Worte.
„Was draußen sei, das bleibe dorten!“

Der Kommandant.
Stramm senkten sich die Brauen seiner Augen rot.
„Nur wisset ihr denn selbst noch nicht?! Die Ungetiere! Sie lauern dort, dort jenseits unsrer Mauer! Auf uns, und auf das Fleisch unserer Kinder zart!“
Der Fremde.
Er hob sein eisig Hand zum Kiefer hoch und ergriff es, den Witze suchend in dem, was er grade gehört. Seine Stirn, dem Zeugnis seiner Ohren nicht ganz trauen sie wollte, sein Kinn, es tat bewegen dann sich:
„Bei allem Ernst, der euch sei zugestanden: ein Ungetier? Ein Dunkelheit Gespinst? Das darf nicht hindern doch niemand am Atmen. Am Stillen von dem Hunger, der nur Hefe und Weizen hat im Sinn.“
„Sehr wohl, der Herr! Auf des Herzogs Befehl, sehr wohl!“
„Was draußen sei, das bleibe dorten! Also vergessen schon?“, der Korporal, er johlte, „Hinfort mit euch, ihr, der ihr doch nur eines wollt!“

Die Fersen tiefer in die Seiten gedrückt seinem Eslein saß der Fremde nun, schlecht sich fügend. Die Zügel fest, im Griffe schwach, ein Huf ward asbald an der Luft oben. Ein Schnauben kurz folgte, aus des Esleins Hals es sich kratzte wie Regen zäh. Regen zäh, einer welcher, der auf dem Kommandanten sein Wangen dann nieder flog, heiß und fiebrig.
„Halt, werter Herr, werter Herr, Einhalt! Was gedenken wir vorzuhaben? Die Ungetiere! Ihr selbst könntet eines sein!“
„Ein Ungetier? Eines ich? Sagt, seht ihr nicht das Leid an mir, das nur als Mensch uns plagt?“
„Der Herr, warum denn, der Herr? Was haben der Herr zu verbergen denn, daß sein Menschsein so betonen er müsse hier?“
Der Korporal.
Er fragte hervor das von hinter dem Kommandanten sein mächtig Rücken, des Korporals Knie, wie am Haupt so viel Haare, was der Fremde nicht sah jedoch noch.
„Verbergen? Ich? Wer tut sich verstecken denn da? Hinter dem Kommandanten seinem? Hinter den Ziegeln aus Stein? Wär’ ich denn ein Ungetier, sagt, wär’ ich nicht schon eines? Hätt’ um Erlaubnis ich je gefragt, ob mein Leben ich retten darf?“
Der Fremde.
Das zu bedenken er gab, und an den Zügeln er zog, sodaß sich streckte der Nacken des Esleins gar grässlich.
Es tat iahen dann.
Heiser erbärmlich.

Kommandant jedoch, und Korporal, bewegten sich kein Stückchen nicht trotzdem, die Finger lang und länger. Vom Korporal, die Augen schräg sie sich stellten, in tiefer und tiefer Höhlen. Die Lanze sie, um Erbarmen sie knirschte, vor der Klaue der, die sich schloss um ihr’n Hals aus Holz.
„Zu verbergen nichts, der Herr? Nichts? Warum ist sein Kleidung dann gar so gar ausgeleiert? So weit schon die Kutte, daß verhüllen den Schweif sie schon muss, heraus aus des Ungetiers Steißbein?“
Der Korporal.
Die Nase, sie wuchs ihm zum Maule.
„Die Kutte weit? Oh nein, ihr versteht nicht! Viel zu mager nur drunter ist der Leib schon geworden mir. Der, der, so es euch sei gedankt, sich formt zum Gerippe noch gänzlich.“
Der Fremde.
Die Zügel er peitschte, mit Pech in den Venen, des Esleins Brust sich schob dem Kommandanten zu seiner hin ganz nah.
„Letzte Warnung! Die letzte, der Herr! Was draußen sei, das bleibe dorten, so auch ihr! Mit euer aller Märchen, mit allem eurem Leugnen von dem Ungetier, das steckt doch in euch drin.“

Der Fremde.
Beim Blinzeln schnell, verlor die Augen beinah er an die Lider, „Nun gut, nun zum hundertsten Male! Aufs Neue: Seht mich an! Kann’s sein, wovor es fürchtet euch, die Not ist, die mich ziert? Hier? Daß etwas möglich ist der Art? Und drunter ich bin so wie ihr?“
An seiner Zunge rau sich weitend, der Korporal fast verschluckte sich.
„Den Mund, er so voll hier nicht nehme, bei Gott, der Herr!“, bald scheppern es tat, retour von den Wänden. Die Lanze, die gute, entzwei sie gebrochen ward, hindurch ihr getrieben des Korporals Krallen, nur Schärfe über, wo keine Hand mehr ward.
Der Mond.
Hinein ins Tor er kroch.
„Was draußen sei, das bleibe dorten!“

Der Kommandant.
Sich äußerlich dann auch verlor sich ganz.
Die Haut, zu wölben sie begann des Kommandanten Ellen, lodernd, in vieler Wellen Gang. Asbald. In Büschel trockner Gischt ans silbrig Licht der Pelz dann platzte ihm, bis all das, was einst menschlich, bedeckt nun ward mit Gier.
Gefletscht, die Zähne, sie zeigten sich.
Die Tropfen klar, vom Stahle weiß.
Beißen tat daweil nur der Wind.
Der Korporal.
„Was draußen sei, das bleibe dorten! Dann unsers selbst ist das Fleisch unsrer Kinder zart!“
Der Kommandant.
Er leckte über die Lippen sich lüstlich.
„Nur unsres, der Herr, nur unsres!“
Der Fremde dann.
Er kam dann zum Sprechen nicht mehr.

Markus Peyerl
www.markuspeyerl.at

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 14023

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2 Gedanken zu „Das Fleisch unsrer Kinder zart

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