Der grüne Mann

Da war ein Mann. Voll Freude war er und voll Dankbarkeit. Zart und innig war seine Zuneigung und blütenweiß sein Duft. Er gemahnte an stille Klostergärten, an Kinderunschuld und an Tod. Abermals und unvermeidbar war ich verurteilt zu lieben ohne Vor- und Rücksicht und sagte du und Geliebter und gab mich ganz. Er aber war leicht und heiter und naschte verzückt, ging viel, ging oft fort, ging seiner Wege und kam fröhlich zurück. Er liebte die Kunst über alles, verlor sich an die Dinge und lebte in ihnen.

Ich, ich im Käfig will nicht mehr unter meinen Sinnen leiden, sie sollen besiegt sein. Augen habe ich nicht, sie sind meist geschlossen und träumen vom Wiederkommen des Geliebten. Tausend Dinge gibt es zwischen gut und Leid. Dieses Tausendfache lebt in mir, wird grau und treibt Tränen aus.
Kommt er dann, ist es hell und seine Worte haben kein Gewicht. Mit der Schaukel fliege ich mit und lache. In solcher Zeit war ich fähig, das Unsinnigste zu tun oder auch das Selbstverständlichste. Ja und Nein waren eins.

Manchmal versuchte ich es mit Beten. Oder ich las einen russischen Schriftsteller.
Er kam, leichtfüßig, Frühlingsduft, Morgenhauch und war fort. Meine Liebe, die Unbewegliche, Schwere tat weh. Ich stürzte mich auf sie, zerriss, zerstückelte sie und warf sie ins Meer. Es sollte nur Leichtes in mir sein, nur Lichtes.
Das enge Aneinandergeschmiegtsein, stundenlanges Sichfühlen. Verbundensein der Körper, ohne sich zu geben, Fühlen und Verschmolzensein in eine Seele, ohne sich wirklich zu gehören. Ein Erbeben nach dem anderen. Angst? Mit ihm? Alles mit ihm. Was wirklich ist, ganz gleichgültig. Ob treu, untreu, verlässlich, aufrichtig, gut.

„Morgen werde ich sehr traurig sein.“
„Und übermorgen?“
„Das weiß ich noch nicht.“ Das war es, morgen, übermorgen, wer kann das wissen?
Diese paar Stunden hingegeben an seinen Körper konnten höchstes Glück und tiefstes Unglück bergen. Sie konnten aber auch vorübergegangen sein wie jener glühende Streifen am Himmel, ein Komet für ein paar Sekunden sichtbar, der das ganze Firmament in Licht tauchte und mit seinem Rauschen etwas Unheimliches, ein Ewigkeits- und zugleich Vernichtungsgefühl in mein Denken pflanzte und dann – ein paar Sekunden später erlosch, und der Himmel erstrahlte wieder rein und unberührt und friedlich und vertraut mit seinen zahllosen Sternen. Nichts blieb zurück.

Ein Mal konnte ich mir gut vorstellen, ihn zu verlassen, ohne den geringsten Schmerz zu verspüren. Oder in eine völlig ungewisse Zukunft, in die denkbar unsicherste mit diesem Mann zu gehen.
Ich wusste, er betete an vielen Altären, liebte viele Blüten und Farben, webte riesenhafte Teppiche, was scherte es mich, er kniete vor der Liebe. Es war gut. Wir sangen Lieder und erfanden Gedichte, die längst erfunden waren. Grün, grün, grün ist alles, was ich hab.

Ich bin stark und ich habe Kraft. Sie fließt mir zu aus den Erden und den Himmeln. Klein, ein Grashalm, wachse ich, armlos, arglos, verwurzelt in die Sonne. Ich atme ein und aus. Blau umspült mich. Stark mein Halm, sicher, ich.
Goldfarben sprüht über mich hin. Der Tau glitzert. Ich werde getreten und richte mich auf. Ein Schutzkreis umhüllt mich. Sie machen einen Bogen. Ich werde vergessen. Ein und aus atme ich, aus und ein, grün in Grün.

Grüner Mann in der Asche zerstäubt im Fluss. Die braunen Augen, die Samthaut, der scheue Körper mit all seinen Liedern zerstäubt, verpulvert.
Ich sehe ihn nicht mehr, Nichts spüre ich, er ist fort, der Frühling, der atmete, Tag um Tag.
Ein Fest jede Sekunde, die du da warst. Rubinrot und grün und weiß auch. Oh ja, Lilien. Verwunschen und still und deine Lieder. Wir hielten uns fest, wir träumten uns fort, in den Äther schleuderten wir. Im Pfirsich holten wir ein Wesen.

Doch dann zerbrach es zwischen uns wie feines Glas. Die Zigeunerlieder höhnten über mich. Die Flüsse, sie fließen nicht aufwärts, der Regen regnet nicht zum Himmel, sagte ein Freund. Doch das Gift sank in die Erde. Grün starb. Ein blutiger Klumpen, das Wesen ging zu den Sternen zurück, der Kristall leer. Er tanzte wieder, er flötete, sang. Blei blieb taub. Tod. Nie wieder.

Geh fort, grüner Mann, du wolltest kein Bär werden. Immer nur Biene und Ziege, immer nur jung, immer nur Frühling. Wir verloren einander.
Ich wurde zum Schwert und zertrennte die Fäden seiner Netze, ich streute Dornen in sein Bett.
Auf allen Märkten, aus allen Gassen der Stadt machten sich Rächer auf. Die Flüsse, sie fließen nicht aufwärts, der Regen regnet nicht zum Himmel, tobten sie, während ich träumte. In der Nacht sprachen Stimmen auf mein weißes Papier „Aus frischen Gräbern weht der Atem des Göttlichen.“

Wehe, grüner Mann, wehe. Er lief noch zehn Jahre über die Wiesen. Gehetzt, gehetzter. Dann fiel er in einer Stadt am Meer beim Kaffee, als er in die Augen seiner neuen Liebsten sah, vom Stuhl und war tot. Das Herz schwieg. Er wurde Asche, zerstäubt über dem Fluss. Die Blumen klagten und die Rächer spuckten ihm nach.
Als das Klingen wieder durch die Lüfte zog, das kühne, törichte lächelte ich voll stechender Schmerzen. Es schleuderte mich ins Dornige, raubte mir das dämmernde Starren ins Weite.
Und ich hörte das Toben, Brüllen, Klatschen, Zirpen, Summen, Erzittern und Demütig-sich-Beugen vor Pan, dem Gehörnten Gott und atmete nicht.

Ketzele, ich trage heute Bernstein. Der Grashalm auf der Wiese ist nun vergessen und lebt sein Leben rund. Einen Kiesel habe ich ausgelegt für dich im Garten.

Marianne Peternell

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 19044

 

 

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