Das "Steckdosenspiel"

Als ich ein kleiner Junge war,
spielten wir immer das "Steckdosenspiel".
Wir griffen uns Mutters Stricknadel aus Metall;
und diese steckten wir dann jeder für sich der Reihe nach
in eine der beiden Öffnungen einer Steckdose.

Keiner der anderen Mitspieler durfte dabei
dem jeweiligen Kandidaten zuschauen,
sonst hätte man das Loch mit dem Strom
ja bereits vorher gewusst.

Aber so blöd waren wir auch wieder nicht,
dass wir nicht einen Schiedsrichter bemühten,
der genau darauf achtete, dass auch jeder der Mitspieler
brav die Stricknadel fest in eines der beiden Löcher drückte.

Danach waren Sprünge von ein bis zwei Metern schon drinnen,
wenn der Stromleiter getroffen wurde.
Und allemal Geschrei und Gejammere
und den immer darauf folgenden Schwur,
das "Steckdosenspiel" ganz sicher nie mehr spielen zu wollen.

Aber ein Mann ist nun mal ein Mann.
Und bis zum nächsten Mal waren
all die Schmerzen ohnehin schon längst wieder vergessen.

In all der Zeit – obwohl etliche Möglichkeiten dazu bestanden hätten –
hat es mich komischer Weise niemals erwischt.

Aus allen Mitspielern von damals sind
ehrenwerte und angesehene Bürger geworden,
nur ich tingle seltsamer Weise von einer
psychiatrischen Anstalt zur anderen.

Ob das irgendwie mit dem "Steckdosenspiel" zusammenhängt,
konnte ich trotz aller Therapien bis heute noch nicht herausfinden …

Harald Brachner
Literaturkreis PromOtheus

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 14014

 

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