Die Redlinger

Lui suchte nicht mehr nach einer Mitfahrgelegenheit. Beide Jungs hatten erst mal die Nase voll von unangenehmen Überraschungen.
Sie wanderten weiter die Straße entlang, in der Hoffnung, irgendwann an einen Ort zu kommen, wo es ihnen gefiel. Manchmal fand Lui vorübergehend Arbeit und sogar Wuck konnte ab und an helfen. Aber nie für lange. Jedoch lernten sie unterwegs die verschiedensten Menschen und Lebensweisen kennen. Lui war fest überzeugt, dass sie eines Tages Glück haben würden.

Einmal führte ihre Reise zu einem auffallend schönen und gepflegten Örtchen. »Redling«, stand auf einem Schild am Ortseingang. Lui zeigte auf die einladenden Häuser mit den Gärten.
»Hier haben sie bestimmt viel zu tun. Das muss ja schließlich alles gepflegt werden!«, sagte er vergnügt. Wuck nickte.
Lui sah sich um und marschierte dann zielstrebig auf ein Haus mit einem weitläufigen Garten zu. Zwei Männer reparierten den Zaun.
»Ich suche Arbeit. Wissen Sie, wer einen braucht, der zupacken kann?«

Die Männer unterbrachen ihre Arbeit. Der ältere der beiden sah Lui von oben bis unten an. Dann lächelte er.
»Was für eine freundliche Frage, mein Junge. Ich frage mich, wo so tüchtige Burschen wohl herkommen. Aber das willst du mir sicher nicht erzählen. Also, wenn ich‘s genau bedenke, und ich bedenke es sehr gerne genau, denn man weiß nie, ob man nicht etwas vergessen hat, und dann muss man wieder von vorne anfangen … Äh, was wolltest du wissen?«
»Ich fragte nach Arbeit«, wiederholte Lui verwundert.
»Ach ja, richtig! Wenn du die Straße weitergehst, kommt eine große Kiefer rechts, danach zwei kleinere Gärten und dann nach der großen Eiche links ein eisernes Tor. Sehr schön verziert ist dieses Tor. So etwas will ich mir bei Gelegenheit auch einmal anfertigen. Im Garten dahinter wohnt Sermon, unser bester Redner, einfach ein Talent, das seinesgleichen sucht. Die letzte Festrede von Sermon, das war wirklich ein Meisterstück!
Ähm, also Sermon besitzt einen außergewöhnlich großen Garten, wenn nicht den größten hier. Oder ist Romans Garten größer? Interessante Frage. Das sollte man bei Gelegenheit einmal nachrechnen. Wobei ich im Rechnen keine besonderen Fähigkeiten besitze. Das wird sich im Alter wohl auch nicht mehr verbessern lassen. Was ist denn nun schon wieder?«
Der jüngere Mann hatte den älteren angestupst und wies auf die Jungs, die sich nach einem kurzen Dank bereits entfernt hatten.
Die beiden Freunde folgten der Wegbeschreibung des gesprächigen Mannes und gelangten an das verzierte Tor. Sie traten ein. Ein Sandweg schlängelte sich durch eine schöne Gartenanlage zu einem üppig geschmückten Haus, zu dessen Eingangstür eine Treppe führte. Lui ging voraus und klopfte. Ein Mann in dunklem Anzug öffnete.
»Ja, bitte? Was ist euer Begehr? Seid ihr angemeldet? Ihr habt hoffentlich nichts zu verkaufen, weil ich Anweisung habe, das abzulehnen, gleichgültig, worum es sich dabei handelt. Herr Sermon hasst nichts mehr als geschwätzige Verkäufer.«

Lui grüßte und fragte nach Arbeit.
Der Mann sagte: »Bitte, einen Moment zu warten, die jungen Herren, wenn das möglich ist, was günstig wäre, weil dann könnte ich Herrn Sermon fragen …«
Noch im Reden schloss er die Tür.
Eine Weile später öffnete sich die Tür wieder. Ein älterer Herr in einem bestickten Samtanzug mit glänzendem Seidentuch, das kunstvoll um seinen Hals geschlungen war, sah auf die Knaben. Sein langes graues wallendes Haar hatte er nach hinten gekämmt, sodass es in Wellen über den Kragen fiel.
»So, zwei Burschen, die eine bezahlte Beschäftigung suchen, habe ich vernommen. Äußerst rar in der heutigen Zeit, was ich an dieser Stelle einmal anmerken möchte. Aaah, hier böte sich eine wortgewaltige Ausführung über die heutige Zeit und unsere Jugend sehr passend an.« Sermon warf einen Blick auf Lui, der sich sichtbar unwohl fühlte. Herr Sermon unterbrach seinen Redeschwall und besann sich.
»Seid ihr denn der schwierigen und anstrengenden Gartenpflege kundig und fähig, wenn ich das so fragen darf?«
Lui lächelte. »Gartenarbeit wäre genau das Richtige«, erwiderte er.

So kam es, dass Lui wieder einmal für eine Zeitlang Arbeit und Lohn hatte. Unterkunft bekamen die Jungs in einem der Gartenhäuschen. Sermon und seine Bediensteten merkten schnell, was ihnen da für ein tüchtiger Gärtner zugelaufen war. Dass Wuck nur wenig helfen konnte, störte niemanden. Besonders Sermon war begeistert von dem schweigsamen Knaben.
»Ein wunderbarer Zuhörer!«, schwärmte er. Wobei Wuck meist zusah, dass er Land gewann, wenn der alte Schöngeist irgendwo im Garten auftauchte.
Es war Lui, der sich für die Wortgemeinschaft der Schönredner interessierte. Abends, nach getaner Arbeit, gingen die beiden Jungs manchmal in das Goldene Wort, eine Art Gasthaus, das vielerlei Vergnügungen bot.
Zu speisen gab es an der Texttheke Spezialitäten wie Buchstabensuppe, Wortbrei, Sprechmuscheln, Textstullen, Spruchrollen, Quatschsalat, Brabbelbrote, Quasselstrippen, geröstete Satzfetzen, süße Wörterschlangen, Heiserschmarren, Wortstammkuchen, gebackene Ohrwürmer oder den gefüllten Labersack. Am Redefluss gleich daneben wurden Trinksprüche und Plapperwasser ausgeschenkt. Wer zu viel davon erwischt hatte, war leicht zu erkennen, weil er redselig über dem Tresen hing und hirnlosen Unsinn plapperte.
Im Gastraum spielten die Sprechanlagen unentwegt Redeweisen, Sprechgesänge, Satzmelodien, untermalt von Wortgeklingel und Wortlauten.

Die Redlinger liebten ihre Heimat, die sie Reimat nannten. Sie beschrieben mit vielen ausschmückenden Worten die Schönheit ihrer Landschaft, wie den sagenhaften Wörtersee, den Wortschwall, das wortkarge Satzgebirge mit seinem höchsten Gipfel, der spitzen Bemerkung, nebst dem wortlosen Wortbruch, die blumigen Reden und die wortgetreuen Ebenen der Rufweite. Ihre Häuser verzierten sie mit Lautmalereien. Stillleben dagegen waren völlig verpönt. Wer auf sich hielt, hatte einen Papagei, der nichts anderes tun sollte, als die besten Ausdrücke zu wiederholen. So waren die Häuser der reichen Redlinger mit nie enden wollendem Geplauder erfüllt.
Wenn Lui mit den Einheimischen ins Gespräch kam, bedurfte es manchmal eines Übersetzers. Wie sollte man eine Wetterbeschreibung verstehen, in der von Sprechblasen, Satzwolken, Wortfetzen, Gedankenblitzen, Sprechgewitter oder Ferngesprächen die Rede war?

Am aufregendsten fanden Lui und Wuck die Rededuelle, die im Goldenen Wort allwöchentlich abgehalten wurden. Atemlos verfolgten die Jungs die Wortführer, die sich zum Wortgefecht gemeldet hatten. Meist fing es mit kleinem Wortgeplänkel an, Wortspaltereien folgten, durchmischt von hinterlistigen Wortklaubereien. War der Streit dann in vollem Gange, wurde einem das Wort im Mund umgedreht, einige Wortungeheuer und Wortungetüme wurden hinterhergeschoben, bis es dem Gegner die Sprache verschlug oder ihm das Wort im Hals stecken blieb, und flugs hatte der Wortverdreher dem Unterlegenen mit unaussprechlichen Gemeinheiten den Wortschatz geraubt, was nicht selten zu einem gestammelten Schreikrampf führte.
Manchmal verhalf eine Wortspende zu einer unerwarteten Redewendung, sodass der Schwächere seine Wortgewalt wiedererlangte, eine Weile am Boden herummurmelte, bis seine Redewut erneut erwachte. Es geschah sogar, dass sich das Blatt drehte und der Angeschlagene neue Worte schöpfte, um dann vollmundig mit Wortspielen, Silbenrätseln und Wortwitz am Angreifer den vernichtenden Rufmord zu begehen. Meist hinterließen die Gegner ein wüstes Wortfeld und die Bediensteten hatten alle Hände voll zu tun, die herumfliegenden Worthülsen aufzusammeln, damit niemand darüberstotterte.

In einem Nebenzimmer wartete bereits der Wortologe mit seiner Sprechstunde, um die Folgen des Redegetümmels zu behandeln, wie zum Beispiel Wortverschluss, Schachtelsätze, Sprechstörung, Rückwärtssprech, Redehemmung, Stottern, Silbschluck, Schweigstreik, Verstummung, Wortbrech, Sprechdurchfall, Einsilbigkeit oder Wortarmut. Trotzdem erfreuten sich die Duelle allergrößter Beliebtheit.
Am meisten verachteten die Redlinger die sogenannten Versprecher. Das waren Leute, die falsche Hoffnungen weckten oder einfach Lügen verbreiteten. Das galt als schlimmes Verbrechen und wurde mit Sprechentzug geahndet. So einem abgefeimten Versprecher konnten nicht einmal Ausreden helfen, wenn er einmal dingfest gemacht worden war. Niemand redete mit einem Versprecher. Diesem blieb gar nichts anderes übrig, als sich zu bessern oder aus Redling wegzuziehen.
Komischerweise war der stumme Wuck bei allen jungen Redlingern, Mädchen wie Jungs, außerordentlich beliebt. Oft sah man Wuck von einer Traube Kinder und Jugendlicher umringt, die ihm angeregt allerlei erzählten. Wurde es ihm zu viel, zog er sich in das Gartenhäuschen zurück.

Bei dem vielen Gerede blieb den Redlingern kaum Zeit übrig. Für die meisten Verrichtungen beschäftigten sie eine Menge Leute: Handwerker, Reinigungskräfte, kurz Hilfen aller Art. Wer auf sich hielt, verbrachte seine Zeit damit, wichtige Gespräche zu führen, tiefschürfende Reden zu schreiben und sie vorzutragen. Wer die meisten Sätze für eine Sache verbrauchte, war hoch angesehen. Bald kannten die beiden Freunde die wichtigsten Redlinger. Neben Sermon und Roman gab es noch den salbungsvollen Literarthur, den nervigen Lürik, dessen Sprache nur aus Reimen bestand, die schlanke Novelle, den dicken, ausladenden Epik, die aufgeregte Drama und die mopslige Prosa.
Meist belustigte Lui das Gequatsche, aber ab und zu ging es ihm auf die Nerven.
Am wohlsten war ihm in Sermons großem Garten. Dort erledigte er unbehelligt seine Arbeit: schnitt Hecken, legte Wege und Beete an, säte und erntete, pflanzte Blumen oder Essbares, jätete und goss, setzte Stützen oder besserte Zäune aus, schaufelte und grub, häufte Erde auf und düngte, zog Jungpflanzen vor und mähte die Wiesen. All das hatte er in Mädelau und in den hängenden Gärten gelernt. Wuck half ihm, so gut er konnte.

Sermon freute sich, dass er mit Lui einen Glücksgriff getan hatte. Sein Garten wurde von Tag zu Tag schöner. So kam es, dass er Lui eines Abends zu sich rief, um ihm einen Vorschlag zu unterbreiten. Wuck folgte aus Gewohnheit, hielt sich aber wie immer stumm im Hintergrund.
»Mein lieber junger Freund«, begann Sermon huldvoll, »ich habe sehr wohl bemerkt, dass du über ein außerordentlich grünes Händchen verfügst. Das erfüllt mich mit Freude, ja, um nicht zu sagen, mit großer Zufriedenheit. Und Zufriedenheit ist, wie wir wissen, ein äußerst erstrebenswertes Ziel, mein junger, ach so gärtnerisch begabter Freund.«
Sermon sülzte auf diese Weise eine ganze Weile weiter, sodass Lui langsam, aber sicher im Stehen eingenickt wäre, wenn Wuck ihn nicht angestupst hätte. Überrascht hob Lui den Kopf und vernahm gerade noch: »… mich und die Meinen zutiefst erfreuen, wenn die beiden jungen Burschen sich für immer bei uns einrichteten. Ja, du hast richtig gehört, auch dein stummer Freund ist uns herzlich willkommen. Seine außergewöhnliche Fähigkeit zuzuhören, ist auch mir nicht entgangen. Ja, sein Schweigen ist für viele überaus anziehend und wohltuend, wenn ich das bemerken darf.«
Lui schluckte, sah zu Wuck. Wuck starrte entsetzt zurück. Lui dachte fieberhaft nach. Ihm wurde schlagartig klar, dass er sich um nichts in der Welt in Redling niederlassen wollte. Aber was sollte er antworten, ohne seinen Brotgeber zu beleidigen oder zu lügen? In seinem Kopf kreisten die Gedanken und wirbelten die Worte.
»Nun, ich sehe, mein Angebot macht dich sprachlos, mein junger Freund. Nur Mut!«, forderte Sermon Lui selbstgefällig auf.

Lui atmete tief ein, dann aus und wieder ein. Dann erwiderte er leise: »Herr Sermon, ich bin Ihnen sehr dankbar. Es ist jedoch so, dass ich für meinen Freund Wuck Heilung suche, denn er war nicht immer stumm. Ich wünsche mir sehnlichst, dass er wieder spricht. Wir können nicht bleiben.«
Sermon sah Lui beleidigt an. »Wo sollte er sprechen lernen, wenn nicht bei uns, den Meistern der freien und ungezwungenen Rede?«
Lui antwortete: »Wenn er hier hätte sprechen lernen können, hätte er es längst getan. Ich denke, dass wir bald weiterziehen müssen.«
Wuck sah Lui dankbar, aber auch schuldbewusst an. Lui lächelte zurück.
Herr Sermon war nicht lange eingeschnappt. Dazu war er zu gutmütig. Er bat die Jungen, die begonnenen Arbeiten noch fertigzustellen, dann zahlte er Lui den restlichen Lohn aus. Nach ein paar Tagen packten Lui und Wuck ihre Siebensachen und machten sich wieder auf die Reise.

Auszug aus: »Lui in der Draußenwelt«, Fabulus-Verlag Fellbach, 2016

Yvonne Richter
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