Alte Bündnisse

Unvermittelt drückte sie ihr Gesicht in den groben Stoff des ockerfarbenen Mantels, welcher noch den Herbst mit sich hereingetragen hatte, und wollte sterben.
Der Todesmarsch hatte schon begonnen. Das Ziel war in Sicht.
Mit beiden Händen umklammerte sie die Ärmel, vergrub ihr Gesicht noch tiefer in dem Kleidungsstück und füllte ihre Lungen mit dem Geruch von Frost und Eis und noch etwas anderem.
Halb registrierte sie, wie sich langsam ein feuchtwarmer Film auf der Oberfläche des Mantels bildete, und in Zeitlupentempo löste sie ihre Lippen von dem groben Material. Es arbeitete in ihr. Die Zahnräder der Maschine hatten sich in Bewegung gesetzt und mahlten. Mahlten unentwegt.
Ihre Augen dampften, ihr Kopf rauchte. Ihr Magen rumorte, ihr Herz hämmerte. Ich bin ein Stahlwerk, sagte sie sich, ein Stahlwerk. Kurz vor dem Niedergang. Es rette sich, wer kann.
Abrupt ließ sie den Mantel los und rückte ab. Die Arme angewinkelt, die Hände abwehrend vor der Brust, sank sie fröstelnd zu Boden.
Welcher Teufel hatte sie geritten?

Sie hörte, wie er die Tür hinter sich schloss und den schweren Mantel abstreifte. Grußworte aussprach und nach ihr fragte. Sie hörte, wie er leise den Flur entlangschritt, und fühlte, wie er sich unentwegt nach allen Seiten wandte, aufmerksam, nach Kontakt suchend in den alten Gemäuern.

In Panik war sie aufgesprungen. Der Stuhl knallte zu Boden. Und zur Hintertür hinaus, durch den leeren Hof, den leeren Schweinestall, und ins Freie. Über die Felder hin zu den Wäldern. Durchschneidend die Wälder, bis hin zur Lichtung. Im Schock verharrend. Keuchend. Rasselnd in den Lungen, schwerer Atem. Jammernd in den Baumkronen bunte Singvögel. Hochblickend in den Himmel. Verfing sich das Licht der kalten Mittagssonne in der finsteren Iris.
Keine Antworten.
Kein Erinnern.

Die Küche war erfüllt von ihrer Abwesenheit, als er sie betrat. Den Knauf fest umklammernd, öffnete er die Küchentür nur einen Spalt, bevor er einen Fuß hineinsetzte. Es umfing ihn die alte modrige Vertrautheit und plötzlich eine unerklärliche Traurigkeit, als er mitten in der Küche stand. Er blickte hoch zur Decke. Eine nackte Glühbirne brannte in der lampenschirmlosen Halterung. Ein Stuhl war zu Boden geknallt und durch die offene Hoftür blies ein eisiger Wind. Er hörte, wie die Küchentür hinter ihm mit einem leisen Klick ins Schloss fiel. Langsam bückte er sich, ging zu Boden, hob den Stuhl behutsam hoch und stellte ihn zurück an den Tisch, auf dem noch aufgeschlagen ihr Buch lag. Die Seiten stoßweise wild durchkämmt von stürmischen Böen.

Brachland. Stilles, stetes Brachland.
Brich dich auf und frei und nieder.
Brich dich wieder und wieder.
In die alten, warmen Lieder.

Entzifferte er. Die Seiten waren vergilbt und abgegriffen, die Ränder stumpf und ausgefranst. Die Druckerschwärze schien allen Raum für sich einzunehmen. Und die Notizen links, rechts, oben, unten, über den Zeilen, unterhalb der Zeilen. Rufzeichen, Fragezeichen, Kringel, scharfkantige Figuren, Schraffierungen, Schattierungen.

Er klappte das Buch zu.

Er ging zur Hoftür, stellte sich in den Wind und blickte in die kahle Leere.
Ein klagender Schwall fuhr ihm hart ins Gesicht und durch die dunklen Haare. Unwillkürlich trat er ein paar Schritte zurück, zurück in die warm modernde Küche.
Und stemmte sich mit aller Kraft gegen die knarzende Tür, bis auch sie widerwillig ins Schloss fiel.
Unerhört.
Unannehmbar.

Den unheimlichen Pfad des größten Widerstandes hatte sie beschritten. Heim. Begleitet vom Rauschen der Wälder. Dem Schwirren der Blätter und Tiere. Dem Mut der Natur. Oben zogen die Sturmwolken im Zeitraffer dahin, unten wühlten sich Nager durchs Erdreich.
Kein Weg daran vorbei. Kein Weg vorbei.

Sie tritt zur Vordertür ein, schließt diese unhörbar und lauscht den gedämpften Stimmen, die aus der Küche zu ihr durchdringen.

Das liederliche Leben, Bub. In der Stadt.
Was willst du da? Da findest du doch keine Frau.
Überleg dir das noch einmal. Das ist doch keine Arbeit.
Am Hof ist immer Arbeit. Der Vater kann dich brauchen. Gell, Vater.

Kein Mensch weit und breit. Kein Hof im Umkreis von Kilometern. Keine Arbeit weit und breit. Keine Tiere, keine Felder. Nichts zu bestellen, nichts zu empfangen. Nur die unendliche Ödnis.

Sie hört ihn leise antworten. Entgegnen. Sich widersetzen. Ankämpfen.
Sie hört seine leise, warme, dunkle Stimme ankämpfen. Gegen den Moder und Überdruss. Gegen die Muster und Schimäre. Gegen den schleichenden Tod und das aufbrechende Leben.

In der Garderobe hängt sein Mantel.

Benommen erhebt sie sich und geht gemessenen Schrittes den Flur entlang, bemüht um Haltung, bemüht um Fassung. Des Herzens, des Verstandes, des Körpers. Des Körpers, des Körpers, des Körpers.

Die will keinen, die Elisabeth, sagt der Vater.
Alle nicht gut genug. Was die will?!
Wird schon sehen, was die davon hat.
Immer so viel wollen.
Mehr Bescheidenheit tät ihr gut.

Er erwidert nichts.

Sie geht den Flur entlang, majestätisch, erhobenen Hauptes, gemessenen Schrittes, aus den Augenwinkeln die Tapetenwände abgrasend. Ausflüge, Porträts, Hochzeitsfotos, Totenbilder. Das tödliche Übereinkommen. Die Fluchtlinien verengen sich, der Flur kontrahiert, Finsternis.

Er erwidert nichts.

Und blickt zur Tür.
Sie steht im Türrahmen.

Wo warst du denn, die Mutter.
Wir haben dich vermisst.
Komm herein.
Wie du ausschaust.

Er versteift sich unmerklich. Blickt sie an. Lächelt breit.
Vergessen.

Nichts merken, nichts anmerken, gar nichts anmerken lassen. In Mantras sprechend beschwört sie sich, während ihr Blick durch den Raum schweift und hängen bleibt, an der nackten Glühbirne, der geschlossenen Hoftür, dem geschlossenen Buch auf der Anrichte, dem königsblauen Hemd zwischen Vater und Mutter, den hellen Augen.

Sie lächelt, geht zum Tisch und begrüßt ihn. Küsst ihn auf beide Wangen. Er umarmt sie und streicht mit einer Hand leicht über ihren warmen Rücken. Die obersten zwei Knöpfe seines Hemds sind geöffnet.

Jetzt habt ihr euch auch schon lange nicht mehr gesehen, die Mutter. Schön, dass wir alle wieder zusammen sind.

Gut schaust du aus, sagt er.
Du auch. Lächelt. Wie lange bleibst du da?
Nur bis morgen. Dann muss ich wieder arbeiten.

Was für eine Arbeit denn? Der Vater, verächtlich.

Du musst mich bald besuchen kommen.
Wir könnten ins Theater gehen und essen.
Unbedingt.

Er blickt sie an, fast hilfesuchend. Er sucht etwas in ihren Augen. Sie weiß was.
Er riecht nach frischen Laken und noch etwas anderem.

Ich erinnere mich, sagt der Körper. Ich erinnere mich.
Und du dich auch.

Angelika Holl

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17184

 

 

 

 

 

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