Mein Arbeitstag beginnt – aus dem Leben einer Bibliothekarin

Als ich noch Schülerin war, haben meine Eltern immer zu mir gesagt: „Lerne, sonst wirst du als Melkerin arbeiten und die müssen wegen der Kühe um 3 Uhr 30 aufstehen!“ Ich habe den Rat meiner Eltern befolgt. Ich habe akademische Ausbildung. Ich stehe morgens um 4 Uhr auf.

Morgens – 4 Uhr, mein Wecker schrillt. Ich schreie. Mein Arbeitstag beginnt. Nachdem ich den Wecker ausgeschaltet habe, klettere ich aus dem Bett, denn die Zeit läuft. Gerade weil die Zeit läuft, klettert unser Hund in mein Bett. Er wirft einen frechen Blick auf mich und dreht sich in eine bequeme Lage auf den Rücken. Ich bin verzweifelt. Ein paar Sekunden später schaue ich auf mein Bild in den Spiegel des Badezimmers. Ich bin verzweifelt. Nach 30 Minuten harter Arbeit verlasse ich das Badezimmer mit einem neuen Gesicht. Ich werfe etwas zum Essen in meine Tasche und gehe Richtung Bahnhof. Falls ich mit dem Make-up um 3 Minuten mehr verbracht habe, gehe ich nicht zum Bahnhof, sondern ich laufe.

Während der Zug fährt, höre ich den Gesprächen der Mitreisenden zu, sodass ich eine gute Vorstellung davon habe, wer zu Hause Streit hatte, wessen Chef ein Trottel ist, was für ein Wetter kommt und welche Fussballmannschaft gewonnen hat. Obwohl mich diese Neuigkeiten gar nicht interessieren, wehre ich mich nicht. Ich bin Bibliothekarin, die Informationen sind mein tägliches Brot.

Ich steige aus dem Zug in der Stadt Prostějov aus. Bevor der nächste Zug fährt, der mich nach Olomouc bringt, habe ich etwa 10 Minuten Zeit. Ich stehe in der Bahnhofshalle unweit von der Bäckerei, betrachte das frisch gebackene Gebäck und atme tief ein. Man könnte sagen, ich frühstücke. Endlich kommt der Zug. Falls die Teenager nicht mitfahren, setze ich mich bequem auf den unbequemen Sitzplatz und schlafe ein. Falls die Teenager mitfahren, setze ich mich bequem auf den unbequemen Sitzplatz und bemühe ich mich intensiv einzuschlafen. 3 Meter von mir entfernt sitzt ein Junge, Kopfhörer auf dem Kopf und hört Musik. Ich höre mit. Ich will es zwar nicht, aber ich muss, denn das Radio brüllt. Der Klang, den ich höre, erinnert mich an Hammerschläge. Ein paar Minuten später nähere ich mich dem Wahnsinn. Der Zug fährt los, was mich rettet. Der brüllende Zug überbrüllt die brüllende Musik. Wie eine richtige Atheistin sage ich zu mir: „Gott sei Dank“ und beginne zu relaxen.

Der Schaffner kommt, er kontrolliert die Fahrkarten und wirft nur so hin, dass es sich auf der Strecke eine Stelle befinde, die gerade repariert wird und dass die Reisenden aus diesem Grund einen Teil der Reise mit dem Bus absolvieren müssen. Ich vergesse meinen Atheismus und beginne wild zu beten. Es hilft nicht. Ich kehre zurück zum Atheismus. Auf der Haltestelle in der Mitte unserer Strecke steigen wir aus dem Zug aus. Die Busse, die auf uns schon warten sollten, sind nicht zu finden. Die Gruppe der Werktätigen beginnt zu nörgeln. Wir warten. Es passiert nichts. Wir warten. 10 Minuten später kommen die Busse. Die Laune ist euphorisch. Wir absolvieren die nächsten 5 Kilometer im Bus. An dem nächsten Bahnhof steigen wir aus dem Bus aus. Wir kommen dorthin, wo wir den Zug erwarten. Der Zug ist nicht zu finden. Würde so etwas in Japan passieren, müsste die Regierung abdanken. Passiert es bei uns, werden die Fahrkarten teurer.

Der Zug kommt gleich. Wir werfen die letzten Reste der Würde weg und drängen uns rücksichtlos herein. Die nächsten 10 Minuten genieße ich die Reise wirklich. Am Bahnhof in Olomouc steige ich fast mit Rührung und Tränen in den Augen aus. Ich habe’s geschafft. Ich bin dort, wo ich sein wollte, nämlich in der Stadt, wo ich arbeite.

Ich trete in die Bahnhofshalle ein. Zwei Polizisten beobachten mich mit strengen Blicken. Da ich keine Probleme haben möchte, gehe ich an den schlafenden Obdachlosen auf Zehenspitzen vorbei. Ich bleibe vor meinem Gebäckstand stehen, kaufe mir Frühstück und beeile mich in die Arbeit. Ich habe Verspätung. Na ja, Verkehrssperre. In meinem Büro falle ich völlig erschöpft in den Sessel, aber ich bin glücklich. Das gewöhnliche Morgen-Abenteuer habe ich überlebt, zwar knapp, aber doch. Mit dem Anfang der Arbeitszeit beginnt ein neues Abenteuer – nämlich meine Arbeit. Das wäre aber schon eine andere Geschichte.

Marcela Vsetickova
Dieser Text erhielt den Würdigungspreis des Literaturblogs "Der Duft des Doppelpunktes".

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen ... | Inventarnummer: 13046

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *