Der Schlafsack

Die Party ist aus, die Musiker haben längst ihr Instrumente verpackt und nach Hause gebracht, Martin ist noch mit ein paar Leuten am Lagerfeuer gesessen, das dann auch irgendwann ausgegangen ist wie das Bier, es dämmert bereits, der neue Tag bricht an, Martin sucht seinen Schlafsack, merkt, dass er zu viel getrunken hat, gegen Schluss haben auch Joints die Runde gemacht, er hat sich erstmals dran probiert und wird schon deshalb nicht mehr genau sagen können, wie lange er nach seinem Schlafsack gesucht hat.

– Hallo, Schlafsack! –
– Hallo Massa. –
– Schlafsack, wärme mich, aber nicht übermäßig ... Es ist ohnehin warm da. –
– Wie Massa wünschen ... Massa, darf ich mir eine Frage erlauben? –
– Na sicher, sag, was du mir sagen willst, Schlafsack. –
– Sie werden mir auch sicher nicht böse sein, Massa? –
– Nein, aber leg jetzt bitte los, ich bin müde. –
– Also, Massa ... –
– Und red mich nicht mit Massa an ... Ich bin der Martin. –
– Das freut mich, Herr Martin. –

– Jetzt sei nicht so steif, Schlafsack. Wir können doch ‚Du’ zueinander sagen – immerhin werden wir miteinander die Nacht, oder das, was von ihr noch da ist, verbringen ... –
– OK, Martin. Per Sie und mit ‚Massa’ hätte ich mir aber leichter getan ... –
– Jetzt komm schon raus damit: Was willst du von mir? Wenn du willst, kannst es mir ja auch in ein paar Stunden sagen ... Ich leg mich jetzt jedenfalls in dich rein. –
– Darum geht es ja auch ... irgendwie ... –
– Wieso? –
– Ich mag heute nicht. Mir geht‘s nicht so gut und würde gerne einmal alleine schlafen. –
– Bist du völlig durchgeknallt, Schlafsack? –

– Ich heiße Severin, Schlafsack ist nur mein Gattungsname ... und wir sind ja per Du. –
– Na gut. Aber pass einmal auf, Severin, es ist ja so: Du bist der Schlafsack und ich bin müde. Also werde ich mich jetzt in dich reinlegen. Das wär ja auch das Letzte, wenn mir der Schlafsack sagt, wann er, unter Umständen, bereit wäre, mich reinzulassen ... Als Nächstes kommt dann der Kühlschrank und sagt, er will einmal Ferien machen ... –
– Das kann dir durchaus blühen ... und ich bin der Severin. –
– Jetzt halt endlich das Maul, ich will schlafen! –
– Ich hab ja nicht mit der Kommunikation angefangen. –
– Gusch, Schlafsack ... Sever ... –
– Schlaf gut, Martin. –

– Weißt du was, Severin? Ich rede nicht mit Schlafsäcken! –
– Tust du aber gerade ... –
– Jetzt aber nicht mehr. –
– My Bonnie lies over the ocean, my Bonnie lies over the sea, My Bonnie lies over the ocean, O bring back my Bonnie to me. –
– Halt jetzt bitte dein Maul! Ich rede nicht mehr mit dir. –
– Ich rede ja gar nicht, ich singe ... –
– HÖR AUF!!! HÖR BITTE AUF!!! –

– OK, komm schon rein, Martin. Ich wollte dich nur verarschen ... –
– Ah, so ... Danke. Ich hab schon geglaubt ... –
– Komm rein, ich hab dich lieb. –
– Ja, ich dich auch. –
– Schlaf gut, Martin. –
– Danke, du auch, Severin. –

Christoph Stantejsky

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 16113

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