Eine Handvoll Schach

Schön, dich hier zu haben, Alessandro, mein Freund, auf einem deiner äußerst seltenen Besuche in Wien, weiß ich doch, dass dir diese Stadt nicht behagt, und dies nicht allein wegen der dir fremden Sprache.

Aber warum Alessandro meine Auszeit auf der Toilette dazu genutzt hatte, ein Schachbrett auf dem Kaffeehaustisch zwischen uns aufzubauen, und jetzt mit aller Sorgfalt die Figuren in Reih und Glied aufstellte, entzog sich meinem Verständnis, denn als ernstzunehmende Spieler waren wir beide nicht zu gebrauchen, miserabel unser Zugang zu diesem Spiel. Einerseits Alessandro, bekannt dafür, in seiner ihm eigenen Hitzigkeit verführerisch erfolglose Angriffe zu führen, dem kein Opfer auch angesichts von Hoffnungslosigkeit zu schade war, andererseits ich, Nachlässigkeit mein zweiter Name, mit der mir meine Schlüsselfiguren meist verlustig gingen, geopfert für einen vermeintlich größeren Überblick über das Spiel. Und so opferten wir uns für gewöhnlich vor uns hin, bis zum unvermeidlich unbefriedigenden Remis, in dem sich zwei einsame Bauern aufeinander zu über die Linien quälten, bis zum Aufprall ohne Ausweg. Spätestens dann würde einer von uns mit dem Gefühl geteilter Langeweile das Schachbrett zuklappen, und der andere darüber froh sein; meist war Alessandro schneller zur Hand, denn so endete es doch immer.

So hat es bisher immer geendet, Alessandro, und so wird es wohl auch immer enden, denn ein Remis gegen dich ist nichts anderes als ein Sieg, und dessen bin ich mir sicher, nicht viel anders ergeht es dir mit mir.

„Diese Bauern habe ich nie verstanden“, begann Alessandro in seinem sonoren Italienisch, angesichts der schwarz aufgefädelten, zweiten Figurenreihe der Gleichförmigkeit vor ihm, „in ihrer Aufopferungsbereitschaft und als höchstes Glück vor Augen, sich vielleicht doch bis zur hintersten gegnerischen Linie durchschummeln zu können, naiv wie Aschenputtel sind sie, in der Hoffnung, in den obersten Adelsstand erhoben zu werden.“

„Sogar geschlechterübergreifend, als Königinnen“, ergänzte ich mit einem Schmunzeln, aber er war schon mit ganz anderen, viel weitreichenderen Gedankengängen beschäftigt, denn er hatte das Brett gewendet, sodass seine Bauern gegen die eigenen Reihen standen.

„Acht gegen acht, da müsste doch etwas zu machen sein, ein überraschender Angriff, mit dem sie sich auf das abgehalfterte, altersschwache Adelsgeschlecht in ihrem Rücken stürzen. Geben sich ja sonst auch so bauernschlau, diese Bauern, denk nur an ihr fieses en passant.“

Die linke Faust hob ich zur Bestätigung – Revolution! –, mit mir konnte Alessandro rechnen, mit wehender Fahne war ich bereit, neben ihm unterzugehen, dem Garibaldi des Schachspiels. Und gleichzeitig bereute ich meine stumme, unbedachte Zustimmung, denn nun kam er so richtig in Fahrt, während er das Brett in seine Ausgangslage drehte.

„Schau sie dir doch nur einmal an, diese Königin, nur ein Blendwerk ihre Machtfülle an Bewegungsmöglichkeiten. Nicht mehr als eine Zugehfrau ist sie, für einen greisen, demenzkranken König in Pantoffeln, der nur noch lahm von Feld zu Feld zu humpeln vermag.“

„Aber die Rochade –“, wagte ich einzuwerfen, aber sein höhnischer Blick brachte mich augenblicklich zum Schweigen.

„Ja, eine Rochade steht ihm zu, sein einzig großer Hüpfer, und schon ist ihm die Puste ausgegangen. Und was hat er davon? Nichts anderes, als sich auf seinen Turm zu stützen, eine Gehhilfe groß wie ein Fernseher, mit Schlagersendung im Programm. Denn mit einem Turm lässt sich keine angeregte Unterhaltung führen, diesem tumbtreuen Vasallen, dieser engstirnigen und einspurigen Kampfmaschine, die nicht anderes im Sinn hat, als Bauernopferreihen zu sprengen.“

Höchste Zeit, Alessandro, deinem Redefluss Einhalt zu gebieten, der wieder einmal zu einer Tirade auszuarten droht, jetzt bin ich an der Reihe, meinen Beitrag zu diesem Diskurs zu leisten.

„Ich wiederum kann diese Läufer nicht leiden. Die sehen in Diagonalen, lugen um die Ecken, wie Spitzel, die Geheimpolizei unter den Schachfiguren, die einen die eigene Unaufmerksamkeit abstrafen. ‚Kommen S’ mit!‘, und schon haben sie einen in einer dunklen Straßenecke am Arm gepackt und vom Spielfeld abgeführt.“

Ob ihn meine Ausführung zum Schmunzeln gebracht hatte, wusste ich nicht zu sagen, vielleicht war der Grund dafür auch nur, dass die letzte verbliebene Gruppe von Spielfiguren eine mildere Beurteilung von ihm erfuhr. Einen der Springer nahm er vom Feld, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen, und geradezu poetisch seine Betrachtung dazu:

„Einzig die Rössel bestechen durch ihre Unberechenbarkeit, wenn sie so über Bauernhecken springen, abschließend einen Schwenker einmal nach rechts, einmal nach links, als könnten sie es sich nach Gutdünken aussuchen, welches Bein ihnen gerade lahmt. Lustig, diese Gesellen, immer den Schalk im Nacken, Hofgaukler in dieser ansonsten so steifen Gesellschaft, fällt ihnen doch immer wieder etwas Neues ein.“

Nahezu versöhnlich nun sein Gesichtsausdruck, und diese Versöhnlichkeit nutzte ich, um all die Möglichkeiten meines ersten Zugs abzuwägen, und besonders perfide kam er mir vor, mein Zug aller Züge: e2 – e4.

„Und, Alessandro, wie gedenkst du dieses Mal meine immer gleiche Eröffnung zu parieren, vielleicht mit einer ungewöhnlichen Goldberg-Variation?“

Mitleidig, sein Lächeln, mit dem er meinen intellektuellen Kalauer bedachte, und als er seinen Blick wieder dem Schachspiel zuwandte, war selbst dieses verschwunden.

„Ich habe die Schnauze voll“, räumte Alessandro mit einem Wisch all die Figuren vom Brett und griff nach der erstbesten Zeitung, die auf dem Nebentisch lag, einem intellektuellen Wiener Wochenblatt ohne viele Bilder.

„Remis?“, fragte ich ihn über den Zeitungsrand hinweg.

„Remis, wie gehabt“, bestätigte er ohne aufzusehen, ganz in einen Artikel versunken, vom dem er kein einziges Wort verstand.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16012

 

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