Der Trick

„Sie haben die drei also auch schon gesehen? Sie haben es gehört und sich gefragt ---? Sie finden das auch --- ? Ja, ganz klar, aber Sie dürfen das nicht falsch verstehen. Wollen Sie wissen, wie es dazu kam?“

Trifft eine Frau im durchschnittlichen Alter von durchschnittlichem Aussehen, aber sehr faschionabel, in einer trendigen Hundeschule einen überdurchschnittlichen Mann. Sich lässig an ihn anbiedernd fragt sie mit unschuldigem Augenaufschlag: „Wie heißt denn der?“ –„Windhundischa“, antwortet der Mann kurz angebunden und wendet sich wieder ab, weil er faschionable Frauen auf den Tod nicht ausstehen kann. Kreischt diese aber vergnügt „Maaaa, ist der süüüüüüß!!!!“, und beugt sich runter zum windhundischen Welpen. Der Windhundische knurrt und versteckt sich zwischen den Beinen seines Gastwirts. Schrill lacht die Frau auf und will ein Gespräch mit dem Mann beginnen. Der Mann kratzt sich am Kopf, murmelt etwas Unverständliches, sagt dann scharf: „Kumm, Windhundischa!“, und schreitet raschen Schrittes von dannen. Verliebt blickt die Frau ihnen nach.

Vorwurfsvoll blickt sie zuhause beim Fingernägellackieren ihren österreichischen Pinscher an. Er rammelt gerade die Yucca-Palme. Als er noch ganz klein war, da war er so ein Schätzchen, und jetzt macht er der Frau nur Schande. In der Hundeschule weiß man keine Lösung, man rät ihr nicht ab von einer chemischen Kastration. Letztes Mal hat der österreichische Pinscher versucht, den Windhundischen zu besteigen. Der überdurchschnittliche Mann hat ihn unwirsch weggestoßen. Näherkommen wird sie ihm so gewiss nie! Was wäre aber, wenn...?

Telefoniert sie am nächsten Tag mit ihrer stylischen Freundin, die ein Fotostudio hat. Die züchtet Hunde, weil angesagte Fotomodelle. Die Situation wird geschildert, die Freundin fragt nach körperlichen Merkmalen des Windhundischen und verspricht einen Rückruf. Die Frau sitzt auf glühenden Kohlen. Abends erhält sie ein SMS mit einem Hundebabyfoto und der Aufforderung, sich unverzüglich in der American-Star-Bar einzufinden.

Warten dort drei hysterisch lachende Freundinnen, in deren Mitte ein verängstigter Welpe in einer Gucci-Handtasche. „Maaa, ist der süüüüüß!“, kreischt die Frau. „Dein neuer Windhundischa“, frohlockt die Fotografenfreundin. Fröhlich stoßen alle mit einem Glas Prosecco an und strecken ihre solariumgebräunten Beine durch, dann bringt die Frau ihre neue Eroberung nach Hause. Der österreichische Pinscher freut sich sehr über sein neues Spielzeug und springt begeistert auf. Die Kinder der Frau freuen sich sehr über ihr neues Spielzeug und grabschen mit vielen Händen und lauten Tönen nach dem verwirrten kleinen Hund. Sie wollen ihn Interkontinentaler Zwergspaniel nennen, aber die Frau sagt streng: „Der heißt Windhundischa, aus, basta!“

Achtet sie beim nächsten Hundespaziergang darauf, schon vor dem überdurchschnittlichen Mann da zu sein, sich aber dezent hinter den anderen Strebern zu verstecken. Gedankenverloren schnüffelt ihr Windhundischa im Eingangsbereich herum, sehr gelegen kommt ihr das. Ihr Windhundischa genießt die Zeit für sich allein, denn von all den potentiellen Rammelböcken ist der österreichische Pinscher abgelenkt. Der kleine Windhundische hat das Kunststück entwickelt, sich beinahe unsichtbar zu machen. Erleichtert wird ihm dies durch sein rasseuntypisches Aussehen und diverse Schönheitsfehler: Übersät von Pigmentflecken ist sein Körper, die scheinen durch das dürftige weiße Fell durch wie Schimmelflecken durch eine frisch geweißte Wand. Dergestalt ist sein Körperbau, dass er wie eine Hundewurst oder ein Wursthund wirkt, zusammengeknotet hinten am Schwanz. Merkt das die faschionable Frau nicht und der Hund zum Glück auch nicht.

Im letzten Moment kommt der Mann. Wie immer ist er ausschließlich auf seinen Windhundischen konzentriert, sodass er den Windhundischen der Frau nicht sieht. Endlich, am Acker, dreht er sich stirnrunzelnd um, weil die ungehobelten Söhne der faschionablen Frau nicht aufhören, „Windhundischa!“ zu brüllen. Die Frau, die für diesen Anlass violetten Lidschatten gewählt hat, schlendert schnellstens auf ihn zu, überdreht die violetten Augen und: „Kinder...!!! Sie wollten ihn unbedingt Windhundischa nennen, weil sie so auf deinen Hund stehen... Jetzt musste ich ihnen allen Ernstes auch einen Windhundischen kaufen“, prustet sie. Der Mann späht umher, blickt sie fragend an. „Loben, loben, loben“, dröhnt die Stimme der Hundetrainerin über das Feld. Es gilt, die Hunde an ihre Besitzer zu gewöhnen und sie zu loben und mit Leckerlis zu belohnen, wenn sie diese aufsuchen. Vergessen hat das die faschionable Frau längst, denn ohnehin hat sie über den österreichischen Pinscher keine Kontrolle. Und in höchster Perfektion beherrscht ihr Windhundischa ihr gegenüber die Kunst der Unsichtbarkeit. Will er etwas von ihr, winselt er penetrant, bis sie ihn wahrnimmt, doch hütet er sich davor beim Spaziergang. Bloß nicht auffallen, lautet die Devise, liegen genügend Leckerlis herum von den übereifrigen Hundebesitzern und ihren überfressenen Kötern.

Jetzt tut es der Frau natürlich leid, dass sie keine Ahnung hat, wo ihr Windhundischa ist. Vor allem bekümmert es sie auch, dass des Mannes Hund immun gegenüber den immer verzweifelter tönenden Rufen ihrer Kinder ist. Sicher hat sie sich das nicht so vorgestellt! Schnell schnorrt sie von dem Mann eine Zigarette, um im Gespräch zu bleiben, und stellt verdutzt fest, wie er sie missbilligend ansieht, anstatt dankbar dafür zu sein, ihr eine Zigarette anbieten zu dürfen. Gibt er ihr nicht einmal ein Feuer, sondern wendet sich blitzschnell um zur Hundetrainerin, um mit ihr ein Gespräch über die Verdauung seines Hundes zu beginnen. Die Hundetrainerin sieht die Frau nun ebenfalls missbilligend an und ruft über das Feld (aber eigentlich der Frau direkt ins Ohr): „Loben, loben, loben!“

Danach tut die Frau es sich noch einige Male an, die Hundegruppe zu besuchen, jedoch stets ohne nennenswerte Fortschritte zu machen. Dann ziehen Herbst und Winter ins Land. Beschlossen hat sie mit ihrer Freundin, dass es ihr Stolz ihr gebietet, den überdurchschnittlichen Mann fortan geringzuschätzen. Ihr fällt das gar nicht sonderlich schwer, weil sie sich nie lang für eine Sache interessiert und sich bereits einen pflegeleichten Bodybuilder zulegen konnte. Doch steht sie jetzt vor dem Problem, dass ihr der Windhundische lästig wird. In der Zwischenzeit haben sie feinfühlige Bekannte auch auf die ästhetischen Defizite des Hundes aufmerksam gemacht. Außerdem terrorisiert das Tier sie mit seinem ewigen Gewinsle. Am schlimmsten ist, dass niemand bereit ist, ihre beiden Hunde in Obhut zu nehmen, wenn es sie an trendigere Locations zieht, Stichwort Skiurlaub. Mit dem österreichischen Pinscher allein war das nie ein Problem, aber zwei Hunde, nein Herzchen, das musst du schon verstehen, das übersteigt unsere Kapazitäten.

Im März hört der Mann das verhaltene Getuschel in der Hundegruppe. Die Faschionable, die Unwürdige, will ihren kleinen Hund loswerden. Mehrmals schon hat sie ihn in der Hundeschule, die auch eine Hundepension ist, abgegeben und augenscheinlich auf ein Angebot gewartet, nachdem sie ihrer Verzweiflung über die Situation Luft gemacht hat. Natürlich hatte sie der Hundetrainerin immer beigepflichtet, wenn diese über die Grausmenschen schimpfte, die einfach ihre ungeliebt gewordenen Vierbeiner bei ihr vor dem Tor platzierten, aber für sich selbst hätte sich die Frau schon etwas mehr Verständnis erhofft – vergebens. Auch ihre Inserate im Internet bleiben ungehört. Der kleine Partylöwenbruder ihres Bodybuilder-Freundes bringt sich ein und bietet an, den kleinen Hund für zwei Wochen zu sich zu nehmen, bis er zum Bundesheer muss. Dann werde sich schon was finden.

Das alles hört der überdurchschnittliche Mann, und Entrüstung macht sich breit in ihm. Er hat natürlich mitbekommen, dass sich die Frau den Hund nur angeschafft hat, um sich an ihn ranzumachen, und der Hund tut ihm leid. Und so bietet er sich – den Warnungen der Trainerin zum Trotz: Bist wahnsinnig, zwei Windhundische – an, den Hund in sein Rudel aufzunehmen. Es ist der letzte Triumph der faschionablen Frau, dass sie es so einmal in die Wohnung des Mannes schafft, um den kleinen Windhundischen abzugeben. Kopfschüttelnd wirft der Mann, nachdem sie weg ist, das Luxushundefutter weg und ruft: „Windhundische!“ Die Windhundischen kommen angerannt und fressen fröhlich ihr Futter namens HappyDog.

Wenn Hunde miteinander kommunizieren, nennen sie einander selbstverständlich nicht bei ihren Menschennamen. Sie reagieren einfach auf die Signale des anderen, die nicht notwendigerweise akustisch kommuniziert werden. So würde ein Hund niemals „Windhundischa“ rufen oder zischen, um die Aufmerksamkeit des anderen zu erregen, er würde stattdessen sein Signal verstärken. Namen brauchen nur die Menschen, um über Dritte, Vierte, Fünfte oder Sechste sprechen zu können. Wir nennen die beiden Hunde ab sofort Hund 1 (schon länger da) und Hund 2 (neu dazugekommen).

Hund 1 beäugt argwöhnisch, wie Hund 2 frisst. Ist das nicht ein bisschen zu viel der Gastfreundschaft? Er schiebt ihm eine Ladung leichte Aggression rüber. Hund 2 stellt sich vor, dass er unsichtbar ist und frisst seelenruhig und behaglich weiter. Hund 1 findet Hund 2 okay, weil er ihn irgendwie an einen seiner kleinen Brüder erinnert, aber anders als bei seinem Bruder will er, Hund 1, in dieser Beziehung die Nase vorn haben, und um die Kontrolle über diesen Hund zu erlangen, das spürt er schon, Hund 1, wird er sich verausgaben müssen, was ihn aber nicht weiter stört.

Nach dem Mittagessen will der Mann ausprobieren, wie es ist, mit zwei Hunden spazieren zu gehen. Für Hund 1 waren Spaziergänge von Anfang an Workshops, bei denen er mit seinem Gastwirt aushandelte, wie sehr und inwiefern sie einander entgegenkommen könnten. Hund 1 ist immer voller Konzentration, kennt jede Unkonzentriertheit des Mannes und weiß sie meist klug zu nützen. Ganz anders Hund 2: Er ist es gewohnt, ziemlich unbeachtet seiner Wege zu gehen, nur zuweilen unvermittelt hochgehoben zu werden. Die Leine kannte er bislang nur für die Strecke vom Haus zum Auto, wo er den Sohn begeistert hinter sich herzog. Der Mann merkt also, der neue Hund kann noch nicht gut Leinegehen und findet die gewohnte Route anstrengend und nervenaufreibend.

Am Flussufer gibt es eine große Wiese, auf der eine Roma-Familie grillt, ein Bosnier fischt, zwei arbeitslose Mittdreißigerinnen sich sonnen. Arglos lässt der Mann die Hunde von der Leine. Die flitzen sofort los, auf die Grillstation zu, die Roma-Familie lächelt. Während Hund 1 dezent seine Nase in die Luft reckt, ohne der Familie dabei zu nahe zu kommen, springt Hund 2 voll Seligkeit auf die Parkbank, wo die Mutter und eine andere Verwandte sitzen, springt der Mutter direkt in den Schoß und leckt ihr eifrig das Gesicht, wobei sein ganzes Hinterteil vor Aufregung wackelt wie ein Aal. Die Roma-Familie ist sichtlich irritiert, macht aber gute Miene zum bösen Spiel. Der überdurchschnittliche Mann, der nichts auf der Welt mehr hasst, als andere Menschen durch sozial falsches Verhalten zu verärgern (es sei denn, er wendet es absichtlich an, um andere für ihr Fehlverhalten zu strafen), ruft wutentbrannt: „Windhundischa!!!!“

Hund 1 hebt die Ohren, bekommt einen sorgenvollen Blick und hastet sofort auf seinen Gastwirt zu, bereit, ein Lob für seine schnelle Reaktion einzuheimsen. Doch was muss er erleben? Der Mann nimmt sein Kommen gar nicht wahr, sondern hat den Blick in die Richtung des anderen Hundes gerichtet und ruft wieder: „Windhundischa!!!“ Hund 1 springt nun am Mann hoch, um ihm zu zeigen, dass er längst da ist, doch da zischt der Mann: „Nicht du!“ und marschiert eiligen Schrittes auf Hund 2 zu, der die Kühltasche der Familie inspiziert. Hund 1 folgt dem Mann mit großer Bedrückung.

Als Hund 2 die beiden wahrnimmt, streckt er sein Hinterteil in die Höhe und signalisiert dem anderen Hund, dass er Fangenspielen möchte. Warum nicht, denkt Hund 1, und schon rasen die zwei quer über die Wiese, über die Badehandtücher der zwei arbeitslosen Freundinnen und runter zum bosnischen Fischer ans Wasser, stürzen sich in den Fluss – Hund 1 ist fasziniert, dies ist der erste Hund, der schneller rennt als er – und auf die im Wasser vorbeischwimmende Entenfamilie zu. Die Arbeitslosen sind entrüstet, der Bosnier ist nassgespritzt, die Fische sind verscheucht, der überdurchschnittliche Mann ist fassungslos, zumal er jetzt auch noch seine Feindin, die bissige Frau wahrnimmt, die mit ihren Brotkrümeln am Weg zur Entenfütterung sich an die Stirn fasst und „Oh Maria!“ stöhnt. „Hunde frei laufen zu lassen ist verboten“, schreit sie. „Enten füttern auch“, schreit der Mann mit hochrotem Kopf zurück. Die Roma-Familie schüttelt die Köpfe.

Der Mann erreicht das Flussufer, doch da sind die Hunde schon wieder draußen und laufen weiter auf die nächste Wiese, denn dort promenieren andere, größere Entenvögel von schwarzer und roter Farbe. „WINDHUNDISCHA!!! WINDHUNDISCHA!!!“, brüllt der Mann atemlos. Ein paar Sekunden lang genießt Hund 1 noch die Szenerie, dann bewegt er sich gesenkten Hauptes langsam auf den Mann zu. Dieser empfängt ihn ungehalten und bedeutet ihm, sich nicht mehr von ihm wegzubewegen. Und als er dann damit fortfährt, „WINDHUNDISCHA!!!“ zu brüllen, schmerzt jedes Rufen Hund 1 wie ein Schlag. Er ist doch hier! Er hat doch alles richtig gemacht! Jedes Mal zuckt er zusammen und will an seinem Gastwirt hochspringen, winselt, umkreist ihn. Hund 2 hat sich seelenruhig wieder ins Wasser begeben, das ist die Chance für den Mann, er erwartet ihn am Ufer und leint ihn bewusst aggressiv an.

Mit den beiden an der Leine braucht er ca. einen halben Kilometer, um sich wieder zu beruhigen. Ihm wird klar, dass es schlichtweg nicht funktioniert, zwei Hunde zu haben, die beide Windhundischa heißen. Er beschließt daher nach kurzem In-Sich-Gehen, Hund 2 ab sofort Cairn Terrier zu nennen. Doch leider hat der Wirt die Rechnung ohne den Hund gemacht! Hund 2 ist todunglücklich darüber, Cairn Terrier gerufen zu werden. Slowakischer Rauhbart, Alpenländische Dachsbracke, Chinesischer Schopfhund,.... alles wäre seinen sensiblen Ohren lieber gewesen als dieser nichtssagende, geschmacklose Name. Und, wie alle Hunde früher oder später, beißt er sich die Zähne an der Begriffsstutzigkeit des Menschen aus. Er hört schnell damit auf, auf Windhundischa zu reagieren, weil ihn die Reaktion des Mannes zu sehr kränkt, wenn er bei zärtlicher Nennung des Namens auf diesen zuschwänzelt und harsch zur Seite gestoßen wird, während Hund 1 Liebe und Leckerlis erntet. Er zeigt sich aber den Erklärungsversuchen des Mannes gegenüber auch nicht verständig, wenn dieser gleich darauf ein Leckerli in seine Richtung schwenkt und aufmunternd „Cairn Terrier“ sülzt. Hund 2 sieht ein, dass es in dieser Situation keinen Sinn macht, sich unsichtbar zu machen, und stellt sich stattdessen taub.

Da Hund 1 bemerkt, wie der andere immer depressiver wird, erklärt er sich trotz seiner Eifersuchtsgefühle bereit dazu, Namen zu tauschen. Das Problem ist jedoch, dass Hund 1 seinen Gehorsam nicht ablegen kann, und so sehr er sich auch bemüht, auf „Windhundischa“ nicht zu reagieren, so schafft er es doch nie, gleichgültig zu verharren. Daher muss der Namenstausch dem Mann unerkannt bleiben.

Der Ratlose versucht folglich alles, was er kann: Er bettelt, schmeichelt, lockt, droht, ignoriert, bestraft, belohnt und ruft letztendlich den Hundetrainer für harte Fälle. Er klagt sein Leid: Der Hund hört nicht, der Hund macht nicht, was ich sage, der Hund legt sich auf den Rücken, wenn ich will, dass er am Bauch liegt, der Hund hat dieses nervenaufreibende Gejaule, wenn er was will. Schuld an allem ist die Frau, bestätigt ihm der Hundetrainer tröstend und nennt ihm seinen kostspieligen Spezialistenrat. Es sei notwendig, dass der Mann eine Bindung aufbaue, sich individuell auf das Tier einlasse. Ein Ritual brauche es, am besten dreimal pro Tag zu fixen Uhrzeiten raus und dann Training mit Zuckerbrot und Peitsche. Er empfiehlt ein paar Produkte und bittet um Barzahlung.

Genervt geht der Mann daran, die Tipps des Profis umzusetzen. Der arme, kleine Hund wird mit Aggression von allen Seiten überhäuft. Während der Trainingsgänge macht der Mann ihn fertig, und danach fällt Hund 1 über den übermüdeten Rivalen her, voll überschüssiger Energie, weil er kaum noch rauskommt. Sehr bald erträgt Hund 2 es nicht mehr und läuft dem Mann weg. Rein in den Kukuruz, und läuft und läuft und läuft, wohin ihn seine Nase trägt, frei, freier, bald fühlt er sich, als würde er fliegen...

Anruf der faschionablen Frau am nächsten Morgen: Der Hund, der sei ja noch per Chip auf sie angemeldet, wurde im Tierheim abgegeben. Allen Schwierigkeiten zum Trotz atmet der Mann erleichtert auf und macht sich mit seinem Windhundischen auf den Weg, um seinen Cairn Terrier nach Hause zu holen.

In der Zwischenzeit im Tierheim: Hund 2 ist außer sich vor Freude, so kluge und verständige Menschen getroffen zu haben. Niemand hier nennt ihn Cairn Terrier. Es riecht nach Nagetieren und Katzen. Allerdings hat er nicht die angenehmste Nacht hinter sich, so ganz allein auf dem harten Boden... Er langweilt sich ein bisschen und kommt nicht raus aus dieser kleinen Kammer, was eine Qual ist, wo es doch überall so höchst interessant riecht! Plötzlich spitzt er seine Ohren: Das sind eindeutig die Schritte von Hund 1! Und... ja, kein Zweifel – die Stimme des Mannes ist zu hören. Dem Hund war bis jetzt nicht klar, wie sehr er die beiden vermisst hat, er heult auf, dreht sich um sich selbst im Kreis und jagt seinen Schwanz. Als er sie endlich sieht, wie sie sich dem vergitterten Kämmerchen nähern, bellt er wild jauchzend auf, und als die Tür geöffnet wird, schleicht er mit gesenktem Kopf auf den Mann zu, sein Hinterteil windend wie einen zweiten Körper, und während er so auf ihn zugeht, bereit, sein Leben in seine Hände zu legen, pinkelt er vor Freude auf den Tierheimboden. Hund 1 checkt ihn kurz ab, alles klar, und wendet sich dann wieder den Nagetiergerüchen zu, die ihm fast den Verstand rauben. „Cairn Terrier!“, raunt der Mann gerührt. Da bleibt Hund 2 vor ihm stehen, ein Zucken geht durch seinen Körper, die Freude fällt in sich zusammen, nein bitte nicht!!! Entschlossen lässt er ein zorniges Knurren vernehmen. „Na na?“ Die Tierheimpflegerin schaut erschrocken. Sie hockt sich hin, „Cairn Terrier“, schnurrt sie beruhigend. Der Hund richtet seinerseits einen leeren und desillusionierten Blick auf sie. Auch du?!? Erneut knurrt er, diesmal lauter. Der Mann hat die Schnauze voll. Blödes Viech, soll er da bleiben. Er hat wirklich alles versucht, aber wenn der Hund ihn nicht leiden kann, er kann auch gut ohne ihn leben. Er denkt an die faschionable Frau, die dumme Kuh, die an allem schuld ist, daran, dass die Nachbarn sich auch schon beschwert haben, dass er jetzt zwei Hunde hat, und es reicht ihm einfach. Er möchte seinen Hund, mit dem das Leben eigentlich perfekt war, nehmen und nach Hause fahren. Basta. „Windhundischa!“, ruft er scharf, doch was passiert jetzt? Hund 2 legt sich vor ihm auf den Rücken, und als er einen Schritt zurückmacht, folgt der Hund, setzt sich auf seinen Schuh und schmiegt sich an ihn wie eine Katze. Hund 1 kommt hinzu und leckt Hund 2 zärtlich am Ohr. Also nimmt der Mann beide Hunde wieder mit.

Hund 2 ist erleichtert, will nun aber keinesfalls mehr nachgeben. Er will zu seinem Recht kommen! Daher behält er den Mann genau im Auge, und gleich beim ersten Mal, als dieser den Mund öffnet, um den verhassten Namen auszusprechen, stoppt ihn Hund 2 in der Mitte ab. „Cairn T-“, beginnt der Mann, und der Hund steht auf und beginnt, laut und kräftig zu bellen. „Naaaa!“, ruft der Mann verzweifelt, an die erbarmungslose Nachbarin denkend. Hund 2 bellt noch genau dreimal, dann legt er sich hin und sieht den Mann aus treuen, um Verständnis flehenden Hundeaugen an. Das Spiel wiederholt sich noch einige Male, „Cairn T-Naaaa!“, ruft der Mann, „W-- Wau Wau Wau“, macht der Hund. Da beginnt es dem Mann zu dämmern, und er probiert verschiedene Befehle aus, wobei er den Hund nicht mehr Cairn Terrier nennt, sondern einfach nur Hund. Und das funktioniert, damit kann Hund 2 leben, er ist schließlich ein Hund. Die Sache mit dem Bellen beim „Cairn T-Naaaa“ gefällt dem Mann, es ist ein lustiges Kunststück, das auch Hund 1 begeistert und ohne Umschweife lernt. Alles ist endlich gut. Wenn der Mann jetzt mit den Hunden spazieren geht, lässt er bedenkenlos beide frei. Wenn er will, dass sie kommen, ruft er „Windhundische!“, und beide kommen angerannt. Und wenn die bissige Entenfütterin ihnen über den Weg läuft und ihm sagen will, dass es verboten ist, die Hunde frei laufen zu lassen, sieht er sie an, danach seine Hunde und sagt: „Cairn T-Naaaa“, und die Hunde sehen ihn an, danach die Frau, und dann bellen sie dreimal laut und bestimmt. Dann dreht sich die Frau um und murmelt „G’sind’l“, und die drei schauen ihr nach und grinsen.

Anita Millonig

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15136

 

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