Jäger und Sammler

Herr Seidl hatte braunes, etwas schütteres Haar, war nicht beleibt, aber auch nicht sportlich. Er trug seit gefühlten zwanzig Jahren dieselbe Hornbrille und hatte die Gläser ungefähr ebenso lange nicht mehr gereinigt. Bei den Familien in seinem Wohnhaus war er als Pedant bekannt, die restlichen Nachbarn nahmen kaum Notiz von ihm. Seine Wohnung hätte aus der Kulisse eines Heimatfilms stammen können. Auf der Kommode lag, akribisch drapiert, ein Spitzendeckchen seiner Großmutter, von dem er sich nicht trennen konnte. Auch sonst waren keine Bestrebungen zu erkennen, Farbe, vielleicht sogar ein lebendiges Wesen, oder zumindest eine Pflanze unterzubringen. Auffällig auch die Abwesenheit jeglicher Urlaubserinnerungen: Diejenigen, die Herr Seidl als solche bezeichnen würde, stammten allesamt von Inlandsurlauben. Die weiteste jemals angetretene Reise hatte nach Caorle geführt, und auch das war noch in seiner Kindheit gewesen. Kurz und gut, er war der Stereotyp eines Stereotyps und wahrscheinlich ganz zufrieden damit.

Herr Seidl gehörte nicht zu den Ersten, die das Online-Kleinanzeigenportal benutzten. Er war generell kein großer Freund des Internets. Aber als der alte Sparefroh in mehreren Zeitungsartikeln davon gelesen hatte, setzte er sich eines Tages doch an seinen PC. Dieser reagierte auf das Drücken der Einschalttaste mit so lautem Brummen, dass er sich fragte, warum das Gerät nach wie vor unbeirrbar seinen Dienst versah. Bald schon war das Brummen seines Computers am Abend aber für ihn so selbstverständlich geworden wie früher das Flimmern seines Röhrenfernsehers, und es sollte nicht das Einzige bleiben, was sich innerhalb seiner vier Wände änderte.

Anstatt weiter auf einen Fernsehsessel zu sparen, erstand er einen gebrauchten und kaufte einen schönen Überwurf dazu. Als sein Wasserkocher an einem Samstag den Geist aufgab, hatte er binnen Minuten aus mehreren in seiner Nähe angebotenen einen herausgefiltert, den er noch am selben Abend abholen konnte. Bereits am nächsten Morgen bereitete er damit Tee zu, und das, obwohl er gar kein Teetrinker war. Seine Einkäufe waren aber von Beginn an weniger notwendiger Natur, vielmehr betrachtete er die Habseligkeiten anderer als Freiwild und fand großen Gefallen an seinen Beutezügen. In ihm war eine Leidenschaft geweckt worden, wenn auch eine eigenwillige.

Herr Seidl war in seinem Leben nie sonderlich bestrebt, durch Leistung hervorzustechen, und sah auch keinen Grund dazu. Karriere zu machen lag ihm fern, und so fühlte er sich in seiner Arbeit bei der Behörde äußerst wohl. Sein Tagespensum konnte er dank jahrelanger Erfahrung ohne jegliche Form von Anstrengung erledigen. Die seltenen Fälle, bei denen seine Routine von unvorhergesehenen Vorkommnissen gestört wurde, reichten gerade aus, ihn davor zu bewahren, die Eintönigkeit seiner Tätigkeit wahrzunehmen.

Die Beschäftigung mit dem Kleinanzeigenportal machte Herrn Seidl überraschend aktiv, ein richtiger Trieb war in ihm ausgelöst worden. Zum großen Erstaunen seines Kollegen besuchte er seit Neuestem sogar selbst Unternehmen, anstatt, wie bisher für ihn üblich, darauf zu warten, dass deren Vertreter ihn im Büro besuchten. Natürlich wusste keiner von ihnen, dass nahe der Schokoladefabrik, deren Betriebsleiter dringend eine Genehmigung benötigte, Frau Frick gerade eine Stehlampe verkaufte. Auch Herr Seidl wusste nicht, dass ihr Gatte sich die Lampe eingebildet hatte, und sie, da die lang ersehnte Scheidung bevorstand, die verhasste Lampe nun mit allen Mitteln loswerden wollte und diese wahrscheinlich auch verschenkt hätte.

Herr Seidl erfuhr es auch nicht, denn er fragte nicht nach, warum die Objekte seiner Begierde verkauft wurden. Vielleicht spürte er auch, dass er es manchmal gar nicht wissen wollen würde, und so ruhte er in seinem Fernsehsessel, in dem vor wenigen Wochen noch jemand sanft entschlafen war, und betrachtete zufrieden das Ergebnis seiner urbanen Jagd.

Die Verkäufer waren für Herrn Seidl eine völlig unverständliche Spezies. Insbesondere dann, wenn diese quer durch die Stadt Habseligkeiten zu ihm nach Hause oder ins Büro transportierten, die sie zu einem Preis anboten, der nicht einmal für den Fahrschein in eine Richtung ausgereicht hätte. Und dabei wussten sie noch nicht einmal, ob er ihnen die Waren überhaupt abkaufen würde. Er fand dennoch Gefallen an seinen neuen Geschäftspartnern. Wahrscheinlich, weil er, abgesehen von seiner Arbeit, wenig Kontakt zur Umwelt hatte. Sicher auch, weil die Begegnungen immer von kurzer Dauer und ungezwungen waren.

Bei seinen Streifzügen lernte er die faszinierendsten Charaktere kennen. Wenn er seine Beute auf dem Heimweg in Händen hielt, dachte er oft lange über deren Vorbesitzer nach. Waren sie bedürftig oder vermögend? Was waren sie wohl von Beruf? Waren sie alleinstehend, hatten sie Familie? Herr Seidl war fasziniert, wie viel Interpretationsspielraum ein Blick ins Vorzimmer erlaubte. Manche waren freizügig und ließen ihn bis ins Wohnzimmer, was viel Einblick in die jeweiligen Lebensumstände gewährte. Gerade die seiner Einschätzung nach wohlhabenderen Personen waren aber in der Regel sehr zugeknöpft. Dann war Herrn Seidls Jagdinstinkt am stärksten ausgeprägt. Einmal drehte er sich sogar wortlos um und hatte schon den Liftknopf gedrückt, als der Verkäufer im letzten Moment doch noch einen Preisnachlass anbot. Stolz trug er die „Nachttischlampe antik“ nach Hause und konnte vor Freude ob seines listigen Manövers kaum einschlafen. Einer betagten Frau mit abgetragenen Kleidern in einem wenig einladenden Altbau wiederum gab er aus Absicht einen zu großen Geldschein. Er hatte längst das Stiegenhaus verlassen, als sie aus dem Wohnzimmer zurückkam, um ihm sein Wechselgeld auszuhändigen. Auf dem Heimweg fragte er sich, was ihn zu dieser Handlung bewogen hatte. Das Blättern im soeben erstandenen Buch „Häkeln für Fortgeschrittene“, seiner Ansicht nach das ideale Geburtstagsgeschenk für seine Mutter, lenkte ihn aber schnell von allzu philosophischen Fragen ab.

Als die Einkäufe zahlreicher wurden, beschloss Herr Seidl, das erste Mal selbst etwas über das Kleinanzeigenportal zu verkaufen. Lange haderte er mit dem Entschluss. Der Gedanke, Fremde in seine Wohnung zu lassen, war ihm unangenehm, doch konnte er die Funktion des „Stabmixer gebraucht“, den er loswerden wollte, ohne die Steckdose im Vorzimmer nur schwer demonstrieren. Schlussendlich entschied er sich für einen Verkauf. Jedoch mit einer Anzeige ohne Angabe der Hausnummer, nachdem er sich ausgemalt hatte, wie seine Wohnung ausgeräumt wurde, gleich nachdem er einem vermeintlichen Käufer mitgeteilt hatte, dass er erst am Abend wieder zu Hause anzutreffen sei.

Mehrere Tage musste Herr Seidl ausharren, bis sich erstmals jemand auf sein Inserat meldete. Obwohl er die darauffolgenden Anfragen nach Preisnachlässen verstehen konnte, da er es selbst nicht anders gehandhabt hatte, ärgerte ihn die Unwilligkeit, seinen Vorstellungen entgegenzukommen. Er schrieb mehreren Interessenten, dass das Gerät bereits verkauft sei, und erst nach mehreren Wochen vereinbarte er einen Termin mit Frau Müller. Sie hatte gleich eingangs Bereitschaft kundgetan, den veranschlagten Preis zu zahlen. Als er durch den Türspion Frau Müller dabei zusah, wie sie den Lift verließ und auf seine Wohnungstür zuging, verschlug es ihm die Sprache.

Frau Müllers feuerrote Haare waren das Einzige, was ihn von ihrem farbenfroh überzogenen Mantel ablenkte. Entsetzt betrachtete er sie noch einige Sekunden durch das Schlüsselloch, bevor er die Tür entriegelte und Frau Müller in sein Vorzimmer ließ. Mit einem Lächeln im Gesicht musterte sie den Raum. „Eine sehr schöne Wohnung“, sagte sie, und machte ihn damit noch verlegener als er ohnehin schon war. Mit einem Kompliment hatte er nicht gerechnet und begann hastig, sein Verkaufsobjekt zu demonstrieren. „Ich hätte es Ihnen schon geglaubt, dass das Gerät funktioniert“, entgegnete sie ihm, nachdem er den Mixer etwas ungeschickt durch die Luft schwenkte. Er sah ihr dabei zu, wie sie ihn mit ihren filigranen Händen drehte und von allen Seiten betrachtete. Plötzlich dämmerte ihm, woher seine Nervosität kam. Anders als die Kolleginnen von der Behörde und andere Frauen aus seinem Bekanntenkreis konnte er Frau Müllers Wesen beim besten Willen nicht einschätzen, und es machte ihn – neugierig! Mit einem Moment war sein Jagdtrieb stimuliert. Leicht abwesend entrierte er die finanzielle Seite der Veräußerung, während er seinen tollkühnen Plan schmiedete. Als Frau Müller ihre Jacke anzog, steckte er vor der Übergabe unauffällig die soeben erhaltenen Geldscheine in die Schachtel des Mixers. War sie sonst auch ein wandelndes Mysterium für ihn, eines wusste er: Sie würde das Geld sicher zurückbringen. Mit schweißnassen Händen und klopfendem Herzen versperrte er die Tür hinter ihr. Er wusste, sie würde bald wieder durch diese Tür schreiten. Und diesmal würde sie nicht nur sein Vorzimmer kennenlernen.

Felix Trummer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 15090

 

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