Jener Wald in Weiß …

Die vielen Bäume schwiegen mit geneigten Kronen. Wegen ihrer mit schwarzen Flecken durchzogenen weißen Rinde erinnerten sie an die Pest, und gleich Befallenen war ihr trauriger Blick auf scheinbare Gräber gesenkt, die sich bald füllen sollten. Sie weinten bittere Tränen, oder waren das nur die vereinzelt vom Himmel segelnden Schneeflocken? Die Zeit schien diesen Ort vergessen zu haben, denn der Birkenwald hielt eine tiefe Ruhe inne, die der sinkende Schnee nur nährte …

Eilig stapfte der Inquisitor durch die Stille, dicht von einer kleinen Gruppe gefolgt. Ein schwarzer Mantel fiel von seinen Schultern, sanft den Schnee streichelnd, während dieser unter seinen ledernen Stiefeln knirschte. Das Kreuz, das von seinem Hals baumelte, sprang hektisch nach vor und zurück, denn er schritt schnell und die Übrigen hatten Not mitzuhalten: Die zwei Mönche, die eng nebeneinander marschierten, der Augenzeuge, der nervös eine Holzfälleraxt umklammerte, und ein junger Mann, der alles beschreiben und aufschreiben sollte – der Novize Ithriel.

Der Wald glich einer Armee, die vom Felde zurückkehrte – die Bäume zerstreuten Männern, jene die Last des Krieges erdrückte. All Stolz und Ruhm ward vergessen, denn in einer Schlacht kann es nur Verlierer geben, schrieb er hastig mit seiner Feder auf das faltige Pergament, während er der Gruppe etwas unbeholfen nachhetzte: Doch von welcher Schlacht kehren sie nur heim?, wunderte er sich und sah an den zerstreuten Männern hoch. Er erkannte starre Gesichter in Rüstungen, die müden Blickes um Erbarmen beteten. Das Schwarz zerfurchte die weißen Birken, wie Tinte ein Pergament, notierte er, als er jenes stummen Gebets gewahr wurde. Konnte nur er es spüren? Da klang doch dieses intensive Schweigen, unruheschwanger – ein Flüstern, das zwischen den Bäumen zitterte. Sie alle sahen ihnen zu, wie sie umherschritten und ihre Stille störten. Oder waren es die Bäume, die wanderten? – Eine stumme Armee, die bloß dahinzog …

Als der Schnee durch eine leicht ansteigende Anhöhe schließlich seichter wurde, hielt der Inquisitor und sah an ihr hinauf. Ein Jungwald von Birken verwehrte ihm allerdings die Sicht auf die Spitze.
„Dort oben ist es, Herr“, meldete sich der Augenzeuge zu Wort, derweil er angespannt den Stiel seiner Axt würgte.
Ithriel musterte mit seinem eindringlichen Blick den unruhigen Mann, ehe er hinaufspähte. Selbst wusste er nicht, was sich dort oben hinter dem Jungwald befand, nur, dass es etwas mit der Hexe zu tun hatte – wegen ihr waren sie doch erst hergekommen. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Er wollte es nicht Angst nennen, aber er befürchtete, dass genau jene ihn durch das Geäst der Jungbirken aufblitzend anlächelte.

Währenddessen hatte der Inquisitor den Worten des Augenzeugen zugenickt und so schritten sie weiter: Wie mit Speer und Schild, mit Widerstand und Willen stand der Rand des Jungwaldes, wie ein undurchdringbarer Wall. Wir aber brachen durch die vorderste Reihe und kämpften uns durch das Dickicht, um zu finden, was es verbarg.

Unerwartet lichtete sich der dichte Jungwald und vor ihnen öffnete sich eine kreisförmige Lichtung. Der Inquisitor trat, scheinbar unberührt, elegant zwischen den Bäumen heraus. Dann blieb er stehen und sah. Die beiden Mönche, der Augenzeuge und Ithriel stolperten, von den lästigen Ästen des Dickichts verärgert, hinterdrein. Danach blieben sie stehen und sahen …
In der Mitte der kleinen Lichtung wuchs eine einzelne knorrige Birke, umwandet von einer roten Blüte aus Flammen, die hoch hinauf loderte. Ihr Schein flackerte in den Augen der Staunenden wider und der Schnee um die Birke herum leuchtete aufgeregt. Die Feuerzungen leckten rastlos an dem alten Holz, aber sie verzehrten es nicht, sie …: …schienen den Baum nur zu umgarnen. Sie liebkosten ihn. Trotzdem litt er. Welcher Mensch würde auch gerne von Wölfen liebkost werden? Den letzten Satz strich Ithriel mit einigen hektisch gezogenen Linien wieder durch, denn er gefiel ihm nicht.

Der Inquisitor trat näher an die brennende Birke heran und streckte den Arm nach ihr aus. Da konnte er den warmen Atem der Flammen spüren – ihre Gier und ihr Verlangen nach mehr … Sofort zuckte er zurück, als das Feuer durch eine hinwegschnalzende Böe hungrig auffauchte.
„Was ist dies für ein Teufelswerk?“, raunte der kleinere Mönch und nahm zur Sicherheit einige Schritte Abstand.
Der Augenzeuge antwortete ihm angsterfüllt: „Es ist das Werk der Hexe!“
„Wir sollten geradewegs umkehren und das Weib verbren-“
„Verhören“, schnitt der Inquisitor dem kleineren Mönch den Satz ab, während er sich in einer geschmeidigen Bewegung zu ihnen umdrehte und beruhigend lächelte: „Wir brechen auf, sobald wir es vernichtet haben“, er wandte sich an den Augenzeugen: „Du! Fälle es.“
Der Mann zuckte. Er nahm seinen Befehl nicht mit Freuden entgegen und näherte sich der lodernden Birke nur langsam. Sichtlich nahm er allen Mut zusammen, bevor er zum ersten Mal mit der Axt ausholte …

Ein einsamer Soldat, mit nichts außer seinem bitteren Stolz. Ithriel hatte sich auf einen Baumstumpf gesetzt und beschrieb nun, was er sah: Die Schlacht hinter sich gelassen, kehrt ihm die nächste das Antlitz zu. Wunden tragend ward auch er zurückgelassen – kein Freund mehr, kein Kamerad, er ward verlassen.
Der Augenzeuge holte erneut aus, einen Moment später donnerte sein Eisen gegen das alte Holz.

Ithriels Blick wanderte im Kreis und er meinte, die Jungbirken, die die Lichtung einschlossen …: …sahen ihn. Sie sahen ihn alle. Aber niemand half ihm. Als sein Blick jedoch wieder auf die brennende Birke fiel, glaubte er zu spüren, dass sie ihm erwiderte: Er sah aus, als weinte er. Und wenn er es könnte, hätte er es getan – er hätte es getan. Dann barst das Holz des Stammes endgültig und der Soldat fiel. Der Augenzeuge sprang noch eilends zur Seite, und kaum war die Birke zu Boden gebrochen, erlosch auch das Teufelsfeuer und es wurde mit einem Mal dunkel.
Ithriel durchfuhr ein eigenartiges Kribbeln – ein Frösteln, das einen umfing, wenn man die Tür vor einem aufkommenden Sturm schloss. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass es bereits dämmerte und die Kälte sich wie schwere Eisenketten um die Männer gelegt hatte. Zurück auf das Geschehen besehen, musterte er den Augenzeugen, der immer noch die Axt fest umklammert hielt und seine Tat gerade erst zu realisieren schien. Der Inquisitor hingegen reckte seine Brust und betrachtete den Baum, als wäre es ein erlegtes Tier. Jeder schwieg für einen Moment …

„Nun denn“, sprach, die Stille brechend, der große Mann in der Mitte mit erleichterter Stimme: „Dann ist es also wirklich eine Hexe!“ Er schritt wieder in Richtung Jungwald, die Hände hinter dem Rücken zusammengelegt: „Lasst sie uns …“, die ernsten Worte hüpften mit verspielter Leichtigkeit über seine lächelnden Lippen, „… fangen.“
Stumme Zustimmung – die beiden Mönche bekreuzigten sich und folgten, und der Augenzeuge hastete eilig hinterher.
Und Ithriel?
Nun, Ithriel blieb noch kurz sitzen. Sein Blick gebannt vom toten Baum. Die Schreibfeder in seiner Hand ruhte, aber er war fasziniert. Fasziniert vom Werk der Hexe, vom …: …gebändigten Feuer. So nannte er es. Die anderen doch warteten nicht und der Wald war ihm unheimlicher geworden. Auch wenn er den Tod des Soldaten bedauerte, kehrte er schließlich um.

Doch noch ruhte die Geschichte nicht, die er beschrieben und geschrieben. Voller Entsetzen musste er nach Einbruch der Nacht folgenden Satz hinzufügen: Der lodernde Soldat war gefallen und niemand von uns hätte ahnen können, dass am Ende des Tages, nachdem die Hexe geflohen war, die ganze Armee im Feuer versank.

Prolog (zum Roman: „Ignis“)

Tobias Vees
tobiasvees.wordpress.com

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15058

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