Lust zu tanzen

Sie sagte, sie hätte Lust zu tanzen. Durch ihre Brille hindurch sah sie mich erwartungsvoll an.
Ich nippte von meinem Bier, lachte auf. Ich erinnerte sie, dass es Donnerstag sei. Dass es nach acht sei. Dass wir kaum Platz in unserer Wohnung finden würden, wo wir zu dritt tanzen könnten.
Ohne sie zu Wort kommen zu lassen, fast noch im selben Atemzug, erwiderte ich, dass uns die Nachbarn bis zehn allerdings egal sein könnten. Dass wir im Gang, der all unsere Schlafzimmer verbindet, tanzen könnten. Dass, wenn man Lust habe zu tanzen, man zu tanzen habe.
Also tanzten wir.

Im Gang, der nur von den farbewechselnden LED-Lichtern aus Sabines Zimmer beleuchtet wurde. Ich am nächsten zur Gangtür, sie beim Wäscheständer, Paulo zwischen uns. Eins nach dem anderen spielten wir unsere besten Lieder ab. Unsere Amerikalieder. Die, die mich immer an unsere Autofahrten erinnern. An die in Schnee versunkenen Nachbarschaften, in denen wir gewohnt hatten. An eine Zeit, als mir mein Leben, wie es jetzt ist, noch so weit weg schien.
Wir tanzten.

Auf unseren Zehen, um unsere Nachbarn, so gut es ging, in Ruhe zu lassen. Paulo torkelte mehr, als dass er tanzte. Er stützte sich beide Arme seitlich von ihm weggestreckt an den Wänden des Ganges ab und warf seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Mit geschlossenen Augen  verschwand er in der Musik, die sich alle paar Minuten änderte. Ein mit Erinnerungen beladenes Lied nach dem andern wurde übergangslos von einem neuen ersetzt. Sabine und ich sahen uns an, trafen uns in irgendeiner Erinnerung, die so wahrscheinlich nie passiert war, sondern lediglich eine Zusammenfassung all jener Momente war, die sich diesen Soundtrack teilen. Ich sah ihr zu, als sie sich im Halbdunkel bewegte, immer nur ein kleiner Teil ihres Gesichtes von dem intensiven Grün, Rot und Blau beleuchtet. Ich liebte, wie sie tanzte. Mal kontrolliert und minimalistisch. Dann wild, befreit und fast schon etwas lächerlich. So oder so, sie tanzte, als tanzte sie allein.

Ich schloss meine Augen und spürte mein Herz, das kräftig gegen meine Rippen pochte. Spürte den Schweiß auf meiner Haut, die bereits zu jucken begann. Meine Haare, die sich nicht mehr in einem Zopf halten ließen und mir bei jeder Bewegung ins Gesicht fielen und in meinem Nacken kleben blieben. Meine Brüste, die mit jedem rhythmischen Auf und Ab ein wenig mehr schmerzten. Mein Körper war erschöpft, doch hörte ich nicht auf. Niemand von uns.
Wir lachten. Tranken weiter aus der Bierdose, die wir uns zu zweit teilten. Tanzten, bis uns die Lieder und der Atem ausgingen.

Emma Kreska

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 21026

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *