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Ballprinzessin

 „Sie ist schon jetzt eine richtige Walküre.“
Das möchte man als zwölfjähriges Mädchen am liebsten hören, wenn man der Großmutter den neuen Schottenrock vorführt. Claudia weiß natürlich, was eine Walküre ist. Schließlich sind die „Deutschen Heldensagen“ Bestandteil der elterlichen Bibliothek und Schullektüre.

Sie weiß also, dass sie keine Chance hat, ihrem Ideal auch nur in die Nähe zu kommen. Das Role Model ist Olivia Newton-John als Mandy in „Grease“. Schon seit Wochen versucht Claudia, die Mutter zur Erlaubnis für eine Dauerwelle zu überreden, weil die Selbstversuche mit in Zuckerwasser getränkten, fest geflochtenen Zöpfen, die über Nacht trocknen, nicht das gewünschte Ergebnis zeigten. Vergeblich. Schlecht für das Haar, teuer. Also möchte Claudia wenigstens so aussehen wie Mandy vor der finalen Verwandlung: braver Pony, Faltenrock, Bluse, Weste. Schließlich hat John Travolta sich in diese Mandy verliebt, nicht erst in jene mit den Lederhosen und dem ausgeschnittenen Top, wollte sich für die brave Mandy sogar verändern. Und die Mutter ist eher bereit, Geld für einen neuen Rock als für Glockenhosen, die alle anderen Mädchen jetzt tragen – oder gerne tragen würden –, auszugeben.

Claudia weiß selbst, dass sie nicht dem aktuellen Idealtyp entspricht. Schon mit zwölf Jahren ist sie fast einen Meter und siebzig Zentimeter groß, ihre Figur ist eher die einer Kugelstoßerin als die einer Ballerina. Aber wenigstens versuchen will sie es. Schon in der Volksschule war sie die weitaus Größte in der Klasse, überragte alle Buben, war dementsprechend uninteressant für sie. Dann der Wechsel ins Gymnasium. Eine der letzten reinen Mädchenschulen. Das hat sich als Segen erwiesen. Claudia ist zwar immer noch die Größte ihres Jahrgangs, der Vergleich mit den Buben entfällt aber wenigstens. Zu allem Unglück ist Claudia auch noch eine gute Schülerin, eine sehr gute sogar. Sie muss aufpassen, nicht als Streberin abgestempelt zu werden. Hässlich und Streberin – völlig unmöglich.

Die erste Klasse hat sie spielend hinter sich gebracht, zu Anfang der zweiten werden zum ersten Mal Freigegenstände an den Nachmittagen angeboten. Einige haben eher Nachhilfecharakter. Es gibt zusätzlichen Sport, der Claudia interessieren würde. Wenn sie schon riesig ist, will sie wenigstens dünn sein. Doch sie entscheidet sich schließlich für „Bühnenspiel“. Man darf in der zweiten Klasse nur einen Freigegenstand belegen, damit die schulischen Leistungen nicht leiden. Hungern kann sie zu Hause auch. Sie wird an den Wochenenden spazieren gehen und Gymnastik machen, um abzunehmen. Im Theater wird sie im Mittelpunkt stehen, der Star sein. Auf der Bühne sehen große Menschen viel besser aus als kleine.

Das Schulgebäude ist alt, wurde während des Sommers renoviert, hat nicht nur einen neuen Turnsaal bekommen, sondern im Keller auch einen großen Veranstaltungsraum mit einer richtigen Bühne. Die Deutschprofessorin, die „Bühnenspiel“ leitet, wurde nicht renoviert. Sie hat ausgerechnet „Schneewittchen“ als das Theaterstück ausgesucht, das zu Semesterende aufgeführt werden soll. Eine kluge Wahl für eine Mädchenschule, kaum Frauenrollen. Aber eine davon wird Claudia ergattern. Sie wird Schneewittchen spielen. Eventuell noch die böse Stiefmutter. Die muss ja auch attraktiv gewesen sein, sonst hätte der König sie nicht geheiratet. Keinesfalls wird sie den Prinzen spielen. Nur weil sie groß ist. Nein. Es gibt schließlich auch kleine Männer. Und sie sieht viel zu weiblich aus. Wenn sie sich von allen Seiten im Spiegel anschaut, ist sie sicher: Prinz geht gar nicht. Sie bekommt ja schon einen richtigen Busen. Es gibt kein Kostüm, das den verdecken könnte. Prinzessin oder Stiefmutter!

Eigentlich hat sie ja Angst davor, auf der Bühne zu stehen, sich von Publikum begaffen zu lassen. Angst davor, dass sie schlecht wegkommt. Doch sie wird allen Mut zusammennehmen. Sie wird die anmutigste Prinzessin sein. Oder die böseste Stiefmutter. Auf jeden Fall wird sie blendend aussehen, allen zeigen, dass sie das hübscheste Mädchen weit und breit ist. Oder wenigstens das hübscheste an diesem Nachmittag in diesem Festsaal.
Und dann die Katastrophe: Claudia wird krank. Nichts Ernstes, nur eine starke Verkühlung. Aber sie kann nicht in die Schule gehen. Was sonst ein großes Glück ist, ist nun die schlimmste Strafe. Sie versäumt die Verteilung der Rollen.

Endlich wieder in der Schule. Montagnachmittag. „Bühnenspiel“. Die Professorin kündigt an, noch einmal über die Rollenverteilung zu sprechen. Man kann auch einmal Glück haben. Schnell auf die Toilette, bevor es losgeht. Claudia beeilt sich, Bluse und Pullover wieder ordentlich zu richten.
Das Türschloss klemmt. Das gibts doch nicht! Nicht nervös werden! Ganz ruhig noch einmal probieren. Nichts. Vielleicht funktioniert es, wenn man die Tür ein bisschen anhebt. Nein. Dagegendrückt. Zu sich zieht. Hinunterdrückt. Keine Chance. Das Schloss klemmt. Weder unter noch über der Tür gibt es einen Ausweg. Um Hilfe rufen. So peinlich. Aber was bleibt ihr übrig. Keine Reaktion. Die Toiletten sind gleich beim Eingang des Festsaals, weit entfernt von der Bühne. Sie muss lauter rufen. Noch immer kommt niemand. Irgendwann wird sie den anderen abgehen. Nach Stunden kommt jemand. Es war eigentlich nur eine halbe Stunde. Auch die Professorin schafft es nicht, die Tür zu öffnen. Sie holt den Schulwart. Der rückt mit seinem Werkzeugkoffer an. Claudia wird befreit.

Doch die Erleichterung währt nur kurz. Nun sind die Rollen wirklich vergeben. Übrig sind noch: einer der Zwerge oder Hilfe bei der Technik. Hilfe bei der Technik bedeutet, nichts zu tun, denn der Schulwart lässt niemanden an die Anlage. Aber Zwerg? Ausgerechnet sie? Der größte Zwerg aller Zeiten? Und nur ein Satz Text. Die Professorin meint, das mit den Zwergen dürfe man nicht so eng sehen, man könne sie auch als Bergleute bezeichnen. Kann man. Aber die Rolle heißt „Zwerg“. Zwerg! Claudia sieht die anderen Mädchen verstohlen lachen. Und was werden die Eltern sagen, wenn sie erzählt, dass sie einen Zwerg spielen wird? Sie wollte auf der Bühne stehen, der ganzen Schule beweisen, dass sie ein hübsches und talentiertes Mädchen ist. Aber als Zwerg? Claudia entscheidet sich für die Technik. Am liebsten hätte sie überhaupt alles hingeschmissen, aber dann hätten die anderen nur noch mehr gelacht.

Dienstag. Bei Claudia zeigen sich keinerlei Zeichen eines Krankheitsrückfalls. Kein Grund, nicht in die Schule zu gehen. Erste Stunde Turnen. In der Pause danach nimmt die Turnlehrerin sie beiseite. In vier Wochen sei das erste Handballmatch der Schülerinnenmeisterschaft, aber es seien gleich fünf Spielerinnen ausgefallen. Ob Claudia nicht einspringen könne? Sie wäre zwar die Jüngste in der Mannschaft, aber mit ihrer Größe. Außerdem stelle sie sich bei Ballspielen doch sehr geschickt an.
Handball. Das ist doch total unweiblich, brutal. Würde Mandy Handball spielen? Niemals! Die wollte zu den Cheerleadern. Akrobatische Übungen in hübschen, engen Kostümen. Alle Burschen haben nur Augen für sie. Andererseits könnte sie die Mannschaft retten. Außerdem gibt es in Österreich keine Cheerleader. Claudia sagt zu.
Dass sie wegen des Trainings nun nicht an „Bühnenspiel“ teilnehmen kann und die Aufführung nicht im Technikraum verbringen wird, ist kein großer Verlust. Weder für Claudia noch für die Aufführung.

Ein Samstagnachmittag im November. Das Match gegen das andere Gymnasium im Bezirk. Aufwärmen in der Halle. Es kommt tatsächlich Publikum, Eltern, Geschwister der Spielerinnen. Anpfiff. Claudia sitzt vorerst auf der Ersatzbank. Die ganze erste Hälfte über. Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Ihre Mannschaft hat schon fünf Tore Rückstand. Doch die aufmunternden Worte der Turnprofessorin in der Pause haben gewirkt. Der Rückstand wird kleiner. Nur noch zwei Tore. Eines. Da: Die Spielerin am linken Flügel knöchelt um, humpelt zum Spielfeldrand. Die Lehrerin gibt Claudia ein Zeichen, sich bereit zu machen. Wechsel. Fehlpass. Mehr Konzentration! Ihre Mannschaft erobert den Ball zurück. Claudia läuft, so schnell sie kann. Bekommt den Ball zugespielt. Sie ist alleine vor der Torfrau. Springt. Ausgleich. Ausgleich! Die ganze Mannschaft kreischt. Die Schiedsrichterin pfeift das Match ab. Unentschieden immerhin. Claudia ist die Heldin. Ausgerechnet die Jüngste. Das hat Mandy nicht geschafft.
Und jetzt kommt sogar der Bruder der Kreisspielerin, um zu gratulieren. Der ist bestimmt schon vierzehn und einen Kopf größer als Claudia.

Sascha Wittmann
www.saschawittmann.at

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 23140

Beauty Forever

Die Schönheit zu erhalten
sah der Mann als seine Aufgabe.
So schockgefror er seine liebste Blume.
Tag für Tag erfreute er sich an ihrem Anblick,
nur Duft hatte sie keinen mehr.

Der Rosenkranz und der kleine Schneemann hängen am Autoinnenspiegel

Der Rosenkranz und der kleine Schneemann hängen am Autoinnenspiegel

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 23067

Wald, Baum, Holz

Woran denkt man, wenn man „Wald“ hört? An den würzigen Geruch der Nadelwälder? An den Sonneneinfall zwischen den hohen Stämmen (wie in gotischen Kirchen)? An Schwammerl- und Beerensuchen? An lange Wanderungen auf dem weichen Waldboden? Oder ein wenig ängstlich an Orientierungslosigkeit; und dass hinter dicken Baumstämmen jemand/etwas lauern könnte? Ein Jäger oder ein Forstwirt haben da ganz andere Gedanken.

Was assoziiert „Baum“? Seinen wohltuenden Schatten? Seine Früchte? Seine verwurzelte Standfestigkeit und Lebensdauer? Oder seine Blüten im Frühjahr und das Vogelgezwitscher in seiner Krone? Ein Sägewerksbesitzer oder Bauer denken prosaischer.

Welche Anmutungen weckt „Holz“? Den angenehmen Duft und seine lebendige Struktur? Das warme Knistern seiner Scheiter im Kamin? Ein Tischler denkt praktisch an seine Verwertbarkeit (wie viel ist es wert?). Ein Zimmermann schätzt seine Brauchbarkeit im Holzbau ab. Aber ein Volkskundler kann wohl mehrere Bücher schreiben zum Thema Holz.

Wie auch immer, ein Baum ist viel mehr als etwa zwei Festmeter Brennstoff. Und wenn wir ein Stück Holz in die Hand nehmen, können wir fragen: „Was für ein Baum bist du gewesen? Wo bist du aufgewachsen? Welche Vögel haben in deiner Krone ein Nest gebaut und in der ersten Dämmerung den neuen Tag mit ihrem Gesang begrüßt?“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 23031

Liebeshymne an meine Kinder

Noch traute ich mich nicht, mit euch zu rechnen, da hab ich schon von euch geträumt,
ließ euer Lachen gegen meine Wände krachen, hab in meinem Leben aufgeräumt,
damit ich bereit war für euch. Hab eure Hände gefühlt
und an euren Haaren gerochen, mich mit euren Worten durchspült,
wollte von eurem Übermut trinken und in euren Augen versinken,
denn mir war schon immer absolut klar, ich hätte das Beste versäumt,
wenn ich am Ende ohne euch wär. – Weil ihr mein Wunder seid,
mir neues Leben schenkt und mich mitnehmt in eine Zeit, in der ohne euch nichts von mir bleibt.

Dann wart ihr da, und nichts blieb so, wie es war.
Ihr habt mich neu programmiert, meine Saiten gestimmt und meine Fehler studiert,
habt mein Herz vertieft, seid in längst vergessene Höhlen getaucht, habt mich analysiert,
mich mit Schwächen konfrontiert, die ich offenbar bisher nicht sah.
So konnte ich wachsen mit euch, mir an euch die Zähne ausbeißen,
all meine Pläne über Bord schmeißen, jeden Tag tanzen,
mich im Sprudelbad eurer Leichtigkeit verschanzen. Und ihr habt mir die Welt neu erklärt,
mir den Mut beschert, das Undenkbare zu denken, habt meinen Blickwinkel umgekehrt.

Ihr seid die Zündschnur für meine Glücksraketen
und die Quelle für meine Tränen,
habt große Träume in mir losgetreten,
seid das Pflaster für mein Sehnen.
Ich seh mich in euren Augen wohnen und hefte meinen Blick
tagtäglich voller Stolz auf euch, bin fassungslos vor Glück.

Für euch mach ich täglich zehntausend Schritte und bin auch ohne Yoga in meiner Mitte,
denn ihr zieht an meinen Zügeln, sodass ich innehalten muss
und dann nicht anders kann, als im Moment zu verweilen, ihn zu genießen,
in euch zu fließen, Sternenfunkeln zu teilen und Lachtränen zu vergießen.
Ängste zu dämmen, Sorgen zu hemmen, eure Verzweiflung und euren Verdruss
anzunehmen und zu verstehen. Euch den Rücken zu stärken und ein mutiges Herz zu formen,
dabei nicht zu vergessen, auch mal eigene Wege zu gehen.
Und Hilfe anzubieten, bei der Lösung dessen, was ich für mich bis heute nicht gelöst habe.

Und wenn ich ab und an mal meine Fühler nach innen strecke,
mich kurz besinne und die Fäden rückwärts spinne, dann krieg ich Angst und erschrecke,
weil mein Herz so schnell schlägt, die Zeit an meinem Leben sägt,
und ich mich frage, wo sind die Jahre geblieben, seh euch noch auf dem Wickeltisch liegen,
beginne zu philosophieren wie die Alten, die einst prophezeiten,
ihr werdet schneller groß, als ich denke, und muss mir traurig eingestehen, dass sie recht hatten.
Dann will ich alle Uhren abschalten, die Momente mit euch auseinanderfalten, glatt streichen
und in Marmor meißeln. Und die ganze Welt soll den Atem anhalten.

Denn ihr seid der Leuchtturm in meinem Herzen,
und der Nährboden für meine Falten.
Mit euch geh ich durch die schlimmsten Schmerzen,
kann mein Fühlen auf Höchststufen schalten,
bin um ein Grad wärmer getunt und richte meinen Blick
tagtäglich voller Stolz auf euch, bin fassungslos vor Glück.

Doch ihr lauft lachend vor mir her, taucht mich in ein Farbenmeer,
hüllt meine Seele in goldenes Licht und bestickt ihr Gesicht mit Perlen,
die funkeln und schimmern und mich daran erinnern, nicht so viel zu denken,
sondern zu leben, euch Halt zu geben, da seh ich, wie unsere Seelen tanzen vor Glück,
sonne mich in ihrem Schein und mach mir gleichzeitig bewusst, dass ich euch ziehen lassen muss, jeden Tag ein Stück.
Doch ihr schreibt mit blauer Tinte in den Himmel, dass wir trotzdem zusammen weitergehen, auch wenn wir uns nicht immer sehen.
Dass unsere Seelen sich nacheinander sehnen, sich suchen und finden, miteinander verbinden.
Und in meinem Herzen bleibt für immer für euch ein Zimmer.

Kommt, lasst uns die Zeit genießen, die wir haben, uns in den Schlaf lachen und ein wunderbares Leben machen.
Zusammen weinen, verzeihen, staunen und fragen, uns gegenseitig tragen.
Und wenn ich alt bin, dann geht ihr euren Weg. Und ich werde ganz still,
weil ich den Nachhall eures Lachens hören will, mit dem ich meine Seele befüll.
Und es wird mir eine Gänsehaut machen, die Zeit überbrücken, bis wir uns wiedersehen.
Dann streich ich über euer Haar und bin voller Glück und Staunen, strahle im Herzen,
weil es das Beste in meinem Leben war, mit euch zu sein, und freu mich schon jetzt auf unseren nächsten Tanz, halt euch ganz fest und versprech bis dahin über euch zu wachen.

Ihr seid das Konfettibad für meine Seele
und in meinem Herzen die Wunderkerzen,
der Garantieschein dafür, dass ich mein Glück nicht verfehle,
doch den gibt es nicht ohne Sorgen und Schmerzen.
Ich lieb euch mehr als mich selbst und hefte meinen Blick
tagtäglich voller Stolz auf euch, bin fassungslos vor Glück.

Claudia Lüer
Informationen zu Veröffentlichungen und Buchbestellungen

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 22112

Windräder am Berg

Droben auf dem Kamm, da stehen sie. Aufgefädelt wie auf einer Kette, von Bergkuppe zu Bergkuppe sich schwingend, von Nord nach Süd sich kontinuierlich ausbreitend. Sie glitzern im Sonnenlicht und sagen: Wir sind da. Vor zwölf oder fünfzehn Jahren wurden die ersten von ihnen gesichtet. Damals wohnten wir noch in der Stadt, mein Mann und ich, wir kamen gelegentlich auf ein paar Tage bei den Eltern und Schwiegereltern vorbei und zogen wieder von dannen. Eines Sommers erblickten wir drei Exemplare, hohe schlanke Stelen mit gleichförmig rotierenden Flügeln.

Klein und niedlich sahen sie aus, in der Ferne. Hinter der Rundung eines Hügels schwebten sie über dem engen Tal. Man hätte meinen können, es bräuchte lediglich einen kleinen Spaziergang hügelaufwärts, und schon würde man Aug in Aug einem Windrad gegenüberstehen. Was für eine Illusion! Natürlich wussten wir, dass die Dinger in Wahrheit riesengroß, der Aufstieg durch Täler, Schluchten, steile Hänge hinan, lang und beschwerlich, kurz gesagt, dass alles ganz anders war, als es uns der Augenschein vermittelte. Wie aufregend! Dies waren die ersten Windräder, die man in dieser Gegend leibhaftig zu Gesicht bekam. Zwischen zwei beschaulichen Tälern hatte man sie platziert, auf dem Zug eines Mittelgebirges, sozusagen genau auf des Berges Schneide. Damals fand ich das eine gute Sache. Dort in der Höhe, weit weg, da störten sie niemanden. Wir brauchen die Windkraft, den ökologischen Strom. So weit alles gut.

Nun steht die Zeit freilich nicht still, auch nicht für Windräder. Erst recht nicht für die Windräder! Sie müssen wachsen, sich vermehren, und so sind zu den ersten drei Setzlingen immer weitere hinzugekommen, Stück für Stück. Sie haben sich ausgedehnt droben auf dem Kamm, wo vorher nichts war außer Friede und Wald. Für den Bau der gewaltigen Türme mussten neue Straßen angelegt werden, Bagger fraßen sich durch den Waldboden. Nachdem sie den jeweiligen Bauabschnitt gründlich planiert und plattgewalzt hatten, folgten die nächsten Konvois an schweren Maschinen: Sattelschlepper, um die Ringsegmente der Türme bergan zu karren, große Baukräne, um dieselben zu montieren und so weiter. Züge von Lastwägen quälten sich durch die kleinen Siedlungen im Tal, kletterten die frischgegrabenen Serpentinen hoch, und der Windpark wuchs … Auf einer Luftaufnahme habe ich eines Tages gesehen, dass mittlerweile eine regelrechte Autobahn über den Gebirgskamm verläuft, Windrad um Windrad verbindend, zig Kilometer lang. Ein Ende des Ausbaus nicht abzusehen, das ist das Problem, die hören einfach nicht mehr auf damit.

Und noch etwas hat sich verändert, etwas Wesentliches: Wir nämlich leben inzwischen wieder in unserer alten Heimat. Vor einigen Jahren sind wir zurückgezogen aufs Land, dorthin, wo wir herkommen. Wir haben jetzt unseren Wohnsitz genommen in dem größeren der beiden Täler. Seitdem ist der Wald gar nicht mehr so weit weg von uns, deshalb ist es auch nicht mehr gleichgültig, wie es in ihm aussieht. Wir nehmen wieder Teil an der Natur, seit wir zurück sind aus der Stadt. Das war uns ein Herzensanliegen – wir haben ja als Kinder viel Zeit verbracht im Wald! Jeder für sich, damals noch, jeder auf seiner eigenen Seite des Berges, denn kennengelernt haben wir uns erst etwas später. Aber in den Wald gegangen, das sind wir beide sehr gerne:

Mein Mann, der Naturbursch,

das Naturmensch, das bin ich.

Er geht zum Pilzesuchen, ich bevorzuge das Wandern.

Als ich wieder zurückgekommen bin in die alte Heimat, nahm ich die Wiederentdeckung meiner Kindheit in Angriff. Es war im ersten Frühjahr der Pandemie, als es Zeit gab und Muße im Überfluss. Genauer gesagt, fing ich damit schon im Winter an. Mit den Stöcken bewaffnet, begann ich im Tal auf vergleichsweise bequemen Strecken. Als der Schnee verschwand, zog ich meine Bahnen in die Höhe, die Hänge werden bei uns schnell einmal recht steil. Mit Genugtuung konstatierte ich, dass sich meine physische Kondition, einigermaßen, dem Gelände anpasste, so dass meine Touren immer ausgedehnter wurden und die Ausgänge länger. Ich tauchte ein in die Stille des Waldes. Von alten, bekannten Plätzen drang ich zu neuen vor, ließ mich treiben und vorwärtsziehen von der wachsenden Neugierde. Jede Wegbiegung das Versprechen auf eine neue Entdeckung. Das Schauspiel der wechselnden Landschaften, Hochwälder, Jungwälder und Brombeerschläge, Wiesen und Sumpf. Der Wandel der Vegetation im Jahreslauf. Immer weiter zog es mich. Nur nach ganz oben – dorthin wollte ich nicht! Droben auf dem Kamm, das wusste ich ja, da verläuft nun diese Autobahn, von Windrad zu Windrad walzt sie sich und sie ist gekommen, um zu bleiben. Für die Wartung der Anlagen wird die Straße gebraucht, da wächst nichts mehr zu, darf die Natur nicht mehr gnädig ihren Mantel über die aufgerissenen Wunden breiten. Die stille Magie des Waldes ist verschwunden, ganz oben.

Also suchte ich mir meine Wanderwege in den mittleren Lagen, wo es noch ruhig ist, der Lärm der Welt schweigt. Nur selten kreuzten andere Wanderer meinen Weg. Im Rucksack hatte ich stets eine zusammengerollte Decke dabei, und wenn es mir an einem lauschigen Plätzchen gefiel, so blieb ich für eine Weile. Einmal legte ich Halt ein auf einem stillgelegten Forstweg, es duftete nach Nadelgehölz und Sommer. Ich breitete das Plaid und mich selbst in der Sonne aus. Nach einer Weile hob aus dem Gebüsch ein Konzert an, ein fröhliches Zwitschern und Tirilieren. Es dauerte ein wenig, bis ich begriff. Der dichte Niederwuchs am Wegrand, er beherbergte Piepmätze in Scharen. Kurz waren sie verstummt, meinetwegen. Hatten indes offenbar beschlossen, dass von mir keine Gefahr ausging, und sie setzten ihr munteres Treiben fort. Was für ein herrlicher Sommertag, eingebettet in Wärme und Licht und Vogelsang …

Die Vögel

ohne uns Menschen

wären sie besser dran …

Im diesem Sommer sind weitere Windanlagen hinzugekommen. Der Windpark schreitet voran. Dort, wo wir sie zum ersten Mal erblickten, im kleineren der beiden Täler, reiht sich nun Rad um Rad, so weit das Auge reicht. Dieses Mal aber ist etwas Ungeheuerliches geschehen. Die Prozession der Windtürme – hat den Kamm überquert! Richtig im Geschwader sind sie angerückt, fast ein Halbdutzend von diesen glitzernden Ungetümen ist jetzt da. Sie stehen also auch schon auf unserer Seite. Und auf einmal sehen sie ganz nahe aus, mit ihren riesigen Schwingen.

Gewiss, sage ich mir, ist dies wieder nur optische Täuschung. In Wahrheit befinden sie sich ein ordentliches Stück entfernt, irgendwo da hoch oben halt.

Aber nein! ruft mein Mann. Die sind gar nicht mehr weit weg! Da geht er doch hinauf zu seinen Pilzen und auf einmal sieht er sich Aug in Aug mit einem Windrad – genau dort, wo der gute Pilzplatz war! Ich finde, das geht allmählich zu weit. Ich sage so: nichts gegen die Windräder, nur es sollten eben nicht gar so viele sein. Und schon gar nicht dort, wo ich wohne! Irgendwann ist es auch einmal gut. Ist das zu viel verlangt?

Ich laufe an gegen Windmühlen. Vor allem gegen die eigenen, im Kopf. Ach, wäre doch nicht alles so schrecklich kompliziert!

Ulla Puntschart
https://ulla-puntschart.jimdo.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 22109

Charlie, der Pilz

Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

Charlie ist ein Pilz mit gelber Kappe und weißer, lamellierter Unterseite, nicht essbar, zum Glück, sonst würde ihn bald ein Schwammerlsucher mitnehmen. Eigentlich heißt Charlie gar nicht Charlie, sondern er hat keinen Namen, weil er ja nur ein Pilz im Wald ist, aber Charlie wollte einen Namen haben und hat ihn sich selbst gegeben.

Charlie ist etwas ganz Besonderes, er ist nämlich das intelligenteste Lebewesen auf der Erde. Er beschäftigt sich tagein, tagaus mit Naturwissenschaften, er weiß mehr als jeder Mensch oder eine Künstliche Intelligenz über Quantenmechanik, Fourier-Gleichungen und Infinitesimalrechnungen. Und das ist nur ein sehr kleiner Teil seiner geistigen Fertigkeiten. Man kann sagen, dass er das gesamte Wissen der Menschheit in einer Spore hat.

Gern stellt er sich vor, wie er vor einem gewaltig großen Publikum grüne Tafeln mit Kreide beschreibt, das desto lauter klatscht, je länger er extrem komplizierte Rechnungen behandelt. Nur ist es leider so, dass er keine Hände hat, um das zu tun. Er hat auch keinen Mund, um zu erzählen, was er weiß. Er hat überhaupt keine Sinnesorgane, daher ist niemandem bekannt, wie intelligent er ist. Das ist sehr traurig für ihn, doch er kann es nicht ändern.

So pilzt das verkannte Supergenie Charlie im Wald weiter vor sich hin.

Der Retro-Gartenzwerg mit Laterne, weißem Hasen und vier Fliegenpilzen

Der Retro-Gartenzwerg mit Laterne, weißem Hasen und vier Fliegenpilzen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 22081