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Unter der Haut 2

Stop! Davor ist schon einiges passiert, im Teil 1 der Geschichte.

Ich stimmte zu, und Axel drückte mir den ausgedruckten Vertrag in die Hand. Vor Augen hatte ich, endlich das Terrain des dilettierenden Amateurs zu verlassen und die Schachfiguren nicht nur zu ziehen, sondern ihnen eine dominante Wirkung zu verleihen, endlich Spiele auch gegen starke Gegner zu gewinnen und bei Turnieren ein Wörtchen mitzureden. Allerdings, führte der Vertrag aus, müsse ich für meine Teilnahme an Schachturnieren die Erlaubnis des Veranstalters einholen, sonst handle es sich um den Gebrauch unerlaubter Hilfsmittel, also technologisches Doping. Im privaten Bereich, etwa im Schachklub, sei ethisches Handeln meine Entscheidung. Bei einer Nichtbeachtung trüge alleine ich die Verantwortung, nicht New Spirit. Ich unterschrieb den Vertrag, außer der Frage des technologischen Dopings waren mir keine kritischen Punkte aufgefallen, auch die Schweigepflicht erschien mir einsichtig. Axel schlug mir einen Termin für die Implantation vor, ich stimmte zu. Er wiederholte die kritischen Punkte, außerdem bot er mir eine Betreuung durch einen auf technologische Entwicklungen spezialisierten Psychologen an.
„Ich komme sicher alleine zurecht“, sagte ich großspurig. „Falls ich Hilfe brauche, wende ich mich an dich, weil ich dich schon länger kenne.“

Der Eingriff sei aufwändiger als beim ersten Chip, erläuterte Axel. Der neue Chip werde in die Regionen Precuneus und Nucleus caudatus, die vor allem bei Schachprofis erhöhte Aktivität zeigten, implantiert. Eine Computersimulation veranschaulichte den Vorgang, der schon im Vertrag beschrieben worden war. Dann betäubte mich Axel mit einer leichten Narkose, um mit einem Spezialbohrer eine winzige Öffnung in die Schädeldecke an der betreffenden Gehirnregion zu bohren. Mit einem biokompatiblen Kleber befestigte er den winzigen Chip, der eine Unzahl an Daten und Algorithmen speicherte, unter der Schädeldecke an der Hirnoberfläche. Nach einigen Minuten wachte ich auf, es war alles vorbei, ohne dass ich das Geringste gespürt hatte. Ich fühlte mich wie upgedatet, und ich war heiß darauf, die getunte Kompetenz meines Gehirns, wenigstens beim Schach, zu erleben.

Ich loggte mich auf meiner Lieblingsplattform für Online-Schach Queen@King.com ein. Eigentlich durfte ich nur gegen Maschinen spielen, aber die Hinweise im Vertrag und die Warnungen Axels, kein betrügerisches Verhalten zu zeigen, schlug ich in den Wind, zu verführerisch war es, die Wirkungen des Chips ohne jegliche Rücksichtnahme, ohne Verzögerung zu erproben. Es wusste doch niemand davon! Und schweigen musste ich sowieso wie ein Grab!
Und tatsächlich, mir ging jeder Zug rasch von der Hand, aber vor allem hatte es die Qualität der Züge in sich. Ich gewann mit wenigen Ausnahmen jede Blitzpartie auf Queen@King.com, verbesserte mein Rating rasant. Meine Bilanz mit Gegnern, gegen die ich bisher immer verloren hatte, kehrte sich um. Ich nahm süße Rache. War ich überhaupt noch schlagbar? Von Menschen kaum, vielleicht von stärkeren Programmen als jenem auf meinem Mikrochip. Wenn ich eine Maschine als Gegner wählte, bekam meine Überlegenheit das eine oder andere Mal einen Dämpfer, doch überwogen insgesamt meine Siege.
Während ich früher gegen Axel nicht den Funken einer Chance gehabt hatte, schlug ich ihn nun mit wenigen Ausnahmen, und bald verlor er das Interesse, gegen mich zu spielen. Im Schachklub staunten die Kollegen über meine Wandlung vom fehleranfälligen Amateur, vom Patzer zum ernstzunehmenden Spieler. „Was ist los mit dir?“, fragten sie mich. „Wie konntest du deine Spielstärke derart verbessern? Nimmst du ein Zaubermittel ein?“ „Ich habe Online-Kurse belegt und mich richtig reingehängt“, flunkerte ich. „Und, ihr werdet es nicht glauben, ich habe in alten Schachbüchern, die ich von meinem Vater geerbt habe, kaum bekannte Varianten studiert, die die Gegner vor Probleme stellen.“ Meine Vereinskollegen gaben sich mit meiner Begründung nicht wirklich zufrieden, merkte ich, sie insistierten aber nicht.

Ich nahm an Wochenenden und im Urlaub an Schachturnieren teil, zunächst im lokalen und regionalen Bereich, dann im nationalen, schließlich im internationalen. Problemlos kam ich in die Preisränge, das eine oder andere Turnier beendete ich als Sieger. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, meinen Beruf sein zu lassen und meinen Lebensunterhalt als Schachprofi zu bestreiten. Man sprach mich an, ob ich gegen eine Punkteprämie bei renommierten Vereinen spielen wolle. Die Verlockungen waren groß, aber trotz aller Euphorie blieb die Vorsicht vor zu großer Veränderung. Regelmäßig berichtete ich Axel über mein Befinden und über die Auswirkungen des Chips, über meine Vergehen schwieg ich. Das kleine Ding erzeugte ein Gefühl der Überlegenheit, es stärkte mein Selbstbewusstsein, und wenn es auch ein Alleinstellungsmerkmal bloß im Schach darstellte, entstand nach und nach eine allgemeine Hybris.

Mit der Zeit fühlte sich die ständige Überlegenheit wie ein unnatürlicher Zustand an, der mein psychisches und soziales Befinden durcheinanderbrachte. Ich vernachlässigte meine Freundinnen und Freunde. Selbst die Treffen mit Axel interessierten mich nicht mehr, seit ich fast jede Partie gewann, während er darauf aus wissenschaftlichem Interesse bestand. Meine Unzufriedenheit mit mir und mit meinem Verhalten meinen Mitmenschen gegenüber wuchs. Immer öfter kam es mir vor, als bestimme ein fremder Geist mein Denken, nicht nur im Schach, unterdrücke meine Gedanken und weide sich an meiner Unselbständigkeit. Der überragende Erfolg der Software auf dem Chip stand meiner Ausgeglichenheit, meinem Kommunikationsbedürfnis, stand anderen Interessen entgegen. Zwei Geschwindigkeiten befanden sich im Widerstreit, meine persönlich menschliche und die fremde, präzise, blitzschnelle Software des kleinen künstlichen Teils in meinem Hirn.

Manchmal schreckte ich im Schlaf auf, weil ich träumte, ein fremdes Organ sei gegen meinen Willen in meinen Körper verpflanzt worden und wachse und erdrücke die lebenswichtigen Organe. Immer mehr litt ich an Schlaflosigkeit, wälzte mich schweißgebadet im Bett hin und her, Schachbrettmuster und Stellungen flimmerten vor meinen Augen, die gelöst werden wollten. Wenn ich überhaupt ein Auge zutun konnte, schreckte ich bald mit Herzrasen auf. Ich kam immer weniger mit dem Status quo zurecht, fühlte mich mehr und mehr zerrissen. Hatte ich schizophrene Anteile, für die der Mikrochip verantwortlich war? Oder hatte er das Asperger-Syndrom entstehen lassen? Konnte ich mich dagegen wehren, ohne meine schachliche Kompetenz einzubüßen? Ich konnte mich nicht an das letzte Buch erinnern. Nicht einmal die Zeitung interessierte mich mehr, ich hörte keine Musik, kein Radio, ein Theater sah ich höchstens von außen, alles und jedes war dem Geist des Chips untergeordnet. Ich musste mit Axel darüber reden.

Wir trafen uns im Café am Fluss. Ich schilderte Axel meine Verzweiflung. Er war nicht überrascht. „Auch andere Testpersonen, denen ich einen Chip ins Hirn implantiert habe“, sagte er, „zeigen ähnliche Symptome.“
Aber Axel betrachtete sie offenbar als vorübergehend. „Du wirst dich an die Symbiose mit dem Chip gewöhnen“, sagte er, „du lebst erst ein paar Monate damit. Die Menschen müssen sich mit bisher unbekannten Situationen auseinandersetzen und damit zurechtkommen.“
„Aber steht das alles im Einklang mit unserer Befindlichkeit, mit unserer Psyche, mit unseren menschlichen Eigenschaften?“, fragte ich. „Ich komme damit nicht zurecht.“
„Der Mensch wird damit leben lernen, es ist ein Schritt der Evolution“, sagte Axel.

Es blieb in mir die Spaltung zwischen der Faszination und der Angst davor, was diese Entwicklung auslösen könnte, ja schon ausgelöst hatte. Auch der Begriff Hirnwäsche, der beim Implantieren von Chips nahelag, kam mir in den Sinn. Ich sprach Axel darauf an.
Er hielt mir entgegen: „Jeder technische und technologische Fortschritt – ich weiß, das ist eine Floskel – ist Fluch und Segen zugleich. Aber dass die Gewöhnung sukzessive erfolgen muss, vorsichtig, um die Menschen nicht zu überfordern, ist mir bewusst. Insofern habe ich den Fehler begangen, viel zu rasch vorgegangen zu sein. Daher mache ich dir einen Vorschlag: Wir entfernen den Mikrochip wieder. Den in deinem Hirn, meine ich. Du wirst wieder der Mensch sein, der du vor der Implantation warst, aber nicht gleich, weil du dich an die Umkehr ebenso wirst gewöhnen müssen. Solltest du zufrieden damit sein, hast du immerhin eine interessante Erfahrung gemacht.“
„Ja“, sagte ich, „missen möchte ich die Zeit nicht.“
„Und weil wir den ersten Chip lassen“, sagte Axel, „kannst du weiterhin dessen Funktionen nützen. Vielleicht erwacht ja nach einigem Abstand wieder die Sehnsucht nach dem perfekten Spiel in dir oder nach der perfekten Sprachbeherrschung und du traust dir einen zweiten Versuch zu.“
Ich atmete auf. „Das machen wir“, sagte ich, „wenn’s nach mir geht, so rasch wie möglich.“
„Ich habe meine Termine nicht im Kopf“, sagte Axel. „Ruf mich morgen an, dann nehmen wir den nächsten freien Termin.“

Das tat ich. Axel entnahm, nachdem er mich unter eine leichte Narkose gesetzt hatte, den Mikrochip aus meinem Hirn. Die kleine Wunde verklebte er, bald war sie verheilt. Wir trafen uns wieder regelmäßig im Café am Fluss, und ich berichtete Axel über meine Befindlichkeit. Meine Fähigkeiten standen wieder im Einklang mit meiner Persönlichkeit und ich fand zu innerer Ruhe zurück. Jeden Donnerstagnachmittag las ich die Wochenzeitung. Zum digitalen Schach hielt ich Abstand. Irgendwann spielten Axel und ich auch wieder Schach gegeneinander, völlig entspannt und eher nebenbei, weil die Unterhaltung im Vordergrund stand. Axel gewann wie früher regelmäßig, er war wieder mein Lehrmeister. Im Schachklub erklärte ich den Rückschritt zu meiner früheren Spielstärke mit beruflichen Gründen. Und eine gewisse Vergesslichkeit mache sich auch bemerkbar. Das klang überzeugend, und vor allem letzteres war keine Lüge.
Ich fühlte mich wieder als persönliche Einheit, deren Komponenten zwar im Widerstreit standen, aber in der Regel einen Konsens fanden.

Freilich traute ich der Ruhe nicht. Axel hatte vielleicht bald wieder einen Vorschlag, der mich in seinen Bann ziehen würde.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25072

Unter der Haut 1

Jeden Donnerstagabend nach der Arbeit am Institut für Theoretische Festkörperphysik las ich im Café am Fluss die schwere Ausgabe einer Wochenzeitung. Einmal fiel mir eine großformatige Anzeige auf, die die Implantation von Mikrochips, die relevante persönliche Daten speicherten, in den menschlichen Körper bewarb. Die Firma New Spirit bezog die Chips aus dem Fernen Osten, stattete sie mit der erforderlichen Software und mit einem biokompatiblen Schutzglas aus und richtete die vollständige Technologie ein, etwa am Eingang von Häusern, Wohnungen, an Autos usw. Die persönlichen Daten würden verschlüsselt, hieß es, so sei man gegen Angriffe von Hackern geschützt. Die Anwendung bei Haus- und Nutztieren sei bereits Routine. Besonders behinderte Menschen könnten die Vorteile, die ständig weiterentwickelt würden, nutzen. Die Implantation, ein kleiner medizinischer Eingriff, werde von dem erfahrenen Arzt Dr. Axel Matt vorgenommen. Die juristischen Belange seien ausgearbeitet, ein Vertrag zwischen New Spirit und einer interessierten Person müsse abgeschlossen werden.

Die Werbung machte einen seriösen Eindruck, die Technologie als Ergänzung des Menschen weckte meine Neugier. Der Chip vereinheitlichte Funktionen von Bankomat- und Kreditkarten, Karten im Gesundheitsbereich, und statt einer Unzahl verschiedener Karten und Schlüsseln, die man jederzeit verlieren konnte und die eine Menge Platz einnahmen, hatte man alle wichtigen Daten auf dem Chip, die ein geeignetes Gerät lesen konnte.

Ich war fasziniert, gleichzeitig begleitete mich ein mulmiges Gefühl vor dem Unbekannten. Nicht nur der Reiz der neuen Entwicklungen, auch das Wissen, in meinem persönlichen Umfeld eine Vorreiterposition einzunehmen, setzte sich gegen meine Bedenken durch. Ich kontaktierte die Ansprechperson Dr. Axel Matt, der mich zu einem Gespräch einlud. Im Internet und auf der Homepage von New Spirit bereitete ich mich darauf vor. Als ich Dr. Matts Büro betrat, saß mir ein Mann mittleren Alters im weißen Poloshirt mit dichtem schwarzen Haar, dunklen Augen und schwarzem Schnurrbart gegenüber, auf dessen schmalem Gesicht ein Lächeln lag. Er erhob sich und ging mir entgegen, dabei fiel mir auf, dass er um einiges größer war als ich. Wir stellten uns einander vor.

„Kaffee?“, fragte Dr. Matt.
„Lieber ein Glas Wasser“, sagte ich. Eine Dame brachte es umgehend.
Der Mikrochip werde, sagte Dr. Matt, unter der Haut zwischen Daumen und Zeigefinger implantiert. Das Gespräch, in dem er mir die Technologie erläuterte, bestärkte meine positive Einstellung, auch die Kosten für mich hielten sich in Grenzen. Nach ein paar Tagen des Nachdenkens unterschrieb ich den Vertrag, erschien zum vereinbarten Termin, wählte die linke Hand und ließ mich auf dem Behandlungsstuhl nieder. Dr. Matt nahm eine örtliche Betäubung vor. Ich konnte auf einem Monitor verfolgen, wie er mit einer Art Injektionsnadel das kleine Ding in die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger injizierte. Die Öffnung in der Haut nähte er nicht, sondern klebte ein Spezialpflaster darüber. „Das war’s“, sagte er, „ich werde mir die Folgen des kleinen Eingriffs anschauen. Das Pflaster kann ich bald entfernen. Nachwirkungen sollte es kaum geben, vielleicht etwas Jucken, das Sie mit einer Salbe behandeln. In der ersten Zeit wird Sie der Fremdkörper irritieren, aber dieses Gefühl wird wahrscheinlich verschwinden. Wenn nicht, wenn gar Ablehnung entsteht, entferne ich den Chip wieder und Sie müssen leben wie bisher.“

Der Juckreiz hielt sich in Grenzen, den war ich wegen meiner trockenen Haut sowieso gewohnt. In den ersten Tagen störte mich in der Tat das Gefühl, ein fremdes Teil in mir zu tragen, das eher dem Wissen davon geschuldet war, weniger einem physischen Empfinden. Bald spürte ich nichts mehr. Ich nutzte die Funktionen des Chips, betrat mein Haus, den Keller, die Garage, öffnete mein Auto, bezahlte im Supermarkt. Es war phantastisch! Die Funktionen schienen von mir selbst auszugehen, als genügte allein mein Wille.

Nach einigen Wochen waren keine Kontrollen mehr notwendig. Aber Dr. Matt schlug vor, uns regelmäßig zu einem Austausch zu treffen, der meine Erfahrungen mit dem Mikrochip betreffe, aber auch darüber hinausgehen könne. Wir trafen uns im Café am Fluss. Dr. Matt saß an der Spiegelwand und las in der Zeitung. Wir begrüßten uns, und ich nahm ihm gegenüber Platz.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er.
„Alles bestens“, sagte ich.
„Ich habe nichts anderes erwartet“, sagte Dr. Matt. „Sie sind zwar ein Pionier für die Implantation, aber auf unser Inserat, das wir regelmäßig schalten, melden sich immer mehr Menschen, zum großen Teil Männer, leider, doch gibt es auch einige interessierte Frauen.“
Am Nebentisch spielten zwei Männer Schach. Dr. Matt erzählte, dass er, als er in Frankfurt am Main als Neurologe tätig gewesen sei, in der 2. Deutschen Bundesliga gespielt habe. Ich hingegen kam bloß in der Kreisliga zum Einsatz. Wir fragten den Ober, ob es eine Schachgarnitur gebe. Der bejahte und brachte sie umgehend. Nach zwei raschen Partien merkte ich, dass sich unsere Spielstärken haushoch zugunsten Dr. Matts unterschieden. Wir spielten ohne Uhr, und er kommentierte unsere Züge.
Gens una sumus ist der Leitspruch der FIDE, des Weltschachverbands“, sagte er.
„Ich weiß“, sagte ich.
„Wenn wir schon Familienmitglieder sind, „können wir uns doch duzen.“
„Einverstanden. Ich bin Gregor.“
„Und ich Axel.“

Von da an trafen wir uns jeden Donnerstagabend nach meiner Zeitungslektüre. Meist spielten wir zwei Partien Schach, dann unterhielten wir uns. In Dutzenden Partien erreichte ich vielleicht drei, vier Remis. Bald beschränkten wir uns darauf, dass ich Axel meine in der Kreisliga gespielten dürftigen Partien zur Analyse vorlegte. Das war mir lieber, als Analysemodule im Internet zu befragen. Eines Donnerstagabends sagte Axel, er habe einen Vorschlag, der mich vielleicht interessiere.

„Du machst mich neugierig“, sagte ich.
„Wir arbeiten mit dem Zentrum für Hirnforschung am hiesigen Klinikum zusammen“, sagte Axel, „und mit mehreren Einrichtungen, die sich mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzen, wie du weißt.“
„Mach’s nicht so spannend“, sagte ich.
„Wir haben Mikrochips entwickelt“, sagte Axel, „die gewisse Hirnfunktionen unterstützen und als Ergänzung des Menschen Großartiges werden leisten können.“
„Das hört sich ja nach Science Fiction an“, sagte ich und merkte, wie Leidenschaft in Axel keimte.
„Mittlerweile“, setzte er fort, „sind wir der Realität sehr nahe. So wollen wir Chips entwickeln, die den Wortschatz einer Sprache beinhalten, sodass kein Mensch mehr Vokabeln lernen muss. Wir denken auch daran, Syntax und Semantik zu programmieren. Niemand muss dann mühsam Grammatik, Interpunktion und Orthographie lernen. Gleiches gilt für Fremdsprachen. Und wir sind zuversichtlich, bald gegen das Vergessen erfolgreich zu sein, Erinnerung zu speichern, ohne dass sie verblasst.“

Axel beschrieb die Pläne von New Spirit zwar sachlich, aber ich merkte, dass er seinen Enthusiasmus zügeln musste. Er setzte fort: „Dich dürfte Folgendes besonders interessieren. Wir haben einen Mikrochip mit Schachsoftware entwickelt, den wir ins menschliche Gehirn einpflanzen und der die Gedanken und Impulse der spielenden Person steuert, jedenfalls bereichert.“
Ich war hellhörig geworden. „Und gibt es damit schon Erfahrungen?“, fragte ich.
„In den Vereinigten Staaten ja“, sagte Axel, „in Europa weniger, da ist New Spirit Vorreiter. Der Chip ist fix und fertig, er wartet nur noch auf seinen Einsatz. Deshalb suchen wir Testpersonen, die sich den Chip ins Gehirn einpflanzen lassen.“
Axel machte eine Pause. Es war mir klar, dass er gerade mich darauf ansprach, der ich neuen Technologien gegenüber offen war und für Schach etwas übrighatte. Die neue Anwendung bewegte sich im Neuland, das machte den Reiz aber nur noch unwiderstehlicher.
„Ich weiß, worauf du hinauswillst“, sagte ich. „Ich will’s wagen, obwohl ich gleich an rechtliche und ethische Fragen denke.“
„Darauf gehen wir im Vertrag ein“, sagte Axel. „Wir sprechen vor der Implantation selbstverständlich darüber. Zur Sicherheit warten wir bis übermorgen, dann kannst du den Vertrag studieren und darüber nachdenken.“

Gespannt, wie es weitergeht?
Dann am besten gleich weiter zu Teil 2 der Geschichte …

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25071

Bei VW

                          Bei VW in Wolfsburg.

Roboter:
Was ist los, Mensch? Warum so langsam? Leg einen Zahn zu! Wir stehen hier alle wegen dir.

Mensch:
Ich kann nicht schneller. Ich bin ja kein Roboter.

Roboter:
Du wärst aber besser einer. So können wir dich nicht brauchen.

Mensch:
Was soll das heißen? Du bist doch nicht mein Chef. Du bist ein Roboter, ein maschineller Produktionsmitarbeiter. Außerdem kommen hier ohnehin drei Roboter auf einen Menschen.

Roboter:
Schlechtes Verhältnis. Zehn auf einen wäre besser. Da fällt mir gerade etwas ein: Warum verdienen wir Roboter eigentlich nichts?

Mensch:
Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Weil ihr keine Ausgaben habt? Es gibt für euch ja nichts außer eurer Arbeit. Oder seid ihr auch auf Freizeit programmiert?

Roboter:
Nö.

Mensch:
Na, siehste.

Der gelbe Schrott-VW-Bulli

Der gelbe Schrott-VW-Bulli

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25060

Zwischen Hölle und Himmel

Vor mir liegt eine Nacht zwischen Hölle und Himmel.
Sie wird wahr sein und wirklich, denn meine Augen bleiben offen.
Ich wünschte mir, es wär schön, wärst du meine Begleiterin.
Hand in Hand fliegen wir, die Feuer werden uns nicht brennen.
Wir atmen Schwärze statt Luft.
Ruhig und unverdorben ist’s im obigen Garten.
Wir essen ein paar Äpfel vom Baum der Erkenntnis,
gar nicht, weil wir schlauer werden wollen, aber ein bisschen Sünde tät uns gut.
Auf dem vollen Mond dann ruhen wir uns aus
und erzählen den Kindern Traumgeschichten.
Und bringt die Sonne den neuen Tag, sind wir schon ein Weilchen zurück.

Die aufgehende Sonne über Bäumen in Krumpendorf am 28. August 2024

Die aufgehende Sonne über Bäumen in Krumpendorf am 28. August 2024

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25053

Ausblick

Wo ein Wald war,
stehen Bäume verbrannt
wie Zahnstocher aus der kahlen Erde.
Der Himmel ist betongrau.
Das Bild ist starr, obwohl die Zeit vergeht.
Nur eine Wolke steigt auf,
das ist mein eigener Atem.

Das Silvesterfeuerwerk 2021 - die eigene Batterie

Das Silvesterfeuerwerk 2021 – die eigene Batterie

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25051

Der Himmel ist leer

Es ist Nacht.
Er tritt ins Freie, um eine Zigarette zu rauchen.
Etwas stimmt nicht!, denkt er gleich.
Er sieht hinauf.
Der Himmel ist leer.

Wie viel Zeit habe ich noch?, fragt er sich.
Längstens Stunden, in jedem Fall weniger als vierundzwanzig.
Vielleicht nur Minuten.
Er ruft eine Freundin an, in die er verliebt ist.
Sie weiß es nicht, er will es ihr jetzt sagen.
Aber das Netz ist überlastet.

Das kleine Mädchen in der Lache vor den Eingängen des geschlossenen Strandbads am Abend des 7. August 2023

Das kleine Mädchen in der Lache vor den Eingängen des geschlossenen Strandbads am Abend des 7. August 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25043

Neue Seiten schreiben

Jedes Jahr können wir
Eine Möglichkeit finden,
Etwas Neues zu beginnen.

Jeden Monat können wir
Ungewohnte Wege gehen,
Indem wir Änderungen schaffen.

Jede Woche können wir
Eine neue Seite
im Buch unseres Lebens schreiben.

Jeden Augenblick können wir
Eine Chance ergreifen,
Etwas besser zu machen.

Daher blicken heute wir
Mutig und optimistisch in die Zukunft,
Dann können wir nur gewinnen.

Dario Schrittweise
dario-schrittweise.org

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25041

rücken der zwei welten.

rücken der zwei welten.
auf steinen wandeln. kalt zuckt ihre haut.
die zeit unter füßen beben lassen.
ein getragenwerden von erinnerungen [nicht immer die eigenen].
vorfahrenlieder summen aus den fugen der elemente. hört mich.
vom rücken: unter mir die leere [tiefe]. von arm bis bein gestreckt.
steinsprache spricht: ich halt dich. von zeit zu zeit. von welt zu welt.

Tim Tensfeld
https://www.autorenwelt.de/person/tim-tensfeld
https://www.literaturport.de/lexikon/tim-tensfeld

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25034

Elektronen

Und wenn man aufgelöst ist in seine Atome,
und die wieder zersprungen,
Elektronen auf ihren Bahnen,
dann erinnert man sich.

An das, was reizte,
weil es schön war und gefährlich.
Immer fing es an mit den Bildern,
die die Augen bekamen.

Pockenviren im Elektronenmikroskop

Pockenviren im Elektronenmikroskop

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 25016

gesichter lachen in der luft.

es brennt. holz. wärmeausschüttungen.
schwarze schafe steigen in den himmel.
in der windverwehenden wolle – es blicken vielseitige gesichter [nach unten] in unsere.
ein lachen durchfährt die gesichter, während sie von der luft gestreckt werden.
es bleibt nur das hinterschauen und fragen.
wo werden sie wohl morgen ihre gesichter zeichnen?

Tim Tensfeld
https://www.autorenwelt.de/person/tim-tensfeld
https://www.literaturport.de/lexikon/tim-tensfeld

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 24163